Die Schlachter 2000 der Luther 1545 (letzte Hand) gegenüberzustellen, macht natürlich nicht besonders viel Sinn, da nun bald 500 Jahre Bibelwissenschaft dazwischenliegen. Grundtextsituation, Übersetzungsmethodik, Zielsetzung und kirchengeschichtliche Einordnung sind dabei grundverschieden. Obwohl sich die Luther 1545 als protestantische Übersetzung an den Textus Receptus hält, ist sie gleichzeitig von der Vulgata beeinflusst. Ferner enthält sie beispielsweise wie selbstverständlich die Apokryphen (wenn auch mit dem berühmten einschränkenden Hinweis) oder verrät Luthers fragwürdigen Standpunkt zum Jakobusbrief in der Einleitung desselben. Die von Luther eingeführte Übersetzungsmethodik, seine starke Persönlichkeit und die Erfordernisse seiner Zeit finden darüber hinaus hier und da ihren Niederschlag. Außerdem kann die Sprache des ausgehenden Mittelalters zu Missverständnissen führen, da sie zwar der heutigen Sprache recht ähnlich erscheint, aber dann dennoch in manchen Fällen eine ganz andere Bedeutung transportiert, als man augenscheinlich zunächst annehmen könnte. Die Luther 1912 hat hier kaum Relevanz, da sie die letzte Revision darstellt, die noch auf dem Textus Receptus basierte und sich somit automatisch auch an der Wiedergabetradition der Luther 1545 orientiert.

Johannes 1,42 (Luther 1545): Vnd füret jn zu Jhesu. Da jn Jhesus sahe / sprach er / Du bist Simon Jonas son / du solt Kephas heissen / das wird verdolmetscht / ein fels.

Dementsprechend Matthäus 16,18 (Luther 1545): Vnd ich sage dir auch / Du bist Petrus / vnd auff diesen Felsen wil ich bawen meine Gemeine / Vnd die Pforten der Hellen sollen sie nicht vberweldigen.

Randnotiz: (Petrus) Cepha Syrisch / Petrus Griechisch /heisset auff Deudsch ein Fels. Vnd alle Christen sind Petri / vmb der bekentnis willen / die hie Petrus thut / Welche ist der Fels / darauff Petrus vnd alle Petri gebawet sind. Gemein ist die bekentnis / also auch der name.

1. Korinther 11,26 (Luther 1545): DEnn so offt jr von diesem Brot esset / vnd von diesem Kelch trincket / solt jr des HErrn tod verkündigen / bis das er kompt.

Nun, wie wurde denn das Abendmahl zur Zeit Luthers gefeiert? Wohl nicht wirklich, da z.B. nur Brot gereicht wurde, kein Wein. Wurde dabei der Tod des Herrn verkündigt (ausdrücklich mündlich oder symbolisch in der Handlung des Abendmahls)? Lag Luther deshalb vielleicht die Formulierung als Aufforderung näher als eine präzisere, aber missverständlichere Wiedergabe? Ist diese Formulierung nicht bemerkenswert für jemanden, der von der Transsubstantiation ausgeht, oder spielt das hier keine Rolle?

Johannes 6,4 (Luther 1545): Es war aber nahe die Ostern der Jüden Fest.

Johannes 10,22 (Luther 1545): ES ward aber Kirchweihe zu Jerusalem / vnd war winter /

Johannes 10,23 (Luther 1545): Vnd Jhesus wandelte im Tempel in der halle Salomonis.

Luther dürfte somit nicht vorgehabt haben, die Existenz eines/des Tempels in Jerusalem zu verschleiern, wenn er einen Vers weiter ausdrücklich von selbigem spricht.

Matthäus 28,1 (Luther 1545): AM ABEND ABER DES SABBATHS / WELCHER ANbricht am morgen des ersten Feiertages der Sabbathen / kam Maria Magdalena / vnd die ander Maria / das Grab zu besehen.

Markus 16,2 (Luther 1545): Vnd sie kamen zum Grabe an einem Sabbather seer früe / da die Sonne auffgieng.

Markus 16,9 (Luther 1545): JHesus aber / da er aufferstanden war / früe am ersten tage der Sabbather / erschien er am ersten der Maria Magdalene / Von welcher er sieben Teufel ausgetrieben hatte.

Lukas 24,1 (Luther 1545): ABER AN DER SABBATHER EINEM SEER FRÜE / kamen sie zum Grabe vnd trugen die Specerey / die sie bereitet hatten / vnd etlich mit jnen.

Johannes 20,1 (Luther 1545): AN DER SABBATHER EINEM / KOMPT MARIA Magdalena früe / da es noch finster war / zum Grabe / vnd sihet / das der stein vom grabe hin weg war.

