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UNTERREDUNGEN.CH

MALEACHI 3.16

 

Der Esel und das Lamm

 

 


Der Esel und das Lamm        (2. Mose13,13)

 

 

 

Und jedes Erstgeborene des Esels sollst du mit einem Lamme {S. die Anm. zu Kap. 12,3} lösen, und wenn du es nicht lösest, so brich ihm das Genick; und jedes Erstgeborene des Menschen unter deinen Söhnen sollst du lösen.

 

Ei

...

Don Richardson

Ewigkeit

in ihren Herzen


 

Verlag der
Liebenzeller Mission
Lahr


Die amerikanische Originalausgabe erschien unter dem Titel „Etemity in their hearts" 1981 by Regal Books,

A Division of GL Publications, Ventura/USA

Aus dem Amerikanischen von Marianne Kawohl und Maria Witte

ISBN 3-88002-351-4 5. Auflage 1999

Alle Rechte vorbehalten, auch der auszugsweisen

Wiedergabe und Fotokopie

© Copyright 1983 der deutschen Ausgabe

by Edition VLM im Verlag der St.-Johannis-Druckerei, Lahr Umschlagfoto: Regal Books, GL Publications, Ventura/USA Satz: Graphik-Studio W. Six, Altötting

Herstellung. St -Johannis-Druckerei, 77922 Lahr

Printed in Germany 13668/1999


Vorwort

Don Richardson betritt mit seinem Buch auf mehr als einem Gebiet Neuland. Mission, Völkerkunde, aber auch die Ausle­gung der ersten Kapitel der Bibel erhalten neue, starke An­stöße von ihm. Einerseits ist das sehr erfreulich und nur zu wünschen, daß viele die Anstöße aufgreifen und weiteres Ma­terial sammeln, da das Buch sein umfassendes Thema natür­lich nur punktuell belegen kann.

Aber es soll auch nicht verschwiegen werden, daß es trau­rig stimmt, daß es so lange dauerte, bis eine Reihe biblischer Tatsachen deutlich ausgesprochen und mit der Geschichte un­serer Welt verglichen wurden. Denn was Don Richardson in seiner persönlichen Art neu entdeckt, schöpft er eigentlich al­les aus der Bibel. Und so kann nur die Bibel auch klarstellen, wie das Buch nicht zu verstehen ist: Nicht als ein Zeugnis, daß das Evangelium längst schon in allen Religionen sei, etwa im Sinne der Ringparabel in Lessings „Nathan dem Weisen" oder mancher Äußerungen des Weltkirchenrates, sondern als Beleg dafür, „daß Gott sich den Völkern nicht verborgen hielt". Don Richardson spricht klar gegen die These mancher ökumenischer Missionswissenschaftler, daß die Menschen in anderen Religionen schon auf dem Weg zu Gott sind. Er sieht klar, daß sie Dämonen anbeten. Aber er weist daneben auf die biblische Tatsache hin, daß Gott als Schöpfer im Bewußt­sein der meisten Urstammreligionen lebt. Wohlgemerkt, der Urreligionen: Für die anderen Religionen lehnt Richardson zu Recht Anknüpfungspunkte im Sinne der Erkenntnis eines „Himmelsgottes" für die biblische Botschaft ab.

So bleibt nur zu wünschen, daß das Buch Gemeinden, Mis­sionare, Ethnologen und Theologen zu einem gründlichen Nachdenken führt.

Thomas Schirrmacher

(S. a. Nachwort zur dritten Auflage ab Seite 237.)


Inhalt

Vorwort                                                                               6

Lesen Sie dies zuerst                                                           7

Teil I

Eine für das Evangelium vorbereitete Welt

Der Melchisedek-Faktor                                                   17

1.    Völker des Unbekannten Gottes                                 19

2.    Völker des Verlorenen Buches                                  100

3.    Völker mit fremdartigen Sitten                                  140

Teil II

Das Evangelium, zubereitet für die Welt

Der Abraham-Faktor                                                       165

4.    Die viertausendjährige Verbindung                           167

5.    Ein Mann für alle Völker                             181

6.    Die verborgene Botschaft der „Apostelgeschichte" 212

Fragen zum Studium                                                       231

Nachwort zur dritten Auflage                                                                237

Thomas Schirrmacher

Literaturverzeichnis                                                            251


Lesen Sie dies zuerst

Zunächst mag es gänzlich den Anschein haben, als hätte Jah­we dem Abram den größten Streich aller Zeiten gespielt. Jah­we — „Herr" in unserer Sprache — zeichnete Abram vor etwa 4000 Jahren durch einige heilige, Ehrfurcht erregende Ver­heißungen aus. Jahwe hatte zu Abram gesagt, er solle sein Heimatland verlassen, sein eigenes Volk, seine Verwandt­schaft und das Haus seines Vaters, um in ein weit entferntes, fremdes, womöglich geistlich verfinstertes Land zu ziehen (vgl. 1. Mose 12, 1). Wenn Abram (zuerst hieß er Abram, spä­ter Abraham) diesem Befehl Gottes gehorchen würde, sollte ihm die Verheißung Jahwes gelten: „Und ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen gro­ßen Namen machen, und du sollst ein Segen sein. Ich will seg­nen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen" (1. Mose 12, 2-3).

Bis zu diesem Punkt klingt die besondere Vereinbarung Jahwes mit Abram nicht sehr viel anders als Unmengen ähnli­cher Vereinbarungen, die Stammesgötter durch die Geschich­te hindurch mit ihren eigenen kleinen Kreisen von Anbetern auf unserem Planeten Erde getroffen haben. War Jahwe, wie etliche Kritiker behaupten, nur ein weiterer unbedeutender Stammesgott, der die eigenen Interessen seiner Nachfolger anstacheln wollte, indem er großartige Verheißungen aus­sprach, die den Zweck hatten, solche Leute immer wieder zu ihm zurückkommen zu lassen, um immer mehr Anbetung und Huldigung beanspruchen zu können?

Ein solches Einschmeicheln wäre schwerlich als unmöglich abzulehnen, ginge es nicht um die Grundlinie bei diesem Ab­kommen zwischen Jahwe und Abram; denn Jahwe fuhr fort und sagte: ,,...und in dir sollen gesegnet werden alle Ge­schlechter auf Erden" (1. Mose 12,3).

Diese Aussage läßt schon ein besonderes Kennzeichen sei­ner Verheißungen durchscheinen! Er segnet Abram nicht, da­mit er überheblich, arrogant, unnahbar und ichzentriert wür‑


de. Jahwe segnet ihn, um ihn zum Segen zu machen — und das nicht nur für seine eigene Sippe! Dieser Segen zielt tatsächlich auf alle Völker der Erde hin! Und nichts könnte weniger ego­istisch oder weniger provinziell sein!

Theologen nennen diese Reihe von Verheißungen den Abraham-Bund, aber er ist weit mehr als nur ein Bund zwi­schen Gott und einem einzelnen Menschen. Er markiert den Anfang einer überraschend neuen Entwicklung — theologisch ausgedrückt — der speziellen Offenbarung.

Mit anderen Worten: Wenn Jahwe alle Verheißungen er­füllt haben würde, die er Abram gegeben hatte, sollte die Menschheit imstande sein, die Weisheit, Liebe und Macht Jahwes in einem Ausmaß zu erkennen, wie es vordem unmög­lich war, weder den Menschen noch den Engeln (vgl. 1. Petr. 1, 12).

Die Führung Gottes im Leben Abrams hin zu seiner neuen Bestimmung, „ein Segen für alle Völker zu werden", begann damit, daß Jahwe ihn in ein fremdes Land brachte, mitten in eine Vielfalt von Völkerstämmen, die in sich wieder aus vielen Sippen und Familien bestanden. Diese Stämme waren die Ke­niter, die Kenisiter, die Kadmoniter, die Hethiter, die Perisi­ter, die Rephaiter, die Amoriter, die Kanaaniter, die Girgasi­ter, die Jebusiter (vgl. 1 Mose 15, 19-21). Zu diesen insge­samt zehn werden noch ungefähr 30 weitere Völkerstämme genannt, die zwischen Ägypten und Chaldäa lebten. Diese al­le werden allein schon in den ersten 36 Kapiteln des ersten Mose-Buches namentlich genannt In diesen 36 Kapiteln wer­den mehr ethnische Einheiten der Menschen besonders er­wähnt als in irgendeinem anderen Teil der Bibel von ver­gleichbarer Länge.

Auf Abrams langsamer Wanderung unter den vielfältigen ethnischen Gruppen war es mehr als wahrscheinlich, daß er eine „Alle-Völker-Perspektive" entwickelte, die sicherlich nötig war, um das Ziel zu erreichen, ein „Segen für alle Völ­ker" zu sein!

Alles, so scheint es, entwickelte sich genauso, wie Abram erwarten konnte. Warum deute ich dann an, Jahwe hätte viel­leicht dem Abram „den größten Streich aller Zeiten" ge‑


spielt? Nun, als Jahwe sagte: „Durch dich sollen alle Völker der Erde gesegnet werden", hätte Abram ja denken können, er und das aus ihm entstehende Volk sollten der alleinige Ur­sprung der geistlichen Erleuchtung für die ganze Menschheit werden. Aber das war es nicht, was Jahwe wirklich im Sinn hatte.

Gewiß, als Abram schließlich Kanaan erreichte (so hieß das fremde Land nämlich), erfuhr er schon bald, daß zwei der kanaanitischen Städte — Sodom und Gomorrha — bereits in tiefstem Verfall steckten. Andere Städte, vor allem die der Amoriter, folgten dann auch dem Beispiel Sodoms und Go­morrhas (vgl. 1. Mose 15, 16). Es hatte den Anschein, als habe der Allmächtige keinen anderen Anwalt als Abram in dieser ganzen Region der Welt. Abram mußte dabei das Gefühl be­kommen, dringend gebraucht zu werden!

Als Abram und seine Karawane jedoch tiefer ins Land Ka­naan eindrangen, erwartete sie eine erfreuliche Überra­schung. Sie kamen in die Nähe einer Stadt, die ihren Namen vom kanaanitischen Wort „Frieden" ableitete — Salem. Der kanaanitische Name jener bestimmten Stadt ließ später den sehr bedeutungsvollen hebräischen Gruß enstehen: Shalom, was dem arabischen Salaam entspricht. Das Wort „Salem" trug mit seinen fünf Buchstaben später dazu bei, die Endung des Namens „Jerusalem", „Gründung des Friedens", zu bil­den. Denn Salem stand genau an der ursprünglichen Stelle von Jerusalem. Aber noch interessanter als Salem selbst war der König, der dort regierte: Melchisedek!

Sein Name ist eine Zusammensetzung zweier kanaaniti­scher Wörter: „mekhi" (von dem „melech" = König stammt) — und „zedek" = „Gerechtigkeit".

Ein „König der Gerechtigkeit" unter den Kanaanitern, die berüchtigt waren für Götzendienst, Opferung von Kindern und Tempelprostitution? Sicherlich hatte Melchisedek den völlig falschen Namen!

Keineswegs! Wenige Jahre später kam Abram von einem erstaunlichen Befreiungsfeldzug gegen Kedor-Laomer (vgl. 1. Mose 14,1 — 16) zurück und gelangte in ein Tal, das in der Sprache der Kanaaniter Schawe hieß. In jenen Tagen bezeich‑


neten die Kanaaniter dieses Tal als „Königstal" (vgl. 1. Mose 14, 17). Welcher König war gemeint? Das ist nicht schwer zu raten! Ein jüdischer Historiker mit Namen Josephus sagt uns, daß das Tal nichts anderes war als die Vereinigung der Ki­dron- und Hinnom-Täler — gerade unterhalb der südlichen Stadtmauer des alten Jerusalem! Und moderne Archäologen graben zur Zeit die Ruinen einer uralten kanaanitischen Stadt auf dem Abhang zwischen dem Tal Schawe und der südlichen Mauer des alten Jerusalem aus!

Es würde keineswegs überraschen, wenn sich diese Ruinen als die Stadt Melchisedeks erweisen würden — das ursprüngli­che Salem! Und das Tal Schawe, das „Königstal", wurde sehr wahrscheinlich so genannt, um dem König Melchisedek Ehre zu erweisen!

Abram war kaum in diesem „Königstal" angekommen, als der König Melchisedek selbst „Brot und Wein herausbrach­te", um Abram zu erfrischen. Der Erzähler sagt nicht, Mel­chisedek „reiste, um Abram zu treffen, und trug Brot und Wein bei sich", sondern ganz einfach, er „brachte Brot und Wein heraus" — vielleicht ein weiterer Beweis dafür, daß das Tal Schawe und Salem ganz nahe beieinander lagen.

Und nun kommt das Unerwartete: Dieser kanaanitische „König der Gerechtigkeit" ist nach Angaben des Genesis-Verfassers gleichzeitig „Priester Gottes, des Allerhöchsten" (El Elyon) (1. Mose 14,18). Wer war El Elyon?

El und Elyon waren beides kanaanitische Namen für Jahwe selbst. „El" erscheint öfter in sehr alten ugaritischen Texten.1

Dieser kanaanitische Name „El" fand auch Eingang in die hebräische Sprache, die Abrams Nachkommen sprachen, und zwar in Wörtern wie „Beth-el" = „Das Haus Gottes"; „El Chaddai" = „Gott der Allmächtige" und „Elohim" = „Gott" (eine Pluralform von El, die auf geheimnisvolle Weise eine Singularbedeutung behält).

„Elyon" erscheint ebenfalls in alten Texten als Name für Gott in der Sprache der Phönizier, einem späteren Zweig der alten kanaanitischen Sprache Melchisedeks.2

Und sogar die kombinierte Form von „El Elyon"erscheint in einer alten aramäischen Inschrift, die kürzlich in Syrien ge‑


funden wurde.3 Diese Kombination der beiden Begriffe „El" und „Elyon" hat in etwa die Bedeutung von „der göttlichste Gott" oder „der Gott, der wirklich Gott ist". Im allgemeinen übersetzt man mit „Gott, der Allerhöchste".4

Frage: Scheute Abram, der Chaldäer, der gewohnt war, den Allmächtigen Jahwe zu nennen, davor zurück, den Wort­gebrauch Melchisedeks zu übernehmen und dieses kanaaniti­sche „El Elyon" als einen gültigen Namen für Gott zu ver­wenden?

Wir brauchen nicht auf eine Antwort zu warten! Melchise­dek selbst lieferte den Beweis: Melchisedek „segnete ihn und sprach: Gesegnet seist du, Abram, vom höchsten Gott (El Elyon), der Himmel und Erde geschaffen hat; und gelobt sei Gott der Höchste (El Elyon), der deine Feinde in deine Hand gegeben hat" (1. Mose 14, 19-20).

Wir können hier vielleicht der ersten theologischen Argu­mentation der Menschheitsgeschichte zuhören! Was wird Ab­ram sagen? Wird er antworten: „Einen Augenblick! Der rich­tige Name für den Allmächtigen ist Jahwe, nicht El Elyon! Außerdem kann ich einen Segen nicht annehmen, der mir un­ter dem kanaanitischen Namen El Elyon angeboten wird; denn Euer entsprechender Begriff vom allmächtigen Gott ist ja unzweifelhaft mit heidnischen Ideen verunreinigt. Auf je­den Fall hat Jahwe mir aufgetragen, daß ich derjenige sei, der Euch segnen soll. Meint Ihr nicht, es sei ein wenig anmaßend, mich segnen zu wollen?"

Nein! Abrams Antwort bestand darin, daß er Melchisedek von allem den Zehnten gab (vgl. 1. Mose 14, 20), was er in dem Sieg über Kedor-Laomer gewonnen hatte. Diese Tat Abrams, den Zehnten an Melchisedek zu zahlen, wird durch den Schreiber des Hebräer-Briefes ausführlich erläutert. Zum Beispiel: „Schauet aber, wie groß der ist, dem Abraham, der Erzvater, den Zehnten gab von der eroberten Beute!" (Hebr. 7, 4).

Er fährt dann fort zu beweisen, daß das Priestertum des Kanaaniters Melchisedek höher als das eigene levitische Prie­stertum der Hebräer eingeschätzt werden muß, darum, daß ... Levi den Zehnten Melchisedek durch Abraham gab, da, als


Melchisedek Abraham traf, Levi noch in seinem Leibe war (Hebr. 7, 4-10).

Im Blick auf Melchisedeks Tun im Segnen Abrahams und Abrahams entsprechende Annahme jenes Segens erklärt der­selbe Verfasser, daß Melchisedek den „segnet, der die Ver­heißung hatte. Nun ist's ohne alles Widersprechen so, daß das Geringere von dem Höheren gesegnet wird" (Hebr. 7, 6.7).

Aber das ist noch nicht alles, was die unglaubliche Größe dieser kanaanitischen Persönlichkeit namens Melchisedek ausmacht. Der Schreiber des Hebräer-Briefes zitiert eine Weissagung durch den hebräischen König David — den König, der zuerst Melchisedeks altes Salem von den Jebusitern an sich riß (1000 v. Chr.) und daraus Jerusalem, die Hauptstadt des hebräischen Volkes, machte. Davids Weissagung stellt ausdrücklich fest, daß der jüdische Messias, wenn er kommt, nicht dienen wird als ein Glied des durch Vererbung auf Zeit amtierenden levitischen Priestertums mit seiner einge­schränkten Abstammungslinie. Vielmehr wird er ein Priester sein „nach der Ordnung Melchisedeks", bei der die Mitglied­schaft nicht durch eine bestimmte Abstammung begrenzt ist. Nicht nur das, sondern die Zugehörigkeit des Messias zu die­ser „Ordnung Melchisedeks" ist durch nichts Geringeres be­stätigt als durch einen göttlichen Eid; und seine Zugehörigkeit zu Melchisedeks Ordnung ist ewig! „Der Herr hat geschwo­ren, und es wird ihn nicht gereuen: Du bist ein Priester ewig­lich nach der Weise Melchisedeks" (Psalm 110,4).

Vielleicht wies Jahwe Abram im voraus darauf hin, daß er jemanden wie Melchisedek unter den Kanaanitern finden würde, der für den wahren Gott eintrat. Mir scheint aber, wenn Jahwe zu Abram nicht im voraus von Melchisedek ge­sprochen hat (und der Bericht gibt keinen Anhaltspunkt, daß er es tat), dann muß die Entdeckung Melchisedeks unter je­nen „unwissenden Kanaanitern" den Abram glatt umgewor­fen haben!

Nicht daß Melchisedeks frühere Gegenwart in Kanaan auf irgendeine Weise Abrahams besondere, von Gott gegebene Bestimmung geschmälert hätte! Ganz im Gegenteil, es be­steht überhaupt kein Anlaß zu der Vermutung, zwischen


Abraham und Melchisedek habe auch nur ein Hauch von Ei­fersucht oder Konkurrenzdenken herrschen können. Melchi­sedek teilte sein Brot und seinen Wein mit Abraham und seg­nete ihn, und Abraham zahlte Melchisedek den Zehnten. Sie waren Brüder in El ElyonlJahwe! Melchisedek und Abram waren Verbündete in seiner Sache, und das sollten sie auch sein! Denn Abram stand in jenem Tal Schawe als Vertreter für Jahwes spezielle Offenbarung. Andererseits war Melchise­dek schon sehr lange dort gewesen als das Urbild allgemeiner Offenbarung der Art Offenbarung, die „einfach da ist" und schon lange besteht, bevor die spezielle Offenbarung kommt Und weil beide Offenbarungen, die allgemeine wie die spe­zielle, aus der gleichen Quelle entspringen, nämlich aus El ElyonlJahwe, war zu erwarten, daß Melchisedek Brot und Wein mit Abraham teilen und daß Abraham dem Melchise­dek den Zehnten zahlen würde.

Höchst erstaunlich ist, daß sie das auch weiterhin taten durch die ganze folgende Menschheitsgeschichte hindurch. Denn wie Jahwes spezielle Offenbarung — nennen wir sie den Abraham-Faktor weiterging und in die ganze Welt hinein­reichte über die Zeit sowohl des Alten wie des Neuen Testa­mentes hinweg, so fand sich auch beständig die allgemeine Of­fenbarung Jahwes — nennen wir sie den Melchisedek-Faktor —schon auf dem Schauplatz und brachte das Brot, den Wein und den Segen!

Auf den folgenden Seiten möchte ich versuchen, an einigen Beispielen das wundervolle Zusammenwirken zwischen dem Melchisedek-Faktor — Gottes allgemeiner Offenbarung — und dem Abraham-Faktor — Gottes spezieller Offenbarung — auf­zuzeigen.

Aber es gibt auch noch einen dritten Faktor. Und seine Be­ziehung ist keineswegs schön. Noch ein anderer kanaaniti­scher König, einer von völlig anderem Charakter als Melchi­sedek, begegnete Abram genau am gleichen Tag im Tal Scha­we. Das war der König von Sodom.

Er begegnete Abram ebenfalls freundlich. Er bot Abram an, die von Kedor Laomer abgejagte Beute — die ursprünglich aus Sodom stammte — zu behalten. Abrams Reaktion war:


„Aber Abram sprach zu dem König von Sodom: Ich hebe meine Hand auf zu Jahwe-El Elyon (Abram verwendet Mel­chisedeks kanaanitischen Gottesnamen als voll gültig), dem höchsten Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat, daß ich von allem, was dein ist, nicht einen Faden noch einen Schuh­riemen nehmen will, damit du nicht sagest, du habest Abram reich gemacht” (1. Mose 14, 22-23).

Vertreter des Abraham-Faktors durch die Menschheitsge­schichte hindurch mußten immer Abrahams Beispiel von scharfsinniger Unterscheidungsfähigkeit folgen — die Fähig­keit, den freundlich-wohlgesinnten Melchisedek-Faktor un­ter den Kanaanitern zu erkennen und ebenso den unannehm­baren „Sodom-Faktor", um dem einen entgegenzukommen und den anderen abzuweisen, so wie Abraham es im Tal Scha­we tat!

Nun soll das erste Beispiel dieser drei Faktoren berichtet werden, die sich vermischen können und/oder eine Gegenwir­kung auslösen in einer der vielen schicksalhaften Begegnun­gen der Geschichte.


Anmerkungen

1) Zondervan Pictorial Encyclopedia, Merrill C. Tenney, Hrsg., 5 Bände (Grand Rapids: Zondervan Publishing Com­pany), Bd. 4, S. 177 f. Vgl. auch Th. C. Vriezen, Theologie des Alten Testamentes in Grundzügen, 1957, S. 167 f., sowie die bibelkritischen Werke: 0. Eissfeldt, El im ugaritischen Pantheon (1951); W. H. Schmidt, El-Gott, Theol. Handwör­terbuch zum AT, Band 1 (München 1978), Sp. 143. — Weitere Literatur bei: W. Gesenius, Hebr. und Aram. Handwörter­buch über das AT (Berlin 1962), 17. Aufl., S. 37, IV. Anm. ; Die Schöpfungsmythen und Quellen des Alten Orients (Darmstadt 1980), 2. Aufl., S. 177 — 179.

2) Tenney, S. 177 f.; Schmidt, THWAT, Sp. 145-146.

3) Ebd.

4) In der deutschen alttestamentlichen Wissenschaft gelten die Gottesnamen als Mittel zur sog. Quellenscheidung und ih­re Entstehung wird als Vermischung verschiedener Ortsgott­heiten angesehen. Zur Widerlegung vergleiche: S. Külling, Zur Datierung der Genesis-P-Stücke (Kampen 1964); W. Möller, Einleitung in das AT (Zwickau 1934) , S. 12 f., 24-26; Volz-Rudolph, Der Elohist als Erzähler — ein Irrweg der Pen­tateuchkritik? (1933); K. A. Kitchen, Alter Orient und Altes Testament (Wuppertal 1965); P. J. Wiseman, Die Entstehung der Genesis (Wuppertal 1957).



Teil I

Eine für das

Evangelium

vorbereitete Welt

Der

Melchisedek-Faktor



Kapitel 1

Völker des Unbekannten Gottes

Die Athener

Irgendwann während des sechsten Jahrhunderts vor Christus in einer Ratsversammlung auf dem Mars-Hügel in Athen...

„Sage uns, Nikias, welchen Rat läßt das Orakel der Pythia uns durch dich mitteilen? Warum ist diese Plage über uns ge­kommen? Und warum haben unsere zahllosen Opfer nichts bewirkt?"

Mit kühlem Blick schaute Nikias den Präsidenten der Rats­versammlung offen an. „Die Priesterin erklärt, unsere Stadt läge unter einem schrecklichen Fluch. Ein bestimmter Gott habe diesen Fluch auf uns gelegt wegen des Königs Megakles schlimmen Verbrechens der Treulosigkeit gegenüber den An­hängern des Kylon..."

„Ja, ja! Ich erinnere mich daran", sagte ein andres Rats­mitglied bitter. „Megakles erreichte mit einem Amnestiever­sprechen, daß die Anhänger Kylons sich ergaben. Dann aber brach er prompt sein gegebenes Wort und erschlug sie. Doch welcher Gott trägt uns dieses Verbrechen immer noch nach? Allen Göttern haben wir Sühneopfer gebracht!"

„Nein, das stimmt nicht", antwortete Nikias. „Die Priesterin sagt, es gäbe noch einen Gott, der nicht zufriedengestellt sei."

„Wer könnte das sein?" fragten die Ältesten und schauten Nikias ungläubig an.

„Das kann ich euch nicht sagen", antwortete Nikias. „Das Orakel selbst scheint seinen Namen nicht zu wissen. Es wurde nur gesagt, daß..."

Nikias machte eine Pause und betrachtete die besorgten Gesichter seiner Kollegen. Währenddessen hörte man das Echo von tausend lauten Totenklagen aus der ganzen geschla­genen Stadt heraufschallen.


Nikias fuhr fort: „...Wir müssen sofort ein Schiff nach Knossos auf die Insel Kreta schicken und einen Mann mit Na­men Epimenides hierher nach Athen holen. Die Priesterin hat mir versichert, er wisse, wie man diesen beleidigten Gott be­sänftigen könne, so daß unsere Stadt gerettet würde."

„Gibt es keinen Mann mit genügend Weisheit hier in Athen?" platzte ein empörter Ältester heraus. „Müssen wir um Hilfe bitten ... bei ... einem Ausländer?"

„Wenn du in Athen einen solchen großen Weisen kennst, dann lade ihn ein", sagte Nikias. „Wenn nicht, dann laßt uns einfach tun, was uns durch das Orakel befohlen wurde."

Kalter Wind — kalt wie der Kälteschauer durch den Schrek­ken in Athen — fegte durch den weißen Marmorraum der Ratsversammlung auf dem Mars-Hügel. Ein Ältester nach dem anderen zog sich seine Richter-Robe fest um die Schul­tern und wog Nikias Worte ab.

„Verwende dich für unser Wohl, mein Freund", sagte der Präsident der Ratsversammlung. „Hole diesen Epimenides, sofern er deine Bitte erhören will. Und wenn er unsere Stadt befreit, werden wir ihn belohnen."

Andere Ratsmitglieder stimmten zu. Ruhig erhob sich Ni­kias, verbeugte sich vor der Versammlung und ging hinaus.

Vom Mars-Hügel weg wandte er sich dem Hafen von Pi­räus zu Ein Schiff lag dort vor Anker. —

Epimenides stieg in Piräus rasch und entschlossen an Land, Nikias folgte ihm Die beiden Männer wandten sich sofort nach Athen, wobei sie sich im Gehen langsam von dem wilden Schwanken des Schiffes während der langen Fahrt von Kreta erholten. Als sie die schon weltberühmte „Stadt der Philoso­phen" betraten, waren überall Zeichen der Seuche zu spüren. Aber Epimenides bemerkte noch etwas anderes...

„Nirgends habe ich je so viele Götter gesehen!" rief der Kreter seinem Führer zu und blickte verwundert auf die lan­gen Reihen von Götterbildern, die beide Seiten der Straße von Piräus säumten. Und Hunderte solcher Statuen umgaben eine felsige Böschung, die Akropolis hieß. Eine spätere Ge­neration von Athenern baute dort den Parthenon.


„Wie viele Götter hat Athen?” wollte Epimenides wissen. „Mindestens einige hundert!" antwortete Nikias.

„Einige hundert!" rief Epimenides. „Götter müssen hier

leichter zu finden sein als Männer!"1

„Das ist gut gesagt!" lachte der Ratsherr Nikias in sich hin­ein.

„Wer weiß, wie viele Sprichwörter schon geprägt worden sind über ,Athen, die Stadt, die mit Göttern überschwemmt ist'. Steine in einen Steinbruch zu schleppen ist genauso unnö­tig, wie einen neuen Gott nach Athen zu bringen!"

Nikias hielt inne und überdachte seine eigenen Worte. „Und doch", begann er nachdenklich, „das Orakel der Py­thia erklärt uns, daß wir Athener noch einen weiteren Gott versöhnen müssen. Und du, Epimenides, mußt die notwendi­ge Verbindung zu ihm herstellen. Offensichtlich bedürfen wir trotz all dessen, was ich gesagt habe, doch noch eines weiteren Gottes!"

Plötzlich warf Nikias seinen Kopf zurück und lachte. „Epi­menides, ich kann mir ums Leben nicht vorstellen, wer dieser weitere Gott sein sollte. Wir Athener sind der Welt größte Götter-Sammler! Wir haben die Theologien vieler Völker um uns her durchwühlt und jede Gottheit, die wir irgendwie mit Wagen oder Schiffen in unsere Stadt transportieren konnten, zusammengebracht."

„Vielleicht ist das euer Problem", sagte Epimenides ge­heimnisvoll. Verständnislos schaute Nikias Epimenides an. Wie sehr brannte er darauf, Klarheit über diese letzte Bemer­kung zu bekommen. Aber etwas in des Epimenides Verhalten hielt ihn zurück. Kurze Zeit später erreichten sie eine alte, mit Marmorboden ausgestattete Stoa (Philosophenschule) in der Nähe des Ratsherrnsaales auf dem Mars-Hügel. Ihre Ankunft hatten die Ältesten von Athen schon erfahren. Die Ratsver­sammlung saß erwartungsvoll da.

„Epimenides, wir sind dir dankbar ..." , begann der Präsi­dent der Versammlung.

„Gelehrte Älteste von Athen, es besteht kein Grund, mir zu danken", unterbrach Epimenides. „Bringt morgen früh bei Sonnenaufgang eine Herde Schafe, eine Gruppe Stein‑


metzen und eine Menge Steine und Mörtel zum grasbewach­senen Abhang am Fuße dieses heiligen Felsens. Die Schafe müssen alle gesund und von unterschiedlicher Farbe sein —einige weiß, einige schwarz. Jetzt will ich mich von meiner Reise ausruhen. Weckt mich bei Tagesbeginn."

Die Ratsmitglieder wechselten neugierige Blicke, als Epi­menides über den Boden der Stoa schritt, sich in einen ruhi­gen Winkel setzte, seinen Mantel als Decke um sich hüllte und zu meditieren begann. Der Präsident wandte sich einem jun­gen Ratsmitglied zu. „Achte darauf, daß alles ausgeführt wird, wie er befohlen hat", ordnete er an.

„Die Schafe sind hier", sagte der junge Ratsherr sanft. Epi­menides erhob sich ganz verschlafen und zerzaust von seinem Ruheplatz und folgte dem Boten zum grasbewachsenen Ab­hang am Fuße des Mars-Hügels. Zwei „Herden", eine aus weißen und schwarzen Schafen, die andere aus Ratsmitglie­dern, Schafhirten und Steinmetzen bestehend, warteten unter der aufgehenden Sonne. Hunderte von Bürgern der Stadt standen auf den umgebenden kleinen Hügeln und warteten voller unsicherer Spannung.

Sie waren erschöpft und ausgelaugt von einer weiteren Nacht der Pflege ihrer von der Seuche geschlagenen Angehö­rigen oder der Beweinung ihrer Toten.

„Gelehrte Älteste", begann Epimenides, „ihr habt euch bis zum Äußersten bemüht, euren zahllosen Göttern große Opfer zu bringen, doch alles hat sich als zwecklos erwiesen. Ich werde nun Opfer bringen, bei denen ich von drei Annah­men ausgehe, die sich erheblich von den euren unterscheiden. Meine erste Annahme..." Jedes Auge war auf den hochge­wachsenen Kreter gerichtet; jedes Ohr war ihm völlig zuge­wandt, um ja nicht das nächste Wort zu verpassen. „...ist die, daß es noch einen weiteren Gott gibt, der mit eurer Seuche hier zu tun hat, einen Gott, dessen Name uns nicht bekannt ist und der deshalb auch nicht unter euren Götterbildern hier in der Stadt vertreten ist. Zweitens gehe ich von der Annahme aus, daß dieser Gott groß genug ist — und auch gütig genug —, um etwas in Sachen dieser Plage zu tun, wenn wir ihn nur um seine Hilfe anflehen."


„Einen Gott anflehen, dessen Name unbekannt ist?” platzte ein Ältester heraus. „Ist das überhaupt möglich?"

„Die dritte Annahme ist meine Antwort auf deine Frage", entgegnete Epimenides. „Diese Annahme ist sehr einfach. Jeder Gott, der groß genug und gütig genug ist, um dieser Seu­che zu wehren, ist wahrscheinlich auch groß genug und gütig genug, über unsere Unwissenheit wohlwollend zu lächeln —vorausgesetzt, wir geben unsere Unwissenheit zu und rufen ihn an!"

Ein Murmeln der Zustimmung ging durch die Reihen und mischte sich mit dem Blöken der hungrigen Schafe. Nie zuvor hatten die Ältesten von Athen solche Schlußfolgerungen ge­hört. Doch warum, so wollten sie gerne wissen, mußten die Schafe unterschiedliche Farbe haben?

„Und nun", rief Epimenides, „macht euch bereit, die Schafe an diesem heiligen Abhang loszulassen. Wenn ihr sie losgelassen habt, erlaubt jedem Tier, dort zu grasen, wo es will. Aber laßt jedem Tier einen Mann folgen, der es ganz ge­nau beobachtet." Dann schaute Epimenides auf zum Himmel und betete mit sehr klangvoller und zuversichtlicher Stimme: „0 du unbekannter Gott! Sieh doch, wie die Seuche diese Stadt betroffen hat! Und wenn du tatsächlich Erbarmen fühlst, uns zu vergeben und zu helfen, dann schau dir diese Schafherde an! Ich flehe dich an, zeige deine Bereitschaft zur Antwort, indem du veranlaßt, daß jedes Schaf, das dir gefällt, sich jetzt auf dem Gras niederlegt, anstatt weiterzufressen. Wähle die weißen, wenn dir weiß gefällt; die schwarzen, wenn du schwarz gerne hast. Und die, die du auswählst, wollen wir dir opfern — im Bewußtsein unserer erbärmlichen Unkenntnis deines Namens!" Epimenides beugte sein Haupt, setzte sich auf das Gras und gab den Schafhirten, die die Herde hüteten, ein Signal. Langsam traten die Hirten zur Seite.

Schnell und eifrig zerstreuten sich die Schafe kreuz und quer über den Hügelabhang und begannen zu grasen. Wäh­renddessen saß Epimenides still wie eine Statue und schaute auf den Boden.

„Es ist hoffnungslos", murmelte einer der Ratsherren mit gerunzelter Stirn und seufzte tief. „Es ist früher Morgen, und


ich habe selten eine Herde so eifrig fressen sehen. Kein einzi­ges Schaf wird sich entschließen zu ruhen, bevor es nicht den Bauch voll hat. Und wer soll dann glauben, daß ein Gott es zum Ruhen veranlaßte?"

„Epimenides muß wohl mit Absicht gerade diese Tageszeit gewählt haben!" antwortete Nikias. „Nur dadurch können wir schließlich erkennen, daß ein Schaf sich aufgrund des Wil­lens des unbekannten Gottes zur Ruhe legt und nicht aus eige­nem Antrieb!"

Kaum hatte Nikias ausgesprochen, da rief ein Hirte: „Schaut!" Jedes Auge wandte sich in seine Richtung und sah, wie ein Widder in die Knie ging und sich ins Gras legte.

„Und hier ist noch eines!" brüllte ein aufgeschreckter Ratsherr, vom Staunen überwältigt. Innerhalb weniger Minu­ten lag eine Anzahl weiterer kräftiger Schafe auf dem Gras, das zu saftig war, als daß ein hungriger Pflanzenfresser hätte widerstehen können — unter normalen Umständen —.

„Wenn sich nur eines hingelegt hätte, hätten wir gesagt, es müsse krank sein", rief der Präsident der Ratsversammlung aus. „Aber das hier? Das — kann nur — eine Antwort sein!"

In seinen Augen war Ehrfurcht zu lesen, als er sich Epime­nides zuwandte und sagte: „Was sollen wir jetzt tun?"

„Nehmt die Schafe besonders, die jetzt ruhen", antworte­te der Kreter, indem er zum erstenmal seinen Kopf hob, seit er zu dem unbekannten Gott gebetet hatte, „und bezeichnet die Stelle, wo jedes von ihnen lag. Dann laßt eure Steinmet­zen Altäre bauen — einen Altar an jedem Ruheplatz eines je­den Tieres."

Die begeisterten Steinmetzen begannen ihre Arbeit mit Stein und Mörtel. Am Spätnachmittag war der Mörtel hart ge­nug. Jeder Altar war bereit. „Wessen Gottes Namen sollen wir auf diesen Altären eingravieren?" fragte ein übereifriger junger Ratsherr. Alle Köpfe wandten sich dem Kreter zu, um seine Antwort zu hören.

„Name?" sprach Epimenides gedankenvoll. „Der Gott­heit, deren Hilfe wir suchten, hat es gefallen, auf das Einge­ständnis unserer Unwissenheit hin zu antworten. Wenn wir nun so tun, als seien wir Wissende, indem wir einen Namen


eingravieren, ohne auch nur die leiseste Ahnung von diesem Namen zu haben, dann, so fürchte ich, beleidigen wir den Gott."

„Darauf dürfen wir es nicht ankommen lassen", stimmte der Präsident der Ratsversammlung zu. „Aber sicherlich gibt es eine angemessene Möglichkeit, jeden Altar vor seiner Be­nutzung zu weihen."

„Du hast recht, gelehrter Ältester", sagte Epimenides mit einem knappen Lächeln, „Es gibt einen Weg. Die Inschrift sollte ganz einfach lauten: ,agnosto theo dem Unbekannten Gott' — seitlich auf jedem Altar. Mehr ist nicht notwendig."

Die Athener befolgten den Rat des Kreters und gravierten diese Inschrift ein. Dann opferten sie jedes „geweihte" Schaf auf dem Altar an der Stelle, wo dieses geruht hatte. Die Nacht brach herein. Bei Tagesanbruch hatte sich die tödliche Um­klammerung der Seuche schon gelockert Innerhalb einer Woche waren die Erkrankten geheilt. Die Athener flossen über von Preis und Dank gegenüber dem „Unbekannten Gott" des Epimenides und gegen diesen selbst, weil er solch erstaunliche Hilfe auf solch einfallsreiche Weise gebracht hat­te. Die dankbaren Bürger schmückten die einfachen Altäre am Fuße des Hügels mit Blumengirlanden. Später stellten sie eine Statue, die Epimenides in sitzender Stellung zeigte, vor einem ihrer Tempel auf.2

Wie Plato in einem Abschnitt seiner „Gesetze" berichtet, hatte Epimenides zur gleichen Zeit auch prophezeit, daß zehn Jahre später eine persische Armee gegen Athen anrücken würde. Er versicherte jedoch den Athenern, daß ihre persi­schen Feinde „auf jeden Fall mit zerstörten Hoffnungen heimkehren würden und daß sie selbst mehr leiden müßten, als sie ihnen an Leid zufügen konnten". Diese Prophezeiung erfüllte sich. Die Ratsversammlung bot Epimenides eine gro­ße Geldsumme für seinen Dienst an, jedoch lehnte er eine Be­zahlung ab. „Die einzige Belohnung, die ich mir wünsche", sagte er, „ist die, daß wir hier und jetzt einen Freundschafts­bund schließen zwischen Athen und Knossos." Damit waren die Athener einverstanden. Als der Vertrag zwischen Athen und Knossos geschlossen war, gaben sie Epimenides sicheres Geleit für seine Rückreise zu seiner Heimatinsel.


(Plato bezeugt im gleichen Abschnitt dem Epimenides sei­ne Achtung, indem er ihn einen „geisterfüllten Mann" nennt. Er ehrt ihn als einen der großen Männer, die der Menschheit geholfen haben, Erfindungen wiederzuentdecken, die wäh­rend der „großen Flut" verlorengingen.)

Im Laufe der Zeit vergaßen die Athener jedoch allmählich die Barmherzigkeit, die der „Unbekannte Gott" des Epime­nides ihnen erwiesen hatte.

Schließlich vernachlässigten sie sogar seine Altäre am Ab­hang unterhalb des Mars-Hügels. Sie wandten sich wieder der Anbetung der mehreren hundert Göttern zu, die sich als unfä­hig erwiesen hatten, den Fluch über ihrer Stadt wegzuneh­men. Vandalen zerstörten einige der Altäre und rissen von an­deren Steine los. Gras und Moos wuchs auf den Ruinen...

Eines Tages machten zwei Älteste, die sich an die Bedeu­tung der Altäre erinnerten, dort halt, als sie von ihrer Ratsver­sammlung kamen. Sie lehnten sich auf ihre Stäbe und schau­ten sinnend auf die überwachsenen Überreste der Altäre. Ei­ner kratzte etwas Moos ab und las die alte, darunter verborge­ne Inschrift: „Agnosto theo."

„Demas, erinnerst du dich?"

„Wie könnte ich das vergessen?" antwortete Demas. „Ich war doch -der junge Ratsherr, der die ganze Nacht aufblieb, um für die Herde, die Steine, den Mörtel und die Steinmetzen zu sorgen, damit bei Sonnenaufgang alles klar war."

„Und ich", fügte der andere Älteste hinzu, „war jenes übereifrige Ratsmitglied, das den Vorschlag machte, alle Altäre sollten den Namen irgendeines Gottes eingraviert be­kommen. Wie dumm von mir!" Der Sprecher machte eine Pause und versank tief in Gedanken. Dann ergänzte er: „De­mas, du magst mich für einen Frevler gegen die Götter halten, aber ich kann mir nicht helfen: Wenn der ,unbekannte Gott' des Epimenides sich offenbaren würde, dann könnten wir vielleicht bald schon auf alle anderen Götter verzichten." Der bärtige Älteste deutete geringschätzig mit seinem Stab auf die vielen Reihen taubstummer Götterstatuen — es waren inzwi­schen mehr als je zuvor —, die die Akropolis umgaben.

„Sollte er sich selbst jemals offenbaren", sagte Demas tief‑


sinnig, „wie werden unsere Leute dann erkennen können, daß er kein fremder Gott ist, sondern der, der bereits einge­griffen hat in die Angelegenheiten unserer Stadt?"

„Ich glaube, es gibt nur einen Weg", antwortete der erste Älteste. „Wir müssen mindestens einen dieser Altäre zu er­halten versuchen als Zeugnis für unsere Nachkommenschaft. Und die Geschichte des Epimenides muß in unserer Tradition irgendwie lebendig bleiben."

„Eine großartige Idee!" begeisterte sich Demas. „Schau! Dieser hier ist noch in gutem Zustand. Wir werden Steinmet­zen bestellen, die ihn wieder aufpolieren. Und morgen wer­den wir unsere ganze Ratsversammlung an den längst zurück­liegenden Sieg über jene Seuche erinnern. Wir werden veran­lassen, mindestens die Pflege dieses Altares in den jährlichen Ausgaben-Etat unserer Stadt aufzunehmen."

Zum Zeichen ihrer Übereinstimmung gaben sich die bei­den Ältesten die Hand. Arm in Arm humpelten sie den Pfad entlang und schlugen ihre Stäbe frohlockend gegen die Steine des Mars-Hügels. —

Das Vorhergehende gründet sich hauptsächlich auf eine Überlieferung, die Diogenes Laertius, ein griechischer Autor des dritten Jahrhunderts vor Christus, als geschichtlich be­richtet, und zwar in seinem klassischen Werk „Über Leben und Meinungen berühmter Philosophen" (übersetzt von Otto Apelt. Leipzig 1921; Verlag von Felix Meiner. Erstes Buch, Kapitel X, S. 55 f).

Die Grundelemente im Bericht des Diogenes sind: Epime­nides ein Held aus Kreta, ging auf eine von Nikias übermittel­te Anfrage der Athener dorthin, um ihnen bei einer Seuche zu raten und zu helfen. Als Epimenides in Athen angekommen war, erhielt er eine Herde weißer und schwarzer Schafe, ließ sie los auf dem Mars-Hügel und gab den Männern Anwei­sung, den Schafen zu folgen und alle die Stellen zu bezeich­nen, wo sich irgendeines von ihnen zur Ruhe legte. Der offen­sichtliche Zweck des Epimenides war der, jedem Gott, der diese Seuche gesandt hatte, eine Gelegenheit zu geben, seine Bereitschaft zu wirklicher Hilfe zu zeigen, indem er veranlaß­te, daß die ihm gefallenden Schafe sich niederlegten. Das soll‑


te das Zeichen sein, daß der Gott diese Schafe als Opfer gnä­dig annehmen werde. An sich war es ja nicht ungewöhnlich, daß sich die Schafe außerhalb ihrer normalen Zeit des Gra­sens niederließen, deshalb legte Epimenides dieses Experi­ment auf den ganz frühen Morgen, wo die Schafe am hungrig­sten sind. Eine Anzahl Schafe legte sich tatsächlich zur Ruhe, und die Athener opferte sie auf den Altären ohne Namen, die eigens für diesen Zweck erbaut wurden; so wich die Plage der Seuche von der Stadt.

Andere Einzelheiten in diesem Bericht befassen sich mit der Ursache des Fluches. Sie wurden in Loebs Classic Library entdeckt als Fußnote eines Herausgebers von „The Art of Rhetoric" (Die Kunst der Rhetorik) (3, 17:10) von Aristote­les. Das Buch wurde von J. H. Freese übersetzt und in Cam­bridge, Massachusetts, verlegt. Die Erklärung, daß niemand anders als das Orakel der Pythia die Athener unterwies, Epi­menides rufen zu lassen, findet sich in dem bereits erwähnten Zitat in Platos Schrift „Gesetze".

Diogenes Laertius selbst erwähnt nicht, daß die Worte „agnosto theo" auf den Altären des Epimenides eingraviert waren. Er stellt nur fest, daß „Altäre in verschiedenen Teilen von Attica gefunden werden können, auf denen keine Namen eingeschrieben sind, Altäre, die Zeichen der Erinnerung an jene Sühneopfer sind."

Zwei andere Schriftsteller des Altertums — Pausanias in sei­ner „Beschreibung Griechenlands" (Band 1, 1:4) und Philo­stratus in seiner Schrift „Appolonius aus Tyana" — beziehen sich jedoch auf „Altäre für einen unbekannten Gott" und ge­ben an, daß eine derartige Inschrift auf ihnen eingegraben war.

Daß solch eine Inschrift auf mindestens einem dieser Altä­re in Athen eingegraben war, wird bestätigt von einem Histo­riker des ersten Jahrhunderts namens Lukas. Beim Beschrei­ben der Erlebnisse des berühmten christlichen Apostels Pau­lus erwähnt Lukas eine Begegnung, die von der Geschichte über Epimenides auf Ehrfurcht einflößende Weise untermalt wird.


„Während Paulus nun in Athen wartete”, schrieb Lukas, „wurde er innerlich schmerzlich erregt, weil er die Stadt vol­ler Götterbilder sah" (Apg. 17, 16, Menge-Übersetzung).

Wenn die Athener schon zur Zeit des Epimenides sich mehrerer hundert Götter rühmten, dann waren es zur Zeit des Apostels Paulus wohl noch Hunderte mehr. Es liegt in der Na­tur des Götzendienstes, daß er in sich einen eingebauten „In­flations-Faktor" hat. Wenn Menschen zugunsten von minder­wertigen Gottheiten den einen allwissenden, allmächtigen  und allgegenwärtigen Gott ablehnen, entdecken sie schließ­lich — zu ihrer großen Enttäuschung —, daß es einer Unzahl sol­cher geringerer Götter bedarf, um die alles umfassende Be­deutung und Macht des wahren Gottes auch nur halbwegs auszufüllen.

Und als Paulus sah, wie die Athener das heilige Vorrecht der Gottesanbetung durch Übertragung auf Bildnisse aus Holz und Stein schändeten, war er zutiefst entsetzt. Deshalb begann er, etwas dagegen zu tun. Zunächst: „Er-besprach sich mit den Juden und den zum Judentum übergetretenen Griechen in der Synagoge" (Apg. 17, 17; Menge).

Nicht, daß die Juden und gottesfürchtigen Griechen dieie­nigen waren, die Götzendienst ausübten! Keineswegs! Sie wa­ren jedoch diejenigen, die am meisten Verantwortung auf sich nehmen sollten für den Widerstand gegen das Überhandneh­men des Götzendienstes in ihrer Stadt.

Vielleicht entdeckte Paulus, daß diese Leute so an götzen­dienerisches Treiben gewöhnt waren, daß sie sich auf Kom­promisse mit dem „Sodom-Faktor" eingelassen hatten. Von daher fehlte ihnen die Kraft zum überzeugten und überzeu­genden Widerstand. Auf jeden Fall ging Paulus von sich aus zum Angriff über. Lukas berichtet: „Er besprach sich auf dem Markt Tag für Tag mit denen, die er dort gerade antraf."

Wer fand sich dort ein? Und wie reagierten sie? Lukas er­klärt: „Auch einige epikureische und stoische Philosophen ließen sich mit ihm ein, und manche sagten: ,Was fällt denn diesem Schwätzer ein zu behaupten?' " Man sieht, selbst ein Apostel kann Schwierigkeiten im Bereich des kulturellen Austauschs erleben!


Ändere aber meinten: „Er scheint ein Verkündiger frem­der Gottheiten zu sein" (Apg. 17, 18).

Warum diese letzte Bemerkung? Zweifellos hörten die Philosophen ihn über Theos Gott — sprechen. Theos war für sie ein vertrauter Begriff, jedoch war es üblich, ihn nicht als ei­nen persönlichen Namen zu gebrauchen, sondern als allge­meinen Begriff für jede Art Gottheit — so, wie man das Wort „Mann" in der deutschen Sprache für jeden Mann und nicht als persönlichen Namen verwendet.

Die Philosophen mußten aber gewußt haben, daß Xeno­phanes, Plato und Aristoteles — drei der größten Philosophen aller Zeiten — Theos als einen persönlichen Namen für einen bestimmten allerhöchsten Gott in ihren Schriften verwandten (vgl. z. B. Encyclopaedia Britannica, 15. Ausgabe, Band 13, S. 951 und Band 14, S. 538).

Zwei Jahrhunderte nach der Zeit von Plato und Aristoteles hatten die Übersetzer der Septuaginta — der ersten griechi­schen Fassung des Alten Testaments — ein großes Problem: Konnte man in der griechischen Sprache ein passendes gleich­wertiges Wort für Elohim finden? Sie zogen den Namen Zeus in Erwägung, verwarfen ihn aber wieder. Obwohl Zeus der König der Götter genannt wurde, hatten heidnische Theolo­gen sich ausgedacht, ihn zum Sohn zweier weiterer Götter, nämlich Kronos und Rhea, zu erklären. Ein Nachkomme an­derer Wesen kann Elohim niemals entsprechen, da er ja uner­schaffen ist. Schließlich erkannten die Übersetzer den von den oben genannten Philosophen zufällig verwendeten Be­griff Theos als einen persönlichen griechischen Namen für den Allmächtigen an. Theos war in dieser besonderen Bedeutung ein Name, der noch nicht von den Krusten falschen Verständ­nisses überzogen war. Sie übernahmen ihn also. Genauso wie Abraham großzügig den Namen El Elyon übernahm, als er unter den Kanaanitern von Jahwe sprach, machte es auch Paulus mit dem Namen Theos in seinen Predigten und Schrif­ten bei seiner Missionsarbeit.

So mag es also vielleicht nicht Theos gewesen sein, sondern der unbekannte Name Jesus, der die Philosophen annehmen ließ, Paulus verkündige neue Götter. Vielleicht waren sie


auch erstaunt darüber, daß irgend jemand weitere Götter nach Athen bringen wollte, der „Götter-Hauptstadt" der Welt! Wahrscheinlich brauchten die Athener auch Stoff für ihre „Sensationspresse", um eine Art Kartei zu führen über die vielen Gottheiten, die schon in ihrer Stadt vertreten wa­ren.

Wie ging Paulus auf die Meinung ein, er verkündige über­flüssige Götter in einer Stadt, die bereits überschwemmt war mit Gottheiten?

Jesus Christus hatte Paulus bereits eine hervorragende An­weisung darüber gegeben, wie er mit Problemen beim Kon­takt mit anderen Kulturen zurechtkommen könnte, auch sol­chen, wie sie in Athen für ihn auftraten. Jesus hatte damals vor Damaskus durch eine so überzeugende und erleuchtende Vision zu Paulus geredet, daß er eine Zeitlang erblindete. Je­sus hatte zu ihm gesagt, er werde ihn zu den Heiden senden, „aufzutun ihre Augen, daß sie sich bekehren von der Finster­nis zu dem Licht" (vgl. Apg. 26, 17-18).

Die Logik Jesu war ohne Fehler. Wenn die Menschen sich von der Finsternis zum Licht wenden sollen, müssen ihre Au­gen erst einmal geöffnet werden, um den Unterschied zwi­schen Licht und Finsternis zu erkennen. Und was braucht es, um jemandem die Augen zu öffnen?

Einen Augen-Öffner!

Aber wo konnte Paulus — geboren als Jude, wiedergeboren als Christ — einen Augen-Öffner für die Wahrheit über den al­lerhöchsten Gott in dem von Götzen überfluteten Athen ent­decken? In diesem religiös total polytheistischen System konnte er kaum eine Spur für die Einsicht finden, Monotheis­mus sei besser.

Aber als Paulus „in Athen umherwanderte und sich um­sah" (Apg. 17, 23), fand er etwas innerhalb des „Systems", was nicht „dazugehörte": einen Altar, der nicht in Beziehung stand zu irgendeinem anderen Gott. Dieser Altar trug die merkwürdige Inschrift: „Einem unbekannten Gott". So wie Abraham den Melchisedek nicht mit dem König Sodoms in ei­nen Topf warf, so sah auch Paulus den Unterschied zwischen diesem Altar und den Götzen. Hier lag für ihn der Schlüssel


zur Verständigung, der in die Herzen dieser stoischen und epi­kureischen Philosophen paßte.

Als sie ihn einluden, seine Ansichten auf einem für ver­nünftige Auseinandersetzungen passenderen Platz als dem Marktplatz darzulegen, war er bereit. Der Treffpunkt des Paulus war eine Versammlung des Areopag, das heißt der „Mars-Hügel-Gesellschaft". Das war eine Gruppe prominen­ter Athener, die sich auf dem Mars-Hügel trafen, um über Angelegenheiten aus Geschichte, Philosophie oder Religion zu diskutieren. Es war der gleiche Hügel, auf dem sich etwa 600 Jahre zuvor Epimenides mit dem Problem der Pestilenz in Athen befaßt hatte.

Paulus hätte auf dem Mars-Hügel eine deutliche und un­mißverständliche Sprache sprechen können. Er hätte sagen können: „Ihr Männer von Athen, trotz all eurer großartigen Philosophien seid ihr doch böse Götzendiener. Bekehrt euch — oder ihr geht verloren!" Dabei wäre jedes Wort wahr gewe­sen!

Ferner hätte er versuchen können, sie „von der Finsternis zu dem Licht" zu führen, wie Jesus es ihm aufgetragen hatte. Aber er fiel nicht, wie man so sagt, mit der Tür ins Haus, son­dern fand den richtigen Einstieg. Jesus hatte ja als Vorausset­zung genannt, „ihre Augen zu öffnen", wodurch es erst mög­lich wurde, sie „von der Finsternis zum Licht" zu führen.

Paulus ging also ganz folgerichtig vor, als er seine Rede be­gann: „Männer von Athen! Nach allem, was ich sehe, seid ihr ganz besonders eifrige Gottesverehrer. Denn als ich hier um­herging und eure Heiligtümer ansah, fand ich auch einen Al­tar mit der Aufschrift: Einem unbekannten Gott. Das Wesen nun, das ihr verehrt, ohne es zu kennen, das verkündige ich euch" (Apg. 17, 22-23). Welch bemerkenswerte Zurückhal­tung, wenn man bedenkt, wie Paulus den Götzendienst verab­scheute! Andere Juden hätten vielleicht sogar gesagt: „Drek­kige Götzen!" Und dann war von Paulus etwas ausgesprochen worden, das sechs Jahrhunderte auf die Veröffentlichung hat­te warten müssen: „Dieses Wesen...verkündige ich euch."

War der Gott, den Paulus verkündigte, wirklich ein frem­der, ausländischer Gott, wie diese Philosophen zunächst


meinten? Keineswegs! Paulus folgerte, daß Jahwe, der Gott Israels und der Christen, durch den Altar des Epimenides schon im voraus erahnt und erwartet worden war. Er war also ein Gott, der damals bereits in die Geschichte Athens einge­griffen hatte. Deshalb hatte er ein Recht darauf, daß sein Na­me hier ausgerufen wurde!

Aber verstand Paulus wirklich den historischen Hinter­grund jenes Altars und die Auffassung von einem unbekann­ten Gott? Jawohl, sein Verständnis dafür läßt sich beweisen. Denn Epimenides, der die Fähigkeit besaß, Licht in verworre­ne, düstere Probleme menschlich-göttlicher Beziehung zu bringen, war außerdem auch ein Dichter!

Und Paulus zitierte aus der Dichtung des Epimenides! Als er, um die Gemeinden auf der Insel Kreta zu stärken, später dort einen Missionar mit Namen Titus zurückließ, schrieb Paulus in einem Brief Anweisungen zum Umgang mit den Kretern: „Es hat ein Prophet aus ihrer eigenen Mitte gesagt: Die Kreter sind immer verlogene, bösartige Tiere und faule Bäuche. Dies Zeugnis entspricht der Wahrheit. Darum weise sie rücksichtslos zurecht, damit sie im Glauben gesund blei­ben" (Tit. 1, 12-13).

Die Worte, die Paulus hier zitiert, sind aus einer Dichtung, die dem Epimenides zugeschrieben wird (Encyclopaedia Brit­annica, Micropaedia, 15. Ausgabe, Bd. 3, S. 924). Beachten Sie auch, daß Paulus Epimenides einen „Propheten" nennt! Das griechische Wort lautet prophetes. Paulus gebraucht das gleiche Wort für Propheten sowohl des Alten wie des Neuen Testaments! Mit Sicherheit würde Paulus Epimenides nicht mit dem Titel eines Propheten geehrt haben, wenn er nichts von seinem Charakter und seinen Taten gewußt hätte. Ein Mann, den Paulus zitierte als einen, der andere wegen übler Gewohnheiten tadelte, mußte ja einer sein, der selbst nicht solch schlechte Charakterzüge aufwies!

Weiterhin stellt Paulus auf dem Mars-Hügel eindeutig fest: „Er (Gott) hat auch gemacht, daß das ganze Menschenge­schlecht von einem einzigen Stammvater her auf der ganzen Oberfläche der Erde wohnt; sie sollten Gott suchen, ob sie ihn wohl wahrnehmen und finden möchten, ihn, der ja nicht ferne


von einem jeden unter uns ist" (Apg. 17, 26-27). Diese Worte mögen ein versteckter Hinweis- auf Epimenides sein, als Bei­spiel eines Heiden, der sich danach ausstreckte und einen Gott fand, der, obgleich dem Namen nach unbekannt, in Wirklichkeit nicht weit von ihm entfernt war!

Wahrscheinlich waren die Mitglieder der Mars-Hügel-Ge­sellschaft auch vertraut mit der Geschichte des Epimenides durch die Schriften von Plato, Aristoteles und anderen. Ver­mutlich haben sie Paulus mit Bewunderung zugehört, als er seine Ausführungen mit solch einfühlsamem Verständnis für ihre eigene Kultur begann. Aber konnte sich dieser christliche Apostel, der von dem jüdischen Gelehrten Gamaliel ausgebil­det worden war, die Aufmerksamkeit von Männern, die mit der Logik Platos und des Aristoteles aufgewachsen waren, lange genug erhalten, bis er ihnen auch das Evangelium über­mittelt hatte?

Der verblüffende Anfangserfolg des Paulus konnte nur, beibehalten werden, wenn er auf eines besonders achtete: „Pausenlose Logik" könnte man es nennen. Solange jede Ausführung_des Apostels sich streng logisch aus der vorherge­henden entwickelte, würden die Philosophen zuhören. Gäbe es aber eine Lücke in seiner Beweisführung und Begründung, würden sie ihm das Wort abschneiden — und zwar sofort! Das war ein Gesetz in der philosophischen Ausbildung, die sie alle mitgemacht und der sie sich unterworfen hatten. Sie würden auch einem Fremden nur dann Redefreiheit gewähren, wenn er logische Gedanken vortrug, die ihrer Aufmerksamkeit wert waren.

Konnte die Art und Weise, wie Paulus das Evangelium dar­stellte, einer solchen harten und stren en Prüfung auf dem Mars-Hügel standhalten? Mehrere Minuten lang schien alles sich gut anzulassen. Paulus begann mit dem Zeugnis des Al­tars von Epimenides und ging dann über zum Zeugnis der Schöpfung von Gott. Von hier aus kam er nun auf die Unver­einbarkeit eines allmächtigen Schöpfergottes mit dem Göt­zendienst. Im Verlauf seiner Ausführungen erreichte er es schließlich, den Götzendienst in Athen als „,Unwissenheit" darstellen zu können, ohne dabei sein Publikum zu verlieren.


 


So sprach er weiter:„Nun aber läßt er (Theos) den Menschen sagen, daß sie alle überall Buße tun sollen. Denn er hat einen Tag festgesetzt, an welchem er den Erdkreis mit Gerechtig­keit richten will durch einen Mann, den er dazu ausersehen und den er für alle durch seine Auferweckung von den Toten beglaubigt hat" (vergl. Apg. 17, 30-31).

Mit anderen Worten: Nachdem Paulus einen „Augen-Öff­ner" gefunden und gebraucht hatte, um die Grundlage zu le­gen, ging er über zur Ausführung des zweiten Befehls Jesu, nämlich die Athener dazu zu bringen, sich „von der Finsternis zum Licht zu bekehren". Dann fuhr er fort: „...Er hat allen dadurch den Beweis gegeben, daß er ihn auferweckt hat aus den Toten." Und hier — zum erstenmal — ließ Paulus eine Lük­ke in der Logik seiner Ausführungen.-Eierivante die Aufer­stehung des Mannes, den Gott dazu bestimmt hatte, die Welt zu richten, ohne zuerst erklärt zu haben, wie und warum Jesus sterben mußte.

Sofort griffen die Philosophen ihn an — zu ihrem eigenen geistlichen Nachteil. „Als sie aber von einer Auferstehung der Toten hörten, spotteten die einen, die andern aber sagten: Wir wollen dich hierüber später noch einmal hören. So ging Paulus hinweg" (Apg. 17,32-33).2a

Paulus hatte seinen Zuhörern bereits deutlich gemacht, mit welcher Inkonsequenz sie den Götzendienst tolerierten, wenn nicht gar unterstützten. Das war keine kleine Leistung inmit­ten einer Gesellschaft von Leuten ,die so stolz auf die Logik ih­rer Vernunft waren. Wirklich aufrichtige Sucher nach Wahr­heit wären zumindest seinen einleitenden Gedanken weiter gefolgt und hätten ihn nicht wegen eines späteren Formfehlers abgewiesen.

Nicht alle jedoch bezweifelten seine Ausführungen über die Auferstehung: „Etliche Männer aber hingen ihm an und wurden gläubig, unter welchen war Dionysius, einer aus dem Rat" (Apg. 17, 34).2b Aus der Überlieferung des 2. Jahrhun­derts geht hervor, daß Dionysius später der erste Bischof von Athen wurde! Sein Name ist von Dionysos abgeleitet, einem griechischen Gott, dessen Theologie die Vorstellung einer Auferstehung der Toten einschließt. Könnte hier wohl eine


Verbindung liegen zwischen jenem Gedankengang und des Dionysius persönlichem Eingehen auf einen Mann, der so mutig die Lehre von der Auferstehung vertrat?

Später setzte der Apostel Johannes die Annäherung des Paulus an das griechisch-philosophische Denken fort, indem er einen Lieblingsausdruck der Philosophen, den Logos, Je­sus als Titel verlieh. Ein griechischer Philosoph namens Hera­klit gebrauchte als erster diesen Begriff etwa 600 Jahre vor Christus und bezeichnete damit den göttlichen Grund oder Plan, der ein sich ständig wandelndes Universum in Einklang bringt. Logos bedeutet ganz einfach „Wort". Die Juden ihrer­seits betonen das m&nar (aramäisch für „Wort") des Herrn. Johannes sah im griechischen Logos und im jüdischen trdmar eine grundsätzliche Beschreibung der gleichen theologisch gültigen Wahrheit. Er stellte Jesus Christus als die Erfüllung beider Begriffe dar, als er schrieb: „Am Anfang war das Wort (Logos), und das Wort (Logos) war bei Gott (Theos), und Gott (Theos) war das Wort (Logos) ... Und das Wort (Logos) ward Fleisch (Mensch) und wohnte unter uns..." (Joh. 1, 1.14).

In dieser lebendigen Nebeneinanderstellung der beiden griechischen Begriffe — Theos und Logos—in Beziehung zu Je­sus Christus stellt das Christentum sich selbst als Erfüllung und nicht als Zerstörung des „Melchisedek-Faktors" in der griechischen Philosophie dar!

In der Tat werden solche Begriffe und Gedanken von christlichen Abgesandten zu den Griechen klar als Bestim­mung Gottes betrachtet, um so das Denken der Griechen für das Evangelium vorzubereiten. Sie fanden diese Begriffe aus der griechischen Philosophie genauso gültig wie die Ausdrük­ke für den Messias im Alten Testament, zum Beispiel „Lamm Gottes" oder „Löwe aus dem Stamme Juda". Und sie verwen­deten beide Ausdrucksweisen gleich freimütig, um die Person Jesu Christi in den Zusammenhang sowohl der jüdischen als auch der griechischen Kultur einzusetzen.

Taucht in Ihnen jetzt nicht eine bestimmte Frage auf? Sie ist nicht zu vermeiden. Wenn der Allmächtige in einer der heidnischen Kulturen — wie hier bei den Griechen — ahnungs‑


volle Gedankengänge über Gott und Christus vorherbe­stimmt hatte, um die Annahme der Erlösung zu erleichtern, könnte er dann nicht Ähnliches in andern heidnischen Kultu­ren getan haben? Vielleicht sogar in allen?

Mit anderen Worten: Hat der Gott, der das Evangelium für die Welt vorbereitet hat, nicht auch die Welt für das Evange­lium vorbereitet? Und wenn das so ist, dann wäre die gängige Annahme von Millionen Gläubiger und Ungläubiger einfach falsch, daß Heiden das Evangelium nicht verstehen und im all­gemeinen diese Botschaft nicht annehmen wollen, daß es in­folgedessen ungerecht sei (und die Arbeit nicht lohne), zu ver­suchen, es ihnen aufzudrängen.

Im weiteren Verlauf dieses Buches (und in einem weiteren Band, der für die Zukunft geplant ist) möchte ich beweisen, daß diese Annahme falsch ist. Gott hat die Heidenwelt wirk­lich für das Evangelium vorbereitet. Eine eindrucksvolle Zahl von Nicht-Christen hat sich williger erwiesen, das Evangelium anzunehmen, als Christen bereit gewesen sind, es ihnen mit­zuteilen!

Die Inkas

Der Apostel Paulus nannte Epimenides einen „Propheten". Man fragt sich, welchen Titel er Pachacuti erteilt hätte, dessen geistliche Einsicht als Heide die des Epimenides noch weitaus übertroffen hat.

Pachacuti (manchmal schreibt man Pachacutec) regierte als König von Südamerikas unglaublich hoch entwickelter In­ka-Kultur von 1438 bis 1471 n. Chr.3. Nach dem verstorbenen Philip Ainsworth Means, der wichtigsten Autorität in Fragen der Anden-Kultur, war es Pachacuti, der das Königreich der Inkas zur höchsten Blüte brachte4. Worin lagen einige seiner hervorragenden Leistungen? Zum Beispiel: Als Pachacuti Cuzco, die Hauptstadt der Inkas, wieder aufbaute, arbeitete er in wirklich großem Maßstab. Es gab eine Fülle von Palä‑


sten, Festungswerken und einen aufpolierten Sonnentempel. Dann fügte er „einen sagenhaften goldenen Bezirk" in Cori­cancha hinzu, ein Gebäude, das an „Herrlichkeit mit Salomos Tempel in Jerusalem konkurrieren konnte"5. Er baute auch eine lange Reihe Festungen, um sein Königreich im Osten vor der Invasion durch Stämme des Amazonasbeckens zu schüt­zen. Eine Festung — das majestätische Machu Picchu — wurde eine Zeitlang die letzte Zuflucht für die oberen Klassen der Inkas bei ihrer Flucht vor den brutalen spanischen Eroberern. Tatsächlich fanden die Eroberer Machu Picchu niemals. Pa­chacuti baute das Festungswerk auf einer hochragenden Berg­kette, wo es von unteren Regionen aus nicht gesehen werden konnte.

Mehrere Jahrhunderte lang war die Kenntnis über die Exi­stenz von Machu Picchu für die Außenwelt verloren. Dicker Ur­wald überwucherte das Gebiet. Nur ein paar Quechua-Indianer wußten, wie sie diesen Ort finden konnten. Im Jahr 1904 er­kannte ein Ingenieur namens Franklin von einer entfernten Bergspitze aus die Ruinen. Er berichtete Thomas Paine über die Lage der Bauten. Der Engländer Paine war Missionar der „Mis­sion in unerforschten Ländern" (RBMU). Mit dem Missionar Stuart McNairn zusammen stieg Paine 1906 hinauf zu den Rui­nen. Mit staunender Bewunderung standen sie davor. Erst im Jahr 1910 besuchte der Ethnologe Hiram Bingham von der Yale Universität Thomas Paine in Urco, da er von dessen Ent­deckung gehört hatte. Paine rüstete Bingham zuvorkommend aus mit Maultieren und Führern für die Reise zu den Ruinen. Nachdem Bingham dort gewesen war7, bezeichnete er sich in gewissenloser Weise überall in der Welt als „Entdecker von Machu Picchu, der verlorenen Stadt der Inkas"!

Bingham zog es, nebenbei bemerkt, vor, mit keiner einzi­gen Zeile auf Thomas Paine hinzuweisen, sondern erwähnte nur „örtliche Gerüchte", die ihn zur Nachprüfung bewogen hätten.

