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MALEACHI 3.16

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Nicht von der Welt

 

Bibelstellen: Johannes 17, 15-17; Römer 12, 2; Johannes 17, 19; Psalm 119,105


Joh 17,15 Ich bitte nicht, dass du sie aus der Welt wegnehmest, sondern dass du sie bewahrest vor dem Bösen.

Joh 17,16 Sie sind nicht von der Welt, wie ich nicht von der Welt bin.

Joh 17,17 Hei

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AT Auslegungen

Lied der LIeder Kp 3

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Lied der Lieder Kapitel 3

Wir können uns sogar nach einem solchen Ruf der Liebe, wie in Kapitel 3, 1, zur Ruhe begeben, worin ein vorsätzliches Niederlassen in unseren eigenen Umstän den zum Ausdruck kommt. Da kann man wohl fragen: Ist es möglich, daß sich einer, der Christum wahrhaft liebt, so verhalten kann? Ja, es ist so, denn sonst würde uns das nicht in den Heiligen Schriften so auffällig vor gestellt werden. Und wissen etwa unsere Herzen nicht, daß das möglich ist? Und doch, so seltsame und ver wickelte Wege geht unser Herz, daß sogar ein Suchen nach Ihm auf dem Lager beweist, daß der Ruf Seiner Liebe unbeachtet geblieben ist. Es war eine ungeeignete, ja aussichtslose Stätte, Ihn da mit irgendwelcher Hoff nung auf Erfolg zu suchen, dennoch sagt die Braut zwei mal, daß sie Ihn suchte (V. 1), mußte aber hinzufügen, „ich... fand ihn nicht". Es ist zu beachten, daß die Zeit des fruchtlosen Suchens keine kurze war, denn sie sagt:
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„In den Nächten suchte ich, den meine Seele liebt", es handelte sich also nicht nur um eine Nacht. Doch eine solche Erfahrung ist die regierungsgemäße Folge, wenn wir der Stimme des Geliebten kein Gehör schenken und uns da befinden, wo uns Seine Liebe nie haben möchte. Weil wir Seinem Suchen nicht entsprochen haben, ent spricht Er nun dem unseren nicht. Die ganze Lage ist un natürlich, und Er will, daß wir derart empfinden. Solange wir auf unserem Bett bleiben, werden wir Ihn nie finden. Wir können einen hohen Grad Gleichgültigkeit gegen Seine Liebe durch unser Zögern, mit Ihm zu gehen, offen baren, und doch mag das Verlangen da sein, daß Er in unseren Umständen bei uns sei und uns darin den Trost Seiner Liebe genießen lasse. Ich fürchte, es gibt vieles den Herrn Suchen, was nicht höher zu veranschlagen ist, und wir dürfen uns über seine Fruchtlosigkeit nicht wun dern. Seine Liebe ist sehr empfindsam, und außerdem hat Er in unendlicher Weisheit das vor Sich, was unsere Liebe zur Zurechtbringung bedarf, damit sie von dem gereinigt werde, was weder Seiner noch Seiner Braut würdig ist.
Das erste Zeichen wahren Wiederauflebens ist, daß sie sagt: „Ich will doch aufstehen und in der Stadt umher gehen, auf den Straßen und auf den Plätzen, will suchen, den meine Seele liebt" (V. 2). Wie verschieden ist das davon, in Seinen Gemächern und in Seinem Hause des Weines zu sein! Aber es zeigt, daß sie sich zu einem vermehrten Herzenseifer erhebt, und das ist doch etwas. Die Straßen und Plätze der Stadt jedoch waren nicht der Ort, Ihn zu finden; sie muß wiederum sagen: „Ich suchte ihn und fand ihn nicht" (V. 2). Daß ihre Liebe nicht durch Seine Stimme und Führung, sondern weit mehr von ihrem Verlustempfinden als von dem Drängen Seiner Liebe bestimmt wurde, das brachte sie in Umstände, die Seiner Braut ganz unwürdig waren. Die in der Stadt umhergehenden Wächter fanden sie. Daß ein Weib nachts umherläuft, war nicht in der Ordnung, was sie auch dazu treiben mochte, und so wurde sie in dieser fragwürdigen Stellung von den Wächtern bemerkt. In ordnungsgemä ßen Verhältnissen wäre so etwas nie vorgekommen; denn deren Amt war es, ihr Augenmerk auf Übeltäter
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und Feinde zu richten, auf solche, die den Frieden der Stadt stören. Eben die Tatsache, daß sie überhaupt von ihnen bemerkt werden konnte, war eine Schande und ein Tadel für sie. Diesmal sagten und taten sie ihr nichts, doch sie fanden sie als eine, die der Gemeinschaft und Unterstützung ihres Geliebten entbehrte. Ihre Frage: „Habt ihr den gesehen, den meine Seele liebt?" stellte sie ihnen als eine bloß, die Ihn verloren hatte. Wenn auch wahre Liebe vorhanden sein mag, so wird denen, die auf die vielen und offen zutage liegenden Wege ein Wächterauge haben, doch die Entfernung des Herzens von Christo offenbar. Es ist etwas Ernstes, wenn das Augenmerk derer auf uns gelenkt wird, die für die Auf rechterhaltung der Ordnung unter dem Volk Gottes ver antwortlich sind. Wie wenig sie auch sagen oder tun mögen, die bloße Tatsache, daß ihr Augenmerk auf uns gerichtet wurde, würde einem zarten Gewissen eine tiefe Herzensübung verursachen. Wenn unsere Wege derart sind, daß es gottselige Personen bekümmert, so sollte das genügen, uns nahezubringen, daß da etwas Unschick liches vorliegt; sie sollten nicht nötig haben, ernste Maß nahmen zu ergreifen. Ich denke nicht, daß die Wächter das erstemal, wo sie uns finden, streng gegen uns ver fahren; erst später in unserem Buche, nach wiederholter Mißachtung der rührendsten Aufforderungen der Liebe, greifen die Wächter ernstlich ein (siehe Kapitel 5). Die schärferen Formen der Zucht sind denen vorbehalten, die sich weigern, Nutzen aus milderen Ermahnungen zu ziehen. Von den Wächtern angetroffen zu werden, ist eine Warnung, die beachtet werden sollte.
Die betrachtete Schriftstelle deutet an, daß der Ge liebte es erfahren hat, daß eine Neubelebung im Herzen der Braut stattgefunden hatte, und Er wollte dem in Gnade entsprechen, nachdem Er es in Seiner Treue zu gelassen hatte, die schmerzlichen Folgen ihrer Lauheit gegen Ihn zu durchkosten. Die Braut deutet auch an, daß ihre Begegnungen mit den Wächtern nicht ohne eine Wir kung geblieben sind, denn sie sagt: „Kaum war ich an ihnen vorüber, da fand ich, den meine Seele liebt" (V. 4). Es ist eine besonders gnädige Tat Seiner Liebe, daß das Gefühl der Nähe und des bewußten Besitzes Seiner 
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Selbst wiederhergestellt wird, wenn es durch den Man gel, Seiner Liebe zu entsprechen, verlorengegangen war. Das wirkt ein tiefes und zartes Bewußtsein der Treue Seiner Liebe, und dies um so mehr, als wir sie durchaus nicht in der rechten Weise geschätzt noch ihr so, wie es uns zukam, entsprochen hatten. Nun zeigt sich eine Stärke und Kraft ihrer Zuneigungen, wie sie zuvor nicht offenbar wurde, sie sagt: „Ich ergriff ihn und ließ ihn nicht, bis ich ihn gebracht hatte in das Haus meiner Mut ter und in das Gemach meiner Gebärerin." Im ersten Abschnitt des Buches bringt Er sie in Seine Gemächer, also an die Stätte Seiner trautesten Nähe, wie das Seinen Gedanken über sie entspricht; doch das erfordert lange nicht die Tatkraft ihrerseits. Und es ist zu beachten, daß durch den Mangel, Ihm zu entsprechen, und die Übungen und Erfahrungen, die das mit sich brachte, eine Tatkraft, Ihn festzuhalten, zur Entfaltung kommt, die sie zuvor nicht kennzeichnete. Wir können durch keine demütigendere Übung gehen als die, zu entdecken, daß wir der Liebe Christi nicht entsprochen haben; das macht den wahren Zustand des Herzens viel mehr offen bar, als ein äußeres Fehlen. Kein Zusammenbruch im Wandel kann in den Augen eines Christum wahrhaft Liebenden so ernst sein, wie ein Ihm nicht entsprechen der Herzenszustand. Doch das Elend, Christum verloren zu haben, die Herzensangst der dunklen Nächte, wo man Ihn nicht fand, bringt unter der Oberleitung allmächtiger göttlicher Liebe eine Tatkraft des Erfassens zustande, die zuvor nicht da war. Und wir erkennen tiefer als je zuvor, daß wir alles, was wir von Ihm kennen oder von Ihm besitzen, lediglich unumschränkter Gunst und un umschränktem Erbarmen verdanken. Darauf beruht, so viel ich sehe, ihre Kraft, die Ihn in das Haus ihrer Mut ter brachte. Die Braut hat verstanden, daß sie gerade ihr Dasein der Ordnung göttlicher Gnade verdankt — das Jerusalem droben ist ihre Mutter; und damit, daß sie Ihn in das Haus ihrer Mutter bringt, deutet sie an, daß sie Ihn nun im wahren Bewußtsein der Gnade erfaßt und besitzt. Sie hat sich selbst und die ihren Zuneigungen anhaftenden Möglichkeiten kennengelernt, daß diesen, selbst wenn sie wahrhaftig sind, nicht vertraut werden 
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kann, und ist sich nun dessen völlig bewußt, daß sie Ihn nur aus reiner Gnade besitzen kann.
Wir hatten bemerkt, daß die Braut in dem zweiten Abschnitt des Buches, von Kapitel 2, 8 bis 3, 5, demü tigende Erfahrungen zu machen hat. Sie verliert, weil sie dem König nicht folgt, Dessen Gesellschaft und muß Ihn suchen, und eine beträchtliche Zeit findet sie Ihn nicht. Die Wächter treffen sie, doch schließlich findet sie Ihn nach schmerzlichen Erfahrungen und bringt Ihn in das Haus ihrer Mutter. Sie bekommt ein sehr tiefes Bewußt sein davon, daß alles Gnade ist. Gerade der Mangel, Seinem Ruf nicht entsprochen zu haben, und Seine Gunst, die sich ihr nach ihrem Fehlen wiedergab, gibt ihr das tiefe Bewußtsein, daß alles Gnade ist; diesem Grundgedanken verdanken wir unser Dasein, und wir erkennen an, daß er der einzige Grund unserer Segnung ist, doch wir müssen oft durch Erfahrungen gehen, die uns nachhaltig einschärfen, daß uns kein Verdienst dabei zukommt. Und der Herr benutzt derartige Erfahrungen, um in unseren Seelen eine Tatkraft der Zuneigungen zustande zu bringen, die wir vordem nicht hatten, So fin den wir denn am Ende dieses Abschnitts in der Braut eine Tatkraft — sie ergreift Ihn und ließ Ihn nicht von sich —, die ehedem nicht offenbar wurde, weil sie, wie wir wohl sagen können, vorher nicht erforderlich war.
Gott in Seiner Weisheit hat es gefallen, uns auf diese Weise eine wertvolle Belehrung zu geben. Jeder dieser beiden Abschnitte endet mit der Aufforderung, ihre Liebe nicht zu stören — eine ganz zu Recht bestehende Übung; denn wenn wir Nähe und Vertrautheit mit dem Herrn genießen, so beherrscht das Herz das Verlangen, daß nichts dazwischenkomme. Ich nehme an, wir alle haben Augenblicke der Glückseligkeit gehabt, in denen wir wahrhaft fürchteten, etwas Störendes könne dazwischen kommen. Das ist eine ordnungsgemäße Übung der Liebe

Durch die Rückkehr dazu, daß alles aus reiner Gnade ist, kommt die Neubelebung, und der dritte Abschnitt des Buches, von Kapitel 3, 6 bis 5, 1, gibt uns deren Ge schichte. Deshalb wird da auch kein Fehlen der Braut betrachtet, und der König verleiht dem Ausdruck, wie 
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Er deren Schönheit in ihren Einzelheiten schätzt; das hatte Er zuvor noch nicht getan.
