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Es ist besser getrennt zu sein           DOC Original

 

„Da rief der Pharao Mose und Aaron zu sich und sprach: Geht hin, opfert eurem Gott in diesem Land! Mose sprach: Das schickt sich nicht, dass wir so etwas tun; denn wir würden dem HERRN, unserem Gott, opfern, was den Äg

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Lied der Lieder Kp 5

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Lied der Lieder Kp 5

Wir kommen nun zu einem Teile dieses Buches, der uns etwas Besonderes zu sagen hat und unser Herz sehr erforscht, weil er zeigt, daß sogar dann, wenn die Gnade auf recht völlige Weise erkannt und deren Früchte her­vorgebracht worden sind, in den Heiligen ein Zustand der Selbstzufriedenheit aufkommen kann, der dem Herrn nicht das bietet, wonach Sein Herz verlangt. Der Gegen satz  zwischen  diesem  und  dem  vorhergehenden  Ab-

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schnitt gleicht dem des Epheserbriefes und dem Send schreiben an Ephesus (Offb. 2,1—7]. In dem einen sehen wir die völlige Frucht der Gnade und der Gegenwart des Geistes, in dem anderen eine gefallene Versammlung, sie hatte ihre erste Liebe verlassen. Es waren ihr noch viele Früchte der Gnade geblieben, auf die der Herr in Vers 2, 3 und 6 hinweist, doch deren Lebenskraft war dahin, die Ihm allein das bringen konnte, wonach Sein Herz verlangte. Wir sahen in Kapitel 4, daß die Braut ein „Born", eine „Quelle" und ein „Brunnen lebendigen Wassers" genannt wurde (V. 12 u. 15); ihre Zuneigungen belebte da ein Strom geistlicher Tatkraft, den wir in Vers 2 und 3 von Kapitel 5 vermissen. Sie kann noch sa gen, „mein Herz wachte"; Er hatte nicht aufgehört, ihr Geliebter zu sein, auch hatte sie die Fähigkeit noch nicht verloren, Seine Stimme und Sein Klopfen zu erkennen. Sie hat eine wahre Zuneigung zu Ihm, doch diese hatte aufgehört, ihr ein machtvoller Antrieb zu sein. Der wa chende und achtsame Geist, dessen Wünsche und Hoff nungen alle in dem Geliebten gipfelten, war nicht länger mehr vorhanden, sie sagt: „Ich schlief."

Wir sehen die Braut hier nicht in bösen Verbindun gen, sie hat sich auch nicht verunreinigt, und es fehlt im Dienste nicht an Beweisen der Ergebenheit und der Bereitschaft zu leiden — ihre von Myrrhe triefenden Hände reden davon. Sie hat wirklich anziehende Wesens züge; vielleicht nur wenige von uns könnten sagen, sie seien zu dem gelangt, was hier im Bilde von der Braut gesagt wird, oder auch zu dem, was Ephesus nach den Worten des Herrn in Offenbarung 2, 2. 3 kennzeichnete. Doch Ephesus hatte seine erste Liebe verlassen, und die Braut war ihrem Geliebten gegenüber schläfrig gewor den. Er war abwesend, und trotzdem konnte sie sich zur Ruhe niederlegen; sie hatte sich für die Nacht bereit ge macht, ihr Kleid ausgezogen und die Füße gewaschen — kurz, sie war in Ruhe und mit sich selbst zufrieden ohne Ihn.

Ach, es ist möglich, daß sogar die Früchte der Gnade der Anlaß werden können, Gefallen an sich selbst zu finden! So war es bei Hiob; alles Gute in ihm verdankte er Gottes Erbarmen, doch er kam dahin, sich selbst mit

111Wohlgefallen zu betrachten, und geriet sogar in Selbst gerechtigkeit. Nun Gott mag sehr gnädig gegen uns ge wesen sein, uns vor vielen Licht gegeben und geistliche Gaben und Gunstbezeigungen verliehen haben, Er mag uns auch auf einen Pfad der Absonderung geführt und uns den Genuß so mancher Vorrechte gegeben haben, die besondere Beweise Seiner Gunst sind, ja Er mag uns sogar befähigt haben, dem Herrn treu und mit Segen zu dienen: und dennoch mag bei alledem Christus Selbst nicht den Ihm gebührenden Platz haben, Er mag als eine gegenwärtige erfahrungsgemäße Wirklich keit nicht durch Glauben in dem Herzen wohnen. Wir mögen in dem aufgehen, was wir haben, und was wir sind, ohne uns bewußt zu werden, daß dies eine heim­tückische Form der Selbstgenügsamkeit ist; sie erscheint uns zwar nicht als solche, sondern vielmehr als ein Raum geben demgegenüber, was die Gnade Gottes zustande gebracht hat.

Der Herr ist sehr eifersüchtig auf den Platz, den Er bei uns haben möchte; Seine Liebe kann nicht dulden, daß wir ohne Ihn ruhig sein können. Er möchte nicht einmal, daß uns das zufriedenstellt, was wir von Ihm empfangen haben; Er Selbst möchte der alleinige Gegen stand unseres Verlangens und unserer Freude sein. Er weiß nur zu gut, wenn Er, was unsere Herzen anlangt, draußen in der Kälte ist; und Er lenkt unser Augenmerk in einer eindringlichen und von Erfolg begleiteten Weise darauf.