Der Arzt Daniel Hayden, der Thomas Paine seit vielen Jahren von Peru her kannte, bestätigt, daß Paine — ein demü­tiger, bei den Nachkommen der Inkas in ganz Peru sehr be­liebter Mann, es vorzog, Binghams „Übersehen" nicht zu


korrigieren. Paine ist nur einer von unzähligen christlichen Missionaren, deren Beiträgen zur Wissenschaft von Wissen­schaftlern die Anerkennung versagt geblieben ist.

Millionen Touristen haben Machu Picchu besucht, seit Pe­rus neue „Hiram-Bingham-Straße" es im Jahre 1948 zugäng­lich gemacht hat. Jeder, der durch die Pracht von Machu Pic­chu beeindruckt worden ist, sollte wissen, daß Pachacuti, dem König, der das alles gegründet hat, eine weit bedeutendere Leistung zugeschrieben wird als nur eine Menge Festungen, Städte, Tempel oder Denkmäler gebaut zu haben. Pachacuti war wie Epimenides ein geisterfüllter Forscher, der — um mit den Worten des Apostels zu sprechen (vgl. Apg. 17, 27) — ei­nen Gott suchte und fand, der weitaus größer als irgendein po­pulärer „Gott" seiner eigenen Kultur war. Anders jedoch als Epimenides entschied Pachacuti sich nicht dafür, diesen Gott, den er entdeckt hatte, in der Kategorie des Unbekannten zu lassen. Er nannte diesen Gott mit Namen.

Fast jeder, der etwas über die Inkas weiß, weiß auch, daß die Inkas Inti, die Sonne, vergöttlichten.

Schon im Jahre 1575 sammelte ein spanischer Priester mit Namen Cristobel de Molina in Cuzco eine ganze Anzahl geist­licher Gesänge der Inkas und bestimmte Traditionen, die sich mit ihnen verbanden. Diese Sammlung beweist, daß die Gott­heit Intis nicht immer von den Inkas selbst unangezweifelt blieb. De Molina schrieb diese Hymnen und die damit ver­bundenen Traditionen in der Sprache der Inkas, Quechua, auf, wobei er sich der Orthographie des Spanischen bediente. Die Inkas selbst hatten nämlich keine Schrift. Diese Samm­lung der Tradition und Lieder reicht zurück bis zur Regierung Pachacutis.

Moderne Gelehrte, die Molinas Sammlung wiederent­deckten, staunten über ihren revolutionären Inhalt. Zuerst glaubten einige gar nicht, daß sie wirklich aus der Inkazeit stammen. Sie glaubten, de Molina hätte der originalen Inka-Fassung seine eigenen europäischen Vorstellungen eingefügt. Alfred Metraux jedoch stimmt in seiner „History of the In­cas" (Geschichte der Inkas) mit Professor John H. Rowe überein, der — sagt er — „verstanden hat, diesen geistlichen


Gesängen ihre Originalfassung wiederzugeben, überzeugt, daß nichts von den Lehren der spanischen Missionare darin enthalten ist. Die benützten Formen und Ausdrücke sind grundsätzlich anders als die der christlichen Liturgie in der In­kasprache"8.

Eine weitere Bestätigung für die Echtheit der Sammlung de Molinas ist aufgetaucht. Noch eine weitere Hymne der gleichen Art, so sagt Metraux, war „wunderbar erhalten ge­blieben durch Yamqui Salcamaygua Pachacuti, einen indiani­schen Chronisten des 17. Jahrhunderts... Man muß nur (die­sen Gesang mit jenen) Hymnen vergleichen, die von de Moli­na im Jahre 1575 gesammelt wurden, um zu erkennen, daß sie alle zur gleichen literarischen und religiösen Überlieferung gehören"9.

Metraux stellt fest: „Die Tiefe der Gedanken und die erha­bene Lyrik (des durch Yamqui erhaltenen Inka-Gesangs) können jedem Vergleich mit den schönsten Psalmen standhal­ten."1°.

Was war denn so revolutionär an diesen Hymnen? Die mit ihnen entdeckten Überlieferungen stellen unverblümt fest, daß Pachacuti — der König, der der Sonnenanbetung so hinge­geben war, daß er den Inti-Tempel in Cuzco wieder aufbaute —später die volle Glaubwürdigkeit seines Gottes zu bezweifeln begann! Philip Ainsworth Means, der Pachacutis Unzufrie­denheit mit Inti kommentierte, schreibt: „Er führt aus, wie jener Himmelskörper immer einem bestimmten Pfad folgt, bestimmte Aufgaben ausführt und feste Zeiten einhält wie ein Arbeiter." Mit anderen Worten: Wenn Inti Gott ist, warum tut er dann niemals etwas grundlegend Neues? Der König dachte weiter nach. Er bemerkte, daß „die Sonnenstrahlen durch jede vorbeiziehende Wolke abgeschwächt werden kön­nen". Anders ausgedrückt: Wenn Inti wahrer Gott wäre, könnte kein anderes, nur geschaffenes Ding sein Licht ver­dunkeln oder abschwächen!ll

Plötzlich wurde Pachacuti überwältigt von der Erkenntnis, daß er nur einen Gegenstand als Schöpfer angebetet hatte! Mutig griff er die unausweichlich folgende Frage auf: Wenn Inti nicht der wahre Gott ist, wer ist es dann?


Wo konnte ein heidnischer Inka, der keinen Zugang zur jü­disch-christlichen Gotteserkenntnis hat, eine Antwort auf ei­ne derartige Frage bekommen?

Die Antwort ist sehr einfach — aus alten Überlieferungen, die schlafend in seiner eigenen Kultur liegen! Daß das möglich ist, wurde von niemand anderem als dem Apostel Paulus vor­ausgesehen, als er schrieb, daß Theos in der Vergangenheit hat „alle Heidenvölker ihre eigenen Wege gehen lassen; doch (hat er) sich selbst nicht unbezeugt gelassen..." (Apg. 14, 16­17).

Pachacuti nahm das Gotteszeugnis, das er unmittelbar aus der Schöpfung abgeleitet hatte, und schloß es mit der fast er­loschenen Erinnerung in seiner eigenen Kultur an Viracocha, den Herrn, den allmächtigen Schöpfer aller Dinge, zusam‑

men. na

Das einzige, was von der Treue der frühen Inkas zu Viraco­cha geblieben war, war ein Schrein, der Quishuarcancha ge­nannt wurde und sich im oberen Vilcatiota Tal befand12. Pa­chacuti erinnerte sich auch, daß sein eigener Vater, Hatun Tu­pac, einst wünschte, im Traum von Viracocha Rat zu erhal­ten. Viracocha erinnerte Hatun Tupac in jenem Traum daran, daß er wirklich der Schöpfer aller Dinge sei. Hatun Tupac gab sich daraufhin sofort (wagen wir zu sagen dreist?) den Namen Viracocha!

Die Vorstellungen über Viracocha waren deshalb wahr­scheinlich aus alter Vorzeit. Die Anbetung Intis war unter die­sem Gesichtspunkt nur eine spätere Abweichung von einem reineren, ursprünglicheren Glaubenssystem. Metraux nimmt das an, wenn er bemerkt, daß Viracocha-ähnliche Figuren in indianischen Kulturen „von Alaska bis Tierra del Fuego" vor­herrschen13, während Sonnenanbetung nur in verhältnismä­ßig wenigen Kulturen erscheint.13a

Pachacuti stellte offensichtlich fest, daß sein Vater etwas Grundsätzliches und Echtes wiederentdeckt, aber diese Ent­deckung nicht so weit ausgebaut hatte, wie sie es wert gewesen wäre! Er beschloß, daß er, als der Sohn seines Vaters, die von seinem Vater ertastete Wahrheit weiterführen wollte (oder war es eigentlich diese Wahrheit, die ihn selbst in größere Weite führte?).


Ein Gott, der alle Dinge geschaffen hat, so folgerte Pacha­cuti, verdient Anbetung! Und es wäre absurd, gleichzeitig ei­nen Teil seiner Schöpfung anzubeten, als sei diese er selbst! Pachacuti kam zu einer schnellen Entscheidung — dieser „Inti­als-Gott-Unsinn" war nun lange genug im Umlauf gewesen, wenigstens was ihn und seine Vornehmen betraf.

Pachacuti wurde aktiv. Er berief einen Kongreß der Son­nenpriester ein — eine Art heidnisches Äquivalent zum Konzil zu Nizäa, wenn Sie so wollen — in dem wunderschönen Cori­cancha. Ein Gelehrter nennt diesen Kongreß tatsächlich das Konzil von Coricancha und reiht es somit ein unter die großen theologischen Konzilien der Geschichte14. Auf diesem Konzil legte Pachacuti seine Zweifel über Inti in den „drei Lehrsät­zen" dar:

1.    Inti kann nicht Weltgeltung haben, wenn er, während er einigen Licht gibt, es anderen vorenthält.

2.    Er kann nicht vollkommen sein, wenn er niemals in Ruhe verweilen kann.

3.    Auch kann er nicht allmächtig sein, wenn die kleinste Wol­ke ihn verdecken kann15.

Pachacuti erweckte dann die schwache gemeinsame Erin­nerung seiner Untertanen aus dem Adel an den allmächtigen Viracocha, indem er dessen ehrfurchtgebietende Eigenschaf­ten aufzählte: „Er ist von alters her weit entfernt von uns, er­haben und urgeschaffen. Auch braucht er nicht die derbe Be­friedigung durch eine Ehegemeinschaft. Er offenbart sich als Dreieinigkeit, wenn er will, ...andererseits wird seine Ein­samkeit nur umgeben von himmlischen Kriegern und Erzen­geln. Er hat alle Völker durch sein ,Wort' erschaffen (Schat­tierungen aus Heraklit, Plato, Philo und dem Apostel Johan­nes!) ebenso wie alle ,huacas' (Geister). Er ist das Glück des Menschen, bestimmt seine Jahre und ernährt ihn. Er ist tat­sächlich das wahre Prinzip des Lebens, denn er wärmt die Menschen durch seinen erschaffenen Sohn Punchao (die Son­nenscheibe, die sich von Inti irgendwie unterschied). Er ist ein Friedensbringer und ein Befehlshaber. Er ist in sich selbst ge­segnet und hat Mitleid mit dem Elend der Menschen. Er allein verurteilt sie und vergibt ihnen auch, und er befähigt sie, ihre üblen Neigungen zu bekämpfen16."


Dann befahl er, daß Inti von nun an nur noch als „Ver­wandter" respektiert werden sollte, einfach als eine Mit-Kreatur. Gebete sollten mit tiefster Ehrerbietung und Demut an Viracocha gerichtet werden17. Im Anschluß an das Konzil komponierte Pachacuti ehrfürchtige Hymnen an Viracocha, Gesänge, die in der Folgezeit ihren Weg in de Molinas Samm­lung fanden.

Einige der Sonnenpriester reagierten mit „bitterer Feind­seligkeit"18.

Pachacutis Aussagen trafen ihre althergebrachten Interes­sen wie Bomben. Andere fanden Pachacutis Logik unwider­stehlich und erklärten sich damit einverstanden, Viracocha Ehre zu geben und ihm Treue zu halten! Aber diese kamen durch ein sehr praktisches Problem in Verwirrung: Wie wür­den die Massen reagieren, wenn die Sonnenpriester plötzlich ankündigten: „Alles, was unsere Priesterschaft in den letzten paar Jahrhunderten verkündet hat, ist falsch gewesen! Inti ist überhaupt nicht Gott! Diese riesigen Tempel, die ihr für ihn mit ungeheurer Mühe — und auf unseren Befehl hin — erbaut habt, sind null und nichtig. Alle Rituale und Gebete im Zu­sammenhang mit Inti sind vergeblich und nutzlos gewesen. Jetzt müssen wir bei Null ganz neu beginnen mit dem wahren Gott — mit Viracocha!"

Könnte solch eine Mitteilung nicht Zynismus erregen oder gar einen sozialen Aufruhr bewirken?

Pachacuti beugte sich der politischen Zweckmäßigkeit. „Er ordnete an ... , daß die Anbetung von Viracocha sich be­schränken sollte auf die regierende Kaste, (denn sie war) ... zu unfaßbar und erhaben für das gewöhnliche Volk".19

Um fair zu sein, Pachacuti mag gehofft haben, daß die An­betung und Verehrung Viracochas sich nach und nach wie Sauerteig auch bis zu den einfacheren Leuten durchsetzen würde. Aber für diese seine Reformation blieb nicht genug Zeit. Pachacuti konnte sich kaum vorstellen, wie schicksalhaft seine Entscheidung für die bevorzugten oberen Schichten war. Die oberen Klassen sind, historisch gesehen, ausgespro­chen kurzlebige soziale Erscheinungen; es ist im allgemeinen das gewöhnliche Volk, das Bestand hat. So erwies es sich auch


mit der höheren Kaste der Inkas. Innerhalb eines Jahrhun­derts nach Pachacutis Tod hatten die erbarmungslosen spani­schen Eroberer sowohl die königliche Familie als auch die Oberschicht ausgelöscht. Da die soziale Unterschicht in geist­liche Finsternis verbannt worden war mit ihren falschen An­sichten über Inti und andere erfundene Götter, war sie unfä­hig, Pachacutis Reformation fortzusetzen. So erstarb diese, als sie noch in den Kinderschuhen steckte — eine Mini-Refor­mation.

Warum brach das Inka-Reich innerhalb eines Jahrhunderts nach seinem Höhepunkt unter König Pachacuti zusammen? War Viracocha böse, weil die Oberschicht die Erkenntnis über seine Person dem allgemeinen Volk vorenthielt? Und was wäre geschehen, wenn christliche Missionare aus Europa Peru zwei oder drei Generationen vor den Eroberern erreicht hätten? Sicherlich war jene Zeitspanne die günstigste Zeit für die Ankunft des Evangeliums. Das Interesse an dem einen, allmächtigen Gott war in der königlichen Familie und in der Oberschicht auf seinem Höhepunkt, und Träger der Guten Nachricht hätten etwa ein Jahrhundert Zeit gehabt, eine herr­liche geistliche Ernte im gesamten Königreich einzubringen, bevor die Eroberer eindrangen. Die Inkas selbst glaubten au­ßerdem einer vagen Prophezeiung, daß Viracocha eines Ta­ges ihnen Segen aus dem Westen bringen würde, d. h. über den Seeweg. Aber barmherzige Überbringer der Frohen Bot­schaft, wer immer sie hätten sein können, versagten. An ihrer Stelle kam ein herzloser politischer Eroberer und gewinn­süchtiger Handelsmann — Pizarro — und seine räuberische Ar­mee. Pizarro gab vor, im Namen Gottes zu handeln, erreichte Peru auf dem Seeweg und nutzte die monotheistischen Erwar­tungen der Inkas aus, um dadurch sowohl die Inkas selbst als auch ihr Königreich zu vernichten.

Und noch vor Pizarro beutete Hernando Cortez ähnliche Erwartungen bei den Azteken aus und vernichtete ihr Reich. Wie ganz anders hätte die Geschichte verlaufen können, hät­ten nur wahre Verkündiger des Evangeliums zuerst dort Fuß gefaßt! Nicht nur, um ihre Botschaft zu bringen, sondern auch, um den Azteken und Inkas zu dienen, ihnen und ande‑


ren gefährdeten Völkern beider Amerikas als Vermittler zu helfen, sie schon im voraus zu lehren, wie sie mit denen umge­hen könnten, die sie politisch oder geschäftlich ruchlos über­vorteilen wollten. Die Azteken und Inkas würden sich dann nicht vor Cortez und Pizarro gebeugt haben, weil sie in ihnen nicht die Erfüllung ihrer Erwartungen gesehen hätten, da die­se schon erfüllt gewesen wären! Jene Reiche der Maya, Azte­ken und Inkas hätten dann bis zum heutigen Tage überleben können.

Und welche Ironie liegt darin, daß spanische Katholiken in ihrem Eifer, den „Götzendienst" der Inkas abzuschaffen, ei­nen monotheistischen Glauben zerstörten, der sich in Wirk­lichkeit als ein vorläufiges „Altes Testament" gebildet hatte, um das Verständnis Tausender für die Frohe Botschaft zu öff­nen, daß Viracocha in der Person seines Sohnes Mensch ge­worden ist. Beachten Sie, daß ich sagte: „vorläufiges", nicht „als Ersatz dienendes" Altes Testament.

Omar Khayyäms „sich bewegende Hand" jedenfalls „schreibt, und nachdem sie geschrieben hat, bewegt sie sich weiter". Jetzt ist es zu spät, Pachacuti und sein Volk zurückzu­holen, um sie gerechter zu behandeln, als es die Spanier taten. Und was nun? Es geht jetzt darum, daß wir als Kinder unserer jetzigen Generation den Nachkommen Pachacutis, die den spanischen Holocaust überlebt haben, nämlich den Que­chuas, gerecht werden.

Laßt uns die Reformation Pachacutis unter historischer Perspektive betrachten! Einen Augenblick lang wollen wir ihn mit Echnaton, einem ägyptischen Pharao, vergleichen, der sich auch um eine religiöse Reform bemühte. Ägyptolo­gen werten Echnaton (1379 bis 1361 vor Christus) als ein selte­nes Genie.19a Er versuchte — wenn auch erfolglos —, den unge­heuer verworrenen Götzendienst in dem Ägypten des Alter­tums durch die Anbetung der Sonne zu ersetzen.20 Doch Pa­chacuti steht weit höher als Echnaton, denn ihm war klar ge­worden, daß die Sonne, die menschliche Augen nur blenden konnte, niemals einem Gott gleich und ebenbürtig sein konn­te, der viel zu groß war, als daß menschliche Augen ihn sehen konnten. Wie merkwürdig, daß Wissenschaftler Echnatons


Reformen weit verbreiteten, die des Pachacuti jedoch prak­tisch ignorierten!

Für diese spitzfindigen Vorurteile der Gelehrten gibt es al­lerdings Gründe, auf die ich nachfolgend eingehen möchte.

Zunächst wollen wir einmal folgendes klarstellen: Wenn Echnatons Sonnenanbetung eine Stufe höher stand als der Götzendienst, dann war Pachacutis Entscheidung für einen Gott, der weit über der Sonne stand, ein Sprung hinauf in die Stratosphäre! Einen Mann wie Pachacuti im Peru des 15. Jahrhunderts zu entdecken, ist genauso verblüffend, wie ei­nen Abraham in Ur oder einen Melchisedek unter den Kanaa­nitern zu finden! Wäre es möglich, in jene Zeit zurückzukeh­ren, dann wäre Pachacuti ein Mann, den ich gern näher ken­nenlernen würde! Ich nenne ihn gern den „Inka-Melchise­dek".

Sowohl die Athener und Kreter zur Zeit von Epimenides als auch die Inkas zur Zeit von Pachacuti sind gestorben, ohne das Evangelium von Jesus Christus gehört zu haben. Wie ist das nun? Gibt es keine heidnischen Völker, die tatsächlich den einen Gott vorausahnten und es auch erlebten, den Segen des Evangeliums zu erhalten?

In der Tat berichtet die Geschichte von vielen. Hier ein Beispiel:

Die Santal

Im Jahre 1867 fanden ein bärtiger norwegischer Missionar mit Namen Lars Skrefsrudma und sein dänischer Mitarbeiter, ein Laie namens Hans BOrreson, ein Volk von zweieinhalb Mil­lionen, die Santal, die in einer Region nördlich von Kalkutta in Indien lebten. Skrefsrud erwies sich schon bald als erstaun­licher Linguist. Nach einer sehr kurzen Zeit sprach er das San­tal so fließend, daß die Leute meilenweit herkamen, nur um einen Ausländer ihre Sprache so gut sprechen zu hören!


Sobald wie möglich fing Skrefsrud an, den Santal das Evan­gelium zu verkündigen. Natürlich war er gespannt, wie viele Jahre es dauern werde, bis das Santal-Volk, das bis dahin so weit von jüdischen und christlichen Einflüssen entfernt war, auch nur Interesse am Evangelium zeigen, geschweige denn, diesem das Herz öffnen würde.

Zu Skrefsruds größtem Erstaunen waren die Santal fast so­fort wie elektrisiert von der Botschaft. Er hörte, wie ihre wei­sen Männer ausführlich darüber sprachen, und einer von ih­nen, Kolean, rief aus: „Was dieser Fremde sagt, beweist, daß Thakur Jiu uns nach so langer Zeit dennoch nicht vergessen hat!"

Vor Erstaunen hielt Skrefsrud den Atem an. Thakur war ein Wort aus der Santal-Sprache und bedeutete „echt" oder „wahr". Jiu bedeutete „Gott". Der wahre Gott? Es zeigte sich deutlich, daß Skrefsrud ihnen nicht eine neue Auffassung vor­legte, als er über den allerhöchsten Gott sprach. Die Santal­Weisen schoben seine bisher gebrauchte Ausdrucksweise für Gott höflich beiseite und bestanden darauf, daß Thakur Jiu der richtige Name sei, der benutzt werden solle. Offensicht­lich war dieser Name schon sehr lange von den Santal ge­braucht worden!

„Wieso wißt ihr etwas über Thakur Jiu?" fragte Skrefsrud (vielleicht ein bißchen enttäuscht).

„Unsere Vorväter kannten ihn vor langer Zeit", antworte­ten die Santal strahlend.

„Sehr gut", fuhr Skrefsrud fort, „ich habe noch eine zweite Frage. Wenn ihr doch etwas über Thakur Jiu wißt, warum be­tet ihr an seiner Stelle dann die Sonne an oder, was noch schlimmer ist, die Dämonen?"

Die Mienen der Santal wurden wehmütig. „Das", antwor­teten sie, „ist eben die schlechte Nachricht." Dann trat der Sprecher Kolean vor und sagte: „Laß mich dir unsere Ge­schichte ganz von Anfang an erzählen."

Nicht nur Skrefsrud, sondern auch alle jüngeren Santal, die sich eingefunden hatten, wurden ganz still, als Kolean, ein an­gesehener Ältester, eine Geschichte erzählte, die den Staub vieler Zeitalter der Santal-Vergangenheit hochwirbeln ließ.


Vor langer, langer Zeit, so Kolean, schuf Thakur Jiu, der echte Gott, den ersten Mann — Haram — und die erste Frau —Ayo — und versetzte sie weit in den Westen Indiens in ein Ge­biet, das Hihiri Pipiri hieß Ein Wesen namens Lita verführte sie dazu, Reisbier zu machen. Dann verlockte es sie dazu, ei­nen Teil des Bieres auf den Boden zu schütten als Opfer für Satan. Vom Rest des Bieres wurden Haram und Ayo betrun­ken und schliefen ein. Als sie erwachten, wußten sie, daß sie nackt waren, und schämten sich. Skrefsrud staunte über die biblische Parallele in Koleans Geschichte.

Aber die Geschichte ging noch weiter...

Später gebar Ayo dem Haram sieben Söhne und sieben Töchter, die sich heirateten und sieben Sippen gründeten. Diese Sippen wanderten aus in eine Region, die Kroj Kaman hieß. Dort verfielen sie der Korruption. Thakur Jiu mahnte die Menschheit, „zu ihm zurückzukehren". Als die Menschen diesen Ruf ablehnten, verbarg Thakur Jiu „ein heiliges Paar" in einer Höhle des Berges Harata (achten Sie auf die Ähnlich­keit zum biblischen Namen Ararat). Dann vernichtete Tha­kur Jiu die übrige Menschheit durch eine Flut. Später ver­mehrten sich die Nachkommen des „heiligen Paares" und wanderten aus in die Ebene Sasan Beda („Senf-Feld"). Dort teilte Thakur Jiu sie in viele verschiedene Völker auf.

Ein Zweig der Menschheit, den wir „Proto-Santal" nennen wollen, wanderte zuerst nach „Jarpiland" und dann immer weiter östlich „von Wald zu Wald", bis hohe Berge ihnen den Weg versperrten. Verzweifelt suchten sie einen Weg durch das Gebirge, aber jeder Pfad erwies sich als ungangbar, zu­mindest für ihre Frauen und Kinder Ähnlich wie die Kinder Israel in der Wüste Sinai wurde das Volk auf der Reise müde und erschöpft.

In jenen Tagen, so erklärte Kolean, erkannten die Nach­kommen des heiligen Paares noch Thakur Jiu als den wahren und echten Gott an. Als sie jedoch dieser Krise gegenüber­standen, verloren sie ihren Glauben an ihn und taten den er­sten Schritt hin zum Spiritismus. „Die Geister dieser großen Berge haben unseren Weg blockiert", sagten sie. „Kommt, wir wollen ihnen einen Eid schwören, damit sie uns


weiterlassen." So verbündeten sie sich mit den „Maran Buru" (Geister der großen Berge) und sagten: „Oh, Maran Buru, wenn ihr uns die Pfade freigebt, dann werden wir euch Geister befriedigen, sobald wir auf der anderen Seite ankommen."

Skrefsrud hatte es schon seltsam gefunden, daß der Santal­name für böse Geister wörtlich „Geister der großen Berge" heißt, zumal überhaupt keine großen Berge zu finden sind im heutigen Heimatland der Santal. Jetzt verstand er.

„Kurz darauf", fuhr Kolean fort, „kamen sie auf einen Paß (den Khyber Paß?) in Richtung des Sonnenaufgangs." Sie nannten den Paß Bain, was „Tagestor" heißt. So brachen die Proto-Santal durch in die Ebene, die jetzt Indien heißt. Späte­re Wanderungen führten sie noch weiter nach Osten ins Grenzgebiet zwischen Indien und Bangladesh, wo sie das heu­tige Santal-Volk wurden.2'

Kolean erklärte dann weiter, daß sein Volk seit jener Zeit, als sie das Tagestor passiert hatten, sich verpflichtet fühlte, den Schwur ihrer Vorväter den Maran Buru gegenüber zu hal­ten. Und immer noch, auch wenn die Santal längst nicht mehr in der Nähe hoher Berge leben, ist doch der Name für die bö­sen Geister geblieben: „Maran Buru" — die Geister der großen Berge. Gebunden an diesen Eid, und nicht aus Liebe zu den Maran Buru, fingen die Santal an, Geisterbesänftigung und Zauberei zu treiben, sogar die Sonne anzubeten. Kolean fügte hinzu: „Anfangs hatten wir keine Götter. Unsere alten Vor­fahren gehorchten nur Thakur. Nachdem wir andere Götter entdeckten, vergaßen wir Thakur jeden Tag mehr. Übrig blieb nur noch sein Name."

„In dieser gegenwärtigen Zeit sagen einige", sprach Kole­an weiter, „daß der Sonnengott Thakur sei. Deshalb schauen bei religiösen Zermonien... (einige Leute) auf zur Sonne ... und sprechen zu Thakur. Aber die Vorväter haben uns ge­lehrt, daß Thakur seine ganz eigene Art hat. Er kann nicht mit Menschenaugen gesehen werden, aber er selbst sieht alles. Er hat alle Dinge geschaffen. Er hat alles an seinen Platz gestellt und ernährt alle, Große und Kleine" .22

Wie hat Skrefsrud geantwortet? Sicherlich haben einige Missionare in ähnlichen Situationen gesagt: „Vergeßt dieses


Wesen, das ihr für Gott haltet! Es kann nur der Teufel sein! Ich -werde euch sagen, wer der wahre Gott ist." Derartige überhebliche Reaktionen haben oft ganzen Völkern wegge­nommen, was an Aufnahmebereitschaft schon tief in ihnen vorhanden war.

Skrefsrud war nicht von dieser Sorte. Er wußte, daß Abra­ham ganz unbefangen Melchisedeks kanaanitischen Namen für Gott angenommen hatte. Er überlegte, daß auch Paulus, Barnabas, Johannes und ihre Nachfolger einem Pfad folgten, der von griechischen Philosophen gebahnt worden war, als sie die griechischen Namen Logos und Theos als gültige Namen für den Allmächtigen anerkannten. Deshalb konnte er auch ganz getrost der Führung Koleans und den Vorvätern der San­tal folgen und Thakur Jiu als den Namen für Jahwe unter den Santal akzeptieren.

Skrefsrud hatte nicht den Eindruck, daß ein entwürdigen­der Irrtum an den Namen Thakur Jiu gekettet ist. Es war nicht die Begriffsgruppe des Zeus, die Ablehnung verdiente, son­dern konnte wie Theos und Deus anerkannt werden. Weiter­hin begründete er seine Überlegungen so: Wenn ein Norwe­ger den Allmächtigen als „Gud" benennen konnte — ein Na­me, der genauso heidnischen Ursprungs ist, wie Theos oder Deus —, dann hatten auch die Santal ein Recht darauf, Gott Thakur Jiu zu nennen!

Skrefsrud erkannte den Namen an! Natürlich klang es auch merkwürdig in seinen Ohren, wenn seine eigenen Lippen Je­sus Christus als den Sohn Thakur Jius verkündigten! Aber das dauerte nur ein paar Wochen. Danach kam es ihm nicht mehr merkwürdig vor. Ohne Zweifel muß es in früheren Zeiten an­fangs geradeso fremd geklungen haben, wenn jemand sagte, Jesus Christus sei der Sohn von Theos oder Deus oder von Gud oder eben von Gott!

Machte da die Annahme des Santalnamens für Gott, wie Skrefsrud sie pflegte, einen Unterschied? Duftet eine Rose, wenn man sie anders nennt als Rose, nicht immer noch gleich süß? In einem Garten bestimmt! Aber nicht in der Erinne­rung! Allein schon das Wort „Rose" vermag zärtliche Erinne­rungen an Farbe und Duft in unseren Sinnen auszulösen.


Wenn man statt dessen das Wort „Distel" einsetzt, wird sich die Rose als solche nicht verändern, aber die freundlichen Erinnerungen sind dadurch abgeschnitten. Während unge­zählter Jahrhunderte wuchsen die Kinder der Santal auf und hörten ihre Eltern in ihren Gärten oder an den Feuerstellen sagen: „Oh, wenn nur unsere Vorfahren, diese Schufte, nicht einen solch schmerzlichen Fehler gemacht hätten! Wir wür­den heute noch Thakur Jiu kennen! Aber wie die Dinge nun stehen, haben wir den Kontakt mit ihm verloren. Wahrschein­lich hat er uns abgeschrieben als ein unwürdiges Volk und möchte mit uns nichts mehr zu tun haben, weil unsere Vorvä­ter ihm den Rücken kehrten in jener lange zurückliegenden Krise in den Bergen!"

Wenn der vertraute Name Thakur Jiu in der Santal-Offent­lichkeit fiel, dann löste er tausend wehmütige, sehnsüchtige Erinnerungen aus und führte die Zuhörer zu Nachdenklich­keit, Wißbegier und sogar zur Aufnahmebereitschaft.

Und genau das war die Wirkung, die durch Skrefsruds und Beerresons Predigt ausgelöst wurde!23 In der Tat, bevor Skrefsrud und BOrreson erfaßten, was ihnen geschah, fanden sie sich von buchstäblich Tausenden der Santal umgeben, die mit größter Aufgeschlossenheit begierig erfahren wollten, wie sie durch Jesus Christus wieder mit Thakur Jiu versöhnt wer­den könnten! Die Möglichkeit, daß der Riß zwischen ihrem Volk und Thakur Jiu wieder geheilt werden könnte, erregte sie ungeheuer!

Als die Unterweisung und Verkündigung zu Bekehrungen und Taufen führte, waren manche gesetzte Geistliche in den traditionsgebundenen Kirchen Europas bald geschockt durch die Berichte aus Indien, daß Skrefsrud und BOrreson durch­schnittlich während eines bestimmten Zeitraumes 80 freudige Santal-Taufen pro Tag durchführten!

„Da kann doch etwas nicht stimmen", sagten einige euro­päische Theologen; denn sie hielten es für unmöglich, daß „Heiden, die so lange in der Finsternis gelebt hatten", jetzt schon genug über Gott und den Weg der Erlösung wissen konnten, um so bald sowohl bekehrt als auch getauft zu wer­den, dazu in solch großer Anzahl! Selbst acht Taufen pro Tag


wäre für das Verständnis europäischer Geistlicher noch zuviel gewesen. Eine Taufe pro Woche wäre ihnen Beweis genug da­für gewesen, daß der Segen Gottes auf ihrer Arbeit lag!

Achtzig Taufen pro Tag zeigten jedoch, daß die jungen Santal-Gemeinden in „Hindu-Indien" mehr als 500mal so schnell wuchsen wie die meisten Gemeinden im „christlichen Europa"! Christen, die lange der Überzeugung waren, Mis­sion in Asien sei nutzlos, weil die Asiaten so festgefahren in ihren Ansichten seien, daß sie das Evangelium überhaupt nicht erfassen könnten, wurden dadurch gehörig zurechtge­staucht! Wann immer Skrefsrud und Borreson nach Europa zurückkehrten und Vorträge über ihre Arbeit hielten, wurden sie von Tausenden einfacher Gläubiger als Glaubenshelden umjubelt. Um von dem geistlichen Durchbruch unter den Santal zu erfahren, kamen die Interessierten meilenweit aus der Umgebung, um diese beiden Männer zu hören. Und das blieb nicht ohne Folgen. Viele Gemeinden in Europa erfuh­ren eine geistliche Belebung.

Im Wechsel mit der öffentlichen Wertschätzung, die die beiden Missionare Skrefsrud und BOrreson genossen, gab es allerdings auch Begegnungen mit mißbilligenden Klerikern, die sie mit hochgezogenen Augenbrauen befragten. Irgend­wie fühlten solche Leute sich immer noch gedrungen, die Nachhaltigkeit und Tiefe der geistlichen Umkehr der Santal zu bezweifeln. Vielleicht empfanden sie den überwältigenden Erfolg der beiden Missionare unter „rohen Heiden" als höchst unangenehm, weil er ein schlechtes Licht warf auf ihre eigene mühselig sich dahinschleppende Gemeindearbeit im „er­leuchteten Europa".

Zurück zur Santal-Front in Indien. Die Santal-Christen wuchsen im Glauben und erwiesen ihre Standhaftigkeit, in­dem sie mutig das Evangelium in ihren Alltag hineinnahmen und unter ihren eigenen Landsleuten verkündigten. Skrefsrud selbst zählte 15.000 Taufen während seiner Jahre in Indien. In dieser Zeit übersetzte er auch einen großen Teil der Bibel in die Santalsprache, stellte eine Santal-Grammatik und ein Wörterbuch zusammen, schrieb zahllose Traditionen der San­tal für die Nachwelt auf, überzeugte die Kolonial-Regierung


von der Wichtigkeit, Gesetze zum Schutz der Santal-Minder­heit herauszugeben, damit sie nicht mehr so sehr unter der un­barmherzigen Ausbeutung der Hindu-Nachbarn zu leiden hätten.

Überwältigt von der Größe der Ernte, die sie hier einbrin­gen konnten, sandten Skrefsrud, BOrreson und ihre Ehefrau­en einen Hilferuf aus! Andere Missionare eilten ihnen zu Hil­fe, um die so rasch reifende Ernte unter den Santal einzubrin­gen. Innerhalb weniger Jahrzehnte wurden weitere 85.000 Gläubige allein von Missionaren der Mission getauft, der Skrefsrud selbst angehörte. Inzwischen waren Baptisten und andere christliche Gruppen ins Land geeilt, um ebenfalls ih­ren Teil beizutragen. Das bewirkte, daß weitere Zehntausen­de der Santal Christen wurden.

Leider hatten einige der späteren Nachfolger von Skrefs­rud und Borreson nicht den Sachverstand und Schwung, durch den sich die beiden Pioniere ausgezeichnet hatten. Sie ermutigten die Santal-Gemeindeleiter, sich immer mehr auf die Betreuung der vielen hundert bereits vorhandenen Kir­chen zu beschränken. Dadurch ging leider kostbare evangeli­stische Triebkraft zur Bildung neuer Gemeinden verloren. Zum jetzigen Zeitpunkt ist die Wachstumsrate der Santal­Kirchen kaum besser als in den protestantischen Kirchen Eu­ropas. Anstatt der etwa 200.000 Gläubigen könnte die Zahl der Santal-Christen aller Denominationen heute mehr als ei­ne Million betragen, wenn die Wachstumsrate der Anfangs­zeit auch nur halb so hoch geblieben wäre!

Immerhin beweist die Santal-Geschichte, wie Hunderte andere auch, daß ganze Völker der nichtchristlichen Welt oft um ein vielfaches bereiter wären, das Evangelium anzuneh­men, als die meisten Christen bereit sind, es ihnen zu vermit­teln!

Koleans Erklärung Skrefsrud gegenüber, daß die Sonnen­anbetung der Santal sich mit Thakur Jius Namen vermischt hatte, ist von ganz hoher Bedeutung. Hier wird nämlich klar, warum oberflächlich geführte Untersuchungen oft versagt ha­ben, einige der zahllosen Gottes-Namen als Spuren eines ur­sprünglich weltweiten Monotheismus zu entdecken. Genau


wie der König von Sodom versuchte, sich in Abrahams Leben einzuschmeicheln, so haben auch Sonnenanbeter oder Göt­zendiener oft versucht, ihre Rituale aufzuwerten, indem sie sie mit dem Namen des wahren Gottes vermischten. Leute, die sich mit Okkultismus abgeben, tun es in der westlichen Welt oft mit dem Namen des Allmächtigen, indem sie den Na­men God, Gott oder Gud gebrauchen. Forscher, die nur die Kult-Rituale irgendeines Volkes untersuchen, können unter Umständen den ganz andere' Standpunkt viel scharfsichti­ger urteilender Leute — wie etwa Kolean bei den Santal — völlig übersehen. Man könnte zum Beispiel — oberflächlich und nur unter kulturanthropologischen Aspekten betrachtet — leicht zu dem irrigen Schluß kommen, Thakur Jiu sei der Name ei­nes Sonnengottes.

Kulturanthropologen neigen dazu, wenigstens im Anfang ihrer Untersuchungen sich an die farbigeren, fremdartigeren — und gewöhnlich okkulten — Aspekte einer Kultur zu halten. Und in der Tat definierte einmal ein Laie die Kulturanthropo­logie — wobei er nicht ganz unrecht hatte — als „die Beschäfti­gung mit dem Exotischen durch Exzentrik"! Missionare ande­rerseits scheuen sich gewöhnlich vor dem Okkulten mit sei­nem Zimbelklang, Weihrauch und eintönigem Singsang. Statt dessen suchen sie zu verstehen, was an moralischen Kontroll­systemen in das Gewebe anderer Kulturen eingearbeitet ist. Deshalb wird es Missionaren meist eher gelingen, den Stand­punkt verantwortungsbewußter Kulturangehöriger — wie Ko­lean — zu entdecken.

Die Erkenntnis eines allerhöchsten Gottes in den Urreligionen und die Evolutionisten

Ironischerweise geschieht es nun, wenn Missionare von sol­chen Entdeckungen berichten, daß Ethnologen spöttisch die Nase rümpfen und den Missionar beschuldigen, er übersetze andere Kulturen in der Ausdrucksweise seiner eigenen. Wenn ein Völkerkundler jedoch zufällig wirklich jemanden wie


Kolean entdeckt, der ganz deutlich und klar monotheistische Glaubensinhalte entwickelt, dann steht er leicht in der Ge­fahr, anzunehmen, dieser Mensch sei „offensichtlich von Mis­sionaren beeinflußt worden und daher überhaupt nicht kom­petent, etwas über die ursprüngliche Kultur seines Landes zu sagen". Das Ergebnis eines solchen Vorurteils ist schließlich, daß der Kulturanthropologe selbst zu einem unzuverlässigen Sprecher wird. Schlimmer noch: der Kulturanthropologe hat keine Ahnung davon, voreingenommen zu sein. Und das Tra­gischste von allem: die öffentliche Leichtgläubigkeit akzep­tiert den einseitigen Standpunkt des Ethnologen!

Später werde ich die historischen Wurzeln dieser Vorein­genommenheit mit Hilfe dreier Anthropologen untersuchen, die dieses Hauptvoruteil ihres eigenen Fachgebietes durch­schaut haben.

Kehren wir zurück zu den Möglichkeiten, daß okkulte Ver­bindungen sogar den gültigen Namen des wahren Gottes be­sudeln können, und beachten wir folgenden Fall: Huascar, der zwölfte Herrscher des Inka-Reiches (Pachacuti war der neunte), setzte tatsächlich ein goldenes Götterbild auf eine Insel im Titicacasee und nannte es Viracocha-Inti/24 Pachacu­tis Mumie muß sich in ihrem Grabgewölbe gedreht haben!

Der Name des griechischen Gottes Zeus ist ein weiteres Beispiel. Vergleichen Sie den Namen Zeus mit dem Namen Theos und Deus im folgenden Abschnitt:

Zeus

Theos (es wird der griechische Konsonant „theda" statt „th" gebraucht)

Deus

Man braucht kein Examen in Linguistik gemacht zu haben, um zu sehen, daß alle drei Namen aus der gleichen Sprach­wurzel stammen. Alle drei beginnen mit den Konsonanten —Z, Th und D —, wobei die Zungenspitze immer entweder zwi­schen den Zähnen oder unmittelbar dahinter sein muß. Alle drei Namen weisen als zweiten Laut das auf, was man in der Linguistik einen „hohen vorderen entrundeten Vokal", das „e" nennt. In allen drei Namen enthält die dritte Stelle die „hinten gerundeten" Vokale „o" oder „u". Und alle drei Na‑


men haben an vierter Stelle den Zischlaut „s". Schließlich ha­ben alle drei Namen eine ähnliche Bedeutung. Nun wollen wir eine theoretische Rekonstruktion der möglichen Geschichte dieser drei Begriffe versuchen.

Ursprünglich, bevor die griechische und die lateinische Sprache sich als verschiedene Sprachen voneinander abgrenz­ten, gab es einen Stammbegriff — vielleicht Theos —, was ein persönlicher Name für den Allmächtigen war. Später, als zahlreiche Sekten gängigere Untergötter erfanden und ihnen persönliche Namen gaben, erhob jede religiöse Gruppe An­spruch darauf, daß jeweils ihr privater Gott wirklich Theos sei. Das hatte zur Folge, daß sich im Lauf der Zeit die Aus­sprache veränderte. So wurde aus „Theos" in einem Sprach­bezirk „Deus" und im anderen „Theos" (mit dem griechi­schen „theda"); alle drei Ausdrücke aber erhielten die allge­meine Bedeutung von Gott, statt des einen wahren Gottes.

Eine Illustration soll das verdeutlichen: Gesichtstücher tauchten anfänglich unter dem Markennamen „Kleenex" auf. Nach und nach stellten konkurrierende Firmen andere Ge­sichtstücher her; der Name Kleenex war aber so unlöslich mit Gesichtstüchern verbunden, daß das Publikum auch das Kon­kurrenzerzeugnis „Kleenex" nannte. Mit anderen Worten: „Kleenex" als Marke wurde zu Kleenex allgemein, so wie „Deus", der einzige Gott, zu Deus als Gattungsbegriff wurde.

Philosophen wie Xenophanes, Plato und Aristoteles be­mühten sich tatsächlich, diesen Trend aufzuhalten und zum ursprünglichen Gebrauch von Theos als dem persönlichen Namen für den einen Gott zurückzukehren. Mit welchem Er­gebnis? Beide Namen, sowohl der ursprüngliche als auch der verallgemeinerte, fingen an, nebeneinander zu existieren.

Zeus, als die dritte Variante des ursprünglichen Deos, ent­ging einer Verallgemeinerung und überlebte als spezifischer, persönlicher Name. In der Tat gebrauchte Epimenides Zeus als persönlichen Namen für den Allmächtigen an anderer Stelle des gleichen Gedichtes, das der Apostel Paulus in Titus 1,12 zitierte! Aber ein ganz anderes Schicksal — ein weitaus ernsteres — widerfuhr der Zeus-Variante.

Griechische „Theologen" bastelten durch die Jahrhunder‑


te hindurch an dem persönlichen Namen Zeus für den All­mächtigen herum und kamen allmählich zu Abweichungen vom Originalkonzept. Zum Beispiel entschieden sie sich da­für, Zeus als Sohn von zwei anderen Wesen vorzustellen, nämlich von Kronos und Rhea.

Nachdem ihnen dieser Trick bei den Anbetern gelungen war, bezeichnete der Name Zeus nicht länger einen uner­schaffenen Schöpfer. Da es nicht genügend „Koleans" gab, die die ursprüngliche Bedeutung verteidigen konnten, starb Zeus als gültiger Name für den einen Gott aus. Das einst so tiefbedeutsame Wort wurde schließlich so sehr von irrigen Ansichten überwuchert, daß selbst Plato oder Aristoteles es nicht davon befreien konnten. So mußten sie es einfach über­gehen — dem Namen Theos zuliebe. Die jüdischen Übersetzer und christlichen Apostel machten es genauso.

Als dann das Christentum aufkam, versuchten theologi­sche „Bedeutungsveränderer" gleichfalls neue gängigere Be­deutungen in christliche Begriffe einzuschleusen. Die großen theologischen Konzilien der Kirchenväter können als Ver­such verstanden werden, die bedeutsamen christlichen Be­griffe vor dem Mißbrauch zu schützen und sie nicht das gleiche Schicksal erleiden zu lassen, wie es den einst so erhabenen Wörtern wie Zeus geschah.

Mittlerweile wird dem Leser aufgefallen sein — daß die Vor­stellung eines allerhöchsten Gottes ganz und gar nicht das Mo­nopol sogenannter „fortschrittlicher Zivilisationen" ist! — Die Leser sind vielleicht nicht überrascht zu erfahren, daß ein Phi­losoph aus Kreta wie Epimenides oder ein Inka-König wie Pa­chacuti so theologisieren konnten. Aber wie erklärt man sich, daß in einem Volk wie den Santal des Lesens unkundige, aber mit praktischem Sinn und Erdverbundenheit begabte Hüter ihrer religiösen Überlieferung so fest auf ihrem Glauben an die Existenz eines allmächtigen, moralisch einwandfreien und gütigen Schöpfergottes bestanden?

Genau diese Frage — so sagen Gordon Fraser, ein Ethnolo­ge, Andrew Lang, auch Ethnologe, und Wilhelm Schmidt, ein ethnologischer Historiker — hat die Evolutionisten mehr ge­stört als jedes andere kulturelle Phänomen! Evolutionisten


arbeiten nämlich unter einem Zwang. Irgendwie müssen sie beweisen, daß sich alles, einschließlich der Religion, allmäh­lich entwickelt hat. Ihre Aufgabe ist keineswegs leicht. An­drew Lang schreibt 1899: „Unterschiedlich dargestellt von Darwin, Huxley, Herbert Spencer (Edward B. Tylor) und Schreibern von Handbüchern ist doch die heutige Hypothese diese: Beginnend mit der Annahme von menschlichen Seelen oder Geistern und ihrer Besänftigung und Versöhnung, stieg die Menschheit stufenweise auf zur Verehrung von Fetischen, Lokalgöttern, Naturgöttern und zum allgemeinen Polytheis­mus bis zur Vorstellung eines allerhöchsten Wesens. "25

Evolutionisten, so erklärt Lang, waren überzeugt, die Menschen würden z. B. niemals eine Hierachie von Göttern verlangt haben, bevor diese sich analog dem Aufkommen der Aristokratie in der menschlichen Gesellschaft anbot! Auch, so sagten sie, könnten Menschen sich keinen allerhöchsten Gott „erträumen", bevor sich nicht eine Lebensform entwickelte, die man in menschlichen Regierungen Monarchie nennt! Ari­stokratien und Monarchien kommen jedoch in den sogenann­ten „primitiven" Gesellschaftsformen nicht vor; deshalb muß­te eine solche Theorie nur Verlegenheit auslösen, wenn einfa­chere Kulturen überall auf der Welt auftauchten, erfüllt von hochentwickelten Anschauungen über einen allerhöchsten Gott.26

Und genau das haben „primitive" Kulturen getan — und zwar zu Tausenden!

Zuerst schien es nicht so, als ob ethnologische Forschungen den Erklärungen über Religion durch die Evolutionisten, hauptsächlich angeführt von Edward B. Tylor, widersprechen würden. Als ganze Schwärme eifriger junger Ethnologen An­fang des zwanzigsten Jahrhunderts auf den ganzen Globus ausschwärmten mit der Absicht, zu beweisen, daß Tylor recht hatte, erbrachten ihre Untersuchungen schon ziemlich bald viele Bekundungen dafür, daß „primitive" Völker ausschließ­lich in den Zwängen okkulter Religionsformen befangen sei­en. In den Urstämmen wimmele es von Ideen über Geister, Mana, Tabu, Zauberei und Magie in jedem Wald und in jeder Wüste der unzivilisierten Welt. Forscher prägten den Begriff


Animismus für die Beschreibung dieses niedersten Entwick­lungsstandes einer Religion.

Huxley, Spencer, Tylor und andere rieben sich vergnügt die Hände und lachten die Theologen aus. Sie wähnten sich si­cher, alle Ansprüche auf angeblich übernatürlichen Ursprung der Religion gründlich widerlegt zu haben. Religion, so be­haupteten sie, sei eine Entwicklung geistiger Art, genauso wie biologische Formen sich physikalisch entwickelten.

In der Zwischenzeit gelangten in der Wüste Kalahari, im Ituri-Wald und an tausend anderen Orten junge Ethnologen cri n, tie er schürfende Fragen zu stellen. Zufällig fragten  sie die Animisten: „Wer hat denn die Welt gemacht?" und waren verblüfft, wenn ihnen die Antwort, oft sogar mit einem glück­lichen Lächeln, gegeben wurde, es sei ein bestimmtes Einzel­wesen, das im Himmel wohne.

„Ist dieses Wesen gut oder böse?" war die übliche zweite Frage. „Gut, natürlich", war die unweigerliche Antwort. „Zeigt mir das Bild, mit dem ihr es gewöhnlich darstellt", mag der Forscher gebeten haben. „Was für ein Bild? Wißt ihr denn nicht, daß man ihn niemals abbilden und darstellen darf?"

Und so begann für die Forscher die Entdeckung dessen, was Tausende von Missionaren schon hundert Jahre lan e­wußt hatten — daß 90 Prozent der Urreligionen auf dieser Welt von monotheistischen Anschauungen durchsetzt sind. _Sie wußten natürlich, daß Huxley, Tylor und die anderen ent­täuscht, wenn nicht gar höchst verlegen darüber sein würden.

Manche Forscher mögen vielleicht diesen Aspekt ihrer Forschungen beiseite geschoben haben, um ihre Hohenprie­ster nicht in Verlegenheit zu bringen. Jedenfalls haben die späteren Entdeckungen keinen Platz in den frühen Lehrbü­chern gefunden. Das Resultat: Die Völkerkunde und die Öf­fentlichkeit entwickelten einen gemeinsamen „blinden Fleck"! Andrew Lang stand allein in seinem Protest gegen die Unterdrückung dieser widersprechenden Angaben.

Dann schließlich bemühte sich Wilhelm Schmidt, ein  Österreicher, in den zwanziger Jahren darum, alle „Deckna‑


men des Allmächti en" zusammenzustell 1 •_ - •

der ganzen Welt je entdeckt hatten. Mit Erstaunen stellte Schmidt fest, daß dazu sechs Bände mit insgesamt 4.500 Sei­ten nötig waren, um sie einzeln aufzuführen! Und seitdem sind mindestens tausend weitere Beispiele gefunden wor‑

den.26a

Wahrscheinlich enthalten 90 oder mehr Prozent der Urreli­gionen auf diesem Planeten die klare Erkenntnis von der Exi­stenz eines allerhöchsten Gottes! Schmidt erklärt in seinem oben erwähnten klassischen Werk „Vom Ursprung der Got­tesidee" seine Hochachtung vor Andrew Lang, der, mit den Worten des Ethnologen Gordon Fraser, „der Öffentlichkeit solche Tatsachen vorstellte zu einer Zeit, in der es beinahe in­tellektueller Selbstmord war, der und ihren Hohenpriestern zu widersprechen".27 Fraser selbst, der jetzt 84 Jahre alt ist, verwandte viel Zeit seines Lebens darauf, Langs und Schmidts Forschungsergebnisse noch zu erweitern.

G. Foucarts vollständige Behandlung dieses Themas in der „Encyclopedia of Religion and Ethics" bestätigt weiter die Schlußfolgerungen dieser drei unverblendeten Männer:

„Natur, Rolle und Wesensmerkmale dieses universalen Himmelsgottes mögen unter den verschiedensten Erschei­nungsformen verborgen sein, aber immer ist er für Religions­geschichtler mehr oder weniger erkennbar, und bei genauer Nachprüfung bis ins letzte ist er immer dieselbe Person.

... Überall hat der Himmelsgott regiert. Sein Reich er­streckt sich noch heute über die ganze unzivilisierte Welt. (Er regiert auch über große Teile der zivilisierten Welt, und auch da unter verschiedenen Namen!) Kein historisches oder pro­to-historisches Motiv kann als Ursache bestimmt werden, und weder die Wanderungen der Rassen noch die Ausbreitung der Mythen und der Folklore ergeben auch nur die geringste Rechtfertigung für diese Tatsache. Die Universalität des Himmelsgottes und die Einheitlichkeit seiner grundlpgpmen Wesenszüge sind die logische Konsequenz der Einheitlichkeit des primitiven Systems der Weltentstehungstheorie."28

König Salomo sagte es noch viel knapper und bündiger: „(Gott) hat die Ewigkeit in ihr Herz gelegt" (Pred. 3,11).28a


Und was war die Antwort der Ethnologen, die sich als Ver­teidiger der Evolutionstheorie verstehen? Wilhelm Schmidt bestätigte, daß solche Ethnologen in der ersten Zeit um 1900 —auf sehr unwissenschaftliche Weise — es ablehnten, die Exi­stenz dieses weltweiten Himmelsgott-Phänomens offen anzu­erkennen, was ja eine totale Widerlegung der Hypothesen Ty­lors bedeutet hätte .29

Edward Tylor wird oft der Vater der Ethnologie genannt., und seine Theorie, daß Religion in ihrem Ursprung eher eine natürliche als eine übernatürliche Entwicklung durchgemacht habe, war, kulturanthropologisch gesehen, der erste große Beitra_.g dieser Wissenschaft. Er schien den meisten Menschen harmlos genug. Welcher  Schaden konnte entstehen, wenn man nur seine Auswirkungen untersuchte? Wenn die Theorie sich als unrichtig erwies? konnte man sie später fallen lassen, nicht wahr? Zum Unglück der Menschheit geriet das Ganze aber außer Kontrolle. Die Theorie erwies sich als Schlüssel zu einer „Büchse der Pandora", bei deren Öffnung sich brutaler Horror  über die  ganze Erde ausschüttete! Um zu verstehen, wie das geschah, muß man zuerst eine Hauptthese von Tylors Theorie begreifen:

So wie alle komplexen biologischen Formen — laut Darwin und seinen Interpreten — aus einer ursprünglichen Lebenszel­le entstanden, die sich zufällig vor vielen Aonen in Schlamm- ansammlungen bildete, so ist es auch nacliTylor mit der Viel­falt allen religiösen Lebens. Nicht göttliche und/oder dämoni­sche Hintergründe spielen eine Rolle in der Menschheitsge­schichte, vielmehr entstand plötzlich ein einzelner religiöser „Gedanken-Keim" im Gehirn irgendeines Primitiven und entwickelte sich von dort aus weiter!

Tylor nahm an, der „Gedankensame" könnte wie folgt auf­gekeimt sein: Ein schlafender Wilder hatte einen Traum. In  diesem Traum sah er sich selbst auf der gegenüberliegenden Seite eines nahegelegenen Flusses. Als er erwachte, befand er  sich jedoch nicht auf jener Seite. Also entschied der Wilde, ein Teil von ihm  könne seinen Körper verlassen und umher­wandern, während er schlafe. Er beschloß, diesen nichtkör­perlichen Teil seiner selbst „Seele" zu nennen — und so begann  die Religion!


Später hörte der Mann dann, wie jemand anders einen Traum beschrieb, weinte: „So! Ich bin nicht der einzige, der eine Seele hat!" Nach weiteren Beobachtungen entschied er, daß wohl jeder eine Seele haben müsse! Sogar einige Tiere zittern und jaulen im Schlaf. Also könnten auch Tiere eine Seele habe,a! Könnte außerdem nicht auch der Blitz so etwas sein wie eine Seele des Himmels oder eines Wesens im Him­mel, die herabkommt zur Erde? Viel später nahm man an, daß auch Flüsse, Bäume, Gestein und vielleicht sogar die Jah­reszeiten Seelen hätten. Nach längerer Zeit entwickelten sich einige aus diesen „Seelen" zu „Naturgöttern".

Als sich schließlich die sozialen Strukturen der menschli­chen Gesellschaft entwickelten, projizierten die Menschen diese Schichten in die Gesellschaft ihrer imaginären Naturgöt­ter hinein. Das Aufkommen einer menschlichen Aristokratie führte_zu der Erfindung eines „Enead" unter den Göttern von Sumerien, eines „Pantheon" für die Götter in Griechenland und so weiter.

Später noch entwickelten die menschlichen Gesellschaften die Form der Monarchie, was gewöhnlich bedeutete, daß ein Mitglied einer Aristokratie über alle anderen Mitglieder erho-- ben werden konnte. Konnte es so nicht auch einen Gott ge­ben, der über alle Götter regierte? Diese Idee eines allerhöch­sten Gottes, so begründete Tylor, habe manche der anderen Götter in den Status von „Engeln" oder „Dämonen" zurück­gestuft. Sobald ein religiöser Mensch den Punkt einer Vorstel­lung eines allerhöchsten Gottes erreichte, so sagte Tylor, ha­be sich die Religion so weit entwickelt, wie es ihr möglich sei! Sobald der Mensch folglich einen Grad von Intelligenz er; reicht hat, der es ihm ermöglicht, die Menschheitsgeschichte zu überschauen und zu erkennen, wie alle Religionen entstan­den sind, ist er allem Bedürfnis nach Religion entwachsen! An diesem Punkt sollte er sofort seine ganzen Einbildungen und Ideen über Bord werfen und sie durch eine bessere Grundlage zur Erklärung solcher Dinge wie Träume, Blitze, oder das Weltall ersetzen. Mit einem Wort, nun ist er endlich bereit für das, was man Wissenschaft nennt!

Diese erste große Auslegung von Tylors Theorie wurde


von Lewis Henry Morgan (1818-1881) aufgegriffen und ver­vollständigt. Morgan war ein amerikanischer Kapitalist, der ebenfalls ein berühmter Völkerkundler wurde. Morgans Schriften (auch vielleicht die von Tylor) wurden aufgegriffen und oft zitiert von Friedrich Engels, dem deutschen sozialisti­schen Philosophen, der dann unmittelbar Karl Marx beein­flußte.

Die Schriften von Marx und Engels beeinflußten schließ­lich Vladimir Ilich Ulyanov, einen russischen Revolutionär, der später das Pseudonym Lenin annahm. Er wurde der Chef­organisator der bolschewistischen Revolution, die 1917 statt­fand, genau in dem Jahr übrigens, in dem Tylor starb. Engels und Marx hatten sich bereits dem Atheismus ausgeliefert, nachdem sie Ludwig Feuerbachs philosophische Kritik des Christentums gelesen hatten. Sie aber erkannten die Notwen­digkeit, ihrem Atheismus eine stärker wissenschaftliche Grundlage zu geben, als Feuerbach das getan hatte. Charles Darwins Theorie der biologischen Evolution mittels einer na­türlichen Auslese, so dachten sie, sei die benötigte Basis.

Karl Marx erbat Darwins Erlaubnis, die englische Überset­zung von Das Kapital Darwin zu widmen.3° Darwin lehnte ab, weil ,er nicht mit Angriffen auf die Religion verbunden wer­den wollte". Darwin selbst hatte sich nämlich einst konkret für den Predigtdienst vorbereitet! Bei anderer Gelegenheit meinte Darwin naiv: „Welch eine törichte Idee scheint in Deutschland zu bestehen, wenn man eine Verbindung zwi­schen Sozialismus und Evolution durch natürliche Auslese herstellen will!"31

ATET'es war bereits zu spät zum Protest. Darwin hatte eine Schlinge geknüpft, die genau richtig schien, um sie der Reli­gion um den Hals zu legen. Und Marx, Engels, später auch Lenin und Stalin waren fest entschlossen, sich als geschickte Henker zu erweisen!

Dann kam Tylors Idee, den Darwinismus auf die Entwick­lung der Religion selbst anzuwenden! Als EngeIs und Mär* Tylors Theorie durch die Schriften von Lewis-121enry Morgan begegneten, konnten sie sich einer hämischen Freude nicht enthalten. Wenn Darwin die Schlinge für den Hals der Reli‑


gion beschafft hatte, dann Tylor die Nägel für den Sarg der Religion. Und Morgans Schriften waren der Hammer, um diese Nägel einzuschlagen.

Sie dachten nicht im Traum daran, daß kommende Ent­deckungen des weltweiten Religions-Phänomens in Bälde Ty­lors Theorie entwerten würden. Engels und Marx hatten alle ihre Hoffnungen auf diese Theorie gesetzt. Es gab keinen Weg mehr — darin fühlten sie sich sicher —, daß die Religion ih­rer Vernichtung entrinnen konnte!

Später schrieb Lenin: „Unser Parteiprogramm ist in seiner Gesamtheit auf einer wissenschaftlichen und daher materiali­stischen Weltanschauung aufgebaut ... Unser Programm ... enthält die Enthüllung der historischen und wissenschaftli­chen Erklärung vom Ursprung des religiösen Mysteriums (ei­ne klare Bezugnahme auf Tylors Theorie) ... So enthält unser Programm notwendigerweise die Propaganda des Atheis‑

mus!"32

Es ist klar, daß der Marxismus, der sich anfänglich ,

die Einwirkung der Gedanken des deutschen Philosophen G. W. Friedrich Hegel auf Marx und Engels bildete, weit ent­fernt von jeglichem Einfluß der Darwin/Tylor-Theorien ent­stand. Nicht so klar ist es allerdings, ob der internationale Kommunismus sich aus dem Marxismus entwickelt

eine so scharf antireligiöse Bewegung, hätten nicht Darwin, Tylor und Morgan eine scheinbar wissenschaftliche Basis ge­schaffen, um allen religiösen Glauben zu untergraben. Wie andere politische Bewegungen in der Geschichte hätte auch der Kommunismus vielleicht die Religion als etwas Vorgege­benes in der menschlichen Gesellschaft toleriert. Sogar Hegel tat das, der zwar die selbstgerechte Orthodoxie angriff, nicht aber Theologie als solche, denn Theologie faszinierte Hegel!

Es klingt ironisch, aber wenn der Kommunismus der Reli­gion als Ge ebenheit freien Lauf elassen hätte hätte er heu­te Macht über viel größere Teile der Welt, als ihm je bisher zu­gefallen sind! Zum Beispiel hing 1965 die entschiedene Ab­kehr vom Kommunismus in Indonesien fast ausschließlich mit der arroganten antireligiösen Haltung des Kommunismus zu­sammen.


Nachdem Lenin und seinesgleichen die Ideen von Darwin, Morgan und Tylor in sich aufgenommen hatten, kamen sie zu der Entscheidung, wissenschaftliche Folgerichtigkeit verlan­gedie bewußte vollständige Unterdrückung aller Religion auf jede erdenkliche Art und Weise.

Ergebnis? Der internationale Kommunismus ging dazu über, im Namen wissenschaftlichen Fortschritts Millionen friedlicher Juden, Moslems und Buddhisten sowie Zigmillio­nen friedliebender Christen abzuschlachten. Mit der Behaup‑

mgwissenschaftliche Wahrheit frei und offen zu verbreiten, hat der Kommunismus den Atheismus Generationen von Kindern in Osteuropa, Rußland und China mit aller Gewalt in die Kehle gestopft, ohne jemals einer abweichenden Meinung zu gestatten religiösen Glauben zu verteidigen oder den Se­gen zu beschreiben, den der christliche Glaube der Mensch­heit gebracht hat. Es ist eine Tatsache, daß die Kommunisten Millionen Kinder ihren Eltern gewaltsam weggenommen ha­ben, sobald bekannt wurde, daß sie versuchten, bei ihren Kin­dern dem Einfluß atheistischer Lehrer entgegenzuwirken.

Als ob der internationale Kommunismus mit seinem mör­derischen antireligiösen Toben nicht schon schlimm genug war, trug Tylors Theorie dazu bei, daß ein weiteres blutdürsti­ges Monster die Schalen seines abstoßend scheußlichen Eies sprengte — zwar kurzlebiger, aber mit entsetzlichen Auswir­kungen auf die ganze Welt: Hitlers Nazi-Bewegung und der Zweite Weltkrieg.

Unglaublich! — mögen Sie sagen. Wie könnte eines Wissen­schaftlers harmlose Spielerei mit philosophischen Vorstellun­gen als größtenteils verantwortlich bezeichnet werden für den Extremismus Hitlers und seiner Henker? Die Antwort ist so einfach, daß sie zu vereinfachend scheint. Gerade wie Morgan eine Folgerung aus Tylors Theorie in einer Weise betonte, die Engels und Marx veranlaßten, ihre Argumente für die Über­legenheit des Atheismus vernünftig erscheinen lassen, so ver‑

stand es auch ein zweiter deutscher Philosoph, Friedrich
Nietzsche (1844-1900), eine
weitere Folgerung aus Tylors
Theorie einzuführen, die Hitler dazu benutzen konnte, seine


scheinbar vernünftige Lehre von der Uheitegenheit einer ein­zigen Rasse über alle anderen zusammenzubrauen. Resultat: der Nazi-Holocaust.32a

Tylors Theorie ist, daß die Unterschiede in den menschli­chen Kulturen beweisen, daß einige „Zweige" der Mensch­heit sich schneller entwickelt haben als andere, wie zum Bei­spiel Marathonläufer sich über weite Entfernungen hin aus­einanderziehen, entsprechend ihren jeweiligen Kräften oder Schwächen. Nietzsche griff diese Idee auf und entwickelte daraus das Konzept des „Übermenschen" — ein Individuum, das eine höhere Entwicklung durchgemacht hat und dadurch befähigt ist, über den Rest der Menschheit zu herrschen. Hit­ler entschied, daß er selbst dieser Übermensch sei — und sein eigenes deutsches Volk die Superrasse. Der Rest ist einer der wüstesten Alpträume der Menschheitsgeschichte, den es je gegeben hat.

Auf diese Weise diente die Wissenschaft der Ethnologie gemäß der antigöttlichen Einstellung seines Gründers unwis­sentlich als Hebamme bei der Geburt von zwei der grausam­sten Verirrungen der menschlichen Geistesgeschichte durch die allererste Theorie, die sie brachte. Wenn die Kernphysik die Grundlagen lieferte, viele Tausende durch Atomwaffen zu töten, so hat die Kulturanthropologie durch starrsinnige antigöttliche Vorurteile den Tod vieler Millionen verschuldet.

Nicht eine der reli 'äsen In s uisitionen, die die Ethnologen sogerne kritisieren, war jemals auch nur ein Tausendstel so tödlich! Kein sehr verheißungsvoller Anfang für eine neue Wissenschaft!

Zweifellos hatten Darwin, Tylor und andere sich niemals vorgestellt, daß ihre Ideen eine solch gefühlsrohe Unmensch­lichkeit auslösen könnten. Dennoch mu1 man aus diesem hi­storischen Fall eine große Lektion lernen. Denker, Lehrer oder Schriftsteller, die mit antireligiösen Philosophien spie­len, müssen erkennen, daß sie damit sozusagen ein Lösungs­mittel in einen Klebstoff schütten, der, geschichtlich gesehen, ein Hauptbindemittel für jede aufstrebende menschliche Ge­sellschaft ist. Der menschliche Geist ist in der Lage, Kräfte mobil zu machen, die jeden Gedanken bis zu seinem logischen


Endergebnis fortführen können. Ideologische Neuerer müs­sen wissen, daß der Friede und das Wohlergehen von Millio­nen von der Art ihrer angewandten Überzeugungskünste ab­hän en. Sie müssen sich ihrer Verantwortungfür die abwärts ziehenden Wirkungen ihrer Ideen voll bewußt wer en.

Allzu viele Revolutionäre, Anarchisten und militante Atheisten haben sich selbst als Advokaten eines Besseren für die Menschheit verstanden, obwohl sie in Wirklichkeit nur das egoistische Ziel verfolgten, ihrer persönlichen Anonymi­tät um jeden Preis zu entfliehen. Solchen Menschen macht es wenig aus, wenn sie mit ihren politischen Ideologien die Ursa­che sind, daß Millionen ihre Angehörigen und ihr Hab und Gut verlieren und als verhungernde Flüchtlinge fliehen müs­sen — Hauptsache, ihr eigener Name geht in die Geschichte ein! Solche Menschen sollten unter die größten Schurken aller Zeiten eingereiht werden, obwohl sie vielleicht einen Profes­sorentitel führen und möglicherweise niemals ein Gewehr in der Hand hatten!

Es ist eine wohlbekannte geschichtliche Tatsache, daß Charles Darwin anfangs zögerte, seine Evolutionstheorie zu veröffentlichen. Er wollte mehr Zeit haben, um die Folgen seiner Vorstellungen sowohl für die Gesellschaft als auch für die Wissenschaft besser durchdenken zu können. Dann aber  hörte er, daß ein anderer Naturwissenschaftler, Alfred Russel Wallace, vorhatte, eine der seinen fast gleiche Theorie zu ver­öffentlichen. Darwin war bestürzt. Einige seiner Freunde drängten ihn, sein Werk sofort herauszugeben, sonst würde sich die Weltgeschichte nicht mehr an Darwin, sondern an Wallace erinnern. Darwin kapitulierte und veröffentlichte  seine Theorien — nicht ganz ohne schlechtes Gewissen. Fast al­le seine Zeitgenossen waren von der Logik in vielen seiner Be­obachtungen beeindruckt, doch einige hatten ein inneres  Ge­fühl des Zögerns, weil sie fürchteten, zukünftige Entwicklun­gen im wissenschaftlichen Bereich könnten zu bedeutenden Abschwächungen von Darwins Thesen führen. Sie hatten recht.

AncueMänner=Tlidinasalenry_kluxley ist vielleicht der entschiedenste unter ihnen — schlugen alle Vorbehalte in den


Wind und unterstützten Darwins Theorie, als sei sie schon be­wiesene Tatsache. Es war Huxleys bösartiger antireligiöser Schwung in dieser Sache, der zuerst die Aufmerksamkeit von Engels und seinem Freund Karl Marx auf das politische Po­tential in Darwins Theorie lenkte.

