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Kapitel 4
In den ersten fünf Versen dieses Kapitels redet der König zu Seiner Braut über ihre Schönheit. Er tut dies mit Freuden, weil jeder Zug ihrer Schönheit — hier werden deren sieben besonders erwähnt — die Frucht der Gnade ist Er liebt es, ihr innewerden zu lassen, daß sie in Seinen Augen schön ist. Unter der Gnade und ihrer Unterweisung kommen in den Heiligen gewisse Wesens züge zur Entfaltung, die Christo höchst anziehend sind. Durch die Gnade Gottes werden schöne Wesenszüge offenbar; wir schätzen sie, wenn wir sie sehen, doch der Herr schätzt sie weit mehr als wir; sie sind ihm höchst anziehend. Nichts uns von Natur Eigenes kommt da in Betracht; die liebenswürdigsten Züge des natür lichen Wesens haben weder Platz noch Teil in der Schön heit der Braut. Sie hat eine von Gott verliehene Schönheit, die nur dadurch erlangt worden ist, daß die Macht der Gnade das, was uns von Natur anhaftet, beiseite73
gesetzt hat. Es ist klar, daß der Herr, wenn Er derart zu Seiner Geliebten spricht, nicht das vor Sich hat, was wir
dem Fleische nach waren, sondern das, was wir durch Gottes Gnade sind. Die von Ihm geschilderte Schönheit
ist echt und wirklich vorhanden; Er würde nichts sagen, was nicht wahr ist, noch das schön nennen, was in 
Wahrheit häßlich ist. Dagegen ruht Sein Auge mit freu digem Wohlbehagen auf jedem Zuge, der die Frucht 
der Gnade ist. Recht aufgenommene Gnade ist nie unfrucht bar, sie bewirkt eine sittliche Umgestaltung 
und bringt in ihren Gegenständen Wesenszüge zustande, die dem Auge Christi schön sind. Wie schon bemerkt,
haben wir in diesem Abschnitte des Buches, die Rückkehr zu einem Bewußtsein von der Gnade nach einer Zeit
des Abweichens, und in Übereinstimmung damit werden die Hei ligen demgemäß betrachtet, was sie durch Gottes 
Gnade sind. Paulus konnte sagen: „Durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin", und sogar im Blick auf sein 
Übermaß an Arbeit schrieb er: „Nicht aber ich, sondern die Gnade Gottes, die mit mir war" (1. Kor. 15«, 10). 
Jeder Ge genstand der Gnade hat schöne Wesenszüge. Als von Saulus von Tarsus gesagt werden konnte: „Siehe, 
er betet" (Apg. 9,11), so war das ein schöner Zug; er redete von einer Umgestaltung, von Unterwürfigkeit und 
Abhängigkeit, statt von gewalttätigem Eigenwillen und Feindschaft. Das machte ihn Christo anziehend, und auch 
dem Ananias, als er davon hörte. „Die Gnade Gottes ... unterweist uns, daß wir, die Gottlosigkeit und die weltlichen
Lüste verleugnend, besonnen und gerecht und gottselig leben sollen in dem jetzigen Zeitlauf" (Tit. 2, 12). Dies 
sind Züge von großer sittlicher Schönheit. Als die Heiden zu Antiochien glaubten und sich zum Herrn wandten, 
wurde Barnabas dahin gesandt, um zu sehen, was da vorgegangen war, und es heißt, daß er die Gnade Gottes sah 
(Apg. 11, 23). Er sah sie in ihren offen kundigen Früchten in den Neubekehrten, und das er freute ihn. Im Bilde
wird in der Sprache der zu betrach tenden Verse eine Schönheit geschildert, die unter der Gnade erstand. 
Dieses Schriftwort soll unser Augenmerk auf Christo anziehende Züge richten, damit wir sie in jeder Hinsicht zu 
fördern suchen und sie völlig in uns
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Gestalt gewinnen. Die Christum erfreuenden Wesens züge sind alle Ihm gemäß, sie stammen von Ihm.

Der erste dieser Wesenszüge betrifft das geistliche Auffassungsvermögen; ihre Augen sind Tauben hinter

ihrem Schleier. Das ist ein vor der Welt verborgener Wesenszug; die Menschen können ihn nicht wahrnehmen,

die Braut verhüllt ihn vor ihren Blicken; doch er ist eine Hauptschönheit in den Augen Christi. Wie angenehm

waren dem Herrn in den Tagen Seines Fleisches die, die in einem geistlichen Sinne zu sehen vermochten!

Es waren solche, zu denen Er sagen konnte: „Glückselig aber eure Augen, daß sie sehen"

(Matth. 13, 16; Luk. 10, 23). Diese Fähigkeit hatten sie nicht getrennt von der neuen Geburt, denn der Herr

sagte: „Es sei denn, daß jemand von neuem geboren werde, so kann er das Reich Gottes nicht sehen" (Joh. 3, 3).

Die Wirksamkeit Gottes in der neuen Geburt und die Gegenwart des Geistes sind notwendig, wenn

unsere Augen Tauben sein sollen. „Und ihr habt die Salbung von dem Heiligen und wisset alles" (1. Joh. 2, 20),

und „der geistliche aber beurteilt alles" (1. Kor. 2, 15), sind Schriftstellen, an die man in Ver bindung mit den

Augen der Braut

denken muß. Als der Herr zu Seinen Jüngern sprach: „Ihr aber, wer saget ihr, daß ich sei?"

(Matth. 16, 15), gab Er ihnen Gelegen heit, ihr Verständnis zu zeigen. Als dann Simon Petrus antwortete:

„Du bist der Christus, der Sohn des leben digen Gottes", erklärte Er ihn als einen Gegenstand der

Gnade Seines Vaters für „glückselig". Ein taubengleiches Sehvermögen war da, und das besaß in Seinen

Augen eine große Schönheit.

Es ist gut, dessen eingedenk zu sein, daß wir über haupt keine Augen im geistlichen Sinne hätten, wenn

der Herr uns nicht dieses Augenlichtt gegeben hätte. „Jehova öffnet die Augen der Blinden" (Ps. 146, 8).

Von den Tagen des Messias wurde ausdrücklich geschrieben, daß die Augen der Blinden sehen würden

(Jes. 29, 18; 35, 5; 42, 7), und die alten Rabbiner taten recht daran, wenn sie sagten, daß dies ein

Wunder sei, das zu verrichten dem Messias allein vorbehalten wäre. Er gab Seinen Jüngern nicht die

Gewalt, dieses zu tun. Die Worte: „Ihre Augen aufzutun" (Apg. 26, 18), im Auftrage des

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Paulus, besagen nicht, daß dieser den Menschen das Augenlicht zu geben vermochte, sondern daß er gesandt
wurde, ihnen die gegenwärtige Wahrheit so klar vorzu stellen, daß ihr Blut auf ihren Köpfen war (Apg. 18, 6),

wenn sie sich nicht zum Lichte und zu Gott kehren wür den. Viele Blinde jedoch empfingen ihr Augenlicht, als

der Herr hier war; sieben von ihnen werden ausdrück lich in den Evangelien erwähnt (Matth, 9, 27-31; 12, 22;

Luk. 11, 14; Matth. 20, 30-34; Mark. 10, 46-52; Luk. 18, 35-43; Mark. 7, 31-37; Joh. 9, 1-7). Das wirft ein Licht

auf das kostbare Werk göttlicher Gnade, das uns ein geistliches Auffassungsvermögen verleiht.

Haben wir immer acht darauf, daß unser geistliches Sehvermögen auch Christo wohlgefällig ist? Unsere geist liche Auffassungsgabe haben wir nicht vor den Men schen darzutun, um dadurch das Augenmerk auf uns selbst zu lenken; sie ist hinter dem Schleier. Es wäre gut, wenn uns jede Zunahme an Licht, jede Erweiterung des Gesichtskreises über Christum und jedes Wachstum in der Erkenntnis Gottes bestimmte, Christo wohlge fälliger zu sein. Es mag nicht immer Sein Wille sein, daß wir zu anderen über das reden, was Er uns hat ver stehen lassen; zuweilen kann Er uns wie den beiden Blinden in Matthäus 9, 30 sagen: „Sehet zu, daß nie mand es erfahre." Der Schleier deutet auf eine gewisse Zurückhaltung der Öffentlichkeit gegenüber hin; Augen, die den Worten „hinter deinem Schleier" entsprechen, reden von einer geistlichen Schönheit, die nicht jeder mann enthüllt wird, sondern Christo allein vorbehalten ist. Er wird wissen, zu Seiner Zeit Nutzen aus ihr für den Dienst zu ziehen; doch, solange es Ihm gefällt, bleibt sie verhüllt. Paulus hatte wunderbare Offenbarungen und Gesichte, als er in das Paradies entrückt wurde, doch er hielt sie vierzehn Jahre hinter dem Schleier zurück. Eine Zurückhaltung dieser Art, die zu des Dieners Selbst verherrlichung aufgegeben werden könnte, aber dessenungeachtet verhüllt wird, bis es die Verherrlichung Christi erfordert, sie aufzugeben, ist Ihm sehr wohlgefällig. Möchte uns mehr daran gelegen sein, Herzensempfin dungen und -auffassungen zu haben, die an uns ge schätzt werden, wegen des Wohlgefallens, das sie Christo
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bereiten. Sicherlich hätte jeder, der Christum liebt, gern ein geistliches Sehvermögen, das Ihm wohlgefällt, so daß wir beim Hören oder Lesen von Dienst dies vor uns haben, und nicht eine bloße Erkenntnis, die nur auf bläht. Jede wahrhaft geistliche Auffassung von Christo und der Wahrheit ist ein Teil der bräutlichen Schönheit, die Ihm so anziehend ist, und Er möchte, daß wir dies wissen. Sogar, wenn w i r sehen, daß Seelen neue Auffassungen von Christo bekommen, oder Ihn klarer und völliger zu erkennen wünschen, so gibt uns das eine wahrhafte Freude; die Liebe Christi in Seinen Heiligen führt sie eben dahin, das zu schätzen, was Er schätzt. Welche Freude hatte der Herr daran, den Fortschritt des Mannes zu sehen, dessen Augen Er aufgetan hatte Qoh. 9)! Ich denke, wir können sagen, daß dem Herrn jede neue Auffassung, die dieser Mann von Ihm bekam, mehr Freude bereitete als dem Manne selbst.

„Dein Haar ist wie eine Herde Ziegen, die an den Abhängen des Gebirges Gilead lagern." Dieser zweite Zug der Braut macht eine besondere Weibesherrlichkeit aus, denn „wenn... ein Weib langes Haar hat, ist es eine Ehre (Herrlichkeit) für sie, weil das Haar ihr anstatt eines Schleiers gegeben ist" (i. Kor. 11, 15). Die Natur selbst lehrt, daß es des Weibes Herrlichkeit ist, ver schleiert zu sein, da sie sich in einer Stellung der Unter würfigkeit befindet; ihre Herrlichkeit ist, eine solche zu sein, die ein Haupt hat. Darin besteht die wahre Herr lichkeit der Kirche; sie ist dem Christus in Seiner geseg neten Beziehung zu ihr als Haupt unterworfen. Diese Art Unterwürfigkeit kommt nicht durch ein Verpflichtet sein zustande, sondern aus Liebe und Ehrfurcht. Die Kirche fühlt nicht nur, daß sie Christo Untertan sein sollte, sondern sie liebt es, dies zu sein. Sie ist sich dessen bewußt, daß sich keine andere Beziehung zu Ihm für sie geziemt, und daß, in ihr zu stehen, ihre wahre Herrlichkeit und einen wesentlichen Zug ihrer Schönheit in Seinen Augen ausmacht. Ich zweifle nicht, daß dies dem Bilde nach in dem Haar der Braut dargestellt wird; es bildet einen hervorragenden Zug unter dem, was in den Augen des Königs so anziehend ist. 
Das Haar redet bei dem Gelübde eines Nasirs auch 
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von Weihe. „Alle die Tage . . ., die er sich für Jehova abgesondert hat, soll er heilig sein; er soll das Haar sei nes Hauptes frei wachsen lassen", und sodann lesen wir von dem „Haar des Hauptes seiner Weihe" (4. Mose 6, 5 u. 18). Wie schön ist dieser Zug in den Augen Christi! Seine Liebe drängt uns, nicht länger mehr uns selbst, sondern Ihm zu leben (2. Kor. 5, 14 u. 15). „Denn sei es, daß wir leben, wir leben dem Herrn; sei es, daß wir sterben, wir sterben dem Herrn. Sei es nun, daß wir leben, sei es, daß wir sterben, wir sind des Herrn" (Rom. 14, 8). Ein das Herz beherrschendes geistliches Auffassungsvermögen führt uns zur völligen Hingabe oder Weihe; das ist die ordnungsgemäße Frucht der Gnade und, also ausgezeichnet zu sein, macht eine be sondere Herrlichkeit in den Augen Dessen aus, der uns ewig liebt.