Es ist zu beachten, daß der Herr in diesem Kapitel nicht außerhalb eines großen weltlichen Bekenntnisses, wie Laodizäa, steht, sondern wir sehen Ihn in der Kälte, während Ihn wahrhaft Liebende sich auch ohne Seine Gesellschaft ganz behaglich fühlen. In solchen Fällen ist die erste Liebe verlassen worden, und die Seele hat einen Pfad betreten, der, wenn der Herr nicht in Seiner immer treuen Liebe eingriffe, zu laodizäischer Selbstzufrieden heit führen würde.

Das Verhalten des Geliebten ist sehr rührend, nir gendwo in dem ganzen Buche wird Er in einer Weise dargestellt, die geeigneter wäre, unser Herz zu bewegen. Er ist hier nicht der gekrönte König, sitzt nicht an Seiner

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Tafel oder genießt Seinen Garten — Er ist einer, der kein Haus hat, Ihm Schutz zu gewähren, der vielmehr der kalten Feuchtigkeit der Nacht ausgesetzt ist. Er hat nicht, wo Er Sein Haupt hinlege, und wir wissen, daß es so auf Seinem Pfade hienieden war (Matth. 8, 20; Luk. 9, 58); in Johannes 7, 53—8, 1 heißt es: „Und ein jeder ging nach seinem Hause, Jesus aber ging nach dem ölberg."

Man wird da sagen, aber wenn Er wirklich geliebt wird, ist das nicht so; dann wird Er bloß zu reden und zu klopfen haben, und die Tür wird Ihm alsbald auf getan werden. Doch das stellt uns dieses Bild nicht dar, da redet und klopft Er und wendet Sich mit den Worten zartester Liebe an Seine Braut und sagt: „Tue mir auf, meine Schwester, meine Freundin, meine Taube, meine Vollkommene!" (V. 2). Er ruft das Zartgefühl ihres Her­zens an, indem Er spricht: „Denn mein Haupt ist voll Tau, meine Locken voll Tropfen der Nacht." Doch sie ist nicht bereit aufzustehen, sie will sich nicht stören lassen und sagt: „Ich habe mein Kleid ausgezogen, wie sollte ich es wieder anziehen? Ich habe meine Füße gewaschen, wie sollte ich sie wieder beschmutzen?" (V. 3). Für die meisten von uns würde es wahrscheinlich schmerzlich und demütigend sein, wenn wir sähen, wie sehr wir auf uns Rücksicht nehmen, statt auf Christum. Wir nehmen oft Rücksicht auf uns, weil wir Übungen aus dem Wege gehen wollen. Jede geistliche Bewegung, die uns die Tür zu persönlicher Vertrautheit mit Christo öffnet, kostet uns etwas, sie bedeutet einen Umsturz der gegen wärtigen Umstände. Und wenn wir uns in uns zusagen den Umständen häuslich niedergelassen haben und kein Böses unserem Gewissen zu schaffen macht, so lieben wir nicht, durch den Gedanken beunruhigt zu werden, daß wir Christo nicht den Platz geben, nach dem Er ver­langt. Es stellt weniger Anforderungen an uns, so wie bisher weiterzugehen, alles, so wie es ist, entspricht un­serem Empfinden; weshalb sollten wir all die Umstände unseres geistlichen Lebens mit Rücksicht auf die Emp­findungen Christi umstürzen? Wenn das nicht eine der artige Umkehrung alles dessen bedeutet, was wir zu unserer eigenen Annehmlichkeit und Bequemlichkeit ge-
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tan haben, so würden wir nicht so zögern, diesen Schritt zu tun.

Doch wenn die Seele in diesen Schlafzustand der Rück sichtnahme auf sich selbst und des Gefallens an sich selbst geraten ist, so macht der Herr Seine Rechte der Liebe geltend. Seine Liebe ist empfindsam, Er fühlt es, wenn wir gut ohne Ihn auskommen können. Wenn das der Fall, so ist Er, was uns betrifft, draußen in der Kälte und Nässe, Er hat nicht den Platz, nach dem Sein Herz begehrt.

Wir sehen hier, daß weder Seine Stimme noch Sein Klopfen hinreichte, sie zum Aufstehen zu bewegen. Viel ausgeübter Dienst ist nichts anderes als des Herrn Stimme und Klopfen, und wird auch als dieses erkannt, doch der Schlafzustand ist derart, daß keine entschiedene Bewegung zu Christo hin zustande kommt. Daß Er nun Seine Hand durch die Öffnung der Tür streckte, ist offen bar eine weitere und noch vernehmlichere Tat Seiner Liebe. Zuvor hörte sie Seine Stimme und Sein Klopfen, doch Er war ihr verborgen; daß Er nun Seine Hand hereinstreckte, war eine teilweise Offenbarung Seiner Selbst. Dadurch ward der Braut die Wirklichkeit Seiner Person und Liebe, ja Seines Anrechts auf sie, so bewußt, daß sie tief bewegt wurde. Das spricht von einer un mittelbaren persönlichen Tat des Herrn, die einen wirk sameren Eindruck macht als Seine Stimme oder Sein Klopfen. Nun handelt es sich in ganz besonderer Weise um Ihn Selbst, und das verändert alles. Ich bin ge wiß, daß solche Augenblicke in der Geschichte der Seele kommen, und rede dabei von einer Erfahrung, die lange nach der Bekehrung, ja lange, nachdem wir das erste Mal das Brot gebrochen haben, stattfinden kann. Wir mögen Sein Wort, Sein Werk, ja die Segnungen kennen, die Er uns gesichert hat, doch nun ist Er es Selbst, und das bewegt die Tiefen unserer Seele, deshalb heißt es: „Und mein Inneres wird seinetwegen erregt" (V. 4).