Welcher Hohn, daß die Verheißungen von Huxley, Engels und Marx einer auf Atheismus basierenden „neuen und besse­ren Gesellschaft" statt dessen ökonomischen Rückschritt, Vergewaltigung der Gewissen, Elend, Entbehrungen und Tod verursacht haben! Welcher Hohn, daß Kommunisten praktisch in ganz Osteuropa und jetzt sogar in China eine „Glaubenskrise" durchmachen, weil der Marxismus ganz ein­fach nicht „funktioniert"!33 Welche Ironie, daß das Christen­tum in jedem kommunistischen Land immer noch blüht — au­ßer in Albanien, wo wahnsinnig gewordene Atheisten den Namen Gottes überall weggekratzt haben, sogar von alten Grabsteinen! Wie ironisch, daß Albanien aber auch das so­wohl ökonomisch als bildungsmäßig rückständigste kommu­nistische Land auf der Erde ist! Wie ironisch auch, daß jetzt —120 Jahre nach Huxleys Kampagne als Verbreiter von Dar­wins Theorie — sogar Wissenschaftler auf vielen Gebieten an­fangen, sich von den entwicklungstheoretischen Erklärungen natürlicher Phänomene zurückzuziehen!33a Und im Falle von Tylors Art, Darwins Ideen über den Ursprung der Religion zu erklären, haben sich Wissenschaftler nicht nur zurückgezo­gen. Sie haben ihre Sachen gepackt und sind gänzlich wegge­zogen.

Hugh A. Mulligan, Sonderkorrespondent der „Associated Press", schrieb einen Artikel, der in der „Los Angeles Times" Anfang Dezember 1980 erschien. Der Artikel berichtete, daß kürzliche Bestätigungen der „Urknall-Theorie" über die Ent­stehung des Weltalls viele Wissenschaftler veranlaßt haben, ihr ganzes Konzept über die von selbst entstandenen Arten auf anderen Gebieten neu zu überdenken. Mulligan schreibt:

„Im Oktober dieses Jahres (1980) trafen sich 150 Wissen­schaftler, Spezialisten der Evolutionstheorie, in Chicago —und die große Kontroverse über unseren Ursprung wurde ver­tieft. Ernsthafte Wissenschaftler versicherten einander, daß


kein ernsthafter Wissenschaftler ernsthaft an der Evolutions­theorie zweifeln kann, während ernsthafte Wissenschaftler in ihrer Mitte ernsthafte Zweifel hegten. Zum einen: Darwins fehlende Bindeglieder fehlen nach 120 Jahren immer noch. Fossiliensucher haben keine der Fossilien gefunden, die nötig wären, um die kraß ins Auge fallenden Unterschiede zwi­schen den wichtigsten Arten zu erklären. In dem ganzen Zy­klus der natürlichen Zuchtwahl ... ist bisher kein sechsbeini­ges Wirbeltier (zum Beispiel) jemals auf dieser Erde zum Vor­schein gekommen. Die Naturwissenschaft hat nur wenige Bei­spiele beschafft — einige Evolutionisten sagen kein einziges —, daß auch nur eine der wichtigeren Arten sich allmählich in ei­ne andere Art hinüberverwandelt hat. So unterstützen einige namhafte Paläontologen jetzt die Hypothese, daß neue Arten nicht aufkommen als Ergebnis stufenweiser Veränderungen, sondern in plötzlichen Evolutions-Ausbrüchen vergleichbar (einer Art von) großem Knall in der Biologie, was wiederum verdächtig nach Schöpfung schmeckt... Naturwissenschaft, die Religion der Intelligenzler, steht schreiendem Abfall ge­genüber."34

Ein „Urknall" in der Kosmologie. Ein weiterer „Urknall" in der Biologie. Mein Anliegen in diesem Kapitel ist es je­doch, die Aufmerksamkeit auf einen dritten „Urknall" zu len­ken — der Tylors Theorie eines langsamen, entwicklungsmäßi­gen Enstehens der Religion auslöschen könnte. Ich beziehe mich auf das plötzliche Erscheinen vollentwickelter religiöser Glaubensüberzeugungen in fernen Zeiten des Altertums, die bis zum heutigen Tag in Zehntausenden von „Volksreligio­nen" auf der ganzen Welt überlebt haben. Denn die allermei­sten Volksreligionen, wie Wilhelm Schmidt und andere be­wiesen haben, enthalten den Glauben an einen allerhöchsten Gott, was Tylors Annahme widerspricht, daß monotheisti­sche Erwägungen nur in einigen wenigen höherentwickelten Religionen auftauchen konnten.

Um die Jahrhundertwende schwärmten Scharen junger Völkerkundler aus in die Welt, um die angeblich „primitiven" Kulturen zu studieren. Sie erwarteten ganz und gar nichts an­deres, als jene Kulturen völlig frei von jeder Art monotheisti‑


schen Glaubens vorzufinden, übereinstimmend mit Tylors Voraussagen. Statt dessen fingen sie an, Tausende von Bei­spielen für den Glauben an den einen wahren Gott herauszu­finden, wie schon erwähnt wurde. Um Tylors Theorie zu schützen, erlagen die meisten Ethnologen der Versuchung, den von ihnen entdeckten Monotheismus auf den Einfluß der Missionare zurückzuführen. Manche behaupten das bis heu­te, damit sie der Beschäftigung mit dem „Himmelsgott-Phä­nomen" aus dem Weg gehen können.

Schließlich gab ein Völkerkundler mit Namen Franz Boaz freimütig die Torheit zu, erstens irgendeine Kultur als „primi­tiv" zu bezeichnen und zweitens das weltweit vorhandene Himmelsgott-Phänomen dem Einfluß von Missionaren in die Schuhe zu schieben.

Von der Zeit des Boaz an begannen die Ethnologen sich auf Zehenspitzen von Tylors Theorie und von Morgans Er­weiterung der Theorie Tylors zurückzuziehen — mit der be­merkenswerten Ausnahme der marxistischen Völkerkundler und, in Amerika, eines gewissen Leslie White. Doch selbst heute, wenn Sie einen nichtchristlichen Ethnologen bitten, Ursprung und Bedeutung monotheistischer Voraussetzungen in Tausenden von Volksreligionen zu erklären, ist die übliche Antwort gewöhnlich: „Wir wissen nicht, wie diese Anschau­ung entstanden ist oder welche Bedeutung sie haben könnte."

Wie interessant! Wann immer die sogenannte „Naturwis­senschaft" glaubt, sie könne beweisen, daß es keinen Gott ge­be, dann wartet sie nicht, bis das hieb- und stichfest nachge­prüft wird, sondern posaunt — wie Huxley — die anti-religiösen Folgen dieses Beweises hinaus in die weite Öffentlichkeit. Aber wann immer dem wissenschaftlichen Denken das Zeug­nis einer klaren Bestätigung der Existenz Gottes entgegen­tritt, sucht es meistens schnell einen geringfügigen Mangel an Beweiskraft dieses Zeugnisses und benützt ihn als Rechtferti­gung, das Ganze nicht zur Kenntnis zu nehmen.

Und aus diesem Grunde gibt kein einziges ethnologisches Lehrbuch, das in unseren Höheren Schulen heutzutage be­nutzt wird, dieser Himmelsgott-Komponente der Volksreli­gionen auch nur ein Hundertstel der Aufmerksamkeit, die ei­nem solch beinahe weltweiten Phänomen zukommt.


Im Jahre 1911 veröffentlichte Boaz ein Buch mit dem Titel „The Mind of Primitive Man" (etwa: Das Gemüt des primiti­ven Menschen), worin er versuchte, der Theorie Tylors, die viele als Rechtfertigung des Rassismus ansahen, entgegenzu­wirken. Bemerkenswerterweise verbrannten Hitlers Nazis dieses Buch in den dreißiger Jahren.35 Sie hoben auch den Eh­rendoktortitel auf, den die Kieler Universität Boaz im Jahre 1931 verliehen hatte! Die Nazis brachte es natürlich aus der Fassung, zu sehen, wie der Teppich der Tylorschen „wissen­schaftlichen Basis" unhöflich unter Nietzsches und Hitlers Fü­ßen weggezogen wurde! Russische Marxisten scheinen ihrer­seits immer noch glücklich unwissend darüber zu sein, daß die ethnologische Theorie das Konzept Tylors nicht mehr unter­stützt, das Marx und Engels benutzten, um die kommunisti­sche antireligiöse Position zu rechtfertigen. Die Kommuni­sten verfolgen immer noch die Gläubigen in ihrem Herr­schaftsbereich. Wahrscheinlich würden die russischen Kom­munisten, wenn sie nur die erschütterten Grundlagen begrif­fen, auf denen ihre Lehren beruhen, einsehen, daß es notwen­dig wäre, aus diesen Lehren herauszuwachsen!

Wenn die Unterdrückung der Tatsache, daß sich die Menschheit seit altersher mit dem Glauben an den „Gott des Himmels" (oder einfach „Gott") befaßt hat, in Unheil und Verderben führt, dann sollte die Anerkennung dieses Phäno­mens eine heilende Wirkung haben. Der Rest dieses Buches befaßt sich mit Einzelheiten einiger sehr heilsamer menschli­cher Phänomene, die sich aus dem Bekenntnis zu diesem Himmelsgott-Phänomen durch christliche Missionare erge­ben haben.

Eines der erstaunlichen Kennzeichen dieses gütigen, all­mächtigen Wesens, das die Völkerkundler wohlwollend „Himmelsgott" nennen, als ob er irgendwie geringer als Gott sei, wenn man ihn im Zusammenhang mit einer Volksreligion findet, ist seine Neigung, sich selbst mit dem Gott der Chri­sten zu identifizieren! Denn der Himmelsgott, der in den mei­sten Volksreligionen als ferne und mehr oder weniger uner­reichbare Gottheit angesehen wird, zeigt dennoch die Ten‑


denz, sich Anhängern dieser Volksreligionen zu nähern und zu ihnen zu reden, wann immer sie — ihnen selbst unbewußt —im Begriff stehen, Abgesandten des christlichen Gottes zu be­gegnen!

Und was sagt der „Himmelsgott" in solchen Zeiten? Tobt und eifert er gegen den Gott der Christen als einer ausländi­schen, unberechtigt eindringenden Gottheit? Zwingt er seine Anhänger oder Nachfolger zu fanatischer Ablehnung der Botschaft dieses Eindringlings? Weit davon entfernt! In Hun­derten von Beispielen, die durch Millionen von Anhängern der Volksreligionen auf der ganzen Welt bestätigt werden, tut der „Himmelsgott" genau das, was El Elyon durch Melchise­dek tat. Freudig anerkennt er die herankommenden Boten Jahwes als seine Boten! Er scheut keine Mühe, um es ganz deutlich zu machen: Er selbst — ist kein anderer als genau der Gott, den diese Ausländer verkündigen!

Man gewinnt den unmißverständlichen Eindruck, daß der Himmelsgott schon von jeher mit den Menschen der vielen Volksreligionen in nähere Verbindung treten wollte, aber aus eigenen geheimnisvollen Beweggründen hat er sich zurückge­halten, bis die Zeugen Jahwes eintrafen!

Dies ist ganz gewiß ein kraftvolles, außerbiblisches Zei­chen für die Echtheit der Bibel als Offenbarung des einen wahren und universalen Gottes! Es ist auch, wie wir später se­hen werden, der Hauptgrund auf der menschlichen Ebene für die überwältigende Aufnahme, die das Christentum unter den Menschen so vieler verschiedener Volksreligionen auf der Welt gefunden hat. Außerdem bezeugt eine Schriftstelle um die andere durch die Jahrhunderte hindurch, daß unser Gott sich niemals unbezeugt gelassen hat, sogar unabhängig von der direkten Verkündigung des Evangeliums (vgl. Apg. 14, 16-17). Dieses Zeugnis — auch wenn es anders ist in Art und Qualität als das unmittelbare biblische Zeugnis — ist immer noch ein Zeugnis für ihn!

Wie tragisch deshalb, daß die Christen im allgemeinen so gut wie nichts von diesem weltweiten Phänomen monotheisti­scher Erkenntnis, die den meisten Volksreligionen der Welt zugrunde liegt, gewußt haben! Viele Theologen — und sogar


einige Missionare, deren Dienst gerade durch dieses Phäno­men ungeheuer erleichtert wurde — haben diese das Verständ­nis doch so bereichernde Erkenntnis nervös in ein Schubfach geschoben und weggesperrt.

Warum? Wenn sie der Überlieferung huldigen, die Chri­sten Jahrhunderte hindurch lehrten, die übrige Menschheit sitze in totaler Finsternis und wisse überhaupt nichts von Gott, dann ist es natürlich etwas peinlich, zugeben zu müssen: „Wir haben uns geirrt. In Wirklichkeit wissen über 90 Prozent aller Volksreligionen der Welt um die Existenz Gottes. Einige von ihnen erwarten sogar bewußt, daß er die Erlösung der Menschheit im Auge habe und durchführen wolle."

Die Aussage des Apostels Johannes, daß die Welt in der Gewalt des Bösen liege (vgl. 1. Joh. 5,19), muß zusammenge­sehen werden mit der Erkenntnis des Apostels Paulus, daß Gott sich nicht unbezeugt gelassen habe. Denn gerade dieses Zeugnis ist in die Macht des Bösen schon bis zu einem gewis­sen Grad fast überall eingedrungen!

Wie der Apostel Johannes es ausdrückt: „Das Licht scheint in der Finsternis, aber die Finsternis hat es nicht ergriffen" (Joh. 1,5). Weiterhin erklärt er, was er mit der Beschreibung dieses „Lichtes" meint: „Das war das wahrhaftige Licht, wel­ches alle Menschen erleuchtet, die in diese Welt ommen" (Joh. 1,9).

Aber warum spielten sogar manche Missionare diese Er­kenntnis herunter, obwohl sie das Himmelsgott-Phänomen aus erster Hand erlebt hatten? Vielleicht dachten sie, in den Heimatgemeinden könnte man sagen: „Seht! Sie hatten be­reits ihren eigenen Glauben an Gott! Ihr hättet doch über­haupt nicht zu ihnen zu gehen brauchen!" Diese Bemerkun­gen zu vermeiden fanden sie wohl leichter, als ihnen entge­genzutreten, obwohl es doch eigentlich auch leicht wäre! So gaben sie ihrem Freundeskreis lieber andere wichtige Infor­mationen weiter.

Andere Missionare, die von Theologen ausgebildet waren, die dieses Phänomen herunterspielten, waren dadurch geistig darauf eingestellt, diesen Beweis nicht anzuerkennen, noch bevor sie ihm überhaupt begegnet waren! Oder vielleicht wa‑


ren sie erstaunt, als sie das Phänomen entdeckten, zögerten aber, darüber zu sprechen, weil sie Angst hatten, ihre eigenen Lehrer würden ihre Rechtgläubigkeit in Frage stellen.

In jedem Fall haben beide, sowohl diese Missionare selbst als auch deren Lehrer, unwissentlich den Tylorschen Evolu­tionisten in die Hände gespielt, die natürlich vorzogen, diese Erkenntnis von der öffentlichen Aufmerksamkeit fernzuhal­ten. Dabei bewirkt nichts auf dem Gebiet der Ethnologie grö­ßere Verwüstung in ihren Evolutionstheorien und bedroht ih­re Vertrauenswürdigkeit stärker als die Tatsache jener Gottes­erkenntnis!

Es klingt seltsam paradox, aber doch ist es so, daß sowohl die Vertreter der Evolution als auch die Theologen sich durch die gleiche Erkenntnis bedroht sehen. Die Evolutionisten, die das Problem genau und richtig sehen, haben allerdings wirk­lich Grund zu zittern!

Zwei oder drei prominente Theologen kamen zu einer irri­gen Schlußfolgerung, als sie erstmalig Berichte aus zweiter oder dritter Hand über die beinahe weltweite Erkenntnis ei­nes allerhöchsten Gottes innerhalb der Volksreligionen hör­ten. Die Einzigartigkeit der Bibel als Gottes alleiniger Offen­barung seiner selbst unter den Menschen, so dachten sie, sei dadurch gefährdet. In der Tat wurden sie von einigen Evolu­tionisten darin bestärkt, weil die nämlich auch erkannten, wenn die Theologen das Himmelsgott-Phänomen verbreiten würden, könne es mit ihrer eigenen Sache nicht gut gehen. Deshalb jagten sie den Theologen raffiniert die Angst ein, das Phänomen werde die Meinung bewirken, die Bibel sei nicht Gottes alleinige Offenbarung. So lehnten manche wohlmei­nende Theologen unklugerweise dieses Himmelsgott-Phäno­men als ohne Belang ab. Sie wiederum vermittelten Genera­tionen ihrer Studenten diese Ablehnung. Seitdem haben es einige Theologen zu einem Teil ihrer Aufgabe gemacht, die der Bibel parallel laufenden Glaubensaussagen in den Volks­religionen in Mißkredit zu bringen und als „Verzerrungen" oder „Satanswerk" zu bezeichnen.

Aber nun ist es an der Zeit, mit solchen Pauschalierungen aufzuhören. Natürlich ist es wahr, daß Unwahrheiten, Ver‑


zerrungen und geistliche Verfälschungen in dieser Welt exi­stieren. Es ist auch möglich, daß Träger des Evangeliums von ihnen irregeführt werden können, ebenso wie es möglich ist, daß eine Biene, während sie munter zwischen den Blüten um­herfliegt, plötzlich aus Versehen an einem Fliegenfänger hän­genbleibt. Aber Bienen hören deshalb doch nicht auf, weiter Nektar zu sammeln, nur weil sie um die Gefahr der Fliegen­fänger wissen oder um Spinnennetze oder „Gottesanbeterin­nen" (die in Wirklichkeit räuberische Heuschrecken sind!).

Zwei Beispiele für „Fliegenfänger", die als „Blüten" in un­serem „Feld" stehen, wie Jesus mehrfach diese Welt genannt hat. Missionare tun gut daran, sie zu vermeiden, und Theolo­gen sollten ernstlich davor warnen.

1. Die Hindus erwarten das, was sie „die zehnte Inkarna­tion des Vishnu" nennen. Ein junger Missionar, der darauf er­picht war, die Aufmerksamkeit der Hindus zu bekommen, be­schloß, Jesus Christus ganz einfach als diese zehnte Inkarna­tion des Vishnu zu verkündigen! Dabei hat er vielleicht ge­glaubt, der Zweck heilige solche unheiligen Mittel. Konserva­tive Theologen schlagen die Hände über dem Kopf zusammen und rufen „widerlich" gegenüber diesem Versuch kultureller Annäherung.

Sie sollten aber nicht im nächsten Atemzug aus einem sol­chen Einzelfall folgern, der kulturelle Hintergrund solcher Völker sei unwichtig, wenn man mit dem Evangelium zu ih­nen kommt. Wenn man so argumentiert, ist das ein Beispiel dafür, wie man so sagt, „das Kind mit dem Bade auszuschüt­ten". Die Tatsache bleibt, daß die Hindus glauben, die Gott­heit könne Mensch werden unter Menschen. Und das macht unsere Aussage verständlicher, wenn wir mit den Hindus über „das Wort, das Fleisch wurde und unter uns wohnte", spre­chen — aber das nicht immer wieder neu, sondern einmal und für alle Zeiten gültig!

2. Einige Buddhisten erwarten — in ähnlicher Weise — die fünfte Manifestation des Buddha als Phra-Ariya-Metrai — den „Herrn der Barmherzigkeit". Es wäre sowohl falsch als auch unsinnig, den einmal Mensch gewordenen Sohn Gottes nur zu einer „fünften Manifestation Buddhas" oder einer sonstigen


Gottheit zurückzustufen. Doch die buddhistische Erkenntnis, daß der Mensch Barmherzigkeit braucht durch eine weit über ihm stehende Macht, bleibt dennoch ein ganz wichtiger An­knüpfungspunkt.

Das Zeugnis unter den Volksreligionen von der Existenz eines allerhöchsten Gottes führt jedoch oft zu ganz andern Versuchen der Annäherung. Zwei Beispiele sollen folgen. Das eine ist aus Harold Fullers Buch „Run While the Sun Is Hot" (Lauf, solange die Sonne heiß ist), mit beigefügten Ein­zelheiten aus Albert Brants noch unveröffentlichtem Werk „In the Footsteps of the Flock" (In den Fußtapfen der Herde). Das andere ist aus einem persönlichen Interview mit Dr. Eu­gene Rosenau, einem Bürger der Zentralafrikanischen Repu­blik.

Äthiopiens Gedeo-Volk

Tief im Hügelland des südlich-zentralen Äthiopien leben eini­ge Millionen Menschen, die Kaffee anbauen. Obwohl sie ganz verschiedenen Stämmen angehören, teilen sie doch den ge­meinsamen Glauben an ein gütiges Wesen, das sie Magano nennen, was soviel heißt wie „allmächtiger Schöpfer von al­lem, was ist". Einer dieser Stämme wird verschiedentlich Dar­assa genannt oder — etwas genauer — das „Gedeo-Volk". Nur wenige des eine halbe Million Menschen umfassenden Stam­mes der Gedeo beten wirklich zu Magano. Tatsächlich aber hätte ein flüchtiger Beobachter wohl festgestellt, daß die Leu­te weit häufiger bemüht waren, ein böses Wesen, das sie Sheit­'an nannten, zu beschwichtigen.

Eines Tages fragte Albert Brant eine Gruppe der Gedeo: „Wie kommt es, daß ihr Magano so tief verehrt, wenn ihr doch Sheit'an Opfer bringt?" Er erhielt folgende Antwort: „Wir op­fern Sheit'an nicht, weil wir ihn lieben, sondern weil wir nicht eng genug mit Magano verbunden sind, um uns die Beziehung zu Sheit'an ersparen zu können!"


Immerhin gelang es mindestens einem Gedeo-Mann, eine persönliche Antwort von Magano zu erhalten. Sein Name: Warrasa Wange. Seine Stellung: verwandt mit der „königli­chen Familie" des Gedeo-Stammes. Sein Wohnort: eine Stadt namens Dilla, die in der äußersten Ecke des Gedeo-Stamm­landes liegt. Seine Methode, sich Magano zu nähern: ein ein­faches Gebet, Magano möchte sich selbst dem Gedeo-Volk offenbaren!

Warrasa Wange erhielt eine schnelle Antwort. Bestürzen­de Traumbilder überfluteten sein Gehirn. Er sah zwei weiß­häutige Fremde. (Leute, die „weiße Menschen", gewöhnlich Kaukasier genannt, verabscheuen oder fürchten, werden Ein­spruch erheben, aber was kann ich tun? Die Weltgeschichte hat wohl den modernen Trend in Richtung „Kaukasophobie" nicht erwartet!)

Warrasa sah die zwei Weißen, wie sie gebrechlich dünn wirkende Schutzdächer unter dem Schatten einer großen Sy­komore in der Nähe von Dilla, Warrasas Heimatstadt, errich­teten. Später bauten sie dauerhaftere Hütten mit glänzenden Dächern, die schließlich einen ganzen Berghang bedeckten! Nie zuvor hatte der Träumer etwas gesehen, das auch nur an­nähernd weder an die leichten, noch an die festeren Bauten mit solch blanken Dächern erinnerte! Alle Wohnstätten im Gedeo-Land hatten mit Gras gedeckte Dächer.

Dann hörte Warrasa eine Stimme: „Diese Männer", so hieß es, „werden euch eine Botschaft von Magano bringen, von dem Gott, den ihr sucht. Wartet auf sie!"

In der Schlußszene seines Traumes sah Warrasa, wie er den Mittelpfosten seines eigenen Hauses heraushob. In der Sym­bolik der Gedeo bedeutet der Mittelpfosten in eines Mannes Haus sein eigenes Leben. Dann trug er diesen Mittelpfosten aus der Stadt hinaus und rammte ihn in den Boden gleich ne­ben einem der so glänzend gedeckten Wohnstätten dieser fremden Männer

Warrasa verstand den tieferen Sinn — sein Leben sollte spä­ter in völliger Übereinstimmung mit jenen fremden Männern stehen, mit ihrer Botschaft und mit Magano, der sie senden würde.


Warrasa wartete. Acht Jahre vergingen. Während dieser acht Jahre prophezeiten andere Seher unter dem Gedeo­Volk, daß Fremde bald mit einer Botschaft von Magano kom­men würden.

Dann, an einem sehr heißen Tag im Dezember des Jahres 1948, tauchten zwei blauäugige Kanadier, Albert Brant und sein Kollege Glen Cain, am Horizont auf in einem alten, klap­perigen Lastwagen. Ihr Auftrag bestand darin, unter dem Ge­deo-Volk eine Missionsarbeit zur Ehre Gottes aufzubauen. Sie hatten gehofft, die Genehmigung der äthiopischen Behör­den zu erreichen, ihre neue Mission genau im Zentrum des Gedeo-Gebietes aufbauen zu dürfen. Aber der Mission freundlich gesinnte Äthiopier gaben zu bedenken, daß solche Bitte unter den gegebenen politischen Umständen auf Wider­stand stoßen würde.

„Bittet nur darum, so weit gehen zu dürfen, bis ihr zur Stadt Dilla kommt", wurde ihnen augenzwinkernd geraten. „Diese Stadt ist ziemlich weit vom Zentrum des Stammes ent­fernt. Die Gegner eurer Mission werden glauben, so weit am Rand gelegen könnt ihr unmöglich den ganzen Stamm beein­flussen!"

„Jetzt sind wir da", sagte Brant zu Cain. „Es ist wirklich das äußerste Ende der Gegend, wo die Gedeo leben; aber es muß auch so gehen." Seufzend steuerte er das alte Auto weiter Dil­la zu, Glen Cain wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Heiß heute, Albert", sagte er. „Hoffentlich finden wir einen schattigen Platz für unsere Zelte!"

„Sieh mal, dort die alte Sykomore!" meinte Albert. „Ge­nau nach Onkel Doktors Rezept!"

Brant steuerte das alte Fahrzeug die Anhöhe hinauf zur Sy­komore. In der Ferne hörte Warrasa Wange das Geräusch. Er wandte sich gerade rechtzeitig um und sah, wie Brant den al­ten Lastwagen unter den weit ausgebreiteten Ästen des Bau­mes zum Stehen brachte. Langsam ging Warrasa auf den Wa­gen zu. Er war gespannt...

Drei Jahrzehnte später (Warrasa war nun ein strahlend an Jesus Christus, Maganos Sohn, glaubender Mann) zählten er,


Albert Brant und andere über 200 Kirchen unter dem Ge­deo-Volk — Kirchen, von denen jede durchschnittlich mehr als 200 Mitglieder hatte! Mit der Hilfe Warrasas und anderer Ein­wohner von Dilla war fast der ganze Gedeo-Stamm vom Evangelium beeinflußt worden — trotz der Randlage der Stadt Dilla!

Zentralafrikanische Republik: der Stamm Mbaka

Was unter den Gedeo geschah, ist keineswegs ein ausgespro­chener Einzelfall 35a So unglaublich es auch scheint, aber buchstäblich Tausende von christlichen Missionaren sind im Laufe der Geschichte zu ihrer Verblüffung herzlichst will­kommen geheißen worden von einigen der auf Erden am ab­geschiedensten lebenden Menschen! Leute, die nicht lesen können, erwarteten dennoch das Kommen von Botschafts­Trägern des wahren Gottes mit einer so klaren Erkenntnis, als ob sie gerade davon in der Morgenzeitung gelesen hätten!

Für gewöhnlich pflegte der „Himmelsgott" — um nochmals den väterlich herablassenden Begriff der Ethnologen zu neh­men — ihnen nicht zu enthüllen, welche Art guter Nachricht seine Boten bringen würden. Er zog es vor, ihnen einfach zu sagen, daß solche Botschafts-Träger kämen. Deshalb ist die Geschichte von Koro solch eine erstaunliche Ausnahme!

Koro? Der Schöpfer, der in verschiedenen Bantusprachen Afrikas so bezeichnet wurde! Und ein Bantustamm — die Mbaka — kam in seiner Vorausschau den Tatsachen vielleicht näher als irgend ein anderes Volk auf der Erde, und zwar er­warteten sie nicht nur die Ankunft einer Botschaft von Koro, sondern sie ahnten sogar einen Teil des tatsächlichen Inhaltes voraus!

Die Mbaka leben in der Nähe der Stadt Sibyut in der Zen­tralafrikanischen Republik. Missionar Eugene Rosenau, Dr. phil., hörte immer wie gebannt zu, wenn Leute aus dem Mba­ka-Stamm, besonders solche vom Dorf Yablangba, erzählten, warum sie das Evangelium unverzüglich annahmen, als Euge‑


nes Vater Ferdinand Rosenau und seine baptistischen Mitbrü­der als erste kurz nach 1920 den Mbaka predigten.

Eines Tages war Eugene tief bewegt, als seine Mbaka­freunde verschiedene Weisen aufzählten, wie deren eigene Kultur das Evangelium vorausgeahnt hatte, und er rief aus: „Eure Mbaka-Vorfahren waren der Wahrheit näher als meine germanischen Vorfahren in Nordeuropa!"

Was nun folgt, sind einige der Einzelheiten aus dem Mba­ka-Land, die mir von Eugene Rosenau persönlich berichtet wurden.

„Koro, der Schöpfergott, sandte unseren Vätern vor lan­ger, langer Zeit eine Botschaft, in der er sagte, er hätte bereits seinen Sohn in diese Welt geschickt, um etwas Wunderbares für die ganze Menschheit zu vollbringen. Später jedoch wand­ten unsere Vorfahren sich von der Wahrheit über Koros Sohn ab. Mit der Zeit vergaßen sie sogar, was das war, das er für die Menschheit getan hatte. Seit der Zeit des 'Vergessens' hat un­ser Volk sich danach gesehnt, die Wahrheit über Koros Sohn wieder zu entdecken. Aber alles, was wir erfahren konnten, war, daß Botschafter kommen würden, um uns die vergessene Erkenntnis wiederzubringen. Irgendwie wußten wir auch, daß die Botschafter wahrscheinlich eine weiße Hautfarbe hät­ten..."

(„Kaukasier-Ablehnende", entspannt euch! Diesmal war die weiße Haut nur eine Wahrscheinlichkeit!)

„... Auf jeden Fall beschlossen wir, wenn je die Botschaf­ter Koros ankämen, wollten wir alle sie willkommen heißen und ihrer Botschaft glauben!"

Ferdinand Rosenau entdeckte überdies, daß Männer des großen Dorfes Yablangba für „Erhalter der Lehre Koros" ge­halten wurden — als eine Art Leviten innerhalb des Stammes. Wie nun reagierten sie auf das Evangelium?

Die Mbaka-Leute in Yablangba, so sagt Eugene, leisteten dem Ruf des Evangeliums so völlig Folge, daß etwa um 1950 jemand die erstaunliche Entdeckung machte, daß 75 bis 80 Prozent aller afrikanischen Pastoren, die von Eugene und sei­nen Mitarbeitern ausgebildet wurden, aus jenem einen gro­ßen Dorf Yablangba kamen! Der Prozentsatz änderte sich


später, als auch andere aufgeschlossene Völker der Zentral­afrikanischen Republik ihren Beitrag als Führungskräfte ein­brachten; die meisten von ihnen waren natürlich von den ur­sprünglichen Yablangba-Pastoren unterwiesen worden.

Selbst Stammesbräuche bei der Jünglingsweihe unter den Mbaka, so sagt Eugene, zeigen judenchristliche Parallelen. Erstens, die Ältesten opferten ein Blutopfer für den Neuling. Dann tauften sie ihn durch Untertauchen in einem Fluß. Wäh­rend einiger Tage nach der Taufe mußte sich der Eingeweihte wie ein neugeborenes Kind verhalten. Dem Gleichnis ent­sprechend, ist es ihm nicht erlaubt zu sprechen. Wann immer ein Mbaka-Mann über einen Stein stolperte, pflegte er sich zuerst umzudrehen und den widerstehenden Gegenstand dankbar zu salben. Dann sagte er zu ihm: „Sag mir, Stein, hat Koro dich gebraucht, um mich vor Gefahr oder vor Bösem zu bewahren?"

Eugene sieht eine erstaunliche Parallele zwischen dieser Sitte und dem biblischen Ausdruck für Jesus Christus als „Stein des Anstoßes" und „Fels des Ärgernisses". Er ist das jedoch nur für die Menschen, die nicht erkennen, daß Gott diesen „Stein" gebrauchen möchte, um sie vor Gefahr und vor Bösem zu bewahren! Die Mbaka ihrerseits sind entschlossen, den Segen Koros anzuerkennen, selbst wenn er als lästiger Stein verkleidet kommt, der einen am Fuß verletzt!

Eugene erinnert sich an vergangene Jahre, als jüngere Mis­sionare, angetan von ähnlichen Goldklümpchen in der Lehre der Mbaka, sagten, daß sie gerne „mehr Zeit wollten, um die Kultur zu studieren". Ein älterer Missionar aber antwortete darauf: „Man studiert nicht die Hölle. Man predigt den Him­mel!"

Ganz gewiß ist die „Hölle" immer und überall in jeder menschlichen Gesellschaft gegenwärtig. Edle „Wilde" sind genauso selten wie edle „Zivilisierte". Der gleiche Mann, der an einem Tag „den Fels salbt", mag am nächsten Tag jeman­den umbringen. Deshalb sollten wir uns niemals so stark von irgendeiner menschlichen Situation faszinieren lassen, daß wir dabei versäumen, „den Himmel zu predigen".

Immerhin scheint es klar, daß die „Hölle" in der Entwick‑


lung der Mbaka-Kultur nicht alles erreichte, was sie wollte. Mancher Einfluß des „Himmels" schlug dennoch durch. Je­mand, der in Wahrheit den Himmel predigen wollte unter den Mbaka, ging nicht fehl, wenn er zuerst den Einfluß erforschte, den der Himmel schon vorher auf ihre ganze Welt ausgeübt hatte!

Ironisch ist es aber, daß ältere Missionare über die jünge­ren Missionare, die die Kulturen studieren wollen, spötteln; denn sie haben oft selbst diese Kulturen gründlich studiert!

Und es geschah weitgehend durch den Dienst genau jenes Missionars, der diese Worte sprach, daß das Yablangba-Dorf ganz für Christus gewonnen wurde und allmählich etwa 80 Prozent der ausgebildeten christlichen Pastoren aus dieser Mbaka-Region stammten. So, wie wir selbst einen Fremden bereitwillig annehmen, wenn er uns zuerst von jemandem, den wir kennen und dem wir vertrauen, empfohlen worden ist, so nahmen auch die Mbaka das Evangelium mit Freuden auf, weil es ihnen durch etwas Bekanntes und Vertrautes na­hegebracht worden war: ihre eigene Kunde über Koro. Aus diesem Grund kann man die Mbaka-Lehre als „erlösungsna­he" bezeichnen (Anmerkung: „erlösungsnah", nicht „erlö­send!" „Erlösend" würde bedeuten, daß das Mbaka-Volk Ge­meinschaft mit Gott durch ihre eigene überlieferte Lehre oh­ne das Evangelium finden könnte. „Erlösungsnah" bedeutet in diesem Zusammenhang „beisteuernd zur Erlösung eines Volkes, aber nicht den tatsächlichen Höhepunkt des Vorgan­ges erreichend").

„Erlösungsnahe Lehrüberlieferung" trägt für das betref­fende Volk nur zu einem leichteren Verständnis dessen bei, was Erlösung bedeutet.

Ihre eigene erlösungsnahe Überlieferung veranlaßte das Mbaka-Volk, das Evangelium fast sofort als etwas Kostbares anzusehen und nicht als etwas Schädliches, das ein Ausländer ihnen willkürlich aufzwingen wollte. Dieses gleiche Evange­lium paßte nicht nur genau auf die Vorstellung von Koro als eines gerechten Gottes, sondern es entsprach auch ganz und gar ihren persönlichen Bedürfnissen als schuldig gewordenen Männern und Frauen. Die Tatsache, daß das Evangelium eine


solche Wirkung hatte, daß es den tiefsten Kern der Mbaka­Lehre eher erfüllte als zerstörte, macht das Evangelium nur noch einzigartiger, nicht geringer! Und diese Einzigartigkeit vermehrt sich tausendfach, wenn wir entdecken, daß dieses gleiche Evangelium den „erlösungsnahen" Bestandteilen von weiteren tausend Kulturen genauso Erfüllung bringt! Keine andere Botschaft auf dieser Erde besitzt eine solche schon im voraus hineingelegte Wegspur in den Glaubenssystemen von Tausenden gänzlich unterschiedlicher Kulturen!

Wie bedauerlich, daß einige Theologen glaubten, die Ein­zigartigkeit des Evangeliums würde durch solche Überliefe­rungen bedroht, während sie doch im Gegenteil noch stärker betont wird! Schade auch, daß sie uns lehrten, solche Lehren als „gefälscht" oder als „Entstellung" zu verurteilen. Diese Art der Belehrung hat manche Christen — auch einige Missio­nare — dazu veranlaßt, sehr abwehrend, wenn nicht sogar ag­gressiv zu reagieren gegenüber nichtchristlichem Volkstum. Sie hat sie dazu gebracht, dem Christentum ähnliche Paralle­len in anderen Völkern als Barrieren zum Evangelium zu se­hen, statt sie als Türschwellen zu verstehen, über denen die Inschrift steht: „Herzlich willkommen!"

Eine weitere Frage: Was geschieht, wenn die infolge ihrer eigenen Vorerkenntnis leichter zum Glauben Bekehrten un­ter einem bestimmten Volk später enttäuscht über das Evan­gelium sind? Was, wenn sie sich sogar wieder ihrer eigenen Lehre zuwenden und sie als völlig genügend und abgeschlos­sen ansehen? Was, wenn sie gar einen Kult darum errichten in Konkurrenz zur Gemeinde Jesu? Sollten wir dann sagen: „Aha! Hier haben wir ja den Beweis, daß ihre Überlieferung immer schon vom Teufel war!"?

Nein, so nicht! Wenn eine Ehefrau die Rasierklinge ihres Mannes mißbraucht, um damit Linoleum zu schneiden, und sie dabei ruiniert, bedeutet das dann, der Mann hätte sich von vornherein keine Rasierklinge anschaffen sollen? Nachfol­gender Mißbrauch hebt den beabsichtigten Zweck einer Ra­sierklinge nicht auf. Bevor wir solch eine Überlieferung an­zweifeln oder jene Menschen für ihr Tun tadeln, sollten wir uns lieber Fragen wie die folgenden stellen:


Haben wir vielleicht bei unserer Anwendung der überlie­ferten Lehre zu viele Fragen ohne Antwort gelassen? Oder hat die zweite oder dritte Generation von Missionaren es viel­leicht versäumt, die Methode der Kulturerforschung der be­währten Pioniermissionare zu würdigen, die den ersten Kon­takt zu den Menschen ihres Bezirks schafften? Wenn ich Mis­sionsgebiete besuche, stelle ich gelegentlich fest, daß manche Missionare, die die angefangene Arbeit anderer übernahmen, überhaupt nie daran gedacht haben, zu fragen, welche Art der Verständigung mit den Leuten ihre Vorgänger am wirksam­sten fanden. Wenn diese Nachfolgekräfte nicht weise vorge­hen und zuviel als gegeben voraussetzen, dann werden sie Neubekehrte unnötig vor den Kopf stoßen und der Gemeinde Christi entfremden. Wenn dann diese Bekehrten die Leere in ihrem Leben auszufüllen suchen, indem sie sich wieder ihrer alten Lehre zuwenden, weil sie instinktiv spüren, daß da ir­gendeine Beziehung zum Evangelium besteht, dann wird sol­che Überlieferung vielleicht ungerechterweise hingestellt als „Werkzeug des Teufels zur Täuschung von Neubekehrten".

Noch eine Frage: Ist es nicht demütigend für Volksstämme wie die Gedeo oder die Mbaka, über Magano/Koro zu wissen und doch Jahrhunderte darauf warten zu müssen, bis Auslän­der in irgendeinem anderen Teil der Welt schließlich entschei­den, daß es „vielleicht Zeit ist, hinzugehen und ihnen zu sa­gen, wie sie Gott persönlich kennenlernen können"?

Die Antwort ist zuallererst einmal: Ja! Völker wie die Ge­deo oder die Mbaka haben Missionare oft in Verlegenheit ge­bracht mit ihren Fragen: „Kannte euer Urgroßvater den Weg zu Gott? Er kannte ihn? Warum ist er dann nicht gekommen, um es meinem Urgroßvater zu erzählen?"

Aber eine vollständigere Antwort erfordert auch die fol­gende Anmerkung: Denken Sie an die eingebildetsten, arro­gantesten Personen, die Sie kennen (zählen Sie sich selbst da­bei nicht mit). Und fragen Sie jetzt: Welcher gemeinsame Nenner lauert hinter dieser Einbildung und Arroganz? Ohne Frage, dieser gemeinsame Nenner ist ganz einfach eine Selbst­täuschung über die Unabhängigkeit, eine trügerische Zuver­sicht in die eigene Fähigkeit, sein Schicksal selbst zu meistern.


Und wenn Sie unter den eingebildeten Leuten jemanden finden, der denkt, er habe sich selbst so weit gebracht, daß er sogar Gott gefallen könne, dann ist er zweifellos der eingebil­detste Mensch überhaupt! Kein Wunder also, daß Gottes Antwort gegenüber der menschlichen Einbildung darin liegt, uns alle für abhängig zu erklären! Abhängig nicht von unseren eigenen „guten Werken", sondern vom guten Werk seines Sohnes auf Golgatha! Da bleibt uns überhaupt kein bißchen Grund mehr zum Rühmen! Aber Gott scheint sogar noch wei­ter gegangen zu sein...

Außer der Abhängigkeit von seinem Sohn im Blick auf die Erlösung hat er uns so klein gemacht, daß wir darüber hinaus abhängig sind von unseren Mitmenschen, daß er uns die Fro­he Botschaft der Erlösung bringt! Jesus selbst hat niemals ein Buch geschrieben. In der Tat hinterließ er uns nicht einen ein­zigen Brief in seiner eigenen Handschrift! Auch hat er keine Engel beauftragt, in diesem Zeitalter das Evangelium — an­stelle von Menschen oder zusammen mit ihnen — zu verkündi­gen!

Wenn er die Engel mit einbezogen hätte in diese große Aufgabe der Verkündigung des Evangeliums und der Grün­dung von Gemeinden, dann können Sie sich vielleicht vorstel­len, was passiert wäre: Gemeinden, die durch den Dienst von Engeln gegründet wurden, hätten ihre Überlegenheit über die Gemeinden verkündigt, die nur durch den Dienst von Men­schen gegründet sind — oder umgekehrt!

In Gottes Haushalt jedenfalls laufen die Dinge so, daß der menschliche Stolz nicht hochwuchern kann. „...Gott wider­steht den Hoffärtigen, aber den Demütigen gibt er Gnade" (1. Petr. 5,5). Deshalb, wenn es für einen Juden demütigend sein wird, daß ein Samariter ihm eine geistliche Lektion erteilt, wird Gott gern genau eine solche Situation schaffen (vgl. Luk. 10, 25-37; 17, 11-17). Genauso demütigt Gott manchmal stol­ze Weiße, indem er ihnen seine Wahrheit durch braune oder schwarze Brüder aus Asien oder Afrika verkündigen läßt. Umgekehrt mag es das Beste für die Seele eines rachedursti­gen Anhängers einer „Befreiungsbewegung" sein, wenn er den Weg zur wahren Befreiung durch ein Mitglied der von ihm gehaßten herrschenden Rasse findet.


Wenn ich diese Grundwahrheiten bedenke, wage ich Gott nicht zu fragen, weshalb er gerade unmöglich scheinende Bot­schafter gebraucht, um verschiedenartige Völker zu errei­chen. Ich bin gewiß, daß er auch weiterhin Boten gebraucht, über die sich manche wundern werden!

Wenden wir uns nun zwei weiteren Beispielen vorbereite­ter Völker zu.

Die Chinesen und die Koreaner

Die Chinesen nennen ihn Shang Ti — den Herrn des Himmels. Einige Sprachwissenschaftler vermuten sogar, daß Shang Ti in sprachlichem Zusammenhang mit dem hebräischen Begriff Shaddai stehen könnte, wie in El Shaddai mit der Bedeutung „der Allmächtige".

In Korea ist er bekannt als Hananim — der Große. Der Glaube an Shang Ti/Hananim bestand schon jahrhunderte­lang vor dem Konfuzianismus, Taoismus und Buddhismus. In der Tat kennzeichnet gemäß der Encyclopedia of Religion and Ethics (vgl. Bd. 6, S. 272) der erste Hinweis in der chinesi­schen Geschichte auf irgendeine Art religiösen Glaubens Shang Ti allein als Gegenstand dieses Glaubens. Dieser Hin­weis stammt aus der Vorzeit — schätzungsweise 2.600 Jahre vor Christus!36 Das ist mehr als zweitausend Jahre, bevor es den Konfuzianismus oder irgendeine andere, in bestimmte Ordnungen gegliederte Religion in China gab!

Sowohl in China als auch in Korea müssen die Anbeter von Anfang an anscheinend verstanden haben, daß Shang Ti/Han­anim niemals durch Götzen dargestellt werden darf. Das chi­nesische Volk scheint jedenfalls Shang Ti gehuldigt zu haben bis zum Beginn der Zhou-Dynastie (1066-770 v. Chr.). Um diese Zeit verloren die religiösen Führer Chinas, übereifrig die Majestät und Heiligkeit Shang Tis betonend, die Sicht für seine Liebe und Barmherzigkeit den Menschen gegenüber. Bald hatten sie sich selbst so stark in die Ecke gedrängt, daß


schließlich nur noch der Kaiser für „gut genug" gehalten wur­de, Shang Ti anzubeten, und das auch nur einmal im Jahr!

Dem gewöhnlichen Volk war es von jener Zeit an verbo­ten, ihren Schöpfergott unmittelbar zu verehren. Der Kaiser als Vater werde allein Sorge für alles tragen, wurde ihnen ge­sagt.

Hier lassen sich tragische Parallelen finden zwischen dem Vorgehen der alten Chinesen und dem des Pachacuti bei den Inkas. Dieser hatte ebenfalls beschlossen, die Anbetung Vira­cochas auf die Herrenkaste seines Volkes zu beschränken. Die Entscheidung Pachacutis ließ dabei nicht nur die Massen ohne Viracocha, sondern sie ließ auch Viracocha ohne Nach­folger unter den Inkas, als nämlich die spanischen Eroberer die Führungsschicht ausrotteten. So war es auch im chinesi­schen Kaiserreich. Nicht nur blieben die Massen ohne Shang Ti, auch Shang Ti blieb ohne wirkliche Anhängerschaft unter den Chinesen wegen dem, was dann folgte:36a

Weil man nämlich die Massen von der Anbetung Shang Tis in bisher gewohnten religiösen Gebräuchen trennte, entstand in China ein geistliches Vakuum. Dieses Vakuum konnte zwangsläufig nicht lange bestehen, ohne von etwas anderem, das hereinbrach, ausgefüllt zu werden. Es ist höchst bezeich­nend, daß innerhalb von nur drei Jahrhunderten am Ende der Zhou-Dynastie drei völlig neue Religionen sozusagen aus dem Nichts auftauchten und dieses Vakuum ausfüllten.

Die erste, der Konfuzianismus, begann mit der Belehrung der Massen, die religiöse Verehrung auf die Anbetung der Ahnen zu beschränken. Die Entwicklung einer besseren Ge­sellschaft hier auf Erden sei viel wichtiger! Um Shang Ti brau­che man sich nicht zu sorgen, meinte Konfuzius. Er sei viel zu hochstehend und unerreichbar für gewöhnliche Sterbliche. Überlaßt nur Shang Ti dem Kaiser allein. Nur dieser ist in der Lage, für euch bei Shang Ti der Mittler zu sein! Mit anderen Worten: der Konfuzianismus versuchte einfach, eine humani­stische Struktur um die schon vorhandene Inhaltslosigkeit zu errichten. Die Anbetung der Ahnen war eine Art Beruhi­gungsmittel, das der Konfuzianismus gebrauchte, um den reli­giösen Instinkt der Menschen zu täuschen, nicht aber, um ihn zu befriedigen!


Verständlicherweise faßte der Konfuzianismus unter den herrschenden Klassen Fuß. Die Lehre des Konfuzius konnte die religiösen Bedürfnisse der großen Mehrheit Chinas nicht befriedigen. Die Folge: der Taoismus kam auf als eine volks­tümliche Alternative zum Konfuzianismus.

Die Lösung des Taoismus für die hungrige Sehnsucht in den Herzen der Chinesen lag in dem Rezept einer Mischung aus Magie, Philosophie und Mystik. Der Taoismus machte das Streben des Konfuzius nach einer idealen menschlichen Gesellschaft lächerlich. Die Ordnung der Welt erfordere un­beirrbar, so erklärten die Taoisten, daß die bestehenden For­men beibehalten würden, und jedem, der hier etwas verbes­sern oder entwickeln wolle, müsse widerstanden werden!

So faßte der Taoismus allmählich Fuß, jedoch der geistli­che Hunger der Chinesen war nach wie vor ungestillt. Und dann kam es — über den Himalaya, von Indien her: eine neue Religion, der Buddhismus. Es scheint unglaublich, daß man den Buddhismus in China willkommen hieß; denn der Bud­dhismus betonte den Zölibat. Nichts konnte dem Chinesen abscheulicher bei ihrer Idealisierung der Ehe und der Kinder­zeugung sein. Aber trotzdem breitete der Buddhismus sich rasch im Volk aus und überragte schließlich sowohl den Kon­fuzianismus als auch den Taoismus als vorherrschende Reli­gion Chinas.37 Weshalb hatte der Buddhismus Erfolg?

Erstens vermieden die buddhistischen Lehrer eine Kon­frontation mit gegensätzlichen einheimischen Modellen. Viel­mehr veränderten oder glichen sie ständig ihre Lehre der ein­heimischen Überlieferung an, um sie so für den Chinesen an­nehmbar zu machen. Der Buddhismus schmolz in die chinesi­sche Gesellschaft ein wie heiße Butter in frisches Brot. Für die eigensinnige Mehrheit, die zölibatäres Leben verachtete, dachten sich die buddhistischen Priester andere Möglichkei­ten aus, die auch verheirateten Chinesen Punkte für die Ewig­keit einbringen konnten.

Aber der Hauptgrund, weshalb Chinas Millionen den Buddhismus annahmen, war ganz unverblümt in dessen Be­reitschaft zu finden, ihnen Götter zu geben, die die Chinesen anbeten konnten!


Nicht, daß Gautama, der Begründer des Buddhismus, wollte, seine Nachfolger sollten Götzendienst lehren. Nein, er warnte sogar davor, eine neue Religion einzuführen! Der Buddhismus begann einfach nur als Reaktion auf die Exzesse innerhalb des Hinduismus. Der ursprüngliche Buddhismus war genauso auf den Menschen ausgerichtet wie der Konfu­zianismus, wenn nicht noch stärker!

Gautamas Nachfolger kamen jedoch sehr bald zu dem sehr praktischen Schluß, daß die nach Anbetung hungernden Mas­sen Chinas sich Gottheiten wünschten, denen sie sich huldi­gend unterwerfen konnten, nicht nur menschliche Idealge­stalten, um zu ihnen aufzuschauen. Buddhistische Priester sa­hen eine Gelegenheit, nicht nur den humanistischen Konfu­zianismus auszustechen, sondern auch den mystischen Taois­mus mit Philosophie, Magie und sonstigem Brimborium.

Aber traten sie für eine Rückkehr zur Anbetung Shang Tis ein? Das zu tun, hätte einen Einbruch in den Machtbereich des Kaisers bedeutet. Es gab jedoch eine sehr verlockende Al­ternative.

Sie ermutigten die Chinesen, Gautama selbst als Buddha anzubeten, das heißt als „den Erleuchteten"! Gautamas Asche muß sich darüber in Lauge verwandelt und ätzend durch den Boden seines Grabmals gefressen haben! Da die Chinesen Schwierigkeiten hatten, sich im Geist einen indi­schen Gautama vorzustellen, machten buddhistische Priester Statuen eines Buddha mit Schlitzaugen. Natürlich nur als Hil­fe zur Anbetung! Irgendwann trat dann jemand dafür ein, Weihrauch vor den Gedenkstatuen zu verbrennen. Auch das selbstverständlich ganz einfach nur als Hilfe zur Anbetung. Kein Grund zur Aufregung. Es dauerte gar nicht lange, bis je­dermann wußte, daß die Statuen Götzen geworden waren, aber nun sorgte sich niemand mehr darum.

Der Buddhismus beschaffte Götter, ja, aber nicht den Gott. Shang Ti, der Gott, zu dem viele der Urväter Chinas ge­betet hatten, hatte keinen Platz im Buddhismus — und er wünschte das auch gar nicht. Laut Chinas eigenen Geschichts­schreibern hatte Shang Ti das Volk zu einer großen Nation ge­macht, aber man zählte ihn nicht mehr als einen Gott, zu dem gewöhnliche Leute beten durften.


Es war ebenso wie bei der Inti-Anbetung: der Sodom-Fak­tor unter den Inkas hatte die Erinnerung an Viracocha fast völlig ausgelöscht. So war es auch mit dem Buddhismus, der zum Sodom-Faktor in China wurde und die Volksmehrheit fast völlig von Shang Ti und eine Zeit später in Korea von Hananim wegführte. Wie gesagt — fast!

Trotz der gemeinschaftlichen Ablenkung durch diese drei konkurrierenden Religionen blieb unterschwellig die sehn­süchtige Erinnerung an Shang Ti bestehen. Selbst zweieinhalb Jahrtausende nach dem Erscheinen des Konfuzianismus, Taoismus und Buddhismus sprach man in China und Korea gelegentlich noch von Shang Ti/Hananim mit Wißbegier und einer gewissen Ehrerbietung. Hin und wieder sagten auch Kinder in China: „Papa, erzähl' uns etwas über Shang Ti." Und Kinder in Korea baten: „Papa, erzähl' uns etwas über Hananim." Und jedesmal pflegten sowohl die chinesischen wie die koreanischen Väter ihren Kopf zu schütteln und zu sa­gen: „Wir wissen so wenig darüber. Er ist weit weg."

Wie Viracocha, sollte auch Shang Ti oder Hananim seinen Pachacuti haben. Aber wo sollte er in diesem Fall Fürsprecher finden, die sich für die Rückkehr ungetreuer Völker einsetzen würden?

Diesmal geschah es durch Sendboten, die eine besondere Offenbarung von Shang Ti/Hananim brachten, nämlich das jüdisch-christliche Zeugnis. Ihr Zeugnis wurde jedoch oft un­terbrochen. Und nicht immer identifizierten diese Sendboten ihre Botschaft mit den Überresten der vorhandenen mono­theistischen Erkenntnis, die bei Chinesen und Koreanern schon als gültig anerkannt war.

Anstatt ihre Zuhörer aufzufordern, in Buße vor Shang Ti/ Hananim — dem Gott, der von den Gründungsvätern beider Nationen noch vor einer geschichtlichen, schriftlichen Über­lieferung verehrt wurde — zu knien, drängten die Botschafter ihnen manchmal ganz bewußt einen völlig fremden Namen für den Allmächtigen auf. Zuweilen betonten sie sehr nachdrück­lich, daß dieser „ausländische" Gott keinem gleich sei, von dem Chinesen oder Koreaner je gehört hätten. Jene, die eine solche Position bezogen, mißverstanden die wirkliche Situa‑


tion total. Sie verfehlten dabei auch den tatsächlich springen­den Punkt ihrer eigenen Verkündigung. Es war genauso, als wenn Abraham El Elyon abgelehnt hätte.

Zuerst kamen die Nestorianer — im 8. Jahrhundert nach Christus. Später sandte Dschingis Khan, der von dem faszi­niert war, was er über das Evangelium durch Marco Polo er­fahren hatte, Botschafter zum Papst mit der Bitte um Missio­nare, die die gute Botschaft über Jesus Christus allen Völkern seines Reiches verkündigen sollten. Dieses Reich schloß zu jener Zeit China mit ein. Aber erst verspätet schickte der Papst vier Priester in das Gebiet Dschingis Khans. Einige star­ben unterwegs, und andere kehrten aus Furcht wieder zurück. Überzeugt davon, daß der Monotheismus dem Götzendienst überlegen sei, wandte Dschingis Khan sich statt dessen dem Islam zu. Das hatte zur Folge, daß die meisten Mongolenvöl­ker schließlich Moslems wurden.

Noch später erreichten römisch-katholische Ordensleute China und Korea mit gemischten Ergebnissen. Römische Ka­tholiken übernahmen Bezeichnungen wie Tien Ju (Herr des Himmels) oder Tien Laoye, um Gott in der chinesischen Spra­che zu bezeichnen. In Korea ignorierte man später viele Jahr­zehnte lang die heimische Bezeichnung Hananim und über­nahm an ihrer Stelle die gleichen chinesischen Namen.

Als schließlich evangelische Missionare China erreichten, stritten sie heftig miteinander, ob sie den Namen „Shang Ti" gebrauchen sollten, irgendein anderes chinesisches Wort oder lieber eine ausländische Bezeichnung für den Allmächtigen. Eine Partei argumentierte dahingehend, es sei besser, „einen neuen Namen für eine neue Sache" zu verwenden. Jene, die „Shang Ti" verwendeten, schöpften nicht die ganze Kraftwir­kung dieses Namens aus, die in dem uralten Zusammenhang mit den chinesischen Wurzeln lag. Mangelnde Einmütigkeit in dieser lebenswichtigen Frage war wahrscheinlich der Hauptgrund, weshalb die Protestanten in China verhältnis­mäßig geringeren Erfolg hatten als in Korea.

Denn als evangelische Missionare im Jahre 1884 Korea be­traten, waren sie sich völlig einig! Aus den Berichten geht her­vor, daß die evangelischen Missionare davon überzeugt waren


— nachdem sie die koreanischen Erkenntnisse über das Jen­seits untersucht hatten —, daß Jahwe in Korea nur mit einem einzigen Namen bezeichnet werden könne, nämlich mit „Hananim"! Einige hatten vielleicht auch etwas „unfreundli­che" Überlegungen, als sie sich für diesen Namen entschie­den. Sie stellten fest, daß er ihnen helfen könnte, den Vor­sprung der römisch-katholischen Missionare abzubremsen, den diese gegenüber den Protestanten in einigen Teilen Ko­reas hatten, wobei sie den Leuten aber einen ganz fremden Namen für Gott aufzwangen.

Auf jeden Fall schrieb schon 1890 ein protestantischer Pio­niermissionar: „Der Name Hananim ist so charakteristisch und so allgemein gebraucht, daß in zukünftigen Übersetzun­gen und Predigten keine derart unziemlichen Zänkereien zu befürchten sind, wie es vor langer Zeit unter Missionaren in China der Fall war, obwohl die Katholiken den Namen einge­führt haben, den sie in China benutzen."38

Ob aus Überzeugung oder als Gegensatz verwendet — die Wahl des Namens Hananim für die evangelische Mission in Korea war wirklich eine göttliche Fügung. Mit flammenden Predigten in Großstädten, Kleinstädten, Dörfern oder auf dem Land begannen evangelische Missionare ihre Arbeit mit der Bestätigung der Richtigkeit des koreanischen Glaubens an Hananim. Indem sie auf dieser uralten Erkenntnis aufbau­ten, gelang es ihnen meisterhaft, die natürliche Abneigung der Koreaner gegen die Verehrung eines ausländischen Got­tes zu überwinden. Da die Öffentlichkeit sich sowieso schon sehnsüchtig fragend für Hananim interessierte, war es leicht, direkt und eindeutig zu den Koreanern zu sprechen. So ver­kündigten die protestantischen Missionare das, was schon Paulus in Lystra aussprach: „Zwar hat er (Theos) in den ver­gangenen Zeiten alle Völker (einschließlich der Koreaner) ih­re eigenen Wege gehen lassen (indem sie Shamanismus, Kon­fuzianismus oder Buddhismus vorzogen); und doch hat er sich selbst nicht unbezeugt gelassen" (vgl. Apg. 14, 16-17).

Die evangelischen Missionare erklärten, daß Hananim sich durch die Zeiten hindurch nicht untätig verhalten habe. Er legte die Grundlagen für die zukünftige Aussöhnung mit buß‑


fertigen Völkern, indem er sich selbst auf eine neue Weise ei­nem bestimmten Volk gegenüber offenbarte, nämlich den Ju­den. Er erwählte die Juden nicht deshalb, weil sie größer an Zahl oder besser in ihrer Qualität waren als andere Völker, sondern ganz einfach deshalb, weil er eine „Spezial-Linse" brauchte, um eine neue Offenbarung seiner selbst auf dem „Bildschirm" menschlicher Geschichte aufleuchten zu lassen.

Auch gab er diese Offenbarung in konkreter schriftlicher Form durch bestimmte Menschen — Mose, die Propheten und die Apostel. Und am wichtigsten von allem ist die Mensch­werdung seines eigenen Sohnes unter dem Volk der Juden. Jesus der Messias, das Ewige Wort, der einzige gerechte Mensch, starb für die Sünden aller Völker. Dann erstand er vom Tod und bewies so allen Menschen gegenüber, daß Han­anim seine Sühne angenommen hatte. Dann folgte der Auf­trag, daß Verkündiger diese frohe Botschaft der Erlösung al­len Völkern bringen sollten. Alle Völker sollten den Ruf zur Buße, zur Umkehr und zum Glauben an den Namen Jesus, des Sohnes Hananims, hören.

In ehrfurchtsvoller Scheu lauschten die Koreaner zu Tau­senden den evangelischen Missionaren. Hier waren also Män­ner und Frauen, die viel mehr über den wahren Gott wußten als ihr eigener König, der ihm jedes Jahr auf einer heiligen In­sel im Fluß in der Nähe von Pjöngjang, der Hauptstadt Ko­reas, Verehrung erwies und ihm huldigte.39 Hier waren Men­schen, die ganz frei und direkt zu Hananim im Namen Jesu be­teten — und sogar Antwort auf ihre Gebete bekamen.

Die Koreaner waren beeindruckt. Eine ihrer eigenen Tan­'gun-Überlieferungen bestätigte, daß Hananim einen Sohn hatte, der unter den Menschen zu leben wünschte.40 Katholi­sche Missionare, die Gott noch immer mit chinesischen Aus­drücken wie Tien Ju oder Tien Laoye bezeichneten, schienen den Koreanern andeuten zu wollen, die chinesische Kultur sei der koreanischen überlegen. Zu jener Zeit hatten es die Ko­reaner ohnehin schwer genug, sich nicht minderwertiger zu fühlen als die hochgebildeten Chinesen mit ihren literarischen und wissenschaftlichen Kenntnissen. In zunehmendem Maße öffneten die Koreaner den protestantischen Missionaren ihr


Ohr. Bald schon gab es starken Widerhall auf das Evangelium von Jesus Christus, wodurch Korea zum großen Teil erschüt­tert wurde!

Heute, ein Jahrhundert nachdem die ersten evangelischen Missionare nach Korea kamen, gehören ungefähr drei Millio­nen Koreaner zu protestantischen Kirchengemeinden. Jeden Tag öffnen in Südkorea durchschnittlich zehn neue evangeli­sche Kirchen ihre Türen zum ersten Mal, um der immer noch wachsenden Flut von Bekehrten eine geistliche Heimat zu ge­ben.

Und es gab noch etwas, was die Protestanten in Korea rich­tig machten. Sie bestanden darauf, daß die koreanischen Kir­chen von Anfang an sich selbst verwalteten, sich finanziell selbst unterhielten und selbst für weiteres Wachstum sorgten. Einem Baby kann, wenn es richtig behandelt wird, wenige Mi­nuten nach der Geburt die Nabelschnur durchtrennt werden. Ein Baby kann sogar, wenn es richtig betreut wird, in den er­sten Wochen seines Lebens schwimmen lernen! So können auch „neugeborene Gemeinden" bei entsprechend guter Un­terweisung und ebensolchen Vorbildern in einer verhältnis­mäßig kurzen Zeit auf eigenen Füßen stehen.

Die ersten Missionare in Korea dienten den jungen Ge­meinden sehr sorgfältig. Was dabei herauskam, waren sehr kraftvolle Gemeinden.

Die zweitgrößte Gemeinde evangelischer Prägung in der Welt, Young Nuk Presbyterian, Seoul, hat zur Zeit die Zahl von 30.000 Mitgliedern überschritten. Entsprechend der Aus­sage von Dr. Sam Moffat Jr. ist Young Nuk auch eine frucht­bare „Mutter-Gemeinde". Annähernd 200 „Tochter-Ge­meinden" in Seoul und in den umliegenden Vororten gehen ursprünglich auf das Zeugnis von Young Nuk zurück.

Und wie ist es mit den römisch-katholischen Kirchen in Ko­rea? Laut Dr. Sam Moffat Jr. beriefen die römisch-katholi­schen Priester in Korea, als sie sahen, wie die protestantischen Kirchen aufblühten und im Vergleich dazu ihre Gemeinden nur langsam wuchsen, eine Konferenz ein und fragten sich da­bei: „Was machen wir falsch?" Interessanterweise fanden sie heraus, daß sie einen Fehler gemacht hatten, indem sie den


Namen Hananim ablehnten zugunsten von nichtkoreanischen Namen für den Allmächtigen. Von jenem Zeitpunkt an ent­schlossen sie sich, ebenfalls den Namen Hananim für Gott zu gebrauchen.

Sie beriefen mehr Priester und veranlaßten einen neuen Predigtfeldzug durch ganz Korea. Ihre Absicht: auch wenn es schon spät war, sich dennoch selbst ganz entschieden zu Han­anim zu bekennen! Von da an wuchs auch der Katholizismus in Korea schnell. Inzwischen haben die römisch-katholischen Gemeinden in Süd-Korea ungefähr eine Million Mitglieder. Damit erreichen die Christen insgesamt in Süd-Korea — nach nur etwa neunzigjährigem, ununterbrochenem Wachstum —etwa 23 Prozent der Bevölkerung. Es ist allerdings sehr frag­lich, ob der Katholizismus jemals in der Lage sein wird, den Protestantismus zahlenmäßig zu überholen, nur weil er einen koreanischen Namen für Gott wählte und dann so früh wie möglich die Leitung der Kirche in koreanische Hände gab!

Da der Herr noch zögert mit seiner Wiederkunft, mag Süd-Korea durchaus die erste Nation der Erde werden, die mehr als 50 Prozent ihrer Gesamtbevölkerung als eingetragene Mit­glieder in protestantischen Kirchen hat. Wenn die koreani­schen Christen weiterhin das Evangelium mit gleichbleiben­dem Eifer verkündigen, dann könnte das sogar noch vor dem Jahr 2000 der Fall sein! Und unsere koreanischen Brüder ver­lassen sich nicht auf „den Arm des Fleisches"! Gebetsstunden am frühen Morgen sind charakteristisch für die koreanischen Gemeinden. Tausende ernster Christen nehmen daran teil. Ihr Hauptgebetsanliegen ist die Bekehrung ihrer Brüder und Schwestern in Nord-Korea vom Kommunismus hin zu Chri­stus!

Und wann immer der Wind von Süden nach Norden ent­lang der entmilitarisierten Zone weht, stehen koreanische Christen auf Bergeshöhen und lassen Luftballons, mit Bibeln beladen, zu ihren Brüdern jenseits der Zone fliegen. Han­anim muß dort ebenso bezeugt werden!41


Anmerkungen

1) Ein Schreiber namens Petronius besuchte Athen im ersten Jahrhundert und war verblüfft über die außergewöhnliche Zahl von Göttern in der Stadt. Später schrieb er, daß es leich­ter sei, in Athen einen Gott zu finden als einen Menschen! Vgl. Albert Barnes: Notes an the Old & New Testaments (Grand Rapids: Baker Book House), bezogen auf Apg. 17,16.

2) Ebd.

2 a)        Neben den zahlreichen im Text genannten Quellen und Literaturangaben vergleiche zum „unbekannten Gott" noch folgende Werke mit zahlreichen Quellenverweisen: W. Bau­er, Wörterbuch zum NT (Berlin 1971), 5. Aufl., Sp. 23; F. F. Bruce, The Acts of the Apostles, Leicester: IVP, 1952; 2. Aufl., S. 335-339. Während noch Bultmann die Echtheit der Altäre ablehnte (Kittel, Theol. Wörterbuch zum NT, Band I, S. 120-122), besteht inzwischen kein Zweifel mehr daran, daß Konzept und Altäre des unbekannten Gottes in Athen verbreitet waren.

2 b)      Apostelgeschichte 17, 34 zeigt, daß Paulus hier in Athen nicht falsch handelte, wie viele meinen, weil er anschließend in Korinth so gegen die menschliche Weisheit predigte. Vgl. dazu: W. de Boor, Die Apostelgeschichte, Wuppertaler Stu­dienbibel (Wuppertal 1977), 4. Aufl., S. 316, Anm. 397.

3) Victor W. von Hagen: The Ancient Sun Kingdoms of the Americas (New York: World Publishing Co., 1957), S. 497; und: H. Trimkorn: Das alte Amerika (Stuttgart 1959), S. 108-110.

4) Philip Ainsworth Means: „The Incas: Empire Builders of the Andes", Indians of the Americas, rev. 1965 (Washington D.C.: National Geographic Society, 1955), S. 307.

5) Alfred Metraux: History of the Incas (Westminster, MD: Pantheon Books, Random House, Inc., 1969), S. 123. und: von Wedemeyer: Sonnengott und Sonnenmenschen, Kunst und Kult, Mythos und Magie im alten Peru (Tübingen 1970), S. 77 ff.


7) Hiram Bingham: „Discovering Machu Picchu", Indians of the Americas, S. 317.

8) Metraux: History of the Incas, S. 126.

9) Ebd. S. 128.

10) Ebd.

11) Means: „The Incas", S. 306.

11 a) Zu Viracocha vgl. die Quellen in: von Wedemeyer: Son­nengott und Sonnenmenschen, Kunst und Kult, Mythos und Magie im alten Peru (Tübingen 1970), S. 244 ff.

12) B.C. Brundage: Empire of the Inca (Norman, OK: Uni­versity of Oklahoma Press, 1963), S. 164 f.

13) Metraux, S. 128.

13 a) Vgl. die Beispiele in: W. Friedl/B. Schwengeler: „Die Matsingenka-Indianer", ETHOS, Nr. 1:1982 (Berneck), S. 7-15; sowie: W. Krickeberg u. a.: „Die Religionen des alten Amerika", in: Die Religionen der Menschheit, Bd. 7 (Stutt­gart 1961), Stichworte „Hochgott" und „Himmelsgott"; und: I. Nocholson: Mexikanische Mythologie (Wiesbaden 1967), Stichwort „Ometeotl".

14) Brundage, S. 162.

15) Ebd. S. 163.

16) Ebd. S. 165.

17) Means, S. 306, 305.

18) Brundage, S. 165.

19) Metraux, S. 126.

19 a) Echnaton wird in der ägyptologischen Literatur meist als Amenophis IV. geführt; vgl. U. Mann: Schöpfungsmythen, Reihe Symbole (Stuttgart: Kreuz Verlag, 1982) S. 73.

20) Leonard Cottrell, ed.: The Horizon Book of Lost Worlds (New York: American Heritage Publishing Co., 1962), S. 115.