Was wir durch tatsächliches Fehlen im Wandel lernen, erforscht und demütigt uns nicht so, wie innerlich zu entdecken, daß unsere Herzen gefehlt haben, der Liebe Christi zu entsprechen. Das eine ist äußerlich und viel leicht mehr öffentlich, das andere aber rührt vom Be wußtsein eines Abweichens her, das nur uns selbst und Dem, der unsere Seelen liebt, bekannt ist; das macht die Herzensübung des zweiten Abschnittes dieses Buches aus. Es handelt sich da um ein Abweichen in den Zuneigungen — es wird offenbar; doch das wahre Geheimnis ist ein inneres Abweichen, und innen beginnt alles Abweichen. Als der Herr Sich in der Offenbarung an Ephesus wendet, sagt Er gleichsam: Ihr habt nicht äußerlich gefehlt, ihr seid eine schöne Versammlung; ihr haltet auf Ordnung, seid treu, tut alles nach außen hin recht, doch ihr habt eure erste Liebe verlassen: Er ruft eine bis in die feinsten Einzelheiten gehende Übung her vor. Ich nehme an, wir alle kennen das gut, nämlich den Kummer, zu fühlen, daß unsere Herzen der Liebe Christi nicht so entsprochen haben, wie sie es gekonnt, ja gesollt hätten! Doch dann dient diese Übung dazu, die Tatkraft unserer Seelen, Ihn festzuhalten, zu stärken: die Braut ergreift Ihn und will Ihn nicht wieder gehen lassen. Sie ist jetzt tatkräftiger als da sie noch unter Seinem Schat ten saß. Wie wunderbar sind Gottes Wege! Und sie be kommt das Bewußtsein, daß alles aus Gnade ist. So bringt sie Ihn in das Haus ihrer Mutter, also dahin, wo sie unter der Ordnung der Gnade geboren wurde. Nun bringt sie Ihn dorthin, als ob sie damit sagen wollte, was mein eigen Herz anlangt, so habe ich genugsam heraus­gefunden, völlig davon überzeugt zu sein, daß alles aus Gnade sein muß. Das ist ein schönes Bild, und wir alle werden dessen Deutung verstehen; jeder Gläubige hat den Schlüssel dazu in seiner eigenen Geschichte.
Besondere göttliche Gunst bewahrte die Apostel, so daß nichts darauf hindeutet, daß sie je in ihrer Liebe zum Herrn nachließen. Die besondere Gnade des Herrn bewahrte sie, doch sowie die Geschichte der Kirche als
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die eines verantwortlichen Gefäßes begann, wur'den Zei chen des Abweichens offenbar.
Was Israel widerfahren ist, das ist auch der Kirche widerfahren. Doch für Israel kommt noch eine Neube lebung, wie sie jetzt in der Kirche geschehen ist. In Hosea 6, 1—3 heißt es: „Kommt und laßt uns zu Jehova umkehren, denn e r hat zerrissen und wird uns heilen, e r hat geschlagen und wird uns verbinden. Er wird uns nach zwei Tagen wieder beleben, am dritten Tage uns aufrichten; und so werden wir vor seinem Angesicht leben. So laßt uns Jehova erkennen, ja laßt uns trachten nach seiner Erkenntnis! Sein Hervortreten ist sicher wie die Morgendämmerung; und er wird für uns kommen wie der Regen, wie der Spätregen die Erde benetzt." Wir leben in einer Zeit der Neubelebung; die größte Neube lebung, die es je gegeben hat, geht jetzt vor sich, und sie sollte für einen jeden von uns eine Zeit des Neuauflebens sein. Das kennzeichnet unsere Tage, und das Bewußtsein der Gnade ist die Ursache der Neubelebung; wir haben das Gefühl des Fehlens auf unserer Seite, aber das der Gnade auf Gottes Seite. So kam die Reformation zu stande; man empfand das Fehlen der Kirche tief, bekam aber ein Bewußtsein von der Gnade, man erwachte dahin, die Eigenart der Haushaltung zu erkennen, daß alles aus Gnade und durch Glauben war. Die Neubelebung des letzten Jahrhunderts war eine Rückkehr zur Gnade; ein tiefes Gefühl des Fehlens in der Kirche kam zustande, das auf eine Rückkehr zur Gnade, auf eine Rückkehr zu den Gedanken Gottes hinauslief. Die Gedanken Gottes sind Gedanken der Gnade; wir kehren in das Haus un serer Mutter zurück und halten Christum da fest; und dann findet eine wahre Neubelebung statt.
Eben weil wir das sind, was wir sind, lernen wir, glaube ich, die Gnade tatsächlich nur in dem Maße ken nen, wie wir unsere Schwachheit und unser Fehlen emp finden. Es ist etwas Außerordentliches, daß Gott Sich un serer Schwachheit bedient, um uns zu stärken; das ist sehr kostbar. Denken wir nicht, daß Petrus immer, wenn er seine eigene Schwachheit erfahren hatte, dem Herrn in einer Weise anhing wie nie zuvor? Petrus liebte den Herrn aufrichtig und hing Ihm in gewissem Sinne an,
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doch er hing Ihm nicht innig genug an! Wie muß er jedoch immer, wenn er seine eigene Schwachheit ausfindig ge macht hatte, dem Herrn mit noch größerer Beharrlichkeit angehangen haben! Uns tut diese Beharrlichkeit der Liebe not, Ihn festzuhalten und nicht gehen zu lassen. Wir können nicht einen Augenblick ohne Ihn weiter gehen, wir müssen Ihn festhalten. Darin, daß Er von unseren Zuneigungen Besitz ergriffen hat, liegt das Ge heimnis der Neubelebung.
Dieser Abschnitt des Buches ist sehr glücklicher Art, weil kein Fehlen darin vorkommt, alles ist aus Gnade, und die Gedanken der Liebe Christi über Seine Braut finden darin einen völligeren Ausdruck als je zuvor. Sein Gegenstand ist, daß die Braut, dem Zuge Seiner Liebe folgend, mit Ihm komme, und wir sehen, daß sie Ihm hier mehr entspricht als im vorausgehenden und im nachfolgenden Abschnitt. Das deutet auf eine Neubele bung hin, in der Er etwas von dem empfängt, was Sein Herz erwartet. Neubelebung wäre ein nichtssagendes Wort, wenn kein Abweichen stattgefunden hätte. Neu belebung setzt einen niedrigen Zustand voraus, aus dem heraus ein Wiederaufleben, eine Erneuerung des eigent lichen Liebeseifers zustande gekommen ist.
Nun haben wir eine wunderbare Entfaltung der Ge danken Gottes; wir sehen die Heiligen der Gnade gemäß. Das kommt in Vers 6 vor uns; und dann sehen wir ver schiedenes in Verbindung mit Salomo, das heißt dem Bilde nach, Christo — Sein Tragbett und Seine Pracht sänfte und Seine Krone (V. 7, 9, 11) —, es deutet den Weg an, auf dem sich die Zuneigungen Seines Volkes im Blick auf Ihn betätigen können. Das alles ist die Frucht der Gnade. Dahin zurückgebracht, Christum wahr haft zu schätzen, kann nun die volle Frucht der Gnade ans Licht kommen. Damit ist nicht gesagt, daß jetzt kein Abweichen mehr eintreten kann, denn das haben wir im nächsten Abschnitt. Nach der gesegnetsten Neubele bung kann es wieder abwärts gehen, und dennoch kann der Herr das in Seiner treuen Liebe gebrauchen, uns etwas zu lehren, was uns not tut.
Wir sehen die Braut hier von der Wüste herauf kommen. Die Wüste ist die Stätte, wo die Gnade kennen-
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gelernt wird. Gott erlöste Sein Volk aus Ägypten und brachte es auf Adlersflügeln zu Sich Selbst. Ihre Wüsten zeit war Gott gegenüber eine Zeit der Erkenntnis der Gnade. Welch eine Erziehung in der Gnade wurde ihnen dort zuteil! Da sehen wir nicht nur Gottes Wege in Gnade und Bezug auf das, was in ihnen ans Licht kam, die in der Tat wunderbar waren, sondern wie Er Sich mit ihnen in Seinem Zelte einsmachte, dessen herrliche Ordnungen sich auf die Gnade der Erlösung gründete.
Es ist beachtenswert, daß wir hier keine Beschreibung der persönlichen Züge der Braut bekommen, noch der Einzelheiten ihrer Schönheit, wie später in Kapitel 4 und 7, sondern es wird geschildert, daß sie aus der Wüste „wie Rauchsäulen" heraufkommt; das heißt, sie ist in einen Wohlgeruch gekleidet, der unter der Wirkung des Feuers zustande gekommen ist — „Rauch" deutet klar darauf hin. Sie gleicht „Rauchsäulen, durchduftet von Myrrhe und Weihrauch, von allerlei Gewürzpulvern des Krämers" (V. 6).
Nach 2. Mose 25 hatte Gottes Volk das Vorrecht, Seine Gnade in Verbindung mit einer Ordnung kennen zulernen, die Er in ihrer Mitte aufgerichtet hatte. Das war eine wunderbare Ordnung, ein Bild von Christo und der Herrlichkeit, und einer ihrer kennzeichnendsten Züge war das Aufsteigen von Rauch vom Altar. Die „Rauch säulen" beziehen sich, wie ich denke, auf den lieblichen Wohlgeruch der Opfer, auf das Brand-, Speis- und Frie densopfer sowie den Weihrauch und andere wohlrie chende Gewürze, deren Duft beständig vom Altar auf stieg. Sie alle redeten vom lieblichen Duft und kostbaren Wohlgeruch, der durch Feuer zustande kam, also vom Tode Christi von der Seite lieblichen Wohlgeruchs aus. Gottes Absicht darin, daß vom ehernen und goldenen Altar ein lieblicher Wohlgeruch zu Ihm aufsteigen sollte, war, Sein Volk sollte damit eins sein, und dies sollte mit ihnen eins sein; das war Gottes Gedanke. Und hier wird die Braut als von der Wüste derart heraufkommend betrachtet, so daß sie nichts anderes als den lieblichen Wohlgeruch Christi an sich trägt.
Den Gedanken der Gnade gemäß betrachtet, kommen die Heiligen aus der Wüste heraus; dabei ist nichts an-
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deres an ihnen zu sehen, als daß sie, den Gedanken und der Gnade Gottes gemäß, mit all dem lieblichen Duft einsgemacht sind, der unter der Wirkung des Feuers emporstieg, als Christus in den Tod ging. Um Seinen Tod zur Beseitigung des Ärgernis-Erregenden handelt es sich hier nicht; diesen Anblick Seines Todes dürfen wir wohl in den Psalmen und den Propheten erwarten, nicht aber im Lied der Lieder. Hier haben wir den lieblichen Wohlgeruch Seines Todes — die Vollkommenheit des Gehorsams und der Ergebenheit, die jede Probe bestan den hat, und das brachte unter der Wirkung des Feuers den Duft zustande, der Gott völlig befriedigte und Ihm durchaus wohlgefiel, und dies, damit die Heiligen mit dessen Wohlgeruch und Wert auf immerdar -einsgemacht seien. Das alles ist ihr Teil als die freie Gabe in Gnade (Rom. 5, 15).
Wie gut, daran zu gedenken, daß es dies oder nichts ist! Wir können da durchaus keine Vermischung haben. Was die Annahme und den Wohlgeruch anlangt, ist es und muß es durchaus Christus sein. Die Kirche ist jene herrliche Schar, die gegenwärtig in all den Wert des kostbaren Opfers Christi eingekleidet wird. Es ist unser Vorrecht, von der Wüste heraufzukommen, nichts als den lieblichen Duft Christi an uns tragend. Das geschieht tat sächlich, wenn ein Heiliger abscheidet, um bei Ihm zu sein. Bis zum letzten Augenblick der Geschichte der Gläu bigen hienieden mag eine Verwirklichung der Übungen eintreten, doch eine Sekunde nach dem Abscheiden bleibt nichts als Christus und das, was von Ihm ist. Wie kost bar, daran zu denken! Aber die Freude dessen braucht nicht bis zum Augenblick des Abscheidens aufgeschoben zu werden, sie sollte jetzt ebenso wie unsere Annahme durch Gnade gekannt werden. Wir sind jetzt, den Ge­danken der Liebe Gottes gemäß, gesegnet, und die Liebe Gottes ist in der wunderbaren Tatsache ans Licht ge kommen, daß Christus für uns gestorben ist. Infolgedes sen sind wir mit dem Wohlgeruch verbunden, der auf stieg, als Er in den Tod ging. Derart kommen wir aus der Wüste heraus.