„Damals war's Glaube, Herr, Dein Wort, doch nun ziehst Du mich Selbst zu Dir."

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Die Heiligen erkennen den Dienst, der vom Herrn ist, und finden wahres Wohlgefallen daran, ihm zuzuhören, doch ich bin sicher, daß wir uns alle dessen bewußt sind, viel gehört zu haben, was uns nicht wirklichgeistlich bewegt hat. Doch wenn Er Seine Hand hereinstreckt, so wird die Seele im Innersten bewegt, und wir stehen auf, dem Geliebten die Tür zu öffnen; Er ist uns nun so wirklich und anziehend, daß selbstsüchtige Bequemlich keit uns nicht mehr zurückhält. Da haben wir ein Wie deraufleben, eine Bewegung, eine Herzensbelebung mit Bezug auf Ihn,

Obwohl das ein glückliches Wiederaufleben ist, so ist es doch keine wahre Wiederherstellung des Herzens. Die Braut hat den Zustand, in den sie geraten war, durchaus noch nicht derart gefühlt, wie Er ihn gefühlt hat. Eine Herzensentfernung ihrerseits war eingetreten, und ohne ein Empfinden hierüber konnte es keine wahre Wieder herstellung vertrauensvoller Liebe geben. Nichts könnte solchen, die die erste Liebe verlassen haben, mehr scha den als der Eindruck, daß der Herr diese Treulosigkeit nicht tief gefühlt habe. Man hat Personen gekannt, die jahrelang in einem kalten Zustande waren und dachten, sie könnten nach ihrem Gutdünken die ordnungsgemä ßen Beziehungen zum Herrn und zu Seinem Volke wie deraufnehmen, ohne das, was hinter ihnen lag, tief zu empfinden. Doch wenn der Herr das tief gefühlt hat, so wird es zu keiner wahren Herzensübereinstimmung mit Ihm kommen, bis ihre Seele es tief empfindet, ohne Seine Gesellschaft zufrieden gewesen zu sein. Der Herr wird Sich keiner Buße anvertrauen, die leicht und oberfläch lich ist. Die Treue Seiner Liebe kommt in Seinem Zu rückziehen in Vers 6 ebenso zum Ausdruck wie in Seiner Stimme und Seinem Klopfen, sowie dem Hereinstrecken Seiner Hand „durch die Öffnung" der Tür. Um die Ge liebte wahrhaft wiederherzustellen, muß Er ihr bewußt werden lassen, wie tief Er ihren früheren Zustand ge fühlt hat.

Der Herr weiß ganz gut, welchen Platz Er in diesem Augenblick in unseren Herzen hat, und wenn wir Ihn draußen in der Kälte gelassen haben, so empfindet Er das, und Er will, daß wir das auch empfinden. Die Myrrhe

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an den Händen der Braut ist kein Ausgleich für ihren Herzenszustand. Ich nehme an, daß die Myrrhe in die sem Zusammenhang von Treue und Ausharren im Dienste redet, wie es der Herr zu Ephesus anerkennt, doch das war kein Ersatz für das Verlassen der ersten Liebe.

Das Hinausgehen der Braut, ihr Suchen und Nicht-finden, ihr Rufen ohne Antwort, war alles ein Teil einer für sie notwendigen Übung. Durch solche Erfahrungen werden wir uns oft erst der wahren Sachlage bewußt. Wie traurig auch diese Erfahrung ist, sie ist weit besser als die Selbstzufriedenheit, in der Er sie fand.

Dann hat sie von den Wächtern und Hütern der Stadt mauer zu leiden. Sie hätten sie überhaupt nicht an­treffen sollen, doch da sie durch Trägheit und Selbstzu friedenheit der Gesellschaft ihres Geliebten verlustig ge­gangen war, war sie nun, wo ihr dies zum Bewußtsein ge kommen ist, aufgeregt und ruhelos. Die eingetretene Ent fernung ließ sie in Ungewißheit über Seine Gedanken und Schritte: sie weiß nicht Ihn zu finden. Und in diesem wirren Gemütszustande setzte sie gerade ihre Unruhe, das wiederzuerlangen, was sie verloren hatte, einem Miß griff aus: die Wächter hielten sie für ein Weib zweifel hafter Art und verfuhren hart mit ihr. Sie gingen über das hinaus, was sie verdient hatte, doch der König ließ es zur Vertiefung ihrer Herzensübungen zu. Jeder Schlag muß ihr nahegebracht haben, daß sie an S e i n e r Seite nicht angetastet worden wäre. Und weshalbwar Er nicht ihr zur Seite? Jeder Schlag, jede unwürdige Be handlung ließ sie empfinden, daß sie Seiner mehr denn je bedurfte; alles das tat sein Werk in ihrer Seele.