20 a) Zu Skrefsrud vgl. die Literatur bei: E. Amdahl Skrefs­rud: Sp. 105 in RGG3, Bd. VI.

21) Lars Skrefsrud: Traditions and Institutions of the Santal, 1887.

22) Ebd.

23) Helen Gebuhr Ludvigsen: All Heart (Blair, NE: Lutheran Publishing House, 1952).


24)      B.C. Brundage: Lords of the Cuzco (Norman, OK: Uni­versity of Oklahoma Press, 1967), S. 143.

25)      Andrew Lang: „Are Savage Gods Borrowed from Missio­naries?", The Nineteenth Century (Januar 1899), S. 132.

26)      Ebd.

26 a) Zur Literatur Wilhelm Schmidts vgl.: W. E. Mühlmann: Wil­helm Schmidt, Sp. 1459-1460, in: RGG3, Bd. V. Neben dem Mammutwerk Vom Ursprung der Gottesidee (Bd. 1, 2. Aufl. 1912, Bd. 6/12 posthum 1955) siehe die Zusammenfassung in: Handbuch der vergleichenden Religionswissenschaft (Stuttgart 1930). W. Schmidt ist heute in Religionswissenschaft und Ethnolo­gie zwar verpönt, jedoch nie widerlegt worden. Selbst der evolutio­nistisch denkende Ulrich Mann gesteht Schmidt seine Wissen­schaftlichkeit und Genauigkeit zu und meint, man könne so viel Material nicht einfach beiseite schieben, s. U. Mann: Schöpfungs­mythen, Reihe Symbole (Stuttgart: Kreuz Verlag, 1982) S. 86-87.

27)      Gordon Fraser: „The Gentile Names of God", Sympo­sium an Creation V, Donald W. Patten, Hrsg. (Grand Ra­pids: Baker Book House, 1975), S. 13.

28)      G. Foucart: Encyclopedia of Religion and Ethics, Bd. 11, S. 580; zitiert bei Fraser, s. o.

28 a) Die Lutherübersetzung von 1912 übersetzt hier falsch, alle anderen (einschließlich Lutherübersetzung von 1964) richtig.

29)      W. Schmidt: Menschheitswege zum Gotterkennen (Mün­chen: Kösel & Pustet, 1923) I. Teil.

30)      Encyclopaedia Britannica, Bd. 5. , S. 495.

31)      Aus einem Brief, den Darwin an den österreichischen For­scher Karl von Scherzer am 26. Dezember 1869 schrieb.

32)      The Collected Works of Lenin, übersetzt aus dem Deut­schen von H. Paulsen, Bd. 12. , S. 245.

32 a) Vgl. W. Kuhn: Die Schattenseite eines Mythos, Darwi­nismus als Wegbereiter des Neofaschismus, FACTUM, Nr. 11/12, S. 22-26, 1982 (Berneck); sowie: B. Schwengeler, Re­ligion — Opium für das Volk? FACTUM Nr. 10/82, S. 18-20; und: A. E. Wilder Smith: Ein vergessener Aspekt des Neo­Darwinismus, FACTUM, Nr. 5/83, S. 3-5.

33)      Michael Parks: „Chinese Communists Falter in 'Crises of Faith'", Los Angeles Times, 4. Januar, 1981, Teil 4, S. 3.


33 a) Vgl. z. B. W. Gitt (Hrsg): Struktur und Information in Technik und Natur (jetzt: Am Anfang war die Information), Vorträge des 37. Seminars der Phys.-Techn. Bundesanstalt (PTB-ATWD — 18), (Braunschweig 1981); und: A. E. Wil­der-Smith: Die Naturwissenschaften kennen keine Evolution (Basel: 1982) Schwabe Verlag, 4. Aufl.

34) Hugh A. Mulligan: „Aper Vs. Big Bang Theorists Slug­ging It Out", Los Angeles Times, Dezember 1980.

35) Encyclopaedia Britannica, unter „Boaz".

35 a) Weitere Beispiele zu Afrika: H. Baumann: Schöpfung und Urzeit des Menschen im Mythos der afrikanischen Völker (Ber­lin 1936; Nachdruck 1964); J. F. Thiel, Ahnen/Geister, höchste Wesen (Zaire), Studia Instituti Anthropos, Bd. 26 (St. Augu­stin 1977), S. 31 ff; Thomas Schirrmacher: Urzeitmythen der afrikanischen Völker, als Manuskript gedruckt (Bonn 1982); E. Dammann: Die Religionen Afrikas (Stuttgart 1963), Die Religionen der Menschheit, Bd. 6, bes. S. 25 ff, 172 ff; T. Adeyemo, Salvation in African Tradition (Nairobi 1979).

36) Fraser: Symposium an Creation V, S. 26.

36 a) Vgl. zu China das Material in W. Eichhorn: „Die Reli­gionen Chinas", in: Die Religionen der Völker, Bd. 21 (Stutt­gart 1973), Stichwort „Shang-Ti".

37) Kommentare zum Konfuzianismus, Taoismus und Bud­dhismus sind entnommen aus der Encyclopaedia Britannica.

38) John Ross: History of Corea (London: Elliot Stock, 62, Paternoster Row, 1891), S. 356.

39) Aus einem persönlichen Interview mit Mrs. John Tolliver in Three Hills, Alberta, April 1978. Sie wuchs in Korea auf und hörte dort vielfach, wie über diesen Altar gesprochen wurde.

40) Spencer J. Palmer: Corea and Christianity (Corea: Hol­lym Corporation, 1967), S. 9.

41) Ein weiteres Beispiel für Menschen, die eine Vorahnung des „Unbekannten Gottes" hatten, ist zu finden in Bruce 01- son: Ich schwör's bei diesem Kreuz — ich töte euch! (Hurlach 1981). Vgl. weiteres Material zu Kap. 2 im 36händigen Sam­melwerk: C. M. Schröder: Die Religionen der Menschheit (Stuttgart 1961-1983); in: Die Schöpfungsmythen, Quellen des Alten Orients (Darmstadt 1980), 1. Aufl., S. 1-184, so­wie bei W. Schmidt.


Kapitel 2

Völker des Verlorenen Buches

Die Karen von Burma

In der Nähe von Rangoon, Burma, fand im Jahre 1975 eine Begegnung auf folgende Weise statt:

„Wenn die Einwohner dieses Dorfs nicht Burmesen sind", fragte ein tropenbehelmter englischer Diplomat, „wie nennen sie sich dann?"

„Karen", antwortete der burmesische Fremdenführer des Diplomaten. „Carian", sprach der Engländer falsch aus. Der Führer ließ den Fehler unkorrigiert. Ein Schotte hätte die asiatische flach rollende Aussprache des „r" kräftig verstärkt, aber der Fremdenführer hatte es inzwischen aufgegeben, Engländern beizubringen, es sei der Mühe durchaus wert, Ausspracheunterschiede zu beachten. So sagte er nichts. „Sehr gut", sagte der Brite. „Wollen mal schauen, wie diese 'Carianer' aussehen."

Die „Carianer", so zeigte sich, waren noch mehr daran in­teressiert, herauszufinden, wie dieser Engländer aussah! Die­se erste Begegnung mit dem weißen Gesicht eines Europäers elektrisierte die Leute in jenem Dorf. Wie die Motten um die Lampe, so schwirrten die Dorfbewohner um den Diplomaten herum, der leicht zurückschreckte, als ihn drahtige braune Hände an Armen und Wangen berührten.

Der burmesische Fremdenführer sprach derweil verächt­lich von den Karen: „Seien Sie vorsichtig! Das sind alles Wilde aus den Bergen, die nichts anderes tun als stehlen und strei­ten", spottete er.

Das entsprach nicht ganz der Wahrheit. Die Karen waren in Wirklichkeit der fortgeschrittenste Stamm unter den zahl­reichen Stämmen Burmas. Die Burmesen hatten jedoch die


Karen seit Jahrhunderten mißbraucht und ausgebeutet und erfüllten damit selbst ihre Beschreibung. Außerdem konnten die burmesischen Buddhisten der Minderheit der Karen das eigensinnige Festhalten an ihrer eigenen Volksreligion trotz der unablässigen Versuche durch die Burmesen, Buddhisten aus ihnen zu machen, nicht verzeihen!

Jedenfalls hörte der Engländer nicht länger auf seinen Füh­rer. Muntere karenische Stimmen bezauberten seine Ohren. Jeder Mann, jede Frau und jedes Kind um ihn her begrüßte ihn strahlend! Wie erfrischend anders, dachte er, als die übli­che kühle Distanz, wie die Mehrheit der Burmesen sie gegen Ausländer an den Tag legt.

Ein Karen, der burmesisch sprach, erklärte dem Fremden­führer etwas.

„Das ist äußerst interessant", sagte der Führer. „Diese Stammesleute denken, Sie seien womöglich ein gewisser 'wei­ßer Bruder', den sie als Volk schon seit undenklichen Zeiten erwartet haben!"

„Wie merkwürdig", antwortete der Diplomat. „Fragen Sie sie, was von diesem 'weißen Bruder' erwartet wird, wenn er kommt."

„Man erwartet, daß er ihnen ein Buch mitbringt", sagte der Führer. „Ein Buch ganz von der Art, wie die Vorväter es vor langer Zeit verloren haben. Sie fragen mit angehaltenem Atem: 'Hat er es nicht mitgebracht?'"

"Ho! Ho!" lachte der Engländer wiehernd. „Und wer, bit­te, ist der Verfasser, dessen Buch die Kraft hat, solche leseun­kundigen Leute zu begeistern?"

„Sie sagen, der Autor sei Y'wa, der allerhöchste Gott. Sie sagen auch..." — hier begann sich das Gesicht des Burmesen vor Unbehagen zu verdunkeln, „... daß der weiße Bruder, wenn er ihnen das verlorene Buch gegeben hat, sie dadurch befreien werde von allen, die sie bedrücken."

Der Burmese wurde ganz nervös. Diese Karen hatten viel­leicht Nerven! Dieser englische Diplomat war Mitglied einer Abordnung, die einen Streit zwischen Großbritannien und Burma schlichten sollte. Burma fürchtete, dieser Streit könn­te Großbritannien den Vorwand liefern, Burma seinem Welt‑


reich einzugliedern. Und nun luden diese listigen Karen prak­tisch die Briten ein, genau das zu tun! Wer hätte je erwartet, dachte er zornig, daß einfache Stammesleute zu solcher Ver­schlagenheit fähig wären?

Das Mißvergnügen des Führers spürend, fing auch der Engländer an, sich unbehaglich zu winden. Ein Wort vom Fremdenführer, und die burmesischen Behörden könnten mit Schwertern und Speeren über diese bescheidenen Dorfbe­wohner herfallen.

„Sagen Sie ihnen, sie irren sich", ordnete er an, in der Hoff­nung, der Burmese würde sich auf diese Weise beruhigen. „Ich kenne diesen Gott, der Y'wa genannt wird, überhaupt nicht. Ich habe auch nicht die leiseste Ahnung, wer ihr 'weißer Bruder' sein könnte."

Gefolgt von dem Fremdenführer, verließ der Diplomat das Dorf. Hunderte von Karen beobachteten seinen Weggang mit tiefster Enttäuschung. Sie hatten keinerlei politische Absich­ten gehabt. Sie hatten lediglich in aller Aufrichtigkeit an eine alte Tradition erinnert, die ihnen seit Urzeiten bedeutsam war.

„Könnten sich unsere Vorväter geirrt haben?" fragte ein junger Karen.

„Gräme dich nicht", antwortete ein Ältester, und es gelang ihm ein hoffnungsvolles Lächeln. „Eines Tages wird er kom­men. Andere Weissagungen mögen sich nicht erfüllen, aber diese ganz bestimmt!"

Der Diplomat kehrte zurück nach Rangoon in die neu ein­gerichtete britische Botschaft. Dort berichtete er seinem Vor­gesetzten, Oberstleutnant Michael Symes, von dieser seltsa­men Erfahrung im Karen-Dorf. Symes erwähnte es in einem Manuskript mit dem Titel „An Account of an Embassy to the Kingdom of Ava in the Year 1795" (Bericht einer Gesandt­schaftsreise ins Königreich Ava im Jahre 1795). Es wurde 32 Jahre später in Edinburgh, Schottland, veröffentlicht.

In den folgenden 175 Jahren gab es gelegentlich Leute, die in Symes' Bericht blätterten, dem seltsamen Bezug zur Karen-Tradition aber kaum Aufmerksamkeit schenkten. Da diese


Erwähnung eher die Natur einer Anekdote hatte, wurde ihre historische Bedeutsamkeit erfolgreich verdeckt. Im 19. Jahr­hundert waren die Briten ganz und gar nicht interessiert dar­an, Asiaten als „weißer Bruder" gegenüber zu treten. Weiße Herren zu sein, das war eine Rolle, die sie lieber mochten. Tatsächlich begannen im Jahre 1824 die Briten eine Reihe von Angriffen gegen Burma und wurden etwa ein Jahrhundert lang Beherrscher jenes fremdartigen Landes.

Jedoch noch vor der ersten britischen Invasion berichtet die Geschichte von einer zweiten Begegnung eines Auslän­ders mit der Tradition des verlorenen Buches bei den Karen.

Im Jahre 1816 geschah es, daß ein muslimischer Reisender ein abgelegenes Karen-Dorf ungefähr 450 Kilometer südlich von Rangoon betrat. Die Karen prüften ihn sorgfältig, wie sie alle Ausländer prüften, die ihnen je in die Quere kamen — be­sonders die hellhäutigen —, ob er vielleicht ihr „weißer Bru­der" sein könnte. Nun, der Muslim war zwar nicht sehr hell­häutig, aber er besaß tatsächlich ein Buch. Und er sagte, das Buch enthalte Schriften über den wahren Gott.

Als er ihre intensive Faszination für dieses Buch sah, schenkte der Muslim es einem älteren Weisen unter den Ka­ren. Später sagten die Leute, er hätte ihnen gesagt, sie sollten das Buch anbeten. Doch es scheint unwahrscheinlich, daß ein Muslim eine solche Anweisung gäbe. Vielleicht hatte er sie nur dringend gebeten, sorgfältig mit dem Buch umzugehen, bis hoffentlich eines Tages ein Lehrer zu ihnen käme, der es ihnen erklären könne.

Der Muslim setzte seine Reise fort und kehrte nie zurück.

Der Weise, der das Buch erhalten hatte, packte es in Mus­selin und legte es in einen besonderen Korb. Nach und nach entwickelten die Leute bestimmte Rituale zur Verehrung des heiligen Buches. Der Weise selbst legte verzierte Gewänder an, wie es seiner Rolle als Hüter des Buches entsprach. Er trug eine besondere Keule als Symbol seiner geistlichen Auto­rität. Und, was das Bewegendste von allem war, er und seine Leute hielten Tag und Nacht beständig Ausschau nach dem Lehrer, der eines Tages in ihr Dorf kommen würde, um ihrem Verständnis den Inhalt des heiligen Buches zu erschließen.'


Aber das ist noch nicht alles. In vielleicht tausend oder mehr Dörfern der Karen in Burma gab es Bukhos, besondere Lehrer, die sich nicht Dämonen, sondern Y'wa verpflichtet wußten. Jawohl, die Karen betrachteten sie tatsächlich als Propheten des wahren Gottes! Diese Lehrer erinnerten die Karen unermüdlich daran, daß die Art und Weise von Y'wa und die Art und Weise der Nats (böse Geister) nicht dieselbe seien. Eines Tages, so bestätigten diese Bukhos, müßten die Karen ganz und gar zu den Wegen Y'was heimkehren.

Die Propheten der Karen lehrten ihr Volk tatsächlich geist­liche Gesänge, die von Generation zu Generation nur münd­lich überliefert wurden. Wie Hymnen Pachacutis an Viraco­cha, so offenbaren auch die Hymnen der Karen, wie erstaun­lich klar die Vorstellung des einen wahren Gottes in einer Volksreligion sein kann! Durch den Inhalt dieser Gesänge blieb die Ehrfurcht und Hochachtung für Y'wa, den wahren Gott, lebendig in den Herzen des Volkes der Karen, so daß sie vom Buddhismus und seinem Götzendienst nicht verführt werden konnten. Eine dieser Hymnen preist und erhebt das ewige Sein Y'was besonders schön:

Y'wa ist ewig, sein Leben ist lang.

Ein Zeitalter — er stirbt nicht!

Zwei Zeitalter — er stirbt nicht!

Er ist vollkommen an verdienstvollen Eigenschaften. Zeitalter folgen Zeitaltern — er stirbt nicht! 2

Ein weiteres Lied preist Y'wa als Schöpfer.

Wer schuf die Welt im Anfang? Y'wa schuf die Welt im Anfang! Y'wa bestimmte alles!

Y'wa ist unerforschlich! 3

Noch ein weiterer Gesang vermittelt tiefe Würdigung von Y'was Allmacht und Allwissenheit, verbunden mit der Er­kenntnis, was es bedeutet, seine Gemeinschaft nicht zu ha­ben:


Der Allmächtige ist Y'wa; ihm haben wir nicht geglaubt. Y'wa schuf die Menschen der Vorzeit.

Er hat ein vollkommenes Wissen von allem! Y'wa schuf die Menschen am Anfang;

er weiß alle Dinge bis zur Gegenwart! 0 meine Kinder und Enkel!

Die Erde ist der Standort für die Füße Y'was. Und der Himmel ist der Ort, wo er sitzt.

Er sieht alle Dinge, und wir sind vor ihm offenbar. 4

Die Geschichte der Karen über den Abfall des Menschen von Gott enthält bemerkenswerte Parallelen zu 1. Mose 1:

Y'wa bildete ursprünglich die Welt.

Er bestimmte Essen und Trinken.

Er bestimmte die „Frucht der Versuchung". Er gab genaueste Anweisungen.

Mu-kaw-lee täuschte und betrog zwei Personen. Er veranlaßte sie,

die Frucht vom Baum der Versuchung zu essen. Sie waren ungehorsam und glaubten Y'wa nicht... Als sie die Frucht der Versuchung aßen,

wurden sie der Krankheit, dem Altern

und dem Tod unterworfen... 5

Ein Autor mit Namen Alonzo Bunker, der 30 Jahre lang unter den Karen gegen Ende des 19. Jahrhunderts lebte, beschreibt eine typische Zusammenkunft am späten Abend, die der Be­lehrung diente und im Urwald in der Nähe von Toungoo, Bur­ma, von Karen-Bukhos geleitet wurde:

„Es ist völlig unmöglich, die feierliche und ehrfürchtige Art zu beschreiben, mit der diese weißhaarigen Ältesten die Ei­genschaften Y'was vortrugen, und mit welcher hochachtungs­vollen Aufmerksamkeit die Kinder zuhörten... Sie wurden von diesem Rat der Ältesten angezogen wie von einem Ma­gneten Eine Zeitlang herrschte Schweigen, abgesehen vom Knistern des Bambus und des Reisigs im Feuer. Und dann er­hob sich der alte Prophet des Dorfes... streckte seine Hände aus wie zum Segnen und sagte:


'0 ihr Kinder und Enkelkinder, früher liebte Y'wa das Volk der Karen mehr als alle anderen. Aber sie übertraten seine Gebote, und die Folge war ... wir leiden wie jetzt. Weil Y'wa uns verflucht hat, sind wir in unserem gegenwärtigen be­trüblichen Zustand und haben keine Bücher.'

Dann schien eine große Hoffnung sein Gesicht zu erleuch­ten, als er zu den Sternen aufschaute... und ausrief: 'Aber Y'wa wird uns wieder Barmherzigkeit erweisen, und er wird uns wieder mehr lieben als alle anderen. Y'wa wird uns wieder erretten. Es ist, (weil wir hörten) auf die Rede Mu-kaw-lees (Satans), daß wir leiden...'

Dann folgte ... (ein) leidenschaftlicher Vortrag in dem lyri­schen Versmaß seiner Vorfahren... Der alte Mann ... sprach mit einer angeborenen Beredsamkeit, die man nur fühlen, aber nicht beschreiben kann.

'Als Y'wa Tha-nai und Ee-u erschuf, setzte er sie in einen Garten ... und sagte: In diesem Garten habe ich sieben ver­schiedene Arten von Bäumen für euch gemacht, die sieben ... verschiedene Arten Früchte tragen. Unter den sieben ist einer nicht gut, um davon zu essen ... Wenn ihr eßt, werdet ihr alt werden, ihr werdet siech werden, ihr werdet sterben... Eßt und trinkt mit Bedacht. Alle sieben Tage werde ich euch besu­chen...'

Nach einer Zeit kam Mu-kaw-lee zu dem Mann und zu der Frau und sagte: 'Warum seid ihr hier?'

'Unser Vater hat uns hierher gesetzt', antworteten sie. 'Was eßt ihr hier?' fragte Mu-kaw-lee.

'Unser Herr Y'wa hat Nahrung für uns geschaffen, Nah­rung in Fülle.'

'Zeigt mir eure Nahrung', sagte Mu-kaw-lee.

... Sie zeigten auf die verschiedenen Früchte und sagten: 'Diese Frucht wirkt zusammenziehend, diese schmeckt süß, diese sauer, diese bitter, diese saftig, diese feurig; aber was diesen Baum betrifft, da wissen wir nicht, ob die Früchte sauer oder süß schmecken. Unser Vater, der Herr Y'wa, sagte zu uns: 'Eßt nicht die Frucht dieses Baumes. Wenn ihr eßt, wer­det ihr sterben.'

... Da antwortete Mu-kaw-lee: 'Das ist nicht so, o meine


Kinder. Das Herz eures Vaters Y'wa schlägt nicht wirklich für euch. Diese hier ist die reichste und süßeste... Wenn ihr sie eßt, dann werdet ihr wunderbare Kräfte besitzen. Ihr werdet sogar zum Himmel aufsteigen können... Ich liebe euch, und ich sage euch die Wahrheit und verheimliche euch nichts. Wenn ihr mir nicht glaubt, dann eßt von der Frucht nicht. Wenn ihr die Frucht versucht, dann werdet ihr alles wissen...'

den folgenden Abschnitten lehnt der Mann Tha-nai die Verlockung ab und geht weg. Die Frau Ee-u zögert sehn­suchtsvoll, erliegt der Versuchung, ißt die Frucht und verführt dann ihren Mann, der nun auch ißt. Alonzo Bunkers Überset­zung geht dann so weiter: „... Die Frau kehrte zu Mu-kaw-lee zurück und sagte: 'Mein Mann hat die Frucht gegessen.'

(Mu-kaw-lee) lachte unbändig und sagte: 'Jetzt, o besieg­ter Mann und besiegte Frau, habt ihr auf meine Stimme ge­hört und mir gehorcht.'

Am nächsten Morgen kam Y'wa zu ihnen zu Besuch, aber sie folgten ihm diesmal nicht mit Lobgesängen wie sonst. Er kam näher zu ihnen und sagte: 'Warum habt ihr von der Frucht des Baumes gegessen, die ich euch verboten hatte? ... Deshalb sollt ihr nun alt und krank werden, und ihr werdet sterben.'

... Als Y'wa den Menschen verflucht hatte, verließ er ihn ... Und im Lauf der Zeit kam wirklich Krankheit auf. Eins von Tha-nais und Ee-us Kindern wurde krank. Dann sagten sie zu­einander- 'Y'wa hat uns weggejagt. Wir wissen nicht, was wir tun sollen. Wir müssen zu Mu-kaw-lee gehen und ihn um Rat bitten.'

So ... gingen sie zu ihm und sagten: '... Wir haben deinen Worten gehorcht und haben gegessen. Nun ist unser Kind krank... Was rätst du uns?'

...Mu-kaw-lee antwortete: 'Ihr habt eurem Vater nicht ge­horcht, dem Herrn Y'wa. Ihr hörtet auf mich. Jetzt, nachdem ihr mir einmal gehorcht habt, gehorcht mir auch bis ans En­de.'

Dann fuhr der alte Prophet fort, in der alten Verskunst sei­ner Vorfahren zu erzählen, wie Mu-kaw-lee sie in der Dar­bringung der hauptsächlichen Opfer für die unterschiedlichen


Krankheitsfälle unterwies. Diese Opfer sollten seinen Die­nern, den Nats (Dämonen) gebracht werden, die den Vorsitz über bestimmte Krankheiten, Leiden und Unfälle führten.

Er erzählte auch, wie Mu-kaw-lee ihnen Anweisungen gab, wie sie aus Geflügelknochen wahrsagen konnten. Dies Tun wurde für das Bergvolk die Richtschnur für fast alle Lebens­entscheidungen."

Alonzo Bunker zitiert auch einen karenischen „Gesang der Hoffnung", der ihre Sehnsucht nach einer endlichen Rück­kehr Y'was ausdrückt:

Zum vorherbestimmten Zeitpunkt wird Y'wa kommen. ... Tote Bäume werden knospen und blühen...

Modernde Bäume werden wieder knospen und blühen. Y'wa wird kommen und den großen Thau-thee bringen... („Thau-thee" scheint der Name eines heiligen Berges zu sein.)

Laßt uns hinaufsteigen und anbeten.

Ein zweites Lied der Hoffnung spricht von einem König, der zurückkehren wird:

Gute Personen, die Guten,

werden zur Silberstadt gehen, zur silbernen Stadt. Gerechte Personen, die Gerechten,

werden zur neuen Stadt gehen, zur neuen Stadt. Personen, die ihrem Vater und ihrer Mutter glauben, werden sich im goldenen Palast erfreuen.

Wenn der Karen-König eintrifft,

dann wird es nur einen Herrscher geben.

Wenn der Karen-König kommt,

dann wird es weder Reiche noch Arme geben. 6

Trotz dem immer gegenwärtigen und durchdringenden Ein­fluß der buddhistischen Abgötterei bestärkten die Karen-Pro­pheten ihr Volk innerlich gegen den Götzendienst durch Aus­sprüche wie die folgenden:


O ihr Kinder und Enkelkinder!

Betet Götzen oder Priester nicht an!

Wenn ihr sie anbetet, werdet ihr dadurch keine Vorteile haben, sondern eure Sünden werden sich überaus vermehren.

Seine Eltern zu ehren, war auch eine heilige Verpflichtung:

0 ihr Kinder und Enkelkinder! Achtet und ehrt eure Mutter und euren Vater!

Denn als ihr klein waret, duldeten sie nicht einmal, daß ein Moskito euch stach.

Gegen eure Eltern zu sündigen,

ist ein abscheuliches Verbrechen.

Solche Propheten Gottes unter den Karen betonten auch die Verpflichtungen des Menschen, Gott und den Nächsten zu lieben:

O ihr Kinder und Enkelkinder! Liebt Y'wa und sprecht seinen Namen niemals leichtfertig aus. Wenn ihr seinen Namen leichtfertig aussprecht, dann wird er sich mehr und mehr von uns entfernen! O Ihr Kinder und Enkelkinder! Laßt nicht Zank und Streit unter euch sein, sondern liebt einander!

Y'wa im Himmel schaut auf uns herunter.

Und wenn wir einander nicht lieben,

dann ist es genauso, als wenn wir Y'wa nicht lieben!

Karen, die das Gesetz brachen, wurden zur Reue und Buße gerufen mit der Verheißung auf die Barmherzigkeit Y'was:

O ihr Kinder und Enkelkinder!

Wenn wir unsere Sünden bereuen und aufhören,

Böses zu tun — indem wir unsere Leidenschaften beherr­schen —

und zu Y'wa beten, dann wird er

sich wieder unser erbarmen.


Wenn Y'wa sich nicht unser erbarmt,

dann gibt es niemanden, der das noch könnte. Er, der uns errettet, ist der einzige: Y'wa!

Die Wichtigkeit des Gebets wurde nicht übersehen:

O ihr Kinder und Enkelkinder!

Betet ständig zu Y'wa Tag und Nacht!'

Das Volk der Karen bildet eine auffallende Ungewöhnlich­keit für Theologen. Jesus, soweit es im Evangelium berichtet wird, erwähnt lobend das religiöse Bewußtsein von etwa einer Handvoll Heiden: einen römischen Statthalter, eine syrophö­nizische Frau, die Königin von Saba, Naeman, den Syrer, die Witwe von Zarpath, die Leute von Ninive etc. Ähnlich erging es auch Petrus, der ganz überrascht war von der unerwarteten Frömmigkeit eines Heiden namens Cornelius (vgl. Apg. 10,34). Der Karen-Stamm stellt uns statt dessen Hunderttau­sende von Einzelpersonen gegenüber, deren Aufmerksam­keit und Aufgeschlossenheit für geistliche Wahrheiten die des aus der Weltgeschichte bekannten Durchschnitts von Juden oder Christen wahrscheinlich übertrifft!

Die Frömmigkeit der in der Bibel erwähnten Heiden scheint außerdem in jedem Fall direkt auf jüdischen Einfluß zurückzugehen. In zwei Fällen war der Dienst Jesu selbst das Werkzeug. Aber die Karen leben rund 7.000 Kilometer von Jerusalem entfernt. Selbst wenn man annimmt, daß ihr Name für Gott — Y'wa — durch das jüdische "Jahwe" beeinflußt wä­re, so gibt es dennoch keine Entsprechung für Abraham und Mose, die zweit- und drittwichtigsten Gestalten im Judentum. Sie werden von den Sammlern der Karen-Tradition nie und nirgends erwähnt Sicherlich hätte jüdischer Einfluß auch Abraham und Mose hervorgehoben.

Wenn man ebenso die Karen-Traditionen beispielsweise zurückverfolgen wollte auf den Einfluß der nestorianischen Christen im 8. Jahrhundert oder später auf den Einfluß rö­misch-katholischer missionarischer Kontakte im 16., 17. oder 18. Jahrhundert, dann würde man doch erwarten, irgendeine Erwähnung einer Fleischwerdung Gottes oder eines Erlösers,


der für die Sünden der Menschheit stirbt und aufersteht, zu finden.

Nochmals: Solche Vorstellungen sind von Erforschern der Karen-Tradition niemals berichtet worden.

Und wenn wir einmal theoretisch annehmen, daß jüdischer und/oder christlicher Einfluß die Karen berührt habe, jedoch so flüchtig, daß nur die Grundzüge des Wissens über Gott, die Schöpfung und der Fall des Menschen haften blieben, dann stehen wir einer schwierigen Frage gegenüber. Wie konnte ein so flüchtiger Einfluß solch tiefe und nachhaltige Spuren hinterlassen bei einem ganzen Volk, besonders wenn der Buddhismus und ihr eigener Stammesokkultismus über lange Zeitspannen sich derart stark jenen Eindrücken widersetz­ten?

Die Geschichte lehrt, daß nur sehr starke und sehr langfri­stige Einflüsse in der Lage sind, über alle kulturellen Barrie­ren hinaus neue religiöse Vorstellungen einzuführen, beson­ders, wenn andere Einflüsse — in diesem Fall Buddhismus und Okkultismus — zu jenen Vorstellungen in völligem Kontrast stehen.

Könnte es sein, daß der Glaube der Karen an Y'wa früher, bestand als sowohl das Judentum wie auch das Christentum? Fn.tsprang solcher Glaube iener alten Wurzel des Monotheis­mus, der das Zeitalter der frühen Patriarchen kennzeichnete? Die Antwort ist beinahe sicher: Ja!

Die bei weitem erstaunlichste Seite des Monotheismus der Karen war sein freimütiges Eingeständnis der eigenen Unvoll­ständigkeit. Und im Blick auf die natürliche weltweite Nei­gung der meisten Völker, Ausländer nicht zu mögen oder ih­nen zu mißtrauen — besonders, wenn sie eine andere Hautfar­be haben —, ist die Erwartung der Karen fast ebenso erstaun­lich, daß die Vollständigkeit durch „weiße Ausländer" zu ih­nen kommen werde. In einem ihrer Gesänge heißt es:

Die Söhne Y'was, die weißen Ausländer, erhielten die Worte Y'was.

Die weißen Ausländer, die Kinder Y'was, erhielten die Worte Y'was vor langer Zeit. 8


In den Jahren um 1830 hielt ein Karen namens Sau-qua-la vor dem englischen Generalgouverneur von Burma eine An­sprache. Er sagte, daß die Europäer, die „weißen Auslän­der", ursprünglich jüngere Brüder des Karen-Volkes seien! Die Karen als die älteren Brüder (diese Racker) verloren aus Unachtsamkeit ihr Exemplar von Y'was Buch. Die weißen Brüder dagegen bewahrten ihr Buch sorgfältig auf. Das hatte zur Folge, daß die Weißen „gerecht" wurden und bekannt sind als „Führer zu Gott". Sie lernten es auch, in Schiffen mit „weißen Flügeln" (Segeln) über die Meere zu fahren. 9

Alonzo Bunker faßt die Überlieferungen folgendermaßen zusammen: "Der Befreier (der Karen) ... mußte ein 'weißer Ausländer' sein und mußte übers Meer von Westen mit 'wei­ßen Flügeln' herkommen (Segeln) und Y'was 'weißes Buch' bringen." 10

Einige Fassungen der Überlieferung besagten, das Buch wäre aus Gold oder Silber.

Das Volk der Karen stand also wie eine 800.000 Mitglieder zählende Willkommens-Gruppe bereit für den ersten ah­nungslosen Missionar, der ihnen mit einer Bibel und einer Botschaft der Befreiung durch Gott entgegentrat. Wer immer es auch sein sollte, er war dazu bestimmt, eines der größten Vorrechte der Geschichte zu genießen!

Bevor wir diesen bevorzugten Menschen entdecken und was nötig war, ihn dorthin zu bringen, wollen wir den Hori­zont Burmas und der angrenzenden Länder absuchen und schauen, wer dort außerdem noch mit angehaltenem Atem auf die Botschaft des Allmächtigen wartete...

Die Kachin

Hoch im Norden Burmas leben weitere leidenschaftlich unab­hängige Menschen — eine halbe Million mit roten Turbanen. Es sind die Kachin. Auch sie kennen ihren Schöpfergott. In ihrer Volksreligion wird er Karai Kasang genannt — ein wohl‑


wollendes übernatürliches Wesen, „dessen Gestalt oder Form über die Fähigkeit menschlichen Begreifens hinausgeht". Manchmal nannten die Kachin ihn Hpan Wa Ningsang den Herrlichen, der erschafft, oder Che Wa Ning-chang den Ei­nen, der weiß. 11

Dr. Herman Tegenfeldt, der etwa 20 Jahre unter den Ka­chin lebte und ihre Sprache erlernte, schrieb: „Die Kachin­Animisten bringen Karai Kasang keine Opfer dar. Von einem Kachin wurde dieses Verhalten so begründet: 'Warum sollten wir? Er hat uns doch nie etwas Böses zugefügt.' Auch gibt es keinen Brauch der Anbetung ihm gegenüber. In Zeiten au­ßerordentlicher Not jedoch, wenn Opfer für Dämonen keine Erleichterung gebracht haben, sind die Kachin dafür bekannt, daß sie diesen fernen Großen Geist anrufen." 12 Und die Ka­chin glaubten genauso wie die Karen, daß Karai Kasang einst ihren Vorvätern ein Buch gab, das sie verloren. Der Glaube der Kachin enthält keine Angaben darüber, wie dieses verlo­rene Buch zu ihnen zurückgebracht werden sollte, aber offen­sichtlich sind sie für die Möglichkeit aufgeschlossen, daß es ei­nes Tages geschehen werde. 13

Wer würde den Kachin das verlorene Buch zurückbringen?

Die Lahu

Südöstlich von den Kachin und nordöstlich von den Karen — in der Region, wo Burma zwischen China und Thailand einge­quetscht ist und mit einer rund 1.800 Kilometer langen Gren­ze Laos berührt — leben ungefähr eine Viertel Million Men­schen, die Lahu.

Für wer weiß wie viele Jahrhunderte hegten auch die Lahu eine Überlieferung, die besagte, daß Gui'Sha der Schöpfer aller Dinge — ihren Vorvätern sein Gesetz, auf Reiskuchen ge­schrieben, gegeben hätte! Eine Hungersnot kam, und die Vorväter aßen die Reiskuchen auf, um zu überleben. Sie er­klärten diese Tat damit, daß sie sagten, Gui'Shas Gesetz sei


nun in ihnen! In der Tat glaubten die Lahu, daß eine Spur oder ein Verständnis für Gui'Shas Gesetz noch immer in ihnen sei, weil ihre Vorfahren diese heiligen Reiskuchen gegessen hat­ten. Jedoch konnten sie ihrem Schöpfergott nun nicht mehr vollkommenen Gehorsam leisten. Das war erst dann möglich, wenn die genaue, geschriebene Form des göttlichen Gesetzes wieder vorlag!

Wie die Karen, so hatte auch das Lahu-Volk „Propheten Gui'Shas". Ihr Auftrag: die Erwartung der Hilfe von Gui'Sha in den Herzen des Lahu-Volkes beständig lebendig zu erhal­ten. Deshalb wiederholten die Propheten Spruchweisheiten wie diese: „Wenn ein Mann zehn Armladungen von Wander­stäben hätte und ginge damit so lange, bis die Stäbe alle bis auf einen Stumpen verbraucht wären, so würde er Gui'Sha doch nicht finden (den wahren Gott). Aber wenn die richtige Zeit kommt, wird Gui'Sha selbst uns einen weißen Bruder senden („Kaukasiergegner" mögen sich wehren, aber die Geschichte muß berichtet werden, wie sie geschehen ist). Er wird ein wei­ßes Buch mitbringen, in dem die weißen Gesetze Gui'Shas enthalten sind, die Worte, die unsere Ahnen vor solch langer Zeit verloren haben! Dieser weiße Bruder wird das verlorene Buch unmittelbar zu unseren Herdfeuern bringen!" 14

Einige Lahu trugen sogar Kordeln um ihre Handgelenke, um sowohl ihre Gebundenheit an die Dämonen zu symbolisie­ren als auch das Bedürfnis für einen göttlich bestimmten Be­freier, der eines Tages diese Schnüre von ihren Handgelenken wegschneiden werde! 15

In den Lahu-Bergen von Burma, China und Thailand war die Bühne für ein ehrfurchteinflößendes Drama bereit. Aber wo waren die weißen Brüder, die allein in der Lage waren, den Vorhang zu dieser Bühne aufzuziehen?

Aber das ist noch nicht alles...

Die Wa

In den Bergen zerstreut, die sich zwischen den Herrschaftsbe‑
reichen der Kachin und der Lahu erheben, lebten weitere


100.000 Angehörige eines Stammes, nämlich die Wa. Die Wa waren bekannt als Kopfjäger — aber nicht wahl- und ziellos! Nur einmal im Jahr, in der Pflanzzeit, fühlten sich die Wa­Stammesleute durch blutdürstige Dämonen gezwungen, Menschenköpfe auf ihre Felder zu pflanzen zusammen mit ih­rer Saat, um einer guten Ernte sicher zu sein, wohlgemerkt! Sie wollten gar nicht wirklich jemanden verletzen.

Die Nachbarstämme wären am liebsten immer in Urlaub gefahren, wenn die Wa ihre Felder bepflanzten, aber unglück­licherweise war es genau die Zeit, wo auch sie pflanzen muß­ten!

Immerhin herrschte ein wohltuender Einfluß innerhalb der Volksreligion des Wa-Volkes. Von Zeit zu Zeit traten Pro­pheten des wahren Gottes auf, den die Wa Siyeh nannten, um die Kopfjägerei und Beschwichtigung der Dämonen zu ver­dammen! Ein solcher Prophet stand auf in den Jahren nach 1880. Von dem Shan-Volk wurde er Pu Chan genannt (sein Wa-Name ist heute unbekannt). Pu Chan überredete mehrere tausend Wa-Stammesleute im Dorf Pong-Lai und in der um­liegenden Gegend, Kopfjägerei und Dämonenbesänftigung aufzugeben. Aus welchen Gründen? Siyeh, der wahre Gott, so sagte Pu Chan, sei im Begriff, einen langerwarteten „wei­ßen Bruder mit einem Exemplar des verlorenen Buches" zu schicken. Wenn er sich dem Gebiet der Wa nähere und erfüh­re, daß sie üble Dinge täten, könnte er sie für unwürdig hal­ten, das Buch des wahren Gottes zu empfangen, und sich wie­der von ihnen abwenden! Geschähe das, warnte Pu Chan, würden die Wa niemals mehr eine Chance erhalten, in den Besitz des verlorenen Buches zu gelangen.

Eines Morgens sattelte Pu Chan ein Wa-Pony. „Folgt die­sem Pony", sagte er zu einigen seiner Nachfolger. „Gestern abend hat Siyeh mir gesagt, der weiße Bruder sei endlich ganz nahegekommen! Siyeh will dieses Pony veranlassen, euch zu ihm zu führen. Wenn ihr den weißen Bruder findet, laßt ihn dieses Pony besteigen. Wir wären ein undankbares Volk, lie­ßen wir ihn das letzte Stück seiner Reise zu uns zu Fuß ma­chen!" 16

Während Pu Chans Anhänger erstaunt den Mund aufris‑


sen, setzte sich das Pony in Bewegung. Sie erwarteten, es wer­de am nächsten Fluß oder an der nächsten Weide anhalten, und folgten ihm Würde es sie zu einem „weißen Bruder" füh­ren? Zu dem richtigen?

Die Shan- und Palaung-Völker

Sogar einige buddhistische Völker in Südost-Asien bekunde­ten eine starke Erwartung eines kommenden Messias. Ihr Messias sollte jedoch nicht der Sohn Gottes sein, sondern eine „fünfte Erscheinung Buddhas", genannt Phra-Ariya-Metrai —der Herr der Barmherzigkeit. Auf alle Fälle zeigt die Tatsa­che, daß solche Völker sich nach einem „Herrn der Barmher­zigkeit" sehnten, daß sie eine grundsätzliche menschliche Be­dürftigkeit zugaben. Das Evangelium spricht genau dieses Be­dürfnis an, obgleich der „Herr der Barmherzigkeit", der im Evangelium bezeugt wird, in keiner Weise eine fünfte Er­scheinung Buddhas ist.

Anscheinend zitierten buddhistische Schriften den Gauta­ma Buddha, der gesagt habe: „Nach mir wird Phra-Ariya-Me­trai kommen, der Herr der Barmherzigkeit. Wenn er er­scheint, müssen meine Anhänger ihm alle folgen!" Einer Theorie nach seien diese Schriften bei Kriegswirren in Laos vernichtet worden'', doch die mündliche Überlieferung bleibt verbreitet, nicht nur in Laos und Nord-Thailand, sondern auch unter den Shan- und Palaung-Stämmen im Osten Bur­mas, wo Phra-Ariya-Metrai, gemäß Alexander MacLeish Are-Metaya genannt wird. 18

MacLeish schreibt mit Bezug auf die frühe Beschäftigung der Shan und Palaung mit Are-Metaya, daß „keine Gestalt ih­res ganzen religiösen Umkreises ihr Interesse schneller weckt. In einem ihrer Bücher (Are-Metaya betreffend) findet sich ein Vers, sehr ähnlich einem aus dem Buch Jesaja, der etwa so heißt: 'Jedes Tal soll erhöht und jeder Berg erniedrigt wer­den, und was uneben ist, soll gerade, und was hügelig ist, soll


eben werden', und sie erwarten, daß Are-Metaya diese Wei­sung buchstäblich erfüllt, wenn er kommt " 19

MacLeish weiß ferner zu berichten, daß die Palaung, wenn sie ein neues Haus bauen, immer einen gesonderten Raum an­fügen, der für Are-Metaya bestimmt ist. Regelmäßig wird die­ses Zimmer geputzt, obgleich niemand aus der Familie es be­nutzt. Nachts wird es immer von einer kleinen Lampe erleuch­tet.20 Niemand wußte anscheinend, wann der „Herr der Barmherzigkeit" kommen und welche Wohnung er sich als Unterkunft aussuchen werde. Deshalb müssen immer alle Wohnungen für ihn bereitstehen!

So wie jedes jüdische Mädchen zur Zeit des Alten Testa­ments hoffte, sie werde einst die Mutter des Messias werden, so scheint es, hoffte jeder Palaung-Haushalt, daß dieser bud­dhistische „Herr der Barmherzigkeit" eines Tages bei ihm Unterkunft nehmen werde! 20a

Die Kui in Thailand und Burma

MacLeish berichtet, daß die Kui-Stammesleute, die entlang der Thai-Burma-Grenze wohnen, tatsächlich Anbetungshäu­ser gebaut haben, die dem wahren Gott geweiht sind, und zwar im Blick auf die Zeit, wenn ein Bote dieses Gottes solche Anbetungsstätten betreten wird, das verlorene Buch in der Hand, um das Volk zu lehren! An diesen Anbetungsstätten gab es niemals Götzen, sondern das Kui-Volk „kam zusam­men, um den großen, erhabenen Gott in unklarer und ver­schwommener Weise anzubeten". 21

Die Lisu in China

Auch jenseits der Grenze, in der Provinz Yunnan im Südwe‑
sten Chinas, warteten einige hunderttausend Lisu-Bergbe‑


wohner geduldig auf einen weißen Bruder mit einem Buch des wahren Gottes, das in der Lisu-Sprache geschrieben sei! Das ist deshalb besonders interessant, wenn man bedenkt, daß die Sprache der Lisu noch nicht einmal ein Alphabet besaß, ge­schweige denn gedrucktes Material! Das machte aber nichts! Die Lisu waren sicher, daß er eines Tages kommen werde, um ihnen ein Buch von Gott zu bringen, das in ihrer eigenen Spra­che geschrieben sei.

Und wenn sie dieses Buch erhielten, so sagten sie, würden die Lisu einen eigenen König bekommen, der über sie regiert. (Während vieler Generationen waren sie Untertanen bedrük­kender chinesischer Herrschaft gewesen). 22

Wir sind immer noch nicht fertig...

Die indischen Naga

Jenseits der Berge, die die nordwestliche Grenze Burmas schützen, besaßen 24 Stämme der indischen Naga, insgesamt etwa eine Million Menschen, bereits ein klares Wissen von „einer Gottheit mit hohem Persönlichkeitscharakter, die mehr mit dem Himmel als mit der Erde verbunden ist" und die „über allen anderen steht". Im Chakesang-Dialekt wurde die­ser Gott Chepo-Thuru genannt, das heißt der Gott, der alles erhält. Im Konyak-Dialekt lautet sein Name Gwang.23

Mindestens einer dieser 24 Naga-Stämme — die Rengma —hatte die Vorstellung, daß das allerhöchste Wesen seine Wor­te ihren Vorvätern gab, indem er sie auf Tierhäute schrieb. Aber ihre Vorfahren gingen mit diesen Häuten nicht sorgfäl­tig um. Hunde fraßen sie auf! 24

Von Zeit zu Zeit traten unter den Naga auch Propheten auf. Ein Autor namens Phyveyi Dozo, selbst ein Chakesang­Naga, beschreibt eine Prophetin namens Khamhinatulu, von der man annimmt, daß sie um 1600 gelebt hat. Einzelheiten ihrer Weissagungen lassen bemerkenswerte Übereinstim­mung mit biblischen Leitsätzen erkennen, ebenso eine Vor‑


schau von Ereignissen, die sich unter den Naga zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu verwirklichen begannen. Aber wir grei­fen unserer Geschichte vor...

Dozo schreibt auch, daß die Kultur der Naga erstaunlich biblische Sitten enthält, wie zum Beispiel die Errichtung von Gedenksteinen an bestimmten Orten, „Erstlingsfrucht"-Op­fer, Blutopfer, heilige Tier-Opfer, das Essen ungesäuerten Brotes, Durchstechen der Ohrläppchen, die ständige Unter­haltung eines „heiligen Feuers", besondere Beachtung der Zahl sieben, Erntefeste und Posaunenblasen nach der Ernte!

Und sie stellten Chepo-Thuru niemals als Götzenfigur dar!

Das Alte Testament zeigt in seiner Geschichte, daß die Ju­den, obwohl sie sogar das geschriebene Gesetz Gottes in ihren Händen hatten, es doch nicht leicht fanden, diesem Gesetz stets Gehorsam zu leisten. Fast während der ganzen Zeit des Alten Testamentes trieben die meisten der Nachkommen Abrahams Götzendienst! Einige gingen sogar so weit, daß sie ihre eigenen Kinder lebendig vor dem Götzen Moloch ver­brannten!

Auch die Nagas hatten ihre Probleme. Sklaverei war üblich unter ihnen — aber die wurde j a sogar von manchen Christen noch in der Mitte des 19. Jahrhunderts geübt—und ist in vielen islamischen Ländern noch heute legal! Die Kopfjägerei der Naga verursachte unnötige Verluste. Opiumrauchen (das die Briten eingeführt hatten, um das Naga-Militär zu schwächen) unterminierte den Unternehmungsgeist der Naga.

Wenn man bedenkt, daß diese Analphabeten einerseits vom Spiritismus und andererseits vom Götzendienst der Hin­du und Buddhisten bedrängt wurden, dann ist es höchst er­staunlich, daß die Naga durch die Jahrhunderte hindurch ein solches Bewußtsein für Gott bewahrt haben. Wie wären die Naga gewesen, wenn sie die Heilige Schrift Gottes nicht verlo­ren hätten?


Die indischen Mizo

Etwa 300 Meilen südwestlich des Naga-Gebiets und beider­seits der Indien-Burma-Grenze lebt ein weiterer Stamm, etwa 350.000 an der Zahl, den man in Indien Mizo und in Burma Lushai nennt.

Ein Schriftsteller namens Hminga, selbst ein Mizo, be­schreibt die Erkenntnis seines Volkes über Pathian — den ei­nen allerhöchsten Gott: Pa, so sagt er, bedeutet „Vater", und Thian kann vielleicht mit „heilig" übersetzt werden. Pathian bedeutet wahrscheinlich „heiliger Vater". Pathian wurde an­gesehen als „der Schöpfer aller Dinge ... ein wohlwollendes Wesen, das aber nur wenig Interesse an Menschen zeigt". Hminga zitiert einen Schriftsteller namens MacCall, der sagt: „Die (Mizo) glaubten an die Existenz eines allerhöchsten Gottes, eines Gottes voll Menschlichkeit und Güte."

Brachten die Kachin keinerlei Opfer für Karai Kasang — ihr Name für den allerhöchsten Gott —, so brachten die Mizo Pa­thian Opfer dar — aber nur ihm allein!

Hminga berichtet, daß ein Mizo-Mann mit Namen Dar­phawka einen prophetischen und stark beeinflussenden Traum irgendwann im 19. Jahrhundert hatte: „In der Nacht sprach eine Stimme zu ihm und sagte: 'Ein großes Licht wird von Westen kommen und auf das Mizoland scheinen. Folgt dem Licht; denn die Leute, die es bringen, werden der Herr­scherstamm sein...' (Dann sagte der Prophet zu seinem Volk:) 'Dieses Licht wird vielleicht nicht mehr in meiner Le­benszeit scheinen; aber wenn es kommt, dann folgt ihm! Folgt ihm!' 25

Tegenfeldt zitiert einen Schriftsteller namens Hanson, der berichtet, daß das Mizo-Volk auch Überlieferungen über ein heiliges Buch besäße. Pathian gab es ursprünglich ihren Vor­vätern, aber im Lauf der Zeit verloren sie es. 26

Zehn ganze Völker! Alle außergewöhnlich ausgerüstet, die Bedeutsamkeit des Evangeliums von Jesus Christus zu verste­hen, hätten sie nur um dessen Existenz gewußt! Zehn Völker, insgesamt mehr als drei Millionen Männer und Frauen! Zehn


Völker, die in einem Teil Süd-Ost-Asiens so groß wie Texas leben! Wartend... wartend... wartend... während Y'was Leu­te in anderen Ländern ein Jahrhundert nach dem andern vor­beigehen ließen! Dann endlich brach ein neuer Tag an!

Im Jahre 1817 landete ein eifriger, opferbereiter amerika­nischer Missionar, ein Baptist namens Adoniram Judson, nach langer Seefahrt in der Nähe von Rangoon, Burma. Na­türlich trug er unter dem Arm eine Bibel, doch besaß er nicht die leiseste Ahnung von der unglaublichen Bedeutung, die dieses Buch für mehr als drei Millionen Menschen haben soll­te, die dort im Umkreis von 1.500 Kilometern lebten.

In Rangoon fand Judson Unterkunft. Mit größter Sorgfalt lernte er die burmesische Sprache. In einem gelben Gewand, ähnlich dem der buddhistischen Lehrer in Burma, wagte er sich schließlich auf die Marktplätze und predigte den buddhi­stischen Burmesen das Evangelium.

Ach, wie gering war die Resonanz auf seine Bemühungen! Oft kämpfte er gegen ein übermächtiges Gefühl der Entmuti­gung. Erst nach sieben Jahren der Verkündigung fand Judson den ersten Bekehrten unter den buddhistischen Burmesen!

Täglich kamen Karen-Leute an seinem Haus vorbei, doch Judson wußte nichts von ihnen. 27 Oft sangen sie, wie es ihrer Sitte entsprach, Hymnen für Y'wa, den wahren Gott. Hätte Judson nur auch ihre Sprache lernen können, dann wäre er höchst erstaunt gewesen über den Inhalt dieser Gesänge! Und sicherlich hätte er unter diesen einfachen Karen-Leuten mehr Widerhall gefunden, als er in seinen kühnsten Träumen er­wartet hätte. Ohne im geringsten um die staunenswerte Er­kenntnisfülle der Karen zu wissen, wandte Judson sich statt dessen oft trostlos und bedrückt zunehmend der Aufgabe zu, die Bibel in die burmesische Sprache zu übersetzen, da er zu wenige Gläubige hatte, um seine Zeit seelsorgerisch auszufül­len. 28

Aber das lohnte sich. Später zeigte sich nämlich, daß Jud­son mit seiner Bibelübersetzung in die burmesische Sprache das wichtigste Fundament geschaffen hatte für alle späteren Missionare, die unter den vielen Minderheiten Burmas arbei‑


teten. Wenn Judson gleich überall einer Aufgeschlossenheit wie bei den Karen begegnet wäre, hätte er wahrscheinlich nie mehr die Zeit für eine solche Übersetzung gefunden!

Dann geschah es nach Gottes vorausschauendem Willen, daß eines Tages ein Karen direkt zu Judson in die Wohnung kam. Er suchte Arbeit, um eine Schuld bezahlen zu können. Judson beschaffte ihm eine Anstellung. Dieser Mann war Ko Thah-byu. Er hatte ein heftiges Temperament und meinte selbst, daß er in seiner früheren Laufbahn als Räuber etwa 30 Menschen getötet hätte! 29

Nach und nach versuchten Judson und seine Hausgenossen Ko Thah-byu mit dem Evangelium von Jesus Christus be­kanntzumachen. Zuerst schien es, als ob diese Botschaft nicht in sein dumpfes Gehirn eindringen könne. Aber dann trat ei­ne Veränderung ein. Ko Thah-byu fing an, Fragen über den Ursprung des Evangeliums zu stellen und über diese „weißen Fremden", die die Botschaft und das Buch, in dem diese Bot­schaft enthalten war, aus dem Westen gebracht hatten. Plötz­lich wurde Ko Thah-byu alles klar. Sein Herz nahm die Liebe Jesu Christi auf wie trockenes Land den Regen!

Um jene Zeit kam ein neues Missionsehepaar — George und Sarah Boardman — in Rangoon an, um Judson zu helfen. George Boardman eröffnete eine Schule für Gläubige, die nicht schreiben und lesen konnten. Ko Thah-byu hatte nie­mals davon geträumt, eine Schule besuchen zu können. Jetzt aber meldete er sich gleich an. Er war fest entschlossen, die burmesische Bibel lesen zu lernen — so schnell wie Judson sie überhaupt übersetzen konnte! Zum Erstaunen Judsons und Boardmans zeigte Ko Thah-byu sich völlig überwältigt von der Bibel und ihrer Botschaft.

Denn es war Ko Thah-byu bereits gedämmert, daß er der allererste seines Volkes war, der erfuhr, daß das „verlorene Buch" tatsächlich in Burma eingetroffen war! Und dement­sprechend übernahm er auch seine eigene Verantwortung, diese gute Botschaft zu verkündigen, die zu hören jeder Ka­ren doch schon so lange wartete. Als dann George und Sarah Boardman ankündigten, sie hätten Pläne für eine neue Mis­sionsstation in der Stadt Tavoy im Süden Burmas, sagte Ko Thah-Byu eifrig: "Nehmt mich mit!"


Sie nahmen ihn mit. Sobald sie in Tavoy ankamen, bat Ko Thah-byu Boardman um die Taufe. Boardman erfüllte ihm diesen Wunsch. Sofort danach machte sich Ko Thah-byu auf die Reise in die Berge Süd-Burmas. Immer wenn er in ein Ka­ren-Dorf kam, verkündigte er das Evangelium. Und beinahe jedesmal, wenn er das Evangelium predigte, nahm das ganze Dorf die Botschaft im Glauben an! Bald schon kamen Hun­derte der durch Ko Thah-byus Zeugnis Bekehrten herunter nach Tavoy, um den „weißen Bruder" zu sehen, der endlich mit dem verlorenen Buch gekommen war!

George und Sarah konnten ihren Augen und Ohren kaum trauen! Das ganze Hügelland jenseits von Tavoy war voller Erregung. Bald schon wurde Boardman mit Einladungen überschüttet, den Dienst von Ko Thah-byu in den Karen-Dör­fern durch genauere Unterweisung aus „Y'was Buch" zu ver­tiefen. In der Zwischenzeit machte Ko Thah-byu weitere mis­sionarische Vorstöße. Er überquerte Flüsse, überstieg Gebir­ge, hielt Monsunstürmen stand und nahm es mit Banditen auf wie die, mit denen er selbst einst umhergestreift war.

So wanderte er von Karen-Dorf zu Karen-Dorf und ver­kündigte das Evangelium. Schließlich hörte er auch von je­nem Dorf, in dem vor zwölf Jahren das bereits erwähnte heili­ge Buch des durchreisenden Muslim angenommen worden war. Ko Thah-byu bat Boardman dringend, in jenes Dorf zu gehen, um herauszufinden, ob es sich wirklich um ein Buch über Gott handle. Mrs. Wylie beschreibt in ihrem 1859 veröf­fentlichten Bericht, was geschah, als Boardman in dem Dorf ankam:

„Mit einem großen Gefolge erschien der Häuptling, der das heilige Andenken bei sich hatte. Der Korb wurde geöffr net, die Stoffumhüllung abgewickelt, und herausgenommen wurde ein altes, abgegriffenes Buch, das er ehrerbietig Mr. Boardman reichte.

Es erwies sich als das 'Book of Common Prayer' mit den Psalmen (das heute noch gebräuchliche Gebetbuch der engli­schen Hochkirche), das in Oxford gedruckt worden war. 'Das ist ein gutes Buch', sagte Mr. Boardman. 'Es lehrt, daß ein Gott im Himmel ist, den wir allein anbeten sollen. Ihr habt


dieses Buch angebetet, weil ihr das nicht wußtet. Das ist nicht gut. Ich will euch lehren, wie man den Gott anbetet, der sich in diesem Buch offenbart.'

Das Gesicht jedes Karen zeigte abwechselnd ein Lächeln der Freude und eine betrübte Miene darüber, daß sie irrtüm­lich ein Buch angebetet hatten statt den Gott, der sich darin offenbart... (Nach dem Hören von Mr. Boardmans Unterwei­sung) erkannte der alte Zauberer, der während zwölf Jahren das kostbare Buch mit größter Sorgfalt gehütet hatte, daß sei­ne Aufgabe beendet war. Das Phantasie-Gewand und die Keule, die er zur Unterstreichung seiner geistlichen Autorität getragen hatte, legte er ab. In der Folgezeit wurde er ein de­mütig an den Herrn Jesus Christus Glaubender." 30

„Als Ergebnis von Ko Thah-byus unermüdlicher Arbeit", so schrieb Mrs. Wylie an anderer Stelle, „kamen viele Karen aus weit zerstreuten Dörfern der Tavoy-Berge und aus weit entlegenen Urwäldern, um mit neugierigem Interesse den weißen Lehrer zu sehen und den wunderbaren Wahrheiten zu lauschen. Mr. Boardman entdeckte, daß sie trotz ihres rauhen Äußeren ein ungemein empfängliches Gemüt für lebhafte Eindrücke und eine bemerkenswerte Lernfähigkeit für geistli­che Dinge besaßen..." 31„Als Mr. Boardman selbst in der La­ge war, die Karen in ihren eigenen Dörfern zu besuchen, emp­fingen sie ihn mit großer Freude und Ehrerbietung und jubel­ten ihm zu als einem, der, wie sie glaubten, ihnen einen weit besseren Weg zeigen werde. Von da ab finden wir in seinen Reiseberichten ständig Bemerkungen wie diese: 'Eine große Anzahl Karen sind jetzt bei uns, und Ko Thah-byu verbringt Nacht und Tag damit, das Wort des Lebens ihnen vorzulesen und zu erklären. Es scheint, als sei für dieses Volk nun eine Gnadenzeit angebrochen.'" 32 Halleluja!

In der Zwischenzeit erlebte ein erst vor kurzem angekom­mener Mitarbeiter von Adoniram Judson, Jonathan Wade, einen weiteren jubilierenden Widerhall auf die gute Botschaft etwa 350 Kilometer nördlich von Tavoy! Beinahe so schnell, wie die Karen sich bekehrten und taufen ließen, wurden sie auch Missionare, die die Frohe Botschaft noch weiter in ihrem eigenen Volk verbreiteten. Einige dieser Karen-Missionare


gingen in einen Ort namens Bassein, 550 Kilometer nordwest­lich von Tavoy, und predigten dort. Als später amerikanische Missionare nach Bassein kamen, fanden sie 5.000 Gläubige unter den Karen, die bereit waren, getauft zu werden!

Die buddhistischen Burmesen waren höchst erstaunt. „Was", so fragten sie ständig, „ist das Geheimnis des Chri­stentums? Wir Buddhisten haben durch die Jahrhunderte hin­durch versucht, die Karen für den Buddhismus zu gewinnen —ohne Erfolg. Christliche Missionare hingegen erreichen das in wenigen Jahrzehnten, was uns in Jahrhunderten nicht möglich war!"

Mittlerweile verließ Ko Thah-byu Tavoy, wo er buchstäb­lich die gesamte Bevölkerung durch das Evangelium wachge­rüttelt hatte, und warf sich einem Feuerbrand gleich mitten in ähnliche, wie Zunder aufflammende Karen-Bevölkerungen in Zentralburma. Kaum jemals nahm er sich Zeit zum hinrei­chenden Ausruhen. In wenigen Jahren brannte er völlig aus und starb an den Folgen seines rastlosen Mühens. Aber die Feuer, die er entfacht hatte in seinem Volk, brennen in Burma auch noch anderthalb Jahrhunderte später weiter.

Ein anderer von Judsons Mitbrüdern, Francis Mason, nannte Ko Thah-byu den „Karen-Apostel" und schrieb in Erinnerung an ihn ein Buch mit diesem Titel. Masons Buch müßte eigentlich neu aufgelegt werden zur Erbauung der gläubigen Christen unserer Zeit.

Etwa um 1858 wurden sich Zehntausende der Karen-Chri­sten bewußt, daß sie für die Verbreitung der guten Nachricht des „verlorenen, wiederentdeckten Buches" verantwortlich seien, nicht nur bei ihrem eigenen Volk, sondern auch unter den anderen ethnischen Minderheiten von Burma. Die Ka­ren-Christen aus Bassein waren führend in der neuen Phase dieses „Kulturaustausches", indem sie Teams von Karen-Mis­sionaren, gelegentlich zusammen mit einem amerikanischen Missionar als Teil dieses Teams, zu den 500.000 Kachin schickten, die auf der nördlichsten Höhe von Burma leben.

Die Karen-Missionare waren erstaunt, daß die Kachin auch ihren eigenen Namen für den Allmächtigen hatten — Ka­rai Kasang—, und nicht nur das, die Kachin glaubten auch, daß


ihre Vorfahren einmal die heilige Schrift von Karai Kasang besaßen! Wie die Karen, so hatten auch die Kachin den bud dhistischen Götzendienst über Jahrhunderte hin mit der Be­gründung abgelehnt, Karai Kasang würde dem nicht zustim­men. Wie die Karen, sahen auch die Kachin im Christentum die Erfüllung ihres eigenen Glaubens über Karai Kasang und handelten dementsprechend.

Innerhalb der folgenden 90 Jahre wurden etwa 250.000 Ka­chin zur Gemeinde Jesu Christi hinzugefügt!

Karen — Kachin ... Was geschah mit den Lahu und den Wa? Später, in den Jahren um 1890, beauftragten die amerikani­schen Missionare einen der Ihren, einen gewissen William Marcus Young, das Evangelium zum Shan-Volk im äußersten Osten Burmas zu bringen. Natürlich gingen die Karen-Missio­nare mit ihm Young und seine Karen-Mitarbeiter gründeten eine Niederlassung in Kengtung, der Hauptstadt der Shan­Region.

Eines Tages ging Young auf den Marktplatz, um den Shan zu predigen. Die meisten von ihnen waren Buddhisten. Young las mit lauter Stimme die Zehn Gebote vor. Dann hielt er seine Bibel hoch — die Sonne schien auf die weißen Seiten —und sprach über die Gesetze des „Wahren Gottes".

Als er predigte, bemerkte Young fremdartig gekleidete Männer, die aus der Menge des Marktes auf ihn zustrebten. Offensichtlich waren sie keine Shan. Später entdeckte er, daß sie Lahu waren, die sich diesen Tag ausgewählt hatten, um aus den fernen Bergen herabzusteigen und ihre Waren auf den Markt von Kengtung zu bringen. Bald hatten sie William Mar­cus Young völlig umringt: Ungläubig starrten sie in sein wei­ßes Gesicht, auf die weißen Blätter des Buches in seiner Hand, und lauschten seiner Beschreibung — in der Shan Spra­che — der Gesetze Gottes, die dieses Buch enthielt.

Dann, in einem starken Gefühlsausbruch, baten die Lahu William Marcus Young inständig, ihnen hinauf in die Berge zu folgen. Ja, praktisch kidnappten sie ihn: „Wir haben als Volk jahrhundertelang auf dich gewartet", erklärten sie. „Wir ha­ben sogar Versammlungshäuser in einigen unserer Dörfer ge­baut, um bereit zu sein für dein Kommen."


Einige der Lahu zeigten ihm Armbänder aus groben Strik­ken, die ihnen wie Fesseln von den Handgelenken herunter­hingen. „Wir Lahu haben seit undenklichen Zeiten solche Strickfesseln getragen. Sie symbolisieren unser Versklavtsein an böse Geister. Du allein als der Botschafter von Gui'Sha kannst diese Fesseln von unseren Handgelenken lösen — aber erst, nachdem du das verlorene Buch von Gui'Sha wirklich zu unseren Herdfeuern gebracht hast!"

Fast sprachlos vor ehrfürchtigem Staunen gingen Young und die Karen-Missionare mit ihnen. Was dann folgte, klingt wie eine Apostelgeschichte des 19. Jahrhunderts. Zehntau­sende der Lahu wurden Christen. Young und seine Karen-Helfer konnten dem Wunsch nach Unterweisung der Lahu kaum mehr nachkommen, so daß Young seine beiden kleinen Söhne Harold und Vincent schnellstens in diesen Dienst mit einspannen mußte. Harold und Vincent trugen so von Kind­heit an die Tracht der Lahu. Sie nahmen an Lahu-Volkstän­zen teil. Sie arbeiteten und lachten und spielten mit den Lahu und beherrschten die Sprache der Lahu besser als Englisch. Später übersetzte Vincent das ganze Neue Testament großar­tig in die Umgangssprache der Lahu.

Im Jahre 1904 tauften William M. Young, die Karen-Mis­sionare, Harold und Vincent 2.200 Lahu-Bekehrte, die die Grundlagen christlichen Lebens und Glaubens gelernt hatten. Von da ab bis 1936, als Young, noch in der Arbeit stehend, unter den Lahu starb, sah er mindestens 2.000 Lahu pro Jahr ins Taufwasser hinabsteigen. In einem Jahr taufte er, seine Söhne und seine Karen-Helfer sogar mehr als 4.500!

Mehrere hundert Millionen Christen in westlichen Län­dern sind beeinflußt von einer Klischeevorstellung missionari­scher Arbeit als eines im Grunde unwirksamen und unpro­duktiven Unternehmens, das sich nicht lohnt. Die meisten Christen denken, daß fünf Bekehrte in 20 Jahren Missionsar­beit die Norm sei. Nichts könnte weiter von der Wahrheit ent­fernt sein! Es ist gerade die Missionsarbeit, die Ergebnisse ge­bracht hat, über die Missionare selbst oft höchst überrascht waren, weil alle Erwartungen übertroffen wurden. Durchbrü­che, wie sie die Boardmans, Wades und Youngs erlebt haben,


sind keineswegs ungewöhnlich im Erfahrungsbereich christli­cher Missionare. Der „Himmelsgott" nämlich wußte, daß sie in ein weiteres seiner vielen Herrschaftsbereiche kommen würden — und hatte den Weg bereits vorbereitet. So einfach ist das!

Die erstaunliche Tatsache, daß missionarische Durchbrü­che unter den Karen, Kachin und Lahu-Stämmen infolge ihrer jeweiligen Volksreligionen stattfanden — nicht trotz dieser —, ist bei weltlichen Ethnologen völlig übersehen worden. Der deutsche Völkerkundler Hugo Adolf Bernatzik zum Beispiel reiste durch die Kengtung-Region in der Zeit von 1936-37 und veröffentlichte später eine Reisebeschreibung mit dem Titel „Die Geister der gelben Blätter". Niedergeschmettert und verärgert darüber, daß „mehr als die Hälfte der Bergdörfer jetzt Christen sind", kommentiert in diesem Buch Bernatzik diesen Wechsel und wie er glaubt, daß es dazu gekommen sei:

„Katschin und Lahu versammelten sich sonntäglich in ih­ren ,Kirchen`, strohgedeckten Pfahlhäusern, um den Chri­stengott zu preisen."

In der Art, wie er die Anführungszeichen setzt, bringt Ber­natzik verächtlich zum Ausdruck, daß Gebäude mit Blätter­dach und auf Pfählen nicht als wirkliche Kirchen betrachtet werden können. Nie hätte er sich träumen lassen, daß die La-hu ähnliche Bauten errichtet hatten in steter Erwartung des Evangeliums, längst bevor es zu ihnen gekommen war! Und wenn er sich nur danach erkundigt hätte, dann hätte er erfah­ren, daß der Gott, den die Kachin und Lahu in diesen Kirchen anbeteten, kein anderer war als Karai Kasang — der allerhöch­ste Gott der Vorväter der Karen —, entsprechend Gui'Sha un­ter den Lahu! Hier wird deutlich, wie Bernatzik, Doktor der Ethnologie, beeinflußt von Tylors Ansichten, die tatsächliche Situation in betrüblicher Weise völlig verkannte. Er fährt fort:

„Wie hier nun die Missionare stehen und einen neuen Gott verkündigen, die Schwächen und Machtlosigkeit der alten Götter predigen, ... so mögen auch einst die ersten Christen auf dem Boden des alten Europa vor unseren Vorfahren ge­standen sein."