Johannes 20,19 (Luther 1545): AM abend aber desselbigen Sabbaths / da die Jünger versamlet vnd die thür verschlossen waren / aus furcht fur den Jüden / kam Jhesus / vnd trat mitten ein / vnd spricht zu jnen / Friede sey mit euch.

Apostelgeschichte 20,7 (Luther 1545): AVff einen Sabbath aber / da die Jünger zusamen kamen / das Brot zu brechen / prediget jnen Paulus / vnd wolte des andern tages ausreisen / vnd verzoch das wort bis zu mitternacht.

1. Korinther 16,2 (Luther 1545): Auff ja der Sabbather einen / lege bey sich selbs ein jglicher vnter euch / vnd samle was jn gut dünckt / Auff das nicht / wenn ich kome / denn allererst die Stewre zusamlen sey.

Galater 5,24 (Luther 1545): Welche aber Christum angehören / die creutzigen jr Fleisch sampt den lüsten vnd begirden.

Womöglich ebenfalls einmalig zu verstehen, wenn die Formulierung im Gegensatz zu denjenigen gesehen wird, die Christum nicht angehören.

Lukas 8,2 (Luther 1545): Da zu etliche Weiber / die er gesund hatte gemacht von den bösen Geisten / vnd kranckheiten / nemlich / Maria die da Magdalena heisset / von welcher waren sieben Teufel ausgefaren

Auch die alte Elberfelder hat stets "Teufel" mit dem Hinweis in der Fußnote, dass man das Wort auch mit "Dämon" übersetzen könne. Möglicherweise ist "Dämon" erst seit jüngerer Zeit in umgangssprachlicher Verwendung.

1. Petrus 2,24 (Luther 1545): Welcher vnser sunde selbs geopffert hat / an seinem Leibe / auff dem Holtz / auff das wir der Sünde abgestorben / der Gerechtigkeit leben / DURCH WELCHES WUNDEN JR SEID HEIL GEWORDEN /

1. Petrus 2,24 (Luther 1899): Welcher unsre Sünden selbst hinaufgetragen hat an seinem Leibe auf das Holz, auf daß wir, der Sünde abgestorben, der Gerechtigkeit leben; durch welches Wunden ihr heil geworden.

1. Petrus 2,24 (Luther 1984): der unsre Sünde selbst hinaufgetragen hat an seinem Leibe auf das Holz, damit wir, der Sünde abgestorben, der Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden seid ihr heil geworden.

1. Petrus 2,24 (Elberfelder 1871): welcher selbst unsere Sünden an seinem Leibe auf das* Holz getragen hat, auf daß wir, den Sünden abgestorben, der Gerechtigkeit leben, durch dessen Striemen** ihr heil geworden seid***.
* O. an dem. ** O. Wunden. *** Jes. 53, 5.

1. Petrus 2,24 (Elberfelder 1905): welcher selbst unsere Sünden an seinem Leibe auf dem Holze* getragen hat, auf daß wir den Sünden abgestorben, der Gerechtigkeit leben, durch dessen Striemen** ihr heil geworden seid.***
* O. auf das Holz. ** O. Wunden. *** Jes. 53, 5.

1. Petrus 2,24 (Schlachter 1907): er hat unsere Sünden selbst hinaufgetragen an seinem Leibe auf das Holz, damit wir, der Sünde abgestorben, der Gerechtigkeit leben möchten; durch seine Wunden seid ihr heil geworden.

1. Petrus 2,24 (Schlachter 1951): er hat unsere Sünden selbst hinaufgetragen an seinem Leibe auf das Holz, damit wir, der Sünde gestorben, der Gerechtigkeit leben möchten; "durch seine Wunden seid ihr heil geworden."

Ziemlich wahrscheinlich geht diese Änderung auf einen der Handschriftenfunde vom Ende des 19. Jahrhunderts zurück, welche von manchen Übersetzungsgruppen zu Beginn des 20. Jahrhunderts wieder zurückgenommen wurde.

Matthäus 13,39-40 (Luther 1545): Der Feind der sie seet / ist der Teufel. Die Erndte / ist das ende der Welt. Die Schnitter / sind die Engel. Gleich wie man nu das Vnkraut ausgettet vnd mit fewr verbrennet / So wirds auch am ende dieser Welt gehen.

Zur Zeit Luthers mag es tatsächlich den Anschein erweckt haben, als ob das Ende der Welt unmittelbar bevorstehen würde.

Offenbarung 20,13 (Luther 1545): Vnd das Meer gab die Todten die darinnen waren / vnd der Tod vnd die Helle gaben die Todten die darinnen waren / vnd sie wurden gerichtet / ein jglicher nach seinen wercken.