In diesem Buche kommt die Braut zweimal aus der Wüste herauf. Hier kommt sie in all dem von dem Altar
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aufsteigenden Wohlgeruch herauf, doch im achten Kapitel auf den Geliebten lehnend, also unter Seiner priester lichen Unterstützung. Mit diesem beiden werden wir in der Wüste bekannt, mit dem Altar, dem Tode Christi in all seinen erstaunlichen Folgen für Zeit und Ewigkeit, und mit dem Priester zur Hilfe und Unterstützung. Wir stehen nicht nur im Wohlgeruch des Todes Christi da, sondern wir haben einen lebendigen Priester, auf den wir uns stützen können, und der uns in alles das einführen kann, was die Frucht der göttlichen Liebe und des göttlichen Vorsatzes ist. Wie gesegnet, derart aus der Wüste heraufzukommen!
In einem Lebenskreise der Liebe verweilen wir nicht bei dem, was hinweggetan ist, sondern bei alledem, wozu wir gebracht sind, und das ist ein ungeheurer Unter schied. Gott will, daß wir den Tod Christi in seinem lieb lichen Wohlgeruch erfassen; und dann werden wir die „Rauchsäulen" verstehen. Die Gedanken der Gnade sind unendlich groß. Wie oft sagen wir mit Bezug auf Gottes große Gedanken, daß wir nicht auf deren Höhe sind! Doch das ist nicht die wirkliche Schwierigkeit. Was uns zu sehen not tut, ist, daß wir in Adam so völlig zugrunde gerichtet sind, daß nichts als Christi Tod da helfen kann. Er ist nicht nur gestorben, um das zu beseitigen, was wir waren, sondern auch um den Wohlgeruch dessen ein zuführen, was Er ist, damit wir in all dessen Wert und Annehmlichkeit (von der Wüste) heraufkommen. Wir können nicht tiefer als der Tod Christi herunterkommen; er ist der wahre Maßstab unseres Zustandes, unserer Not; doch durch diesen Tod gibt uns die Gnade einen Platz in all dem Wohlgeruch der Myrrhe, des Weih rauchs und der Gewürzpulver des Krämers.
Der Epheserbrief ist ein wunderbarer Brief der Gnade; er ist voll von der Wirksamkeit und Frucht der Gnade. Dort lesen wir von „der Herrlichkeit seiner Gnade", „dem Reichtum seiner Gnade" und dem „überschwenglichen Reichtum seiner Gnade" (Eph. 1, 6. 7; 2, 7). Wenn wir in den Bereich der Gnade kommen, so handelt es sich da um Christum, um nichts als Christum; dort zu weilen heißt, überschwenglich glücklich zu sein.
Nachdem  die  Braut  derart  vor  uns  gekommen  ist, 
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wendet Sich der Geist in Vers 7—11 Christo, dem Gegen stande der Zuneigungen Seines Volkes, zu. Die Braut als solche haben wir nicht in diesen Versen, obwohl diese die Einleitung zu den wunderbaren Äußerungen des Königs über sie in Kapitel 4 bilden. Die erwähnten Gegenstände sind in besonderer Weise Sein eigen. Sein Tragbett, Seine Prachtsänfte und Seine Krone sind Dinge, die Christo gehören und die Frage aufkommen lassen, wie wir in unseren Herzen zu ihnen stehen. Wahrhaft auf genommene Gnade bringt uns in Herzensbeziehungen zu Seinem Tragbett, Seiner Prachtsänfte und Seiner Krone.
Wer in Vers 6—11 redet, wird nicht gesagt, er bleibt verborgen, damit sich unser Augenmerk auf das Geredete richte. Ich zweifle nicht daran, daß wir hier gesondert von den anderen Redenden, deren Äußerungen in dem Hohenliede vor uns kommen, die Stimme des Geistes ha ben; es ist dies eine auffallende Einschaltung dieses Buches.
Das erste, was wir zu betrachten haben, ist Salomos T r a g b e 11. Es ist Seine Ruhestätte während der Nacht, und wir sehen sie hier von einer Leibwache von Helden Israels umgeben. Das zeigt, daß Christus einen Ort hat, wo Er sicher in der Gegenwart dessen, was feindlich ist, die Nacht hindurch ruhen kann. Wohl wis sen wir, daß Er einen Platz der Ruhe in der Höhe hat, denn Jehova hat zu Ihm gesagt: „Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde lege zum Schemel deiner Füße!" (Ps. 110, 1). Dort haben wir Ihn nicht zu bewa chen, dort kann Ihm keine feindliche Macht nahen; doch Er hat eine Stätte hienieden, die von treuen, kriegs geübten Männern verteidigt werden muß. Seine Ruhe stätte wird in treuer Liebe bewacht; es sind solche da, die bereit sind, die Wucht jedes Angriffs auf Ihn abzu weisen. Wir denken oft daran, daß Er uns schützt, und wo würden wir auch ohne Seinen Schutz sein? Doch hier haben wir eine andere Seite, und die Tatsache, daß Sein Tragbett „vor dem Schrecken in den Nächten" bewahrt wird, zeigt, daß die gegenwärtige Zeit vor uns ist, und nicht der Tausendjahrtag. Das geschieht angesichts der Feinde und in den Tagen Seiner Vermählung; die Hoch zeit ist noch nicht gekommen, es hat also besonders mit
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der gegenwärtigen Zeit zu tun. Reinheit in den Zunei gungen gegen Christum und Treue gegen Ihn angesichts alles Feindlichen kann nur im Geiste eines Kämpfers aufrechterhalten werden. Wir haben, das Schwert in der Hand, dazustehen, jeden nächtlichen Überfall abzu wehren.
Bedenken wir, daß Sich der Herr der Obhut Treu liebender anvertraut! Er hat eine Stätte hienieden, wo Er gegen jeden feindlichen Angriff verteidigt wird. Welch eine Ehre für die Kirche, daß ihr solch eine heilige Obhut anvertraut ist! Alles Gott Wertvolle wird aufgegeben, wenn wir die Person Christi nicht verteidigen. Dieser Gedanke steht mit Seinem Tragbett in Verbindung. Seine Person ist auf alle Kosten zu verteidigen; jedem Angriff des Feindes ist unerschrocken entgegenzutre­ten, und die „Helden Israels" sind imstande, die Wucht des Kampfes auszuhalten, wenn Seiner Person irgend etwas droht. Die Person Christi ist der unermeßliche Schatz der Kirche, und jeder Angriff des Feindes richtet sich irgendwie gegen sie. Es ist gut, daran zu denken, daß gegenwärtig Tausende von Heiligen auf Erden sind, die lieber sterben würden, als einem Einflüsse nach zugeben, der der Wahrheit Seiner Person entgegen ist. Die wahre Probe darauf, ob die Kirche steht oder fällt, ist ihr Handeln mit Bezug auf die Person Christi. Wir haben Ihn auf alle Kosten zu verteidigen, .und in Ver bindung damit kommen Helden ans Licht.
Es hat nie eine Zeit gegeben, wo der Feind geschäftiger war, so daß in der Nacht Lärm geblasen werden mußte. Allenthalben wird die Wahrheit der Person Christi an gegriffen, und Er wird der Ihm eigenen Herrlichkeit ent kleidet. Wider alles das haben wir Schulter an Schulter, das Schwert in der Hand, dazustehen. Wir können dessen gewiß sein, daß in dem Maße, wie der Feind Ihm Seine Herrlichkeit zu rauben sucht, der Geist Gottes dadurch ein Banner wider ihn erheben wird (Jes. 59, 19), daß Er diese Herrlichkeit in den Augen derer, die Ihn lieben, ver größert und vermehrt. Ich denke, wir alle verlangen danach, von Gott gewürdigt zu werden, Ihn an einem Schauplatze und zu einer Zeit zu verteidigen, wo Er der
Gegenstand des Angriffs ist; das begehrt jeder Ihn treu ergeben Liebende.
„Der König Salomo hat sich eine Prachtsänfte gemacht aus Holz vom Libanon. Ihre Säulen hat er von Silber gemacht, ihre Lehne von Gold, ihren Sitz von Purpur; das Innere ist kunstvoll gestickt, aus Liebe von den Töchtern Jerusalems" (V. 9 u. 10). Damit hat der Herr offenbar für das Fürsorge getroffen, was Er unter Seinem Volke unternimmt. Es ist zu beachten, daß Er Sich dazu keines Wagens auf Rädern bedient, sondern einer von Trägern getragenen Prachtsänfte. Somit ist das, was der Herr unternimmt, dem Bilde nach nicht unabhängig von Seinen Heiligen; es geschieht, getragen von ihrer Herzenstreue. Das erinnert uns daran, daß die Bundeslade auf allen ihren Zügen von den Kehathitern getragen wurde, und welche traurigen Folgen es nach sich zog, als man von dieser göttlichen Ordnung ab wich. Der Herr ist in der gegenwärtigen Zeit nicht zur Ruhe gekommen, Er bewegt Sich unter Seinem Volke, jedoch nicht unabhängig von ihren Zuneigungen und ihrem Dienste. Wenn wir anerkennen, daß Bewegungen vom Herrn ausgehen, so ist es von großer Wichtigkeit, sie zu erkennen und sie von ganzem Herzen zu unter stützen. Dem Kennzeichnenden und der Eigenart Seiner Bewegungen verleiht im Bilde die Prachtsänfte Aus druck, die der König Salomo machte, und wenn wir sie betrachten, lernen wir Seine Bewegungen von bloßer menschlicher Tätigkeit unterscheiden. Obendrein ler nen wir, daß das Tragen einer solchen Prachtsänfte und des darin Sitzenden ein sehr erhabener Dienst ist; denn die Träger mußten sicherlich ihrer Erscheinung und Würde nach dem entsprechen, was sie trugen.
Alle Bewegungen Christi tragen eine Seiner wür dige Eigenart. Die Zedern und Zypressen des Libanon hatten einen großen Platz beim Tempelbau, und von der Stadt Jehovas am Tage der Zukunft heißt es: „Die Herr lichkeit des Libanon wird zu dir kommen, ^Zypresse, Pla tane und Scherbinzeder miteinander, um die Stätte mei nes Heiligtums zu schmücken" (Jes. 60, 13). Demnach ist das „Holz des Libanon" ein Bild der Vortrefflichkeit und Erhabenheit, es redet also von einer sittlich 
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erhabenen Eigenart. Den Bewegungen Christi war von jeher diese Wesensart eigen; ihnen haftete nie etwas Niedriges oder Gemeines an, noch irgend etwas, was der Stufe des natürlichen oder fleischlichen Menschen ent spricht; und die Ihn tragen, haben damit im Einklänge zu stehen. Paulus lenkt im 2. Korintherbriefe das Augen merk besonders auf die Tatsache, daß er persönlich ein Ausdruck des Dienstes war, den er ausübte. Seine Lehre wie auch sein Wandel waren in Christo, und Timotheus ging denselben Pfad, denn Paulus konnte von ihm sagen, daß sein Aufenthalt unter ihnen sie an seine Wege, die in Christo sind, erinnern würde (1. Kor. 4,17). Unsere Worte haben oft kein Gewicht, weil wir persön lich nicht im Einklänge mit ihnen stehen; wenn das der Fall ist, so unterstützen wir in Wahrheit die Bewegun gen Christi nicht: Er bewegt Sich der Erhabenheit Seiner eigenen großen und heiligen Gedanken gemäß.