Natürlich war Bernatzik nicht zugegen, als die Lahu Wil‑


liam Marcus Young baten, die alten Stricke von ihren Hand­fesseln zu schneiden und damit die Befreiung von den bösen Geistern, den Nats, zu symbolisieren.

Weiter lesen wir in Bernatziks „aufklärendem" Kommen­tar:

„Im alten Asien aber, das schon alt war, als Europa noch schlummerte, in dem nicht nur das Heidentum, sondern auch Brahma, Buddha, Mohammed und Konfuzius seit Tausenden von Jahren Wurzeln geschlagen haben, ist heute das Christen­tum keine Glaubensangelegenheit mehr, sondern untrennbar mit der europäischen Zivilisation verbunden, die in Asiens unermeßlich weiten Bergen und Tälern immer ein Fremdkör­per sein wird."

Was würde Bernatzik denken, wenn er heute im „alten Asien" leben würde, wo Tausende von Karen-, Kachin- und Lahu-Kirchengemeinden wachsen und gedeihen und ein le­bendiges, beständiges Zeugnis von Jesus Christus sind, ohne daß auch nur ein einziger europäischer Missionar dort als Be­rater oder gar als „Überwacher" tätig ist? Wie konnte auch ein so in Vorurteilen gefangener Mann überhaupt begreifen, daß eine von Asiens „anerkannteren Religionen", der Bud­dhismus, trotz intensivierter Bemühungen es nicht geschafft hatte, diese besonderen Minderheitenvölker von Burma zu bekehren, wohingegen das Christentum innerhalb weniger Jahrzehnte, ohne staatliche burmesische Unterstützung, ihre Herzen gewonnen hat!

Bernatzik ist typisch für viele Intellektuelle, die selbstge­fällig prophezeien, das Christentum hätte in Asien und Afrika nur Fuß gefaßt, indem es sich am Mantelzipfel der Kolonial-Regierungen festhielt — es werde aber bald „weg vom Fen­ster" sein, sobald nationalistische Bewegungen die Kolonial­regierungen zum Rückzug gezwungen hätten.

Zum Hohn von solchen Meinungen wächst und breitet sich das Christentum gerade in den früheren Kolonialgebieten be­sonders aus — und zwar schneller als selbst in Amerika oder Europa!

Bernatzik führt weiter aus: „So überwältigend die weltum­fassenden Ziele der Christenheit auch sein mögen, so bewun‑


dernswert die Arbeit mancher Missionare ist, ... so konnten wir dennoch ihr Werk nicht anders als mit den Augen des ‚be­kehrten' Volkes betrachten."

Praktisch vermitteln alle weltlichen Ethnologen liebend gerne den Eindruck — wie Bernatzik es hier durch seine An­führungszeichen tut —, daß die Bekehrung weit in der Ferne le­bender Völker zum Christentum nicht echt sei. Die Anhänger der Kirchen geben ganz einfach vor, Christen zu sein, um den Missionar zufriedenzustellen. Das ist die bei Ethnologen vor­herrschende Meinung. In Wirklichkeit seien diese Völker völ­lig in der Lage, die Missionare herauszufordern, zu schmähen und zu töten, wann immer sie sich entscheiden werden, den Weg des Christentums zurückzuweisen!

Als ich weiterlas, um herauszufinden, was mit diesem „Standpunkt des ‚bekehrten' Volkes" gemeint sein könnte und was Bernatzik verspricht, uns zu erklären, belustigte es mich, kein einziges Zitat von irgendeinem mutmaßlich heuch­lerischen oder eingeschüchterten Kachin oder Lahu-Gemein­deglied zu entdecken! Bernatzik möchte uns ganz einfach sei­ne gänzlich unbelegten Meinungen eintrichtern und verlangt von uns, diese als den „Standpunkt des ,bekehrten' Volkes" zu akzeptieren. Dann offenbart er seine ungenierte Bevor­mundung mit folgenden Worten: „Zudem sind diese Natur­völker zumeist nicht einmal psychisch imstande, diese ab­strakte Ethik zu erfassen, und nehmen daher nur belanglose Äußerlichkeiten an, die in keinem Verhältnis zu den Schwä­chen stehen, die ihnen durch die Vernichtung ihrer autoritä­ren Geisterwelt und somit ihres sozialen Gefüges zugefügt werden." 33

Armer Professor Bernatzik! Getäuscht von dem, was Mrs. Wylie das „rauhe Äußere" der Kachin- und Lahu-Leute nennt, und irregeleitet von Tylors und Morgans Theorien, kann er die Existenz der unglaublichen geistlichen Kräfte nicht einmal vermuten, die zu jener Zeit in der Kachin/Lahu­Welt am Werke waren — geschweige denn, diese Kräfte ver­stehen! Er ist typisch für Millionen von „Intellektuellen", de­ren Ausbildung wegführte von der Entdeckung solcher Kräf­te, statt sie zu ihnen hinzuführen. Ihre Lehrer haben ihnen


einen schlechten Dienst erwiesen, und sie selbst tun denen, die sie ihrerseits beeinflussen, wiederum den gleichen schlechten Dienst.

Gelegentlich jedoch findet beispielsweise ein C. S. Lewis den Weg von diesem Denken weg hinein in die Welt geistli­cher Kräfte und ist „überwältigt von Freude"! Würde das nur öfter geschehen!

Im letzten Teil des Kapitels dingt Professor Bernatzik ei­nen nichtchristlichen Lahu, der ihn in Lahu-Dörfer führen soll, von denen er hofft, daß sie den „Zwängen" des Christen­tums noch Widerstand leisten. Der Professor erklärt, daß sein Fortschritt stark behindert wurde, weil sein nichtchristlicher Lahu-Führer auf dem Weg immer haltmachte, um Opium zu rauchen. Schließlich mußte der Professor mit dem „Feind" sozusagen einen Kompromiß schließen, indem er sich einen christlichen Führer nahm, um seinen Reiseplan einhalten zu können. Natürlich fällt es dem Professor nicht ein, wie dank­bar er dem Evangelium sein müßte allein schon deshalb, daß es ihm erleichterte, einen Führer zu finden, der nicht opium­süchtig war!

Schließlich fand der Professor ein nichtchristliches Lahu­Dorf. Die Dorfbewohner jedoch trachteten ihm nach dem Le­ben, so daß er weichen mußte. So ging er in ein anderes Dorf, und wieder in ein anderes, und wieder weiter und immer so weiter — denn jedes nichtchristliche Lahu-Dorf außer einem wies ihn total ab und hieß seine Reisegruppe nicht willkom­men. Und selbst das eine Dorf nahm ihn nur widerwillig auf. Bernatzik gelingt es, mit philosophischer Ruhe die Situation anzunehmen und die nichtchristlichen Lahu zu loben wegen ihres „unabhängigen Geistes".

Offensichtlich kam dem Professor niemals die Frage, wieso es den Missionaren gelang, diese gleiche Barriere glühender Unabhängigkeit zu durchbrechen. Wenn Bernatzik vielleicht zuerst selbst Frieden mit dem „Himmelsgott" gemacht hätte, hätte er wohl das Geheimnis der Missionare entdeckt.

Es war während der Anfangszeit des Einzugs des Evange­liums bei den Lahu, daß Pu Chan, Gottes Befürworter unter


den Wa-Kopfjägern, das kleine Pony sattelte und seinen An­hängern befahl, dem Pony zu folgen, um nach einem „weißen Bruder zu suchen, der das Buch von Siyeh, dem wahren Gott, bei sich hat".

Das Pony führte diese staunenden Anhänger über etwa 350 Kilometer Bergpfade hinunter in die Stadt Kengtung. Dann wandte es sich in das Tor eines Missionsgrundstücks hinein und ging geradewegs zu einem Brunnen.

Neben dem Brunnen hielt das Pony an. Pu Chans Jünger schauten in alle Richtungen, aber sie konnten keine Spur ei­nes weißen Bruders oder eines Buches entdecken.

Nelda Widlund, die Tochter von Vincent Young, die Enke­lin von William Marcus Young, erzählte mir persönlich, was dann geschah. Denn sie war auf diesem Missionsgelände auf­gewachsen und trank oft aus diesem Brunnen. Die Einzelhei­ten, die folgen, bilden eine kostbare Erinnerung der ganzen Young-Familie. Die Wa-Stammesangehörigen hörten Geräu­sche in dem Brunnen. Sie schauten hinein und sahen kein Wasser, sondern nur zwei klare blaue Augen, die aus einem freundlichen, bärtigen, weißen Gesicht herausschauten.

„Hallo, Fremde!" Die Stimme — sie sprach in der Sprache der Shan — erschallte aus dem Brunnen. „Kann ich euch hel­fen?" William Marcus Young kletterte aus dem Brunnen her­aus, der noch nicht im Gebrauch war (er war noch dabei, ihn zu graben). Während er sich den Staub von den Händen klopfte und sie anschaute, fragten die Wa-Botschafter: „Hast du ein Buch von Gott mitgebracht?" Young nickte. Überwäl­tigt von tiefer Gemütsbewegung fielen die Wa-Männer zu sei­nen Füßen nieder und platzten mit Pu Chans Anliegen heraus. Dann fügten sie hinzu- „Dieses Pony ist besonders für dich ge­sattelt worden. Unsere Leute warten alle. Nimm das Buch! Wir müssen jetzt gehen!"

Young starrte sie an. „Ich kann jetzt nicht weg", antworte­te er. „Tausende von Lahu kommen fast täglich hierher, um unterwiesen zu werden. Was soll ich tun?"

Young breitete die Situation vor Lahu-Christen aus. Ge­meinsam beschlossen sie, den Wa-Männern Unterkunft in Kengtung zu beschaffen, damit sie hier christliche Unterwei‑


sung bekommen könnten. Danach sollten sie dann mit dem Gelernten zurückkehren in ihr Wa-Gebiet und ihr eigenes Volk lehren. Auf diese Weise wurden Pu Chan und Tausende seines Volkes Christen, ohne daß William Marcus Young auch nur ein einziges Mal bei ihnen gewesen wäre!

Als Folge dieser Arbeitseinteilung hörte der kleine Vin­cent Young, Neldas Vater, in seiner Kindheit um sich herum die Wa-Sprache fast ebensoviel wie die Lahu-Sprache. Spä­ter, als Jugendlicher, unternahm Vincent wiederholt Reisen in die Wa-Berge — ein Gebiet, das Reisende mieden wegen der Kopfjägerei —, um den Leuten dort mehr ins einzelne gehende Unterweisung „vor Ort" zukommen zu lassen. Ein Ergebnis dieser Besuche war, daß Vincent die Wa-Sprache so gründlich lernte, daß er später das Neue Testament nicht nur in die La-hu-, sondern dann auch in die Wa-Sprache übersetzte!

Die Youngs und ihre Karen-Mitarbeiter, die mehr als 60.000 Lahu getauft hatten, fanden sich bald schon verbunden mit weiteren 10.000 getauften Wa-Gläubigen, die ihrerseits das Evangelium ausbreiteten, und zwar noch weiter in den Osten Burmas und in den Südwesten Chinas hinein.

Am Schluß meines Interviews mit ihr sagte Mrs. Widlund: „Don, möchten Sie gerne meinen Vater kennenlernen, Vin­cent Young, und ein altes Foto anschauen, das mein Großva­ter von jenem kleinen Pony der Wa mit dem Sattel auf dem Rücken gemacht hat?"

„Wollen Sie damit sagen, daß Ihr Vater noch lebt?" rief ich aus.

„Er ist jetzt 80 Jahre alt und lebt in Mentone (Kalifornien), nur ein paar Kilometer von hier entfernt", antwortete sie.

Später traf ich sie dort in der bescheidenen Wohnung ihres Vaters in Mentone. Sie machte mich mit Vincent Young per­sönlich bekannt, der mir dann nicht nur das Foto mit dem Po­ny zeigte, sondern Album für Album anderer alter Fotos! Da war William Marcus Young in den verschiedensten Abschnit­ten seines Lebens und Dienstes zu sehen und die Karen-Män­ner und -Frauen, die mit ihm zusammenarbeiteten! Ich sah Hunderte von Lahu- und Wa-Leuten, die in seichten Uferge­wässern von Flüssen standen und auf ihre Taufe warteten.


Tausende standen ringsherum auf den Hügeln, um der Taufe zuzuschauen. Mit großer Freude nahm ich diese sieghaften Eindrücke in mich auf, bis ich glaubte, das Herz müsse mir zerspringen! Halleluj a!

Zweifelt jemand daran, daß Gott ein Pony dazu bringen kann, diese Wa-Leute unbeirrt über eine so weite Entfernung zum richtigen Ziel zu führen? Ganz sicher konnte Gott, der ei­nen Stern gebrauchte, um die Weisen zur Krippe nach Bethle­hem zu führen, einfach ein Pony benutzen, um die Wa zu ei­nem bestimmten Brunnen nach Kengtung zu bringen.

Jenseits der Grenze zu Südwest-China arbeitete ein Eng­länder mit Namen James Outram Frazer, ein Missionar der China-Inland-Mission. Er entdeckte dort den Lisu-Stamm, lernte ihre Sprache und fing an, unter ihnen das Evangelium zu verkündigen. Als Schwierigkeiten aufkamen, ging Frazer über die Grenze hinein nach Burma, um zu schauen, was er über kulturübergreifende Einflüsse von den amerikanischen baptistischen Missionaren lernen konnte, von denen er gehört hatte, daß sie überwältigenden Erfolg unter ähnlichen Stäm­men wie den Lisu hatten.

Nach einer schwierigen Reise fand Frazer schließlich den Außenposten der baptistischen Mission, aber es waren nur Karen-Missionare dort! So wie der Apostel Paulus sozusagen christliche Gemeinschaften „ausbeutete", um aus ihrer Mitte Leute wie Timotheus, Silas und Lukas auszusenden, um seine Arbeit auszudehnen, so drängte auch Frazer die Karen-Chri­sten in Burma, von jenem Außenposten der Baptisten einen aus ihrer Mitte mitzusenden, weil er ihn brauchte zur geistli­chen Stärkung der fernen Lisu.

Die Karen, in der ihnen eigenen großartigen geistlichen Haltung, stimmten zu. Rasch kehrte Frazer mit seinem Ka­ren-Helfer zurück ins Lisuland, wo dieser bald die Lisu-Spra­che erlernte.

Nach seiner Rückkehr übersetzte Frazer das Markus-Evangelium in die Lisu-Sprache. Als die ersten gedruckten Exemplare erschienen, die in einer Missionsdruckerei in Shanghai hergestellt worden waren, reiste Frazer von Dorf zu Dorf und las aus dem Markus-Evangelium vor.


Offensichtlich hatte Frazer zuerst keine Ahnung von der Lisu-Überlieferung, die nämlich auch seit langem einen wei­ßen Lehrer vorhergesagt hatte: Er werde das längst verloren geglaubte Buch Gottes wiederbringen — in ihrer eigenen Spra­che. Es ist anzunehmen, daß die Karen-Kollegen Frazers, die aus Burma kamen, ganz gewiß die richtige Wellenlänge ge­habt hätten, diesen ursprünglichen Glauben der Lisu zu ent­decken, falls Frazer noch nichts gewußt hätte. Auf jeden Fall entschieden sich die Lisu in großen Scharen für das Evange­lium von Jesus Christus. Viele Kenner dieses geschichtlichen Hintergrundes glauben, daß die uralte Lisu-Überlieferung in Verbindung mit der Gegenwart eines Karen, der sich genau darin auskannte, eine große Rolle spielte in der tief beein­druckenden Bewegung, die Zehntausende von Lisu-Männern und -Frauen ins Reich Gottes führten.

Burma, Südwest-China — und dann Ostindien! Wenige Christen in anderen Teilen der Welt wissen, daß zwei vollstän­dige Staaten des überwiegend hinduistischen Indiens — Naga­land und Mizoram — über eine größere Prozentzahl getaufter Christen verfügen als irgendein anderes Land von gleicher Größe in der Dritten Welt!

Die Kirchen in Nagaland, der Heimat von mehr als einer Million Naga-Leuten, umfassen 76 Prozent der Gesamtbevöl­kerung als Mitglieder! In Mizoram zählen 95 Prozent der Ge­samtbevölkerung zur Kirche! Der Prozentsatz ist in Mizoram deshalb höher, weil die meisten Gemeinden dort die Kinder­taufe praktizieren, wohingegen die meisten Kirchen in Naga­land die Taufe nur bei Jugendlichen und Erwachsenen vor­nehmen.

Die Mizo-Christen haben sich kürzlich dadurch ausge­zeichnet, daß sie 400 ihrer eigenen Mizo-Missionare in über­wiegend hinduistische Gebiete Nord-Indiens geschickt ha­ben!

Es ist höchst bedeutsam, daß die Überlieferungen von ei­nem verlorenen Buch Gottes in Verbindung mit alten Weissa­gungen, wie jene aus dem 17. Jahrhundert der Prophetin Khamhinatulu, eine große Rolle spielen in der Aufgeschlos‑


senheit der Naga- und Mizo-Bevölkerung für das Evangelium Jesu Christi.

Reisende, die aus solchen Gebieten des östlichen Indiens zurückkehren, berichten oft, daß sie fast überall Kirchen sa­hen und in Hörweite von Gebetsstunden und Lobgesängen waren!

Bis heute danken die Naga- und Mizo-Christen Gott von Herzen dafür, daß er ihnen genug Zeugnis über ihn selbst gab durch ihre eigenen früheren Volksreligionen, um sie vom Götzendienst der Hindus in Indien zurückzuhalten — ebenso wie die Karen, Kachin, Lahu und Wa genug Licht hatten, um den buddhistischen Götzendienst in Burma abzuweisen, und das Lisu-Volk genug Verständnis besaß, den Taoismus und Konfuzianismus in China abzulehnen!

Wäre es nicht so gewesen, dann wäre der Fortgang des Evangeliums unter ihnen mit Sicherheit viel mühsamer gewe­sen.

Wenn wir auf die Religionsgeschichte zurückschauen, wird uns deutlich, daß der Böse es immer darauf angelegt hat, in Formalismus erstarrte Religionen den Volksreligionen aufzu­drängen, um — wenn das Evangelium kommt — die Volksreli­gionen davon abzuhalten, ihre verblüffende Rolle als Verbün­dete desselben zu erfüllen. Diese Strategie des Bösen ging lei­der in vielen Völkern auf, die ursprünglich Volksreligionen angehörten.

Weil die Christen so lange auf sich warten ließen, bis sie endlich ernsthaft daran gingen, Missionare hinauszuschicken, unterlagen solche Völker schließlich dem Druck des Hinduis­mus, Buddhismus, Islam und anderer formalistischer Religio­nen. Dabei verloren sie viel an Aufnahmebereitschaft, die durch die Gnade Gottes unter den Karen und ähnlichen Völ­kern um sie her noch immer vorhanden war.

Und trotzdem ist es nicht unmöglich, die Anhänger der vie­len formalistischen Religionen für Christus zu gewinnen! Es gibt ständig Fortschritte, und wir gewinnen an Boden. In ei­nem späteren Buch werde ich mich in Einzelheiten damit be­fassen.

Epimenides, der Prophet aus Kreta; Pachacuti, der Vertei‑


diger Viracochas; Kolean, der Weise aus Santal; Pu Chan, der Prophet der Wa; Khamhinatulu, die Prophetin der Mizo; Wo­rasa, der Seher aus Äthiopien — wie sollen wir sie einstufen? Hat die Heilige Schrift die Existenz dieser einzigartigen Grup­pe von Gottesfürchtigen inmitten der anderen Heidenvölker vorausgesehen?

Ich glaube, die Heilige Schrift hat sie nicht nur in ihrer Exi­stenz vorausgesehen, sondern stellt uns sogar mindestens zwei davon vor!

Abraham war genau solch eine Person, als Jahwe zum er­stenmal zu ihm in Ur in Chaldäa sprach. Jahwes spätere Wahl Abrahams als Vater einer besonderen Menschenrasse, als be­sondere Zeugen für die ganze Welt, war natürlich ganz einzig­artig. Aber die Tatsache, daß Abraham persönlich den wah­ren Gott kannte, war nicht einzigartig! Denn als Abraham in Kanaan ankam, fand er einen Mann mit Namen Melchisedek, den König der Stadt Salem, der auch als „Priester des aller­höchsten Gottes diente" (vgl. 1. Mose 14, 18-20; Ps. 110,4; Hebr. 7,1-22).

Die Heilige Schrift bestätigt tatsächlich, daß Melchisedek in Gottes Reich einen höheren Rang hatte als Abraham! Denn Abraham gab Melchisedek den Zehnten, und Melchise­dek „segnete" Abraham, nicht etwa umgekehrt. Die Tatsa­che, daß der Schreiber der Genesis nicht die kleinste Erklä­rung darüber gibt, wie Melchisedek auf einmal da war, läßt darauf schließen, daß es dem Schreiber keineswegs unge­wöhnlich erschien, daß ein Mann wie Melchisedek unter den Kanaanitem gefunden werden sollte.

Vielleicht sollten auch wir nicht zu überrascht sein, wenn wir Nachweise von Gottesfürchtigen, die unter Heidenvöl­kern leben, finden — und das in neuester Zeit! Vielleicht bezog Jesus selbst sich schon darauf, als er sagte: „Und ich habe noch andere Schafe, die sind nicht aus diesem Stall; und auch diese muß ich herführen" (Joh. 10,16).


Anmerkungen:

1) Mrs. Macleod Wylie: The Gospel in Burma (London: W. H. Dalton, 1859), S. 52-54.

2) Francis Mason: The Karen Apostel (Boston: Gould and Lincoln, 1861), S. 10.

3) Wylie: The Gospel in Burma, S. 22.

4)        Mason: The Karen Apostel, S. 97.

5)        Wylie, S. 6.

6) Alonzo Bunker: Soo Thah, A Tale of the Karens (New York: Fleming H. Revell Co., 1902), S. 84-93.

7)        Mason, S. 99.

8)        Ebd., S. 21.

9)        Ebd., S. 15-27.

10)Bunker: A Tale of the Karen, S. 82.

11)Herman G. Tegenfeldt: A Century of Growth, The Ka­chin Baptist Church of Burma (Pasadena, CA: William Carey Library, 1974), S. 44.

12)Ebd., S. 45.

13)Ebd., S. 46.

14)Aus einem persönlichen Interview mit Nelda Widlund im Jahre 1980. Mrs. Widlund ist die Enkelin von William Marcus Young.

15)Alexander MacLeish: Christian Progress in Burma (Lon­don: World Dominion Press, 1929), S. 52.

16)Aus einem persönlichen Interview mit Nelda Widlund und ihrem Vater Vincent Young.

17)Aus einem persönlichen Interview mit Alex C. Smith, Doktor der Missiologie, Überseeische Missions-Gemein­schaft.

18)MacLeish: Christian Progress, S. 51.

19)Ebd.

20)Ebd.

20 a) Vgl. die Kritik oben, solche Beispiele vorschnell im bi­blischen Sinn zu deuten.

21)Ebd.

22)Phyllis Thompson: James Frazer and the King of the Lisu (Chicago: Moody Press, 1962), S. 64.


23)     Tegenfeldt: A Century of Growth, S. 45.

24)     Ebd., S. 46.

25)     Hminga: The Life and Witness of Churches in Mizoram (Pasadena, CA: William Carey Library, 1976), S. 31, 42.

26)     Tegenfeldt, S. 46.

27)     Mason, S. 9, 10.

28)     Wylie, S. 86.

29)     Mason, S. 12.

30)     Wylie, S. 52, 53.

31)     Ebd., S. 52.

32)     Ebd., S. 54.

33)     Hugo Adolf Bernatzik: Die Geister der gelben Blätter (Gütersloh: C. Bertelsmann Verlag), 41.-50. Tsd. 1951, S. 180-182.


Kapitel 3

Völker mit fremdartigen Sitten

Leser, die mit meinen beiden ersten Büchern - „Friedens-Kind" und „Herren der Erde" - vertraut sind, haben bereits eine Ahnung von dem, was ich mit „fremdartigen Sitten" meine. Für diejenigen, die „Friedens-Kind" nicht gelesen ha­ben, gebe ich hier eine kurze Zusammenfassung:

Im Jahr 1962 reisten meine Frau Carol und ich zusammen mit unserem acht Monate alten Sohn Stephen nach Neugui­nea und lebten als Missionare unter den Sawi, einem der etwa tausend Stämme, die es auf dem rund 2500 Kilometer großen Halb-Kontinent gibt. Die Sawi erwiesen sich als einer der fünf oder sechs Stämme auf diesem Planeten, die sowohl Kanniba­lismus als auch Kopfjägerei praktizierten. Später wurden uns noch drei weitere Kinder geboren - Shannon, Paul und Vale­rie -, die die ersten Jahre ihres Lebens mit uns unter den Sawi verbrachten.

Unsere anfänglichen Versuche, den Sawi das Evangelium zu bringen, wurden erheblich erschwert durch ihre Bewunde­rung der „Meister der Treulosigkeit" - gerissene Betrüger, die über einen Zeitraum von mehreren Monaten eine Freund­schaft vortäuschen konnten, während sie in Wirklichkeit ihre ahnungslosen Opfer „mästeten" durch diese freundschaftli­che Beziehung, bis sie plötzlich ein „Schlachtfest" veranstal­teten!

Wegen dieser ungewöhnlichen Art der Helden-Verehrung geschah es auch, daß die Sawi, als sie meinen ersten Versu­chen der Evangeliums-Verkündigung lauschten, die Sache mit Judas Ischariot, der Jesus verriet, völlig mißverstanden. Judas war nach ihrem Verständnis der Held der Geschichte! Jesus war hingegen in den Augen der Sawi einfach der Tölpel, den man auslachte!

Plötzlich merkten Carol und ich, daß wir in erhebliche Ver‑


ständigungsschwierigkeiten geraten waren. Erstens, wie konnten wir die tatsächliche Bedeutung des Evangeliums die­sen Leuten klarmachen, die ein Wertsystem hatten, das der neutestamentlichen Ethik völlig entgegengesetzt war? Zwei­tens, wie konnten wir sicher sein, daß die Sawi uns nicht auch durch ihre freundschaftlichen Beziehungen „mästeten" und eines Tages abschlachten würden?

Wir beteten um Gottes besondere Hilfe und fanden schließlich heraus, daß die Sawi eine einzigartige Weise hat­ten, Frieden zu schließen und solchen Betrugsfällen zuvorzu­kommen. Wenn ein Sawi-Vater seinen Sohn einer anderen Gruppe als „Friedenskind" anbot, dann waren nicht nur ver­gangene Kränkungen erledigt, sondern auch zukünftige Be­trügereien verhindert, aber nur solange das Friedenskind am Leben blieb! Nun hatten wir den Schlüssel zur Lösung dieses Verständnis-Problems gefunden. Wir schilderten den Sawi nun Jesus Christus als das endgültige „Friedenskind". Dabei stützten wir uns auf Jesaja 9,6, Johannes 3,16, Römer 5,10 und Hebräer 7,25 als die wichtigsten Bibelstellen, die von der Macht dieses Friedenskindes zeugten.

Diese Auslegung brachte den Durchbruch des Evange­liums unter den Sawi! Als ihnen klar wurde, daß derjenige, den Judas verriet, ein Friedenskind war, sahen sie Judas nicht mehr als Helden an. Denn ein Friedenskind zu verraten, das war nach Ansicht der Sawi das schlimmste Verbrechen über­haupt!

Seit jenen Tagen haben nahezu zwei Drittel des Sawi-Vol­kes — wie sie selbst sagen — „ihre Hände im Glauben auf Got­tes Friedenskind Jesus Christus gelegt", was ihrer eigenen Sit­te entspricht, daß Leute, die das Friedenskind empfingen, ei­ner nach dem andern seine Hände auf den übergebenen Sohn legten mit den Worten: „Wir empfangen dieses Kind als Grundlage des Friedens!"

Andere Völker haben gleichwertige fremdartige Bräuche, die sich ebenso bedeutungsvoll mit dem Evangelium verknüp­fen lassen. Die folgenden Kapitel zeigen eine ganze Anzahl solcher Beispiele. Beachten Sie jedoch auf jeden Fall zuerst die folgende biblische Grundlage, solche Sitten zu entdecken


und zu gebrauchen, um sie als „Augen-Öffner" für die geistli­che Wahrheit zu benutzen:

Saulus von Tarsus, der spätere Apostel Paulus, war Juden gegenüber, die nur in Palästina gelebt hatten, im Vorteil. Er hatte viel mehr Gelegenheit, die Heiden und ihre Lebenswei­se zu beobachten. Geboren in einer überwiegend heidnischen Stadt, in einem entschieden heidnischen Land, vertraut mit mindestens einer heidnischen Sprache und Bürger einer wahr­haft weltoffenen heidnischen Regierung, kam Paulus zu eini­gen interessanten Schlußfolgerungen über die Heiden.

Hier ist eine: Paulus beobachtete, daß die Heiden sich oft so benahmen, als stimmten sie völlig mit dem Gesetz Moses überein, obwohl sie niemals etwas über Mose oder über sein Gesetz gehört hatten! Wie kann das sein? fragte er sich. Spä­ter führte der Geist Gottes ihn zu einer erstaunlichen Ant­wort: „Denn wenn die Heiden, die das Gesetz nicht haben, doch von Natur tun des Gesetzes Werk, so sind sie, obwohl sie das Gesetz nicht haben, sich selbst ein Gesetz" (Röm. 2, 14). Mit anderen Worten: Das Gesetz, das sich in der Natur des heidnischen Menschen ausdrückt, nimmt sozusagen die Stelle eines vorläufigen Alten Testaments ein. Gewiß ist das unzu­länglich, aber es ist immerhin besser, als überhaupt kein Ge­setz zu haben!

Paulus fährt fort: „ ... denn sie beweisen, des Gesetzes Werk sei geschrieben in ihrem Herzen, da ja ihr Gewissen es ihnen bezeugt, dazu auch die Gedanken, die sich untereinan­der verklagen oder auch entschuldigen" (Röm. 2,15).

Paulus war den Heiden gegenüber offen und gerecht. Er gestand den Heiden — selbst den ungeschliffensten — zu, daß sie unabhängig von judenchristlicher Offenbarung im Besitz eines gottgegebenen Moralverständnisses waren. Salomo, wie wir bereits sahen, erkannte, daß Gott „die Ewigkeit in ihr Herz gelegt" hat (Pred. 3,11). Nun fügt Paulus hinzu, daß Gott die Forderungen seines Gesetzes in die gleiche Stelle ein­gegraben hat!

Armer Mensch! Er wird doppelt verfolgt! Erstens hat er den Sinn eines merkwürdigen Bestimmtseins für die Ewigkeit bekommen, auf die er sich hinbewegt, obwohl er ja nur Staub


und vergänglich ist. Und dann findet er in seinem Herzen ein Gesetz geschrieben, das ihn dazu verdammt, seine ewige Be­stimmung zu verfehlen!

Kein Wunder, daß Paulus an anderer Stelle schrieb: „We­he mir, wenn ich das Evangelium nicht predigte!" (1. Kor. 9, 16). Nichts anderes kann jenes doppelte Gejagt-Sein des Menschen beenden!

Solche unter uns, die die Wege des Apostels weitergegan­gen sind in heidnische Gebiete, haben seine Beobachtungen in einer Weise bestätigt gefunden, die er selbst wohl nie er­wartet hatte. Zum Beispiel: Eine Forderung des mosaischen Gesetzes war ein seltsamer jährlicher Ritus, bei dem zwei Zie­genböcke zur Verfügung stehen mußten. Beide Böcke — be­achten Sie dies — mußten „ohne Flecken und Fehler" sein, al­so Reinheit symbolisieren. Der jüdische Hohepriester legte zuerst seine Hand auf das Haupt des einen Bocks, womit sym­bolisch alle Sünden des jüdischen Volkes auf dieses kleine Tier gelegt wurden. Dieser Bock wurde dann als Opfer auf ei­nem jüdischen Altar geschlachtet.

Und was geschah mit dem anderen Bock? Während Tau­sende gespannt zuschauten, führten die Juden dieses zweite Tier einfach in die Wüste hinaus und ließen es dort los! Und sie nannten diesen zweiten Ziegenbock „Sündenbock". So­bald der Sündenbock nicht mehr zu sehen war, erhoben die Juden ihre Hände zu Jahwe und priesen ihn für die Wegnah­me ihrer Sünden.

Als Johannes der Täufer auf Jesus zeigte und ausrief: „Sie­he, das ist Gottes Lamm, welches der Welt Sünde trägt!" (Joh. 1, 29), stellte er Jesus Christus dar als die vollkommene, persönliche Erfüllung dieser jüdischen Sündenbock-Symbo­lik. Es bedurfte zweier Tiere, um das darzustellen, was Chri­stus alleine erfüllte, als er für unsere Sünden starb. Nicht nur, daß er die Versöhnung für unsere Schuld bewirkte, er nahm schon das bloße Vorhandensein unserer Sünde hinweg!

Eine bestimmte Sekte hat dem eine andere Deutung zu ge­ben versucht. Sie ist damit einverstanden, daß das erste Tier eine Vorschattung Jesu Christi ist, jedoch besteht sie darauf, daß der Sündenbock Satan darstellt. Der Urheber der Sünde,


so meinen sie in dieser Sekte, muß sie am letzten Ende auch wegtragen. Diese Theorie muß scheitern, denn sie übersieht eine Einzelheit, die wie ein Riff aufragt: daß beide Tiere, nicht nur das erste, makellos und ohne Flecken sein mußten!

Gegen diesen Hintergrund gesehen überlegen Sie einmal die folgende Zeremonie, wie sie jährlich in gewissen Stam­messippen stattfindet, so etwa bei den ...

Dyaks auf Borneo

Dyak-Älteste beobachten, eng zusammengedrängt, wie Bootsbauer gerade letzte Hand an die Fertigstellung eines winzigen Bootes legen. Die Handwerker reichen den Ältesten das Boot, die es vorsichtig an den Rand des Flußufers in der Nähe ihres Dorfes namens Anik bringen. Während die ganze Bevölkerung des Ortes näher zusammenrückt, wählt ein Älte­ster zwei Hähnchen aus der Hühnerschar des Dorfes. Dann vergewissert er sich, daß beide Hähnchen völlig gesund sind, schlachtet eines und sprengt das Blut am Uferrand entlang. Das andere Hähnchen wird lebendig an dem einen Deckende des Bootes angebunden. Damit es ruhig bleibt, erhält es eini­ge Reiskörner. Jemand bringt eine kleine Laterne, bindet sie am entgegengesetzten Ende des Decks fest und zündet sie an. Jetzt nähert sich nacheinander jeder Bewohner des Dorfes dem kleinen Boot und legt noch etwas Unsichtbares aufs Deck, genau in die Mitte zwischen der leuchtenden Laterne und dem lebendigen Hähnchen.

Fragt man einen Dyak, was er dort zwischen die leuchtende Laterne und das lebendige, makellose Hähnchen hingelegt hat, dann wird er antworten: „Dosaku!" (meine Sünde).

Wenn jeder Bewohner aus Anik seine oder ihre dosa auf das kleine Boot gelegt hat, heben die Dorfältesten es vorsich­tig vom Boden auf und waten hinaus in den Fluß. Dann wird das Boot in die Strömung entlassen.

Während es sich flußabwärts bewegt, schauen die Dyaks


mit wachsender Spannung zu. Die Ältesten stehen brusttief im Fluß und halten den Atem an. Wenn das kleine Boot zum Ufer zurücktreibt oder an irgendeinem Hindernis hängen­bleibt und in Sichtweite ihres Dorfes umkippt, dann leben die Anik-Leute unter einer Wolke dunkler Angst, bis die Zere­monie im nächsten Jahr wiederholt werden kann!

Aber wenn das kleine Boot in einer Flußbiegung ver­schwindet, dann hebt immer die ganze Versammlung ihre Ar­me zum Himmel und ruft: Selamat! Selamat! Selamat! (Wir sind gerettet! Wir sind gerettet!) 1

Jedoch nur bis zum nächsten Jahr.

Die Juden hatten ihren Sündenbock. Die Dyaks hatten ihr Sündenboot.

Welches von beiden konnte wirklich die Sünde wegtragen? Antwort: keines! Der Apostel, der den Hebräer-Brief schrieb, sagte: „Vielmehr geschieht dadurch alle Jahre nur ei­ne Erinnerung an die Sünden ... In diesem Willen sind wir ge­heiligt ein für allemal durch das Opfer des Leibes Jesu Chri­sti" (Hebr. 10, 3.10).

Wenn selbst das von Gott angeordnete jüdische Opfer nur Gültigkeit hatte als Vorschattung von etwas, das noch kom­men würde, dann muß nicht betont werden, daß das Sünden­boot der Dyaks auch nicht die Sünden wegtragen konnte. Hat das Ganze dann überhaupt keine Bedeutung? Aber gewiß! Das Dyak-Sündenboot verkörpert einige stichhaltige Vorstel­lungen. Die Sünde des Menschen muß weggetragen werden! Die Beseitigung der Sünde bedarf nicht nur des Todes, son­dern auch der lebendigen Gegenwart von etwas ganz Reinem! Die Erleuchtung der Wahrheit (symbolisiert durch die ange­zündete Laterne) ist eine notwendige Voraussetzung für die Beseitigung von Sünde!

Wer hätte sich je träumen lassen, daß die Dyaks, einst ge­fürchtete Kopfjäger, sich erweisen sollten als schon zum vor­aus auf die stark biblische Wellenlänge solcher Gedankengän­ge eingestellte Leute!

Aber Vorsicht: die Buddhisten in Kambodscha schicken auch kleine Boote den Mekong-Fluß hinunter zu bestimmten Zeiten im Jahr, aber mit völlig anderer Zielsetzung. Dutzende


dieser kleinen, mit Lampen versehenen Boote sind auf dem Mekong nachts gesehen worden. Die Boote der Kambodscha­ner dienen entweder dazu, die Geister der Toten wegzubrin­gen oder Speiseopfer an die Toten zu vermitteln.

Man muß bei jeder vorhandenen Sitte die dahinter stehen­de Absicht genau studieren, bevor man Schlußfolgerungen im Blick auf etwa vorhandene biblische Vorstellungen zieht. Ur­sprünglich mögen auch die Geisterboote der Kambodschaner einem ähnlichen Zweck gedient haben wie die „Sündenboo­te" auf Borneo. Ahnen-Anbeter mögen über die Jahrhunder­te hin die Originalbedeutung des Brauchs so drastisch verän­dert haben, daß sie keine Brücke mehr zur biblischen Wahr­heit bildet.

Die Frohe Botschaft, daß Christus der Sündenträger der Menschheit wurde, ist ein Hauptinhalt des Evangeliums. Aber es ist noch nicht die ganze Botschaft. Der gleiche Chri­stus, der unsere Sünde wegträgt, pflanzt einen neuen Geist in unser Inneres ein, damit wir nicht endlos zurückfallen in die gleichen Vergehen. Jesus sagt, daß alle, die die Gabe dieses neuen Geistes empfangen haben, „wiedergeboren" sind (Joh. 3,3).

Die tatsächliche Bedeutung der „neuen Geburt" ist für die meisten Menschen nur sehr schwer zu begreifen. Der erste, mit dem Jesus über die Wiedergeburt sprach, war ein theolo­gisch gebildeter, intellektueller Jude namens Nikodemus, ein Mitglied des jüdischen Rates, nichts weniger! Wenn über­haupt jemand in Jerusalem in der Lage gewesen wäre zu ver­stehen, was Jesus mit „Wiedergeburt" meinte, dann war es Nikodemus. Und doch...

Sobald Jesus sagte: „...Es sei denn, daß jemand von neu­em geboren werde, so kann er das Reich Gottes nicht sehen" (Joh. 3,3), reagierte Nikodemus mit einer naiv wörtlichen, fast kindischen Frage: „Wie kann ein Mensch geboren wer­den, wenn er alt ist? Kann er auch wiederum in seiner Mutter Leib gehen und geboren werden?" (Joh. 3,4).

Wenn schon ein so kluger Gelehrter wie Nikodemus Schwierigkeiten hatte zu verstehen, was Jesus mit der neuen Geburt meinte, wieviel schwerer mögen es dann „unwissende


Heiden" damit haben! Wirklich? Würde das nicht bedeuten, daß Jesus ganz offen gesagt über die Köpfe hinweg redet? Keineswegs!

Nehmen wir einmal einen der schwierigsten Fälle auf Er­den...

Das Asmat-Volk in Neuguinea

Schauen Sie sich Neuguinea auf dem Globus an. Schon seine Form scheint die Warnung auszustrahlen: Betreten nur auf ei­gene Gefahr! Denn Neuguinea sieht fast genauso aus wie ein riesiger Tyrannosaurus, der mit offenem Maul auf dem Äqua­tor unserer Welt in der Sonne liegt.

Die Warnung verdient Aufmerksamkeit. Die Liste der Reisenden, deren Leben von jenem 2.700 Kilometer langen Urweltgetier verschlungen worden ist, liest sich wie eine wah­re „Who's Who"-Liste (wer ist wer?): Register, Buchstabe „R"! Richtig: der „ Saurier" hatte nicht einmal Respekt vor einem so erhabenen Namen wie Rockefeller.

Bergspitzen, die wie gepanzerte Schuppen von jenem Rep­tilrücken aufragen, durchziehen die ganze Länge Neuguineas. Einige Dutzend Gipfel übertreffen sogar das Matterhorn an Höhe! Aber zum Süden hin erstreckt sich ein Sumpfgebiet so ungeheuer weit, daß Floridas Everglades sich dagegen aus­nehmen wie ein kleiner Ententeich. Hunderttausend Qua­dratkilometer Regenwald! Unendlich sich schlängelnde Flüs­se, von denen viele mit schwimmenden Grasinseln verstopft sind. Alles wird unterstützt und erhalten durch ungefähr sie­ben Meter Regenhöhe jährlich!

Nahezu eintausend Stämme bewohnen Neuguinea. Und einer dieser Stämme hat es sich ausgesucht, im nassesten, dichtesten, feuchtesten und seuchenreichsten Teil jenes Sumpfgebiets zu wohnen: die Asmat.

Die Völkerkundler haben eine Faustregel, und zwar daß Kopfjäger, wo immer sie zu finden sind, nicht auch noch Kan‑


nibalismus praktizieren; Kannibalismus andererseits ist nicht mit Kopfjägerei verbunden. Diese beiden Bräuche, so die Faustregel, schließen einander aus. Man mag die eine oder die andere Sitte vorfinden, niemals aber beide in der gleichen Kultur.

Leider hatten die Asmat von dieser Regel keine Ahnung; denn sie waren nicht zufrieden damit, nur die Schädel ihrer Jagdopfer als Trophäen zu erhalten, sie verspeisten auch das Fleisch ihrer Opfer! 2

Die Asmat hatten noch weitere interessante Bräuche für Teile des menschlichen Körpers. Manchmal nahm ein Asmat einen menschlichen Schädel unter seinen Kopf als Kissen. Die Asmat-Kinder spielten mit Menschenschädeln als Spielzeug. Einige Krieger spitzten menschliche Oberschenkelknochen zu, daß sie als Dolche gebraucht werden konnten; Kieferkno­chen dienten zuweilen als Halsschmuck. Und Menschenblut bildete den Leim für die Asmat, mit dem sie die schwarze Ei­dechsenhaut als Trommelfell auf ihren Trommeln befestig­ten!

Wenn Sie diese Beschreibung der Asmat lesen, dann hüten Sie sich bitte vor der Versuchung zu denken, sie seien irgend­wie nicht wirklich menschlich. Denn wenn Menschen, die sol­che Dinge tun, als Untermenschen betrachtet werden, dann sollten wir uns fragen, was wir zum Beispiel von den Kelten und Angelsachsen zu halten haben, von denen viele, die die­ses Buch lesen, doch abstammen.

Der Historiker Dr. Ralph Winter stellt fest, daß Kopfjäge­rei auch unter den Stämmen der Kelten in Irland vorkam. Und kräftige Angelsachsen, Bewohner der Wälder in Nord­europa, tranken, so sagte er, noch bis zum Jahre 600 n. Chr. aus menschlichen Schädeln!

Erst durch das Evangelium von Jesus Christus ergab sich für die Kelten und Angelsachsen etwas völlig Neues. Und das will es genauso auch für die Kopfjäger-Kannibalen der Asmat tun! Alles, was wir zu tun haben, ist, zu ihnen zu gehen, unter ihnen zu leben und die bestmögliche Weise zu finden, den As­mat das Evangelium verständlich zu machen — wie es jemand einst den Kelten und Angelsachsen überbrachte.


Das ist doch wirklich nicht zuviel verlangt! Jesus sagte: „...Umsonst habt ihr's empfangen, umsonst gebt es auch" (Matth. 10,8).

Nein, das ist tatsächlich nicht zuviel verlangt! Aber das ist auch keineswegs leicht auszuführen! Doch nur ein Teil dieser Schwierigkeit ist sichtbar. Malen Sie sich doch einmal aus, Sie wären selbst zu dieser Aufgabe der Missionierung bestimmt.

Wie wäre es, wenn Sie sich jetzt in einer kleinen strohge­deckten Hütte am Rande eines Asmat-Dorfes namens Ocha­nep befänden. Ihnen wird berichtet, daß im Oktober 1961 Mi­chael, der Sohn des New Yorker Gouverneurs Nelson Rocke­feller, plötzlich wie vom Erdboden verschwunden ist, ein paar Meilen von Ihrem Heim entfernt. Sie haben Gerüchte dar­über gehört, daß Ihre Asmat-Nachbarn mit dem Verschwin­den von Michael zu tun hätten. Und doch, zu Ihrer Erleichte­rung, zeigen sich die Asmat recht freundlich.

Sie haben Ihnen nicht nur geholfen, Ihr neues Zuhause auf­zubauen, sie helfen Ihnen sogar bei der täglichen Nahrungs­beschaffung, indem sie Ihnen viel Fisch, Garnelen und Wild­schweinfleisch bringen — als Gegenleistung für Angelhaken, Angelleinen, Rasierklingen, Streichhölzer, Salz, Messer, Äx­te und Macheten. Dann gibt es solche, die Ihnen beim Erler­nen der Sprache behilflich sind. Zunächst erleben Sie die As­mat-Sprache als eine unmögliche Mischung unverständlichen Geschnatters und Kauderwelschs. Und dann taucht allmäh­lich der Sinn dafür auf. Sie bekommen das aufregende Ge­fühl, den Durchbruch zu schaffen!

Und dann kommt der Schock! Außer dem Zusammentref­fen von Kopfjägerei und Kannibalismus geschieht es auch, daß Asmat-Männer sogar ihre eigenen Frauen derart ent­menschlichen, daß sie sie zwingen, gelegentlich öffentlich mit sich Handel treiben zu lassen. Zu anderen Zeiten „würdigen" sie ihre verstorbenen Verwandten, indem sie mit dem verwe­senden Fleisch ihrer Leichen Handel treiben.

Versuche, die Asmat zu überreden, ihren Sinn zu ändern und solche Dinge zu lassen, erscheinen genauso einfach, wie ein Rad an einem großen Lastwagen zu wechseln, während dieser einen Hügel hinunterrast. Zu versuchen, ihnen das


Evangelium ins Gemüt einzuschreiben, ist fruchtlos wie der Versuch, Sülze an einen Baum zu nageln!

Nach und nach erzwingt sich die Entmutigung ihren Weg und überschwemmt Ihren anfänglichen Optimismus — wie Wasser durch Risse in ein Boot dringt. Und Ihre Niederge­schlagenheit wird sich noch verstärken, wenn Sie Briefe von anderen Missionaren in anderen Teilen Neuguineas erhalten, in denen es beispielsweise heißt: „Freut euch mit uns! Wir ha­ben allein in diesem Tal schon 6.000 Gläubige getauft! Weite­re 2.000 haben sich zu Lese-Schreib-Klassen angemeldet!"

Grimmig murmeln Sie: „Klingt, als ob die dort Hilfe brau­chen!" Bald schreiben Sie einen Brief an den Feldleiter Ihrer Missionsgesellschaft und äußern die Bitte, zu Menschen in Neuguinea geschickt zu werden, die aufgeschlossener für das Evangelium sind. „Unter diesen Leuten hier habe ich alles versucht und doch nichts erreicht", schreiben Sie. „Offen­sichtlich ist das nicht Gottes Zeitpunkt, jetzt hier etwas in Be­wegung zu bringen."

Doch in Ochanep gibt es keinen Briefkasten (ganz zu schweigen von einem Postamt). So können Sie Ihren Brief erst aufgeben, wenn mal wieder ein Missionspilot mit seinem kleinen Wasserflugzeug auf dem Fluß in Ihrer Gegend landet, denn das ist die einzige Kontaktmöglichkeit mit der Außen­welt.

Während Sie Ihren Brief auf den Kaffeetisch legen, bricht draußen in Ochanep ein Aufruhr los. Sie eilen zur Haustür und schauen in die Richtung des Dorfes. Hunderte von As­mat-Männern , -Frauen und -Kindern strömen herunter aus ihren auf hohen Stelzen erbauten Lang-Häusern und bilden eine lange Reihe den Fluß entlang. Alle schauen aufgeregt flußabwärts.

Sie selbst rasen zum Ufer und schauen ebenfalls flußab­wärts. Zu Ihrem Entsetzen sehen Sie, daß der Fluß in jener Richtung schwarz ist von Kanus des Basim-Stammes — Tod­feinde Ihrer Ochanep-Nachbarn! Sie hören sie kommen. Ihre Paddel schlagen gegen die Seiten ihrer Einbäume. Mit den Füßen hämmern sie auf den Boden dieser Einbäume im glei­chen Takt wie das Schlagen, und wütende Schreie begleiten


sowohl jenes Trampeln als auch jenes Schlagen. Ihnen schau­dert. Denn Sie wissen, daß ihre Paddel gleichzeitig als Speere dienen können. Sie wissen auch, daß schwarze Palmenholzbo­gen und Hunderte von schußbereiten Schilfpfeilen an der In­nenseite der Wände dieser Einbäume aufgereiht sind. Auch ist Ihnen bekannt, daß viele Krieger in jenen Kanus Dolche aus menschlichen Hüftknochen in ihre Armreifen eingesteckt tragen.

„Genau hier vor meinem Haus wird es ein Blutbad geben", keuchen Sie entsetzt.

„Nein, bestimmt nicht!" antwortet ein vergnügter Asmat­Junge, der in der Nähe steht. „Heute kommen sie nicht, um Krieg zu machen. Sie kommen, um Frieden zu schließen!"

„Ich hoffe, das klappt!" murmeln Sie gespannt und nervös. Während Sie aus Ihrer Meinung nach sicherer Entfernung zu­schauen, ziehen die Basim-Kanus an Ochanep entlang und drehen bei in Richtung Ufer. Im Uferschlamm halten sie an, aber die Leute darin kommen näher. Geradewegs den Strand hinauf! Dann stecken sie ihre Paddel aufrecht in den Schlamm, bilden eine dichte Gruppe und fangen an, auf und ab zu hüpfen, wobei sie in äußerster Heiterkeit laute Schreie ausstoßen. Diese Aktion löst eine gleiche Antwort bei den Leuten von Ochanep aus.

Plötzlich bewegen sich Männer aus beiden Gruppen, den Ochanep und den Basim, unbewaffnet aufeinander zu und vermischen sich auf einer grasigen Erhebung. Seltsamerweise trägt jeder Mann eine zusammengerollte Matte unter dem Arm. Augenblicke später breiten diese gegenseitigen Feinde ihre Matten auf dem Gras aus und legen sich, mit dem Gesicht nach unten, darauf, Seite an Seite, tatsächlich so, wie man an einem übervölkerten Strand ein Sonnenbad nimmt!

Dann gehen die Ehefrauen der ruhenden Männer schüch­tern zum gleichen Hügelchen. „0 nein!" rufen Sie angeekelt aus. „Nicht wieder eine Frauenhandel-Orgie!"

Diesmal irren Sie sich. Jede schüchterne Asmat-Frau nimmt Stellung neben ihrem liegenden Ehemann, breitbei­nig, mit einem Fuß unter seiner Brust und dem andern unter seiner Hüfte. Dann bringen Älteste beider Gruppen Kinder


zum Hügel und unterweisen sie, wie sie sich auf Hände und Knie niederlassen und sich vorwärts über die Rücken der lie­genden Väter hinwinden solleng. Bei diesem Vorgang rutschen die Kinder auch zwischen den Knien ihrer Mütter durch.

Nachdem jedes Basim-Kind durch diese lebendige Passage durchgekrochen ist, wird es von Männern und Frauen aus Ochanep aufgefangen und wie ein neugeborenes Baby ge­schaukelt. Andere bringen Wasser und baden es, wie es nach einer Geburt auch geschieht. Die Kinder von Ochanep wer­den auf die gleiche Weise von den Basim-Leuten behandelt.

Als nächstes wird mehrere Tage lang zu Ehren der Kinder gefeiert. Dafür werden sie geschmückt mit Palmfaserketten und Muscheln. Jede Nacht werden die Kinder von Erwachse­nen in den Schlaf gewiegt. Die Frauen singen ihnen zärtlich Wiegenlieder ins Ohr. Später kehren die Kinder ganz frei zu­rück in ihre eigenen Familien und Dörfer.

Von dieser Zeit an ist Frieden! Arbeitstrupps können ohne Furcht vor Überfällen tiefer in die Sagosümpfe vordringen, um sich Nahrung zu beschaffen. Die Männer und Frauen aus Ochanep und Basim tauschen nicht nur Geschenke aus, nein, sie tauschen sogar ihre Eigennamen aus, um auf diese Weise ihr Einssein und ihr gegenseitiges Vertrauen auszudrücken. 3

In der Zwischenzeit ist in Ihnen selbst ein heftiger Kampf entbrannt. Sie haben alles aufmerksam beobachtet und Ihr Vorurteil behauptet: „Bah! Welch abstoßende heidnische Sitten! Wer kümmert sich denn um so etwas?" Doch Ihre Neugier verhilft Ihnen zu einer entscheidend wichtigen Beob­achtung. Was immer dieser Brauch auch bedeutet, in jedem Fall zeigt er die Kraft, die fähig ist, das Verhalten des Asmat­Volkes zu ändern. Und genau das erhoffen Sie sich doch aus biblischer Sicht für diese Menschen!

Hoffen wir, daß die Neugier das Feld gewinnt! Wenn, dann werden Sie anfangen, Fragen zu stellen. Es wird nicht lange dauern, und Sie werden feststellen, daß die Passage, die sich aus den Rücken der Väter und den Fußgelenken der Mütter bildet, einen Geburtskanal zur Volksgemeinschaft hin dar­stellt. Die Kinder, die dort hindurchkriechen, werden angese‑


hen als neu hineingeboren in die Verwandtschaft ihrer Fein­de! Durch diese wechselseitig wiedergeborenen Kinder wird aus den gegenseitigen kriegführenden Gruppen eine einzige Familie — und das sichert den Frieden!

Plötzlich überfällt Sie die Erkenntnis, um was es hier geht! Niemand weiß, wie lange Zeit schon diese friedenbringende Zeremonie den Asmat einen lebenswichtigen Grundsatz ver­deutlicht hat, daß nämlich echter Friede nicht durch Verein­barung mit Worten allein entsteht. Echter Friede verlangt die Erfahrung einer neuen Geburt!

Sie kratzen sich am Kopf und fragen sich: Wo habe ich so et­was schon einmal gehört?

Verbissen tüfteln Sie Asmat-Hauptwörter und Zeitwörter aus, die für die schwierigen Begriffe passen, die Sie ausdrük­ken wollen. Sie üben, bis Sie jene Verben korrekt in allen Zeitformen der Asmat abwandeln können. Zitternd vor Auf­regung wagen Sie es dann schließlich, Ihre Zehen den Kerben der Treppenpfosten zu einem Asmat-Langhaus einzupassen, klettern hinauf und treffen einen Mann namens Erypeet. Er sitzt nackt auf einer Matte und kaut zufrieden an einem Stock mit gerösteten Käferlarven. Er lädt Sie ein, sich neben ihn auf die Matte zu setzen und reicht Ihnen auch einen solchen Stock! Höflich nehmen Sie an und legen ihn neben sich auf die Matte — um gegessen zu werden, wenn Sie wieder zu Hause sind, natürlich!

„Erypeet", beginnen Sie, „ich war fasziniert, als ich sah, wie ihr aus Ochanep Frieden mit denen aus Basim geschlossen habt. Ich war auch einmal im Krieg, Erypeet. Ich stand nicht mit Men­schen auf Kriegsfuß, sondern mit meinem eigenen Schöpfer. Der Schatten dieses Krieges verdunkelte mein Leben viele Monde lang. Eines Tages trat ein Botschafter meines Schöpfers an mich heran. ,Mein Herr hat eine neue Geburt vorbereitet', sagte er, du kannst in ihm ganz neu geboren werden und er in dir. Dann wirst du Frieden haben mit meinem Herrn ...' "

An diesem Punkt legt Erypeet den Überrest seines Larven­steckens hin und ruft aus: „Was! Habt ihr und euer Volk auch eine neue Geburt?" Erypeet ist verblüfft, daß Sie, als unwis‑


sender Ausländer, als Fremder, als Außenseiter, tatsächlich so gebildet sein könnten, auch nur an die Möglichkeit einer neu­en Geburt zu denken. Er hatte gedacht, daß nur ein Asmat den Plan einer solch tiefgreifenden Sache begreifen könnte!

„Ja, Erypeet", antworten Sie. „Wir haben auch eine neue Geburt!" Erypeet fragt: „Ist eure Wiedergeburt genau wie unsere?" — „Da gibt es manche Gemeinsamkeiten, mein Freund; und es gibt auch einige Unterschiede. Darüber möch­te ich dir jetzt gerne etwas erzählen."

Könnte es passieren, daß Erypeet Sie unterbrechen würde, um zu fragen: „Warte! Wie kann ein Mensch geboren wer­den, wenn er alt ist? Kann er wiederum in seiner Mutter Leib gehen und geboren werden?"

Im Grunde nicht. Wenn es um die Frage geht, die Notwen­digkeit menschlicher Wiedergeburt zu begründen, dann hat Erypeet — nackt, ein Analphabet, ein Kopfjäger-Kannibale —einen Vorteil, den der Jude Nikodemus nicht besaß!

Und was wird aus dem Brief an Ihren Missionsfeldleiter? Was wird aus Ihrer Bitte, Sie an einen anderen Platz zu verset­zen, wo die Aufnahmebereitschaft für die Evangeliumsver­kündigung größer ist?

„0 das!" höre ich Sie antworten, „nun, sehen Sie, ich habe meine Meinung geändert. Auf keinen Fall werde ich die As­mat jetzt verlassen. Ich werde selbstverständlich hierbleiben und sehen, was der Geist Gottes in den Herzen dieser Men­schen tun kann, wenn er ihnen offenbart, daß es bei Jesus Christus eine wirkliche Neugeburt für sie gibt — und zwar nicht nur symbolisch!"

Irgendwie dachte ich's doch, daß Sie Ihre Meinung schon ändern würden — sobald Sie verstünden ...

Die Yali und die Hawaiianer

Was hatten die 35.000 schwarzhäutigen Yali-Kannibalen in


Zentral-Neuguinea mit den Juden gemeinsam? Und auch mit den braunhäutigen Polynesiern, die 9.000 Kilometer entfernt auf den Inseln von Hawaii leben?

Das soll der nachfolgende Bericht illustrieren:

„Erariek, erzähl mir eine Geschichte", bat ich, während ich meinen Kugelschreiber, zum Notieren bereit, in der Hand hielt. Erariek, ein 25jähriger Yali, grinste. Er freute sich of­fensichtlich über mein Interesse an seinem Volk. Dann leuch­teten seine Augen auf, als ihm eine alte Erinnerung kam, ein Abenteuer, das mit seinem eigenen Bruder Sunahan und noch einem Freund namens Kahalek zu tun hatte. Erariek räusper­te sich und begann...

Gerade, als sie anfingen, süße Kartoffeln in ihrem Garten auszugraben, hörten Sunahan und Kahalek einen Pfeil an ih­nen vorbeizischen. Im nächsten Moment streifte ein zweiter Pfeil Kahalek. Über ihre Schultern weg sahen die beiden eine große Anzahl Feinde aus dem Hinterhalt hervorbrechen. Das Schimmern in den Augen jedes Feindes zeigte Sunahan und Kahalek unmißverständlich, daß diese Angreifer, die über den Heluk-Fluß gekommen waren, noch an diesem Tag ein Festmahl mit Menschenfleisch erwarteten — mit dem Fleisch von Sunahan und Kahalek!

Sunahan und Kahalek ließen ihre Grabstöcke fallen, grif­fen ihre Bogen und Pfeile und rannten um ihr Leben.

An diesem Punkt erwartete ich, Erariek würde erzählen, daß Sunahan und Kahalek einen steilen Weg aufwärts geflo­hen wären, um sich in ihrem Dorf hoch über der Bergkette im Gartengebiet in Sicherheit zu bringen. Statt dessen erzählte er mir, daß sie sich vom Weg abwandten und quer über ihre Gär­ten in Richtung einer niedrigen Steinmauer flohen. Kurz be­vor sie die Mauer erreichten, trafen weitere Pfeile den bereits verwundeten Kahalek. Er fiel gerade außerhalb der Mauer und lag sterbend da.

Sunahan jedoch sprang über die Mauer, wirbelte herum, entblößte seine Brust vor seinen Feinden und lachte sie aus. Die Angreifer, nachdem sie Kahaleks Leben mit weiteren Pfeilen ausgelöscht hatten, beschlossen, nicht einmal den


Versuch zu machen, den Toten für das Festmahl abzuschlep­pen, denn aus dem Dorf strömten schon die Rächer den Berg herunter. Kahaleks Leiche konnte die Mörder nur bei der Flucht hindern.

Die Angreifer flohen. Sunahan ließen sie ohne einen Krat­zer zurück.

Fast hätte ich meinen Kugelschreiber fallen lassen. „War­um haben sie denn nicht Sunahan getötet?" fragte ich. „Er stand doch genau vor ihnen!"

Erariek lächelte herablassend. „Don, das verstehst du nicht. Sunahan stand innerhalb der Steinmauer."

„Welchen Unterschied macht das?" fragte ich.

„Der Boden innerhalb der Steinmauer", erklärte Erariek, „das ist, was wir Yali einen Osuwa nennen, einen Ort der Zu­flucht. Wenn die Feinde auch nur einen Tropfen von Suna­hans Blut innerhalb dieser Mauer vergossen hätten, dann hät­ten ihre eigenen Leute sie mit dem Tode bestraft, sobald sie nach Hause gekommen wären. Ebenso durfte Sunahan, ob­wohl er Waffen in seinen Händen hatte, doch nicht wagen, ei­nen Pfeil abzuschießen, solange er sich innerhalb dieser Mau­ern befand. Wer immer innerhalb jener Mauer steht, darf kei­nem Menschen etwas Böses zufügen!"

Sie hätten mich mit einer Feder umhauen können!

Mehr Einzelheiten über Erariek und diese unglaubliche Geschichte über den Yali-Stamm kann der Leser in meinem Buch Herren der Erde 4 nachlesen. Nun muß ich die Frage be­antworten: Was hat das alles mit den Hawaiianern zu tun, die 9.000 Kilometer entfernt von den regenkalten Yali-Tälern Neuguineas leben?

Niemand weiß, wann die Hawaiianer zuerst den geweihten umfriedeten Bezirk Pu'uhonua-o-honaunau für seinen beson­deren Zweck bestimmten. Archäologen glauben, daß der Kö­nig Keawe-ku-i-ke-käai um 1500 n. Chr. einen eigenen Tem­pel dort baute und ihn mit einer etwa drei Meter hohen Stein­mauer umgab, von der noch viel erhalten ist. Zwei weitere Tempel kamen während des folgenden Jahrhunderts hinzu.

Pu'uhonua-o-honaunau steht immer noch an der Westkü­ste von Hawaii, ungefähr zehn Kilometer südlich des großen


Denkmals zur Erinnerung an den Tod des englischen Entdek­kers , Kapitän James Cook.

Pu'uhonua-o-honaunau war nicht einfach nur ein weiterer Tempel. Es war ein Ort der Zuflucht für „besiegte Krieger, Nichtkämpfer oder Tabu-Brecher", die seine Grenzen vor ih­ren Verfolgern erreichten (Broschüre des National Park Ser­vice). Sich in den Umkreis der alten Mauern Königs Keawes zu retten, war nicht nur ein Spiel; es bedeutete das Leben selbst.

Jeder Flüchtling, der eintrat, fand einen dort für ihn gebau­ten Schutzraum! Ein Garten und ein Wäldchen mit Kokos­nuß-Palmen sorgten für Nahrung. Außerdem gab es eine Quelle, die frisches Wasser spendete. Ein Stück Meeresstrand lud zum Schwimmen und Fischen ein!

Und Pu'uhonua-o-honaunau war nur eine aus dem Netz­werk von vielleicht 20 solcher „Zufluchts-Städte", die über die Inselkette von Hawaii verstreut waren!

Yali — und Hawaiianer. Aber was hat das mit den Juden zu tun? Einst betraten die Hebräer — die Vorfahren der heutigen Juden — das verheißene Land. Josua, ihr Führer, folgte einer früheren Anweisung, die Gott ihm durch Mose gegeben hat­te. Er bestimmte sechs hebräische Städte — drei auf jeder Seite des Jordans — als „Zufluchts-Städte".

Ihr Zweck? Um solchen Menschen Schutz zu bieten, die j e­mand getötet hatten und deshalb in Lebensgefahr fliehen mußten (5. Mose 19; Jos. 20). Die jüdischen Historiker erzäh­len uns, daß die Straßen, die zu den Zufluchts-Städten führ­ten, gewöhnlich die geradesten Straßen in Palästina waren. Brücken entlang dieser Straßen wurden in bestem Zustand gehalten. Die sechs Städte selbst waren alle auf Anhöhen ge­baut, so daß die Flüchtlinge sie klar und deutlich auch aus wei­ter Entfernung sehen konnten.

Wenn ein Flüchtling eine hebräische Zufluchts-Stadt be­trat, dann war er sicher, bis der Hohepriester in seiner Sache entschied. Je nachdem, wie der Schiedsspruch ausfiel, wurde der Flüchtling entweder dem Bluträcher übergeben oder aber freigelassen.

Hebräische Dichter und Propheten haben dieses ein‑


drucksvolle Bild und die geistliche Bedeutsamkeit des „Ortes der Zuflucht" nie übersehen. Zum Beispiel schreibt König David, der Psalmist: „Bei dir, o Herr, habe ich Zuflucht ge­funden, laß mich nimmermehr zuschanden werden!" (Ps. 31,2; Schlachter-Übersetzung).

Wenn der Hohepriester nach der Untersuchung entschied, den Flüchtling seinem Verfolger zur Vollstreckung des Todes­urteils auszuliefern, dann bedeutete das für den Flüchtling „zuschanden zu werden". Der König David, der sich dessen sehr wohl bewußt war, daß seine eigene Gerechtigkeit nicht genügen würde, sein Leben zu retten, fährt mit der Bitte fort: „...errette mich durch deine Gerechtigkeit" (Ps. 31,2).

Und genau das ist es, was Jesus Christus im Evangelium verheißt: die reumütigen Zufluchtsucher zu befreien auf Grund seiner Güte, nicht ihrer eigenen! Sie müssen jedoch wirklich ihre Zuflucht nur in ihm suchen, nicht sonst irgend­wo! Der Schreiber des Hebräer-Briefes beschäftigte sich mit den gleichen ewigen Prinzipien göttlicher Barmherzigkeit, als er schrieb: „... wir , ... die wir unsere Zuflucht dazu genom­men haben, festzuhalten an der angebotenen Hoffnung" (Hebr. 6,18).

Beachten Sie Gottes offenkundige Strategie! Zuerst führte er den „Ort der Zuflucht" in der hebräischen Kultur ein. Dann leitete er David und andere biblische Schreiber dahin, dieses Bild des „Ortes der Zuflucht" sozusagen als „Augen-Öffner" sowohl für die Hebräer als auch für Menschen wie wir zu benutzen. Kann er da nicht auch Yali und Hawaiianer ver­anlaßt haben, „von Natur aus" dieser Forderung des Geset­zes zu gehorchen, das „geschrieben ist in ihren Herzen"? Wenn das so ist, dann muß es sicherlich seine Absicht sein, daß wir dieses gleiche Bild als „Augen-Öffner" für sie ver­wenden.


Die Chinesen und ihr Schreibsystem

Die ersten China-Missionare begegneten einem gewaltigen Hindernis. Sie mußten das chinesische Schreibsystem erler­nen. Aus dem Westen kommend, waren sie nur mit europäi­schen Alphabeten mit ungefähr 26 Buchstaben vertraut. Aber das hier verschlug ihnen den Atem! Die chinesische Schreib­weise benutzte ein System, das auf 214 Zeichen aufbaute, den „Wurzeln"!

Sie schnappten erneut nach Luft, als sie erfuhren, daß jene 214 Wurzeln, die ja schon ein Schreckgespenst in sich selbst waren, zusammengefügt würden zu 30.000 bis 50.000 Schrift­zeichen! Das reichte, um selbst den geduldigsten Heiligen zur Verzweiflung zu bringen! Warum in aller Welt ließ Gott der Allmächtige es zu, daß ein Volk ein solch „verwurzeltes" Schreibsystem entwickelte? War es Gott gleichgültig, daß die chinesische Schreibweise für die Weitergabe des Evangeliums an ein Viertel der gesamten Menschheit zu einem fast unüber­steigbaren Hindernis wurde?

Eines Tages allerdings hörte einer der Missionare auf, dar­über zu klagen. Er betrachtete ein chinesisches Schriftzei­chen, das „gerecht" bedeutet. Er bemerkte, daß es in zwei Teile gegliedert war. Der obere Teil war einfach das chinesi­sche Zeichen für Lamm. Direkt unter dem Lamm war ein zweites Zeichen, nämlich das persönliche Fürwort Ich. Plötz­lich hatte dieser Missionar eine hervorragend verschlüsselte Botschaft in diesem Schriftzeichen entdeckt: Ich unter dem Lamm bin gerecht!

Das war nichts Geringeres als das Kernstück, das Herz des Evangeliums, weswegen er den Ozean überquert hatte, um es in China zu verkündigen! Die Chinesen waren verblüfft, als er ihre Aufmerksamkeit auf diese verborgene Botschaft lenkte. Das hatten sie niemals bemerkt, aber als er es ihnen aufzeigte, sahen sie es ganz klar. Als er sie fragte: „Unter welchem Lamm müssen wir stehen, um gerecht zu sein?" hatten sie kei­ne Antwort. Mit tiefer Freude erzählte er ihnen von „dem Lamm, das geschlachtet ist" (Offb. 13,8), dem gleichen


„Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünden der Welt” (Joh. 1,29).