Einerseits wird Luther keine dogmatische Grundlage (oder besser: Veranlassung) für eine solche Unterscheidung zwischen Totenreich und Hölle gehabt haben und andererseits standen ihm auch keine der modernen Hilfsmittel der Grundtexterforschung und Bibelsprachwissenschaften zur Verfügung.

1. Korinther 13,8 (Luther 1545): Die Liebe wird* nicht müde / Es müssen auffhören die Weissagungen / vnd auffhören die Sprachen / vnd das Erkentnis wird auch auffhören.
*(Nicht müde) Das ist / Sie lesst nicht abe guts zu thun / man thue jr lieb oder leid / Sondern helt fest an mit wolthun / vnd wird nicht anders.

Hier ist das vermeintliche Luther-1545-Zitat falsch.

1. Mose 19,24 (Luther 1545): DA lies der HERR Schwebel vnd Fewr regenen von dem HERRN vom Himel erab / auff Sodom vnd Gomorra /

5. Mose 28,22 (Luther 1545): Der HERR wird dich schlahen mit Schwulst / Fiber / Hitze / Brunst / Durre / gifftiger Lufft / vnd Geelsucht / vnd wird dich verfolgen / bis er dich vmbbringe.

5. Mose 28,22 (Elberfelder 1871): Jehova wird dich schlagen mit Schwindsucht und mit Fieber und mit Hitze und mit Entzündung und mit Dürre und mit Brand und mit Vergilben des Getreides, und sie werden dich verfolgen, bis du umkommest.

5. Mose 28,22 (Schlachter 1907): Der Herr wird dich schlagen mit Schwindsucht, mit Fieberhitze, Brand, Entzündung, Dürre, mit Getreidebrand und Vergilben; die werden dich verfolgen, bis du umgekommen bist.

5. Mose 28,22 (Allioli 1839): Schlagen wird dich der Herr mit Armuth* und Fieber, mit Kälte, und Hitze und Dürre, und giftiger Luft,** und Getreidbrand, und wird dich verfolgen, bis du umkommst.
*Im Hebr. mit Auszehrung, Schwindsucht. **welche den Getraidbrand verursacht.

Vielmehr hat sich hier bis in die Luther 1912 eine Altlast aus potentiell katholischem Hintergrund gehalten.

1. Timotheus 2,4 (Luther 1545): Welcher wil / das allen Menschen geholffen werde / vnd zur erkentnis der warheit komen.

Die alte Elberfelder gebraucht "gerettet" ziemlich synonym zu "geholfen", da sich "gerettet" oft an Stellen findet, die eigentlich nicht primär mit der einen bestimmten Rettung in Verbindung zu bringen sind, sondern eher mit allgemeiner irdischer Hilfe.


Mir erschließt sich immer noch nicht, was diese Vergleiche eigentlich aufzeigen sollen. Der Entstehungshintergrund einer Übersetzung darf schließlich nicht unberücksichtigt bleiben, weil sonst bei rein inhaltlicher Betrachtung der Aussagen sowohl die Luther 1545 als auch die Schlachter 2000 schnell missverstanden werden können, weil spezifische Schwächen oder bestimmte Problemstellen möglicherweise übersehen werden und die jeweilig getroffene Entscheidung eines Übersetzers (welche durchaus von eigener Auslegung ist, da man oft nicht ohne weiteres so einfach sagen kann, was jetzt die "bessere", "korrektere" Wiedergabe wäre) dann keinen Hinweis mehr geben kann darauf, was die eigentliche Bedeutung ist. Die Luther 1545 mit ihrer sprachschöpferischen Leistung und ihrem neuartigen Übersetzungsprinzip (neben allgemeiner Verständlichkeit in einer Volkssprache, Übersetzung aus den Ursprachen auf Basis des Textus Receptus u.a. auch Wohlklang, Rhytmik) hat ebenso eine Berechtigung wie die Schlachter 2000 (eine der wenigen modernen deutschen Übersetzungen nach Textus Receptus - meines Wissens gibt es sonst nur noch die "Neue Luther Bibel"). Wenn dies also ein Versuch sein soll, die Luther-Bibelübersetzung zu diskreditieren und daneben die Schlachter 2000 als irgendwie "korrekter" darzustellen, dann wird das auf diesem Wege nicht möglich sein. Es bringt letztendlich ja auch jede Bibelübersetzung ihre ganz eigenen Probleme mit sich, wie auch der Grundtext seine Probleme mit sich bringt. Die Berücksichtigung des Entstehungshintergrunds kann helfen, mit diesen Problemen vernünftig umzugehen und von den verschiedenen Übersetzungen und Übersetzungskonzepten profitieren zu können. Wenn damit Kritik an Luther geäußert werden soll, könnte man doch sicher einfacher in der Reformationsgeschichte fündig werden - seine Bibelübersetzung ist da doch bei Weitem das kleinere Übel, oder nicht?