In den Beschreibungen dieses Buches von der Braut und ihrem Geliebten werden einige Züge erwähnt, die dann mit anderen Dingen verglichen werden, und dabei zeigt es sich, daß diese Züge durch Bilder, die Vergleiche aber durch Sinnbilder dargestellt werden. So ist zum Beispiel das „Haupt" ein Bild der Einsicht, wenn es jedoch mit dem Karmel verglichen wird (Kap. 7, 5), so handelt es sich um ein Sinnbild, das auf die besondere Art der Einsicht hinweist. Hier sei ein anderes Beispiel aus dem Buche der Offenbarung angeführt, dort heißt es: „Und seine Füße gleich glänzendem Kupfer, als glühten sie im Ofen" (Offb. 1, 15). Seine „Füße" reden von Seinen Bewegungen, doch wenn es heißt, daß sie „gleich glänzendem Kupfer, als glühten sie im Ofen", sind, so ist das eine sinnbildliche Sprache. Ein Bild wird seinem Wesen nach leicht verstanden; ein Kind versteht, daß Füße vom Wandel reden. Ein Sinnbild jedoch erfor dert reiflichere Erwägungen; die Sprache der Sinnbilder ist aus ihrem Gebrauch in der Schrift zu lernen, und durch göttliche Belehrung. Der Ungelehrteste versteht, daß eine Tür auf den Weg zu etwas hindeutet, und je nachdem sie offen oder geschlossen ist, auf den Zugang oder Ausschluß davon; das lehrt die Bildersprache. Wenn wir jedoch lesen, daß die Türen des Tempels von Ölbaumholz waren, worein man Cherubim, Palmen und 
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aufbrechende Blumen geschnitzt und alles dann mit Gold überzogen hatte (1. Kön. 10, 32), so ist das eine Sinn bilder spräche, in die wir eingeweiht sein müssen, bevor wir sie verstehen können. Ebenso verhält es sich, wenn wir lesen, daß die Tore Jerusalems von Karfunkeln gemacht werden (Jes. 54, 12), und daß die Tore der himm lischen Stadt zwölf Perlen sind (Offb. 21, 21). Eine na türliche Ähnlichkeit zwischen einem Tore und einer Perle gibt es nicht, eine derartige Beschreibung ist sinn bildlich zu verstehen. Zwischen einem Bild und den in Verbindung damit gebrauchten Sinnbildern kann eine gewisse natürliche Übereinstimmung bestehen, doch das braucht auch nicht der Fall zu sein. Sehr oft besteht keine; doch immer haben die Sinnbilder ihre besondere Bedeutung. Das gilt für die Auslegung aller Sinnbilder der Schrift; auf jeden Fall verleiht ein Sinnbild dem Bild eine besondere Eigenart, die es sonst nicht haben würde. Dies zu beachten, wird uns bei der Betrachtung der Vergleiche und Gleichnisse helfen, die im Lied der Lieder vorkommen.

Zum geistlichen Verständnis einer solchen vom Hei ligen Geist eingegebenen Sprache müssen wir von stoff lichen und buchstäblichen Auffassungen loskommen und die sittlichen Gedanken zu erfassen suchen, die uns auf eine sinnbildliche Weise vorgestellt werden. Wir mögen sie nicht immer richtig deuten können; denn bei vielen Bildern und Sinnbildern ist das wirklich schwierig, der Herr muß uns Verständnis geben, und Er läßt d i e nicht im Stich, die Ihn suchen. Und wenn wir etwas nicht ver stehen, so ist es sehr gut und heilsam, unsere Unwissen heit zuzugeben.

Darin, daß das Haar der Braut einer Herde Ziegen gleicht, die an den Abhängen des Gebirges Gilead lagern, werden Einheit und eine äußerst vorteilhafte Stellung mit den Wesenszügen verbunden, die dem Haar in der Schrift eigen sind. Wahre Unterwürfigkeit und Weihe auf Seiten der einzelnen Heiligen führt sie unvermeid lich zur Einheit. Daraus geht ein Gesamtheitszustand hervor, der dem Wesen einer „Herde" entspricht. „Herde" ist eine kostbare Bezeichnung der Heiligen als Gesamtheit; darin kommt nicht nur zum Ausdruck, daß 
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jeder einzelne von ihnen einen Platz unter der unmittel baren Fürsorge des Hirten hat, sondern daß sich alle
miteinander unter einer Leitung bewegen. Darin erweist sich, daß wir in den Augen Christi die Zier jener wahren
Herrlichkeit tragen, von der das Haar ein Bild ist. Christo als Haupt unterwürfig sein sichert die Einheit. Das ist kein
Obereinkommen, wonach man sich von an deren unterscheiden will, sondern ein miteinander Wan deln ohne 
auseinandergehende Gedanken, weil eben alle ein Haupt haben.

Die Unterwerfung unter den einen Hirten, Dessen Liebe man kennt und vertraut, führt dahin, daß wir uns auf 
dem denkbar besten Weideplatz befinden, auf den die „Abhänge des Gebirges Gilead" hindeuten. 
(Siehe Jer. 50, 19; Micha 7, 14). Wenn wir keine reiche Weide genießen und nicht in deren Genuß in Einheit 
mit unsern Brüdern wandeln, so entsteht die Frage, ob wir der Gnade erlaubt haben, in uns jene Züge 
geistlicher Schön heit und Herrlichkeit zustande zu bringen, wie sie in dem Haar der Braut dargestellt werden.

Das häufige Vorkommen der Ziege als Sündopfer be sagt, daß die Heiligen als „eine Herde Ziegen" in heiliger 
Absonderung von allem betrachtet werden, was im Tode Christi gerichtet ward; sonst könnten wir weder als 
eine Herde in Einheit wandeln, noch auf grünen Auen wei den. Wenn wir Christum wirklich als Sündopfer
erfaßt haben, so sind wir verpflichtet, durch Gnade eine Heilig keit zu wahren, die im Einklang damit steht.

Das nächste, was in der Beschreibung des Königs von der Braut vor uns kommt, sind deren Zähne, es stellt 
die Fähigkeit dar, sich geistliche Speise zunutze zu ma chen, denn durch die Zähne zerkleinern wir sie. Unter
der Gnade erlangen wir die Fähigkeit, uns zu nähren, und das ist dem Herrn anziehend. Er reicht Speise die 
Fülle dar, doch Sein Wohlgefallen ist es, zu sehen, daß wir imstande sind, Nutzen daraus zu ziehen. Es 
gibt mancherlei Arten geistlicher Speise, Bilder davon sind das Passahlamm, das Manna, Fleisch, Korn, Brot
usw., doch ohne die Fähigkeit, uns von ihnen zu nähren, halten sie uns weder aufrecht, noch stärken sie uns.

„Deine Zähne sind wie eine Herde geschorener Schafe,

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die aus der Schwemme heraufkommen, die allzumal Zwillinge gebären, und keines unter ihnen ist unfruchtbar." Dieser Vergleich redet von den Bedingungen, die die Fähigkeit begleiten, sich geistliche Speise anzueignen. „Schafe" stellen solche dar, die der göttlichen Natur teil haftig sind. Wenn wir uns von Christo nähren sollen — und alle geistliche Speise ist Christus in irgendeiner Gestalt —, so muß eine hierfür geeignete Natur vorhanden sein, die sich solche Speise aneignen und dadurch wach sen kann. Wenn nichts Christo Verwandtes in der Seele ist, so ist auch nichts da, was sich von ihm nähren kann. Die aus unverweslichem Samen Geborenen werden an dem Verlangen nach dem offenbar, was in einem geist lichen Sinne nährt und stärkt. (Siehe 1. Petr. 1, 23-2, 3.) Die Speise entspricht dem sich davon Nährenden, sie ist ihm angepaßt. Der natürliche Mensch kann sich nicht von Christo nähren; es ist nichts in ihm, was eine derartige Speise nähren könnte.

Die Schafe sind hier geschoren; ihre Eigenart war zur Entfaltung gekommen und hat auf ihre persönlichen Kosten etwas für den Besitzer der Schafe hervorgebracht. Wir werden nicht immer so denken, doch es ist eine Tatsache, daß das Vermögen, uns zu nähren, in hohem Maße davon abhängt, welchen Ertrag wir gebracht haben. Wenn ich finde, daß ich nichts vom Lesen der Schrift habe, oder von einem Dienst, der anderen offenbar eine Speise ist, so ist es an der Zeit, zu fragen, ob bei mir die Gnade Gottes vermocht hat, etwas zu Seinem Preis oder zum Trost Seines Volkes hervorzubringen. Einen je größeren Ertrag wir gebracht haben, desto mehr Nah rung werden wir imstande sein uns anzueignen. Haben wir keinen Ertrag gebracht, so haben wir die Gnade Got tes vergeblich empfangen. Bei einem aus unverwes lichem Samen Geborenen kann es schlechterdings nicht so sein, doch ein geringer Ertrag ist oft schuld an der geringen Fähigkeit, Nahrung aufzunehmen. Wenn wir uns natürlich nicht nähren, so dürfen wir auch umge kehrt keine Wolle erwarten. Der ordnungsgemäße Weg ist, daß wir durch Gnade etwas für Gott hervorbringen; danach wird uns frische Gnade zuteil, und es gibt einen weiteren Ertrag für Gott. Wenn wir jedoch unfruchtbar

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sind, so werden wir uns nur wenig oder auch gar nichts geistlich anzueignen vermögen. Den hier gültigen 
Grundsatz haben wir in Hebräer 6, 7; der Regen kommt her nieder und bringt nützliches Kraut hervor, und 
aufgrund dieses Ertrages kommt weiterer Segen von Gott.

Wolle ist das natürliche Erzeugnis des Lebens eines Schafes, doch sie wächst, damit sie durch Scheren geern tet werde. Wie brachte da unser gepriesener Herr alles, ja das Leben selbst dar, ohne Seinen Mund zu einer Klage zu öffnen! Und Petrus sagt uns, daß Er uns ein Vorbild hinterlassen hat, damit wir Seinen Fußstapfen nachfolgen (1. Petr. 2, 21). Wenn wir einen derartigen Pfad verfolgen, so wird es uns nicht an der Fähigkeit mangeln, geistliche Speise zu genießen.

Dann haben wir noch den Gedanken, daß die Schafe „aus der Schwemme heraufkommen". Viele wundern sich, daß sie weder in den Zusammenkünften, noch beim Lesen des Wortes daheim etwas hinzu empfangen, doch das Geheimnis ist, sie kommen nicht aus der Schwemme herauf. „Die Waschung mit Wasser durch das Wort" (Eph. 5, 26) dient zur Reinigung von allem, was für Chri stum unpassend ist oder sich für Seine Schafe nicht ge ziemt. Wenn wir uns diesem uns heiligenden und rei nigenden Verfahren nicht unterziehen, so wird die Fähig keit, uns zu ernähren, ernstlichen Schaden erleiden.