„Ihre Säulen hat er von Silber gemacht"; die Gnade der Erlösung wird nie fehlen, die gegenwärtigen Be wegungen Christi zu begleiten und zu schmücken. Nie vergißt Er das, was durch Seinen eigenen kostbaren Tod gewirkt worden ist; Seine Bewegungen bringen immer den Wert und das Ergebnis der Erlösung vor uns; Er betrachtet Sein Volk von jeher in diesem Lichte. Wenn Bewegungen entstehen, nach denen die, die Christo an gehören, von der Welt, oder im Fleische, oder unter dem Gesetz sind, so können wir sicher sein, daß es nicht Be wegungen von Christo sind. Die Seinen können Ihm nur Erlöste sein, die aus der Welt herausgenommen sind, um in der Kraft und dem Werte Seines eigenen Todes zum Wohlgefallen Gottes zu sein. Das wird immer einen her vorragenden Platz haben, wenn Er Sich unter Seinen Heiligen bewegt. Die vollständige und kostbare Eigenart dieser Erlösung, die durch Sein kostbares Blut bewirkt worden ist und kraft Seiner Person besteht, wird uns beim Dahinschreiten Seines königlichen Zuges immer herrlicher werden; das ist eine unfehlbare Begleiterschei nung von Ihm ausgehender Bewegungen.
Wenn nun die „Säulen" der Prachtsänfte von Silber sind, so ist deren „Lehne" von Gold. Den Bewegungen Christi sind Züge göttlicher Herrlichkeit und Liebe eigen;
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aie stehen alle im Einklang mit dem neuen Bunde, den überschwengliche und bleibende Herrlichkeit kennzeich net (2. Kor. 3, 10 u. 11). Wenn das Augenmerk auf rein Göttliches gelenkt wird — auf das, was der Ausfluß Seiner Liebe ist und Seinem Vorsatze entspricht —, so können wir sicher sein, daß der Herr in Bewegung ist. Es macht Seine Herrlichkeit aus, daß Er der Mittler des neuen Bundes und das Bild Gottes ist. Wenn Er, weil Er im Namen Jehovas kommt, gepriesen und als Solcher begrüßt wird (Matth. 21, 9; Luk. 19j 38], wie glücklich wird dann das Teil derer sein, die Ihn tragen, und auch derer, die Ihn erblicken! Am Tage der Zukunft wird Sein getreuer Überrest ein Zeugnis von Seiner königlichen Herrlichkeit ablegen, und Er wird Sich wieder wie in den Tagen Seines Fleisches unter denen bewegen, die „Ge liebte, um der Väter willen", sind (Rom. 11, 28). Gegen wärtig aber bewegt Er Sich in all Seiner Herrlichkeit, die in einer geistlichen Weise erkannt wird, unter den geliebten Heiligen Seiner Kirche. Möchten wir ein Ver ständnis darüber haben, Ihn derart zu Seinem Wohl gefallen umherzutragen!
Das begreift eine völlige persönliche Unterwerfung unter Seine Oberhoheit als Herr in sich, was im Bilde darin zum Ausdruck kommt, daß der Sitz Seiner Pracht sänfte „von Purpur" ist (V. 10). Zu Seiner Verspot tung setzten Ihm die Kriegsknechte eine Dornenkrone auf und zogen Ihm einen Purpurmantel an; in einem wah ren und göttlichen Sinne aber kennzeichnet der Purpur alle Seine Bewegungen — in ihnen wird immer Seine Oberhoheit gewahrt und Unterwürfigkeit gegen Ihn gefordert. Die Bewegungen des Herrn werden oft be krittelt, als ob Menschen sie zu beurteilen vermöchten, doch in ihnen kommt Seine Oberhoheit zum Ausdruck, und wir können sie nicht ungestraft mißachten. Nur wer sich in seinem Herzen vorgesetzt hat, die Rechte Christi aufrechtzuerhalten und Seiner Oberhoheit als Herr un terwürfig zu sein, kann Ihn in angemessener Weise tragen.
Schließlich heißt es: „Das Innere ist kunstvoll gestickt, aus Liebe, von den Töchtern Jerusalems" (V. 10). Es gefällt dem Herrn, die Zeichen der Liebe Seines Volkes  
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bei allen Seinen Unternehmungen um Sich zu haben, ja Er wird nichts ohne diese Liebe tun. Die wahren „Töchter Jerusalems" finden Gefallen an einer Aus stattung der Liebe; sie fühlen, was dazu erforderlich ist, wie das Weib, das Seinen Leib „zum voraus" zum Be gräbnis salbte (Mark. 14, 8), oder wie die, die vor Ihm hergingen und ihre Kleider auf den Weg streuten, als Er als Zions König in Jerusalem einzog (Matth. 21, 8; Mark. 11, 8; Luk. 19, 36). Er liebt es, Seinen Weg be­reitgemacht zu haben, und daß Seine Prachtsänfte mit Liebe ausgestattet ist. Ich glaube, ehe der Herr eine Be wegung veranlaßt, bewegt Er die Herzen Seiner Heiligen in einer besonderen Weise, so daß für die hierfür er forderliche Ausstattung gesorgt wird, die sie Ihm ermög licht. Wie hoch begünstigt sind die, die der Ehre teilhaftig werden, Ihm also zu dienen! Denken wir an den Ober rest in Lukas 1 und 2 in Verbindung mit Seinem Kom men in die Welt — und auch an den anderen Über rest in Apostelgeschichte 1, der die Verheißung des Va ters erwartete; ihre Herzen waren für Sein Vorhaben bereit, die Ausstattung der Liebe war da. Und so wird es auch bei jener großen Bewegung sein, wo Er vom Himmel herniederkommen wird, um Seine Heiligen zu entrücken, so daß sie Ihm in der Luft begegnen. Die Liebe Seiner Braut wird derart wirksam sein, daß alles für Ihn bereit ist. Sogar dann wird Er Sich, gleichsam von der Liebe Seines Volkes getragen, bewegen, nämlich als Antwort auf den Ruf: „Komm !", Seiner Braut. Und wenn sich das bei Seinen größten und wunderbarsten Bewegungen so verhält, so können wir gewiß sein, daß es bei Seinen geistlichen Bewegungen unter Seinen Hei ligen, die von Zeit zu Zeit vor sich gehen, auch so ist. Ich glaube, für die Ausstattung der Liebe haben wir immer zu sorgen, und den „Töchtern Jerusalems" wird die be sondere Gunst zuteil, dieses zu tun. Begehren nicht auch unser aller Herzen, Ihm in dieser Weise zu Seinem Wohlgefallen zu dienen? Wer wünschte etwa, Seinen Bewegungen unbereit oder teilnahmslos gegenüberzu stehen? Entfernung von Ihm kann uns leider dahin brin gen, Seine Bewegungen mit Mißtrauen zu betrachten und der Glückseligkeit verlustig zu gehen, im Einklänge 
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mit ihnen zu sein. Laßt unsere Herzen vielmehr geist lich auf der Hut sein, damit wir imstande sind, für die Ausstattung der Liebe Vorsorge zu treffen, auf daß unserseits alles für Seine nächste Bewegung bereit ist, welcherart sie auch sein möge!
In Kapitel 6, 12 haben wir einen ähnlichen Gedan ken; da kann der König sagen: „Unversehens setzte mich meine Seele auf den Prachtwagen meines willigen Volkes." Doch dort ist der Gedanke, wie leicht und schnell Ihn die Zuneigungen Seines Volkes bestimmen können, Ihn mit sich zu führen; sie gleichen einem Wa gen, dessen Räder sdmell laufen. Seine Prachtsänfte aber enthält mehr einen Hinweis darauf, daß jeder bereit ist, unter persönlichen Beschwerden die Last auf sich zu nehmen, die die Unterstützung Seiner Bewegungen mit sich bringt. Der „Prachtwagen" redet von der Bereitwil­ligkeit der Liebe auf seiten eines willigen Volkes, die „Prachtsänfte" jedoch davon, daß, Seine Bewegungen zu unterstützen, eine „Bemühung der Liebe" erforderlich ist (1. Thess. 1, 3), der wir unsere Schultern zur Verfügung zu stellen haben.
Der Herr will Sich in Liebe bewegen und Sich unter Seinem Volke bis zum Ende hin rühmen, und Er möchte uns eins mit Seinen Bewegungen sehen, so daß Er dabei die Freude genießt, zu wissen, daß unsere Herzen mit Ihm sind. Er ist nicht gesonnen, sich ohne uns zu bewe gen. Welche Würde und Ehre, ja welch ein trautes Vor recht der Liebe verleiht uns dies! Indem Er Sich bewegt, stellt Er Sich Selbst unter Seinem Volke dar; Er gibt ge wissen Dingen einen besonderen Platz und bringt das, was not tut, um Seinem Zeugnis zu irgendeiner beson deren Zeit Färbung und Eigenart zu verleihen. Es ist gut, für eine Ausstattung der Liebe zu sorgen und bereit zu sein, Ihn bei allen Seinen Bewegungen zu tragen.
In Vers 11 werden die „Töchter Zions" herausgeru fen, den König Salomo gekrönt am Tage Seiner Ver mählung zu betrachten. „Töchter Jerusalems" ist, denke ich, eine allgemeine
Beziehung der durch Gnade Ge zeugten, „Töchter Zions" dagegen deutet auf die Unum schränktheit hin, die einen besonderen Platz gibt, wie ihn die  Hundertvierundvierzigtausend  in   Offenbarung  14
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empfangen. In Zion geboren zu sein, war eine besondere, der Unumschränktheit Gottes entsprechende Gunst (Ps. 87). Ich kann es nur als eine besondere Gunst ansehen,
herausgerufen zu werden, um den wahren König Salomo am Tage Seiner Vermählung von Seiner Mutter gekrönt
zu sehen. Das ist ein Anblick Christi von ganz besonderer und sehr kostbarer Art; denn die Krone ist hier
nicht die des Reiches, sie ist nicht die Krone tausendjähriger Herrlichkeit, sondern der Herrlichkeit, die Ihm
als dem in treuer Liebe Seiner Braut Verpflichteten eigen ist. Nicht, daß die Hochzeit schon abgeschlossen wäre,
dennoch ist die Freude Seines Herzens groß, mit Seiner Braut verlobt zu sein. Welch ein Tag wird es sein, wenn
Seine Mutter Israel die Freude Seiner Liebe versteht, ein Band mit einer auserwählten Schar einzugehen, die
Ihm Sein Vater als Braut gegeben hat! Der Tag wird kommen, wenn sie Ihn in dieser Freude krönen wird.
In der gegenwärtigen Zeit aber können die Heiligen, diesem Verse zufolge, von einem dreifachen Vorrecht  Gebrauch machen: es kann unser Teil sein, Ihn in gewisser  Hinsicht zu krönen, sodann, Ihn in anderer Hin sicht als 
gekrönt zu betrachten, und drittens Ihn in der höchst  gesegneten Hinsicht zu betrachten, daß wir ein Teil jener 
keuschen Jungfrau sind, der Er in unwandel barer Liebe verlobt ist. Gott möchte, daß wir in die „Freude seines Herzens" eingehen. Hier wird nicht unsere Seite dargestellt, sondern die Freude Christi als eines Verlobten — eine Freude, die Sein gegenwärtiges Teil ist und die Ihm viel bedeutet. Als Paulus davon redete, daß die Heiligen Christo als eine keusche Jungfrau verlobt sind, hatte er                          
ihr Passendsein für Ihn vor sich. Hier jedoch handelt es sich um Seine Seite, und es ist eine besondere göttliche
Gunst, herausgerufen zu werden, um Ihn derart zu erblicken. Ich denke, uns sollten nicht nur die allgemeinen
Segnungen göttlicher Gnade ungemein anziehen,  sondern  auch die Besonderheiten, die es der Liebe gefällt,  
uns zu erweisen. Offenbarungen sind Besonderheiten;                                  
sie werden nicht allen Gläubigen zuteil, sondern werden unter gewissen Umständen als 
eine besondere Gunst gegeben. Und es ist eine besondere Gunst, die gegen- 
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wärtige Freude Christi infolge der Verlobung mit Sei ner Braut zu kennen. Da diese Herrlichkeit 
die Seine ist, wird Er immer dem Bande treu sein, das Er eingegan gen ist. Er hat Sich endgültig
verbindlich gemacht und verpflichtet, und Sein Herz schlägt rückhaltlos denen entgegen, 
die Er liebt, und mit denen es Ihm gefällt, in einem Bande zu stehen, das nie getrennt werden kann.
Es ist zu beachten, daß wir nun erst eine bis ins einzelne gehende Beschreibung dessen 
finden, wie schön die Braut in Seinen Augen ist, und daß sie erst von dem nächsten Kapitel 
an die Braut genannt wird. Doch da die Vermählung begonnen hat gefeiert zu werden, ist Er
nun frei, ihr gegenüber so zu reden und zu handeln, wie es dem mit ihr eingegangenen 
Verhältnisse entspricht. Es ist ein unermeßliches Vorrecht, Ihn in diesem besonderen Sinne, 
dieser Herzensangelegenheit entsprechend, als ge krönt zu betrachten; das ist ein sehr kostbarer
Anblick Christi.