Einstmals fragte ich Bruder J. B. S. mit Bezug auf einen, der auf traurige Abwege gekommen war: „Wird er nicht vom Herrn unter Zucht gestellt werden?" Er erwiderte: „Wenn er zum Herrn umkehrt, wird er ge züchtigt werden." Die vorliegende Schriftstelle bestätigt uns, daß strenge Zucht erst zur Vertiefung der Herzens übungen dann eintritt, wenn die Seele aufgewacht ist und den Herrn wahrhaft sucht. Man hat mir mehr als einmal gesagt: Als ich mich um göttliche Dinge nicht kümmerte, hatte ich keine große Not, doch seit ich wirk-

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lieh nach dem Herrn Selbst verlangte, hatte ich durch viele Prüfungen zu gehen. Seid gewiß, daß der Herr darin keinen Fehler macht. Sogar wenn die Wächter einen machen, so macht Er doch keinen; und Er steht über allem, was die Wächter tun, wenn sie auch das tun, was Er sie nie geheißen hätte. Die Brüder können übereifrig und manchmal ungebührlich streng sein, doch wenn s i e auch vielleicht einen Mißgriff begehen, es geschieht alles unter des Herrn Hand. Wenn sie mich hart behandeln, so kann ich sicher sein, daß mein Wandel ihnenGrund dazu gegeben hat, und daß auch in dem ein Grund dazu vorhanden ist, was sich zwischen mir und dem Herrn zugetragen hat, wovon s i e kaum etwas wissen. Es ist gut, jede solche Übung demütig von dem Herrn hinzunehmen.

Nun wendet sich die Braut an die Töchter Jerusalems; sie konnte bei ihnen auf Mitgefühl rechnen und ihnen deshalb ihre Übungen anvertrauen. Ich glaube, der Herr gibt uns immer jemand, dem wir unser Herz ausschütten können. Die Wächter waren ihrem Auftrage, Ordnung in der Stadt zu halten, treu, wenn sie auch in diesem Falle in unangebrachter Strenge verfuhren, doch sie zeig ten kein Mitgefühl mit den verborgenen Herzensübun gen. Ich glaube, wir haben zu lernen, Treue mit Mit gefühl zu verbinden. Mitfühlenden konnte die Braut das wahre und tiefe Geheimnis ihres Herzens anvertrauen, sie sagt ihnen, daß sie krank sei vor Liebe (V.8). Treue ohne Mitgefühl wird nie das Vertrauen eines bedräng ten Herzens erlangen. Wir sollten den Eindruck ent schiedener Treue in allem, was dem Herrn zukommt, machen, aber auch den, daß wir mit jeder gottseligen Übung Mitgefühl haben, die sich unter der Oberfläche in einem vollzieht, der den Herrn wirklich sucht.

Die Braut ist nun dahin gekommen, für die völlige Wiederherstellung bereit zu sein; ihre Selbstzufrieden heit und ihr Wohlgefallen an sich selbst sind dahin, sie kann nicht mehr ohne ihren Geliebten auskommen. Er ward ihrem Herzen all die Zeit über immer kostbarer und unentbehrlicher; alles diente dazu, mehr an Ihn zu denken — sie war krank vor Liebe. Sie hatte so von Ihm denken gelernt, wie es zum mindesten   dem   einiger-

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maßen entsprach, wie Er von ihr dachte; das ist eine wahre Wiederherstellung. Alles, was sie hat, und alles, was sie ist, kann sie, getrennt von Ihm, ganz und gar nicht mehr befriedigen. Nun offenbart sie sich in ihrer wahren Schönheit als „Schönste unter den Frauen" (V. 9). Gefallen an sich selbst zu finden, ist die Folge des Ver lustes der Quelle lebendiger Zuneigung zu Christo, die der Geist in der Braut aufrechtzuerhalten sucht. Be denken wir, welch einen Platz der Geist im Briefe an die Epheser hat! In Offenbarung 2, 1—6 jedoch besteht kein Einvernehmen mehr zwischen dem Geiste und der Braut. Die erste Liebe war verlassen worden und, getrennt von Buße, wird der Leuchter aus seiner Stelle genommen werden — ein sicheres Zeichen, daß das Licht nicht durch den Geist aufrechterhalten wird. Doch wie lieblich zu sehen, daß ein Ruf zur Buße ergeht, und zu wissen, daß am Ende, nach all dem Fehlen der Kirche, „der Geist und die Braut sagen: Komm!" (Offb. 22, 17). Was auch die öffentliche Geschichte der Versammlungen sein mag, die Wege, die der Herr in Liebe mit den Seinen geht, dienen immer dazu, die der Braut eigenen Zuneigungen geistlich zu beleben und wiederherzustellen.

Im ersten Teile dieses Kapitels haben wir die Ge schichte gnadenreicher Wiederherstellung. Die Braut ist aus dem Gefallen an sich selbst und der Gleichgültigkeit heraus aufgewacht und hat ein inbrünstiges Verlangen, bei ihrem Geliebten zu sein. Sie ist nun ein Überwinder; sie hat das in ihr überwunden, was sie Seiner Gesell­schaft beraubt hatte. Sie hat die Töchter Jerusalems auf gefordert, Ihm zu sagen, daß sie krank vor Liebe sei. Ihr Sinn, ihr Herz ist auf nichts anderes, auf keinen anderen gerichtet. Ein übergroßes Verlangen hat sie überwältigt, doch noch immer bleibt es ungestillt.