Er teilte seine Entdeckung anderen Missionaren mit, und bald schon fingen auch sie an, weitere geistliche Botschaften in diesen 4.000 Jahre alten Schriftzeichen zu entschlüsseln! Das Studium der chinesischen Sprache wurde für sie plötzlich zu dem aufregendsten Abenteuer, das sie je erlebt hatten!

Ein weiteres Beispiel: Das chinesische Schriftzeichen für Schiff ist aufgebaut aus der Wurzel Boot mit dem Wurzelzei­chen Mensch und acht. Acht Menschen? Noahs Arche fuhr mit genau acht Menschen an Bord! 5

Das Wurzelzeichen für Mensch ist in der Form ähnlich ei­nem auf den Kopf gestellten „Y". Die Bedeutung des Schrift­zeichens Baum ist ein Kreuz mit dem Symbol Mensch dar-übergelegt! Und das Schriftzeichen für kommen besteht aus zwei Zeichen für Mensch, die an jeder Seite des Zeichens für Baum stehen, über dem das größere Zeichen für Mensch liegt. Einige Kenner der chinesischen Schrift sind der Ansicht, daß die beiden kleineren menschlichen Figuren die allgemei­ne Bedeutung für Menschheit hätten. Wenn das so ist, dann ist die verschlüsselte Bedeutung des Schriftzeichens kommen: „Menschheit, komm zu dem Mann auf dem Baum."

Falls jemand sich noch gründlicher mit anderen chinesi­schen Schriftzeichen und ihrer geistlichen Botschaft beschäfti­gen will, möchte ich hinweisen auf die kürzlich zu diesem The­ma erschienenen Bücher von C. H. Kang und E. R. Nelson. 6 Zwar sind sich nicht alle Sprachforscher darüber einig, wie je­des einzelne Schriftzeichen zu deuten wäre. Nichtsdestoweni­ger sind die Chinesen (und auch viele Japaner, denn die japa­nische Schrift ist aus der chinesischen entwickelt) beeindruckt gewesen durch die Deutungen, die Missionare ihnen auf diese Weise vermittelt haben. Selbst wenn die Theorien nicht end­gültig sind, so mag die Diskussion darüber schon genug Anlaß geben, Ungläubigen geistliche Wahrheiten nahezubringen.

Bei meiner Nachforschung habe ich festgestellt, daß viele chinesische und japanische Pastoren den Gebrauch dieser verschiedenen Schlüsselzeichen als gültigen Eingang in die Gedankenwelt ihres eigenen Volkes ansehen.


Ein aus China zurückgekehrter Missionar berichtete von einem chinesischen Soldaten, der ihm in drohender Feindse­ligkeit begegnet war. Der Missionar skizzierte einige der zu­vor erwähnten Symbole auf einem Block und deutete ihre „verborgenen" Bedeutungen. Der Soldat riß verblüfft die Augen auf. „Man hat mir gesagt", rief er aus, „das Christen­tum sei die Religion eines ,fremden Teufels'! Jetzt zeigen Sie mir, daß sie sogar vom Schreibsystem meines eigenen Landes gepredigt wird!"

Nordamerikanische Indianer

Von Alaska bis Panama und von Niederkalifornien bis Labra­dor — auf die eine oder andere Weise läßt sich überall Ähnli­ches erkennen:

Die „heiligen Vier"!

Praktisch sprechen alle Stämme von den vier Himmelsrich­tungen und den vier Winden. Die Navajo zeigen auf ihre vier heiligen Berge. Die Sioux führen ihren regenbewirkenden Tanz mit vier Gruppen zu je vier Pferden auf. Jede Pferde­gruppe hat die gleiche Farbe, insgesamt also vier Farben. Vie­le Stämme benutzen vierarmige Kreuze oder Hakenkreuze oder ein vierseitiges Muster, das „Gottes Auge" heißt, um die „heiligen Vier" zu betonen. Einige Älteste der Indianer fol­gen der Sitte, bei der Einführung von Kindern in die besonde­re Lebensweise des Stammes ihren Unterrichtsstoff in vier Teile zu gliedern. So fällt es den Indianerkindern bald leich­ter, sich an Dinge zu erinnern, die in dieser Vierer-Gliederung vorkommen.

Fragen Sie indianische Bewahrer von Volksüberlieferun­gen nach der Grundlage und dem Kern der heiligen Vier, und Sie werden übereinstimmende Antworten wie diese erhalten: Als der „Große Geist" (Wakan Tonka bei den Sioux, Saha­ren-Tyee bei den Yakima, usw.) die Welt erschuf, bestimmte er die heiligen Vier zur Aufrechterhaltung der Ordnung. Die


heiligen Vier sind also nicht vier Götter oder vier Dämonen, sondern vier ordnungserhaltende Grundregeln, die die Welt davor bewahren, in Chaos auseinander zu brechen.

Bitten Sie Indianer, die heiligen Vier einzeln aufzuzählen und zu beschreiben — und Sie werden kein Glück haben. Wenn Indianer je wußten, wodurch sich die eine von den an­deren drei unterscheidet, dann ist diese Erkenntnis doch schon lange verloren gegangen. Die Indianer sprechen über die Vier nur noch als Gesamtheit und auf keine andere Weise sonst.

Etwas ist auch bemerkenswert: Missionare, die unter ver­schiedenen nordamerikanischen Indianerstämmen arbeiten, berichten — ohne daß sie eine Erklärung dafür wissen —, daß die Indianer ihnen sofort höchst aufmerksam zuhören, sobald sie anfangen, die „Vier geistlichen Gesetze" zu lehren („Vier geistliche Gesetze" = eine Publikation von „Campus für Christus")! Sogar Erweckungen sind ausgebrochen, wenn derartige Lehrmittel in tiefschürfender Weise verwendet wer­den, besonders von jemandem, den die Indianer hoch zu ach­ten gelernt haben.

Ed Malone, Pastor der „Whittier Christian Fellowship" in Kalifornien, besucht jährlich die Navajo-Wohngebiete, um junge Indianer als Prediger auszubilden. Pastor Malone kom­mentiert: „Es ist höchst erstaunlich, wieviel Interesse eine Predigt mit vier Punkten unter den Navajo findet!"

Stellen Sie sich einen Lehrer vor, der so ein Büchlein „Vier geistliche Gesetze" vor einer Indianergruppe hochhält und sagt: „Hier sind vier geistliche Gesetze. Gehorcht ihr ihnen nicht, treibt euer Leben bestimmt ins Chaos. Gehorcht ihr ih­nen, dann wird Gott Beständigkeit und Ordnung in euer Le­ben bringen, in eure Familie, in eure Arbeit, in eure Zu­kunft..."

Die uralten Indianerüberlieferungen über die heiligen Vier hängen wie eine unsichtbare Schallmuschel hinter dem Lehrer und geben jedem seiner Worte ein besonders ernstes Ge­wicht.

Ist die Vorstellung der heiligen Vier nur eine Dichtung? Oder könnte sie eine besonders bedeutsame Gültigkeit ha‑


ben? Gibt die Bibel irgendwo Hinweise darauf, daß Gott tat­sächlich durch eine heilige Vierer-Regel die Ordnung im Uni­versum aufrechterhält?

Ich glaube, daß die Antwort auf alle diese Fragen „Ja" lau­tet! Bedenken Sie die folgenden Hinweise:

1. Die zwölf Stämme Israels lagerten auf ihrem Weg ins verheißene Land immer in vier Gruppen von jeweils drei Stämmen Banner wurden nicht jedem der zwölf Stämme zu­gewiesen, sondern immer jeder der vier Gruppierungen.

2. Jüdische Altäre wurden an allen vier Ecken mit Vor­sprüngen gestaltet, die „Hörner" genannt wurden. Die Op­fertiere mußten, um wirklich gültig zu sein, an allen vier Hör­nern festgebunden sein und konnten nicht nur einfach auf den Altar gelegt werden.

3. Das Neue Testament enthält vier Evangelien.

4. Jesus starb an einem vierarmigen Kreuz.

5. Die Offenbarung spricht von vier Pferden in vier ver­schiedenen Farben und mit vier verschiedenen Reitern.

6. Schließlich scheint die Bibel ohne weiteres vorauszuset­zen, daß alles im Himmel und auf Erden in vier Ebenen über­einander gestaffelt ist. Die höchste Ebene ist Gott vorbehal­ten, der der Herrscher über alles ist. Unter Gott liegt die Ebe­ne der „Bürger", der rechtmäßige Ort für alle von Gott nach seinem Bild geschaffenen Wesen. Unterhalb dieser finden wir die Ebene, die wir die „Eingebürgerten-Ebene" nennen wol­len, vorbehalten der Tier- und Pflanzenwelt. Schließlich, auf der untersten Ebene, finden wir die Materie, die Energie und die Naturgesetze.

Es gibt nichts, das nicht einer dieser vier kosmischen Ebe­nen zugehört. Solange alles innerhalb der ihm zugewiesenen Ebene bleibt, behält alles seine Ordnung! Die Sünde geschah erst, als ein von Gott geschaffenes Wesen aus seiner „Bürger-Ebene" ausbrach und den Thron, der allein Gott zusteht, an sich reißen wollte.

In der Tat: es mag weit mehr in diesem indianischen Kon­zept stecken, als der erste Blick ergibt.


Anmerkungen

1) Aus Interviews mit Elmer Warkentin und Clara Lima, Mis­sionare bei RBMU International (Mission für unerreichte Ge­biete), die unter dem Dyak-Volk in Kalimantan (Borneo) ar­beiteten.

2) Don Richardson: „Friedens-Kind" (Bad Liebenzell: Ver­lag der Liebenzeller Mission, 1976), Kapitel 2.

3) Ebd., S. 238.

4) Don Richardson: „Herren der Erde" (Bad Liebenzell: Verlag der Liebenzeller Mission, 1979), S. 127-129.

5) Die Zeichen zu diesem Beispiel sind abgebildet in: B. Schwengeler, Religion — Opium für das Volk? FACTUM, Nr. 10/82, S.27.

6) C. H. Kang und Ethel R. Nelson: The Discovery of Genesis (St. Louis: Concordia 1979); vgl. weitere Beispiele in: Schwengeler, S. 27, dort besonders das chinesische Zeichen für „Schaffen".


Teil II

Das Evangelium,

zubereitet

für die Welt

Der

Abraham-Faktor



Kapitel 4

Die Viertausendjährige

Verbindung

Dr. Ralph Winter, Direktor des „United States Center for World Mission" in Pasadena (Kalifornien), liebt es, manch­mal seine Zuhörer aufzuschrecken, indem er Dinge sagt, von denen man glaubt, sie könnten gar nicht wahr sein — und doch sind sie es! Zum Beispiel: „Die meisten Christen denken", so rief Dr. Winter einmal aus, „daß die Bibel Missionsarbeit gar nicht wirklich wichtig nimmt. Sie sehen darin nur noch so eine Art eines angehängten Gedankens Jesu, den er ganz am Ende seines irdischen Dienstes aussprach — so, als ob er gerade noch mit den Fingern schnippte, ehe er gen Himmel fuhr und sagte: ‚Oh, bei der Gelegenheit, Männer, da ist noch eine Sache...'

Und dann ernüchterte er sie mit diesem unerwarteten, un­vorhergesehenen Befehl, das Evangelium hinauszutragen in alle Welt."

„In Wirklichkeit jedoch", so fuhr Dr. Winter fort, „be­ginnt die Bibel sogar mit Mission, behält Mission ständig als Zentralthema durch die ganze Bibel hindurch bei und erreicht den Höhepunkt in der Offenbarung mit spontanen Ausbrü­chen der Freude, weil der Missionsauftrag nun erfüllt ist!"

Dr. Winter machte eine Pause und blätterte in seinen Pa­pieren, während sich die Augenbrauen der Zuhörer fragend zusammenzogen. Dann hob jemand seine Hand und sprach die Frage aus, die eigentlich jeder schon im Sinn hatte: „Dr. Winter, die Bibel beginnt mit der Feststellung, daß Gott Him­mel und Erde schuf. Wie können Sie in diesem Bericht etwas von Mission entdecken?"

Genau auf diese Frage hatte der gründliche Bibelgelehrte gewartet!

„In der Tat!" antwortete er, während seine Augen fröhlich über den Brillenrand zwinkerten. „Aber das Hauptthema der


Bibel ist, daß Gott alle Völker auf Erden segnet mit einem Se­gen, der zuerst Abraham gegeben wurde. Und wo verheißt Gott, das zu tun?"

„In 1. Mose 12", antwortete jemand.

„1. Mose, Kapitel 12, ist also der tatsächliche Anfang der Bibel", fuhr Dr. Winter fort. „Alles vor Genesis 12 ist die Einleitung. Genauso vom Geist Gottes inspiriert, jawohl! Aber eben doch die Einleitung. Das Hauptthema kommt erst in Kapitel 12. Wir wollen einmal sehen..."

Wißbegierig blätterte ich durch die Kapitel der Genesis bis zum 12. Kapitel und las die ersten drei Verse. Ich hatte sie schon viele Male zuvor gelesen. Jetzt begriff ich, daß ich ihre Bedeutung unterschätzt hatte. Jene drei Verse enthalten Jah­wes ausdrückliche Einführung einer Sache, die Juden und Christen gemeinsam „den Abraham-Bund" nennen. Verfas­ser anderer Bibelteile nennen diesen Bund manchmal „die Verheißungen", weil eine ganze Anzahl darin enthalten sind. Ein andermal nennen sie ihn „die Verheißung" in der Ein­zahl, weil die verschiedenen, in dem Bund eingeschlossenen Verheißungen zusammen die eine umfassende Absicht Got­tes bilden.

Ich verstand, daß die vielen Verheißungen, die in dem Bund enthalten sind, unter zwei Titelzeilen aufgeführt wer­den können. Nennen wir sie die Anfangszeile und die Schluß­zeile. Schauen wir uns zuerst die Anfangszeile an: „Ich will dich zu einem großen Volk machen", so fing Jahwe an, „und ich will dich segnen; ich will deinen Namen groß machen, und du wirst ein Segen sein. Ich will die segnen, die dich segnen, und wer dich verflucht, den werde ich verfluchen!"

Sogenannte „Kritiker höherer Grade" haben die Ansicht vertreten, der Abraham-Bund sei nur ein weiteres Beispiel für einen unbedeutenden Stammes-Gott, der den Egoismus einer kleinen Anhänger-Elitegruppe dadurch anstachelte, daß er ihnen Sonderverheißungen eines Sondersegens gab. Weil sie in ihrem intellektuellen Hochmut so hoch über dem Text schweben, verstehen sie nicht, was er wirklich aussagt. Denn genau in der Mitte dieser Verheißungen, die eine politische, persönliche und soziale Erhöhung Abrahams bedeuten, steht


ein besonders kennzeichnender Satz: „... und du wirst ein Se­gen sein."

Und jene Aussage geht der Schlußzeile voraus: „... und in dir sollen alle (Völker) auf Erden gesegnet werden."

Diese Worte erfüllen den nachdenklichen Leser mit schweigender Ehrfurcht. Es wird uns sogleich klar, daß der Gott, der solche Worte spricht, kein unbedeutender Stam­mesgott sein kann. Er ist ein Gott, dessen Pläne sowohl voller Güte als auch weltumfassend sind und alle Zeitalter und Kul­turen einschließen. Wenn er Abrahams Feinden heimzahlt, geschieht das nicht nur, um Abraham zu schützen, sondern auch, um die Feinde davon abzuhalten, ein Feuer auszulö­schen, das angezündet worden war, um die ganze Welt zu er­wärmen.

Es ist klar, daß der Bund mit Abraham nicht die erste Of­fenbarung Gottes Menschen gegenüber war. Adam, Kain, Abel, Seth, Henoch, Noah — und zweifellos viele andere da­nach bis hin zu Abrahams Zeitgenossen Melchisedek — hatten unmittelbare Mitteilungen von Gott erhalten. Gott offenbar­te sich sogar durch einen Traum dem Abimelech, einem Phili­ster-König (1. Mose 20,6). Alle diese früheren Offenbarun­gen drehen sich um folgende Punkte:

1. Die Existenz Gottes als Tatsache.

2. Die Schöpfung.

3. Die Auflehnung gegen Gott und der Fall des Menschen.

4. Die Notwendigkeit eines Opfers. um Gott zu versöhnen, und die hinterhältigen Versuche der Dämonen, die Men­schen zu veranlassen, ihnen zu opfern.

5. Die Sintflut.

_6, Das plötzliche Aufkommen vieler Sprachen und die daraus resultierende Zerstreuung der Menschheit in viele Völker; und schließlich

7. Die Bestätigung für das Bedürfnis des Menschen echt, ,,ner weiteren Offenbarun die ihn wieder einschließt in ei­negesegnete Verbindung mit Gott. 1

Diese sieben Hauptfaktoren, die bekannt waren vor der Zeit Abrahams, bilden immer noch, wenn auch statistisch in


abnehmender Zahl, die Hauptbestandteile der weltweiten Volksreligionen. Das Maß, inwieweit eine Volksreligion an der Wahrheit festgehalten hatte, wird daran erkennbar, wie viele dieser sieben Faktoren jeweils noch vorhanden sind und in welcher Deutlichkeit. Auf dieser Grundlage war die Volks­religion der Karen, die von Boardman, Wade, Mason und an­deren in Burma entdeckt wurde, vielleicht die „reinste" Volksreligion, die in unserer Zeit auf Erden übrig geblieben ist.

Diese weiterbestehenden Grundelemente, die man überall in der Welt vorfindet, umfassen das, was wir jetzt die allgemei­ne Offenbarung nennen. Da Melchisedek der Hauptvertreter dieser Art Offenbarung in den Tagen Abrahams war, habe ich sie den Melchisedek-Faktor in der Menschheitsgeschichte ge­nannt.

Der Bund mit Abraham erhebt sich wie eine Insel inmitten des Meeres der allgemeinen Offenbarung. Diese Insel heißt spezielle Offenbarung. Das ist der Abraham-Faktor in der Ge­schichte. Über den Melchisedek-Faktor haben wir bereits einiges in früheren Kapiteln erfahren. Jetzt müssen wir den Abraham-Faktor untersuchen.

Wie unterscheidet sich der Abraham-Faktor in seiner be­sonderen Offenbarung von der vorhergehenden allgemeinen Offenbarung? Erstens ist spezielle Offenbarung immer ver­bunden mit einem inspirierten Bericht im Kanon der Bibel. Mose sorgte für den Anfang jenes Kanons, als er — ein paar hundert Jahre nach der Zeit Abrahams — die fünf Bücher schrieb: Genesis, Exodus, Leviticus, Numeri und Deuterono­mium.2 Hätte die besondere Offenbarung nicht in solch ein­zigartiger Weise Wert auf die Erhaltung eines schriftlichen Berichtes gelegt, so wäre die Menschheit ohne irgendeine wirklich maßgebliche Darstellung des Ursprungs geblieben, von der noch später die allgemeine Offenbarung sich über die ganze Erde ausbreitete.

Der Schreiber des Hebräer-Briefes im Neuen Testament macht uns besonders auf die Tatsache aufmerksam, daß die allgemeine Offenbarung zur Zeit Melchisedeks bereits losge­löst war von einer nachweisbaren Verbindung mit der speziel‑


len Offenbarung. Er weist auf die ungewöhnliche Tatsache hin, daß Mose, obwohl er sonst sorgfältig alle Geschlechtsre­gister wichtiger Personen aufzählt, die im Zeitalter der Pa­triarchen lebten, nicht die Namen der Eltern Melchisedeks er­wähnt, auch nicht die geschichtlichen Zeitumstände bei seiner Geburt, noch sein Alter, als er starb (vgl. Hebr. 7,3). Er sagt nicht: „Melchisedek, Sohn des..." Er betont auch, daß Mel­chisedeks Priestertum — im Gegensatz zum späteren leviti­schen Priestertum, das durch Abraham kam — nicht auf natür­licher Abstammung von einem Priestergeschlecht beruhte. Ein Priester von der Art Melchisedeks war sozusagen immer „einfach da". Man könnte niemals vorhersagen, wo ein sol­cher zu finden (oder nicht zu finden) wäre!

Das ist immer charakteristisch für die allgemeine Offenba­rung gewesen — das einfach Zur-Stelle-Sein. Der Schreiber des Hebräer-Briefes betont auch, daß der Messias, der zu den Menschen kam zur Erfüllung jener geistlichen Wirklichkeit, die schon im levitischen Priesteramt vorgeschattet war, gleichzeitig auch „ein Priester in Ewigkeit nach der Weise Melchisedeks" war (Psalm 110,4; vgl. auch Hebr. 5,4-10; 6,20; 7,15-22). Christus ist, mit anderen Worten, der Herr bei­der Offenbarungen, sowohl der allgemeinen wie der besonde­ren.

Die Einheit sowohl der allgemeinen wie der speziellen Of­fenbarung unter Christus ist auch aufgezeichnet worden durch den Apostel Johannes, der schreibt: „Das wahre Licht (Chri­stus), das jeden Menschen erleuchtet (durch die allgemeine Offenbarung), kam in die Welt (d. h. um auf neue Weise Men­schen zu erleuchten — spezielle Offenbarung). Und das Licht scheint in der Finsternis (der Sodom-Faktor), und die Finster­nis hat's nicht überwältigt" (Joh. 1,5, Menge-Übers.).

Kürzlich haben Wissenschaftler herausgefunden, daß selbst natürliches Licht in zwei Formen vorkommt — im Raum zerstreut und gebündelt. Zerstreutes Licht wie Tageslicht, Lampenlicht, Feuerlicht etc. tritt unter bestimmten natürli­chen Umständen ein. Gebündeltes Licht gibt es allerdings nur durch ein Lasergerät, und es ist deshalb abhängig von beson­derer, genau überlegter Vorbereitung und Anlage. Im räum‑


lich zerstreuten Licht sind Einzelphotonen (also elektroma­gnetische Teilchen) wahllos zerstreut wie Spaziergänger, die ziellos durch einen Park schlendern. Im gebündelten Licht sind diese Lichtquanten zusammengefaßt in „gebündelte" Strahlung, als wenn die „Spaziergänger" plötzlich organisiert und dichtgeschlossen wie eine Armee durch den Park mar­schieren würden! Und gebündeltes Licht kann Wunder voll­bringen, die dem im Raum zerstreuten Licht nicht möglich sind. Es kann zum Beispiel sich durch Metall hindurchbohren oder sogar bei Blinden den grauen Star herausschneiden!

So könnte die allgemeine Offenbarung vielleicht räumlich verstreute Offenbarung genannt werden, und die spezielle Of­fenbarung würde dementsprechend zur gebündelten Offenba­rung, denn sie ist so in ein System zusammengefaßt, daß sie nicht nur Erleuchtung, sondern „Gnade und Segen" bringt!

Wenn wir der speziellen Offenbarung in dem Bund mit Abraham nachforschen, dann zeigt es sich, daß der verheiße­ne gnadenvolle Segen die Erlösung durch den Messias ist. Und das Ziel dieses Segens ist: „ ... alle Völker auf Erden". Nicht jede Person auf der Erde — sonst wäre der Bund mit Ab­raham die Grundlage für eine Lehre vom allgemeinen Welt-heil!

Die Aussage „alle Völker" bedeutet Gottes Anerkennung ethnischer Unterscheidungen innerhalb unserer Menschheit. Der gleiche Gott, der die Verbreitung menschlicher Kulturen durch seinen machtvollen Eingriff in Babel verursacht hat, richtet nun seinen besonderen Segen durch Abraham auf je­des „Volk", das sich so gebildet hat. In der Tat erwähnt Mose 36 Heidenvölker namentlich. Alle spielen eine Rolle in Jah­wes Beziehungen zu Abraham.

Ja mehr noch. Gott ist so darauf bedacht, seine Verheißung zu erfüllen, Abraham zu segnen und ihn zum Segen für alle Völker zu machen, daß er sich selbst durch einen Eid bindet, um seinen Beschluß noch zu unterstreichen (vgl. 1. Mose 22, 15-18). Und der Eid umschließt sowohl die obere als auch die Schlußzeile des Bundes (vgl. besonders 1. Mose 22,18).

Vom Standpunkt semitischer Völker aus gesehen, ist ein Eid eine sehr ernste Sache. Ausführlich kommentiert wird das


wiederum vom Schreiber des Hebräer-Briefes. Er stellt fest, Gott habe so seinen ewigen Namen dafür eingesetzt, daß der Bund erfüllt werde, damit alle erkennen, daß er die Unwan­delbarkeit seiner Absicht darstelle (vgl. Hebr. 6,17).

Welches ist nun sein Vorhaben und Ziel? Zu garantieren, daß beide, sowohl die obere als auch die Schlußzeile, sich als wahr erweisen und verwirklicht werden! Abraham und seinen Samen zu segnen (was, wie wir bald sehen werden, weit mehr umfaßt, als nur die jüdische Rasse) und dann Abrahams Sa­men zum Segen für alle Völker zu machen.

Laßt uns nun die unvermeidliche Frage stellen: Zeigt die Heilige Schrift von 1. Mose 12 an, wie Jahwe seine im Eid ver­bürgten Verheißungen an Abraham zur Erfüllung bringen will — einschließlich der Schlußzeile? Oder deutet die Heilige Schrift an, daß Jahwe, nachdem er sich selbst durch seinen fei­erlichen Eid gebunden hat, sozusagen auf Nebenwege abge­lenkt wurde und sich anderen Zielen zuwendete?

Zunächst: Haben Sie je bemerkt, daß im Alten Testament sehr viel davon steht, wie die vielen Nachkommen Abrahams ein Segen für nicht-jüdische Völker waren?

Nur für den Fall, daß Sie sich über die besondere Bedeu­tung so vieler Geschichten im Alten Testament noch nicht im klaren sind, möchte ich Ihnen hier einige Beispiele geben:

1.    Abraham selbst gab Zeugnis den Kanaanitern, Phili­stern, Hethitern und — wenn auch nicht sehr erfolgreich —den Ägyptern.

2.    Joseph war ein Nachkomme Abrahams und glich den Fehler seines Ahnen durch ein klares Zeugnis bei dem ägyptischen Volk wieder aus. Joseph brachte den Ägyp­tern Segen auf eine wahrhaft erstaunliche Weise.

3.    Naemi, Nachkommin Abrahams, war ein Segen für die zwei moabitischen Frauen Ruth und Orpa.

4.    König David brachte sogar seine Feinde, die Philister, dazu, die Größe Gottes anzuerkennen.

5.    König Salomo war ein Segen für die aus Saba kommende „Königin vom Süden" (Luk. 11,31).

6.    Esther und ihr Onkel Mardochai waren ein Segen für das ganze persische Reich (vgl. Esth. 8,17).


7.              Der Prophet Elisa war ein Segen für die sidonische Witwe in Sarepta (Luk. 4, 26).

8.              Der Prophet Elisa war ein Segen für Naeman, einen Sy­rer (vgl. Luk. 4,27).

9.              Jona war ein Segen für die heidnische Bevölkerung von Ninive.

10.       Daniel und die drei jungen Hebräer waren ein Segen für die Babylonier. '

11.       Hesekiel, Jeremia und andere Propheten verkündigten das Wort des Herrn verschiedenen heidnischen Natio­nen.

Es ist klar: der Heilige Geist hat darüber gewacht, daß nur das in den Kanon des Alten Testaments einbezogen wurde, was er dazu bestimmt hatte. Aus Zehntausenden anderer Be­richte, die zweifellos auch hätten aufgenommen werden kön­nen, hat er doch solche Berichte bevorzugt, die sowohl die obere als auch die Schlußzeile illustrieren, wie sie in der Welt­geschichte gewirkt haben.

Wenden wir uns nun dem Neuen Testament zu. Finden wir, daß Gott immer noch festhält an seiner uralten Verpflich­tung der Ober- und der Schlußzeile gegenüber, oder hat er sich in der Zwischenzeit davon abgewandt?

Der Apostel Paulus jedenfalls läßt darüber nicht den ge­ringsten Zweifel aufkommen, daß das Neue Testament wirk­lich die Fortsetzung der ursprünglichen Absichten Gottes ist, die er im Bund mit Abraham offenbart hatte. Zum Beispiel betont Paulus fünfmal in nur einem Kapitel eines Briefes —dem an die Galater — die unverbrüchliche Verbindung zwi­schen dem Bund mit Abraham und dem neutestamentlichen Evangelium:

1.         „Die Schrift aber hat es vorausgesehen, daß Gott die Hei­den durch den Glauben gerecht macht. Darum verkündig­te sie dem Abraham: In dir sollen alle Heiden gesegnet werden" (Gal. 3,8).

Für Paulus hatte das Evangelium des Neuen Testaments eine bereits zweitausendjährige Verbindung mit dem Abraham-Bund. Aber da ist noch mehr.

2.         „Christus aber hat uns erlöst von dem Fluch des Gesetzes,


da er ward ein Fluch für uns... auf daß der Segen Abrahams unter die Heiden käme in Jesus Christus ..." (Gal. 3,13-14).

3.      „Nun ist die Verheißung Abraham zugesagt und seinem Nachkommen. Es heißt nicht: und den Nachkommen, als gälte es vielen, sondern es gilt einem: ,und deinem Nach­kommen', welcher ist Christus" (Gal. 3,16).

In einem ganz einzigartigen Sinn war also Jesus Christus der Same Abrahams. Paulus stellt diese besondere Benen­nung Christi als des Samens Abrahams ausdrücklich fest.

4.      Galater 3,19: „(Das Gesetz) ist hinzugekommen, ... bis der Nachkomme da sei, dem die Verheißung gilt."

5.      Aber es gibt noch eine allgemeinere Sinngebung, daß näm­lich alle, die im Glauben Christus angehören, auch „Sa­me" Abrahams sind! „Seid ihr aber Christi, so seid ihr ja Abrahams Kinder und nach der Verheißung Erben" (Gal. 3,29).

Wir Christen haben im allgemeinen die Tatsache mißach­tet, daß Paulus und andere Apostel im Abraham-Bund die Grundlage sahen für alles, wofür Christus kam, um es zu er­füllen. Jener Bund war deshalb Grundlage für ihre eigene Ar­beit und auch für ihre Schriften. Durch den Abraham-Bund (und besonders in seiner Schlußzeile) sahen sie ihr eigenes Le­ben in Gottes lange vorausgeplante geschichtliche Entwick­lung eingefügt. Und sie gebrauchten die Schlußzeile als Hauptbeweis bei ihrer Erklärung ihren Volksgenossen gegen­über, warum es für sie notwendig war, auch die Heidenvölker zu erreichen!

Nehmen Sie beispielsweise die klare Bezugnahme des Pe­trus auf die Schlußzeile in Apostelgeschichte 3,25: „Ihr seid der Propheten und des Bundes Kinder, welchen Gott gemacht hat mit euren Vätern, da er sprach zu Abraham: ,Durch dein Geschlecht sollen gesegnet werden alle Völker auf Erden.' " Von daher findet der Missionsbefehl Jesu, „Zeuge zu sein von Jerusalem bis an die Enden der Erde", seine Begründung.

Petrus verwendet diese Schlußzeile, indem er sagt: „Für euch zuvörderst hat Gott erweckt seinen Knecht Jesus und hat ihn zu euch gesandt, euch zu segnen..." (Apg. 3,26). Hier be‑


steht ein Zusammenhang mit Apostelgeschichte 3,22 (das heißt, Jesus wurde eingesetzt in seinen Dienst als Messias). Zuerst wurde er zu den Juden gesandt, um die Anfangszeile zu erfüllen. Petrus hat sich einfach auf die Anfangs- und die Schlußzeile bezogen in umgekehrter Reihenfolge.

Die Auffassung des Paulus, daß die Schlußzeile den Durch­bruch des neutestamentlichen Evangeliums in die Heidenwelt schon als Vorschattung aufzeigte, war nicht nur eine zufällige Einsicht. In Epheser 3,3 nennt Paulus das tatsächlich ein „Ge­heimnis Christi, das in den andern Zeiten den Menschenkin-dem nicht kundgetan worden ist, wie es jetzt seinen heiligen Aposteln und Propheten im Geist offenbart wurde" (Eph. 3, 4-5).

Dann deutet er seine tiefe Einsicht: Dieses Geheimnis ist, „...die Heiden (d. h. alle Völker der Schlußzeile) sollen Mit­erben sein und mit zu seinem Leibe gehören und Mitgenossen der Verheißung sein in Christus Jesus durch das Evangelium" (Eph. 3,6). Mit „Verheißung" ist der Abraham-Bund ge­meint.

In Epheser 3,9 führt Paulus weiter aus: „...ans Licht zu bringen, wie Gott seinen geheimen Ratschluß ausführt, der von Weltzeiten her verborgen war in ihm, der alle Dinge ge­schaffen hat." Dieses Geheimnis, wie Paulus es darstellt, hat zu tun mit dem, was er in Epheser 3,11 schreibt: „Diesen ewi­gen Vorsatz hat Gott ausgeführt in Christus Jesus, unsrem Herrn."

Die Worte des Paulus erinnern uns an eine Aussage im He­bräerbrief, bei der die Rede ist von „der unveränderlichen Natur seiner Absicht", die in seinem Eid im Zusammenhang mit dem Abraham-Bund bestätigt wird.

Warum nur haben Tausende von Bibellehrern und Bibel­auslegern in der ganzen Christenheit es unterlassen, diese zentrale Aussage des Abraham-Bundes mit der Anfangs- und der Schlußzeile zu beleuchten? Nachfolger Christi auf der ganzen Welt und durch die Jahrhunderte hindurch hätten zehnmal mehr missionarischen Antrieb haben können, wenn Seminarlehrer, Pastoren, Diakone u. a. dieses zentrale bibli­sche Thema verstanden und verbreitet hätten.


Der Abraham-Bund mit den vielfältigen Auswirkungen so­wohl seiner oberen als auch der unteren Zeile ist so richtig die „Wirbelsäule" der Bibel. Biblische Unterweisung, die nicht mit dieser Wirbelsäule verbunden ist, hat im Grunde kein Rückgrat, kann also nicht wirklich (be-)stehen, weil Entschei­dendes fehlt. Dadurch werden die Christen zuwenig dazu be­wegt, die empfangenen Segnungen nicht nur dem eigenen Volk, sondern allen Völkern der Erde zuteil werden zu lassen.

Wir können kaum erwarten, daß die Kirche Gottes sich mit paulinischem Eifer für die bisher noch ohne diesen Segen ge­bliebenen Völker einsetzt, wenn wir selbst versäumt haben, die Gemeinde mit dieser historischen Perspektive bekannt zu machen, die Paulus zu diesem hohen Maß an Eifer antrieb. Um eine Parallele zu gebrauchen: Hochenergiephysiker sa­gen uns, daß ein atomares Teilchen nur dann auf hohe Ener­gien beschleunigt werden kann, wenn es

1. ein geladenes Teilchen ist,

2. durch ein starkes Magnetfeld eingeschlossen ist; und

3. dieses Teilchen durch das Magnetfeld entlang eines sehr langen „Tunnels", dem Beschleuniger, geführt wird.

Entsprechend diesem Beispiel müssen wir zuallererst ein­mal ein „geladenes Teilchen" werden. Das geschieht durch unsere persönliche Hinwendung und Bekehrung zu Jesus Christus. Dann müssen wir „eingeschlossen" werden in die Kraft eines „magnetischen Umfeldes". Das ist die Kraft des Heiligen Geistes, die den Leib Christi, die Gemeinde, durch­dringt. Dieses Kraftfeld muß uns in der gleichen Richtung be­wegen mit einem sehr langen „Tunnel" — Gottes Absicht in der Geschichte! Und Gottes Absicht in der Geschichte wird durch eine Sache allein definiert: den Bund mit Abraham. Die Wichtigkeit dieses Bundes kann daher nicht hoch genug ein­geschätzt werden. Die Erkenntnis über unsern eigenen Stand­ort in jenem historischen Vorhaben ist der „Beschleuniger". Anzunehmen, daß Gott sich nicht länger darum kümmere, seine beiden Verheißungen, die er einstens Abraham gab, zu erfüllen, würde ihn der Zerstreutheit bezichtigen, so, als sei es seinem Gedächtnis irgendwie entfallen, daß er sich selbst mit einem Eid gebunden hat, diese Verheißung zu erfüllen.


Denken Sie an die Aussage im Hebräerbrief: „Es ist un­möglich, daß Gott lügt (oder vergißt)" (Hebr. 6,18).

Das also meine ich mit der „4.000jährigen Verbindung". Wenn wir uns selbst als ein Werkzeug in Gottes 4.000 Jahre al­tem Vorhaben ansehen, seinen Segen allen Völkern zuteil werden zu lassen, dann heißt das, alle Gefühle von Bedeu­tungslosigkeit, Unentschiedenheit, Zweck- und Sinnlosigkeit über Bord zu werfen. Diese lange geschichtliche Perspektive, die vom geistlichen Kraftfeld durchdrungen ist, setzt uns so­gleich in beschleunigte Bewegung hin zu der großartigsten Be­stimmung, die ein sterbliches Wesen nur finden kann

Vergewissern Sie sich zuerst nur, daß Sie ein „geladenes Teilchen" sind — ein wahrhaft an Jesus Christus Glaubender. Andernfalls wird das Kraftfeld und der „Beschleuniger" kei­ne Wirkung auf Sie haben. Sie werden einfach stehen bleiben, wo Sie gerade sind.

Unzählige Millionen Christen haben Hunderttausenden von Predigern zugehört, die Hunderttausende von Predigten über die Hymnen der Offenbarung gehalten haben und die überwältigenden Lobgesänge himmlischer Wesen um den Thron Gottes zugrundelegten, die das große Zusammentref­fen aller Erlösten im Himmel feiern. Das berichtet die Offen­barung des Johannes, das letzte Buch der Bibel. Aber nur ganz wenige jener Prediger und ihrer Zuhörer scheinen ver­standen zu haben, was Johannes uns wirklich sagen wollte, als er etwa die 24 Ältesten zitierte, die in einer jener Hymnen sin­gen: „... Du (Lamm Gottes) bist würdig, zu nehmen das Buch und aufzutun seine Siegel; denn du bist geschlachtet und hast mit deinem Blut für Gott erkauft Menschen aus allen Ge­schlechtern und Sprachen und Völkern und Nationen und hast sie unserm Gott zu Königen und Priestern gemacht, und sie werden herrschen auf Erden" (Offb. 5,9-10).

Und als Johannes seine atemraubende Schau beschrieb von einer „großen Schar, welche niemand zählen konnte, aus allen Nationen und Stämmen und Völkern und Sprachen, vor dem Thron stehend und vor dem Lamm" (Offb. 7,9), was teil­te er uns wirklich mit?

Und ebenso, als er durch einen Engel angewiesen wurde:


„Du mußt abermals weissagen von Völkern und Nationen und Sprachen und vielen Königen” (Offb. 10,11), welche Be­deutung erkennen Sie daraus?

Und was kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie Offenbarung 11,9 lesen: „Und es werden Leute aus den Völkern und Ge­schlechtern und Sprachen und Nationen..." das Wunder der zwei Zeugen beobachten? Und wenn er sagt, daß das Tier (Antichrist) Macht erhält über alle Geschlechter und Völker und Sprachen und Nationen (vgl. Offb. 13,7)?

Was versteht man bei seiner Beschreibung eines weiteren Engels, der verkündigt: „ ...ein ewiges Evangelium... denen, die auf Erden wohnen, und allen Nationen und Geschlechtern und Sprachen und Völkern" (Offb. 14,6)?

Ganz gewiß beschreibt Johannes hier nicht nur den Abschluß der Menschheitsgeschichte, sondern den Abschluß von Gottes besonderer Absicht in der Geschichte, alle Völker auf Erden durch Abrahams Samen zu segnen — Jesus Christus! Johannes hätte diese ganzen Szenen sehr leicht mit einem einzigen griechi­schen Hauptwort für „Menschheit" beschreiben können. Statt dessen durchwühlt er das ganze Vokabular der griechischen Sprache nach jedem verfügbaren Hauptwort zur Bezeichnung der ethnischen Unterteilungen der Menschheit, die Gottes ur­sprüngliche Zielbestimmung für den abrahamitischen „Segen" waren. Mit anderen Worten: Johannes sagt uns durch solche Weissagungen, daß Gott seinen ehemaligen Vorsatz bis zum tat­sächlichen Ende hin verfolgt. Dann erst wird er frei sein von der Verpflichtung, die er sich selbst auferlegt hatte durch jenen alten Eid. Denn es ist die „unveränderbare Art seines Vorhabens"!

Jetzt zu einer sehr spannenden Frage: Die Apostel zeigen volle Aufmerksamkeit für das Zentrale im Abraham-Bund und bringen es in ihren Schriften zum Ausdruck. Aber wie ist es mit Jesus Christus selbst? Offenbaren die Evangelien etwas darüber, daß Jesus selbst diesen Bund grundlegend für seinen Dienst ansah?

Wenn, nach allem, was ich zu diesem Thema gesagt habe, sich herausstellt, daß unser Herr selbst den Anschein erweckt, als verdiene die Verpflichtung, die sich auf die Schlußzeile be­zieht, keinerlei Aufmerksamkeit, und auf diese Weise die


„Alle-Völker-Perspektive” nicht unterstreicht, dann wäre der entscheidende Kernpunkt dieses Buches verfehlt.

Anmerkungen:

1) Eine ganz ähnliche Liste findet sich für afrikanische Urzeit­mythen bei H. Baumann, S. 242 f., vgl. Damann, S. 87 ff.

2) Zur Autorschaft des Mose: P. J. Wiseman: Die Entstehung der Genesis; S. Külling, a. a. 0.; W. Möller, Grundriß der alt­testamentlichen Einleitung (Berlin 1958).


Kapitel 5

Ein Mann für alle Völker

„Abraham, euer Vater, war froh, daß er meinen Tag sehen sollte, und er sah ihn und freute sich" (Joh. 8,56).

Jedesmal, wenn ich diesen Satz lese, kann ich fast Vater Abrahams patriarchalisches leises Lachen hören, das durch die Jahrhunderte weiterklingt. Aber wer hat diesen Satz ge­sprochen? Wessen „Tag" ist das, der Abraham mit Vorfreude erfüllte?

Der Sprecher war Jesus von Nazareth, ein Nachkomme Abrahams, der 1.900 Jahre nach Abrahams Zeit geboren wur­de. Die Juden waren ungläubig bestürzt von einem so er­schreckenden Anspruch und erhoben Einspruch: „... Du bist noch nicht fünfzig Jahre alt und hast Abraham gesehen?" (Joh. 8,57).

Seine zweite noch kühnere Erwiderung brachte sie noch viel mehr aus der Fassung: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ehe denn Abraham ward, bin ich!" (Vers 58).

Ich bin war ein anderer jüdischer Name für Jahwe!

Die wie vom Donner gerührten Juden hoben Steine auf, um ihn zu steinigen, aber Jesus verbarg sich und ging zum Tempel hinaus (vgl. Vers 59). Nicht viele Monate später heißt es von dem gleichen Jesus: „Und er trug sein Kreuz und ging hinaus zur Stätte, die da heißt Schädelstätte, welche heißt auf hebräisch Golgatha. Allda kreuzigten sie ihn" (Joh. 19,17­18).

Wo war Golgatha — die Schädelstätte — gelegen? Gerade außerhalb der Stadtmauer von Jerusalem und höchstens etwa 1.400 Meter von der Bergspitze entfernt. Das war der Ort, auf dem König Salomo Jahrhunderte zuvor den ersten jüdischen Tempel errichtete, vermutlich im Gedenken an Abraham, der dort seinen Sohn Isaak opfern sollte (vgl. 1. Mose 22,1-19). Es war der Ort, wo Jahwe sich durch seinen eigenen Eid festleg­te, beide im Abraham-Bund liegenden Linien zu erfüllen.


Beachten Sie aber auch, daß das Buch Genesis nicht be­richtet, Abraham habe Isaak oben auf dem Berg Morija, son­dern „in der Gegend von Morija" opfern sollen. Klar, wenn Abraham genau auf der Spitze des Berges Morija gestanden hätte (was in jenen Tagen deutlicher erkennbar war als heu­te), wäre es leichter gewesen, den Ort genau zu beschreiben.

Kleinere Vorsprünge oder Hügelketten unterhalb des Hauptgipfels wären nicht so leicht zu benennen gewesen. Aber wenn das Ereignis viel mehr als 1.400 Meter vom Berg Morija entfernt stattgefunden hätte, dann hätte man den Ort wahrscheinlich eher mit andern nahegelegenen und stärker ins Auge fallenden Gipfeln in Verbindung gebracht.

Deshalb ist es möglich, daß Golgatha genau der Ort war, an dem auch Isaaks schwere Prüfung stattfand Wenn Jahwe tatsächlich die Absicht hatte, daß Jesus seinen Todeskampf genau an dieser Stelle erleiden sollte, dann war es grundle­gend wichtig, daß die jüdischen Geschichtsschreiber keine so genaue Ortsangabe hatten; denn andernfalls wären Gedenk­stätten hier errichtet worden, so daß es für die römischen Sol­daten unmöglich gewesen wäre, gerade diesen Platz für die Kreuzigung Jesu zu benutzen.

Auf jeden Fall wurde ein Nachkomme Abrahams mit Na­men Jesus, obwohl er sich kein Verbrechen hatte zuschulden kommen lassen, zum Sterben an das Holz genagelt, das er selbst zu seiner Todesstätte zu tragen hatte. Auch Isaak, der keine Schuld an einem Verbrechen hatte, trug das Holz zu sei­ner Opferstätte, auf das er gelegt wurde. Doch blieb ihm die­ser Tod erspart, da Gott rechtzeitig eingriff. Der Opferplatz war in beiden Fällen annähernd, wenn nicht genau der glei­che.

Viele andere Parallelen zwischen Isaak und Jesus könnte man aufführen, aber die wichtigste von allen ist die: Das ganze Leben Jesu, sein Tod und seine Auferstehung, alles war un­auflösbar mit der uralten Verheißung Jahwes verbunden, den „Segen Abrahams" allen Völkern auf der Erde weiterzuge­ben.

Als ob er diese Tatsache unterstreichen wollte, geht Mat­thäus, einer der Chronisten des Lebens Jesu, sehr exakt vor,


indem er die ganzen Vorfahren des Herrn aufzählt: 42 unun­terbrochene Generationen zurück bis zu Abraham selbst! Je­su leibliche Herkunft war jedoch rein als Grundlage gedacht. Millionen von Juden aller Zeiten könnten ihre Vorfahren bis auf Abraham zurückführen. Jesu eigene Mutter, Maria, rief in ihrem wunderbaren Lobgesang aus, daß Jahwe durch die Ankunft Jesu noch weitaus mehr gesandt hat als nur einen weiteren biblischen Nachkommen Abrahams. Diese Ankunft war ein Zeichen dafür, daß Jahwe, um es mit Marias Worten zu sagen, „... denkt der Barmherzigkeit und hilft seinem Die­ner Israel auf, wie er geredet hat zu unsern Vätern, Abraham und seinen Kindern ewiglich" (Luk. 1,54-55).

Auch der Onkel Jesu, Zacharias, nannte das Kommen Jesu als Beweis, daß Jahwe sich erinnert hat an „seinen heiligen Bund und an den Eid, den er geschworen hat unserm Vater Abraham". Und Zacharias steigerte die Erwartung noch mehr, indem er fortfuhr: „... durch die herzliche Barmherzig­keit unsers Gottes, durch welche uns besucht hat der Aufgang aus der Höhe, auf daß er erscheine denen, die da sitzen in Fin­sternis und Schatten des Todes" (Luk. 1,72.73.78.79).

Hinweise auf Menschen, „die da sitzen in Finsternis und im Schatten des Todes", wurden allgemein von den Juden als die Heiden betreffend verstanden (vgl. Matth. 4, 15-16). Wir kommen der Schlußzeile der Abraham-Verheißung nun nä­her! Endlich ...

Der alte Simeon, ein tief frommer Jude, der Joseph, Maria und das Jesuskind im Tempel in Jerusalem traf, drückte seine Schau jenes Fernzieles der Ankunft des Messias in großer Be­redsamkeit aus und sprach zu Jahwe: „Denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen, welchen du bereitet hast vor allen Völkern, ein Licht, zu erleuchten die Heiden, und zum Preis deines Volkes Israel" (Luk. 2,30-32).

Ebenso zitierte der Vorläufer Jesu, Johannes der Täufer, immer wieder Jesaja 40,3-5 als Rechtfertigung für seinen Dienst, „dem Herrn den Weg" und „eine ebene Bahn unse­rem Gott" zu bereiten. Mit welcher Zielsetzung? Damit die ganze Menschheit das Heil Gottes erkennen soll! (Vgl. Luk. 3,4.6.)


Die Tragweite der Worte des Johannes war für manche Ju­den ein Ärgernis; denn sie als Gottes auserwähltes Volk wa­ren schuld daran, daß sie die Wege „krumm" machten und so den Rest der Menschheit von der Erkenntnis dieses Heiles Gottes fernhielten, das Gott Abraham schon für alle Men­schen verheißen hatte.

Einige Juden sträubten sich offensichtlich voller Groll da­gegen, weil sie es nicht richtig fanden, daß man solche Ankla­gen gegen die „Kinder Abrahams" vorbrachte. Aber die Ant­wort des Johannes darauf, Abraham als Entschuldigung für ihre Trägheit anzuführen, war schnell und scharf: „Seht zu, tut rechtschaffene Früchte der Buße; und nehmet euch nicht vor zu sagen: Wir haben Abraham zum Vater. Denn ich sage euch: Gott kann dem Abraham aus diesen Steinen Kinder er­wecken. Es ist schon die Axt den Bäumen an die Wurzel ge­legt; welcher Baum nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und in das Feuer geworfen" (Luk. 3,8-9).

Mit diesen Worten wies Johannes der Täufer hin auf das Neue, das Jahwe durch Jesus zu tun gedachte: eine neue Art Nachkommenschaft Abrahams hervorzurufen aus dem rau­hen „Steinhaufen" der Heidenwelt. Diese Herausgerufenen sollten „lebendige Steine" im geistlichen Tempel Gottes wer­den. Und diesmal würde Gottes Grundlage für die Auswahl nicht nur die leibliche Abstammung sein, sondern göttlich ge­wirkte Buße und Glaube.

„Ein Licht zur Erleuchtung der Heiden!" Eine „Sonne", die aufgehen sollte über „das Volk, das sitzt in Finsternis und im Schatten des Todes!" Ein Bringer des „Heils... bereitet für alle Völker!" Alle Hinweise waren unmißverständlich: Jesus war dazu bestimmt, nicht nur der Messias aller Zeiten für die Juden zu sein, sondern auch ein Mann für alle Völker, das Licht sogar für die Heidenwelt!

Wie richtig also, daß Jesus selbst etwas heidnisches Blut in sich trug, und zwar Blut, auf das jeder Jude mit Recht stolz wäre! Rahab, die Hure von Jericho, die den hebräischen Spio­nen Schutz und Unterkunft gewährte kurz vor dem berühm­ten Fall jener alten Stadt, heiratete einen Hebräer namens Salma, und mit ihm gehört sie in die Abstammungslinie Jesu


Christi (vgl. Matth. 1,5). Ebenso Ruth, eine Frau aus einer verachteten heidnischen Gegend, Moab genannt, heiratete den Sohn von Salma und Rahab, Boas, und wurde auf diese Weise auch eine „Mutter" Jesu (Vers 5).

Außer Maria, der Mutter Jesu, werden nur drei Frauen na­mentlich in den von den Männern beherrschten Geschlechts­registern in Matthäus 1 und Lukas 3 aufgezählt. Und alle drei, die zur Abstammungslinie des Messias gehören, sind aus­schließlich heidnische Frauen, Rahab, Ruth, Tamar.

Wie paßte es da auch hinein, daß Gott den Erlaß eines heidnischen Herrschers, des Kaisers Augustus, gebrauchte, damit Jesus in Behtlehem geboren werden konnte, der Stadt Davids, so daß eine alttestamentliche Voraussage des Prophe­ten Micha in Erfüllung gehen konnte (vgl. Micha 5,2). Wie richtig ebenfalls, daß offensichtlich nicht-jüdische Weise aus dem Mittleren Osten unter den ersten waren, die die Geburt Jesu feierten (vgl. Matth. 2,1), und daß Jesus vor dem Zorn des unbarmherzigen, gnadenlosen Königs Herodes in Ägyp­ten Zuflucht fand — im heidnischen Ägypten (vgl. Matth. 2,14)!

Schließlich ist noch zu bemerket:, daß Jesus seinen öffentli­chen Dienst in einem überwiegend heidnischen Gebiet von Galiläa begann! Gerade in diesem Gebiet, das auch „Deka­polis" (Zehn Städte) genannt wurde, lebten so viele Heiden, daß die Juden ganz sicher waren, aus Galiläa werde ganz ge­wiß kein Prophet auftreten. Und Galiläa grenzte auch an das verachtete Samaria mit seiner gemischtrassischen Bevölke­rung! Das Gebiet von Galiläa wurde wirklich nicht als erst­klassig betrachtet. Und gerade diesem Gebiet von Galiläa er­wies Jesu besondere Ehre durch seine ersten öffentlichen Pre­digten!

Matthäus, einer der Jünger Jesu, berichtete diese Tatsache als Erfüllung der Aussage des Propheten Jesaja über das „Ga­liläa der Heiden": „... Das Volk, das in Finsternis saß, hat ein großes Licht gesehen; und die da saßen am Ort und Schatten des Todes, denen ist ein Licht aufgegangen" (Matth. 4,15-16, vgl. auch Jesaja 9,1-2).

„Und es folgte ihm nach viel Volks aus Galiläa, aus den


Zehn Städten, von Jerusalem, aus dem jüdischen Lande und von jenseits des Jordan" (Matth. 4,25), berichtete Matthäus, um geschichtskundigen Leuten klarzumachen, daß Heiden dort gewesen sein müssen.

Die Würfel waren gefallen! Trotz des starken Drucks und der Kritik (selbst aus den Reihen der eigenen Jünger) tat Jesus seinen Dienst getreu seiner von Anfang an offenen Art und Weise: ein Mann für alle Völker zu sein. Seine Augen, seine Ohren, seine Hände und sein Herz würden allezeit Heiden und Samaritern gegenüber genauso aufmerksam sein wie den Juden gegenüber. Und er erwartete, daß seine Jünger von sei­nem Beispiel lernen sollten!

Millionen Christen wissen natürlich, daß Jesus am Ende seines Dienstes seinen Jüngern den Befehl gab: „Darum ge­het hin und machet zu Jüngern alle Völker ..." (Matth. 28,19). Respektvoll ehren wir diesen seinen letzten und un­glaublichen Befehl mit einem erhabenen Titel: „Der große Auftrag". Und dennoch glauben Millionen von uns tief ver­borgen in ihrem Herzen — wenn unsere Taten ein genaues Barometer für unseren Glauben sind (und die Schrift sagt, daß es so ist) —, daß Jesus eigentlich diesen ehrfurchtgebieten­den Befehl ausgesprochen hat, ohne seine Jünger ausreichend vorgewarnt zu haben.

Wenn Sie die vier Evangelien flüchtig durchlesen, könnten Sie den Eindruck gewinnen, als sei der große Missionsbefehl nur noch so ein Anhängsel an Jesu gesamtes Lehren. Wie Dr. Winter ausführte, ist es fast so, als wenn unser Herr, nachdem er alles, was ihm wirklich am Herzen lag, weitergegeben hat­te, zum Schluß noch mit den Fingern geschnippt und ergänzt hätte: „0 übrigens, ihr Männer, da ist noch etwas. Ich möch­te, daß Ihr alle diese Botschaft jedermann auf der ganzen Welt weitersagt, ungeachtet seiner Sprache und Kultur. Das gilt natürlich nur, wenn ihr Zeit habt und euch danach fühlt."

Hat Jesus wirklich den Missionsbefehl auf diese Weise oh­ne jede vorbereitende Hilfe gegeben? Trug er ihnen diese wichtige Anordnung so in allerletzter Minute zwischen Tür und Angel auf, ohne sie vorher darauf hingewiesen zu haben? Fuhr er gen Himmel, ohne ihnen Gelegenheit gegeben zu ha‑


ben, mit ihm darüber zu reden? Versäumte er es, ihnen deut­lich zu zeigen, wie sie diesen Befehl erfüllen könnten?

Wie oft lesen wir Christen die vier Evangelien, ohne zu ent­decken, daß Gott reichliche Beweise für eine ganz entgegen­gesetzte Schlußfolgerung gibt!

Sehen wir zum Beispiel, wie barmherzig Jesus die folgen­den Begegnungen mit Heiden und Samaritern ausnutzte, um seinen Jüngern zu helfen, fremde Kulturen zu verstehen. Da ist die Begebenheit mit dem römischen Hauptmann zu Kaper­naum (Luk. 7,1-10). Er, ein Heide, kam zu Jesus mit der Bit­te, seinem gelähmten Knecht zu helfen. Juden baten damals Jesus, dem Hauptmann die Bitte zu erfüllen, denn „er ver­dient es ..., denn er hat unser Volk lieb, und er ist es, der uns die Synagoge gebaut hat".

In der Tat, Mauern und Pfeiler einer Synagoge, die wahr­scheinlich von diesem Hauptmann gebaut worden war, stehen heute nach zweitausend Jahren noch in der Nähe des Nord­strandes des Galiläischen Sees. Aber beachten Sie die Trag­weite der Begründung der Juden. Im Grunde sagten sie, wenn der Hauptmann ihnen nicht mit der Synagoge geholfen hätte, dann sollte Jesus auch ihm und seinem kranken Diener nicht helfen. Wie stammesegoistisch sie dachten! Kein Wunder, daß Jesus sich des gelegentlichen Seufzens nicht enthalten konnte! „0 du ungläubiges und verkehrtes Geschlecht, wie lange soll ich euch dulden?" (Matth. 17,17).

Jesus antwortete dem Hauptmann: „Ich will kommen und ihn heilen." In diesem Augenblick sagte der Hauptmann et­was völlig Unerwartetes: „Herr, ich bin nicht wert, daß du un­ter mein Dach gehst, sondern sprich nur ein Wort, so wird mein Knecht gesund. Denn auch ich bin ein Mensch, der Ob­rigkeit untertan, und habe unter mir Kriegsknechte; und wenn ich sage zu einem: Gehe hin! so geht er; und zum an­dern: Komm her! so kommt er ... Da das Jesus hörte, verwun­derte er sich ..." , schrieb Matthäus (Matth. 8,8ff.).

Was war da so erstaunlich? Ganz einfach dies: Die militäri­sche Erfahrung des Hauptmanns hatte ihn etwas über Autori­tät gelehrt. Wie Wasser immer bergab fließt, so fließt Autori­tät immer stufenweise hinunter, also in einer Befehlsstaffe‑


lung. Wer sich also einer höheren Autorität unterordnet, darf dann selbst Autorität denen gegenüber ausüben, die ihm un­terstellt sind. Jesus, so hatte der Hauptmann bemerkt, lebte in vollkommenem Gehorsam gegen Gott; deshalb mußte Jesus auch vollkommene Autorität über alles haben, was unter ihm stand, nämlich über den Kosmos als riesigster Staffelung von allem! Infolgedessen mußte Jesus unfehlbar imstande sein, die Kleinigkeit einer Heilung des kranken Dieners zu befeh­len!

„Ich sage euch die Wahrheit", rief Jesus aus, „solchen Glauben habe ich in Israel nicht gefunden!" Wie bei vielen an­deren Gelegenheiten, so erklärte Jesus auch hier seinen Jün­gern, daß die Heiden die gleiche Fähigkeit zu glauben haben wie die Juden! Und sie sind der Gnade Gottes ebenso wert wie die Juden!

Jesus verstärkt und erweitert seine Aussage noch und fährt fort: „... Viele werden kommen vom Osten und vom Westen (Lukas, ein Chronist aus den Heiden, fügt in seinem Parallel­bericht noch hinzu• und vom Norden und vom Süden), und mit Abraham und Isaak und Jakob im Himmelreich sitzen; aber die Kinder des Reichs (das konnten nur die Juden als Gottes auserwähltes Volk sein) werden ausgestoßen in die Finsternis hinaus; da wird sein Heulen und Zähneklappern" (Matth. 8,7-12; Luk. 7,9; 13,28-29).

Feste sind zum Feiern gedacht. Wozu, denken Sie, wird das zukünftige Fest, an dem Abraham und eine Schar von Heiden teilnehmen werden, gefeiert werden?

Andeutungen des großen Befehls, die folgen, könnten kaum klarer sein. Warten Sie, denn da steckt noch mehr drin!

Später bat eine kanaanäische Frau aus der Gegend von Ty­rus und Sidon um Barmherzigkeit für ihre von Dämonen be­sessene Tochter.

Zuerst tat Jesus so, als sei es ihm völlig gleichgültig. Seine Jünger waren zweifellos froh, daß ihr Herr einer lästigen Hei­din die kalte Schulter zeigte, und pflichteten dem sofort bei, was sie für seine wahren Empfindungen hielten: „Schick sie weg", drängten sie ihn, „sie schreit ja hinter uns her" (vgl. Matth. 15,21-28).


Wenig verstanden sie, was Jesus sie lehren wollte. „Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt", sagte er zu der Frau. Nach scheinbarer Gefühllosigkeit zeigte Jesus nun auch noch scheinbare Unlogik. Schließlich hatte er ja schon viele Heiden geheilt. Warum wollte er denn dieser ei­nen Frau nicht helfen? Man kann sich vorstellen, wie die Jün­ger grimmig nickten — sie ahnten immer noch nichts! Ohne sich abschrecken zu lassen, kniete die Frau vor Jesus nieder und flehte: „Herr, hilf mir!" — „Es ist nicht recht, den Kin­dern das Brot zu nehmen" — der Ausdruck für Gottes Segen über Israel, der Anfangszeile entsprechend. Dann fügte er das Verblüffende hinzu: „... und werfe es den Hunden hin." Hunde war der ständige jüdische Ausdruck, den die Juden für Heiden benützten, besonders für die Heiden, die versuchten, in die jüdischen religiösen Privatsphären und Vorrechte ein­zudringen. In anderen Worten ergänzt Jesus jetzt seine frühe­re „Gleichgültigkeit" und „Unlogik" mit einer noch schlim­meren „Grausamkeit". Beachten Sie, daß diese zwei Feststel­lungen in direktem Widerspruch stehen zur Schlußzeile des Abraham-Bundes.

Sagte das hier wirklich der Heiland der Welt? Ohne Zwei­fel fanden die Jünger Jesu Aussagen sehr passend für diese Gelegenheit. Aber als ihnen gerade vor Rassenstolz die Brust schwoll, mag die kanaanäische Frau ein Zwinkern in Jesu Au­gen entdeckt und die Wahrheit erkannt haben!

„Ja, Herr", antwortete sie ganz demütig, um nicht zu sa­gen scharfsinnig, „aber doch essen die Hunde die Brosamen, die von ihrer Herren Tisch fallen" (vgl. auch Mark. 7,26-30).

„Frau, dein Glaube ist groß", freute sich Jesus. „Deine Bitte sei dir gewährt!" Nein, Jesus war nicht wankelmütig! Das hatte er von Anfang an vorgehabt. Unmittelbar vor die­sem Geschehen hatte Jesus seinen Jüngern den Unterschied zwischen wirklicher und nur sinnbildlicher Unreinheit klarge­macht. Mit diesem Beispiel wollte er seine Erklärungen unter­mauern.

„Und ihre Tochter ward gesund zu derselben Stunde", be­richtet Matthäus in Kapitel 15, Vers 28.

Als Jesus bei einer späteren Gelegenheit mit seiner Gruppe


in ein bestimmtes samaritanisches Dorf kam, lehnten die Sa­mariter es ab, ihn aufzunehmen. Jakobus und Johannes, de­nen Jesus wegen ihres feurigen Temperaments den Spitzna­men „Donnersöhne" gab, waren darüber empört und sagten: „Herr, willst du, daß wir Feuer vom Himmel fallen lassen, um sie zu verzehren?" (Und man meint fast zu hören, wie sie wü­tend mit den Füßen stampfen.)

Jesus wandte sich um und wies Jakobus und Johannes zu­recht. Einige alte Manuskripte fügen noch seine Bemerkung hinzu- „Ihr wißt nicht, welches Geistes Kinder ihr seid; denn des Menschen Sohn ist nicht gekommen, das Leben der Men­schen zu verderben, sondern zu erhalten" (Luk. 9,51-55).

Mit diesen Worten bezeichnete Jesus sich selbst als Hei­land, auch für die Samariter!

Noch später heilte Jesus zehn Aussätzige entlang der Gren­ze zwischen Samaria und Galiläa. Neun von ihnen eilten da­von, um ihre Heilung voller Freude auszukosten. Der zehnte kam allein zurück zu Jesus und „pries Gott mit lauter Stim­me". Dieser soeben geheilte, gereinigte Mann fiel Jesus zu Füßen und dankte ihm.

Lukas fügt betont hinzu: „Und dieser war ein Samariter!"

Wieder war es Jesus wichtig, daß seinen Jüngern die Be­deutung der Begegnung der zwei Kulturen nicht entging. Er fragte: „Sind nicht alle geheilt worden? Wo sind denn die neun? War niemand da, der zurückkehrte, um Gott die Ehre zu geben, als nur dieser Fremde?" (vgl. Luk. 17,11-19).

Jesu Vorliebe dafür, Nicht-Juden als Beispiele für Gerech­tigkeit den Juden vorzuhalten — die ja eigentlich unter allen Völkern für führend im Blick auf Gerechtigkeit gehalten wur­den —, wird im Gleichnis vom Barmherzigen Samariter auf noch dramatischere Art illustriert. Sie wird einem kritischen, selbstgerechten Experten jüdischen Rechts gegenüber er­zählt, der gefragt hatte: „Wer ist denn mein Nächster?"

„... Es war ein Mensch, der ging von Jerusalem hinab nach Jericho und fiel unter die Räuber; die zogen ihn aus und schlu­gen ihn und gingen davon und ließen ihn halbtot liegen. Es be­gab sich aber von ungefähr, daß ein Priester dieselbe Straße hinabzog; und da er ihn sah, ging er vorüber. Desgleichen


auch ein Levit ... Ein Samariter aber reiste und kam dahin; und da er ihn sah, jammerte ihn sein, ging zu ihm, goß Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie ihm und hob ihn auf sein Tier und führte ihn in eine Herberge und pflegte sein" (Luk. 10,30-34).

Wenn Jesus solche Geschichten erzählte, konnte er kaum damit rechnen, das Wohlgefallen seiner Landsleute zu finden! Unzählige Menschen durch die Jahrhunderte hindurch haben tatsächlich Jesu strikte Weigerung, sich politischem Opportu­nismus zu beugen, als eines der sichersten Zeichen für seine Sündlosigkeit angesehen! Mohammed dagegen (ich werde in einem späteren Buch darüber berichten) versagte bei solcher Probe vollständig.

Hier ist ein weiteres Beispiel, wie Jesus gegen den Strom allgemeiner Vorurteile in seiner Zeit anging. „Er mußte aber durch Samaria gehen", so lesen wir in einem Bericht im Jo­hannes-Evangelium. „Da kam er in eine Stadt Samariens, die hieß Sychar ... Es war aber daselbst Jakobs Brunnen. Je­sus ... setzte sich an den Brunnen ... Da kommt eine Frau aus Samaria, Wasser zu schöpfen. Jesus spricht zu ihr: Gib mir zu trinken. ... Spricht nun die samaritische Frau zu ihm: Wie bit­test du von mir zu trinken, der du ein Jude bist, und ich ein sa­maritisch Weib?" (Joh. 4,4-9).

Von diesem scheinbar aussichtslosen Anfang aus beginnt Jesus nun, den Panzer des Widerstands gegen alles Jüdische bei der Samaritern zu durchstoßen. Er bringt es sogar fertig, ihr zu sagen: „Das Heil kommt von den Juden", ohne daß sie sich dagegen empört. Die Samariterin glaubt ihm. Völlig au­ßer sich vor Begeisterung ließ sie ihren Krug stehen, verließ den Brunnen, eilte nach Sychar zurück, brachte die Leute dort in Bewegung und führte sie in Massen zu Jesus!

In der Zwischenzeit waren die Jünger Jesu von Einkäufen zurückgekehrt und ganz schockiert über die Tatsache, ihren Meister im Gespräch mit einer Frau — noch dazu mit einer Sa­maritern — zu sehen! Das war unfaßbar für die Jünger, die sich bemüht hatten, in Sychar alles nur „rein geschäftlich" abzu­wickeln, und das sogar mit den Männern, denn, schreibt Jo­hannes, „Juden verkehren nicht mit Samaritern".


Doch die Jünger zögerten, Jesus zu kritisieren. Sie runzel­ten nur die Stirn und baten Jesus, etwas zu essen.

„Ich habe eine Speise zu essen, von der ihr nicht wisset", sagte Jesus daraufhin. Sie verstanden nicht, was er damit meinte. Während sie noch darüber nachdachten, kam die Sa­mariterin wieder zurück und brachte eine ganze Gruppe Landsleute aus Sychar mit. Jesus nickte ihnen zu und fuhr fort: „Meine Speise ist die, daß ich tue den Willen des, der mich gesandt hat, und vollende sein Werk" (Joh. 4,4-34).

Und was ist der Wille und das Werk Jahwes? Die Abraham gegebene Verheißung zu erfüllen — einschließlich der Schluß­zeile über alle Völker auf Erden, die durch die Nachkommen Abrahams gesegnet werden sollen! Und als Jesus die Menge der Samariter auf sich zukommen sah, die an ihn glaubten, da wußte er, daß die Erfüllung der göttlichen Verheißung an Abraham ein Schritt näher gerückt war. Ein weiteres Volk war im Begriff hereinzukommen!

Das Wandern der Leute durch die reifenden Felder erin­nerte Jesus an ein Erntefeld. So sagte er zu seinen Jüngern: „Hebet eure Augen auf und sehet in das Feld, denn es ist weiß zur Ernte" (Vers 5). Die Samariter? Weizen für Gottes Ern­te? Viele Juden würden gespottet haben: Unkraut vielleicht, aber nicht Weizen! Doch in den Augen Jesu, des Mannes für alle Völker, konnten die Samariter reifer Weizen sein!

Eines Tages machte Jesus unglaublich herausfordernde Aussagen. Er behauptete, drei heidnischen Städten — Tyrus, Sidon und sogar dem übel beleumundeten Sodom — werde es am Tage des Gerichtes Gottes besser ergehen als den drei jü­dischen Städten Chorazin, Bethsaida und Kapernaum! War­um? Weil die heidnischen Städte, hätten sie Jesu Wunderta­ten in Galiläa gesehen, längst „Buße getan hätten in Sack und Asche" (Luk. 10,13).