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Kapitel 3
Wir können uns sogar nach einem solchen Ruf der Liebe, wie in Kapitel 3, 1, zur Ruhe begeben, worin ein vorsätzliches Niederlassen in unseren eigenen Umstän den zum Ausdruck kommt. Da kann man wohl fragen: Ist es möglich, daß sich einer, der Christum wahrhaft liebt, so verhalten kann? Ja, es ist so, denn sonst würde uns das nicht in den Heiligen Schriften so auffällig vor gestellt werden. Und wissen etwa unsere Herzen nicht, daß das möglich ist? Und doch, so seltsame und ver wickelte Wege geht unser Herz, daß sogar ein Suchen nach Ihm auf dem Lager beweist, daß der Ruf Seiner Liebe unbeachtet geblieben ist. Es war eine ungeeignete, ja aussichtslose Stätte, Ihn da mit irgendwelcher Hoff nung auf Erfolg zu suchen, dennoch sagt die Braut zwei mal, daß sie Ihn suchte (V. 1), mußte aber hinzufügen, „ich... fand ihn nicht". Es ist zu beachten, daß die Zeit des fruchtlosen Suchens keine kurze war, denn sie sagt:
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„In den Nächten suchte ich, den meine Seele liebt", es handelte sich also nicht nur um eine Nacht. Doch eine solche Erfahrung ist die regierungsgemäße Folge, wenn wir der Stimme des Geliebten kein Gehör schenken und uns da befinden, wo uns Seine Liebe nie haben möchte. Weil wir Seinem Suchen nicht entsprochen haben, ent spricht Er nun dem unseren nicht. Die ganze Lage ist un natürlich, und Er will, daß wir derart empfinden. Solange wir auf unserem Bett bleiben, werden wir Ihn nie finden. Wir können einen hohen Grad Gleichgültigkeit gegen Seine Liebe durch unser Zögern, mit Ihm zu gehen, offen baren, und doch mag das Verlangen da sein, daß Er in unseren Umständen bei uns sei und uns darin den Trost Seiner Liebe genießen lasse. Ich fürchte, es gibt vieles den Herrn Suchen, was nicht höher zu veranschlagen ist, und wir dürfen uns über seine Fruchtlosigkeit nicht wun dern. Seine Liebe ist sehr empfindsam, und außerdem hat Er in unendlicher Weisheit das vor Sich, was unsere Liebe zur Zurechtbringung bedarf, damit sie von dem gereinigt werde, was weder Seiner noch Seiner Braut würdig ist.
Das erste Zeichen wahren Wiederauflebens ist, daß sie sagt: „Ich will doch aufstehen und in der Stadt umher gehen, auf den Straßen und auf den Plätzen, will suchen, den meine Seele liebt" (V. 2). Wie verschieden ist das davon, in Seinen Gemächern und in Seinem Hause des Weines zu sein! Aber es zeigt, daß sie sich zu einem vermehrten Herzenseifer erhebt, und das ist doch etwas. Die Straßen und Plätze der Stadt jedoch waren nicht der Ort, Ihn zu finden; sie muß wiederum sagen: „Ich suchte ihn und fand ihn nicht" (V. 2). Daß ihre Liebe nicht durch Seine Stimme und Führung, sondern weit mehr von ihrem Verlustempfinden als von dem Drängen Seiner Liebe bestimmt wurde, das brachte sie in Umstände, die Seiner Braut ganz unwürdig waren. Die in der Stadt umhergehenden Wächter fanden sie. Daß ein Weib nachts umherläuft, war nicht in der Ordnung, was sie auch dazu treiben mochte, und so wurde sie in dieser fragwürdigen Stellung von den Wächtern bemerkt. In ordnungsgemä ßen Verhältnissen wäre so etwas nie vorgekommen; denn deren Amt war es, ihr Augenmerk auf Übeltäter
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und Feinde zu richten, auf solche, die den Frieden der Stadt stören. Eben die Tatsache, daß sie überhaupt von ihnen bemerkt werden konnte, war eine Schande und ein Tadel für sie. Diesmal sagten und taten sie ihr nichts, doch sie fanden sie als eine, die der Gemeinschaft und Unterstützung ihres Geliebten entbehrte. Ihre Frage: „Habt ihr den gesehen, den meine Seele liebt?" stellte sie ihnen als eine bloß, die Ihn verloren hatte. Wenn auch wahre Liebe vorhanden sein mag, so wird denen, die auf die vielen und offen zutage liegenden Wege ein Wächterauge haben, doch die Entfernung des Herzens von Christo offenbar. Es ist etwas Ernstes, wenn das Augenmerk derer auf uns gelenkt wird, die für die Auf rechterhaltung der Ordnung unter dem Volk Gottes ver antwortlich sind. Wie wenig sie auch sagen oder tun mögen, die bloße Tatsache, daß ihr Augenmerk auf uns gerichtet wurde, würde einem zarten Gewissen eine tiefe Herzensübung verursachen. Wenn unsere Wege derart sind, daß es gottselige Personen bekümmert, so sollte das genügen, uns nahezubringen, daß da etwas Unschick liches vorliegt; sie sollten nicht nötig haben, ernste Maß nahmen zu ergreifen. Ich denke nicht, daß die Wächter das erstemal, wo sie uns finden, streng gegen uns ver fahren; erst später in unserem Buche, nach wiederholter Mißachtung der rührendsten Aufforderungen der Liebe, greifen die Wächter ernstlich ein (siehe Kapitel 5). Die schärferen Formen der Zucht sind denen vorbehalten, die sich weigern, Nutzen aus milderen Ermahnungen zu ziehen. Von den Wächtern angetroffen zu werden, ist eine Warnung, die beachtet werden sollte.
Die betrachtete Schriftstelle deutet an, daß der Ge liebte es erfahren hat, daß eine Neubelebung im Herzen der Braut stattgefunden hatte, und Er wollte dem in Gnade entsprechen, nachdem Er es in Seiner Treue zu gelassen hatte, die schmerzlichen Folgen ihrer Lauheit gegen Ihn zu durchkosten. Die Braut deutet auch an, daß ihre Begegnungen mit den Wächtern nicht ohne eine Wir kung geblieben sind, denn sie sagt: „Kaum war ich an ihnen vorüber, da fand ich, den meine Seele liebt" (V. 4). Es ist eine besonders gnädige Tat Seiner Liebe, daß das Gefühl der Nähe und des bewußten Besitzes Seiner 
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Selbst wiederhergestellt wird, wenn es durch den Man gel, Seiner Liebe zu entsprechen, verlorengegangen war. Das wirkt ein tiefes und zartes Bewußtsein der Treue Seiner Liebe, und dies um so mehr, als wir sie durchaus nicht in der rechten Weise geschätzt noch ihr so, wie es uns zukam, entsprochen hatten. Nun zeigt sich eine Stärke und Kraft ihrer Zuneigungen, wie sie zuvor nicht offenbar wurde, sie sagt: „Ich ergriff ihn und ließ ihn nicht, bis ich ihn gebracht hatte in das Haus meiner Mut ter und in das Gemach meiner Gebärerin." Im ersten Abschnitt des Buches bringt Er sie in Seine Gemächer, also an die Stätte Seiner trautesten Nähe, wie das Seinen Gedanken über sie entspricht; doch das erfordert lange nicht die Tatkraft ihrerseits. Und es ist zu beachten, daß durch den Mangel, Ihm zu entsprechen, und die Übungen und Erfahrungen, die das mit sich brachte, eine Tatkraft, Ihn festzuhalten, zur Entfaltung kommt, die sie zuvor nicht kennzeichnete. Wir können durch keine demütigendere Übung gehen als die, zu entdecken, daß wir der Liebe Christi nicht entsprochen haben; das macht den wahren Zustand des Herzens viel mehr offen bar, als ein äußeres Fehlen. Kein Zusammenbruch im Wandel kann in den Augen eines Christum wahrhaft Liebenden so ernst sein, wie ein Ihm nicht entsprechen der Herzenszustand. Doch das Elend, Christum verloren zu haben, die Herzensangst der dunklen Nächte, wo man Ihn nicht fand, bringt unter der Oberleitung allmächtiger göttlicher Liebe eine Tatkraft des Erfassens zustande, die zuvor nicht da war. Und wir erkennen tiefer als je zuvor, daß wir alles, was wir von Ihm kennen oder von Ihm besitzen, lediglich unumschränkter Gunst und un umschränktem Erbarmen verdanken. Darauf beruht, so viel ich sehe, ihre Kraft, die Ihn in das Haus ihrer Mut ter brachte. Die Braut hat verstanden, daß sie gerade ihr Dasein der Ordnung göttlicher Gnade verdankt — das Jerusalem droben ist ihre Mutter; und damit, daß sie Ihn in das Haus ihrer Mutter bringt, deutet sie an, daß sie Ihn nun im wahren Bewußtsein der Gnade erfaßt und besitzt. Sie hat sich selbst und die ihren Zuneigungen anhaftenden Möglichkeiten kennengelernt, daß diesen, selbst wenn sie wahrhaftig sind, nicht vertraut werden 
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kann, und ist sich nun dessen völlig bewußt, daß sie Ihn nur aus reiner Gnade besitzen kann.
Wir hatten bemerkt, daß die Braut in dem zweiten Abschnitt des Buches, von Kapitel 2, 8 bis 3, 5, demü tigende Erfahrungen zu machen hat. Sie verliert, weil sie dem König nicht folgt, Dessen Gesellschaft und muß Ihn suchen, und eine beträchtliche Zeit findet sie Ihn nicht. Die Wächter treffen sie, doch schließlich findet sie Ihn nach schmerzlichen Erfahrungen und bringt Ihn in das Haus ihrer Mutter. Sie bekommt ein sehr tiefes Bewußt sein davon, daß alles Gnade ist. Gerade der Mangel, Seinem Ruf nicht entsprochen zu haben, und Seine Gunst, die sich ihr nach ihrem Fehlen wiedergab, gibt ihr das tiefe Bewußtsein, daß alles Gnade ist; diesem Grundgedanken verdanken wir unser Dasein, und wir erkennen an, daß er der einzige Grund unserer Segnung ist, doch wir müssen oft durch Erfahrungen gehen, die uns nachhaltig einschärfen, daß uns kein Verdienst dabei zukommt. Und der Herr benutzt derartige Erfahrungen, um in unseren Seelen eine Tatkraft der Zuneigungen zustande zu bringen, die wir vordem nicht hatten, So fin den wir denn am Ende dieses Abschnitts in der Braut eine Tatkraft — sie ergreift Ihn und ließ Ihn nicht von sich —, die ehedem nicht offenbar wurde, weil sie, wie wir wohl sagen können, vorher nicht erforderlich war.
Gott in Seiner Weisheit hat es gefallen, uns auf diese Weise eine wertvolle Belehrung zu geben. Jeder dieser beiden Abschnitte endet mit der Aufforderung, ihre Liebe nicht zu stören — eine ganz zu Recht bestehende Übung; denn wenn wir Nähe und Vertrautheit mit dem Herrn genießen, so beherrscht das Herz das Verlangen, daß nichts dazwischenkomme. Ich nehme an, wir alle haben Augenblicke der Glückseligkeit gehabt, in denen wir wahrhaft fürchteten, etwas Störendes könne dazwischen kommen. Das ist eine ordnungsgemäße Übung der Liebe

Durch die Rückkehr dazu, daß alles aus reiner Gnade ist, kommt die Neubelebung, und der dritte Abschnitt des Buches, von Kapitel 3, 6 bis 5, 1, gibt uns deren Ge schichte. Deshalb wird da auch kein Fehlen der Braut betrachtet, und der König verleiht dem Ausdruck, wie 
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Er deren Schönheit in ihren Einzelheiten schätzt; das hatte Er zuvor noch nicht getan.