Das veranlaßt die Töchter Jerusalems, mehr über das Geheimnis ihres Herzens zu erfahren. Diese „Töchter" stellen solche dar, die Gott fürchten und geistliche We senszüge wahrnehmen können, wenn sie sie sehen, und so können sie die Braut die „Schönste unter den Frauen" nennen. Wir tun gut daran zu denken, daß Personen dieser Art um uns her sind; sie sind vielleicht noch nicht von einer gesetzlichen Ordnung frei geworden. Sie ken-

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nen den Geliebten nicht, wie die Braut Ihn kennt, doch sie nehmen Anteil und haben Mitgefühl, und die Braut hat in ihren Augen Wesenszüge, die sie als schön aner kennen können. Wenn wir das auf die Gegenwart anwen­den, so stellt die Braut solche dar, die ihrem Wesen nach einer keuschen Jungfrau gleichen und die Vertrautheit mit dem Herrn gekannt und Ihm Freude bereitet haben, weil sie einige Wesenszüge der Braut trugen. Dann gibt es noch andere, in denen ein Werk Gottes ist, und die geistliche Wesenszüge schätzen können, obwohl sie we der in der Freiheit stehen, noch die Einsicht und die Zuneigungen der Braut haben.

Welchen Eindruck machen w i r nun auf solche Per sonen? Ist es der Eindruck, den die Braut auf die Töchter Jerusalems machte, da ihr Herz ein wunderbarer Gelieb ter fesselte, der alle anderen übertraf? Ihre Rede be­zeugte klar, daß Ihm, ihrer Meinung nach, keiner eben bürtig war, und so fragten sie sie: „Was ist dein Ge liebter vor einem anderen Geliebten, daß du uns also beschwörst?" (V. 9).

Christum mit anderen zu vergleichen ist nicht die höchste Art, Ihn zu betrachten, denn Er ist in Wahrheit unvergleichbar; dennoch ist das ein gesegnetes Mittel, Ihn wahrhaft und liebevoll zu würdigen. Der Psalmist hatte Ihn in dieser Hinsicht erkannt, als er sagte: „Du bist schöner als die Menschensöhne" (Ps. 45, 2). Die aus­gesandt waren, Ihn zu greifen, verglichen Ihn mit allen anderen, indem sie sagten: „Niemals hat ein Mensch so geredet wie dieser Mensch" Qoh. 7, 46). Es ist gut, wenn unsere Herzen Ihn mit anderen vergleichen lernen; das ist ein Weg, Seine überragende Kostbarkeit und Schön heit kennenzulernen. Wir könnten sagen, daß der ge­priesene Gott Ihn in gewissem Sinne mit anderen ver glichen hat, denn es steht geschrieben: „Ich habe einen Auserwählten erhöht aus dem Volke" (Ps. 89, 19). Gott hat Ihn aus allen anderen als Den herausgegriffen, der Seinem Willen und jedem Verlangen Seines Herzens vollkommen entsprach. So ward Er bei Seiner Taufe, „als das ganze Volk getauft worden war" (Luk. 3, 21), ausgesondert: der Heilige Geist stieg auf Ihn herab, und eine Stimme aus dem Himmel sprach: „Du bist mein

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geliebter Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen gefunden" (Luk. 3, 22). Daß Christus Gottes Auserwählter ist, stellt uns Seine Aussonderung als den einen kostbaren Ge genstand des Wohlgefallens und der Freude Gottes vor Augen. Und Gott lehrt nun Sein Volk, Ihm den Platz unbestreitbarer Ehre zu geben, den Platz der Ober hoheit in ihren Zuneigungen.

Es ist schon oft darauf hingewiesen worden, daß des Geliebten Äußerungen über die Züge der Braut i h rgegenüber geschehen, doch wenn sie Seine Wesens züge beschreibt, wie im vorliegenden Kapitel, so redet sie von Ihm zu anderen. J. N. D. sagt hierüber: „Meiner Meinung nach ist es eine auserlesene sittliche Vollkom­menheit, daß die Braut dem Bräutigam gegenüber nie über Dessen Vortrefflichkeit redet, als ob sie Ihm damit ihren Beifall ausdrücken wolle. Ober Ihn verleiht sie ihren Empfindungen völligen Ausdruck, doch anderen und nicht Ihm gegenüber. Er dagegen redet frei und völlig über sie zu ihr, um sie der Wonne, die Er an ihr hat, zu versichern. Wenn wir an Christum und unsere Beziehung zu Ihm denken, wie schön und angemessen ist dies auch für uns!"

Manchmal führt der bittere Kummer, Seine Gesell schaft verloren zu haben, das Herz dahin, sich das ins Gedächtnis zurückzurufen, was es von Ihm kennenge lernt hat; und gerade, indem es dies tut, vollzieht sich die Wiederherstellung. Er allein steht vor dem Herzen, und das Bewußtsein, daß Er Sich nicht geändert hat, erfüllt die Seele mit Trost. Er ist „derselbe gestern und heute und in die Zeitalter" (Hebr. 13, 8). Und wenn Er den Ihm gebührenden Platz in den Zuneigungen Seiner Braut bekommt, so ist sie nicht länger mehr in Entfernung von Ihm und außerstande, Ihn zu finden, oder zu sagen, wo Er zu finden ist. Dann weiß sie sehr gut, wo Er ist, und kennt den Platz, den sie in Seinen Zuneigungen hat: „Ich bin meines Geliebten; und mein Geliebter ist mein, der unter den Lilien weidet" (Kap. 6, 2. 3). Als sich ihr Herz der Betrachtung Seiner Schönheit hingab und davon redete, kehrte ihr Seine Nähe und die Erkenntnis Seines Sinnes wieder. Eben, daß sie ohne Seine Gesell schaft gewesen war, verlieh der Art, wie sie von Ihm