Schließlich wird gesagt, daß Fruchtbarkeit diese Schafe kennzeichnet; alle haben Zwillinge geboren, und keines ist unfruchtbar. Es wäre gut, wenn jeder Gläubige be gehrte, wenigstens zwei Seelen zu Christo zu führen; das sollte ein besonderer Gegenstand für einen jeden von uns sein. Bedenken wir, welch einen Zuwachs der Herde das für Ihn bedeutete! Andreas fand zuerst seinen Bruder Simon und führte ihn zu Jesu. Ich glaube nicht, daß der Herr auch nur einen von uns, was die Vermeh rung der Herde anlangt, unfruchtbar sehen möchte. Und wenn es mehr Fruchtbarkeit dieser Art gäbe, so auch mehr Fähigkeit, geistliche Speise zu genießen. Das Wort ist uns nie kostbarer, als wenn wir die Freude erlebt haben, anderen Herzen dessen Wert innewerden zu lassen, sei es, daß sie noch Fremdlinge der Gnade sind, oder auch Gläubige. 
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Wenn die Zähne der Braut, wie wir sahen, die Fähig keit darstellen, Speise aufzunehmen, so deuten deren Lippen auf das hin, was zum Ausdruck kommt. Was zwischen unseren Lippen hervorgeht, empfängt sein Ge präge von dem, wovon wir uns nähren. Ein durch geist liche Speise aufrechterhaltenes Leben kommt in einer angenehmen Sprache zum Ausdruck. „Deine Lippen sind wie eine Karmesinschnur, deine Sprache (,Mund* im Sinne von .Sprachwerkzeug') anmutig." Wenn der innere Mensch genährt wird, werden die Heiligen Christo ge mäß gestaltet, und die Lippen werden ein Kanal des Ausdrucks dessen, was innen ist: „Der gute Mensch bringt aus dem guten Schatze seines Herzens das Gute hervor, und der böse bringt aus dem bösen das Böse hervor; denn aus der Fülle des Herzens redet sein Mund" (Luk. 6, 45). Der Besitz der Zähne setzt eine ge wisse Reife an Kraft voraus, sich etwas zu eigen zu machen; er gehört nicht dem Säuglings alter an; geistlich besagt er, daß man im Wort der Gerechtigkeit erfahren ist und das Gute vom Bösen zu unterscheiden weiß (Hebr. 5, 13. 14). Man ist da nicht mit den Anfangs gründen "beschäftigt, wie sie im Judentum ihren Aus druck fanden, sondern ist dahin gekommen, die volle Gnade zu erfassen, die in einem auferstandenen und himmlischen Christus kundgeworden ist (Hebr. 6, 1—3). Also genährt, verleihen die Lippen der Gnade Ausdruck, die man innerlich kennt. Nichts ist ein besseres Zeichen davon, inwieweit uns die Gnade beherrscht, als unsere Ausdrucksweise.

Jeder Zug der Braut stammt in Wahrheit aus Christo; Eva ward aus Adam genommen. Wenn wir an Seine Lippen denken, welch eine Gnade ergoß sich darein und floß von ihnen aus! Nun Seine Braut soll Ihm das sein, was Eva Adam war — Ihm gleich, Sein Gegenstück. Nie sollte unserer Rede die Gnade fehlen, denn es heißt: „Euer Wort sei allezeit in Gnade, mit Salz gewürzt" (Kol. 4, 6). Das Salz sollte als Würze da sein, denn Gnade ist nie untreu oder unheilig, sondern „allezeit in Gnade". „Kein verderbtes Wort gehe aus eurem Munde, sondern das irgend gut ist zur notwendigen Erbauung, auf daß es den Hörenden Gnade darreiche"  

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(Eph. 4, 29). Wie schön ist ein derartiger Zug in den Augen Christi! Die Anmut der Braut hat es sehr mit dem Wandel zu tun; sie besteht aus sittlichen und geist lichen Zügen, die dem Herzen Christi Freude bereiten.

Es gab eine Zeit, wo wir sagten: „Unsere Lippen sind unser eigen; wer ist unser Herr?" (Ps. 22, 4). Doch diese Zeit kam zu einem Ende, als wir mit unserem Munde Jesum als Herrn bekannten. Das besagte in Wirklichkeit, daß wir den Herrn, den Christus, in unseren Herzen ge heiligt hatten (1. Petr. 3, 15), und deshalb heiligten wir Ihn auf unseren Lippen. Die „Karmesinschnur" deutet darauf hin, denn „Karmesin" redet von Seinen könig lichen Rechten. (Siehe Matth. 27, 28 und 29 [das grie chische Wort kann auch „karmesinrot" bedeuten]). Als Rahab die „Karmesinschnur" in ihr Fenster band, er kannte sie dadurch sinnbildlich die Rechte Jehovas an und war damit unter Seine Oberhoheit gekommen, die sie in Gnade kennengelernt hatte. Wenn unsere Lippen Jesum als Herrn bekennen, so sind sie geweiht, und alles, was aus ihnen hervorgeht, sollte im Einklang mit diesem Bekenntnis stehen. Wir können dann nie wieder sagen, daß unsere Lippen unser eigen sind, oder daß wir keinen Herrn über uns haben. Alles, was wir sagen, sollte nun dartun, daß wir einen Herrn haben, und daß unsere Lippen Seinem Wohlgefallen, Dienste und Preise dienen und so „wie eine Karmesinschnur "sind.

Die Tatsache, daß unsere Lippen einem erhabenen und geistlichen Zwecke gedient haben, sollte sie ganz und gar ungeeignet machen, dem, was vom Fleische ist, Ausdruck zu verleihen. Jakobus gestattet uns nicht, daß Segen und Fluch aus demselben Munde hervorgehen (Jak. 3, 10). Wenn also meine Lippen den Herrn oder den Vater gepriesen haben, so muß das, was ich zu Menschen oder Brüdern rede, im Einklang damit stehen. Das Höchste, wozu die Lippen gebraucht werden, bildet den für alle Äußerungen geltenden Maßstab. Der be ständige Einfluß der Gnade hält uns darin aufrecht; sowie wir aber von diesem Einfluß abkommen, so kommt sicher das zum Ausdruck, was wir von Natur sind, und das ist nichts, worauf wir stolz sein können! Des Herrn Lippen waren sehr schön in allem, was sie

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zum Ausdruck brachten. In Psalm 40, 9. 10 heißt es dar über: „Siehe, meine Lippen hemmte ich nicht — Jehova, du weißt es! Deine Gerechtigkeit habe ich nicht ver borgen im Innern meines Herzens; deine Treue und deine Rettung habe ich ausgesprochen, deine Güte und deine Wahrheit nicht verhehlt vor der großen Versamm lung." Seine Lippen waren „wie eine Karmesinschnur", sie redeten immer in Treue gegen Gott und in Gnade zu den Menschen. Welche Freude bereiteten Gott Seine Lippen! Und durch Gnade kann es unser Teil sein, Ihm durch unsere Art zu reden Freude zu machen. Der Ge danke, Dem, der uns liebt, und den wir lieben, zu ge fallen, kann einen mächtigen und beständigen Einfluß auf unsere Herzen ausüben. Möchten wir Ihm, wie auch Israel am Tage der Zukunft, „die Farren unserer Lippen" darbringen (Hos. 14, 2).

Die „Schläfen", oder Wangen, der Braut sind der nächsterwähnte Zug, und es heißt, sie sind „wie das Stück (der Riß) eines Granatapfels" hinter ihrem Schleier. Sie stellen etwas Hervorragendes dar, was, wenn es den Blicken ausgesetzt wäre, das Augenmerk am mei sten auf sich ziehen würde. Doch der deutlichste Beweis tatkräftigen geistlichen Lebens — die rötliche Glut der Granatäpfel auf den Wangen — ist hinter ihrem Schleier verborgen. Die wahrhaftigsten Zeichen inneren geist lichen Lebens sind allein für das Auge göttlicher Per sonen da. Deren wahre Eigenart und Anmut ist dahin, sowie sie das Auge der Menschen anziehen sollen. Viel von der Frucht der Gnade wird nur den Blicken Christi und Seines Vaters offenbar; sie ist nicht zur Schau zu stellen, wenigstens nicht in der gegenwärtigen Zeit.

Zur Erläuterung dieses Teils der Schönheit der Braut diene der Hinweis auf die Worte des Herrn in Matthäus 6 über die Almosen oder die Gerechtigkeit (Matth. 5, 20) Seiner Jünger, und über deren Gebet und Fasten (V. 1— 18). Das alles sind sehr klare Beweise von Lebenskraft und sittlicher Anmut, doch es sollte sich hinter ihrem Schleier befinden. Das wahre Maß unserer geistlichen Lebenskraft ist nur göttlichen Personen bekannt, und es ist ein ganz besonderes Kennzeichen der Braut, daß sie vor den Menschen nicht unverschleiert sein, möchte. Sie  
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ist damit zufrieden, daß ihre Schönheit allein ihrem Ge liebten bekannt ist.

Unsere Gerechtigkeit — das Wort begreift Almosen geben und vieles andere in sich, was zu tun für einen Heiligen recht ist — ist nicht „vor den Menschen, um von ihnen gesehen zu werden" (Matth. 5, 20; 6, 1). Sie ist nicht zur Schau zu stellen, sonst würde ihre Anmut vor dem Vater verlorengehen. Es geziemt sich für die Hei ligen, viel im Gebet zu sein, doch es hat „im Verborge nen" zu geschehen; die „Kammer" und die verschlossene Tür sind ganz wesentlich. Natürlich haben die Heiligen im Gebet Gemeinschaft untereinander; doch es ist gut, auch dies nicht vor Menschen zu einer Schaustellung werden zu lassen, so daß sich das religiöse Fleisch etwas darauf einbildet. Dem Fasten kommt ein ganz besonderer Platz im geistlichen Leben zu, es besagt, daß man sich dessen, was an sich recht ist, enthält, um dem Herrn völliger geweiht zu sein; doch davon macht man weder in Wort noch Schrift ein Aufheben, man verbirgt es viel­mehr vor den Augen der Menschen. Der König bringt hier zum Ausdruck, wie sehr Er den verschleierten Zu stand Seiner Braut schätzt. In Seinen Gemächern ver schleiert sie sich Ihm gegenüber nicht, doch außerhalb und anderen Augen gegenüber ist sie verschleiert, und das vermehrt ihre Schönheit in Seinen Augen. Zuweilen spricht man in äußerer und stofflicher Hinsicht davon, „einen Schleier zu tragen", doch das ist ganz wertlos, den Heiligen aber tut es sehr not, das geistlich zu tun. Die Gnade entfaltet Wesenszüge, die ein Geheimnis zwischen unseren Seelen und dem Herrn sind, und das bewahrt uns vor jeder Art religiöser Heuchelei, und ver leiht uns in den Augen des Geliebten wahre Schönheit; das verborgene, Ihm geweihte Leben ist in Seinen Augen sehr kostbar.

Natürlich kommt in den Worten des Herrn auch die andere Seite vor uns: „Lasset euer Licht leuchten vor den Menschen, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater, der in den Himmeln ist, verherrlichen" (Matth. 5, 16). Das ist die mit dem Zeugnis verbundene öffentliche Seite. Was für Licht wir auch von Gott haben mögen, es sollte scheinen und nicht verhüllt werden.

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Dennoch sollten wir selbst nicht dadurch in den Vorder grund treten; sein Leuchten wird uns tatsächlich nicht verherrlichen, sondern etwas kosten, aber unser Vater wird verherrlicht werden.

Hier sei bemerkt, daß eine ziemliche Übereinstim mung zwischen den Zügen der Braut im Hohenlied und den sittlichen Schönheiten der Heiligen in der Berg predigt besteht. Jenes stellt die Folgen des Einflusses Christi und des Himmels in den Seelen der Menschen in hochdichterischer und bildlicher Sprache dar, diese in schlichten Darlegungen. Die Bildersprache des Hohen liedes kann nur von denen recht gedeutet werden, die eine echte und betätigte Frömmigkeit sowie eine wahre und inbrünstige Liebe zu Christo kennzeichnet.