Was wir durch tatsächliches Fehlen im Wandel lernen, erforscht und demütigt uns nicht so, wie innerlich zu entdecken, daß unsere Herzen gefehlt haben, der Liebe Christi zu entsprechen. Das eine ist äußerlich und viel leicht mehr öffentlich, das andere aber rührt vom Be wußtsein eines Abweichens her, das nur uns selbst und Dem, der unsere Seelen liebt, bekannt ist; das macht die Herzensübung des zweiten Abschnittes dieses Buches aus. Es handelt sich da um ein Abweichen in den Zuneigungen — es wird offenbar; doch das wahre Geheimnis ist ein inneres Abweichen, und innen beginnt alles Abweichen. Als der Herr Sich in der Offenbarung an Ephesus wendet, sagt Er gleichsam: Ihr habt nicht äußerlich gefehlt, ihr seid eine schöne Versammlung; ihr haltet auf Ordnung, seid treu, tut alles nach außen hin recht, doch ihr habt eure erste Liebe verlassen: Er ruft eine bis in die feinsten Einzelheiten gehende Übung her vor. Ich nehme an, wir alle kennen das gut, nämlich den Kummer, zu fühlen, daß unsere Herzen der Liebe Christi nicht so entsprochen haben, wie sie es gekonnt, ja gesollt hätten! Doch dann dient diese Übung dazu, die Tatkraft unserer Seelen, Ihn festzuhalten, zu stärken: die Braut ergreift Ihn und will Ihn nicht wieder gehen lassen. Sie ist jetzt tatkräftiger als da sie noch unter Seinem Schat ten saß. Wie wunderbar sind Gottes Wege! Und sie be kommt das Bewußtsein, daß alles aus Gnade ist. So bringt sie Ihn in das Haus ihrer Mutter, also dahin, wo sie unter der Ordnung der Gnade geboren wurde. Nun bringt sie Ihn dorthin, als ob sie damit sagen wollte, was mein eigen Herz anlangt, so habe ich genugsam heraus­gefunden, völlig davon überzeugt zu sein, daß alles aus Gnade sein muß. Das ist ein schönes Bild, und wir alle werden dessen Deutung verstehen; jeder Gläubige hat den Schlüssel dazu in seiner eigenen Geschichte.
Besondere göttliche Gunst bewahrte die Apostel, so daß nichts darauf hindeutet, daß sie je in ihrer Liebe zum Herrn nachließen. Die besondere Gnade des Herrn bewahrte sie, doch sowie die Geschichte der Kirche als
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die eines verantwortlichen Gefäßes begann, wur'den Zei chen des Abweichens offenbar.
Was Israel widerfahren ist, das ist auch der Kirche widerfahren. Doch für Israel kommt noch eine Neube lebung, wie sie jetzt in der Kirche geschehen ist. In Hosea 6, 1—3 heißt es: „Kommt und laßt uns zu Jehova umkehren, denn e r hat zerrissen und wird uns heilen, e r hat geschlagen und wird uns verbinden. Er wird uns nach zwei Tagen wieder beleben, am dritten Tage uns aufrichten; und so werden wir vor seinem Angesicht leben. So laßt uns Jehova erkennen, ja laßt uns trachten nach seiner Erkenntnis! Sein Hervortreten ist sicher wie die Morgendämmerung; und er wird für uns kommen wie der Regen, wie der Spätregen die Erde benetzt." Wir leben in einer Zeit der Neubelebung; die größte Neube lebung, die es je gegeben hat, geht jetzt vor sich, und sie sollte für einen jeden von uns eine Zeit des Neuauflebens sein. Das kennzeichnet unsere Tage, und das Bewußtsein der Gnade ist die Ursache der Neubelebung; wir haben das Gefühl des Fehlens auf unserer Seite, aber das der Gnade auf Gottes Seite. So kam die Reformation zu stande; man empfand das Fehlen der Kirche tief, bekam aber ein Bewußtsein von der Gnade, man erwachte dahin, die Eigenart der Haushaltung zu erkennen, daß alles aus Gnade und durch Glauben war. Die Neubelebung des letzten Jahrhunderts war eine Rückkehr zur Gnade; ein tiefes Gefühl des Fehlens in der Kirche kam zustande, das auf eine Rückkehr zur Gnade, auf eine Rückkehr zu den Gedanken Gottes hinauslief. Die Gedanken Gottes sind Gedanken der Gnade; wir kehren in das Haus un serer Mutter zurück und halten Christum da fest; und dann findet eine wahre Neubelebung statt.
Eben weil wir das sind, was wir sind, lernen wir, glaube ich, die Gnade tatsächlich nur in dem Maße ken nen, wie wir unsere Schwachheit und unser Fehlen emp finden. Es ist etwas Außerordentliches, daß Gott Sich un serer Schwachheit bedient, um uns zu stärken; das ist sehr kostbar. Denken wir nicht, daß Petrus immer, wenn er seine eigene Schwachheit erfahren hatte, dem Herrn in einer Weise anhing wie nie zuvor? Petrus liebte den Herrn aufrichtig und hing Ihm in gewissem Sinne an,
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doch er hing Ihm nicht innig genug an! Wie muß er jedoch immer, wenn er seine eigene Schwachheit ausfindig ge macht hatte, dem Herrn mit noch größerer Beharrlichkeit angehangen haben! Uns tut diese Beharrlichkeit der Liebe not, Ihn festzuhalten und nicht gehen zu lassen. Wir können nicht einen Augenblick ohne Ihn weiter gehen, wir müssen Ihn festhalten. Darin, daß Er von unseren Zuneigungen Besitz ergriffen hat, liegt das Ge heimnis der Neubelebung.
Dieser Abschnitt des Buches ist sehr glücklicher Art, weil kein Fehlen darin vorkommt, alles ist aus Gnade, und die Gedanken der Liebe Christi über Seine Braut finden darin einen völligeren Ausdruck als je zuvor. Sein Gegenstand ist, daß die Braut, dem Zuge Seiner Liebe folgend, mit Ihm komme, und wir sehen, daß sie Ihm hier mehr entspricht als im vorausgehenden und im nachfolgenden Abschnitt. Das deutet auf eine Neubele bung hin, in der Er etwas von dem empfängt, was Sein Herz erwartet. Neubelebung wäre ein nichtssagendes Wort, wenn kein Abweichen stattgefunden hätte. Neu belebung setzt einen niedrigen Zustand voraus, aus dem heraus ein Wiederaufleben, eine Erneuerung des eigent lichen Liebeseifers zustande gekommen ist.
Nun haben wir eine wunderbare Entfaltung der Ge danken Gottes; wir sehen die Heiligen der Gnade gemäß. Das kommt in Vers 6 vor uns; und dann sehen wir ver schiedenes in Verbindung mit Salomo, das heißt dem Bilde nach, Christo — Sein Tragbett und Seine Pracht sänfte und Seine Krone (V. 7, 9, 11) —, es deutet den Weg an, auf dem sich die Zuneigungen Seines Volkes im Blick auf Ihn betätigen können. Das alles ist die Frucht der Gnade. Dahin zurückgebracht, Christum wahr haft zu schätzen, kann nun die volle Frucht der Gnade ans Licht kommen. Damit ist nicht gesagt, daß jetzt kein Abweichen mehr eintreten kann, denn das haben wir im nächsten Abschnitt. Nach der gesegnetsten Neubele bung kann es wieder abwärts gehen, und dennoch kann der Herr das in Seiner treuen Liebe gebrauchen, uns etwas zu lehren, was uns not tut.
Wir sehen die Braut hier von der Wüste herauf kommen. Die Wüste ist die Stätte, wo die Gnade kennen-
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gelernt wird. Gott erlöste Sein Volk aus Ägypten und brachte es auf Adlersflügeln zu Sich Selbst. Ihre Wüsten zeit war Gott gegenüber eine Zeit der Erkenntnis der Gnade. Welch eine Erziehung in der Gnade wurde ihnen dort zuteil! Da sehen wir nicht nur Gottes Wege in Gnade und Bezug auf das, was in ihnen ans Licht kam, die in der Tat wunderbar waren, sondern wie Er Sich mit ihnen in Seinem Zelte einsmachte, dessen herrliche Ordnungen sich auf die Gnade der Erlösung gründete.
Es ist beachtenswert, daß wir hier keine Beschreibung der persönlichen Züge der Braut bekommen, noch der Einzelheiten ihrer Schönheit, wie später in Kapitel 4 und 7, sondern es wird geschildert, daß sie aus der Wüste „wie Rauchsäulen" heraufkommt; das heißt, sie ist in einen Wohlgeruch gekleidet, der unter der Wirkung des Feuers zustande gekommen ist — „Rauch" deutet klar darauf hin. Sie gleicht „Rauchsäulen, durchduftet von Myrrhe und Weihrauch, von allerlei Gewürzpulvern des Krämers" (V. 6).
Nach 2. Mose 25 hatte Gottes Volk das Vorrecht, Seine Gnade in Verbindung mit einer Ordnung kennen zulernen, die Er in ihrer Mitte aufgerichtet hatte. Das war eine wunderbare Ordnung, ein Bild von Christo und der Herrlichkeit, und einer ihrer kennzeichnendsten Züge war das Aufsteigen von Rauch vom Altar. Die „Rauch säulen" beziehen sich, wie ich denke, auf den lieblichen Wohlgeruch der Opfer, auf das Brand-, Speis- und Frie densopfer sowie den Weihrauch und andere wohlrie chende Gewürze, deren Duft beständig vom Altar auf stieg. Sie alle redeten vom lieblichen Duft und kostbaren Wohlgeruch, der durch Feuer zustande kam, also vom Tode Christi von der Seite lieblichen Wohlgeruchs aus. Gottes Absicht darin, daß vom ehernen und goldenen Altar ein lieblicher Wohlgeruch zu Ihm aufsteigen sollte, war, Sein Volk sollte damit eins sein, und dies sollte mit ihnen eins sein; das war Gottes Gedanke. Und hier wird die Braut als von der Wüste derart heraufkommend betrachtet, so daß sie nichts anderes als den lieblichen Wohlgeruch Christi an sich trägt.
Den Gedanken der Gnade gemäß betrachtet, kommen die Heiligen aus der Wüste heraus; dabei ist nichts an-
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deres an ihnen zu sehen, als daß sie, den Gedanken und der Gnade Gottes gemäß, mit all dem lieblichen Duft einsgemacht sind, der unter der Wirkung des Feuers emporstieg, als Christus in den Tod ging. Um Seinen Tod zur Beseitigung des Ärgernis-Erregenden handelt es sich hier nicht; diesen Anblick Seines Todes dürfen wir wohl in den Psalmen und den Propheten erwarten, nicht aber im Lied der Lieder. Hier haben wir den lieblichen Wohlgeruch Seines Todes — die Vollkommenheit des Gehorsams und der Ergebenheit, die jede Probe bestan den hat, und das brachte unter der Wirkung des Feuers den Duft zustande, der Gott völlig befriedigte und Ihm durchaus wohlgefiel, und dies, damit die Heiligen mit dessen Wohlgeruch und Wert auf immerdar -einsgemacht seien. Das alles ist ihr Teil als die freie Gabe in Gnade (Rom. 5, 15).
Wie gut, daran zu gedenken, daß es dies oder nichts ist! Wir können da durchaus keine Vermischung haben. Was die Annahme und den Wohlgeruch anlangt, ist es und muß es durchaus Christus sein. Die Kirche ist jene herrliche Schar, die gegenwärtig in all den Wert des kostbaren Opfers Christi eingekleidet wird. Es ist unser Vorrecht, von der Wüste heraufzukommen, nichts als den lieblichen Duft Christi an uns tragend. Das geschieht tat sächlich, wenn ein Heiliger abscheidet, um bei Ihm zu sein. Bis zum letzten Augenblick der Geschichte der Gläu bigen hienieden mag eine Verwirklichung der Übungen eintreten, doch eine Sekunde nach dem Abscheiden bleibt nichts als Christus und das, was von Ihm ist. Wie kost bar, daran zu denken! Aber die Freude dessen braucht nicht bis zum Augenblick des Abscheidens aufgeschoben zu werden, sie sollte jetzt ebenso wie unsere Annahme durch Gnade gekannt werden. Wir sind jetzt, den Ge­danken der Liebe Gottes gemäß, gesegnet, und die Liebe Gottes ist in der wunderbaren Tatsache ans Licht ge kommen, daß Christus für uns gestorben ist. Infolgedes sen sind wir mit dem Wohlgeruch verbunden, der auf stieg, als Er in den Tod ging. Derart kommen wir aus der Wüste heraus.