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redete, etwas Besonderes und Rührendes. Indem ihr Herz Seine ihr wohlbekannten Züge an sich vorüber gehen ließ, zog sie eine Straße, die sie zu Ihm zurück führte. So war es mit den beiden, die nach Emmaus gin gen; sie hatten Ihn verloren, doch Er nahm immer noch ihre Herzen in Anspruch, und als Er Sich zu ihnen ge sellte und „ihnen in allen Schriften das, was ihn betraf", erklärte, erglühten ihre Herzen mit zunehmender In brunst, bis der Augenblick kam, wo ihre Augen aufgetan wurden und sie Ihn erkannten (Luk. 24, 27. 31).

Es ist ein Trost, daß die durch den Geist in unseren Herzen hervorgebrachten Eindrücke bleibend sind. Sie mögen verborgen oder undeutlich sein, doch sie können nicht ausgetilgt werden, und sogar, wenn wir zu unserer Schande geschlafen haben, kann sie die Treue der Liebe, die sie uns zuerst gegeben, wiederbeleben. Dann haben wir eine entschiedene Bewegung zu Ihm hin, und Er wird uns der Überausvollkommene und Überausherr liche, und das nicht nur in der Verborgenheit unseres Herzens, sondern vor allen anderen, wie in der vorlie genden Schriftstelle.

Bewegung auf Seiten der Braut führt zu dem Ver langen nach einer ähnlichen Bewegung auf seiten der Töchter Jerusalems; sie sagen: „Wohin ist dein Geliebter gegangen ...?... wir wollen ihn mit dir suchen" (Kap. 6, 1). Geistliche Zuneigungen und Empfindungen sind ansteckend; eine von lebendigem Verlangen nach dem Herrn getriebene Seele kann eine große Neubelebung unter all den Brüdern hervorrufen.

Ihr erster Ausspruch über ihren Geliebten ist all gemein: „Mein Geliebter ist weiß und rötlich,ausgezeichnet vor (eigentlich: erhoben als Banner unter] Zehntausend" (V. 10). Sie redet damit von Ihm im gan­zen genommen, ehe sie verschiedene Seiner Glieder oder Wesenszüge erwähnt. Die Grundlage von allem, was sie zu sagen hat, liegt in den Worten: „Mein Geliebter ist weiß." Christo ist eine fleckenlose sittliche Voll­kommenheit eigen, und darin kommt Ihm keiner gleich. Von der Jungfrau geboren, war Er „das Heilige" (Luk. 1, 35); Er tat keine Sünde, „noch wurde Trug in seinem Munde  erfunden"   (1.  Petr.  2,  22);  Er  konnte  sagen:

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„Wer von euch überführt mich der Sünde?" (Joh. 8, 46); Er kannte keine Sünde (2. Kor. 5, 21), keiner von ihren inneren Trieben war Ihm bekannt, so daß Er von dem Fürsten der Welt sagen konnte, er „hat nichts in mir" (Joh. 14, 30). Satan suchte in Ihm etwas von der Lust des Fleisches, der Lust der Augen oder dem Hochmut des Lebens zu finden, doch er fand einen Unbefleckten und Unbefleckbaren; Er war immer der Gerechte, der Hei­lige. Auf dem Berge der Umgestaltung ward die Fleoken-losigkeit Seiner heiligen Person in dem Strahlen Seiner Kleider bezeugt, sie „wurden glänzend, sehr weiß, wie Schnee, wie kein Walker auf der Erde sie weiß machen kann" (Mark. 9, 3). Diese persönliche Reinheit bildet den Grundzug Seiner Vortrefflichkeit, deshalb kann Gott Wohlgefallen an Ihm haben, und auch wir Vertrauen zu Ihm. Wäre da aucji nur ein Flecken möglich, so wäre alles dahin: Er wäre nicht der Christus Gottes, und wir hätten keinen Erretter. Seine fleckenlose Vollkommen-keit als Mensch ist wesentlich, nicht nur was den Wert Seines Opfers anlangt, sondern auch, was den Platz anlangt, den Er in dem Herzen Seiner Braut innehat.

Es gibt einen Hochgelobten, an dem die genaueste Untersuchung nie einen einzigen Makel oder Flecken finden wird. Wir können auf keinen Moses, Paulus oder Johannes blicken, ohne Flecken zu entdecken, doch es gibt Einen, der „weiß" ist.

Er ist nicht nur „weiß", sondern „rötlich"; das redet von Leben voll innerer Kraft. Es ist in der Ur sprache so ziemlich dasselbe Wort, wie das bei den „rot gefärbten Widderfellen" der Stiftshütte gebrauchte, es drückt daher eine hochgradige Weihe Gott gegenüber aus. Herz und Sinn in ihrer Erneuerung verlangen da nach. Es gebührt Gott, Ihn zu lieben und Ihm zu dienen, und dies nicht in Kälte oder nur der Form nach, sondern voll inniger Hingabe. Deshalb ist es eine Freude daran zu denken, daß der Geliebte „rötlich" ist. Das kam bei Ihm in einem Alter von zwölf Jahren zum Vorschein, als Er sagte: „Wußtet ihr nicht, daß ich in dem sein muß, was meines Vaters ist?" (Luk. 2, 49). Und als Er den Tem pel reinigte, gedachten Seine Jünger daran, daß geschrie ben steht:   „Der Eifer um dein Haus  verzehrt mich"

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(Joh. 2, 17). Da erkannten sie, wie rötlich Er mit Bezug auf Gottes Belange hienieden war. Und so war Er durchaus; Er ging nach Gethsemane und an das Kreuz, auf daß die Welt erkenne, daß Er den Vater liebe und also tue, wie Ihm der Vater geboten hatte (Joh. 14, 31).