„Dein Hals ist wie der Turm Davids, gebaut zum Zeughaus: tausend Schilde hängen daran, lauter Rüstun gen der Helden" (V. 4). Der Hals scheint in der Schrift auf Willensstärke hinzudeuten; wir lesen da oft, daß Menschen halsstarrig sind oder ihren Nacken verhärten (5. Mose 10, 16; 2. Kön. 17, 14; 2. Chron. 30, 8; 36, 13; Neh. 9, 16. 17. 29; Spr. 29,1; Jer. 7, 26; 17, 23; 19,15). Der Mensch ist von Natur immer bestrebt, seinen eigenen Willen zu tun. Gott kann in Seiner Vorsehung ein Joch auf den Hals des Menschen bringen, um das, was er gern tut, zu verhindern, doch des Menschen Vorsatz ist immer, etwas für sich selbst zu erreichen, zu seiner Freude oder zu seinem Ruhme. Wenn aber die Gnade eingreift und ihre segensreichen Folgen offenbar wer den, so hat der Mensch ganz andere Ziele. Wird das Joch Christi durch Gnade aufgenommen, so findet eine völlige Umgestaltung statt; das war nie deutlicher zu sehen als bei Saulus von Tarsus. Wenn es je einen Menschen gegeben hat, dessen „Nacken eine eiserne Sehne... ist", so war er es Qes. 48, 4); doch die Gnade erreichte ihn aus der Herrlichkeit und unterwarf ihn. Als er sprach: „Was soll ich tun, Herr?" (Apg. 22y 10), hatte er schon das Joch Christi auf seinen Hals genom men, und von diesem Augenblick an war sein Sinn darauf gerichtet, den Willen Gottes zu erkennen und ihn zu tun.

„Der Turm Davids" erinnert uns daran, daß David als der Mann nach dem Herzen Gottes, der Seinen gan-

 

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zen Willen tun würde (Apg. 13, 22), ein Bild von Christo war. Welch ein Triumph der Gnade,  anstatt daß der Wille des Menschen die Oberhand hatte und sich Gott gegenüber in Halsstarrigkeit offenbarte, war der Hals „wie der Turm Davids"! Der feste Vorsatz war nun, sich unbeweglich jedem dem Willen Gottes feindlichen Ein fluß zu widersetzen. Paulus schrieb den Korinthern: „Da her,  meine  geliebten Brüder,  seid fest,  unbeweglich" (1. Kor. 15, 58), und von Timotheus konnte er sagen, daß er seinen „Vorsatz" genau erkannt habe, er war „zur Verantwortung (Verteidigung) des Evangeliums gesetzt" (Phil. 1, 16). In ihm sehen wir einen, dessen Hals „wie der Turm Davids" war; er kannte den in Christo fest gestellten Willen Gottes, und er war dazu gesetzt, ihn an einem Schauplatze zu verteidigen, wo jeder Einfluß ihm feindlich war. Ein derartiger Wesenszug bildet einen Teil der Schönheit der Braut, bei dem ihr Geliebter mit Wohlgefallen verweilen kann. Als Priska und Aquila für das Leben Pauli ihren eigenen Hals preisgaben, da traten sie offenbar für die Verteidigung des Zeugnisses Gottes ein. Der Turm Davids mit seinen tausend Schil den, „lauter Rüstungen von Helden", redet davon, daß viele in Verteidigungsstellung zusammenstehen; er ent spricht dem, was Paulus den Heiligen zu Philippi sagt: „Weil ihr mich im Herzen habt, und ihr alle, sowohl in meinen Banden als auch in der Verteidigung und Bestätigung   des   Evangeliums,   Mitteilnehmer   meiner Gnade seid"  (Phil. 1, 7). Das ist ein wahrer Wesens zug der Kirche und ein Teil der Untadeligkeit der Braut, die sie Seiner Liebe so anziehend macht. Die „tausend Schilde" besagen, daß keine Stelle schutzlos gelassen ist. Nichts bildet eine bessere Erläuterung zu einem „Hals ...wie der Turm Davids" als Stephanus. Unerschrocken trat er dem ganzen Hohen Rat — all den Großen und Geehrten in Israel — entgegen und hielt in seiner Verteidigung alles Wesentliche des Zeugnisses Gottes für den gegebenen Augenblick aufrecht. Wenn sogar seinen Gegnern sein Angesicht wie das eines Engels erschien, wie schön muß er in den Augen Dessen gewesen sein, der auf ihn aus der Herrlichkeit herniederschaute! Wir kön nen verstehen, daß der Herr zu ihm und allen denen, 
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die ihm in einem geringen Maße gleichen, sagt: „Siehe, du bist schön, meine Freundin, siehe, du bist schön" (V.l).

Wenn wir den Wesenszug haben, den ein Hals „wie der Turm Davids" darstellt, so werden unsere Zunei gungen bewahrt werden. Geistliche Zuneigungen sind dem Herrn sehr kostbar, und sie sind der zuletzt beschrie bene Zug Seiner Braut: „Deine beiden Brüste sind wie ein Zwillingspaar junger Gazellen die unter den Lilien weiden." Deine „beiden Brüste" reden von aus geglichenen Zuneigungen; und die das Herz beherr schende Gnade sichert sie. Wer Gott liebt, liebt auch sei nen Bruder; und dann hat man auch, was die Wahrheit anlangt, keine besondere Vorliebe für einen ihrer Teile, läßt also den ganzen Umfang der Wahrheit nicht außer acht. Wir können einseitig werden. Der Herr möchte nicht, daß sich einige nur dem Evangelium und andere nur der Wahrheit von der Kirche widmen; unser Herz sollte an beidem innigen Anteil nehmen, was auch unser persönlicher Dienst sein mag. Unausgeglichene Zunei­gungen sind wirklich ein Gebrechen, weil sie kein Ge genstück zu den Zuneigungen Christi bilden, und wir sollten danach trachten, Ihm in allen Dingen zu entspre chen, besonders in unseren Zuneigungen. Wir können sicher sein, daß Sein Herz Freude daran findet.

Das „Zwillingspaar junger Gazellen" stellt sinnbild lich die Zartheit und Empfindsamkeit geistlicher Zu neigungen dar. Es sind dies scheue Geschöpfe, die gegen jede Störung empfindsam sind und sofort schnellfüßig davoneilen. Der Herr möchte, daß wir zart empfindende Zuneigungen pflegen und offenbaren, die schnell beun ruhigt werden, wenn etwas von der Welt, dem Fleische oder dem Teufel naht. Diese heilige Empfindsamkeit kann nur bewahrt werden, wenn sie durch eine ange messene Speise genährt wird; die Abfälle der Welt wir ken da verhängnisvoll. Diese Kälbchen weiden „unter den Lilien", also da, wo Er Seine Herde weidet (Kap. 2, 16; 6, 3). Wenn die Braut selbst „wie eine Lilie inmit ten der Dornen ist" (Kap. 2, 2), so müssen sich ihre Zu neigungen von dem nähren, was ihrem wahren Wesen entspricht. Wie geläutert ist die Reinheit eines solchen Weideplatzes! Es ist ein Platz, den eine unmittelbar von

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Gott verliehene Schönheit und Herrlichkeit umgibt, und wo alles im Gegensatz zu den Dornen rings umher steht und durch Harmlosigkeit, Schlichtheit und Unbescholten heit gekennzeichnet ist (siehe Phil. 2,12—15). In derartigen Umständen können geistliche Zuneigungen passend er nährt werden; es sind dies Umstände, die weder der Welt noch der Natur angehören, sondern einem Kreise, wo alles die Frucht der Gnade ist.

Der Herr möchte, daß Seine Heiligen wissen, daß ihnen, wenn sie geistliche Wesenszüge als die Frucht der Gnade haben, damit auch eine Schönheit eigen ist, die Ihn anzieht. Dies zu wissen, ist keine Selbstüberhebung, denn jeder Heilige ist sich dessen tief bewußt, daß es die Frucht des Todes Christi und der Gegenwart und Wirk samkeit des Heiligen Geistes ist. Obendrein ist es auch die Folge vieler demütigender Übungen, durch die wir ge lernt haben, das zu richten, was vom Fleische ist, und einigermaßen von dem befreit zu werden, was wir von Natur waren. Jeder der Gnade gemäße Zug hat eine sitt liche Schönheit, und Gott ermutigt uns und regt uns dazu an, Züge auszubilden, die Christo anziehend sind, weil sie Ihm entsprechen. Geistliche Züge bedürfen der Ent wicklung und Reife, denn keiner von uns könnte auch nur einen Augenblick denken, daß die Züge der Braut in uns völlig Gestalt gewonnen hätten. Sei es nun, daß sie wenig oder viel in uns gestaltet worden sind, sie sind die einzigen Wesenszüge, die die Liebe Christi an ziehen. Er redet von Seiner Freude an ihnen, damit wir sie in jeder Hinsicht ausbilden und fördern; und die Braut kennt kein geringeres Ziel ihrer Wünsche, als Christo völlig zu gleichen, um so Sein Ebenbild zu sein. Der jüngste Gläubige sollte sich jeden Morgen und hundert mal während des Tages sagen: „Gott hat mich in Seiner Gnade herausgenommen, mich Christo gleichzugestalten, und so ist alles, was nicht wie Christus ist, meiner un würdig." Die Schönheit der Braut kommt dadurch zu stande, daß wir Wesenszüge von uns weisen, die nicht mit Christo übereinstimmen; und je besser wir Ihn ken nen, desto mehr Kraft werden wir haben, das zu tun.

Wenn der Tag anbricht und die Schatten fliehen, wer den alle Heiligen Christo gleich sein; sie werden alle  
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das Bild des Himmlischen tragen (II Kor. 15, 49). Wenn das vor uns steht, so suchen wir jetzt so viel Eindrücke wie möglich von Ihm zu bekommen, und ich glaube, dieser Gedanke liegt den Worten der Braut zugrunde, ich will „zum Myrrhenberge hingehen und zum Weih rauchhügel" (V. 6). Sie möchte mehr von Seinem Wohl geruch aufnehmen und in heiligen Höhen erfunden wer den, wo sie von allen anderen Einflüssen frei ist. Ihr Verlangen ist, mehr mit den reichen Wohlgerüchen ver traut zu sein, die von Ihm ausgingen; und dies ist die Folge davon, daß sie von Ihm Seine Gedanken über sie erfährt.

Der „Myrrhenberg" redet von der Liebe Christi, die ihren Ausdruck in Leiden fand, die bis in den Tod gehen konnten. Auf Golgatha boten sie Ihm Wein, mit Myrrhe vermischt, an (Mark. 15, 23), und Nikodemus brachte eine Mischung von Myrrhe und Aloe, um Seinen Leib zum Begräbnis zuzubereiten (Joh. 19, 39 u. 40). Keine verliehenen Segnungen, keine Herrlichkeit, die ein geführt werden kann, geben einen derartigen Eindruck von Christo, wie die Betrachtung Dessen, der in Seiner Liebe litt. Ein leidender Messias rührt das Herz derer, die Ihn lieben, viel tiefer als ein verherrlichter. Der König in Herrlichkeit wird den Dürftigen erretten, „der um Hilfe ruft, und den Bedrängten, der keinen Helfer hat" (Ps. 72, 12). Doch wie bewegt werden die Dürf tigen und Bedrängten sein, wenn sie die Worte erfassen: „In all ihrer Bedrängnis war er bedrängt", und be kennen müssen: „Fürwahr, e r hat unsere Leiden ge tragen, und unsere Schmerzen hat er auf sich geladen" (Jes. 63, 9; 53, 4)! Es gibt keinen Kummer des mensch lichen Herzens, den Er nicht zu dem Seinen gemacht hätte, und dies in der willigen Ergebenheit der Liebe! Aller Kummer und alles Leid kam über Ihn, den „Mann der Schmerzen" (Jes. 53, 3). Wenn das Passah im Ober saale und Gethsemane und Golgatha dem Überreste zum „Myrrhenberge" werden, wie sehr werden sie dann ihren Messias lieben, den sie da in den unvergleichlichen Lei den Seiner Liebe erkennen! Wir jedoch haben das Vor recht, noch vor ihnen zu diesem Berge zu kommen.