Ebenso warnte Jesus die Juden seinerzeit mit folgenden Worten: „Die Leute von Ninive werden auftreten beim Ge­richt mit diesem Geschlecht und werden es verdammen; denn sie taten Buße nach der Predigt des Jona. Und siehe, hier ist mehr als Jona. Die Königin vom Süden wird auftreten beim Gericht mit diesem Geschlecht und wird es verdammen, denn


sie kam vom Ende der Erde, Salomos Weisheit zu hören. Und siehe, hier ist mehr als Salomo" (Matth. 12,41-42).

Lukas berichtet als Chronist, wie leidenschaftlich die Ju­den damals diese besondere Art des Vergleichs ablehnten.

Die Leute in Nazareth, der Heimatstadt Jesu, hatten er­staunliche Berichte über einzelne Wunder Jesu gehört, die er an anderen Orten wirkte. Wir können sicher sein, daß jeder Nazarener erwartungsvoll auf Zehenspitzen stand, als Jesus schließlich nach Nazareth kam —zum erstenmal, seit er begon­nen hatte, öffentlich Wunder zu tun. Wenn er Fremden ge­genüber schon so Ungewöhnliches tat, was würde er dann erst bei seinen eigenen Leuten vollbringen!

Die Leute redeten davon, er sei so voller Wundertaten, daß er sogar ein paar davon an Heiden und Samariter ver­schwenden könne! Aber er werde sich Mühe geben müssen, um so etwas unter den eigenen Leuten wieder wettzumachen! Lukas erzählt uns, was geschah.

„Und er kam nach Nazareth, wo er erzogen war, und ging in die Synagoge nach seiner Gewohnheit am Sabbattage und stand auf und wollte lesen. Da ward ihm das Buch des Prophe­ten Jesaja gereicht. Und da er das Buch auftat, fand er die Stelle, da geschrieben steht: Der Geist des Herrn ist bei mir, darum weil er mich gesalbt hat, zu verkündigen das Evange­lium den Armen."

Man kann sich gut vorstellen, wie Jesus das Wort „Arme" betonte und sich dann in seinem Zuhörerkreis umschaute, der glaubte, Anspruch auf besondere Vorrechte zu haben. Er las weiter: „Er hat mich gesandt, den Gefangenen Befreiung zu verkündigen ..." Sprach er das Wort „Gefangener" so aus, daß es plötzlich bedeutungsvoller klang als nur „Galgenvö­gel"? — „... den Blinden das Augenlicht wiederzugeben, die Zerschlagenen zu befreien ... ein Gnadenjahr des Herrn zu verkündigen!" (Luk. 4,14-19; vgl. auch Jes. 61,1-2).

Während sich diese inhaltsschweren Worte des Propheten Jesaja auf seine Zuhörer legten, heißt es von Jesus: „Und als er das Buch zutat, gab er's dem Diener und setzte sich. Und al­ler Augen in der Synagoge sahen auf ihn. Und er fing an, zu sagen zu ihnen: Heute ist dies Wort der Schrift erfüllt vor eu‑


ren Ohren. Und sie gaben alle Zeugnis von ihm und wunder­ten sich, daß solche Worte der Gnade aus seinem Munde gin­gen .." (Luk. 4,20-22).

Das geschah aber natürlich, weil sie noch nicht wirklich verstanden hatten, warum er gerade diese Stelle aus Jesaja ge­lesen hatte. Es war ihnen auch gleichgültig. Sie waren so er­picht darauf, ihn Wunder tun zu sehen, daß sie sich kaum für die tiefere Bedeutung seiner Rede interessierten. Seine Wor­te waren doch nur so etwas wie ein Vorspiel für seine Wunder, oder etwa nicht? Natürlich! Wunder mußten die Hauptsache des Tages sein!

„Und er sprach zu ihnen: Ihr werdet freilich zu mir sagen dies Sprichwort: Arzt, hilf dir selber! Denn wie große Dinge haben wir gehört, zu Kapernaum geschehen! Tu so auch hier in deiner Vaterstadt. Er sprach aber: Wahrlich, ich sage euch: Kein Prophet gilt etwas in seinem Vaterlande" (Luk. 4,23­24).

Dieser letzte Satz, wohl mit einem Seufzer ausgesprochen, war nur die Überleitung zur ernsten Hauptsache seines Tex­tes. Um zu illustrieren, was Jesaja in seiner Vorschau des Messias und seines Dienstes an Armen, Gefangenen, Blinden oder Unterdrückten meinte, wies Jesus in meisterhafter Wei­se auf zwei weitere bekannte Berichte des Alten Testaments hin. Der erste: „Es waren viele Witwen in Israel zu des Elia Zeiten, da ... eine große Teuerung war im ganzen Lande. Zu keiner von ihnen wurde Elia gesandt, sondern nur zu einer Witwe nach Sarepta in Sidonien" (Luk. 4,25-26).

Wenn nicht schon bei dieser ersten Stelle die Luft in der Synagoge „sauer" wurde, so bestimmt beim nächsten Ver­gleich: „Und viele Aussätzige waren in Israel zu des Prophe­ten Elisa Zeiten, und deren keiner wurde rein als allein Nae­man aus Syrien" (Vers 27).

Hier brach die Hölle los: „Und sie wurden voll Zorn alle, die in der Synagoge waren, da sie das hörten, und standen auf und stießen ihn nicht nur aus der Synagoge, sondern auch zur Stadt hinaus und führten ihn an den Rand des Berges, darauf ihre Stadt gebaut war, daß sie ihn hinabstürzten. Aber er ging mitten durch sie hinweg" (Verse 28-30).


Soviel für jüdisches Interesse an der Schlußzeile ihres eige­nen Abraham-Bundes! Die Vorstellung, daß Jahwe an be­dürftigen Juden vorbeigehen könnte, um jenen besonderen Satz für die Heiden zu erfüllen, war für sie vollständig wider­wärtig und unannehmbar, selbst wenn das alles aus der Heili­gen Schrift zu belegen war! Wie einsam und allein muß Jesus sich gefühlt haben als der einzige im ganzen jüdischen Volk, dem die vollständige Erfüllung des alten Bundes Jahwes mit Abraham am Herzen lag! Und wie schwer muß es für ihn ge­wesen sein, diese einsame Schau Leuten weiterzugeben, die sich eigentlich dafür interessieren mußten, es aber nicht taten!

Selbst seine eigenen Jünger benötigten, wie wir sehen wer­den, Jahrzehnte, um Jesu tiefstes Empfinden für alle Völker zu begreifen. Aber wie geduldig ertrug Jesus ihre scheinbar endlose Zurückweisung seines so weitreichenden und zutiefst erbarmungsvollen Planes. Wie geduldig wartet er auch heute noch auf unsere Bereitschaft für diesen Plan! Natürlich war das sein Auftrag, für den er sich weiter einsetzen mußte, es war seine Mission. Bis heute kommt darin seine persönliche viertausendjährige Verpflichtung gegenüber Gott und Abra­ham zum Ausdruck.

Und Jesus allein wußte auch, wie sehnsüchtig Völker wie die Karen, die Lahu, die Wa, die Lisu, die Kachin, die Mizo, die Naga, die Gedeo, die Santal, die Inka und Tausende ande­rer warteten. Er wollte ihnen gegenüber nicht versagen (auch uns gegenüber nicht!), indem er diese Schau sterben ließ. Aber es gab noch einen weit stärkeren Grund, der ihn so hart­näckig sein ließ.

Unmittelbar nach der fast vollzogenen Opferung Isaaks be­stätigt Jahwe seinen Bund mit Abraham durch jenen berühm­ten Eid! Beachten Sie: „ ... Ich habe bei mir selbst geschwo­ren, spricht der Herr: Weil du solches getan hast und hast dei­nes einzigen Sohnes nicht verschont, will ich dein Geschlecht segnen... und durch dein Geschlecht sollen alle Völker auf Er­den gesegnet werden, weil du meiner Stimme gehorcht hast" (1. Mose 22,16-18).

Der Schreiber des neutestamentlichen Briefes an die He­bräer kommentiert diese Stelle aus 1. Mose folgendermaßen:


„Als Gott dem Abraham die Verheißung gab, schwor er bei sich selbst, da es keinen Größeren gab, bei dem er schwören konnte, und sprach: ‚Wahrlich, ich will dich segnen und meh­ren ...' Darum hat Gott, da er wollte den Erben der Verhei­ßung überschwenglich beweisen, daß sein Ratschluß nicht wanke, sich noch mit einem Eid verbürgt. So sollen wir durch zwei Stücke, die nicht wanken — denn es ist unmöglich, daß Gott lügt —, einen starken Trost haben, die wir unsere Zu­flucht dazu genommen haben, festzuhalten an der angebote­nen Hoffnung. An ihr haben wir einen sichern und festen An­ker unserer Seele, der hineinreicht bis in das Innere hinter dem Vorhang” (Hebr. 6,13-19).

Es gab für Jesus, den Messias, keine Möglichkeit, den „Al­le-Völker-Befehl" fallen zu lassen! Gott hatte bereits seinen eigenen Namen für die Erfüllung dieser Verheißung verpfän­det. Und bis heute steht dieser sein Name und sein Wesen für die Erfüllung dieses Befehls auf dem Spiel! Jeder, der das nicht versteht, kann überhaupt nicht verstehen, was Gott in der Weltgeschichte vollbringt.

Nicht nur in kleinen Städten wie Nazareth, sondern auch in der großen Stadt Jerusalem blieb Jesus diesem „Alle-Völker­Befehl" unbeirrbar treu ergeben, was ihm ständige Spannun­gen mit seinen jüdischen Landsleuten einbrachte. Matthäus, Markus und Lukas berichten alle ,daß Jesus gegen Ende seines irdischen Dienstes höchstwahrscheinlich den „Vorhof der Heiden" betrat, einen der umfriedeten Bezirke des berühm­ten Tempels des Herodes in Jerusalem. Warum wurde er „Vorhof der Heiden" genannt' Dafür gab es nur einen Grund: Es war der einzige Teil des Tempels, der ausschließ­lich dafür bestimmt war, die Juden an ihre alte Verpflichtung zur Schlußzeile des Abraham-Bundes zu erinnern! Ohne die­sen Vorhof hätten die Juden allzu leicht vergessen, daß sie ge­segnet wurden, um ein Segen zu sein — für die Heiden!

Es war auch der einzige Teil des Tempels, der heidnischen „Touristen" oder selbst gottesfürchtigen Heiden zugänglich war. Es war Gottes Absicht, daß Heiden, wenn sie diesen ge­heiligten Bezirk betraten, hören konnten, wie Juden für sie beteten. So sollten sie unmißverständlich erkennen, daß der


Gott der Juden in Wahrheit der Gott der ganzen Erde war, ein Gott, dessen Verlangen darin bestand, alle Völker zu segnen.

Mit äußerster Empörung stellte Jesus fest, daß dieser Vor­hof der Heiden zweckentfremdet verwendet wurde — nämlich nur zu Geschäftszwecken der Juden! Ochsen und Schafher­den, Taubenkäfige, Geldwechsler mit ihren Waagen und Re­chenbrettern füllten den Vorhof der Heiden vom Tor bis zur Mauer. Alles fand man hier, einem Jahrmarkt vergleichbar, vielleicht abstoßender als der Geruch von tierischem Mist!

Ursprünglich waren — falls überhaupt vorhanden — mit dem Tempeldienst verbundene Geschäfte außerhalb des Tempel­bezirks angesiedelt. Allmählich jedoch entdeckten die Ge­schäftsleute, daß sie viel größere Gewinne machen könnten, wenn sie dem Tempelinneren näher wären, wo ja die Tiere wirklich geopfert wurden. Sie fanden, der „Vorhof der Hei­den" würde ohnehin nicht genügend genutzt. Wer betete denn schließlich noch für die Heiden? Und wenn jemand es tatsächlich tun sollte, dann konnte er das auch irgendwo an­ders tun. War es überhaupt zweckmäßig, einen ganzen Bezirk wertvollen Bodens für so etwas Unbeliebtes wie das Gebet für Heiden abzugrenzen? „Umfunktionieren des Vorhofs der Heiden!" wurde ein populäres Werbeschlagwort. Allmählich setzte sich der Vorschlag durch und wurde zur festen Regel —vielleicht sogar durch Bestechungsgeld, das unter dem Büro­schreibtisch des Hohenpriesters überreicht wurde.

Herein kamen die Tierverkäufer, danach die Geldwechs­ler, die die heidnischen Besucher, die zum Tempel kamen, gründlich auszubeuten versuchten. Besucher von weither, die sich mit den Wechselkursen in Palästina nicht auskannten, merkten vielleicht gar nicht, wie sie übers Ohr gehauen wur­den, geschweige denn die falschen Gewichte bei den Waagen.

Jesus sah das alles und wurde aktiv. So lesen wir in Mat­thäus 21,12: „Und Jesus ging in den Tempel hinein und trieb alle Verkäufer und Käufer im Tempel hinaus und stieß um der Wechsler Tische und die Stühle der Taubenverkäufer." Jenen Leuten, die da schrien: „Was fällt dir eigentlich ein?", gab er weniger einen zornigen Verweis als vielmehr eine schriftge­mäße Belehrung.


Was lehrte er sie, um seine entschiedene Aktion gegen die­sen bösen Mißbrauch des Tempelvorhofs zu rechtfertigen? Er wählte eine hervorragende Zusammenstellung von zwei Wor­ten alttestamentlicher Propheten. Die erste Stelle war aus Je­saj a: „Mein Haus (Gottes Tempel) wird ein Bethaus heißen für alle Völker" (Jes. 56,7; vgl. auch Mark. 11,17). Und dann fügte Jesus noch ein Wort Jeremias hinzu: „Haltet ihr denn dies Haus, das nach meinem Namen genannt ist, für eine Räu­berhöhle?" (Jer. 7,11).

Der Zusammenhang in dem Jesajawort steht in enger Be­ziehung zum „Alle-Völker-Befehl" des Abraham-Bundes. Denn in diesem Zusammenhang zitiert Jesaja Jahwe, der da sagt: „Und der Fremde, der sich dem Herrn zugewandt hat, soll nicht sagen: Der Herr wird mich ausschließen aus seinem Volk. ... Und die Fremden, die sich dem Herrn zugewandt haben, ihm zu dienen und seinen Namen zu lieben, damit sie seine Knechte seien ... die will ich zu meinem heiligen Berge bringen und will sie erfreuen in meinem Bethaus; und ihre Brandopfer und Schlachtopfer sollen mir wohlgefällig sein auf meinem Altar; denn mein Haus wird ein Bethaus heißen für alle Völker" (Jes. 56, 3.6-7).

Möchten es doch alle Heidenvölker erkennen, daß Jesus die Geldwechsler nicht nur deshalb aus dem Tempel gejagt hat, um die Heiligkeit des Tempels als solche zu verteidigen, sondern auch, um unser Recht zu verteidigen, unsere geistli­chen Anliegen in diesem Gotteshaus vertreten zu sehen!

Doch diese Haltung und Handlung hat ihn viel gekostet. In Markus 11,18 heißt es: „Und es kam vor die Hohenpriester und Schriftgelehrten, und sie trachteten, wie sie ihn umbräch­ten; (denn sie verkauften wahrscheinlich die Konzessionen an die Geldwechsler oder waren jedenfalls damit einverstan­den). Denn sie fürchteten sich vor ihm; denn alles Volk war erstaunt über seine Lehre."

Solch heftige Ablehnung der tiefgründig-offenen Gesinnung des Abraham-Bundes veranlaßte Jesus zu einer sehr strengen Warnung an die jüdischen Führungskräfte. Das erste Vorzei­chen dieser Warnung kam unmittelbar am Tag nach der Tem­pelreinigung. Er verbrachte die Nacht in Bethanien


„Als er aber des Morgens wieder in die Stadt ging, hunger­te ihn. Und er sah einen Feigenbaum an dem Wege und ging hinzu und fand nichts daran als allein Blätter und sprach zu ihm: Nun wachse auf dir hinfort nimmermehr Frucht. Und der Feigenbaum verdorrte alsbald. Und da das die Jünger sahen, verwunderten sie sich und sprachen: Wie ist der Feigenbaum so bald verdorrt?” (Matth. 21,18-20).

Die tatsächliche Bedeutung dieses Zwischenfalls kam je­doch erst später an jenem Tag zum Vorschein. Als Jesus im Tempel lehrte, wurde er von finster blickenden, eifersüchti­gen jüdischen Führern beobachtet, die sich den Kopf zerbra­chen, wie sie ihn ausschalten könnten. Jesus aber ergriff die Initiative und trat ihnen mit Gleichnissen entgegen. Ein sol­ches Gleichnis betraf einen Besitzer (Jahwe), der einen Wein­berg pflanzte (Israel), ihn zur Bearbeitung an Pächter über­gab (jüdische religiöse Führer) und auf eine Reise ging. Nach der Ernte sandte er seine Diener (die Propheten), um seinen Ernteanteil einzusammeln (ihr Gehorsam gegen die Bedin­gungen des Bundes) als Pacht. Die Pächter schlugen, steinig­ten oder töteten alle Diener des Besitzers. Schließlich wagte der Weinbergsbesitzer das Äußerste: Er sandte seinen eige­nen Sohn. Aber die Pächter töteten ihn auch!

„Was", fragte Jesus, „wird der Besitzer des Weinberges diesen Pächtern tun?"

Die Juden antworteten: „Er wird die Übeltäter umbringen und seinen Weinberg an andere Weingärtner vergeben, die ihm die Früchte zu rechter Zeit abliefern."

Jesus antwortete: „Deshalb sage ich euch: Das Reich Got­tes wird von euch genommen und einem Volk gegeben wer­den, das seine Früchte bringt" (vgl. Matth. 21,33-43). Ganz si­cher werden sich die Jünger Jesu sofort an die Sache mit dem Feigenbaum erinnert haben, der unter seinem Fluch verdorr­te, weil er keine Frucht trug, als er vorbeikam. Sie müssen ge­ahnt haben, daß dieser verdorrte Feigenbaum eine Voraus­schattung war für die Tragödie, die in Kürze über Israel kom­men sollte!

Keine Warnung konnte deutlicher sein: Jahwe war schon im Begriff, die geistlichen Vorrechte, die er einst den Juden


gegeben hatte, zurückzuhalten, statt dessen aber eine neue Umverteilung auch an die Heiden vorzunehmen, sofern sie bereit waren, den Geist des Abraham-Bundes anzuerkennen! Aber falls sie unter Umständen den entscheidenden Punkt nicht begriffen, fügte Jesus diesem Gleichnis sofort ein weite­res an.

Ein König (Jahwe) bereitete für seinen Sohn ein Hoch­zeitsmahl und lud seine Freunde (die Juden) ein. Sie wiesen jedoch die Einladung völlig ab, sie gingen sogar so weit, des Königs Diener als Überbringer zu schmähen oder zu erschla­gen! Der König reagierte auf zweifache Weise: Erstens sandte er ein Heer, um die Übeltäter zu bestrafen. Zweitens schickte er andere Boten aus in die Straßen und Gassen, um früher nicht Privilegierte (die Heiden) zu versammeln, die sein Fest mit ihm genießen sollten. So gab unser Herr eine Vorschat­tung der bald darauf erfolgenden Einladung des gnadenvollen Gottes an Samariter und Heiden jeder Art. Sie sollte durch seine eigenen Apostel und deren Nachkommen verkündigt werden!

Der Missiologe Ralph Winter überraschte seine Zuhörer einmal mit der Feststellung: „Jesus kam nicht, um den Gro­ßen Befehl zu geben! Er kam, um ihn wegzunehmen — weg von den Juden, die ihn in der Urform bereits etwa 2.000 Jahre be­sessen hatten. Aber sie hatten kaum etwas damit anzufangen gewußt! Es war höchste Zeit für die Welt, zu sehen, was gläu­bige Heiden, denen dieser gleiche Befehl in neutestamentli­cher Form gegeben wurde, damit machen würden."

Der Gedanke, daß Jahwe ihren schweren Ungehorsam be­strafen würde, indem er ihre geistlichen Vorrechte für ein oder zwei Zeitalter annullierte, war für Juden unfaßbar! Voll­kommen verrückt muß Jesus ihnen erschienen sein, daß er solche unglaublichen Dinge andeutete! Und doch hatte ihr ei­gener Gesetzgeber, Mose, sie schon genau vor dieser Mög­lichkeit gewarnt. Er zitiert Jahwe: „Sie haben mich eifersüch­tig gemacht durch Nichtgötter, ich aber mache sie eifersüchtig durch ein Nicht-Volk" (5. Mose 32, 21. Auf diese Stelle be­zieht sich auch Paulus in Röm. 10,19).

Was war die unverzügliche Antwort der jüdischen Führer


auf die Warnungen Jesu? „Und sie trachteten danach, wie sie ihn griffen, und fürchteten sich doch vor dem Volk; denn sie verstanden, daß er auf sie dies Gleichnis geredet hatte. Und sie ließen ihn und gingen davon" (Mark. 12,12). Einige von ihnen versuchten jedoch geschickt, ihn in Diskussionen zu verwickeln, damit er gereizt würde, Aussagen politischer Art gegen Rom zu machen. Aber zum Leidwesen seiner Befrager war Jesus jederzeit in der Lage, leicht und gewandt den ausge­legten Fallen nicht nur zu entgehen, sondern seine Feinde mit ihren eigenen Waffen zu schlagen. So blieb er der Sieger.

Welches war ihre Frage? „Ist's recht, daß man dem Kaiser Steuer zahle, oder nicht?" (Matth. 22,17). Was würde Jesus, der Mann für alle Völker, hier raten in dieser so ungemein heiklen Frage, ob die Juden Steuern an einen heidnischen Herrscher zahlen sollten?

Jesus begann seine Antwort so: „Ihr Heuchler, warum wollt ihr mich hereinlegen?" Auf welcher Grundlage nannte er sie Heuchler? Ganz einfach: Sie behaupteten, für beides einzustehen, sowohl für den Abraham-Bund als auch für seine späteren Auswirkungen im Gesetz Moses und in den Prophe­ten; aber sie machten den Inhalt dieses Bundes in fast jeder le­benswichtigen Hinsicht zunichte.

Jesus fuhr fort: „... Weiset mir die Steuermünze! Und sie reichten ihm einen Denar. Und er sprach zu ihnen: Wes ist das Bild und die Aufschrift? Sie sprachen zu ihm. des Kaisers. Da sprach er zu ihnen: So gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist!" (Matth. 22, 18-21).

Mit diesen Worten bekräftigte Jesus, der Mann für alle Völker, das Recht sogar ungläubiger Heidenkönige, über die Juden zu herrschen — voraussichtlich bis die Zeit, die er später „die Zeit der Heiden" (vgl. Luk. 21,24) nannte, erfüllt war. So schreibt Lukas: „Und sie vermochten nicht, ihn vor dem Volk bei seinem Wort zu fassen, und sie verwunderten sich über seine Antwort und schwiegen" (Luk. 20,26).

In der Zwischenzeit tat Jesus den Dienst des Segnens an den Juden auf jede Art weiter (entsprechend der „oberen Zeile" des Abraham-Bundes), aber gleichzeitig gab er seinen Jüngern anhaltende Unterweisungen darüber, daß sie selbst


in Kürze ebenfalls den Heiden zu dienen hätten. Einmal zum Beispiel sandte er sie zu einem Erprobungsdienst aus. Dabei erklärte er ihnen, obgleich er sie noch nicht zu Heiden und Sa­maritern sende, sondern zu „den verlorenen Schafen des Hauses Israel", würden sie später „auch vor Statthalter und Könige geführt werden, ihnen und den Heiden zum Zeugnis" (Matth. 10,5.6.18).

Diese zeitliche Begrenzung legte Jesus seinen Jüngern nicht deshalb auf, weil er die Mißachtung der Heiden und Sa­mariter zu diesem Zeitpunkt unterstützte, sondern weil seine Jünger weder geistlich noch geistig für einen solchen kultur­übergreifenden Auftrag vorbereitet waren.

Später erklärte Jesus seinen Jüngern die Bedeutung seines berühmten Gleichnisses über Unkraut und Weizen und stellte das „Feld" in dem Gleichnis mit der „Welt" gleich, nicht nur mit Israel (Matth. 13,24-30. 36-43).

Im gleichen Zusammenhang läßt Jesus ein Gleichnis von nur einem Vers einfließen, nämlich das von der Frau, die Sau­erteig unter eine große Menge Mehl mengte, bis der Teig ganz durchsäuert war (Matth. 13,33). Durch Vergleich mit Jesu ei­gener Deutung des Gleichnisses über Weizen und Unkraut scheint es erwiesen, daß die große Menge Mehl in diesem klei­nen Gleichnis die Welt darstellt. Der Sauerteig wird daher zur überall durchdringenden Wirkung des Evangeliums in der ganzen Welt.

An anderer Stelle warnt Jesus seine Jünger im voraus, daß das Ende der Zeitalter nicht kommen könne, es werde denn das Evangelium allen Nationen verkündigt (Mark. 13,10). Die griechische Formulierung ta ethne sollte, nach vielen Sprachgelehrten, besser übersetzt werden mit „allen Völ­kern", statt mit „allen Nationen"; denn das göttliche Interes­se gilt viel stärker ethnologisch deutlich umrissenen Völkerge­meinschaften als vergänglichen politischen Strukturen. Die andere Übersetzung könnte zu irrigen Auffassungen führen. Indien ist zum Beispiel eine „Nation", aber Indien umfaßt 3.500 „Völker". Man müßte sonst sagen, es gäbe 3.500 Inder, wenn ethne mit „Nationen" übersetzt würde.

Später kamen einige Griechen auf ein Fest nach Jerusalem


und ersuchten um eine Audienz bei Jesus. Zwei Jünger Jesu, Philippus und Andreas, sagten es Jesus weiter, und wie ge­wöhnlich nutzte Jesus die Gelegenheit, seine „Alle-Völker­Perspektive" erneut vorzustellen: „Und ich, wenn ich erhöht werde von der Erde, so will ich sie alle zu mir ziehen" (Joh. 12,32). Diese Vorhersage bezieht sich schon auf die Art des Todes Jesu: die Kreuzigung! Aber sie sagt auch das Ergebnis voraus: Alle Menschen werden nicht nur trotz, sondern gera­de wegen Jesu Erniedrigung zu ihm gezogen werden als ihrem von Gott gesalbten Befreier. Oberflächlich betrachtet, kann diese Aussage zu der Ansicht führen, jeder Mensch auf dieser Welt würde Christ werden. Da wir wissen, daß das völlig un­wahrscheinlich ist, bedeutet Jesu Wort wohl, daß einige aus allen Menschengruppen zu Jesus gezogen werden, wenn sie erfahren, daß er für ihre Sünden gestorben ist. Und das ist ge­nau das, was der Abraham-Bund verheißen hat — nicht, daß alle Menschen gesegnet werden, sondern daß alle Völker in diesem Segen vertreten sein werden. So hat Jesus noch einmal seine Jünger rechtzeitig hingewiesen auf seinen großen Be­fehl, der ja bald folgte.

Bei einer weiteren Gelegenheit zeigte Jesus, wie wichtig ihm die zukünftige Evangelisation der Heidenvölker war. Zwar war das in diesem Zusammenhang nur eine indirekte Aussage, aber immerhin deutlich genug. Als Maria, eine fromme Frau, ein Glas kostbaren Nardenöls auf sein Haupt goß, salbte sie ihn symbolisch zu seinem Begräbnis. Judas Ischariot betrachtete den großen Aufwand als Verschwen­dung und tadelte sie (vgl. Joh. 12,4-5). Jesus selbst verteidigte sie und enthüllte dabei viel von seinem eigenen inneren Ziel: „... Wo immer das Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie jetzt getan hat" (Mark. 14,9).

Unmittelbar danach verschwand Judas Ischariot, um Jesus heimlich an seine Feinde zu verraten. Der egozentrische Ju­das war damals von Jesus restlos enttäuscht. Der Geduldsfa­den riß bei ihm endgültig, als er merkte, daß Jesus seine Macht in keiner Weise dazu nutzen wollte, seinen Jüngern po­litisch und finanziell Vorteile zu verschaffen. Jetzt fühlte er


sich dazu noch zusätzlich durch die Haltung beleidigt, die Je­sus ihm gegenüber einnahm, als er die kostbare Salbung durch Maria beanstandete.

Diese Einstellung Jesu war für Judas der endgültige Be­weis, daß Jesus einfach keine Begabung hatte für Finanzen!

Vom rassisch-egoistischen Standpunkt des Judas aus gese­hen, muß überhaupt die ganze himmelstürmende Zielsetzung Jesu, den messianischen Segen allen Völkern zuteil werden zu lassen (anstatt den Segen auf die Juden zu konzentrieren, wo es wirklich sinnvoll war), ganz und gar unmöglich gewesen sein. Augenscheinlich erkannte Judas endlich, daß es Jesus tatsächlich ernst war, sozusagen den doch nur Juden vorbe­haltenen Festsaal Gottes den heidnischen „Hunden" weit zu öffnen! Falls Judas das so sah, war er wohl der intelligenteste der zwölf Jünger; denn die anderen elf brauchten viel länger, um den Nachdruck, den Jesus auf diesen Dienst legte, ernst-zunehmen.

Der Verrat durch Judas wurde wesentlich motiviert durch seinen Zusammenstoß mit Jesus bei der Bewertung der Sal­bung durch Maria sowie durch die von Jesus zum Ausdruck gebrachte „Alle-Völker-Perspektive". Beides wirkte zusam­men, den Absturz des Judas in den unheilvollen Verrat zu be­stimmen Ihm schien damit der letzte Rest einer Verpflich­tung zur Treue Jesus gegenüber beseitigt.

Plötzlich fing Judas damit an, einen „Beschwerdenkata­log" aufzustellen. Drei Jahre seines Lebens hatte er daran ge­wandt, Jesus zu helfen, sein Reich als Messias aufzurichten. Aber außer einigen Geldern, die er aus der Gemeinschafts­kasse „geliehen" hatte, stand er finanziell nicht die Spur bes­ser da als vorher — trotz all seiner Mühe! Ganz abgesehen da­von ergaben sich für Judas noch andere Probleme. Als er nämlich merkte, daß Jesus auch die Heiden in seine weiträu­migen Pläne einbezog, sah er auch für die Zukunft keinerlei fi­nanzielle Belohnung durch Jesus!

Judas fing an, sich selber leid zu tun. Gab es denn keinen Weg, wenigstens ein klein bißchen finanzielle Entschädigung für das zu bekommen, worauf er in diesen drei Jahren um Jesu willen verzichtet hatte?


Plötzlich hatte Judas den schlauen Gedanken, wenigstens einen kleinen Teil seiner großen Verluste zurückzubekom­men. Natürlich würde das bedeuten, einen Freund zu verra­ten, aber dieser Freund hatte ja längst bewiesen, daß er be­merkenswert gut Gefahren überleben konnte. Die Chance, so meinte Judas, war nur sehr gering, daß ein kleiner geheimer Handel zwischen ihm und den Hohenpriestern wirklich zum Tod Jesu führen würde! Entweder würde Jesus seine Verfol­ger bei Gericht reinlegen (er war sehr redegewandt), oder die gleichen Menschenmengen, die ihm vorher zugejubelt hatten, würden seine Freilassung unter Androhung eines Aufstandes erzwingen (er war zur Zeit ja unglaublich beliebt). Versagte das, konnte Jesus selbst ganz leicht den Tod betrügen durch ir­gendein wundersames Entkommen. Sicher, Jesus hatte mehr­fach vorausgesagt, er werde einmal ein tragisches Ende neh­men. Aber dafür war jetzt ganz gewiß noch nicht die richtige Zeit. Er stand ja noch am Anfang. Sein Dienst war gerade auf dem Höhepunkt. Die Hohenpriester würden ihn einsperren, natürlich, aber dann würden sie bald von der öffentlichen Meinung gezwungen werden, ihn wieder freizugeben.

In der Zwischenzeit aber würde Judas sich in einen anderen Teil von Palästina davonmachen und mit den dreißig Silber­stücken eine helle neue Zukunft aufbauen! Aber nicht, bevor er in Jerusalem mitbekommen hatte, wie Jesus befreit würde! Solange mußte er bleiben.

Zum größten Entsetzen des Judas geschah es so nicht.

Vom Augenblick der Gefangennahme an ging alles schief. Es war unerklärlich, daß Jesus seine wunderbare Macht im Argumentieren nicht mehr gebrauchte, um seine Feinde zu überlisten. Der Mann, der die besten Debattierer des Juden­tums übertroffen hatte, stand unglaublich schweigsam, wie mit gelähmter Zunge, vor Hannas, Kaiphas, Pilatus und He­rodes und sagte kaum ein Wort zu seiner eigenen Verteidi­gung. Ebenso wartete Judas vergeblich darauf, daß Jesus sei­ne furchteinflößenden Wunderkräfte endlich doch einsetzte, um den Händen seiner Feinde zu entwischen. Als das Todes­urteil gesprochen war, erhoben sich nicht einmal die Volks­massen zu seiner Verteidigung! Unfaßlich leichtgläubige


Menschen, von denen einige nur wenige Tage zuvor Jesus als Messias willkommen hießen, gestatteten jetzt Berufshetzern, sie aufzuwiegeln, sich für Jesu Kreuzigung mit großem Ge­schrei einzusetzen!

Kreuzigung? Judas muß nach Luft geschnappt haben! Je­sus? Durchbohrt mit Eisennägeln? An einem heidnischen Kreuz im Todeskampf verendend? Das war eine Folterungs­methode, die nur den schlimmsten Verbrechern vorbehalten war! Das war doch nicht vorgesehen! Oder doch? Vielleicht erinnerte sich der Verräter in diesem Augenblick an Jesu Worte: „Und ich, wenn ich erhöht werde von der Erde ..." Diese Worte hatten damals den Eindruck vermittelt, sich auf irgendeine zukünftige Erhöhung zu beziehen. Jetzt aber — zu spät — fing ihre wahre Bedeutung an aufzutauchen. Und Judas wußte, daß er — einer der Jünger, denen Jesus am meisten ver­traut hatte — einen wesentlichen Teil der Schuld an diesem furchterregend ungerechten Verbrechen trug! Der Apostel Matthäus beschreibt die Reaktion des Judas auf diese uner­wartete Wende der Ereignisse so:

„Da das sah Judas, der ihn verraten hatte, daß er ver­dammt war zum Tode, gereute es ihn, und er brachte wieder die dreißig Silberlinge den Hohenpriestern und den Ältesten und sprach: Ich habe übel getan, daß ich unschuldig Blut ver­raten habe. Sie sprachen: Was geht uns das an? Da siehe du zu! Und er warf die Silberlinge in den Tempel, hob sich davon und ging und erhängte sich selbst" (Matth. 27, 3-5).

Was geschah schließlich mit jenen dreißig Silberstücken? Interessanterweise nahmen die Mitglieder des Hohen Rates dies Geld und verwendeten es, um den Acker eines Töpfers zu erwerben, den sie dann in einen Begräbnisplatz verwandel­ten. Für wen? Für Heiden! Denn das jüdische Gesetz verbot die Bestattung von Heiden auf jüdischen Friedhöfen. Jesus sorgte also — wenn auch durch das Geld, das für seinen Verrat bezahlt wurde — für diese Begräbnisstätte der Heiden! (Vgl. Matth. 27,6-10.)

In der Zwischenzeit fand die Kreuzigung statt in der glei­chen „Gegend von Morija", wo Abraham 2.000 Jahre zuvor stand, bereit, seinen einzigen, unschuldigen Sohn Isaak zu


opfern, wie Gott ihm befohlen hatte. Diesmal aber war kein Widder da, der sich im Dickicht verfangen hatte und den Platz des unschuldigen Sohnes hätte einnehmen können. Statt des­sen wurde die alte Prophezeiung erfüllt: „Gott wird sich ein ... Brandopfer ersehen." Und Jesus Christus war der, der ausersehen war zum Opferlamm. Johannes, einer seiner Jün­ger, erkannte später die Bedeutung des Geschehens an jenem Tage und schrieb: „... Jesus Christus, der Gerechte. Und der­selbe ist das Sühnopfer für unsre Sünden, nicht allein aber für die unseren, sondern auch für die der ganzen Welt" (1. Joh. 2,1-2).

Das also war der erste Segen, den Abrahams einzigartiger Nachkomme mit anderen teilen wollte, nicht nur mit Juden wie Johannes, sondern mit „der ganzen Welt"!

Als Jesus an jenem Kreuz hing, wurde über seinem Haupt eine Inschrift in aramäisch, der Sprache der Juden zu jener Zeit, angebracht, auf der es hieß: „Jesus von Nazareth, der König der Juden". Aber jene Inschrift war außerdem noch in zwei heidnischen Sprachen geschrieben, nämlich in lateinisch und griechisch!

Und in dem Augenblick, als Jesus laut rief: „Vater, in dei­ne Hände befehle ich meinen Geist", stand ein heidnischer Soldat am Fuße des Kreuzes ganz in der Nähe. Er sah Jesus den letzten Atemzug tun. Sein Kommentar? „Wahrlich, die­ser war ein gerechter Mann."

Gerade so, wie die Jünger die Andeutung Jesu in bezug auf die Evangelisation unter Heiden noch nicht glaubten, so glaubten sie ihm auch nie wirklich, als er sagte, er werde vom Tod auferstehen. Aber in beiden Punkten überraschte er sie völlig. Drei Tage nach seiner Grablegung war er auferstan­den! Und eine seiner ersten Begegnungen nach seiner Aufer­stehung begann er unerkannt, als er sich zweien seiner Jünger auf dem Weg nach Emmaus zugesellte (vgl. Luk. 24,13-49). Als er das Gespräch mit ihnen eröffnet hatte, erkannten sie ihn immer noch nicht, sondern klagten: „Wir aber hofften, er sei der, der Israel erlösen würde ..." (Luk. 24,21). Doch füg­ten sie nicht hinzu: „... und Israel zum Segen für alle Völker machen." Ein blinder Fleck in ihren Herzen verdunkelte die­sen Teil des Abraham-Bundes noch immer.


„Wie töricht seid ihr”, antwortete Jesus, „und trägen Her­zens, zu glauben alle dem, was die Propheten geredet haben! Mußte nicht Christus solches leiden und zu seiner Herrlichkeit eingehen?" (Luk. 24,25-26).

„Und fing an bei Mose und allen Propheten und legte ih­nen in der ganzen Schrift aus, was darin von ihm gesagt war" (V. 27).

Er hatte sie viel davon schon gelehrt. Aber geduldig wie­derholte er es noch einmal. Und endlich brannte ihr Herz in ihnen (V. 32). Konnte nun eine umfassendere Schau in ihnen Platz gewinnen?

Kurz darauf erkannten sie Jesus, aber im gleichen Moment verschwand er vor ihren Augen! Sie kehrten daraufhin sofort nach Jerusalem zurück, fanden die Elf (so wurde die Schar der Jünger eine Zeitlang nach Judas' Abfall genannt) und berich­teten von ihrer Erfahrung. Aber bevor sie noch mit ihrer Schilderung fertig waren, erschien Jesus selbst unter ihnen, und die Elf erlebten das Ende der Geschichte ganz persönlich!

So unbeirrt, wie eine Schwalbe wieder zu ihrem Nest zu­rückkehrt, so kehrte auch Jesus zu den Heiligen Schriften mit ihrem zentralen Thema zurück: „Da öffnete er ihnen den Sinn, daß sie die Schrift verstanden, und sprach zu ihnen: Also ist's geschrieben, daß Christus mußte leiden und auferstehen von den Toten am dritten Tage; und daß gepredigt werden muß in seinem Namen Buße zur Vergebung der Sünden unter allen Völkern. Ihr seid des alles Zeugen" (Luk. 24,45-48).

Beachten Sie jedoch, daß er ihnen noch immer nicht den Befehl gab, zu gehen. Das sollte erst ein paar Tage später kommen auf einem Berg in Galiläa, wo — soweit es die Jünger betraf — alles anfing. Und hier geschieht die Formulierung des Auftrags, der im Abrahambund vor etwa 2.000 Jahren ange­zeigt wurde, und den zu empfangen Jesus drei lange Jahre lang seine Jünger vorbereitet hatte: „ ... Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und ma­chet zu Jüngern alle Völker. Taufet sie auf den Namen des Va­ters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende" (Matth. 28,18-20).


Das war kein unfairer Befehl. Er war bereits im Alten Te­stament vorbereitet. Jesu tägliches Lehren ließ ihn bereits ah­nen. Die vorurteilsfreie Art, in der Jesus auch Samaritern und Heiden diente, hatte den Jüngern lebensecht nahegebracht, wie dieser Befehl ausgeführt werden sollte. Jetzt fügte er noch die Verheißungen seiner eigenen Vollmacht hinzu und ver­sprach seine persönliche Gegenwart — sofern sie gehorchten!

Noch etwas später, Augenblicke vor seiner Rückkehr in den Himmel vom Ölberg weg (in der Nähe von Bethanien), fügte er noch eine weitere Verheißung hinzu: „Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, welcher auf euch kom­men wird, und werdet meine Zeugen sein zu Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an das Ende der Erde" (Apg. 1,8). Hier wird deutlich, wie weit die Verbreitung des Evangeliums sein soll!

Das war der letzte Befehl Jesu. Ohne ein weiteres Wort und ohne irgendeine Diskussion darüber abzuwarten, wurde er in den Himmel aufgehoben. Nun erwartete er, daß seine Nachfolger ihm vollkommenen Gehorsam leisten!

Natürlich wußte Jesus, daß es keine Hoffnung gab, die mei­sten Juden in seinen Erdentagen aus ihrer blinden Egozentrik zu befreien, so wenig wie es wenig Hoffung gibt, die Mehrheit jedes beliebigen Volkes zu retten. Während der ganzen jüdi­schen Geschichtszeit konzentrierte sich die Mehrheit des Vol­kes so ausschließlich auf die Anfangszeile des Abraham-Bun­des, daß die Schlußzeile ihnen völlig aus dem Gesichtsfeld kam Es ist wahrscheinlich nicht übertrieben zu sagen, daß ih­re Sinne hermetisch abgeschlossen waren gegen jede Beschäf­tigung mit der Schlußzeile. Aus diesem Grunde waren viele Juden entschlossen, sich auch nur zum eigenen Nutzen der Wunderkräfte Jesu zu bedienen.

Aber Jesu „Alle-Völker-Perspektive", die sich auf den Abraham-Bund gründete, stieß dauernd mit ihrer national­egoistischen Einstellung zusammen. Wir haben ja gesehen, daß sogar einer seiner Jünger durch diese selbstsüchtige An­schauung sich zum Verrat Jesu verleiten ließ. Die einzige Hoffnung Jesu lag nun noch bei den übrigen elf Jüngern. Wenn Jesus sie nur gewinnen konnte für die „Alle-Völker‑


Perspektive", dann konnte die volle Verheißung für Abra­ham erfüllt werden — und nicht nur eine verstümmelte Form derselben.

Hier stellt sich die Frage: Konnte der Sohn des Menschen, ohne den freien Willen des Menschen zu verneinen, elf Män­ner umwandeln, deren gedankliche Prägung, die sie von Kind an mitbekommen hatten, auf übersteigertem nationalen Ego­ismus beruhte? Diese Frage mag albern scheinen. Könnte der Sohn des Menschen, der doch auch der allmächtige Sohn Got­tes ist, nicht alles tun? Die Antwort ist Ja.

Aber der freie Wille des Menschen beinhaltet auch, daß Gottes erste Entscheidung bleibt, die metaphysische Grund­lage jenes freien Willens nicht anzugreifen. Das bedeutet auch des Menschen Fähigkeit, die Überzeugung, die Gott be­nützt, um jenen freien Willen zu beeinflussen, zurückzuwei­sen, während die metaphysische Basis frei und unverletzt bleibt.

Überzeugung, nicht Zwang ist es, auf was er sich verlassen muß. Und der Überzeugung muß ihrer eigentlichen Bestim­mung nach auch Widerstand geleistet werden können. Den­noch ist Gott, der sich selbst in die Lage begibt, daß ihm wi­derstanden werden kann, so allweise, daß er jede Folge seiner eigenen Selbstbegrenzung mit Leichtigkeit beseitigen kann. Ob er nun solchen Widerstand umgeht oder ihn sogar als Werkzeug benutzt — Gott erreicht auf jede erdenkliche Weise seine ewigen Ziele!

Es geht also keinesfalls darum, ob Gott schließlich Erfolg haben wird mit seinen Plänen oder nicht; denn sein Erfolg ist absolut sicher. Hochspannung erzeugen vielmehr Fragen wie: Wer unter den Söhnen und Töchtern der Menschen wird das Vorrecht des anbrechenden Gnadentages Gottes erkennen? Und welche Männer und Frauen, die dieses Vorrecht erken­nen, werden es verachten, so wie Esau sein Erstgeburtsrecht verachtete? Und schließlich: Wie wird Gott sein Ziel errei­chen, wenn selbst Männer und Frauen, die ihn lieben und sein Ziel zu dem ihrigen machen, sich als geistlich verwundbar, körperlich schwach und in ihrem Verständnis so kläglich be­grenzt erweisen?


Kann es schwerere, aufregendere Fragen als diese geben?

Voll drückender Spannung werden wir nun weitersehen, wie es Jesus mit unermüdlicher Mühe und Geduld erreichte, elf stammesstolze Juden in Sendboten Gottes mit einer kul­turübergreifenden Botschaft umzuwandeln. Unglaublicher-weise schien diese seine wichtigste und ausgefeilteste Schu­lungsarbeit zuerst beinahe zu scheitern, bis ... Aber wir wol­len unserer Geschichte nicht vorgreifen!


Kapitel 6

Die verborgene Botschaft

der „Apostelgeschichte"

Millionen und Abermillionen von Christen denken, daß die Apostelgeschichte des Lukas einen Bericht über den Gehor­sam der zwölf Apostel dem großen Missionsbefehl gegenüber gibt. In Wirklichkeit aber ist die Apostelgeschichte ein Be­richt über ihr Widerstreben den Anweisungen Jesu gegen­über!

Als die Elf wie angewurzelt auf jenem Hügel standen, von wo aus Jesus gen Himmel fuhr, und sahen, wie er in den Wol­ken verschwand, fühlten sie da tatsächlich in sich die Bereit­schaft, Jesu letztem Befehl zu gehorchen? Sicherlich mußte doch das Vorbild der Barmherzigkeit Jesu mit dem römischen Hauptmann, mit der syrophönizischen Mutter, mit dem aus­sätzigen Samariter, mit dem von Dämonen besessenen Ga­darener und seine in diesem Sinn herangezogenen Vergleiche mit einem syrischen General wie Naeman, der Witwe von Sa­repta, den Leuten von Ninive, die Buße taten, mit den Men­schen von Sodom und Gomorrha, die ohne einen klaren Ruf zur Buße umkamen, doch ausreichen, um endlich das Vorur­teil aus ihren Herzen wegzuräumen und statt dieses Vorurteils sie mit dem Sendungsbewußtsein zu erfüllen, für „alle Völ­ker" bis an die Enden der Erde gehen zu sollen!

Jesu biblischer Überblick in Verbindung mit seinem Mis­sionsbefehl mußte doch den Jüngern den Plan Gottes für die ganze Welt enthüllt und in ihnen die entsprechende Motiva­tion bewirkt haben! Und schließlich — sollte nicht die ihnen verheißene Kraft des Heiligen Geistes ihre Herzen und Sinne so verwandeln, daß sie ihre eigenen Vorstellungen von Kultur und Tradition überbrücken konnten und in dieser Kraft Jesu Befehl erfüllten?

Doch halt! Im Blick auf das Geschenk der Kraft des Heili‑


gen Geistes versuchen Sie sich einmal vorzustellen, Gott habe Sie als „Fachmann für Öffentlichkeitsarbeit" angestellt, um dieses Ereignis für ihn zu planen! Nehmen Sie an, er hätte Ih­nen nur eine bestimmte Anweisung gegeben: es müsse auf ei­ne Weise geschehen, die es selbst den schwerfälligsten Jün­gern unmißverständlich klarmachte, daß diese Kraft, die in Kürze geschenkt werde, nicht nur als persönlicher Segen oder erhebendes Gefühl gedacht sei, sondern vielmehr daß sie die Jünger befähigen solle, das Evangelium allen Völkern auf der ganzen Welt zu bringen!

Selbst wenn Sie der einfallreichste Fachmann für Kontakt­pflege aller Zeiten wären, würden Sie kaum eine bessere Möglichkeit ausgetüftelt haben, um diese Sache klarer darzu­stellen, als nachfolgend beschrieben.

Als schließlich die Kraft des Heiligen Geistes über die Jün­ger Jesu kam, war es genau der richtige Zeitpunkt! Gottes­fürchtige Juden aus mindestens 15 verschiedenen Regionen des Nahen und Mittleren Ostens waren in Jerusalem zusam­mengekommen, um das Pfingstfest zu feiern. Zusätzlich zu ih­rer Kenntnis des Hebräischen und/oder Äramäischen spra­chen diese Fremden — oft wurden sie die Juden der Diaspora, der „Zerstreuung", genannt — wahrscheinlich einige Dutzend heidnischer Sprachen.

Die Kraft des Heiligen Geistes, die auf die Apostel und an­dere treue Nachfolger Jesu kam, veranlaßte sie wunderbarer­weise, in den vielen heidnischen Sprachen zu reden, die gera­de jetzt zu Jerusalem vertreten waren durch die zusammenge­strömte Menge von Diaspora-Juden und zum Judentum über­getretenen Heiden. Warum geschah das?

Nicht nur, um die zu segnen, die sprachen. Die Wunderga­be, in nichtjüdischen Sprachen zu reden, wäre überflüssig ge­wesen, wenn nur ihr eigener Segen beabsichtigt gewesen wä­re!

Es geschah auch nicht nur, um die Diaspora-Juden zu seg­nen, die diese Sprachen verstanden. Wenn der Zweck nur de­ren eigene Erbauung gewesen wäre, hätten Hebräisch oder Aramäisch ausgereicht.

Erst recht bestand der Zweck nicht darin, zu demonstrie‑


ren, welch erstaunlicher Tricks sich der Heilige Geist bedie­nen könnte.

Im Zusammenhang mit Jesu Dienst und seinen deutlich ausgesprochenen Plänen für die ganze Welt konnte das Ge­schenk jenes wunderbaren Ausbruchs in heidnischen Spra­chen nur einen Hauptzweck haben: kristallklar zu machen, daß die Kraft des Heiligen Geistes damals wie heute nur das eine Ziel im Auge hat, nämlich allen Völkern das Evangelium von Christus zu verkündigen! Jeder Versuch, die Kraft des Heiligen Geistes zum persönlichen Vergnügen oder zur eige­nen Erhöhung zu mißbrauchen oder gar um Zeichen und Wunder an und für sich zu erstreben, muß vor Gott als völlige Mißdeutung seiner Absichten erscheinen.

Trotzdem erleben wir manchmal Christen, die Kraft und Zeichen suchen, ohne sich im geringsten selbst für die Evan­gelisierung der Völker einsetzen zu wollen!

Doch schauen wir, ob jene erste Generation von Christen die Bedeutung der Gaben des Heiligen Geistes besser erkann­te

Mit der Kraft des Heiligen Geistes in ihrem Zeugnis über­schritten die Apostel sehr rasch die erste der vier von Jesus er­wähnten Schwellen mit ihrer Botschaft. Sie evangelisierten Jerusalem — das war für sie kein Problem! „Ihr habt Jerusalem erfüllt mit eurer Lehre ..." (Apg. 5,28), beschwerten sich ihre Kritiker bald. „Und die Zahl der Jünger ward sehr groß zu Je­rusalem ..." (Apg. 6,7), konnte auch bald berichtet werden. Am Ende des siebten Kapitels der Apostelgeschichte finden wir jedoch, daß alle Apostel einschließlich Tausender von Gläubigen alle noch in Jerusalem zusammengedrängt waren. Fünfundzwanzig Prozent des Buches der Apostelgeschichte war bereits Geschichte geworden, aber soweit der Bericht zeigt, hatten sie immer noch keine Pläne gemacht, um den Rest des letzten Befehls Jesu auszuführen!

Sogar Gott wurde ungeduldig, wenn wir richtig verstehen, was nun folgte. Offensichtlich war Gott bereit, außergewöhn­liche Maßnahmen zu treffen, um die Gabe seines Sohnes für die ganze Menschheit davor zu bewahren, nur als ausschließli­ches Eigentum eines einzigen Volkes vereinnahmt zu werden


— nämlich der Juden. Gottes Lösung war sehr einfach, wenn auch schmerzhaft: Er zerstreute die Christen durch Verfol­gung. Die Feinde, die die Nachfolger Jesu verjagten, hatten nicht die geringste Ahnung davon, daß sie zur Erfüllung des Willens Gottes beitrugen: „Es erhob sich aber eine große Verfolgung über die Gemeinde zu Jerusalem; und sie zer­streuten sich alle in die Länder Judäa und Samarien, außer den Aposteln" (Apg. 8,1).

Hätte denn nicht wenigstens einer der Apostel führend sein müssen in der Ausübung des letzten Befehls Jesu? Offensicht­lich konnte selbst die Verfolgung sie nicht von ihrem heimatli­chen Boden wegbringen.

„Die nun zerstreut waren, zogen umher und predigten das Wort. Philippus (nicht der Apostel, sondern einer der sieben Diakone, bestimmt zum Laien-Dienst für die Versorgung der Tausende Gläubiger in Jerusalem, vgl. Apg. 6,5) aber kam hinab in eine Stadt Samariens und predigte ihnen von Chri­stus ... und ward eine große Freude in derselben Stadt" (Apg. 8,4-8).

Nachdem Philippus als „Laie" eine Art Arbeitsurlaub au­ßerhalb von Jerusalem verbracht hatte und somit das Eis in Samarien gebrochen war (vgl. Apg. 6,1-5), beschlossen die Apostel, zwei von ihnen — Petrus und Johannes — dorthin zu senden, damit die Erweckung Fortschritte machen und der begonnene Segen wachsen konnte.

Für Petrus und Johannes war das bestimmt keine leichte Mission, wahrscheinlich auch nicht für Philippus. Ihre eigene Kultur hatte die Juden gelehrt, als Menschen erster Klasse die Samariter strikt zu meiden; „denn die Juden haben keine Ge­meinschaft mit den Samaritern" (Joh. 4,9). Die Samariter gin­gen dagegen von ganz anderen Voraussetzungen aus. Sie wa­ren nicht einmal der Meinung, daß Jerusalem, die Heilige Stadt der Juden, das Zentrum der Welt war! Und ihr Blut war mit Heidenblut vermischt! Reine Heiden wären für Juden wahrscheinlich noch erträglicher gewesen, aber eine Mi­schung ... wie abscheulich!

Sumerien oder vielleicht sogar Sibirien wäre für jüdische Männer ein leichteres Missionsfeld gewesen als dieses widerli­che Samarien!


Trotzdem waren Petrus und Johannes schließlich ganz be­geistert von ihrem neuen Dienst in jener samaritanischen Stadt. Sie waren so begeistert, daß sie sofort hinterher „pre­digten das Evangelium vielen samaritischen Dörfern", aber nur auf ihrem Heimweg zurück nach — raten Sie, wohin? — Je­rusalem (vgl. Apg. 8,25)!

In der Zwischenzeit war jener gleiche draufgängerische Philippus wieder unterwegs auf einen Befehl hin, der eindeu­tig vom Heiligen Geist kam, um einen weiteren kulturüber­greifenden Schritt der Mission zu tun! „Der Engel des Herrn redete zu Philippus und sprach: Stehe auf und gehe gen Süden auf die Straße, die von Jerusalem nach Gaza hinabführt, die ist einsam. Und er stand auf und ging hin. Und siehe, ein Äthiopier, ein Hofbeamter und Würdenträger der Königin Kandake, der Königin Äthiopiens, der ihren gesamten Schatz zu verwalten hatte, war nach Jerusalem gekommen, um dort anzubeten" (Apg. 8,26-27).

Hier haben wir noch ein weiteres Beispiel der Bibel von ei­nem Heiden, der den wahren Gott anbetete. Der Bericht läßt nicht einmal erkennen, daß es sich um einen Konvertiten zum Judentum handelt, wie es etwa in einem früheren Fall heißt: „Nikolaus, den Judengenossen von Antiochien" (Apg. 6,5), wobei ein zum Judentum übergetretener Heide gemeint ist.

Philippus wanderte „die einsame Straße" entlang und be­merkte, daß der Äthiopier in seinem Wagen saß und im Buch des Propheten Jesaja las. Übrigens, im Buch Jesaja ist ein di­rekter Hinweis auf „Kusch" gegeben, das obere Niltal, wo dieser Äthiopier unter der Königin Kandake angestellt war. (Das Dinka-Volk dieser Region gehört zu den hochgewach­sensten in der Welt, und die riesigen Wattusi aus Zentralafri­ka sollen, so glaubt man, auch aus Kusch stammen.) In Jesaja 18,2.7 heißt es: „Gehet hin, ihr schnellen Boten, zum Volk, das hochgewachsen und glatt ist, zum Volk, das schrecklicher ist als sonst irgendeins, zum Volk, das befiehlt und zertritt, dessen Land Wasserströme durchschneiden, ... es wird Ge­schenke bringen dem Herrn Zebaoth an den Ort, da der Na­me des Herrn Zebaoth wohnt, zum Berge Zion."

Soweit wir wissen, war Philippus der erste „schnelle Bo‑


te", der je so nahe an die Erfüllung dieser stark kulturüber­schreitenden Aussage kam, die genau in dem Buch stand, das der Äthiopier las.

Die Aufmerksamkeit dieses Äthiopiers aber war auf eine andere Stelle dieses Buches gerichtet, nämlich auf Jesaj a 53,7: „ ...Wie ein Schaf ward er zur Schlachtung geführt, und wie ein Lamm, das vor seinem Scherer verstummt, tat er seinen Mund nicht auf" (Apg. 8,32).

Der Äthiopier fragte Philippus: „Ich bitte dich, von wem redet der Prophet solches, von sich selber oder von jemand anders? Philippus aber tat seinen Mund auf und fing mit die­sem Wort der Schrift an und predigte ihm das Evangelium von Jesus" (Apg. 8,34-45). Der Äthiopier glaubte, begehrte noch am gleichen Tag die Taufe und „zog ... seine Straße fröhlich" (Apg. 8,39).

Die Geschichte weist darauf hin, daß er so vielleicht später erfolgreich den Weg vorbereiten konnte für die Gründung Tausender christlicher Gemeinden im weit entfernten Nil­tal.

Nachdem Philippus sich von dem Äthiopier verabschiedet hatte, nahm er das nächste Bollwerk in Angriff. Apostelge­schichte 8, 40 berichtet: „Philippus aber ward gefunden zu Asdod und zog umher und predigte allen Städten das Evange­lium, bis daß er kam nach Cäsarea."

Soweit wir wissen, ging sogar Philippus nicht noch weiter. Aber wie er schon vorher bahnbrechend für Petrus und Jo­hannes nach Samarien wurde, so öffnete er auf seiner Wande­rung nordwärts entlang der Küste durch Lydda, Joppe und Cäsarea wiederum die Türen für Petrus. Denn in Apostelge­schichte 9,32 bis 11, 18 finden wir, daß Petrus erneut den Fuß­stapfen des Philippus folgt. Zweifellos tat Petrus eine großar­tige Arbeit, aber er verkündigte Christus immer noch nur da, wo man seinen Namen bereits gepredigt hatte — mit einer her­ausragenden Ausnahme!

Während Philippus in Cäsarea war, verpaßte er wohl einen gottsuchenden römischen Hauptmann, Cornelius. So fiel die­se Missionsaufgabe, Cornelius für Christus zu gewinnen, Pe­trus zu. Und welch ein seelischer Schock war es sogar für den


geisterfüllten Petrus, sich um die Bekehrung eines Römers bemühen zu sollen! Erst durch eine dreimal erfolgende Vision wurde seine antiheidnische Einstellung gereinigt und über­wunden (Apg. 10,9-23). Aber Petrus begriff endlich. Gerade die darauffolgende Begegnung mit Cornelius ist eine treffen­de Studie über menschliches Vorurteil, das allmählich dahin­schmilzt durch die wunderbar reine Güte des Evangeliums von Jesus Christus.

Seine Vorbereitung auf die Begegnung mit dem gottsu­chenden Römer faßte Petrus mit den Worten zusammen: „Nun erfahre ich in Wahrheit, daß Gott die Person nicht an­sieht; sondern daß in jedem Volk, wer ihn fürchtet und Ge­rechtigkeit übt, ihm willkommen ist" (Apg. 10,34-35).

Und dennoch, als Petrus beginnt, dem Heiden Cornelius und seinem Hause zu predigen, fängt er an wie ein kleiner Wichtigtuer, nett zu sein — aber nicht zu nett — zu Leuten, die „anders" sind. Petrus beschreibt das Evangelium als ein „Wort, das Gott zu den Kindern Israel gesandt hat, als er ver­kündigen ließ den Frieden durch Jesus Christus" (Apg. 10,36)! Er erwähnt erst überhaupt nicht, was Jesus doch so klar gesagt hatte — daß es nämlich Frohe Botschaft für alle Völker ist. Doch im nächsten Atemzug, als er wohl Enttäu­schung auf dem Gesicht seiner heidnischen Zuhörer bemerkt, gibt er zu, daß Jesus ja auch Kontakt mit Heiden hatte, und fügt hinzu, daß Jesus „Herr über alle" ist.

Noch später sprach Petrus Jesu letzten Befehl für seine heidnischen Zuhörer aus; aber ach, welch eine stark verkürzte Form des großen Auftrags war das! „Und er hat uns geboten, zu predigen dem Volk und zu bezeugen..." (V. 42). Nicht schwer zu erraten, welches „Volk" Petrus instinktiv meinte.

Dann aber, trotz der Voreingenommenheit des Petrus, brachte der Heilige Geist ihn schließlich doch dazu zu sagen: „Von diesem zeugen alle Propheten, daß durch seinen Na­men alle, die an ihn glauben, Vergebung der Sünden empfan­gen sollen" (V. 43).

Und in diesem Augenblick überwältigte der Heilige Geist die sehnsüchtige heidnische Zuhörerschaft genauso, wie er gläubige Juden am Tag der Pfingsten und Ausgestoßene Sa‑


mariens, die zuerst durch den Dienst des Philippus erweckt worden waren, überwältigt hat.

Aber ach! Die Lektion Jesu alle Kulturen durchdringenden Befehls war so schwer sogar für seine von ihm selbst ausge­suchten Apostel zu lernen! Und auch für uns gilt das!

Als Petrus nach Jerusalem zurückkehrte, kritisierten ihn seine jüdischen Mitchristen, wie er es natürlich auch erwartet hatte. Sie machten ihm den Vorwurf: „Du bist gegangen zu Männern, die nicht Juden sind, und hast mit ihnen gegessen" (Apg. 11,3).

Nachdem Petrus ihnen erklärt hatte, wie Gott ihn geradezu gezwungen hatte, dieses römische Haus zu betreten, änderten seine Kritiker ihre Meinung und sagten: „... So hat Gott auch den Heiden die Buße gegeben, die zum Leben führt" (Apg. 11,18).

Man fragt sich, was sie wohl vor jenem Augenblick über den Zweck des Missionsbefehles Jesu gedacht haben mögen! Wie konnten sie sich vorstellen, ihn auszuführen „bis an die Enden der Erde", ohne daß ein Jude jemals mit einem Heiden zusammen essen würde!

Auch andere Christen mit jüdischem Hintergrund, die durch die Verfolgung von Jerusalem vertrieben wurden, ge­langten nordwärts bis nach Phönizien, Cypern und Antio­chien. Auch sie verkündigten das Evangelium. Doch der Be­richt gibt an, daß sie sorgfältig darüber wachten, es nur Juden weiterzugeben.

Immerhin waren aber doch einige aus Cypern und Kyrene, die beschlossen, diese Botschaft auch den Heiden zu über­bringen! Aber einen Augenblick, bitte! Sie zogen es vor, das Evangelium den Heiden nicht in ihren eigenen Heimatgefil­den von Cypern und Kyrene zu bringen, wo sie selbst bekannt waren. Sie taten es in Antiochien, wo sie anscheinend nicht so bekannt waren. Warum? Könnte es sein, daß sie sich den Rückzug freizuhalten versuchten, falls sie gleicher Kritik be­gegnen sollten, wie es Petrus geschah? Wollten sie die Mög­lichkeit der Flucht in die Heimat offenhalten und dabei den „kochenden Topf" hinter sich dann einfach im Stich lassen!


Wieder einmal brach der Geist des Herrn durch. Man be­kommt den Eindruck aus dem Buch der Apostelgeschichte, daß dieser Geist immerwährend darauf wartete, hindurchzu­stoßen, wo immer und sobald er Christen finden konnte, die bereit waren, Heiden mit dem Evangelium bekanntzuma­chen. Und so lesen wir: „Und die Hand des Herrn war mit ih­nen, und eine große Zahl ward gläubig und bekehrte sich zu dem Herrn" (Apg. 11,21).

Die nachstehenden Gedanken über den folgenden Satz sind vielleicht nur Vermutungen: Man kann fast eine Spur von mildem Spott entdecken: „Es kam aber diese Kunde von ih­nen vor die Ohren der Gemeinde zu Jerusalem" (Vers 22).

Der geisterfüllte Schreiber könnte genausogut gesagt ha­ben: „Die Nachricht davon erreichte die Gemeinde in Jerusa­lem." Der Ausdruck „Ohren der Gemeinde" mag ein sanfter Hinweis auf des Lukas (und des Heiligen Geistes) Ungeduld gewesen sein mit der immer noch viel zu engherzigen Sicht der Gemeinde in Jerusalem. Wir müssen uns auch daran erin­nern, daß alle zwölf Apostel (Matthias war ja an die Stelle von Judas getreten) sich als Häupter der Gemeinde in Jerusalem in Ruhe niedergelassen hatten. Deshalb konnte die Formulie­rung „Ohren der Gemeinde" leicht verstanden werden als „Ohren der Apostel", wenn nicht Lukas das mit sanfter Di­plomatie umschrieben hätte.

Auch wagt sich keiner der Apostel nach Antiochien, um die großen Dinge selbst zu sehen, die dort unter den Gläubi­gen aus den Heiden geschahen. Sie schickten lediglich einen Mann namens Barnabas dorthin.

Warum überhaupt einen Abgeordneten nach Antiochien?

Könnte es sein, daß Petrus, Johannes und die übrigen auch an einem Zustand litten, den man im gewöhnlichen Leben als „Hauptquartierfieber" bezeichnet?

Sie werden allezeit Christi Apostel sein. Ihre Namen sind für immer auf den zwölf Grundsteinen des neuen Jerusalems geschrieben (vgl. Offb. 21,14). Und doch sehen wir: Genauso wie in den vier Evangelien manche Schwächen und Fehler der Apostel sichtbar werden — Zanken über ihre Stellung, Heftig­keit, Versuch, Jesus vom Kreuz abzulenken —, so enthüllt


auch die Apostelgeschichte einen genauso ernsthaften Irrtum ihrerseits, nämlich ihr Zögern, den letzten Befehl Jesu wirk­lich wichtig zu nehmen — jedenfalls während der ersten Jahre unmittelbar nach Pfingsten.

Warum verweilten sie Jahr für Jahr nur in Jerusalem, an­statt mutig in der Kraft, die Gott ihnen gegeben hatte, zu ent­fernteren Völkern zu gehen?

Die beste Rechtfertigung mag in folgenden Überlegungen bestehen: Vielleicht hatten sie ein starkes Bedürfnis, in ge­meinschaftlichen Überlegungen alle Worte und Taten Jesu zusammenzutragen, solange sie noch frisch in ihrer Erinne­rung waren, so daß Matthäus, Markus, Lukas und Johannes später daraus die Evangelien schreiben konnten. Möglicher­weise nahm dieser Austausch von Erinnerungen einen Zeit­raum von fünf bis zehn Jahren in Anspruch, vielleicht sogar länger. Aber die Bekundungen jener Zeit deuten an, daß zwanzig oder mehr Jahre vergingen, bevor sie hinausgingen. Und selbst das ist zeitlich noch nicht gesichert.

Dachten sie womöglich auch, ihre ständige Gegenwart in Jerusalem sei nötig, damit die Heilige Stadt ebenso das Zen­trum des neuen Glaubens wie bisher für das Judentum bliebe? Wenn, dann hatten sie total vergessen, was Jesus einst zu der Samariterin gesagt hatte neben dem alten Brunnen bei Sy­char: „Weib, glaube mir, es kommt die Zeit, daß ihr weder auf diesem Berge noch zu Jerusalem werdet den Vater anbe­ten" (Joh. 4, 21).

Oder hing es mit der Tatsache zusammen, daß sie verheira­tet waren (vgl. 1. Kor. 9,5) und die Frauen und Kinder nicht so weit reisen konnten?

Oder war es ihre alte Streitfrage, wer der Größte sei, daß sie auf Jerusalem konzentriert blieben? Schließlich war es ja ein Unterschied, ob man in der großen, etablierten Kirche in der Heiligen Stadt blieb oder sie verließ, um sich die Hände schmutzig zu machen bei rauher, viel gefährlicherer Pionier­arbeit. Das bedeutet doch einen Abstieg im Rang, oder nicht? Hatte gar jeder der Apostel Angst, Jerusalem zu verlassen, weil vielleicht einer der Zurückbleibenden sich durch einen Übergriff die Macht aneignen und Bischof von Jerusalem wer­den könnte?


Was auch immer die Antwort auf diese Vermutungen sein mag — die Notwendigkeit bestand jedenfalls, sofort eine neue Botengruppe zusammenzustellen, um Jesu letzten Befehl vor dem Vergessenwerden zu retten. Wer auf Erden aber besaß die Voraussetzungen dafür, wenn sogar die von Jesus selbst auserwählten und mit dem Heiligen Geist erfüllten Apostel größtenteils versagten?

„Saul, Saul ... warum verfolgst du mich?"

Das war die Stimme des kürzlich gen Himmel gefahrenen Jesus, der aus einem Licht heraus sprach, das heller schien als die Sonne. Von diesem Licht geblendet, fiel Saulus von Tar­sus zu Boden. „Wer bist du, Herr", fragte er.

„Ich bin Jesus, den du verfolgst", kam die Antwort, aber ganz frei von Rachedrohungen wegen jener Verfolgung. Sau­lus zuckte zusammen. Es war noch nicht lange her, da hatte er die Kleider der Leute bewacht, die den Stephanus steinigten —einen der leidenschaftlichsten Zeugen Jesu. Seitdem plagte ihn sein Gewissen, denn er hatte selbst jenem Märtyrertod zu­gestimmt Darüber hinaus hatte er viel zur Verfolgung ande­rer Christen beigetragen. Und nun erfuhr er am eigenen Lei­be, daß alles, was über Jesus Christus gesagt worden war, ge­nau stimmte! Es erfüllte ihn mit Scham und Ehrfurcht! Jesus mußte wahrhaftig der Herr sein!