Von David, der in so vieler Hinsicht ein Bild von Christo war, wird uns gesagt, daß er „rötlich" war (1. Sam. 16, 12; 17, 42). Wie sehr kennzeichnete ihn Gott gegenüber Ergebenheit! Er sprach in Psalm 132, 4. 5: „Wenn ich Schlaf gestatte meinen Augen, Schlummer meinen Augenlidern, bis ich eine Stätte finde für Je-hova, Wohnungen für den Mächtigen Jakobs!" Schon von seiner Jugend an war sein Herz zu Ephrata hierauf in einem Geiste der Ergebenheit Gott gegenüber gerich tet gewesen (Ps. 132, 6). Doch er war nur ein unvoll kommenes Bild; die Wirklichkeit haben wir in Dem, der nicht nur Davids Sohn, sondern Davids Herr war, und der sagen konnte: „Meine Speise ist, daß ich den Willen dessen tue, der mich gesandt hat, und sein Werk voll bringe" (Joh. 4, 34).

Dieselbe Stärke der Ergebenheit kam in Ihm sowohl der Versammlung als auch den einzelnen Heiligen gegen­über zum Vorschein. Er hat Sich Selbst für uns gegeben (Tit. 2, 14). Die inbrünstige Glut einer unwandelbaren und vollkommenen Liebe ist in Seinem Leben, Seinem Tode und in Seinem unermüdlichen Dienste in der Höhe zum Ausdruck gekommen. Johannes sagt: „Dem, der uns liebt" (Offb. 1, 5), und stellt damit die Liebe Christi als etwas Gegenwärtiges dar; das ist, wie wir wohl sagen können, Seine Rötlichkeit in unseren Augen.

Als einer, der „weiß und rötlich" ist, wird Er wie ein Banner unter Zehntausend erhoben. Er ist nicht nur der Oberste, der Vorzüglichste unter ihnen: Er ist der Einzige, der zu erheben und zu ehren ist. Er bildet den Sammelpunkt für die Tausende, die Gott lieben. „Denen, die dich fürchten, hast du ein Banner gegeben, daß es entfaltet werde (oder: man sich dahin flüchte) um der Wahrheit willen" (Ps. 60, 4). Es handelt sich nicht um Ansichten oder Dogmen, sondern um eine lebendige Person, die Selbst die Wahrheit ist. Das Zeug nis ist in einem Worte Christus. Das ist das zu ent-

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faltende Banner; Er wird unter den Heiligen erhoben. Sie scharen sich um dieses Banner, verteidigen es und möchten, daß es alle sehen und ehren. Er ist ihre Herr lichkeit, ihr Ruhm und ihr Band, Der, für den sie alle bereit sind, zu leben, zu kämpfen und, wenn es sein muß, zu sterben. Alles, wofür es überhaupt wert ist zu stehen, ist in Ihm vorhanden. Die Worte „Oberster, Erster un ter Zehntausend" (der gewöhnlichen englischen Ober setzung) waren den Herzen der Heiligen lange Zeit hei lig, doch die Randbemerkung (ein Bannerträger unter ...} gibt die getreue Lesart, und die ist besser. (Nach der An merkung der englischen Übersetzung von J. N. D. lautet die Stelle, wie zuerst angegeben: „erhoben als ein Ban ner unter.. .") Die Zehntausend empfangen ihre Wich tigkeit und Herrlichkeit durch die Tatsache, daß Chri stus (einem Banner gleich] unter ihnen erhoben ist; sie stehen in der Öffentlichkeit als eine Schar da, die Ihm den höchsten Wert beimißt.

Dann beschreibt die Braut im einzelnen zehn ver schiedene Züge ihres Geliebten, mit Seinem Haupte be­ginnend. „Sein Haupt ist Gold, Feingold" (so wörtlich wiedergegeben). Wie gesegnet zu wissen, daß es einen herrlichen Menschen gibt, der völlige Einsicht in den Sinn und das Herz Gottes hat! Eine göttliche Person — Einer, der von Ewigkeit her Gott war — allein konnte, ein Mensch geworden, das erfassen. Gott hatte unend­liche Gedanken der Segnung über den Menschen; sie alle sind durch Christum und in Ihm ans Licht gebracht worden; eine als ein Mensch gekommene göttliche Per son hat sie als Mittler kundgetan. Anderseits sind sie jedoch völlig durch Einen verstanden und geschätzt worden, der Gott gegenüber den Platz des Menschen einnahm. Die Gedanken göttlicher Liebe über die Men schen werden in ihrer Fülle durch einen Menschen auf­rechterhalten, der für uns Gott gegenüber den Platz des Hauptes eingenommen hat. Ein Mensch ist völlig in den Segen all dieser Gedanken eingegangen, und dieser Mensch ist unser Haupt. Er hat diesen Platz auf unserer Seite inne, so daß den wahren Maßstab für alles, was in Beziehung zu Gott durch Dessen Gnade und Liebe unser ist, nicht das ausmacht, was w i r aufrecht-