Wenn der Tag anbricht   und   die Schatten  fliehn. 
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werden wir mit Christo und Ihm gleich hervorkommen, und in der Zwischenzeit möchte Er, daß wir Eindrücke von Ihm bekommen, die uns durch das Werk des Gei stes mehr und mehr in Übereinstimmung mit Ihm brin gen. Der „Myrrhenberg" und der „Weihrauchhüger re den von dem, was der Herr uns jetzt in der Versamm lung kennenlernen lassen möchte. Das Essen des Abend mahls ist es, was uns als Kirche zusammenbringt. Wir befinden uns daselbst an einer Stätte, wo der Wohl geruch in Fülle vorhanden ist; wir kommen da zu einem derartigen Ausdruck Seiner Liebe in all ihrer Größe, daß wir mit Recht von einem „Myrrhen berge" reden kön nen — das Brot und der Kelch bringen das immer wie der vor uns. Er kam im Fleische, um einen Leib zu haben, worin Seine Liebe ausgedrückt werden konnte; es war eine „Liebe, die kein Leiden schrecken konnte". Das Fleisch und das Blut Christi sind die großen Zeu gen göttlicher Liebe geworden. Seine Liebe litt auf un zählige Art Seinen ganzen Pfad hindurch, doch der Höhe punkt war, daß Er Sich Selbst gab. Jeder einzelne Hei lige kann sagen, Er hat „mich geliebt und sich selbst für mich hingegeben" (Gal. 2, 20), und Er hat Sich für die Kirche hingegeben (Eph. 5, 25). Der einzige Weg, recht von der Segnung des einzelnen Heiligen oder von der Stellung und dem Vorrechte der Kirche zu denken, ist, dies alles als den Ausfluß und die Frucht des Todes Christi anzusehen. 
Wenn der Leib und das Blut Christi für uns aus Liebe gegeben wurden, wer kann dann die ungeheueren Folgen davon ermessen? Das stellt alles auf eine neue und göttliche Grundlage. Wenn wir die Eigenart der gegenwärtigen Segnung verstehen wollen, so haben wir uns in die erhabenen Gedanken der göttlichen Liebe hinüberzubegeben und müssen an das denken, was Gott Sich vorgesetzt hat, und was der Vater zu Seinem eignen Wohlgefallen haben möchte. Alles das ist auf ewig durch den Tod Christi gesichert, und seine Größe entspricht der Kostbarkeit dessen, wodurch es gesichert ward; es ist völlig zum Wohlgefallen Gottes. Wenn wir des Herrn Abendmahl in wahrem Selbstgericht essen, so haben wir in keinem anderen Sinne an uns zu denken, als daß wir
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die Gegenstände unendlicher Liebe sind, die den Gedan ken dieser Liebe gemäß gesegnet werden.

Dann haben wir den „W e i h r a u ch hü g e 1", der die Fürsprache Christi darstellt. Die Gedanken des Va ters über die Seinen sind dem Herzen des Sohnes kost bar, und Er greift sie auf, indem Er Sich für uns ver wendet, wie es aus Johannes 17 erhellt. Er kennt den Wert Seines eigenen Todes und all dessen Früchte in vollem Maße, und Seine Heiligen sind immer auf Sei nem Herzen als solche, die ihren Platz und ihr Teil den Gedanken göttlicher Liebe gemäß haben. Wie erhaben ist dies! Doch es ist gewiß, daß, wenn Christus an die Seinen denkt und Sich für sie verwendet, dies in Über einstimmung mit dem Platze zu geschehen hat, den ihnen Sein eigener Tod gesichert hat; Er gedenkt ihrer den erhabenen Gedanken Seiner eigenen Liebe und der Liebe des Vaters gemäß. Die kostbaren Steine im Brust­schild des Hohenpriesters stellten die Stämme Israels in dem Glänze und der Schönheit göttlicher Gedanken dar, und nicht als durch Schwachheit und Fehlen ge kennzeichnet.

Nichts entspricht dem wahren Wesen der Kirche, was den Wert und die Folgen des Todes Christi nicht an erkennt. Nichts hat da einen Platz als das, was mit den Gedanken über Seine Heiligen übereinstimmt, die in dem Herzen Christi sind. Als Haupt ist es Seine Freude, uns in alles das einzuführen, was Sein Herz Gott gegenüber an priesterlicher und fürsprechender Liebe empfindet. Der „Myrrhenberg" und der „Weih rauchhügel " stellen im Bilde die Erhebung dar, die un sere Seelen geistlich erreichen können, wenn wir die Liebe Christi betrachten, wie sie in Seinem Tode und auch darin einen Ausdruck fand, daß Er die kostbaren und heiligen Gedanken Seines Herzens Gott und dem Vater gegenüber aussprach. Da befinden wir uns außer halb des Bereiches menschlicher Gedanken, und was könnte gesegneter sein? Gottes Liebe wird erkannt, ihre kostbaren Gedanken werden entfaltet, und wir sehen alles auf ewig durch die leidende Liebe Christi gesichert und erkennen, daß Sein Herz jetzt darauf für uns be dacht ist; und so können wir es in geistlicher Kraft er- 
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fassen, noch ehe „der Tag anbricht (eigentlich: „weht", d. h. der Morgenwind} und die Schatten fliehen." Muß das nicht eine vermehrte Obereinstimmung mit Christo zustande bringen, eine größere Entfaltung und Reife bräutlicher Wesenszüge und Schönheit? Ich glaube, das war die Absicht des Herrn bei der Einsetzung Seines Abendmahls. Dem Keime nach sind die Wesenszüge der Braut in einem jeden, der den Geist hat, geradeso wie alle menschlichen Fähigkeiten in einem Kindlein vorhanden sind, doch sie müssen entwickelt werden, und der Herr ersieht das aus, was hierzu notwendig ist. Als der Geliebte erkennt, daß die Braut zu dem Myrrhenberge und dem Weihrauchhügel gelangt ist, wen det sich Sein Herz ihr in inniger Zuneigung zu, indem Er sagt: „Ganz schön bist du, meine Freundin, und kein Makel ist an dir" (V. 7). Wie freut Sich unser ver herrlichtes Haupt, uns als solche zu sehen, die ihren Platz in all dem Wohlgeruch Seiner Selbst und Seines Todes eingenommen haben! Wenn wir Ihn als Haupt erfassen, so denken wir von uns, wie Er von uns denkt, und wir sind imstande mit I h m zu gehen. Die hier erwähnten vier Berge — der Libanon, der A m a n a, der Senir und der H e r m o n — stellen eine Höhe geist licher Segnung dar, von der aus wir in der Gesellschaft Christi auf die wunderbaren Folgen herabschauen kön nen, die sich daraus ergeben, daß Er durch den Tod zum Myrrhenberge ward. Sein zweimal wiederholtes „mit mir" zeigt uns, daß Seine Liebe danach verlangt, daß wir so wandeln, wie Er wandelt, und alles so betrachten, wie Er es betrachtet. Er möchte uns bei unserem geistlichen Ausblick in bewußter Vereinigung mit Sich Selbst wis sen. Alles ist die Frucht der Liebe, in der Er gelitten und Sich Selbst für uns gegeben hat, und deshalb bedeutet es eine der Höhe der Gedanken Gottes gemäße überschwengliche Segnung. Ach! wir bleiben oft hinter den Gedanken Gottes zurück, doch weshalb? Wenn wir ledig lich auf Grund der Gnade gesegnet werden, so muß es dem Herzen Gottes und Christo gemäß geschehen, und das derart, daß der Wert Seines Todes offenbar wird. Es ist keine Anmaßung, den Platz einzunehmen, den Gottes  
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Gnade und Liebe uns gegeben hat; das zu tun ist die aufrichtigste Demut, und es verherrlicht Gott.

Die vier Berge deuten auf die erhabene Stellung hin, die die Heiligen nach dem Vorsatz und der Gnade Got tes einzunehmen berufen sind. Die Heiligen der Kirche sind im höchst möglichen Gebiete^ zur Segnung berufen (siehe Eph. 1 u. 2). Wir kennen den Herrn Jesum Chri stum als Den, der sprach: „Ich fahre auf" (Jon. 20, 17). Er ist zur größtmöglichen Höhe aufgestiegen, und wir sind in Ihm gesegnet. Das ganze Werk der Gnade hat dieses vor sich; es war von Ewigkeit her in den Gedanken Gottes, und daher auch seit dem Beginn Seiner Wege mit uns. Wenn wir geistlich erfaßt haben, was es besagt, nach Kapitel 3, 6 von der Wüste heraufzukommen und nach Kapitel 4, 6 zu dem Myrrhenberge und dem Weih rauchhügel zu gelangen, so werden wir nicht erstaunt sein kennenzulernen, daß wir zu erhabenen Höhen der Segnung und Gunst berufen sind. Möchten unsere Her zen der Liebe wahrhaft entsprechen, in der Er sagt: „Komm mit mir"! (V. 8).

Jedes Essen des Abendmahls des Herrn soll uns einen neuen Eindruck vom „Myrrhenberge" geben. Es ist zu bedauern, wenn wir es als etwas auffassen, was wir schon oft getan haben; es sollte unseren Herzen nie eine Wiederholung vergangener Vorrechte sein, jedesmal sollten wir erwarten, einen neuen Eindruck von Christo und der göttlichen Liebe zu bekommen. Es ist immer möglich, sich heilige Wohlgerüche in Frische zu eigen zu machen, denn es handelt sich um einen „Berg", von dem wir nur einen kleinen Teil begriffen haben. Die Größe Christi und Seiner im Tode enthüllten und alles mit ihrem duftenden Wohlgeruch erfüllenden Liebe ist derart, daß unsere Herzen immer mehr davon kennen und schätzen lernen können. Dadurch werden wir immer mehr zubereitet, Ihm Seinen Platz als Haupt einzuräu men und uns mit Ihm in den erhabenen Bereich gött licher Gedanken und der Vorsätze göttlicher Liebe zu begeben.

Die „Höhlen (Zufluchtsstätten] der Löwen" und die „Berge der Panther (sonst Pardel)" werden hier, glaube ich, deshalb erwähnt, um zu zeigen, daß die hohen und

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kostbaren Gedanken göttlicher Liebe sogar angesichts der heimtückischen Mächte des Bösen erfaßt werden können. Wenn sich Heilige mit Christo da in die er habensten Gebiete geistlicher Segnung zu begeben ver mögen, wo noch große Mächte des Bösen vorhanden und wirksam sind, so ist das ein offenbarer Beweis des Triumphes Christi und der Befreiung, die Er Seinen Geliebten schafft. Die Segensgedanken Gottes sind un geachtet der ganzen Macht des Feindes gesichert; Seine Heiligen werden trotz der „Löwen" und „Panther" in sittlicher und geistlicher Schönheit erfunden. Wenn wir an den Überrest Israels denken, dessen Geschichte, was seine Liebe zum Messias anlangt, dieses Buch enthält, so erinnert uns das daran, daß er auf Erden ist, wenn der Drache aus dem Himmel geworfen wird und große Wut hat, da er weiß, daß er wenig Zeit hat (Offb. 12, 12). Das Tier, „gleich einer Pardelin", steigt dann aus dem Meere herauf, und das andere Tier — der Antichrist — ist auch da (Offb. 13, 1. 2. 11). Doch dessen ungeachtet ist die Braut inmitten von alledem; sie wird in den Augen Christi „ganz schön" sein, und sie ist imstande, sich mit Ihm in die erhabenen Gebiete der Gedanken Got tes zu begeben. Die vereinte Macht des Bösen wird außer stande sein, die Wirksamkeit der Macht Gottes in unend licher Liebe und Gnade aufzuhalten.