In diesem Buche kommt die Braut zweimal aus der Wüste herauf. Hier kommt sie in all dem von dem Altar
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aufsteigenden Wohlgeruch herauf, doch im achten Kapitel auf den Geliebten lehnend, also unter Seiner priester lichen Unterstützung. Mit diesem beiden werden wir in der Wüste bekannt, mit dem Altar, dem Tode Christi in all seinen erstaunlichen Folgen für Zeit und Ewigkeit, und mit dem Priester zur Hilfe und Unterstützung. Wir stehen nicht nur im Wohlgeruch des Todes Christi da, sondern wir haben einen lebendigen Priester, auf den wir uns stützen können, und der uns in alles das einführen kann, was die Frucht der göttlichen Liebe und des göttlichen Vorsatzes ist. Wie gesegnet, derart aus der Wüste heraufzukommen!
In einem Lebenskreise der Liebe verweilen wir nicht bei dem, was hinweggetan ist, sondern bei alledem, wozu wir gebracht sind, und das ist ein ungeheurer Unter schied. Gott will, daß wir den Tod Christi in seinem lieb lichen Wohlgeruch erfassen; und dann werden wir die „Rauchsäulen" verstehen. Die Gedanken der Gnade sind unendlich groß. Wie oft sagen wir mit Bezug auf Gottes große Gedanken, daß wir nicht auf deren Höhe sind! Doch das ist nicht die wirkliche Schwierigkeit. Was uns zu sehen not tut, ist, daß wir in Adam so völlig zugrunde gerichtet sind, daß nichts als Christi Tod da helfen kann. Er ist nicht nur gestorben, um das zu beseitigen, was wir waren, sondern auch um den Wohlgeruch dessen ein zuführen, was Er ist, damit wir in all dessen Wert und Annehmlichkeit (von der Wüste) heraufkommen. Wir können nicht tiefer als der Tod Christi herunterkommen; er ist der wahre Maßstab unseres Zustandes, unserer Not; doch durch diesen Tod gibt uns die Gnade einen Platz in all dem Wohlgeruch der Myrrhe, des Weih rauchs und der Gewürzpulver des Krämers.
Der Epheserbrief ist ein wunderbarer Brief der Gnade; er ist voll von der Wirksamkeit und Frucht der Gnade. Dort lesen wir von „der Herrlichkeit seiner Gnade", „dem Reichtum seiner Gnade" und dem „überschwenglichen Reichtum seiner Gnade" (Eph. 1, 6. 7; 2, 7). Wenn wir in den Bereich der Gnade kommen, so handelt es sich da um Christum, um nichts als Christum; dort zu weilen heißt, überschwenglich glücklich zu sein.
Nachdem  die  Braut  derart  vor  uns  gekommen  ist, 
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wendet Sich der Geist in Vers 7—11 Christo, dem Gegen stande der Zuneigungen Seines Volkes, zu. Die Braut als solche haben wir nicht in diesen Versen, obwohl diese die Einleitung zu den wunderbaren Äußerungen des Königs über sie in Kapitel 4 bilden. Die erwähnten Gegenstände sind in besonderer Weise Sein eigen. Sein Tragbett, Seine Prachtsänfte und Seine Krone sind Dinge, die Christo gehören und die Frage aufkommen lassen, wie wir in unseren Herzen zu ihnen stehen. Wahrhaft auf genommene Gnade bringt uns in Herzensbeziehungen zu Seinem Tragbett, Seiner Prachtsänfte und Seiner Krone.
Wer in Vers 6—11 redet, wird nicht gesagt, er bleibt verborgen, damit sich unser Augenmerk auf das Geredete richte. Ich zweifle nicht daran, daß wir hier gesondert von den anderen Redenden, deren Äußerungen in dem Hohenliede vor uns kommen, die Stimme des Geistes ha ben; es ist dies eine auffallende Einschaltung dieses Buches.
Das erste, was wir zu betrachten haben, ist Salomos T r a g b e 11. Es ist Seine Ruhestätte während der Nacht, und wir sehen sie hier von einer Leibwache von Helden Israels umgeben. Das zeigt, daß Christus einen Ort hat, wo Er sicher in der Gegenwart dessen, was feindlich ist, die Nacht hindurch ruhen kann. Wohl wis sen wir, daß Er einen Platz der Ruhe in der Höhe hat, denn Jehova hat zu Ihm gesagt: „Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde lege zum Schemel deiner Füße!" (Ps. 110, 1). Dort haben wir Ihn nicht zu bewa chen, dort kann Ihm keine feindliche Macht nahen; doch Er hat eine Stätte hienieden, die von treuen, kriegs geübten Männern verteidigt werden muß. Seine Ruhe stätte wird in treuer Liebe bewacht; es sind solche da, die bereit sind, die Wucht jedes Angriffs auf Ihn abzu weisen. Wir denken oft daran, daß Er uns schützt, und wo würden wir auch ohne Seinen Schutz sein? Doch hier haben wir eine andere Seite, und die Tatsache, daß Sein Tragbett „vor dem Schrecken in den Nächten" bewahrt wird, zeigt, daß die gegenwärtige Zeit vor uns ist, und nicht der Tausendjahrtag. Das geschieht angesichts der Feinde und in den Tagen Seiner Vermählung; die Hoch zeit ist noch nicht gekommen, es hat also besonders mit
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der gegenwärtigen Zeit zu tun. Reinheit in den Zunei gungen gegen Christum und Treue gegen Ihn angesichts alles Feindlichen kann nur im Geiste eines Kämpfers aufrechterhalten werden. Wir haben, das Schwert in der Hand, dazustehen, jeden nächtlichen Überfall abzu wehren.
Bedenken wir, daß Sich der Herr der Obhut Treu liebender anvertraut! Er hat eine Stätte hienieden, wo Er gegen jeden feindlichen Angriff verteidigt wird. Welch eine Ehre für die Kirche, daß ihr solch eine heilige Obhut anvertraut ist! Alles Gott Wertvolle wird aufgegeben, wenn wir die Person Christi nicht verteidigen. Dieser Gedanke steht mit Seinem Tragbett in Verbindung. Seine Person ist auf alle Kosten zu verteidigen; jedem Angriff des Feindes ist unerschrocken entgegenzutre­ten, und die „Helden Israels" sind imstande, die Wucht des Kampfes auszuhalten, wenn Seiner Person irgend etwas droht. Die Person Christi ist der unermeßliche Schatz der Kirche, und jeder Angriff des Feindes richtet sich irgendwie gegen sie. Es ist gut, daran zu denken, daß gegenwärtig Tausende von Heiligen auf Erden sind, die lieber sterben würden, als einem Einflüsse nach zugeben, der der Wahrheit Seiner Person entgegen ist. Die wahre Probe darauf, ob die Kirche steht oder fällt, ist ihr Handeln mit Bezug auf die Person Christi. Wir haben Ihn auf alle Kosten zu verteidigen, .und in Ver bindung damit kommen Helden ans Licht.
Es hat nie eine Zeit gegeben, wo der Feind geschäftiger war, so daß in der Nacht Lärm geblasen werden mußte. Allenthalben wird die Wahrheit der Person Christi an gegriffen, und Er wird der Ihm eigenen Herrlichkeit ent kleidet. Wider alles das haben wir Schulter an Schulter, das Schwert in der Hand, dazustehen. Wir können dessen gewiß sein, daß in dem Maße, wie der Feind Ihm Seine Herrlichkeit zu rauben sucht, der Geist Gottes dadurch ein Banner wider ihn erheben wird (Jes. 59, 19), daß Er diese Herrlichkeit in den Augen derer, die Ihn lieben, ver größert und vermehrt. Ich denke, wir alle verlangen danach, von Gott gewürdigt zu werden, Ihn an einem Schauplatze und zu einer Zeit zu verteidigen, wo Er der
Gegenstand des Angriffs ist; das begehrt jeder Ihn treu ergeben Liebende.
„Der König Salomo hat sich eine Prachtsänfte gemacht aus Holz vom Libanon. Ihre Säulen hat er von Silber gemacht, ihre Lehne von Gold, ihren Sitz von Purpur; das Innere ist kunstvoll gestickt, aus Liebe von den Töchtern Jerusalems" (V. 9 u. 10). Damit hat der Herr offenbar für das Fürsorge getroffen, was Er unter Seinem Volke unternimmt. Es ist zu beachten, daß Er Sich dazu keines Wagens auf Rädern bedient, sondern einer von Trägern getragenen Prachtsänfte. Somit ist das, was der Herr unternimmt, dem Bilde nach nicht unabhängig von Seinen Heiligen; es geschieht, getragen von ihrer Herzenstreue. Das erinnert uns daran, daß die Bundeslade auf allen ihren Zügen von den Kehathitern getragen wurde, und welche traurigen Folgen es nach sich zog, als man von dieser göttlichen Ordnung ab wich. Der Herr ist in der gegenwärtigen Zeit nicht zur Ruhe gekommen, Er bewegt Sich unter Seinem Volke, jedoch nicht unabhängig von ihren Zuneigungen und ihrem Dienste. Wenn wir anerkennen, daß Bewegungen vom Herrn ausgehen, so ist es von großer Wichtigkeit, sie zu erkennen und sie von ganzem Herzen zu unter stützen. Dem Kennzeichnenden und der Eigenart Seiner Bewegungen verleiht im Bilde die Prachtsänfte Aus druck, die der König Salomo machte, und wenn wir sie betrachten, lernen wir Seine Bewegungen von bloßer menschlicher Tätigkeit unterscheiden. Obendrein ler nen wir, daß das Tragen einer solchen Prachtsänfte und des darin Sitzenden ein sehr erhabener Dienst ist; denn die Träger mußten sicherlich ihrer Erscheinung und Würde nach dem entsprechen, was sie trugen.
Alle Bewegungen Christi tragen eine Seiner wür dige Eigenart. Die Zedern und Zypressen des Libanon hatten einen großen Platz beim Tempelbau, und von der Stadt Jehovas am Tage der Zukunft heißt es: „Die Herr lichkeit des Libanon wird zu dir kommen, ^Zypresse, Pla tane und Scherbinzeder miteinander, um die Stätte mei nes Heiligtums zu schmücken" (Jes. 60, 13). Demnach ist das „Holz des Libanon" ein Bild der Vortrefflichkeit und Erhabenheit, es redet also von einer sittlich 
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erhabenen Eigenart. Den Bewegungen Christi war von jeher diese Wesensart eigen; ihnen haftete nie etwas Niedriges oder Gemeines an, noch irgend etwas, was der Stufe des natürlichen oder fleischlichen Menschen ent spricht; und die Ihn tragen, haben damit im Einklänge zu stehen. Paulus lenkt im 2. Korintherbriefe das Augen merk besonders auf die Tatsache, daß er persönlich ein Ausdruck des Dienstes war, den er ausübte. Seine Lehre wie auch sein Wandel waren in Christo, und Timotheus ging denselben Pfad, denn Paulus konnte von ihm sagen, daß sein Aufenthalt unter ihnen sie an seine Wege, die in Christo sind, erinnern würde (1. Kor. 4,17). Unsere Worte haben oft kein Gewicht, weil wir persön lich nicht im Einklänge mit ihnen stehen; wenn das der Fall ist, so unterstützen wir in Wahrheit die Bewegun gen Christi nicht: Er bewegt Sich der Erhabenheit Seiner eigenen großen und heiligen Gedanken gemäß.
„Ihre Säulen hat er von Silber gemacht"; die Gnade der Erlösung wird nie fehlen, die gegenwärtigen Be wegungen Christi zu begleiten und zu schmücken. Nie vergißt Er das, was durch Seinen eigenen kostbaren Tod gewirkt worden ist; Seine Bewegungen bringen immer den Wert und das Ergebnis der Erlösung vor uns; Er betrachtet Sein Volk von jeher in diesem Lichte. Wenn Bewegungen entstehen, nach denen die, die Christo an gehören, von der Welt, oder im Fleische, oder unter dem Gesetz sind, so können wir sicher sein, daß es nicht Be wegungen von Christo sind. Die Seinen können Ihm nur Erlöste sein, die aus der Welt herausgenommen sind, um in der Kraft und dem Werte Seines eigenen Todes zum Wohlgefallen Gottes zu sein. Das wird immer einen her vorragenden Platz haben, wenn Er Sich unter Seinen Heiligen bewegt. Die vollständige und kostbare Eigenart dieser Erlösung, die durch Sein kostbares Blut bewirkt worden ist und kraft Seiner Person besteht, wird uns beim Dahinschreiten Seines königlichen Zuges immer herrlicher werden; das ist eine unfehlbare Begleiterschei nung von Ihm ausgehender Bewegungen.