„Stehe auf und gehe in die Stadt; da wird man dir sagen, was du tun sollst", fuhr die Stimme fort (Apg. 9,4-6).

Während Saulus, immer noch erblindet, drei Tage in Da­maskus wartete, erschien Jesus einem demütigen Gläubigen mit Namen Ananias und sandte ihn, die Augen des schlimm­sten Christenverfolgers jenes ganzen Jahrzehnts zu heilen. Als Ananias zögerte und um sein eigenes Leben bangte, sagte Jesus — beachten Sie die Worte! — : „Gehe hin; denn dieser ist mir ein auserwähltes Rüstzeug, daß er meinen Namen trage vor Heiden und vor Könige und vor das Volk Israel. Ich will ihm zeigen, wieviel er leiden muß um meines Namens willen" (Apg. 9,15-16).

So begann eine neue apostolische Gesandtschaft. Saulus hatte, das müssen wir zugeben, bessere Voraussetzungen für


seinen Auftrag als Heidenapostel innerhalb des römischen Reiches als die in Palästina geborenen Apostel.

Aufgewachsen war er in Tarsus, einer vorwiegend heidni­schen Stadt. Er sprach nicht nur Hebräisch und Aramäisch, sondern auch Griechisch und vielleicht sogar Latein. Er war als römischer Bürger geboren. Sein gründliches Studium des Alten Testaments unter dem Gelehrten Gamaliel befähigte ihn, die inneren Zusammenhänge des Alten Testaments mit dem Glauben an Christus mit unvergleichlicher Klarheit und Genauigkeit aufzuzeigen.

Später half Saulus dem Barnabas bei der Unterweisung der vielen Bekehrten aus dem Heidentum während eines Jahres in Antiochien. Gegen Ende dieses Jahres hatte sich Saulus of­fensichtlich eine neue, klar umrissene Strategie für den Evan­geliumsfeldzug unter Heiden zurechtgelegt. Vom Evange­lium her, so entschied er, besteht kein Anlaß, zu Gott bekehr­te Heiden zu beschneiden, wie es für Juden vom mosaischen Gesetz vorgeschrieben war. Auch brauchten sie sich nicht notwendigerweise den jüdischen Synagogen anschließen. Sie konnten ihre eigenen Gemeinden bilden — die ecclesia , in de­nen sie Gott durch Jesus Christus anbeteten, ohne dabei die strengen jüdischen Vorschriften und Zeremonien beachten zu müssen. Von nun an kam es nur darauf an, dem moralischen Maßstab des Gesetzes gerecht zu werden, nicht aber das zere­monielle äußere Beiwerk zu erfüllen!

Das war ein gewaltiger Durchbruch. Bis dahin hatten Pe­trus und die anderen Apostel sich nämlich krampfhaft be­müht, das Problem zu lösen, wie sie Gläubige aus den Heiden in die sogenannten „Nazarener"-Synagogen eingliedern könnten. Was gab es denn schließlich überhaupt für diese Gläubigen als Anschlußmöglichkeit? Und da die offiziellen Synagogen nicht darauf eingerichtet waren, große Scharen bekehrter Heiden zu fassen, war es peinlich, wenn so viele gerne Mitglied werden wollten. Wenn zu viele aufgenommen wurden, konnten sie vielleicht zur Mehrheit werden. Nein, es war einfach leichter, sie gar nicht erst zu gewinnen!

Der Gedanke des Saulus, den Barnabas offensichtlich be­grüßte, daß heidnische Gläubige ihre eigenen Gemeinden bil‑


den sollten, die nicht notwendig von christlichen Juden, son­dern von heidnischen Gläubigen geleitet werden konnten, be­reitete den Weg für zahllose Heiden, zu Jesus zu kommen. Nachdem Saulus und Barnabas auf diese Weise ein Jahr zu­sammen in Antiochien gearbeitet hatten, reisten sie nach Je­rusalem, um den Aposteln ihr neues Modell der Heidenevan­gelisierung vorzulegen. Vorsichtigerweise wählten sie nur Pe­trus, Jakobus und Johannes, die „Führer zu sein schienen", für die erste Anhörung. Die anderen Apostel wurden von Saulus und Barnabas vielleicht für zu engherzig gehalten. Sau­lus hatte sich Titus mitgenommen, einen griechischen Chri­sten, der nie beschnitten worden war, als Testfall. Petrus, Ja­kobus und Johannes — wie Saulus hoffte — bestanden nicht dar­auf, daß Titus beschnitten werden sollte (vgl. Gal. 2,1-5). Ganz allmählich änderte sich die allgemeine Ansicht zu ihren Gunsten. So schrieb Saulus später: „Mir haben die, welche das Ansehen hatten, nichts weiter auferlegt. Im Gegenteil ... sie sahen, daß mir anvertraut war das Evangelium an die Hei­den... und wurden mit uns eins, daß wir unter den Heiden, sie aber unter den Juden predigten" (Gal. 2,6.7.9).

Beachten Sie die Andeutung, daß keiner der andern Apo­stel bisher den jüdischen Bereich überschritten hatte. Wäre das der Fall gewesen, würden Petrus, Jakobus und Johannes kaum in dieser Weise von Saulus und Barnabas als den einzi­gen Botschaftern Christi für die Heiden gesprochen haben.

Wie erstaunlich! Es gab inzwischen mindestens 15 Männer, die als Apostel anerkannt waren, seit Matthias, Jakobus (der Bruder des Herrn), Saulus und Barnabas sich den ursprüngli­chen Elf angeschlossen hatten. Doch von diesen 15 waren nur zwei „abgeordnet", um die mindestens 900 Millionen Heiden in der damals bekannten Welt zu evangelisieren. Die anderen 13 sind davon überzeugt, sie seien alle nötig, um nur drei Mil­lionen Juden das Zeugnis von Christus zu bringen. Dabei wa­ren bereits Zehntausende von ihnen bekennende Gläubige! Ihre unverfrorene Bereitschaft, Paulus und Barnabas die ge­samte Arbeit der Heidenmission zu überlassen, geht mir nicht in den Kopf.

Hatte der Herr Jesus es so gemeint?


Saulus, der von da an stärker seinen römischen Namen Paulus bevorzugte, war insgesamt nicht sehr beeindruckt von den anderen Aposteln. Das ist auch kein Wunder! Paulus schrieb: „Von denen (Petrus, Jakobus und Johannes), die das Ansehen hatten — wer immer sie einst gewesen sind, daran liegt mir nichts; denn Gott achtet das Ansehen der Menschen nicht ..." (Gal. 2,6).

Später hatte Paulus sogar eine öffentliche Auseinanderset­zung mit Petrus in Antiochien. Trotz der Erfahrung, die Pe­trus mit Cornelius, dem römischen Hauptmann, gemacht hat­te — und wobei sich Gott große Mühe gegeben hatte, ihm deut­lich zu machen, daß es für Petrus völlig in Ordnung sei, mit ei­nem Heiden Tischgemeinschaft zu haben —, hatte Petrus den­noch die ihm von Gott erteilte Lektion noch längst nicht ver­daut. Paulus beschreibt das Problem: „Denn zuvor, ehe etli­che von Jakobus (dem Bruder Jesu) kamen, aß er mit den Hei­den; als sie aber kamen, zog er sich zurück und sonderte sich ab, weil er die aus dem Judentum fürchtete. Und mit ihm heu­chelten die anderen Juden, so daß auch Barnabas verführt ward, mit ihnen zu heucheln" (Gal. 2,12-13). Das zeigt, wie bitter schwer der Kampf war, die „Alle-Völker-Perspektive" durchzuhalten!

Paulus entschloß sich zur Tat: „Als ich aber sah, daß sie nicht richtig wandelten nach der Wahrheit des Evangeliums, sprach ich zu Petrus vor allen öffentlich: Wenn du, der du ein Jude bist, heidnisch lebst und nicht jüdisch, warum zwingst du dann die Heiden, jüdisch zu leben?" (Gal. 2,14). Paulus er­klärt seine Logik: „Ich werfe nicht weg die Gnade Gottes; denn wenn durch das Gesetz die Gerechtigkeit kommt, so ist Christus vergeblich gestorben" (Gal. 2,21).

Nachdem sich diese neuen Auffassungen des Apostels Pau­lus durch die Erfahrungen in Antiochien, in Jerusalem und in Tarsus allgemein durchgesetzt hatten, war der Weg nun frei.

Befreit von dem Hindernis jüdischen Außerwähltsein­Denkens, konnte sich das Evangelium nun bei Tausenden von Völkerschaften ausbreiten als eine alle Kulturen überwinden­de geistliche Macht. Es war in der Tat eine viel zu großartige und großherzige Botschaft, als daß sie lange von dem pharisäi­schen Judaismus gekettet bleiben konnte!


Als der Weg so geklärt war (Apg. 13,2-3), sprach der Heili­ge Geist: „Sondert mir aus Barnabas und Saulus zu dem Werk, dazu ich sie berufen habe. Da fasteten sie und beteten und legten die Hände auf sie und ließen sie ziehen" in die Welt des Heidentums.

Paulus und Barnabas waren fest davon überzeugt, daß Hei­den, die glauben, „Miterben sind und mit zu seinem Leibe ge­hören und Mitgenossen der Verheißung in Christus Jesus sind durch das Evangelium" (Eph. 3,6). „So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen ... auf welchem auch ihr miterbaut werdet zu einer Behausung im Geist" (Eph. 2,19.22).

Paulus wagte es sogar, später in seinen Briefen zu schrei­ben: „In Christus ... ist nicht Jude noch Grieche, da ist nicht Sklave noch Freier, da ist nicht Mann noch Weib; denn ihr seid alle einer in Christus Jesus" (Gal. 3,28). Denn „Christus hat die Scheidewand, ... die Feindschaft, abgebrochen" (Eph. 2,14).

Er und Barnabas erklärten später kühn. „ ... Siehe, nun wenden wir uns zu den Heiden. Denn so hat uns der Herr ge­boten: Ich habe dich den Heiden zum Licht gesetzt, daß du das Heil seiest bis an das Ende der Erde" (Apg. 13,46-47).

Die Würfel waren gefallen. Christentum und Judentum waren nun getrennt! Petrus, Jakobus und Johannes hatten ihr Äußerstes versucht, sie zusammenzuhalten, aber der Druck des letzten Befehles Jesu war zu stark. Die Ausbreitung des Segens Abrahams an alle Völker auf Erden war immer noch die unveränderliche Natur seiner Absicht. Nachdem der Herr sich selbst durch einen Eid gebunden hatte, kann er und will er seinen Sinn nicht ändern.

Paulus und Barnabas waren in die Gemeinden von Antio­chien zurückgekehrt und berichteten, daß Gott, der mit ihnen war, „ ... den Heiden hätte die Tür des Glaubens aufgetan" (Apg. 14,27).

Später sandten diese Gemeinden Paulus und Barnabas nach Jerusalem zu einer zweiten Sitzung mit Petrus, Jakobus und Johannes, um ein für allemal die Frage zu klären, die im­mer noch viele jüdische Gläubige beunruhigte, ob nämlich


Heidenchristen, um wirklich gerettet zu sein, sich nicht doch der Beschneidung unterziehen und allen Punkten des mosai­schen Gesetzes gehorchen müßten, einschließlich aller Ritua­le.

Petrus, der jetzt eine Menge gelernt hatte, erinnerte die Versammelten an seine vor Jahren gemachte Erfahrung im Hause des Cornelius: (Gott) „machte keinen Unterschied zwischen uns und ihnen, nachdem er ihre Herzen gereinigt hatte durch den Glauben. Was versucht ihr denn nun Gott da­durch, daß ihr ein Joch auf der Jünger Hälse legt, welches we­der unsre Väter noch wir haben tragen können? Vielmehr glauben wir, durch die Gnade des Herrn Jesus selig zu wer­den, gleicherweise wie auch sie" (Apg. 15,9-11).

Später sprach Jakobus, der Bruder des Herrn, das ent­scheidende letzte Wort: „Simon hat erzählt, wie Gott zum er­stenmal darauf Bedacht genommen hat, aus Heiden ein Volk für seinen Namen zu gewinnen" (Apg. 15,14).

Jakobus legte seinen Finger auf den wichtigsten Punkt. Es war Gottes Fürsorge — denn sie selber hatten sich ja so gut wie gar nicht darum gekümmert! Dann fuhr Jakobus fort. „Damit stimmen die Worte der Propheten überein, wie geschrieben steht: Danach will ich mich wieder zu ihnen wenden und will wieder bauen die Hütte Davids, die zerfallen ist, und ihre Trümmer will ich wieder bauen ... damit die übrigen der Men­schen den Herrn suchen und alle Heiden, über die mein Name ausgerufen worden ist, spricht der Herr" (Apg. 15,15-17).

Es ist möglich, daß einige der ursprünglichen Apostel, bis­her gebunden an ihre palästinische Herkunft, schließlich doch bei dieser Konferenz anfingen, sich die Augen öffnen zu las­sen für die Möglichkeiten des Dienstes unter weit entfernten Heidenvölkern. Nachdem sie die großartigen Berichte von Paulus und Barnabas unter Kleinasiens Völkern gehört hat­ten, mag ihnen zwangsläufig klar geworden sein, daß Gottes Handeln nicht auf Jerusalem und Samarien begrenzt bleiben wollte!

Es gibt sogar eine Theorie darüber, daß Lukas die Apostel­geschichte möglicherweise als hintergründig verschleiertes Handbuch geschrieben habe, mit dem er die anderen Apostel


und ihre Judenchristen ermutigen wollte, dem Beispiel des Paulus in der Mission an den Heiden zu folgen!

Auf jeden Fall aber müssen sich die Apostel nach der Zer­störung Jerusalems im Jahre 70 n. Chr. zerstreut haben; denn in der verwüsteten Stadt gab es keine Möglichkeit mehr, sich von der übrigen Welt abzuschließen.

Verschiedene Überlieferungen, von frühen Kirchenvätern und anderen Quellen zitiert, weisen darauf hin, daß Jakobus der Gerechte — Jesu leiblicher Bruder — niemals Palästina ver­lassen hat, sondern in Jerusalem den Märtyrertod gestorben ist. Der Apostel Johannes erweiterte jedoch die Arbeit des Apostels Paulus in Kleinasien und starb in der Gegend von Smyrna und Ephesus.

Der Apostel Petrus dehnte seinen Dienst aus in die heidni­sche Welt bis nach Rom und wurde, nach einer außerbibli­schen Überlieferung, mit dem Kopf nach unten von Römern in jener Stadt gekreuzigt.

Thomas, so sagt die Überlieferung, ließ sich von der Schlußzeile des großen Befehls sogar bis nach „Indien" füh­ren. Zu jener Zeit verstand man unter Indien alles, was östlich von Syrien lag; doch es gibt Quellen dafür, daß Thomas mög­licherweise bis in die Gegend von Madras vorgedrungen ist, nahe der Südspitze des eigentlichen Indiens. Eine große Zahl alter Kirchen in jenem Gebiet nennen sich nach ihm die „Mar Toma Kirchen". „Toma" mag auf den Namen „Thomas" zu­rückzuführen sein.

Zuverlässigen Berichten zufolge zog Andreas im Norden des Schwarzen Meeres unter den wilden skythischen Stäm­men umher, den Vorfahren der heutigen Russen. Andere Apostel drangen offensichtlich in Äthiopien, Nordafrika, Sy­rien und vielleicht in den Süden Arabiens vor. Vielleicht wer­den eines Tages Forscher alte Dokumente entdecken, die grö­ßere Klarheit darüber geben, was in den letzten Lebensjahren eines jeden Apostels geschah.

Was veranlaßte sie schließlich, doch noch im Gehorsam auszuziehen, um die Schlußzeile des letzten großen Befehls unseres Herrn zu erfüllen? Hatten sie die Apostelgeschichte des Lukas gelesen und das „Wie" verstanden, das ihnen glau‑


ben half, es sei ihnen tatsächlich möglich, auch andere Völker mit dem Evangelium zu erreichen, so wie es Paulus und Bar­nabas möglich war?

Oder war es die Zerstörung Jerusalems unter Titus im Jah­re 70 n. Chr., die sie schließlich einfach dazu zwang, hinauszu­gehen und ihr Nest zu verlassen — ein für allemal? Was immer sie auch überzeugt haben mag — sie zogen jedenfalls hinaus. Und seitdem sind immer wieder Christen hinausgegangen im Gehorsam jenem letzten Befehl gegenüber. Nicht alle Chri­sten, das müssen wir beachten. Nur eine kleine Minderheit in jeder Generation hat dem letzten großen Befehl Jesu wirklich gehorcht.

Aber jene kleine Minderheit von Christen hat allein und kraftvoll 2.000 Jahre lang die entscheidenden Weichen für den weiteren Geschichtsverlauf gestellt! Höhepunkte ihrer unglaublichen Geschichte — eine Geschichte, die oft unterbe­wertet oder übersehen wurde von weltlichen Historikern —sollen das Thema meines nächsten Buches sein. Ich werde darin die großen Siege jener kleinen Minderheit aufzeigen un­ter Kapitelüberschriften wie: „Der erste Bibel-Gürtel der Welt" (ein Gebiet von rund 13.000 Kilometern, das ganze Mittelmeer umschließend); „Die Galater-Verbindung"; „Die drei Zeitalter".

Ich werde auch eingehen auf Einzelheiten der Rückschläge durch den Muslim-Holocaust, den Wikinger-Holocaust und die Pest.

Schließlich möchte ich zeigen, daß wir heutigen Christen alle auf den Schultern jener kleinen Minderheit unserer Vor­läufer stehen, die verstanden hatten, daß die Schlußzeile des göttlichen Bundes die „unveränderliche Natur von Gottes Plan" erklärt. Sie haben uns ihren kraftvollen Schwung wei­tergegeben, der uns antreiben kann, zum Segen für jedes noch ungesegnete Volk auf Erden zu werden — wenn wir diese groß­artige Schwungkraft nicht verpuffen lassen!

Wir haben es also in unserer Hand, Gottes viertausend Jah‑
re alte Verheißung zur endlichen Verwirklichung zu bringen.
Wenn wir als Repräsentanten des Abraham-Faktors, die
jedes Bündnis mit dem Sodom-Faktor strikt ablehnen, den


Melchisedek-Faktor anerkennen und ihm den verdienten Zehnten geben -

KÖNNEN WIR ES VOLLBRINGEN!


Fragen zum Studium

Kapitel 1

1.    Wer war Epimenides? Welche drei Voraussetzungen wa­ren in seinem außergewöhnlichen Opfer eingeschlossen?

2.    Vergleichen Sie Gideons „Auslegen der Wolle" (Richt. 6, 36-40) mit des Epimenides' „Ausführen der Schafe". Ist diese allgemeine Methode, den Willen Gottes herauszufin­den, auch heute noch gültig? Haben Sie je etwas Ähnliches ausprobiert? Mit welchen Ergebnissen?

3.    Wie reagierte Paulus auf den Götzendienst in Athen? Auf welcher Grundlage nahm er jenem bestimmten Altar in der Stadt gegenüber eine andere Haltung ein? In welchem Sinn hat Götzendienst einen „eingebauten Inflations-Fak­tor"?

4.    Was ist die Septuaginta? Welchem Hauptproblem mußten ihre Übersetzer begegnen? Welche Lösung fanden sie? Stimmten die Apostel ihrer Lösung zu?

5.    Woher weiß man, daß der Apostel Paulus mit der Ge­schichte von Epimenides vertraut war und ihn anerkannte?

6.    Abgesehen von theos welcher andere bekannte griechi­sche Begriff wurde als Name für die Gottheit verwendet und auf welcher Grundlage? Welcher Apostel verbreitete den Gebrauch des Begriffs Christen?

7.    Wer waren Inti und Pachacuti, und auf welcher Grundlage stellte der spätere der beiden die Empfehlungen des ersten in Frage?

8.    Welches größte politische Problem verhinderte Pachacutis Reformation? Hätte er eine bessere Lösung für dieses Pro­blem finden können?

9.    Auf welche Weise haben europäische Christen die Azte­ken, die Mayas und die Inkas noch schwerer betrogen, als es Cortez, Pizarro und andere Eroberer taten?


10.  Vergleichen Sie den geistlichen Scharfsinn des Pharao Echnaton mit dem des Inka Pachacuti. Weshalb, denken Sie, haben weltliche Gelehrte den einen praktisch über­gangen, während sie den anderen besonders anerkann­ten?

11.  Ziehen Sie Parallelen zwischen dem Alten Testament und dem Bericht der Santal über den Ursprung der Men­schen.

12.  Welcher biblische Präzedenzfall, der früher erwähnt wur­de, rechtfertigt Skrefsruds Verwendung von Thakur Jiu als gültigen Namen für den Allmächtigen unter den San­tal?

13.  Wie verwendete Edward Tylor Darwins Evolutionstheo­rie, um das Aufkommen der Religion zu erklären? Wel­che Zeugnisse in aller Welt widerlegen Tylors Theorie? Was versuchten die ersten Evolutionisten mit diesen Tat­sachen zu machen? Nennen Sie zwei Ethnologen aus dem frühen 20. Jahrhundert, die sich bemühten, Gegentatsa­chen zu verbreiten?

14.  Nennen Sie zwei Hauptinhalte von Tylors Theorie und zeigen Sie, wie jede Voraussetzung, die von bestimmten Leuten zu ihrer logischen Folgerung geführt wurde, in der Katastrophe endete.

15.  Welche Warnung sollten ideologische Erneuerer aus dem vorgenannten Fall ziehen?

16.  Welche neueren historischen Entwicklungen begünstigen eine Korrektur der katastrophalen Auswirkungen von Tylors Theorie?

17.  Wie haben Theologen im allgemeinen auf die Nachricht eines weltweiten „Himmelsgott"-Phänomens reagiert? Wie spielten Theologen den Evolutionisten unwissentlich in die Hände?

18.  Wie bereitete die Volksreligion des Gedeo-Volkes in Äthiopien den Weg für das Evangelium vor?

19.  Was veranlaßte den Missionar Eugene Rosenau zu der Aussage, das Mbaka-Volk sei der Wahrheit näher als sei­ne eigenen Vorfahren in Nordeuropa?


20.            Was bedeutet erlösende Lehre? Warum soll man es nicht Erlösungslehre nennen?

21.            Auf welche vorrangige Weise durchkreuzt der Große Be­fehl den menschlichen Stolz?

22.            Welcher hauptsächliche Irrtum im Denken der frühen chinesischen „Theologen" öffnete dem Konfuzianismus, dem Taoismus und dem Buddhismus Tür und Tor und verdrängte die ursprüngliche Anbetung von Shang Ti/ Hananim?

23.            Auf welche Weise hat das Christentum versucht, diesen uralten Fehler zu korrigieren?

Kapitel 2

1.    Ziehen Sie Parallelen zwischen der Bibel und den er­staunlichen Volksreligionen der Karen, Kachin, Lahu, Wa, Lisu, Naga und Mizo. Welche Schwerpunkte bibli­scher Lehre fehlten in jenen Volksreligionen?

2.    Auf welche Weise erwarteten diese verschiedenen Volks­religionen, daß Gott sich weiter offenbarte, um den Man­gel auszufüllen?

3.    Worin bestand der hauptsächliche Nachteil, den Ko Thah-byu durch Gottes Gnade überwand, und was führte schließlich dazu, daß er der „Karen-Apostel" genannt wurde? Welchen Beitrag leisteten die Karen-Leute für die Völker um sie herum?

4.    Auf welche Weise hat Professor Hugo Bernatzik die wah­re Situation unter den Kachin- und Lahu-Völkern miß­deutet?

5.    Welche Grundlage der Heiligen Schrift haben wir, wenn wir annehmen,daß es außergewöhnlich erleuchtete Hei­den gibt, wie zum Beispiel Epimenides, Pachacuti, Kole­an, Pu Chan, Worasa etc. , die als Zeugen von Gott hin und her ausgestreut wurden, um so den Weg für das Evangelium vorzubereiten?


Kapitel 3

1. Welcher faszinierende Aspekt der heidnischen Kulturen fiel Paulus auf, und wie ging er darauf ein?

2. Auf welche Weise hilft uns die Beobachtung des Paulus zu einem besseren Verständnis der Dyak-Kultur in Borneo, der Asmat- und der Yali-Kulturen von Irian Jaya (West-Neuguinea) und der Kultur des alten Hawaii?

3. Vergleichen Sie die Kopfjäger-Kannibalen der Asmat in Irian Jaya mit dem Juden Nikodemus.

4. Geben Sie zwei Beispiele biblischer Aussagen, die ver­schlüsselt in chinesischen Schriftzeichen enthalten sind.

5. Erklären Sie das Konzept der Heiligen Vier. Wie symboli­sieren die nordamerikanischen Stämme der Indianer diese Heiligen Vier?

6. Auf welche Weise würdigt die Bibel die Zahl vier? Welche theologischen Parallelen verschaffen dem Evangelium für den Verstand der Indianer einen besseren Zugang?

Kapitel 4

1.    Erklären Sie die wechselseitige Ergänzung der Anfangs-und der Schlußzeile des Abraham-Bundes.

2.    Auf wen hat Gott den Segen, der in der Schlußzeile er­wähnt wird, „abgezielt"? Nennen Sie einige alttestament­liche Geschichten, die zeigen, wie die Schlußzeile wirkt.

3.    Welche Bibelstellen beweisen, daß die Apostel Paulus und Petrus und der Schreiber des Hebräer-Briefes sahen, daß der Abraham-Bund (einschließlich seiner Schlußzeile) grundlegend für die Zeit des Neuen Testamentes ist?


Kapitel 5

1.         Nennen Sie einige Anzeichen dafür, wie Jesus seine völlige Hingabe an die Schlußzeile des Abraham-Bundes in sei­nem ganzen Dienst bewies, nicht nur in den letzten Minu­ten vor seiner Himmelfahrt.

2.         Auf der Grundlage von Matthäus 10,5-6 und 15,24 sagen manche, Jesus sei gekommen, um den Juden ein buchstäb­liches, irdisches Königreich anzubieten, durch das sie aus­schließliche Herrschaft über die Heiden haben sollten, und daß er seinen großen Missionsbefehl dann nur als eine Art „Plan B" verwirklichen wollte, nachdem die Juden ihn ab­gelehnt hatten. Diskutieren Sie das im Licht von Matthäus 10,18 und anderen ähnlichen Schriftstellen.

3.         Beschreiben Sie Beispiele, wo Jesus Begegnungen mit nichtjüdischen Leuten nutzte, um die „Alle-Völker-Per­spektive" zu lehren.

Kapitel 6

1.              Auf welche Weise war der Dienst des Diakons Philippus so entscheidend?

2.              Nennen Sie Stellen in der Apostelgeschichte, die zeigen, daß die zwölf Apostel nicht nur unbewußt, sondern beina­he offen zögerten, der Schlußzeile des großen Befehls zu gehorchen.

3.              Was war sehr wahrscheinlich das kaum verhüllte Motiv des Chronisten Lukas, die Apostelgeschichte zu schreiben?

4.              Was waren die zwei neuen Ideen von Paulus? Worin unter­scheidet sich eine Kirche bzw. eine Gemeinde von einer Synagoge? Worin unterscheidet sich eine missionarische Gruppe von einer Kirche?

5.              Was war im höchsten Maß unfair in dem Übereinkommen, das in Galater 2,9 beschrieben wurde?


6. Welche „endgültigen Überredungen" mag Gott benutzt haben, um die Apostel endlich aus ihrem Nest in Jerusalem herauszuholen und in alle Richtungen hinauszuschicken?


Nachwort zur dritten Auflage

Thomas Schirrmacher

Als 1981 die erste englische Ausgabe des vorliegenden Buches erschien löste sie sofort eine umfangreiche Diskussion aus. Der deut­schen Ausgabe von 1983 erging es nicht anders, auch wenn sich diese Diskussion kaum schriftlich niederschlug. Der Titel Ewigkeit in ihren Herzen wurde für manche Programm, für andere Stichwort für eine umfassende Kritik.

Nun war von Anfang an damit zu rechnen, daß die Übertragung dieses amerikanischen Buches in die deutschsprachige Situation nicht problemlos verlaufen würde. Dafür gibt es im wesentlichen zwei Gründe. Der Grund, der uns hier weniger interessieren soll, ist der Stil des Buches. Richardson verbindet wissenschaftliche Recherchen mit unterhaltsamer Erzählung. Überhaupt gibt es ja im amerikani­schen Buchwesen viel weniger Berührungsängste zwischen Wissen­schaft und kundenfreundlicher Darstellung. Als Kritik kann dies in der Diskussion jedoch nur dann gelten, wenn deswegen gewichtige Aussagen nicht weiter belegt werden.

Damit kämen wir jedoch zum zweiten, für uns wichtigeren Grund. Das Buch von Richardson betritt in Amerika teilweise Neuland. So kann Richardson manches zunächst anregen, was genauerer Erfor­schung bedürfte, wie er sie ja auch in dem von ihm geleiteten „Insti­tute for Tribal Studies" des US Center for World Mission fördert (vgl. zum Beispiel ein erstes Ergebnis: Mike Bews, „The Concept of the ,High God` in Traditional Igbo Religion", International Journal of Frontier Missions 2 (1985)/4: 315-321). Gleichzeitig setzt Richardson Dinge voraus, die im evangelikalen Bereich Amerikas geläufig sind, bei uns jedoch nicht. (Dies wird etwa an der guten Kurzfassung des Buches deutlich: Don Richardson, Gott in ihrem Herzen, Der Auftrag [JMEM] 1/1983: 26-28).

Im deutschsprachigen Bereich betrifft seineThese dagegen mehrere Themenkomplexe, die hier in Theologie, Ethnologie oder Religions­wissenschaft Gegenstand weitreichender und bedeutender Diskus­sionen waren, auch wenn manche von ihnen gegenwärtig nicht mehr ganz so im Vordergrund stehen. Meine ergänzenden Literaturhin­weise der vorliegenden Ausgabe sollten einen ersten Hinweis darauf geben.

Es erscheint mir daher angebracht, einige dieser Fragen wenigstens zu nennen und eine Einordnung des Werkes von Richardson vorzu­nehmen. Es sollen dabei sowohl Themen genannt werden, die im deutschsprachigen Bereich intensiver diskutiert wurden, als auch


solche, die in den USA vorausgesetzt werden können, bei uns jedoch erst bekannter werden müßten. Dabei werden sicher manche Mißver­ständnisse ausgeräumt, da Richardson manches gar nicht gesagt hat, was ihm im Rahmen der deutschen Diskussion unterstellt werden könnte. Zugleich wird dabei aber auch deutlich, daß seine Thesen nur dann wirkungsvoll vertreten werden können, wenn man sie ange­messen auf bestimmte Fragen begrenzt und insbesondere die aus Eth­nologie und Religionswissenschaft gewonnenen Erkenntnisse deut­lich von solchen Erkenntnissen absetzt, die aus biblischen Aussagen gewonnen werden.

Die im deutschsprachigen Bereich diskutierten Probleme, die in Aus­einandersetzung mit Richardson neu aufgearbeitet werden müßten, sind:

I. Im Bereich der Theologie:

1. Unfehlbarkeit der Bibel

Richardson setzt stillschweigend die Unfehlbarkeit und Irrtumslosig­keit des Alten und NeuenTestamentes voraus. Wer sie nicht teilt, wird ihm oft nicht folgen können. Als gute Einführung in diese Proble­matik empfehle ich Helge Stadelmann, Grundlinien bibeltreuer Schriftauslegung (BrockhausVerlag, Wuppertal 1985). Allerdings wird nicht jeder, der eine solche bibeltreue Position vertritt, automatisch Richardson Recht geben müssen. Sie erschließt nur das Verständnis für seine Auslegung der Bibeltexte.

2. Die natürliche Offenbarung und der Anknüpfungspunkt

Die entscheidende theologiegeschichtliche Jahreszahl für die Frage der natürlichen Offenbarung und der Anknüpfung beim Menschen ist 1934. Emil Brunner vertrat 1934 in seinem Werk Natur und Gnade die Existenz eines Anknüpfungspunktes trotz aller Einschränkungen auf Grund der Sünde des Menschen (vgl. mein 1988 erscheinendes Buch

Die neutestamentliche Gemeindeordnung als Herausforderung oder Das Mißverständnis des Emil Brunner, in der ich in dieser Frage für Brunner gegen Barth Stellung beziehe; sowie: Heinrich Leipold, Mis­sionarische Theologie, Emil Brunners Weg ... , Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1974). Karl Barth schmetterte seine Schrift Nein! dagegen, in der er jede Andeutung einer natürlichen Offenba­rung und eines Anknüpfungspunktes beim natürlichen Menschen


ablehnte. Sie führte zum endgültigen Bruch zwischen Barth und Brunnen Im gleichen Jahr, aber innerlich unabhängig von der berühmten Diskussion, veröffentlichte der Biblizist Wilhelm Lütgert sein großes Werk Schöpfung und Offenbarung (Mohn, Gütersloh 1934, Reprint Brunnen Verlag, Gießen 1984). Er warf dem Pietismus bzw. der Erweckungstheologie vor, die Schöpfungstheologie und Erkennbarkeit Gottes in der Schöpfung zu vernachlässigen und das Gewissen an deren Stelle zu setzen.

Neben dieser älteren Diskussion ist das Problem im evangelikalen Bereich wieder durch den modernen Kreationismus aktuell gewor­den, der über die Schöpfung und ihre wissenschaftliche Erforschung Menschen zum Glauben an Gott führen will. Das Problem ist aller­dings über weite Strecken nicht aufgearbeitet. So löste der Buchtitel des einst führenden Kreationisten A. E. Wilder-Smith Wer denkt, muß glauben viel Kritik aus, wurde aber selten durch eine Aufarbeitung der Grundsatzfrage nach der natürlichen Offenbarung ersetzt.

Richardson geht — einmal mit meinen Worten wiedergegeben — von einer dreifachen Form der natürlichen Offenbarung aus: Erstens die Schöpfung als Hinweis auf den Schöpfer, zweitens die geschichtliche Überlieferung, die seit der Sintflut existiert, und drittens übernatür­liche Offenbarungen (Träume, Stimmen etc.), die Gott Menschen zuteil werden läßt, die ihn nicht kennen.

Der klassische Text zu unserer Frage ist zweifellos der Beginn des Römerbriefes (Römer 1 und teilweise 2). Einige erste Anstöße sind dabei wesentlich:

1.     Paulus kennt eine natürliche Offenbarung. Sie beschränkt sich darauf, daß Gott in der Schöpfung durch Denken (V. 20: „logisch erfaßt") erkennbar ist, daß es einen ewig-mächtigen, göttlichen und unsichtbaren Schöpfer gibt (V. 20) und dieser Tatbestand jeden Men­schen unentschuldbar macht, der diesen Schöpfer nicht verehrt.

2.     Diese Erkennbarkeit Gottes liegt aber nicht in der Schöpfung an sich, sondern ist „Offenbarung" (V. 19!). Nur was Gott über sich absichtlich offenbart, kann der Mensch erkennen.

3.     Diese Offenbarung kommt aber gerade nicht darin zum Aus­druck, daß Gott verehrt wird, sondern darin, daß der Mensch sich Religionen geschaffen hat. Die Religionen gehen insofern auf eine Wahrheit zurück, weil sie durch Verdrehung der Wahrheit entstanden sind, nicht aber, weil sie diese Wahrheit selbst enthalten.

In diesem Zusammenhang läßt sich Richardsons Sicht der natürli­chen Offenbarung dann aufrecht erhalten, wenn man sie nicht auf alle Religionen anwendet, sondern auf die von Richardson genannten „Naturreligionen", wenn man unter solchen Religionen Religionen versteht, die eine kontinuierliche Überlieferung seit der Sintflut auf­weisen (das ist natürlich nur dem Kreationisten möglich, siehe dort).


Eine Anwendung auf den Islam ist etwa nur möglich, wenn man die Elemente des Islam berücksichtigt, die aus den altarabischen Stam­mesreligionen übernommen wurden (vgl. Christine und Thomas Schirrmacher, Prophet aus der Wüste Mohammed, Schwengeler Verlag, Berneck 1987, 2. Auflage, S. 15-21, bes. 19 f.). Auf die soge­nannten Stifterreligionen, die auf einen historisch bestimmbaren Anfang zurückgehen, kann man Richardsons These nicht anwenden.

3. Die Frage nach der Wahrheit in nichtchristlichen Religionen

Damit ist indirekt eine weitere wesentliche Frage angesprochen und das wichtigste zu ihrer Einordnung schon gesagt. Wahrheit in den Reli­gionen ist nach Römer 1 immer verdrehte Wahrheit, die die Reli­gionen und ihre Anhänger gerade zu Schuldigen macht. Echte Wahr­heit kann neben der Bibel nur aus der eben angesprochenen natürli­chen Offenbarung kommen, die insofern nicht „natürlich" ist, als sie bewußte Offenbarung Gottes ist.

Im Falle von Religionen, die eine geschichtliche Kontinuität bis zur Sintflut haben — was man nicht einfach bei allen sogenannten Naturre­ligionen annehmen kann —, ist eine durchgängige, wenn auch ver­zerrte Überlieferung der historischen Ereignisse Schöpfung, Sintflut, eventuell auch Sprachverwirrung denkbar, nicht jedoch bei Reli­gionen, die ohne Rückgriff auf Elemente solcher alten Religionen ganz neu entstanden bzw. entworfen wurden. Daneben können in allen Religionen logische Schlüsse auf den Schöpfer vorkommen, die aber keinen Heilswert besitzen, sondern im Gegenteil das Gericht über diese Religionen begründen.

Es ist allerdings klar, daß eine solche Position mit der gerade auch von deutschen Theologen vorgetragenen und beim ökumenischen Rat der Kirchen beheimateten Gedanken von Wahrheitselementen in anderen Religionen nicht überein zu bringen ist. Zu dieser Frage ist von evangelikaler Seite jedoch meist nur in aktuellen Auseinanderset­zungen, weniger umfassend Stellung bezogen worden.

4. Die Gottesbeweise

Die beiden eben genannten Problemkreise hängen natürlich eng mit der Frage der Gottesbeweise zusammen. Nachdem es lange Zeit so aussah, als wenn wenigstens im protestantischen Bereich die Gottes­beweise völlig abgedankt hätten, erleben sie derzeit mancherorts einen neuen Frühling. Niemand mag mehr im Brustton der Überzeu­gung ältere Gottesbeweise nachsprechen, geschweige denn neue


finden. Und dennoch scheint eine völlige Ablehnung der Gottesbe­weise weder der Vemunftsapologetik noch dem biblischen Zeugnis gerecht zu werden.

Da Richardson die Problematik nicht direkt anspricht, sie aber zu den beiden letztgenannten Themen gehört, sei auf zwei neuere Ver­suche hingewiesen, den Gottesbeweisen neues Gehör zu verschaffen. Beide Versuche lehnen es ab, daß ein einzelner Gottesbeweis den Glauben an Gott sicher begründen könne.

Von rein philosophischer Seite geht Richard Swinburne die Gottes­beweise an. In seinem philosophischen Klassiker Die Existenz Gottes (deutsch erst jetzt: Reclam, Stuttgart 1987), der zugleich eine Einfüh­rung in die moderne Logik darstellt, kommt Swinburne zu dem Schluß, daß kein Gottesbeweis allein ausreicht, alle zusammen aber die Existenz Gottes wahrscheinlicher machen als seine Nichtexi­stenz.

Hans-Georg Fritzsche hat dagegen in seinem Lehrbuch der Dog­matik (Teil II, Lehre von Gott und Schöpfung, Evangelische Verlags­anstalt, [Ost-]Berlin 19842, S. 14-47) versucht, die einzelnen Gottes­beweise als grundlegende Lehren über Gott aufzugreifen. Damit sind sie zwar nicht für den Nichtchristen logisch bindend, erhalten aber für den Christen ganz neue und grundlegende Bedeutung.

5. Der Kreationismus

Richardsons Buch ist nicht ohne den in unserer Generation neu aufge­kommenen theologischen und naturwissenschaftlichen Kreationismus zu verstehen. Im angelsächsischen Bereich beginnend, wurde er seit 1978 auch im deutschsprachigen Bereich heimisch (vgl. Thomas Schirr­macher, „The German Creationist Movement, Acts-Facts-Impact", Institute for Creation Research, Impact July 1985: 1-4). Der Kreatio­nismus geht davon aus, daß die Welt und die Lebewesen in kurzer Zeit von Gott erschaffen wurden. Gleichzeitig versucht er mit wissenschaft­lichen Argumenten die Evolutionstheorie zu erschüttern. Ohne daß Richardson den Kreationismus ausdrücklich erwähnt, setzt er ihn oft voraus, vor allem, wenn er davon ausgeht, daß die Kulturen der Men­schen recht jung sind. Die im Schwengeler Verlag und im Hänssler Verlag erschienenen kreationistischen Werke bieten genügend Ein­stiegsmöglichkeiten zu diesemThema. Allerdings ist der Kreationismus bisher wenig auf die Entstehung der menschlichen Kultur mit Kunst, Musik, Religion, Sprache, Schrift, Familienleben etc. angewandt worden, wie Horst W. Beck zu Recht programmatisch feststellt (Genesis, Hänssler Verlag, Neuhausen 1983, Schlußabsatz; vgl. aber meine Beiträge zu diesen Fragen in der Zeitschrift Factum). Man kann


daher Richardson nicht ohne Bezug auf den Kreationismus disku­tieren, was jedoch nicht heißt, daß jeder Kreationist Richardson zustimmen muß.

6. Die Entstehung der Genesis

Die Frage nach der Entstehung der Genesis (also des 1. Buch Moses) entscheidet über ihre Glaubwürdigkeit als historische (und lehrmä­ßige) Quelle. Nun gilt die sogenannte Quellenscheidung im deutsch­sprachigen Bereich für viele als unumstritten. Die wenigen Evangeli­kalen, die sich für eine frühere Entstehung der Genesis aussprechen und von ihrer Einheit ausgehen, werden überhört. In Amerika dagegen werden Alternativen zur Quellenscheidung öffentlich disku­tiert. Namentlich durch ihre zahlreichen bibeltreuen Universitäten haben evangelikale Wissenschaftler ihre ernstzunehmende Kritik an der historisch-kritischen Quellenscheidung der Genesis ausführlich formuliert. Ich habe in den Anmerkungen in diesem Buch englische und deutsche Literatur zum Thema genannt, da Richardson einfach von der Glaubwürdigkeit der Genesis ausgehen kann, bei uns aber die angenommene Unglaubwürdigkeit der Genesis Richardson am ehe­sten den Boden unter den Füßen wegzieht.

Daneben sei darauf hingewiesen, daß es ein evangelikales Modell zur Entstehung der Genesis gibt, das im Anschluß an P. J.Wiseman die einzelnen Berichte als Augenzeugenberichte bis zurück zu Adam auf einzelnen Tafeln ansieht (genauere Literatur in Thomas Schirrmacher, „Die Entstehung der Genesis", Factum 5/1985: 12-15). Auch wenn dies zunächst ein mögliches, aber nicht sicheres Modell bleibt, käme es Richardson von theologischer Seite sehr entgegen.

7. Die Mission im Alten Testament

Richardson geht davon aus, daß das Alte Testament nicht nur Mission unter nichtjüdischen Völkern für den Neuen Bund ankündigt, sondern bereits selbst davon berichtet. Diese Mission zu alttestamentlicher Zeit fordert alle Menschen auf, den einen Gott und Schöpfer zu ver­ehren und seine Gnade in Anspruch zu nehmen. Damit greift Richardson Aspekte derjenigen reformierten Theologie auf, die davon ausgeht, daß es zwischen dem Alten und Neuen Bund nur gra­duelle, nicht aber prinzipielle Unterschiede gibt. Die Gemeinde des Neuen Testamentes ist eine direkte Fortsetzung der Gemeinde des Alten Testamentes. Nun gibt es in Amerika große reformierte und evangelikale bzw. bibeltreue Kirchen. Richardson braucht hier nicht


ins einzelne zu gehen, da die biblischen Gründe dafür genügend bekannt sind. Im deutschsprachigen Bereich gibt es einen nennens­werten reformierten Pietismus bzw. reformierte Evangelikale nur in der Schweiz. Daher kennen viele die reformierte Theologie nur im liberalen Gewand der reformierten Landeskirchen. Ansonsten ist der Pietismus größtenteils lutherisch, in neuerer Zeit dispensationali­stisch geprägt. Dies ist beim Lesen zu berücksichtigen.

II. Im Bereich der Kulturanthropologie (Ethnologie und Reli­gionswissenschaft):

1. Das Verhältnis von Kulturanthropologie und Theologie

In den USAgibt es trotz aller Auseinandersetzungen eine lange frucht­bare Beziehung zwischen den einzelnen kulturanthropologischen Dis­ziplinen und der Missionswissenschaft. Bei uns ist die Einbeziehung von Kultur-, Sprach-, Sozial- und Religionswissenschaft in die mis­sionswissenschaftliche Forschung, wie sie etwa auch Richardson vor­nimmt, kaum gegeben. Entweder werden diese Disziplinen als völlig selbständig und über die Theologie erhaben angesehen, ja bestimmen die Theologie, oder aber die Theologie verteidigt ihr Primat durch Ignorieren der Ergebnisse. Notwendig ist jedoch ein theologischer Rahmen für die Einordnung der menschlichen Kultur, in dem die Ergebnisse nichttheologischer Disziplinen der Kulturanthropologie sinnvoll und nutzbringend eingeordnet werden können. Niemand kann der evangelikalen Theologie verwehren, sinnvolle Methoden der Erforschung des alltäglichen Lebens der Menschen aufzugreifen, ohne ihr theologisches Anliegen aufzugeben.

Ich habe zu dieser Frage erst kürzlich in meinem Artikel „Mission und Kultur, Als Ethnologe Christ sein?" (Factum 11 + 12/1987: 8-10) Stellung bezogen. Eine ausführlichere Fassung wird in derselben Zeit­schrift folgen. Um Wiederholungen zu vermeiden, möchte ich kurz einige wesentliche Passagen zitieren und ansonsten auf die Beispiele im Artikel verweisen.

„Wer als überzeugter Christ Ethnologie studiert, muß sich darauf gefaßt machen, häufig mit dem Vorwurf konfrontiert zu werden, Mis­sion zerstöre andere Kulturen. So wenig dieser Satz pauschal richtig sein kann, so wenig kann man ihn pauschal ablehnen. Solange man unter ‚christlicher' Mission alles versteht, was im Namen des ‚Chri­stentums' geschehen ist, wird die Aussage oft zutreffen. Durch die Kreuzzüge wurde mit Sicherheit auch Kultur zerstört. Und wenn in neuerer Zeit politische Revolutionen als christliche Missionsarbeit


bezeichnet werden, hilft eine blinde Verteidigung aller christlichen Mission nicht weiter ...

Also ist es im Gespräch zunächst notwendig, meinen Standpunkt als bibeltreuer Christ zu erklären. Daß Gott eine Entscheidung jedes einzelnen möchte, die nie durch Zwang erreicht werden kann, ist mir dabei sehr wichtig. Ich muß auch darauf hinweisen, wie die Bibel zur Kultur steht: Es ist strikt zwischen Kultur/Tradition und biblischen Wahrheiten zu trennen. Jesus warnt in Markus 7 (Matthäus 15) davor, menschliche Traditionen zum Wort Gottes zu erheben. Andererseits müssen Traditionen und Kulturen nur dort verändert werden, wo sie der Bibel entgegenstehen. Deswegen kann sich ein Christ auf alles in anderen Kulturen einstellen, was der Bibel nicht widerspricht. Paulus möchte gerade in seiner Missionsarbeit ,dem Juden wie ein Jude, dem Griechen wie ein Grieche ... und allen alles' werden (1. Kor 9, 20-23). Dabei wird oft das als christlich hingestellt, was Gott nie gefordert hat. Wir dürfen niemals unsere Kultur im Namen Gottes einer anderen Kultur überstülpen ...

Doch wer seinen Standpunkt als ‚Evangelikaler' erklären will, wird feststellen, daß gerade evangelikale Missionswerke am heftigsten von Ethnologiestudenten und -dozenten angegriffen werden ...

Wer die Bücher durchschaut, wird ein Sammelsurium an Argu­menten vorfinden. Manche Behauptungen sind mehr Phantasie als Wirklichkeit. Für die Spendenfreudigkeit der Evangelikalen hat man kein Verständnis und spekuliert deshalb herum, woher das Geld kommen könnte. Manche der berechtigten Vorwürfe gehen in Wirk­lichkeit gar nicht auf das Konto der Evangelikalen. Manche Vorwürfe sind eher theologischer Art, weil das Übersetzen der Bibel an sich als wenig christlich angesehen wird. Einige der Vorwürfe sind auch berechtigt, weil hier Missionare den Rahmen des ihnen in Gottes Wort Vorgegebenen überschritten haben. Häufig werden dabei Missionare aus den USA angegriffen. Allerdings müßte man zunächst über­prüfen, ob die in den Büchern geschilderten Dinge wirklich gesche­hen sind. Nirgends betrifft das jedoch das Grundsatzproblem. Zum Kern der Vorwürfe hat bereits Ursula Wiesemann in ihrem Buch Mis­sion und Menschenrechte Stellung genommen ...

Nun sind hier natürlich manche Anfragen zu stellen. Wenn sich zwei Kulturen begegnen, verändern sich immer beide. Die Frage ist, an Hand von welchem Maßstab der stärkere dem anderen Verände­rungen empfiehlt (oder aufzwingt). Doch unter Ethnologen werden selten oder nie die Maßstäbe des Vorgehens offengelegt. Denn es ist bloßes Wunschdenken, daß die Feldforschung der Ethnologen die betroffenen Kulturen nicht verändert. Der Kontakt zur Außenwelt wird in allen bisher weitgehend für sich lebenden Kleingruppen zunehmen. Regierung, Industrie, Missionsgesellschaften und Ethno‑


logen ‚streiten' darum, wer hier prägend wirkt. (Ich vermeide bewußt die von Ethnologen bezeichnenderweise immer noch verwendeten herabwürdigendenAusdrücke ,primitive'Völker oder ,Naturvölker`!)

Doch was wollen die Ethnologen erreichen? Den ,status quo' kann man ohnehin in keiner Kultur erreichen. Deswegen kann nur eineVer­änderung wünschenswert sein, die dem Wohl der Menschen dient und mit ihrem Einverständnis geschieht. Doch dieses „Wohl" muß defi­niert werden. Dies ist eine Aufgabe, die evangelikale Missionare im biblischen Sinne lösen und die Ethnologen oft vernachlässigen.

Doch kritisieren ist immer einfacher, als selbst bessere Wege zu beschreiten Immerhin gibt es ja Kleingruppen von Völkern, die ohne die Wycliff-Bibelübersetzer längst ausgestorben wären. Diese haben ihnen Zukunftsperspektiven gegeben, sie medizinisch abgeschirmt und gegenüber Landjägern und Weißen verteidigt. Die Infrastruktur der Missionsgesellschaften kommt den Einheimischen zugute. (Immerhin benutzen die Ethnologen, die einen abfälligen Bericht über die Wycliff-Bibelübersetzer schreiben wollen, ausnehmend gerne evangelikale Flugzeuge, um dorthin zu gelangen!)

Eine nicht zu überschätzende Leistung der Wycliff-Bibelübersetzer ist die Erforschung, Erhaltung und schriftliche Fixierung der Spra­chen ungezählter Gruppen. Würden diese Sprachen nicht fixiert, wären sie häufig bald vergessen. Der sonst sichere Verlust der Sprache wäre fast immer das Ende des Eigenlebens als Volk. Die Ethnologen haben hier nichts Ähnliches vorzuweisen._

Überdies zeigt die Übersetzung der Bibel die Liebe zu jeder ein­zelnen Kultur. Es geht nämlich oft nicht einfach um Mission, da bei Zweisprachigkeit auch die Landessprache benutzt werden könnte. Es geht darum, daß jede Sprache als Muttersprache gleich wertvoll und erhaltenswert ist. Es gibt keine primitive Sprache; eine Position, zu der die Ethnologen erst Jahrzehnte nach den Missionaren gefunden haben ...

2. Pater Wilhelm Schmidt

Das Werk von Richardson wirkt über weite Strecken wie eine Wieder­belebung der Lebensarbeit des katholischen Theologen, Ethnologen und Sprachwissenschaftlers Pater Wilhelm Schmidt. Schmidt genoß einst weite Anerkennung. Den besten Einblick in sein Denken gibt

sein Handbuch der vergleichenden Religionsgeschichte — Ursprung und Werden der Religion (Aschendorff, Münster 1930), das als Geschichte der Religionswissenschaft heute noch lesenswert ist. In den Fünfziger Jahren war seineThese vom Urmonotheismus (vgl. zum Begriff aberWilhelm Schmidt, Der Ursprung der Gottesidee, Band X,


Aschendorff, Münster 1952: 126-128) noch weithin geschätzt. Noch heute gilt sein Werk als bahnbrechend, wenn es im Grundsatz auch als überholt gilt. Das Wörterbuch der Ethnologie gibt eine kurze Skizzie­rung der Haltung der meisten Ethnologen gegenüber dem monu­mentalen Werk von Pater Wilhelm Schmidt:

P. W. SCHMIDTS materialreicher Versuch, Monotheismus gerade in „frühen" Kulturen nachzuweisen, mißlang. Wo er einen „Hochgott" ausmachte, fanden andere nur einen Kultur­heros oder einen Hauptgott neben vielen Göttern — oder gar die Geilheit eines zweigeschlechtlichen, unentwegt zeugenden und empfangenden Urwesens. ... Aber immerhin versetzte P. W. SCHMIDT den entwicklungsschematischen Reihen den Todesstoß: eine klare Stufenfolge (etwa Animismus — Poly­theismus — Monotheismus) entspringt gedanklichen Konstruk­tionen des 19. Jahrhunderts, ...nicht aber der empirisch beob­achteten Realität, in der z.B. die „frühen" Ureinwohner Aus­traliens hochabstrakte Ideen hatten. (Mark Münzel, „Reli­gion", S. 177-180 in: Bernhard Streck [Hrsg.], Wörterbuch der Ethnologie, Du Mont, Köln 1987, hier S. 1979).

(Vgl. Mühlmanns Artikel „Animismus", „Ethnologie", „Natur­völker" und "Urmonotheismus" im RGG3).

Eine ins Detail gehende Darstellung zu „Urreligion und Uroffenba­rung bei P. W. Schmidt" (Titel) hat Sylwester Pajak in seiner Disserta­tion gegeben (Studia Instituti: Missiologici SocietatisVerbi Divini [der Orden von Schmidt] 20, Steyler Verlag, St. Augustin 1978), wobei er allerdings nur die Literatur bis 1938 berücksichtigt, den vorüberge­henden Triumph von Schmidt nach dem 2. Weltkrieg jedoch nicht mehr erfaßt.

Er macht deutlich, wie stark Schmidt in der katholischen Theologie (besonders S. 207 zur Uroffenbarung und Apologetik von Genesis 1­3) seiner Zeit wurzelte und wie stark seineTheorie von seinen ethnolo­gischenTheorien bestimmt sind (vgl. das Schema S. 235).

Schmidt geht teilweise noch von einem evolutionistischen Bild aus. Er teilt die Kulturen in Kulturstufen bzw. Kulturkreise ein. Diese eth­nologische „Kulturkreislehre" ist inzwischen völlig überholt. Damit fällt die ethnologische Grundlage seinerTheorien.

Die Religion der ältesten Kulturstufe entspricht für Schmidt nun der Urreligion (vgl. neben dem eben genannten Schema Schmidts eigenes Schema in Ursprung und Werden ..., a.a.O., S. 234). Wenn die Stammesreligionen nicht notwendig sehr alt sind (siehe dort), können sie auch nichts über die Urreligion aussagen. Daneben hat Schmidt auf Grund seiner Kulturkreislehre darüber hinweg gesehen, daß es in


vielen Fällen zwar Zentralgottheiten gibt, diese aber nicht weibliche Gottheiten, weitere Götter, Dämonen etc. ausschließen. Schmidt findet sie nur in angeblich jüngeren Religionen.

Das heißt nun aber nicht, daß aus Schmidts Material kein Gewinn mehr geschlagen werden könnte. Mühlmann weist darauf hin, daß Schmidt die evolutionistische Sicht der Religionsgeschichte entthront hat. Daneben muß natürlich geprüft werden, ob manches Material von Schmidt im Lichte theologischer Überzeugungen weiterhin in seinem Sinne interpretiert werden darf. In meiner Sicht war Schmidt zuallererst Theologe und manches aus seiner Theologie und seiner daraus gewonnenen Einordnung gewisser Religionen ist überlegens­wert. Dies kann jedoch keinen reinen Ethnologen überzeugen.

3. Das Alter und die Abgrenzung der Stammesreligionen

Die Eingrenzung einer bestimmten Gruppe von meist kleinen Völkern als „Naturvölker", „primitive Völker", „Stammesvölker" etc. ist heute nicht mehr ohne weiteres möglich. Im Rahmen eines evolutioni­stischen Weltbildes meinte man die Völker auf Grund ihrer Entwick­lungsstufe einordnen zu können. Die europäische Überheblichkeit tat ihr übriges. Auch wenn dies leider heute noch nicht alle Bereiche der Völkerkunde erfaßt hat, ist eine solche Position wissenschaftlich nicht mehr haltbar. Es gibt kein einziges Kriterium, mit dem „Stammes­völker" von anderen Völkern unterschieden werden könnten.

Etwas einfacher sieht die Sachlage für die Religionen aus. Die Unterscheidung von Volksreligionen auf der einen und Stifter- oder Weltreligionen auf der anderen Seite muß zwar vorsichtig gehandhabt werden, hat aber eine gewisse Berechtigung. Ihre Verbreitung stimmt jedoch nicht einfach mit den „Natur- und Kulturvölkern" überein.

Innerhalb des Kreationismus wäre es denkbar, alte Volksreligionen als solche anzusehen, deren Völker ohne wesentliche Brüche zur Sintflut zurückzuverfolgen sind, während Stifterreligionen später entstanden. Schwer wird es natürlich, dies bei einem einzelnen Volk nachzuweisen! Außerdem gibt uns dies keine Auskunft über das Alter einzelner Ele­mente dieser Religion! Immerhin kann eine sehr alte Religion in neue­ster Zeit etwas aufgenommen haben, was dadurch als uralt erscheint.

Damit sind wir jedoch bei der Frage des Alters der Volksreligionen und — wenn man überhaupt von ihnen sprechen kann — der sogenannten Naturvölker. Es ist ein Fehlschluß der Evolutionisten gewesen, den ihre Gegner wie Pater Wilhelm Schmidt (siehe dort) oft übernahmen, daß die Kulturen und Religionen kleiner, zurückgezogen lebender Völker notwendigerweise sehr alt sind. Der Ethnologe Wilhelm E. Mühlmann schreibt treffend mit Hinblick auf Wilhelm Schmidt:


Eine einfache Überlegung lehrt uns folgendes: Mythen von Naturvölkern sind, wie alles ethnographische Material, zeitge­nössische Tatbestände. Wie alt sie bei diesem oder jenem Stamm sind, wie lange sie, in identischer Form, überliefert worden sind, wissen wir in den seltensten Fällen. Gegenüber all diesem Gerede von „Urvölkern" und „Urstufen" erscheint es mir angebracht, daß die sogenannten „Urreligionen", so wie wir sie heute kennen (und wir kennen nur ihren heutigen Zustand), nicht älter, sondern jünger als alle theologischen Religionen, einschließlich des Christentums, sind. (Wilhelm E. Mühlmann, „Das Problem des Urmonotheismus", Theolo­gische Literaturzeitung 78 [1953] 12: 705-718, hier 713-714, Sperrung im Original weggelassen).

Weiteres werden wir im folgenden Punkt ansprechen müssen.

Im deutschsprachigen Bereich hat noch einmal Franz Josef Thiel im hohen Alter eine „Religionsethnologie" (Titel) im alten Stil als „Grundbegriffe der Religionen schriftloser Völker" (Untertitel) ver­sucht (Collectanae Instituti Anthropos 33, Reimer Verlag, Berlin 1984). Für ihn ist der Begriff der Naturvölker noch nicht problema­tisch und er sieht die Einheitlichkeit der Naturreligionen gegenüber den Hochreligionen. Dabei lehnt er die Thesen von W. Schmidt und anderen Vertretern eines Urmonotheismus ab (S. 25-31), um dann den Höchsten Wesen in differenziertererWeise in den Naturreligionen an interessanten Beispielen nur um so breiteren Raum zu gewähren (S. 151-216). Es ist jedoch kaum anzunehmen, daß ihm in der jün­geren Generation noch einmal gefolgt werden wird.

4. Die Religion der Steinzeit

Die Religion der Steinzeitmenschen lag lange im Schatten der Reli­gionen der sogenannten Naturvölker. Indem man im evolutionisti­schen Weltbild davon ausging, daß die Naturvölker die Entwicklungs­stufe der Steinzeit etc. wiederspiegeln, konnte man von ihrer Religion auf die der ersten Menschen schließen, von denen Kulturfunde vor­liegen. Bisweilen wurden „die Religionen der vorgeschichtlichen und primitiven Völker" (Titel von F M. Bergounioux und Joseph Goetz, Pattloch Verlag, Aschaffenburg 1960) sogar einfach zusammen abge­handelt. Diesen Rückschluß zog auch noch Pater Wilhelm Schmidt, wenn auch innerhalb eines komplizierteren Systems der aufeinander­folgenden Kulturkreise (graphisch dargestellt bei Sylwester Pajak, a.a.O., S. 235 und Wilhelm Schmidt, Ursprung und Werden der Reli­gion, a.a.O., S. 234).


Wer jedoch diese Gleichung ablehnt, wird sich intensiver mit den ältesten Religionen beschäftigen. Dies ist von kreationistischer Seite bisher kaum geschehen (vgl. dazu meine gelegentlichen Bemer­kungen in der Zeitschrift Factum), zum Teil auch, weil eine ins ein­zelne gehende Einfügung der Steinzeit in den Rahmen der biblischen Chronologie kaum versucht wurde.

Versuche, aus den wenigen Funden eine Religion der Steinzeit zu re­konstruieren, sind selten. Sie basieren fast alle auf den europäischen Höhlenfunden und -malereien. Bahnbrechend war hier der bedeu­tende Höhlen- und Evolutionsforscher Professor Herbert Kühn, der anhand dieser Höhlenfunde sogar den Urmonotheismus verteidigte (Das Problem des Urmonotheismus, Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz, 1950). Von Schmidts These ausgehend, sah er den monotheistischen Gott am Anfang aller Religionen. Dieser Gott schuf dann die weibliche Muttergottheit und weitere Wesen. Ohne daß Kühn als Altmeister bisher insgesamt widerlegt wäre, sehen neuere Entwürfe die Lage anders. Die populär gewordenen Entwürfe von Marie E. P. König gehen von einer ursprünglichen Verehrung der Gestirne aus (zuletzt: Unsere Vergangenheit ist älter, S. Fischer Verlag, Frankfurt 1980). Trotz der unterschiedlichen Ergebnisse dürften jedoch beide bzw alle derartigen Entwürfe weit über das Beweisbare hinaus­gehen. Sie sind phantasievolle Versuche, aus den kaum vorhandenen Funden heraus eine Religion zu konstruieren. Fest steht jedenfalls, daß eine solche Religion kompliziert war und sich überhaupt nicht in das evolutionistische Schema einer frühen Primitivreligion einordnen läßt.

Gerade dort, wo also zumindest teilweise die eigentliche Schlacht über eine Urreligion geschlagen werden müßte, also bei der Religion, die mit den ältesten Kulturfunden der Menschen zusammenhängt, gibt es bisher auf beiden Seiten nur recht persönlich gefärbte Versuche, nichts jedoch, was den anderen zur Anerkenntnis der eigenen Position verpflichten könnte. Aus diesem Grund hat Richardson dieses Thema, das in Amerika wenig Aufsehen erregt hat, nicht behandelt.

Zusammenfassung

Die soeben angeschnittenen Fragen müssen nun zu einer Einordnung des vorliegenden Buches zusammengeführt werden. In Kürze lassen sich dem Leser zwei Leitlinien mitgeben:

Die Thesen des vorliegenden Buches sind theologisch verant­wortbar, wenn man die Bibel als Gottes unfehlbare Offenbarung aner­kennt. Eine biblisch bestimmte Einordnung des Buches in die Fragen


der natürlichen Religion, der Gottesbeweise, der Auslegung der Genesis, der alttestamentlichen Universalität der Mission und des Wahrheitsgehaltes der nichtchristlichen Religionen ist möglich, wenn man Römer 1 und 2 zum Ausgangspunkt macht. Man darf die These von Richardson nicht auf die Weltreligionen anwenden. Die Beispiele von Richardson können Römer 1 und 2 illustrieren, niemals beweisen. Denn die vorliegenden Funde ergeben nur dann ein sinnvolles Bild, wenn man Römer 1 und 2 und andere biblische Texte bereits voraus­setzt. Wenn dem aber so ist, wird sich der Wert des Buches von Richardson vor allem daran messen müssen, ob es allen biblischen Aussagen gerecht wird. Dabei hat Richardson sicher auf viele bibli­sche Fakten hingewiesen, die allzuschnell überlesen werden.

Von hierher wird auch das Verhältnis zur Ethnologie und Religions­wissenschaft bestimmt Die Thesen von Richardson sind ethnologisch und religionswissenschaftlich verantwortbar, wenn auch intensivere Forschung nötig ist. Das kann aber nur so viel heißen, daß Richard­sons These ethnologischen und religionswissenschaftlichen Erkennt­nissen nicht widersprechen. Aus diesen Ergebnissen selbst ergeben sie sich nicht zwingend, oder anders gesagt: diese Ergebnisse können das theologische Bild illustrieren, nie in sich begründen. Ohne Rückgriff auf das theologische Vorverständnis ist die These vom Urmonotheismus der Naturvölker nur ein Modell unter anderen. Durch seine bloße Exi­stenz wird es andere evolutionistisch orientierte Modelle relativieren können, die ihrerseits ebenfalls ohne ein außerhalb von Ethnologie und Religionswissenschaft liegendes Vorverständnis nicht zwingend sind.

(Ich danke den Studenten der FTA Gießen für ihre hier eingeflos­senen Anregungen und Diskussionsbeiträge anläßlich der Vorle­sungen zum Thema dieses Buches.)

Thomas Schirrmacher studierteTheologie in Basel und Kampen, Ethnologie, Reli­gionswissenschaft und Volkskunde in Bonn und Kulturanthropologie in Los Angeles. Er ist derzeit Direktor desTheodor-Christlieb-Instituts in Bonn.

Als Ergänzung sei auf seine folgenden Beiträge zum Thema hingewiesen. Die meisten erschienen in der Zeitschrift Factum, die sich auch weiterhin diesem Thema widmen wird.

„Urzeitmythen der afrikanischen Völker", Factum 10/1984: 18-25

„Die Religion in der Geschichte der Völker", Factum 7 + 8/1985: 48-50 „Musik-Evolution?", Factum 5 + 6/1982: 30-32

„Die Entstehung der Genesis", Factum 5/1985: 12-15

„Music - Evolution or Creation?", Creation Research Society Quarterly Vol 16 (1979) 1: 73-74 + 84

„The German Creationist Movement, Acts-Facts-Impact", Institute for Creation Research, Impact July 1985: 1-4

„Zu Gian Andrea Caduff, Antike Sintflutsagen",Wort undWissen Intern 9/1986: 14 = Gemeinde Konkret Magazin 4/86: Bk 1

„Theistische Evolution?", Factum 11 + 12/1984: 9-10

„Mission und Kultur -Als Ethnologe Christ sein?", Factum 11/12 (1987): 8-10


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Don Richardson

Friedens-Kind

Tb., 240 Seiten mit Abbildungen, Nr. 70 260

Bis 1962 lebte in West-Irian der Stamm der Sawi noch im Steinzeitalter und in völliger Isolierung von der Umwelt, als Kopfjäger und Kannibalen, die die Schädel ihrer Opfer als Kopfkissen be­nutzten. Unter den Sawi war tückischer Verrat mehr als eine Lebensweise. Er war höchstes Ide­al. Die beliebteste Form des Verrats war es, je­manden „mit Freundschaft zum Schlachtfest zu mästen". Don Richardson erzählt aus eigenem Erleben von der ursprünglichen Lebensweise dieses Stammes und wie Jesus Christus dem Sawi-Volk endlich Frieden brachte.

Don Richardson

Herren der Erde

Pb., 355 Seiten mit Abbildungen, Nr. 58 046

Die Yali, nackte Kannibalen, hausten tief in der Steinzeithölle der Schneeberge West­Irians als „Herren der Erde". Furchtbare Angst umgab diesen Stamm. Ihre Religion schloß Frauen und Mädchen vollständig aus. Ein Verstoß gegen die Religionsgeset­ze bedeutete: Von Freunden und Verwand­ten getötet zu werden. Der australische Pioniermissionar Stan Dale drang mit sei­nen Mitarbeitern in ihr abgelegenes Tal ein und forderte sie ungemein heraus. Oft kam es zu lebensbedrohlichen Situationen für die Mitarbeiter der Mission, bis zu jenem schrecklichen Ereignis ... Ein Missionsbuch, mit eindrücklichen Berichten und hoher erzähle­rischer Qualität und Spannung.


Howard und Geraldine Taylor

Hudson Taylor — Abenteuer mit Gott 176 Seiten, Bestell-Nr. 72 324

Viele Christen fragen und suchen — mit Recht — nach mehr Vollmacht und Kraft in der Nachfolge und im Dienste Jesu. Das Leben Hudson Taylors ist hervorragend dazu angetan, uns darin den Weg zu wei­sen. Die Verfasser dieses Buches — Sohn und Schwiegertochter Hudson Taylors —haben in feiner Weise die Lebensge­schichte dieses Mannes erforscht und auf­gezeichnet. Damit haben sie ein Buch ge­schaffen, das jedem offenen Leser einen reichen Segen bereiten will und eine Wegweisung zu einem erfüllteren, überfließenden Leben in der Nachfolge Jesu sein kann.

Ernst Vatter

Zum Staunen in der weiten Welt 80 Seiten, Bestell-Nr. 77 779

Der Autor war jahrzehntelang als Beauftragter der Sache Gottes in der ganzen Welt unter­wegs. Hier läßt er an einigen seiner besonderen Erlebnisse und Erfahrungen teilhaben. Es geht darum, den Blick für das Handeln Gottes zu bekommen — der auch unser Leben reich und erfüllt machen will.

Ernst Vatter wurde 1952 als Missionar nach Ja­pan ausgesandt. Während der zweiten Hälfte seines Berufslebens trug er Verantwortung für die Arbeit der Liebenzeller Mission in vielen Teilen dieser Welt.

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