Heutzutage kommt jede Kriegslist des Teufels zur An wendung, böse Fürstentümer und Gewalten sind zuge gen, die Weltbeherrscher der Finsternis, und die geist lichen Mächte der Bosheit auf himmlischem Gebiet (Eph. 6). Doch trotz alledem sind auf Erden solche, die Züge bräutlicher Schönheit tragen, die Christi Liebe ken nen und schätzen und Ihm an heiligen Zuneigungen ent sprechen. Die Gnade bringt sogar zu einer Zeit wie diese den ihr eigenen glückseligen Triumph zustande. Alles ist die Frucht des Werkes und Sieges unseres Herrn Jesu Christi und der Beweis der Wirklichkeit des Werkes Gottes in Seinen Heiligen.

An den Worten des Geliebten an Seine Braut fällt die zunehmende Wärme und Innigkeit der Zuneigung auf. In den ersten fünf Versen des Kapitels bringen Seine Worte ihr zum Bewußtsein, wie schön sie in Sei- 
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nen Augen ist, und die Folge davon ist, sie geht „zum Myrrhenberge . . . und zum Weihrauchhügel", um wei tere und völligere Eindrücke von Ihm zu empfangen. Dann fordert Er sie auf, von erhabenen Kreisen aus mit Ihm zu gehen, das heißt von der Höhe der Gedanken Gottes aus. Dadurch kommt sie in innigere Übereinstim mung mit Ihm und wird Ihm so immer mehr anziehend. Insoweit die geistliche Entwicklung fortschreitet, findet eine Zunahme dessen statt, woran die Liebe Christi Wohlgefallen hat. Es sollte uns am Herzen liegen, Ihm immer mehr Freude zu bereiten, damit Seine Liebe sich uns mehr und mehr zuwende. Wenn wir in der Gnade Gottes und im Glauben verharren, so kann es nicht anders sein (Apg. 13, 43; 14, 22); dann werden wir durch Gnade dahin gebracht, Christum zu schätzen und Ihm zu entsprechen, so daß es sich für Ihn geziemt, uns Seine Liebe auf eine noch innigere Weise auszudrücken.

„Du hast mir das Herz geraubt, meine Schwe ster, meine Braut; du hast mir das Herz geraubt mit einem deiner Blicke, mit einer Kette von deinem Hals schmuck" (V. 9). Das ist die Sprache inbrünstiger Liebe; doch sie ist nicht übertrieben, sie drückt nur die wahren Zuneigungen Christi aus, die dadurch erweckt werden, daß Er sieht, wie das Werk Gottes in Seinen Heiligen Gestalt gewinnt. Das gibt uns einen hohen Begriff von Seiner Freude an dem, was die Frucht göttlicher Gnade und Wirksamkeit ist. Jeder Zug Seiner Braut reicht hin, Ihn zu entzücken, Ihm das Herz zu rauben.

Es ist zu beachten, daß an dieser Stelle die Braut auch „meine Schwester" genannt wird. Das erinnert uns daran, daß Abraham, als er ein Weib für seinen Sohn Isaak haben wollte, zu seinem Knechte sprach: „In mein Land und zu meiner Verwandtschaft sollst du gehen und ein Weib nehmen meinem Sohne, dem Isaak" (1. Mose 24, 4). Nichts könnte mit Christo vereinigt wer den, das sittlich nicht von verwandter Natur wäre. Es gab solche, die der Herr, als Er hienieden war, als Ihm verwandtschaftlich nahestehend bezeichnen konnte (Matth. 12, 50; Mark. 3, 33-35]. Das ist von allen Hei ligen wahr gewesen, sie haben alle, ihrem Maße ent sprechend, Gerechtigkeit geliebt und Gesetzlosigkeit ge- 
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haßt; sie waren alle von Gott abhängig und haben dem Ausdruck verliehen, indem sie Seinen Namen anriefen (siehe 1. Mose 4, 26; 12, 8 usw.). Das sind Züge sittlicher Verwandtschaft mit Christo, und sie sind sehr anzie hend in Seinen Augen.

Wenn man ermüdet eine dürre Wüste durchschritte, wo kein Grashalm wäre, und sähe plötzlich eine schöne Blume oder käme zu einer Oase voller lieblicher Blumen und Früchte, würde dann nicht der Gegensatz zur ganzen Umgebung die Lieblichkeit des Anblicks erhöhen? Und so ergeht es dem Auge des Herrn. Er erblickt in sittlicher Hinsicht eine Wüste, wo es keine göttlichen Wesenszüge gibt, wo alles die Malzeichen des Werkes der Schlange und des Falles und Zusammenbruchs des Geschöpfes trägt. Welch eine Wüste ist das, da ist kein Verlangen, Gott zu entsprechen oder Ihn zu erkennen, und Christus wird nicht geschätzt! Doch inmitten eines solchen Schau platzes befinden sich die Heiligen, sie tragen Wesens züge, die die Frucht göttlicher Gnade und das Werk Got tes sind. Alle diese Züge sind sittlich schön und Christo wohlgefällig; sie entzücken Sein Herz. Bethanien war ein Flecken, wo Er das fand, was Ihn erfreute; Er liebte Martha und ihre Schwester und den Lazarus. Gott hatte in deren Herzen gewirkt, und sie schätzten Christum und Er sie; sie waren in Seinen Augen liebenswert. Das war eine schöne Ecke Seines Gartens.

„Mit einem deiner Blicke, mit einer Kette von deinem Halsschmuck" läßt uns erkennen, wie kostbar dem Herrn jedes Zeichen geistlichen Verständnisses ist, das offen bart, daß wir die Dinge Gott gemäß sehen. Salomo lehrt uns an anderer Stelle, daß „die Unterweisung deines Vaters" und „die Belehrung deiner Mutter" „(Schmuck-) Ketten um deinen Hals" gleichen (Spr. 1, 8. 9). In diesem Bilde tritt uns also ganz klar die göttliche Belehrung ent gegen. „Es steht in den Propheten geschrieben: ,Und sie werden alle von Gott gelehrt sein*" (Joh. 6, 45). Oben drein haben wir eine wunderbare Ordnung der Gnade zur Mutter (siehe Gal. 4, 26 u. 31), und ihre Belehrungen bringen Wesenszüge zustande, die das Herz Christi ent zücken. Alles, was wir durch göttliche Belehrung haben, ist ganz und gar von Gott, und es trägt eine Schönheit,
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die weder die Sünde noch Satan entstellt hat. Wir können bestimmt sagen, daß der Herr nicht anders kann,
als solche Wesenszüge lieben. Sie entsprechen Ihm wie Eva dem Adam; sie ward von Gott gestaltet, Adams
Gegenbild zu sein. Jeder Zug in den Heiligen, der die Frucht der Wirksamkeit und Belehrung Gottes ist, ent
spricht Christo, und, in diesen Wesenszügen gestaltet, finden die Heiligen ihren Mittelpunkt, ihre Ruhe und
Freude in Christo. 
Wesenszüge göttlichen Ursprungs sind dem natürlichen Menschen keine Empfehlung; in dieser Welt sind sie der Verfolgung ausgesetzt, doch Christo sind sie höchst an ziehend — sie entzücken Sein Herz. Wenn wir uns dessen bewußt wären, so würde es uns sehr stärken, ein wenig Verfolgung zu ertragen, oder das Niditverstandenwer-den, etwas Hohn oder sogar wirkliche Verluste. Könnte es einen süßeren Lohn geben als das Bewußtsein, daß in uns Züge zum Ausdruck kommen, die Sein Herz tief bewegen? Solche Züge kommen nicht zur Entfaltung ge trennt von Herzensübungen auf unserer Seite; sie er halten eine Stätte bei uns, wenn wir den Namen des Herrn anrufen; sie sind die Frucht der Abhängigkeit. Als von Saulus gesagt werden konnte: „Siehe, er betet", so war etwas in seiner Seele vorgegangen, was ihn nun dahin brachte, alles von Gott zu empfangen, und das war das Geheimnis all der Gnade, die sich in ihm von jenem Tage an kundtat. Auf diese Weise kann jede Gnade Christi erlangt werden.  Dann sagt Er weiter: „Wie schön ist deine Liebe,
meine Schwester, meine Braut, wieviel besser ist deine Liebe als Wein" (V. 10). Wir wiesen darauf hin, daß die
Heiligen „alle von Gott gelehrt" sein werden, doch es ist kostbar, das zu beachten, was diesen Worten des Herrn
folgt, nämlich: „Jeder, der von dem Vater gehört und gelernt hat, kommt zu mir" (Joh. 6, 45). Das besagt, meiner Meinung nach, daß sie aus Liebe zu Ihm kommen; Er wird ihren Herzen anziehend; es ist Liebe da, an der
Er Freude haben kann, denn der Vater hat sie in ihr Herz gegeben. Christus ist die vollkommene göttliche 
Antwort auf jede von Gott hervorgebrachte Übung, die es von jeher in dem Herzen und Gewissen des Menschen
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ab, und es gibt keine andere Antwort auf diese Übun gen. Welch ein Durcheinander von Übungen hatte Hiob durchzumachen, doch alles, was er brauchte, — der wahre Grund der Annahme, das Lösegeld, der Mittler, der Er löser, der Ausleger — ist in Christo zu finden. Wenn Christus Ihm hätte angeboten werden können (wie es zweifellos in gewissem Maße prophetisch geschah), welch ein befriedigter Mann wäre er gewesen! Gott sorgte in den Verheißungen über Christum für etwas, dem sich die Herzen Seiner Heiligen mit Freuden zu wenden konnten, und das taten sie auch. Nun Er er schienen ist, zieht der Vater Menschenherzen zu Ihm; doch auch der Sohn zieht sie, denn Er ist der große Mittel-und Sammelpunkt für alles, was von Gott ist. Und die Liebe, die zu Ihm gezogen wird und Ihn schätzt und sehr kostbar findet, ist Ihm „schön" und „besser... als Wein". 
Die Braut hatte in Kapitel 1, 2 gesagt, daß Seine Liebe besser als Wein sei, doch Er sagt von ihrer Liebe, daß sie „viel besser . . . als Wein" sei. Im Lichte dessen sehen wir, daß Christus die Liebe Seiner Heiligen mehr schätzt als sie die Seine — ein wunderbarer Gedanke! Es erinnert uns an Jonathan und David in 1. Samuel 20, 41, wo es heißt: „Und sie küßten einander und weinten mit einander, bis David über die Maßen weinte." Dem Ge liebten gebührt der Vorrang in der Liebe, wie Er ihn ja in allen Dingen hat (Kol. 1, 18); Ihm kommt das Über maß an Liebe zu Seinen Heiligen und Seiner Kirche zu, ja gegenüber jeder Liebe, die sie zu Ihm haben, wie auf richtig sie auch sein mag. Das läßt uns verstehen, wie überaus kostbar Christo die Zuneigungen sind, die Gott in Seinen Heiligen hervorgebracht hat, und die Christum zum Gegenstand haben.
Dann hat die Braut Salben, die Ihm besser duften als alle Gewürze, was an das „öl der heiligen Salbung ... das heilige Salböl" von 2. Mose 30, 22-25 er innert. Nach Kapitel 1, 3 hatte der König Salben, doch nun hat die Braut solche; sie ist unter die Salbung ge kommen, da sie Seinen Geist hat. Die verschiedenen, dem Olivenöl beigemischten kostbaren Gewürze zeigen, wie reich und mannigfaltig die Züge der Gnade sind, deren 
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Wohlgeruch von denen ausgeht, die den Geist Christi                      j

haben. Römer 8, 9, sagt: „Wenn . . . jemand Christi Geist nicht hat, d e r ist nicht sein", und nach 1. Korinther 12 ist der Leib „der Christus", also die gesalbte Schar. Alles, was vom Geiste Christi ist, ist Ihm wohlriechend; es übertrifft alles, was aus der Natur hervorgeht, wie geläutert und liebenswert es auch sein mag. Andere Gewürze halten keinen Vergleich mit denen der Braut aus; diese gleichen den Gewürzen, die die Königin von Scheba zu Salomo brachte (1. Kön. 10, 10; 2. Chron. 9, 9).