Wenn nun die „Säulen" der Prachtsänfte von Silber sind, so ist deren „Lehne" von Gold. Den Bewegungen Christi sind Züge göttlicher Herrlichkeit und Liebe eigen;
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aie stehen alle im Einklang mit dem neuen Bunde, den überschwengliche und bleibende Herrlichkeit kennzeich net (2. Kor. 3, 10 u. 11). Wenn das Augenmerk auf rein Göttliches gelenkt wird — auf das, was der Ausfluß Seiner Liebe ist und Seinem Vorsatze entspricht —, so können wir sicher sein, daß der Herr in Bewegung ist. Es macht Seine Herrlichkeit aus, daß Er der Mittler des neuen Bundes und das Bild Gottes ist. Wenn Er, weil Er im Namen Jehovas kommt, gepriesen und als Solcher begrüßt wird (Matth. 21, 9; Luk. 19j 38], wie glücklich wird dann das Teil derer sein, die Ihn tragen, und auch derer, die Ihn erblicken! Am Tage der Zukunft wird Sein getreuer Überrest ein Zeugnis von Seiner königlichen Herrlichkeit ablegen, und Er wird Sich wieder wie in den Tagen Seines Fleisches unter denen bewegen, die „Ge liebte, um der Väter willen", sind (Rom. 11, 28). Gegen wärtig aber bewegt Er Sich in all Seiner Herrlichkeit, die in einer geistlichen Weise erkannt wird, unter den geliebten Heiligen Seiner Kirche. Möchten wir ein Ver ständnis darüber haben, Ihn derart zu Seinem Wohl gefallen umherzutragen!
Das begreift eine völlige persönliche Unterwerfung unter Seine Oberhoheit als Herr in sich, was im Bilde darin zum Ausdruck kommt, daß der Sitz Seiner Pracht sänfte „von Purpur" ist (V. 10). Zu Seiner Verspot tung setzten Ihm die Kriegsknechte eine Dornenkrone auf und zogen Ihm einen Purpurmantel an; in einem wah ren und göttlichen Sinne aber kennzeichnet der Purpur alle Seine Bewegungen — in ihnen wird immer Seine Oberhoheit gewahrt und Unterwürfigkeit gegen Ihn gefordert. Die Bewegungen des Herrn werden oft be krittelt, als ob Menschen sie zu beurteilen vermöchten, doch in ihnen kommt Seine Oberhoheit zum Ausdruck, und wir können sie nicht ungestraft mißachten. Nur wer sich in seinem Herzen vorgesetzt hat, die Rechte Christi aufrechtzuerhalten und Seiner Oberhoheit als Herr un terwürfig zu sein, kann Ihn in angemessener Weise tragen.
Schließlich heißt es: „Das Innere ist kunstvoll gestickt, aus Liebe, von den Töchtern Jerusalems" (V. 10). Es gefällt dem Herrn, die Zeichen der Liebe Seines Volkes  
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bei allen Seinen Unternehmungen um Sich zu haben, ja Er wird nichts ohne diese Liebe tun. Die wahren „Töchter Jerusalems" finden Gefallen an einer Aus stattung der Liebe; sie fühlen, was dazu erforderlich ist, wie das Weib, das Seinen Leib „zum voraus" zum Be gräbnis salbte (Mark. 14, 8), oder wie die, die vor Ihm hergingen und ihre Kleider auf den Weg streuten, als Er als Zions König in Jerusalem einzog (Matth. 21, 8; Mark. 11, 8; Luk. 19, 36). Er liebt es, Seinen Weg be­reitgemacht zu haben, und daß Seine Prachtsänfte mit Liebe ausgestattet ist. Ich glaube, ehe der Herr eine Be wegung veranlaßt, bewegt Er die Herzen Seiner Heiligen in einer besonderen Weise, so daß für die hierfür er forderliche Ausstattung gesorgt wird, die sie Ihm ermög licht. Wie hoch begünstigt sind die, die der Ehre teilhaftig werden, Ihm also zu dienen! Denken wir an den Ober rest in Lukas 1 und 2 in Verbindung mit Seinem Kom men in die Welt — und auch an den anderen Über rest in Apostelgeschichte 1, der die Verheißung des Va ters erwartete; ihre Herzen waren für Sein Vorhaben bereit, die Ausstattung der Liebe war da. Und so wird es auch bei jener großen Bewegung sein, wo Er vom Himmel herniederkommen wird, um Seine Heiligen zu entrücken, so daß sie Ihm in der Luft begegnen. Die Liebe Seiner Braut wird derart wirksam sein, daß alles für Ihn bereit ist. Sogar dann wird Er Sich, gleichsam von der Liebe Seines Volkes getragen, bewegen, nämlich als Antwort auf den Ruf: „Komm !", Seiner Braut. Und wenn sich das bei Seinen größten und wunderbarsten Bewegungen so verhält, so können wir gewiß sein, daß es bei Seinen geistlichen Bewegungen unter Seinen Hei ligen, die von Zeit zu Zeit vor sich gehen, auch so ist. Ich glaube, für die Ausstattung der Liebe haben wir immer zu sorgen, und den „Töchtern Jerusalems" wird die be sondere Gunst zuteil, dieses zu tun. Begehren nicht auch unser aller Herzen, Ihm in dieser Weise zu Seinem Wohlgefallen zu dienen? Wer wünschte etwa, Seinen Bewegungen unbereit oder teilnahmslos gegenüberzu stehen? Entfernung von Ihm kann uns leider dahin brin gen, Seine Bewegungen mit Mißtrauen zu betrachten und der Glückseligkeit verlustig zu gehen, im Einklänge 
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mit ihnen zu sein. Laßt unsere Herzen vielmehr geist lich auf der Hut sein, damit wir imstande sind, für die Ausstattung der Liebe Vorsorge zu treffen, auf daß unserseits alles für Seine nächste Bewegung bereit ist, welcherart sie auch sein möge!
In Kapitel 6, 12 haben wir einen ähnlichen Gedan ken; da kann der König sagen: „Unversehens setzte mich meine Seele auf den Prachtwagen meines willigen Volkes." Doch dort ist der Gedanke, wie leicht und schnell Ihn die Zuneigungen Seines Volkes bestimmen können, Ihn mit sich zu führen; sie gleichen einem Wa gen, dessen Räder sdmell laufen. Seine Prachtsänfte aber enthält mehr einen Hinweis darauf, daß jeder bereit ist, unter persönlichen Beschwerden die Last auf sich zu nehmen, die die Unterstützung Seiner Bewegungen mit sich bringt. Der „Prachtwagen" redet von der Bereitwil­ligkeit der Liebe auf seiten eines willigen Volkes, die „Prachtsänfte" jedoch davon, daß, Seine Bewegungen zu unterstützen, eine „Bemühung der Liebe" erforderlich ist (1. Thess. 1, 3), der wir unsere Schultern zur Verfügung zu stellen haben.
Der Herr will Sich in Liebe bewegen und Sich unter Seinem Volke bis zum Ende hin rühmen, und Er möchte uns eins mit Seinen Bewegungen sehen, so daß Er dabei die Freude genießt, zu wissen, daß unsere Herzen mit Ihm sind. Er ist nicht gesonnen, sich ohne uns zu bewe gen. Welche Würde und Ehre, ja welch ein trautes Vor recht der Liebe verleiht uns dies! Indem Er Sich bewegt, stellt Er Sich Selbst unter Seinem Volke dar; Er gibt ge wissen Dingen einen besonderen Platz und bringt das, was not tut, um Seinem Zeugnis zu irgendeiner beson deren Zeit Färbung und Eigenart zu verleihen. Es ist gut, für eine Ausstattung der Liebe zu sorgen und bereit zu sein, Ihn bei allen Seinen Bewegungen zu tragen.
In Vers 11 werden die „Töchter Zions" herausgeru fen, den König Salomo gekrönt am Tage Seiner Ver mählung zu betrachten. „Töchter Jerusalems" ist, denke ich, eine allgemeine
Beziehung der durch Gnade Ge zeugten, „Töchter Zions" dagegen deutet auf die Unum schränktheit hin, die einen besonderen Platz gibt, wie ihn die  Hundertvierundvierzigtausend  in   Offenbarung  14
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empfangen. In Zion geboren zu sein, war eine besondere, der Unumschränktheit Gottes entsprechende Gunst (Ps. 87). Ich kann es nur als eine besondere Gunst ansehen,
herausgerufen zu werden, um den wahren König Salomo am Tage Seiner Vermählung von Seiner Mutter gekrönt
zu sehen. Das ist ein Anblick Christi von ganz besonderer und sehr kostbarer Art; denn die Krone ist hier
nicht die des Reiches, sie ist nicht die Krone tausendjähriger Herrlichkeit, sondern der Herrlichkeit, die Ihm
als dem in treuer Liebe Seiner Braut Verpflichteten eigen ist. Nicht, daß die Hochzeit schon abgeschlossen wäre,
dennoch ist die Freude Seines Herzens groß, mit Seiner Braut verlobt zu sein. Welch ein Tag wird es sein, wenn
Seine Mutter Israel die Freude Seiner Liebe versteht, ein Band mit einer auserwählten Schar einzugehen, die
Ihm Sein Vater als Braut gegeben hat! Der Tag wird kommen, wenn sie Ihn in dieser Freude krönen wird.
In der gegenwärtigen Zeit aber können die Heiligen, diesem Verse zufolge, von einem dreifachen Vorrecht  Gebrauch machen: es kann unser Teil sein, Ihn in gewisser  Hinsicht zu krönen, sodann, Ihn in anderer Hin sicht als 
gekrönt zu betrachten, und drittens Ihn in der höchst  gesegneten Hinsicht zu betrachten, daß wir ein Teil jener 
keuschen Jungfrau sind, der Er in unwandel barer Liebe verlobt ist. Gott möchte, daß wir in die „Freude seines Herzens" eingehen. Hier wird nicht unsere Seite dargestellt, sondern die Freude Christi als eines Verlobten — eine Freude, die Sein gegenwärtiges Teil ist und die Ihm viel bedeutet. Als Paulus davon redete, daß die Heiligen Christo als eine keusche Jungfrau verlobt sind, hatte er                          
ihr Passendsein für Ihn vor sich. Hier jedoch handelt es sich um Seine Seite, und es ist eine besondere göttliche
Gunst, herausgerufen zu werden, um Ihn derart zu erblicken. Ich denke, uns sollten nicht nur die allgemeinen
Segnungen göttlicher Gnade ungemein anziehen,  sondern  auch die Besonderheiten, die es der Liebe gefällt,  
uns zu erweisen. Offenbarungen sind Besonderheiten;                                  
sie werden nicht allen Gläubigen zuteil, sondern werden unter gewissen Umständen als 
eine besondere Gunst gegeben. Und es ist eine besondere Gunst, die gegen- 
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wärtige Freude Christi infolge der Verlobung mit Sei ner Braut zu kennen. Da diese Herrlichkeit 
die Seine ist, wird Er immer dem Bande treu sein, das Er eingegan gen ist. Er hat Sich endgültig
verbindlich gemacht und verpflichtet, und Sein Herz schlägt rückhaltlos denen entgegen, 
die Er liebt, und mit denen es Ihm gefällt, in einem Bande zu stehen, das nie getrennt werden kann.
Es ist zu beachten, daß wir nun erst eine bis ins einzelne gehende Beschreibung dessen 
finden, wie schön die Braut in Seinen Augen ist, und daß sie erst von dem nächsten Kapitel 
an die Braut genannt wird. Doch da die Vermählung begonnen hat gefeiert zu werden, ist Er
nun frei, ihr gegenüber so zu reden und zu handeln, wie es dem mit ihr eingegangenen 
Verhältnisse entspricht. Es ist ein unermeßliches Vorrecht, Ihn in diesem besonderen Sinne, 
dieser Herzensangelegenheit entsprechend, als ge krönt zu betrachten; das ist ein sehr kostbarer
Anblick Christi.