Der Geist Christi war in den Heiligen des Alten Testa ments und zeugte durch sie von den auf Christum kom menden Leiden und den nachherigen Herrlichkeiten (1. Petr. 1, 11). Was immer Christo in geistlicher Hinsicht einen hervorragenden Platz gibt, ist von Seinem Geiste, so daß der Geist „in allen Schriften das, was ihn" betrifft, dargetan hatte (Luk. 24, 27). Sodann war der Geist Christi der Urheber jeder heiligen Übung und ebensolchen Ver langens, das von jeher in den Herzen des Volkes Got tes bestand. Die Psalmen verleihen solchen Übungen einen sehr völligen Ausdruck, und wir finden sie auch in den Propheten. Sie alle bilden einen Teil der Salben der Braut, wenn wir auch bei deren Betrachtung dessen eingedenk sein sollten, daß die Übungen der Heiligen immer der Art der Wege Gottes in ihren Tagen ent sprechen. Was den Platz der Braut Christi hat, sei es die Kirche oder der Überrest am Tage der Zukunft, wird, da es Seinen Geist hat, Ihm entsprechen, und zwar dem derzeitigen Verhalten Christi gemäß. Solange Er ge duldig wartet, bis Ihm die Ihm so lange vorenthaltenen Rechte eingeräumt werden, wird auch Sein Geist in Sei­nen Heiligen damit im Einklänge sein. Wenn die Zeit für Ihn kommt, Seine Rechte geltend zu machen und alle Seine Feinde zum Schemel Seiner Füße zu legen, so wird auch Sein Geist in den Heiligen auf Erden dem ent sprechen, wenn sie auch, bis Er zu ihrer Befreiung er scheint, geduldig zu leiden haben, wie auch Er Selbst in den Tagen Seines Fleisches. Die Salben eines leidenden Volkes aber enthalten einen Wohlgeruch, der sehr dem Seinen gleicht und Ihm deshalb ganz besonders zusagt.

Sollten wir, wenn wir den Geist Christi haben, nicht 
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auch „Salben" haben? Sollte kein Wohlgeruch für Ihn dasein? Dieser besteht nicht so sehr, in dem, was wir sagen oder tun; er wendet sich nicht an das Gesicht oder Gehör, sondern an den Geruchssinn. Das ist ein Genuß besonderer Art für den, der ihn wahrnimmt, doch einer, der schwer zu beschreiben ist, und den man solchen, denen der Geruchssinn fehlt, nicht klarmachen könnte. Ich glaube, zuweilen ist uns allen zum Bewußtsein ge kommen, daß einer wahrhaft geistlichen Person etwas schwer zu Beschreibendes eigen ist. Es macht dies einen sehr angenehmen Eindruck auf einen, der es zu schätzen vermag, und doch hat es weder mit Wort noch Tat zu tun, es ist eben der Wohlgeruch. Wie völlig und voll kommen muß das am Herrn Selbst wahrzunehmen ge wesen sein! Und Er legt großen Wert darauf, daß es in Seinen Geliebten offenbar wird.

Jesaja 57, 9 spricht davon, daß Gottes ehebrecherisches Volk „mit öl zu dem König" geht. Sie werden sich selbst preisgeben, um dem Antichristen anziehend zu erschei nen — wie schrecklich! Das sollte unsere Herzen bestimmt dazu antreiben, inniger danach zu verlangen, wohlrie chende Salben für unseren Geliebten zu haben und Ihm wahrhaft und geistlich anziehend zu sein!

Paulus wußte, daß ihm seine Bande sogar durch die Gebete der Heiligen und die Darreichung des Geistes Jesu Christi zur Errettung ausschlagen würden (Phil. 1, 17—19). Die Errettung bedeutete für ihn, daß Christus in seinem Leibe, sei es durch Leben oder durch Tod hoch erhoben werde (V. 20). Für ihn war das Leben Christus (V. 21). Was für Salben und welch ein Wohlgeruch waren da für den Geliebten vorhanden! Doch wie we sentlich für alles dies war „die Darreichung des Geistes Jesu Christi"! Es ist nicht genug, den Geist ein für alle mal empfangen zu haben; es muß eine frische Dar reichung geschehen, wie es jeder Umstand und jede Erfahrung erfordern. Vielleicht fühlen manche von uns, daß wir nur eine geringe Darreichung gehabt haben. Danken wir Gott, daß kein Grund besteht, weshalb wir nicht durch unsere Gebete und die der Brüder in der Zukunft eine völligere Darreichung dieses gesegneten Geistes haben sollten. 
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Unsere Lippen würden dann sicherlich Honig seim träufeln", Honig und Milch würden unter unserer Zunge sein (V.11). Die Honigwabe redet von einem geduldigen Sammeln dessen durch gemeinsame Arbeit, was geistliche Süßigkeit hat. Im Herzen wurden Gedanken über Christum und den Vater aufbewahrt, und nun träufeln sie von den Lippen in süßer und nahr hafter Kraft! Wie verschieden ist das von Otterngift! Aus Maleachi wissen wir, daß der Herr auf das, was Sein Volk sagt, acht hat und es hört. Wenn Heilige Dinge reden, die andere herabsetzen, so ist das nicht „Honig und Milch"; das zieht Christi Liebe nicht an.

„Und der Duft deiner Gewänder ist wie der Duft des Libanons" (V. 11). Die Kleider stellen das Äußere dar, unsere Gewohnheiten, Wege, unseren Um gang, unsere Eigenart, die man öffentlich wahrnehmen kann. Die Gewänder der Braut duften, wie auch die des Königs (siehe Ps. 45, 8); sie tragen den Geruch höherer Gebiete an sich. „Der Geruch des Libanons" haftet den Heiligen in der Öffentlichkeit hienieden zu Recht an; im Geschäft, hinter dem Ladentisch, auf der Arbeitsstätte sind sie nicht wie andere Leute. Etwas an ihnen deutet darauf hin, daß sie aus einem Kreise sind, der hoch erhaben über der Stufe dieser Welt liegt. Solche Züge sind Christo höchst anziehend. Er redet darüber zu uns, damit wir mehr und mehr mit Seinen Gedanken der Liebe über uns in Einklang kommen.

An dieser Stelle haben wir ein neues Bild von der Braut, sie wird als der Garten des Geliebten be trachtet. Ein Garten hat einen besonderen Platz in den Gedanken Gottes. Das erste, was Er nach der Erschaffung des Menschen tat, war, in Eden gegen Osten einen Gar ten zu pflanzen, in den Er den Menschen setzte (1. Mose 2, 8). Dort waren allerlei Bäume, lieblich von Ansehen und gut zur Speise, und ein Strom bewässerte den Gar ten. Und gegenwärtig hat Gott ein Paradies, einen Lust garten, im Himmel, in dessen Mitte der Baum des Lebens steht (Offb. 2, 7). Paulus ward, wie wir wissen, in das Paradies entrückt; ein Mensch wie wir, ein Mensch in Christo, ist tatsächlich im Paradies gewesen (2. Kor. 12, 2—4)! Durch die Auffahrt und Verherrlichung Christi

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ward Gott eine völlige Freude im Himmel gesichert, und Sein Gedanke ist, Sich etwas dem Entsprechendes hienieden zu sichern. Israel wird Sein Garten am Tage des Herrn sein, und vordem wird der Überrest der Garten des Messias sein, wie es die vorliegende Schriftstelle zeigt, und jetzt hat die Kirche das Vorrecht, diesen Platz zu haben, denn die Heiligen werden als Gottes Ackerfeld und als Pflanzen der Pflanzung des himm lischen Vaters betrachtet (1. Kor. 3, 9; Matth. 15, 13),

Es ist etwas Besonderes um einen Garten. Zweifellos war die ganze Schöpfung schön, Gott hatte sie als „sehr gut" bezeichnet; doch Er hatte nur zu reden, und sie stand da. Mit Bezug auf den Garten aber steht geschrie ben: „Jehova Gott pflanzte einen Garten"; er wird als das Werk Seiner eigenen Hände dargestellt, was den besonderen und persönlichen Anteil zeigte, den Er daran hatte. Er stellt im Bild dar, was die Heiligen zu Seinem und Christi Wohlgefallen sein würden. Wir kennen große Herrensitze, die aus vielen Gütern bestehen, da befindet sich nahe beim Haus der Herrschaft ein Sonder park, und noch näher ein eingehegter Garten, auf den, zur Befriedigung der Wünsche des Eigentümers, etwas ganz Besonderes an Gartenkunst und -pflege verwandt wird. Alles Schöne findet sich dort; nicht nur „nützliches Kraut" (Hebr. 6, 7), sondern alles, was dem Auge, dem Geschmack und dem Geruch anziehend ist! Einen der artigen Platz haben die Heiligen im Zusammenhang mit dem Wohlgefallen Gottes. Das ist ein besonders vor behaltener Teil, der das Höchste an Befriedigung zu ge währen bestimmt ist. Wir haben bemerkt, daß dieser Abschnitt des Buches in auffallender Weise die Frucht der Gnade vor uns bringt, und damit wird dem Wohl gefallen Christi ein völliges Teil gesichert.

Die Braut ist „ein verschlossener (englisch: .einge hegter') Garten .. . ein verschlossener Born, eine ver siegelte Quelle"(V. 12). Sie ist ausschließlich für Ihn da; sie ist Sein Garten. Das ist ein großer Zug ihrer An ziehungskraft für Ihn, und insoweit wir uns Ihm vor behalten erachten, entsprechen wir dem Wohlgefallen Seiner Liebe. Der jüngste Gläubige, dessen Herz auf den Herrn Jesum gerichtet ist, kann sich Ihm derart vor-

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behalten erachten. Sein Garten ist keine Stätte, wo allein- und ausgehen können; er ist eingehegt, damit  er Ihm allein zugänglich sei. Was muß es Ihm sein, auch

nur ein Herz zu sehen, das a lein Seinem Wohlgefallen zur Verfügung steht. Wir können nicht  „als eine keusche Jungfrau dem

Christus" dargestellt werden (2. Kor. 11, 2), ohne uns sorgfältig den Einflüssen der Welt entzogen zu haben.
Wenn jemand in einem Zelte   tarb, so war nach 4. Mose 19, 14. 15 „jedes offene Gefäß, worauf kein festgebundener Deckel ist", unrein. Wie wahr ist es, daß wir an
einem Platz sind, wo sittlicher Tod und Verderbtheit ihren Einfluß über alles ergießen. Um rein zu sein, müssen wir bedeckte Gefäße sein Wer einen Rundfunk in          
seinem Heim hat, ist unbedeckt, er setzt sich damit all  den Einflüssen aus, die in der gegenwärtigen bösen Welt
verbreitet werden. Wir sollten eingehegt, „verschlossen" und „versiegelt" sein. Wir haben zwar dann zu gewärtigen, daß man uns für engherzig hält, doch wie groß ist die Ehre und Freude, für Christum vorbehalten zu sein! Ich weiß, daß ich darin fehle, nicht noch abgeschlossener zu sein, dennoch liegt mir nichts daran, mein Innerstes alledem zu öffnen, was Christo nicht wohlgefällt. Er möchte uns „ganz rein" haben (Joh. 13, 10). Es ist nicht zu vermeiden, daß wir als Gebadete mit dem Staube der Welt in Berührung kommen,
doch Er wäscht
uns die Füße und heißt uns, einander die Füße zu waschen, damit wir „ganz rein" seien. Es hat nie einen
Christen gegeben, der auf seinem Sterbebett bereut hätte, zu ausschließlich für Christum gestanden zu haben. Wie viele haben es bedauert, Ihm nicht ergebener ge                 
wesen zu sein! Der bußfertige Psalmist sprach: „Wasche mich, und ich werde weißer sein als Schnee" (Ps. 51, 7).
Haben wir einen derartigen Maßstab für sittliche Reinheit? Wie fleckenlos ist frisch gefallener Schnee! Doch unser Maßstab ist noch höher, denn es heißt: „Jeder, der diese Hoffnung zu ihm hat", nämlich Christo gleich zu sein, „reinigt sich selbst, gleichwie er rein ist" (1. Joh. 3, 3). Wie wirksam würde das alle die Einflüsse
der Welt ausschließen!  Bei denen, die die Zuneigungen der Braut haben, han
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delt es sich nicht bloß darum, ob etwas recht oder un recht ist — obgleich man darin nicht gleichgültig sein wird —, sondern darum, ob es Christo wohlgefällt. Wir begehren, daß Sein Garten Ihm die größtmögliche Be friedigung und Freude bereitet, so daß wir Ihn in dem Bewußtsein dahin einladen können, daß Er bei Seinem Kommen Freude findet.

„Ein verschlossener Born"; ich denke, wir haben alle schon einmal einen Brunnen mit einem Schloß daran gesehen, so daß ihn nur der Eigentümer benutzen kann; das ist hier der Gedanke. Es gibt etwas, was für den Herrn allein da ist — einen Ausfluß von Zuneigun gen und Würdigungen, den Er allein beurteilen kann, und der Ihm so kostbar ist, wie das Wasser der Zisterne im Tor von Bethlehem dem David war (2. Sam. 23, 15).

Dann lesen wir: „Was dir entsproßt, ist ein Lustgarten (,Park* anderwärts: Pred. 2, 5)" (V. 13). Schößlinge reden von tatkräftigem Leben, und wenn diese ein Lustgarten sind, so haben wir da keinen Verfall, keinen Verlust an Lebenskraft. Der Herr Selbst wird mehr als einmal „Sproß" genannt (Jes. 4, 2; Jer. 23, 5; 33, 15; Sach. 3, 8 6,12), ein Hinweis auf die Frische und Kraft, in der alles, was zum Wohlgefallen Gottes ist, Ihm entsproßt. Und die Schößlinge in Seinem Garten entsprechen darin dem, was wahr ist in Ihm (1. Joh. 2, 8).

Die „edlen Früchte" und „vortrefflichsten G e -würze" von Vers 13 und 14 zeigen, wie reich und mannigfaltig die Erzeugnisse der Gnade sind, die der Geist in den Heiligen hervorbringt; ja sie sind so um fassend, daß keine Art des Wohlgeruchs fehlt, denn es ist von „allerlei Weihrauchgehölz" und von „allen vortrefflichsten Gewürzen" die Rede.

Nur der Geist Christi ermöglicht Frucht und Wohl geruch. Wir haben allezeit dafür zu sorgen, daß diese Dinge da sind. Zu besonderen Zeiten kommt der Herr dann in Seinen Garten; Er liebt es, das zu tun, wenn Seine Heiligen zusammengekommen sind, Sein Abend mahl zu essen. Die köstlichen Früchte und der Wohl geruch sind nicht plötzlich da, wenn wir beieinander sind; sie sind die Frucht gar mancher Übung im Ver borgenen. Unser Wandel im Geiste die Woche über hat 
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viel mit dem Wohlgefallen zu tun, das der Herr an Sei nen Heiligen hat, wenn sie am ersten Tage der Woche zusammen sind. Oft herrscht die Woche hindurch bei uns eine gewisse geistliche Trägheit; wenn dann der Sonn abendabend oder Sonntagmorgen kommt, so haben wir uns aufzuraffen und uns durch Selbstgericht vorzube reiten, ehe wir so ganz glücklich sind, zur Versammlung zu kommen. Bei geistlicher Trägheit ist es sehr ange bracht, uns zu richten, doch dann wird es keine große Entwicklung der Früchte und des Wohlgeruchs geben. Das ist nicht zur Freude des Herrn, obwohl Er in Seiner Gnade sogar unter solchen Umständen unter uns kom men mag. Er verlangt nach mehr in uns als das — die Früchte und der Wohlgeruch sollten allezeit dasein, so daß Er sie findet, wenn Er auch kommt, sei es zu uns als einzelnen oder als Gesamtheit. Keiner kann die Woche über fleischlich sein, und dann am Tage des Herrn geistlich; ein geistlicher Mann achtet darauf, Seine Eigen art, versiegelt und abgeschlossen zu sein, allezeit zu wahren.

Vers 15 kehrt zu einer Quelle, zu einem Born lebendigen Wassers zurück, ein Hinweis darauf, daß der Geist die Quelle beständiger Frische ist. Eine neue Wahr heit mag uns sehr bewegen und uns eine Zeitlang schein bare Frische verleihen, doch, wenn sie uns wohlbekannt ist, so werden allein „lebendige Wasser" deren Kraft in der Seele aufrechterhalten. Viele kennen viele göttliche Dinge als Wahrheiten, haben aber keine wahrhafte Quelle in der Seele. Wie nötig ist es daher zu beten, daß unseren Seelen jene Tatkraft eigen sei, die der Geist allein aufrechterhalten kann! Die „Quelle" redet davon. Es ist gut, wenn das Herz nicht anders kann, als sich auszudrücken; dann wallt es über „von gutem Worte" und wartet nur auf die rechte Gelegenheit (Ps. 45, 1). Man fühlt sich nicht dazu gedrungen, weil eine lange Pause eingetreten ist und man fühlt, daß etwas gesagt werden sollte, sondern die „Quelle" bewirkt einen völligen und natürlichen Erguß.

„Ein Brunnen lebendigen Wassers" so dann redet von einem Vorrat, dem allezeit Erfrischung entnommen werden kann, der aber nicht einem still- 
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stehenden Teiche oder einer bloßen Zisterne gleicht, sondern durch eine lebendige Quelle gespeist und frisch erhalten wird. Dieserart ist die Erfrischung, die der Herr in Seinen Geliebten findet, denn wir müssen bedenken, daß es sich hier nicht um das handelt, was für andere ist, sondern um das, was in Seinem Garten für Ihn ist. Wenn das daheim nicht zu finden ist, wie kann es dann in der Öffentlichkeit da sein. Und alles das strömt „vom Libanon"; der Geist ist von einem aufgefahrenen Chri stus herniedergekommen, und all Seine Tätigkeit in den Heiligen trägt etwas von der Eigenart des Ursprungs gebiets an sich, woher Er kam.

Ein Garten ohne Wasser wird bald unfruchtbar, und es bedarf des Dienstes Christi durch den Geist, wenn an Früchten und Gewürzen Überfluß vorhanden sein soll. Dieser Dienst fließt still wie die Wasser von Siloah Qes. 8, 6), doch er ist voller belebender Kraft. Er muß aufgehört haben, zu Ephesus zu fließen, und anderes, an sich Gutes, nahm seine Stelle ein. Arbeit, Treue und unermüdliches Ausharren sind vortreffliche Dinge, doch man kann sie alle haben und von der ersten Liebe ab kommen. Es bedarf des Dienstes des Geistes über Chri stum und Herzen, die ihm Raum geben, um die wahre Eigenart Seines Gartens zu wahren. Man mag tun, was recht ist, ohne daß ein würziger Duft ausströmt; nur das, was im Geiste Christi getan wird, ist Ihm ein Wohl geruch. Wie schon bemerkt, ist Wohlgeruch etwas, was nicht beschrieben werden kann — wer könnte den Duft einer Rose beschreiben?

Der Herr gebraucht alle Umstände, die Gewürze Sei nes Gartens hervorzubringen, und hierzu läßt Er den Nord- und auch den Südwind in Seinem Garten wehen. All die mannigfaltigen Umstände, worunter die Heiligen kommen, sollen dazu dienen, mehr Wohlgeruch zu erzeugen. In Apostelgeschichte 8, 1—3, als eine große Verfolgung entstand, handelte es sich um den Nordwind, in Apostelgeschichte 9, 31 aber hatten die Versammlun gen Frieden und wurden erbaut und vermehrt, da wehte eine Zeitlang der Südwind. Paulus und Silas hatten in Lydias Haus Südwind, doch im Gefängnis (Apg. 16) wehte gleichsam ein scharfer Nordwind; zweifellos aber 
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ergab das in beiden Fällen einen lieblichen Wohlgeruch für den Geliebten. Und so verhält es sich bei allem, was Gottes Liebe für die Heiligen anordnet. Wir haben das nicht als etwas Widriges aufzufassen, sondern als dazu bestimmt, das Ausströmen würzigen Duftes im Garten des Herrn zu fördern.

Dessen bewußt, daß etwas für Ihn da ist, sagt die Braut in Vers 16: „Mein Geliebter komme in seinen Garten und esse die ihm köstliche Frucht." Und aus Seinen Worten in Kapitel 5,1: „Ich bin in meinen Garten gekommen, meine Schwester, meine Braut", sehen wir, daß Er alsbald ihrer Einladung gefolgt ist. Das zeigt uns, daß der Herr nicht immer in Seinem Garten ist. Er wartet nicht nur, bis die Früchte und Gewürze da sind, sondern auch bis wir Ihn einladen, zu kommen. Der Herr will kein unerwarteter Besuch sein; Er kommt, wenn Seine Gegenwart gewünscht wird und Zustände da sind, an denen Er Wohlgefallen hat. Wieviel sagt uns das über Seine Art zu kommen, wenn die Seinen ver sammelt sind! Er kommt, wenn Er eingeladen ist, und ich denke nicht, daß Er je wirklich eingeladen wird, wenn keine Zustände vorhanden sind, an denen Er Freude finden kann. Wie könnten Ihn Versammelte einladen zu kommen, wenn sie sich für Ihn unpassend fühlen? — Welche köstlichen Früchte haben wir Ihm anzubieten?

Hier kann Er sagen: „Ich . . . habe meine Myrrhe gepflückt samt meinem Balsam, habe meine Wabe ge gessen samt meinem Honig, meinen Wein getrunken samt meiner Milch" (Kap. 5, 1). Wie kostbar ist es dem Herrn, zu einer Schar zu kommen, wo jeder zum min desten bereit ist, wenn auch nur in geringem Maße, in Liebe für Ihn zu leiden, Seine Verwerfung und Schmach zu teilen und lieber einen Verlust zu ertragen, als Sei nem Namen untreu zu sein! Wenn ein junger Gläu biger, weil er Christi Namen bekennt, verlacht oder irgendwie verfolgt wird, so ist das in Wahrheit Myrrhe und Balsam für den Geliebten. Seine Wabe redet von dem Wohlgefallen, das Er an Seinen miteinander in Liebe verbundenen Heiligen hat, die alle dazu beitragen, die süßen Früchte der göttlichen Natur hervorzubringen. Sein Wein und Seine Milch zeigen, 
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daß Er in denen, die unter dem Einfluß göttlicher Gnade und Liebe gestaltet worden sind, alles findet, was Sein Herz erfreut und befriedigt.

Schließlich fordert er Seine Freunde und Geliebten auf, zu essen und zu trinken, ja in Fülle zu trinken. Das zeigt, daß Er, wenn Er unter Seinen Heiligen befriedigt ist, dafür sorgt, daß auch die Fülle für sie da ist. Wenn Seine Heiligen Ihm dienen, so wird auch ein Dienst über Ihn für sie dasein; das wahre Wesen der Kirche oder Versammlung besteht kaum aus etwas anderem. Was Er auch empfangen mag, wir können sicher sein, daß Er in der Liebe immer den Vorrang haben wird und mehr gibt, als Er empfängt.

Damit schließt dieser Teil des Buches, den es kenn zeichnet, Züge der Braut darzustellen, die die Frucht der Gnade und der Wirksamkeit des Geistes Christi sind. Er endet damit, daß der Geliebte in Seiner Braut, als Garten betrachtet, alles findet, was Sein Herz begehrt. Er stellt uns das vor, um in unseren Herzen ein in brünstiges Verlangen danach zu erwecken, die Eigen schaften zu haben, die Ihm Freude bereiten. Möchten die geistlichen Wesenszüge, die in der Abgeschlossenheit, der Fruchtbarkeit und dem Wohlgeruch Seines Gartens dargestellt werden, so deutlich in uns Gestalt gewinnen, daß inmitten dieser öden Wüste eine Stätte sei, zu der Er mit innigem Wohlgefallen kommen kann und das findet, wonach Sein Herz bei denen ausschaut, die Er liebt!