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erhalten, sondern das, was Christus als unser Haupt für uns aufrechterhält. Unsere wahre Segnung besteht darin, das Haupt festzuhalten (d. h. die Beziehung zum Haupte aufrechtzuerhalten); dann werden wir Darrei­chung im Dienste empfangen und das Wachstum Got tes wachsen (Kol. 2, 19). Unser Geliebter hat in unseren Augen diese kostbare Eigenschaft, Er hat völlige Einsicht in den Reichtum der göttlichen Gedanken. „Sein Haupt ist Gold, Feingold", und dieses erkennend, können wir keinen niedrigeren oder geringeren Gedanken der Seg nung annehmen als den, den Er vertritt. Wir sind voll endet in Ihm (Kol. 2, 10); von Ihm abzugehen, um einen Begriff oder Maßstab der göttlichen Segnung zu bekom men, heißt, uns vom „gediegenen Gold" zu den Schlak-ken menschlicher Gedanken zu wenden. Für viele Gläu bige würde es einen ungeheueren Unterschied ausma chen, wenn sie in ihrem Wandel Christum als ihr Haupt anerkennten und auch zugäben, daß Seine Gedanken über das, was Gott den Menschen verliehen hat, die rechten sind.

Gott hatte unzählige Gedanken über die Menschen, und Christus kam nach Psalm 40, das Wohlgefallen Gottes zu tun und diese Gedanken durch Seinen eigenen kostbaren Tod durchzuführen. Das hat Er vollkommen getan, und nun hält Er all diese Gedanken in ihrer Fülle aufrecht. Der von Gott erforschte und erkannte Heilige kann sagen: „Wie köstlich sind mir deine Gedanken, o Gott! wie gewaltig sind ihre Summen! Wollte ich sie zählen, ihrer sind mehr als des Sandes" (Ps. 139, 17. 18). Gegenwärtig jedoch wissen wir, daß Christus, unser Haupt, diese Gedanken in all ihrer Fülle und Vollkom menheit aufrecht hält. Wenn wir glücklich und Gott wohl gefällig sein wollen, so müssen wir sie so festhalten, wie Christus sie kennt; dann haben wir sie ihrer wahren Größe gemäß. Wenn man die Armseligkeit seiner eigenen Gedanken kennengelernt hat, wie gesegnet ist es dann, sich zu Christo zu wenden und den Reichtum Seiner Ge danken kennenzulernen. Dann verstehen wir, was George Herbert meinte, als er schrieb:

„Ein ander Haupt hab ich,                   j

ein ander Herz und Brust."

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Wir gehen dann zu den Gedanken Dessen über, dessen Haupt wie gediegenes Gold ist. Da kommen keine Schranken in Frage, noch kann eine Herabminderung je eintreten; Christus als Haupt hält jeden Gedanken Got tes in seiner Fülle aufrecht, und zwar für den einzelnen Heiligen und für die Versammlung. Kein Fehlen der Kirche kann dem Eintrag tun, wenn es auch viele der Erkenntnis oder Freude dessen berauben mag. Hat Chri­stus Seinen Platz als Haupt, so gibt es keine Ver mengung mit menschlichen Gedanken; das „Feingold" ist ohne Beimischung. Völlige geistliche Freude, wahrhaftes Lob, alles, was Gott wirklich verherrlicht, hängt davon ab, daß unsere Seelen Christum als Haupt festhalten. Die himmlische Stadt (Offb. 21, 18) ist „reines Gold", weil sie alles von Christo hat, und nichts ist in der Versamm lung heute wirklich von Gott, was nicht von Ihm stammt. Seine Gedanken bilden den wahren Maßstab für alles, und, Gott sei Dank, sie kennen weder Abnahme noch Verfall.

„Seine Locken sind herabwallend, schwarz wie der Rabe" (V. 11). Darin erweist Sein Haupt eine un­geschwächte Lebenskraft und Tatkraft. Auf jenem Haupt wird es nie einige graue Haare geben wie bei Ephraim (Hos. 7, 9). Nichts in Christo wird je alt oder verfällt; was von Anfang war, bleibt in unwandelbarer Frische bestehen. Der neue Bund ist nicht nur der Art und dem Wesen nach neu, sondern auch in d e m Sinne, daß er seine ursprüngliche Frische unvermindert bei behält. Wir haben es jetzt nicht mit Dingen zu tun, die alt werden und veralten (Hebr. 8,13) wie der erste Bund, sondern mit Einem, von dem geschrieben steht: „Du aber bist derselbe, und deine Jahre werden nicht vergehen" (Hebr. 1, 12). Auf seiten der Verantwortlichkeit des Menschen fiel alles dem Verfall anheim, und sogar im Tausendjahrzeitalter wird das so sein; beständige und unwandelbare Vollkommenheit sind in Christo allein. Er ist „das Alpha und das Omega, der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende" (Offb. 22, 13). Die Herrlichkeit Gottes und die Segnung jeder Familie der Erlösten sind unveränderlich in Christo als Haupt ge sichert, der „derselbe gestern und heute und in die Zeit-

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alter" ist (Hebr. 13, 8). Einzel- oder Versammlungswie derherstellung kommen durch eine Rückkehr zum Haupte und zu der unveränderlichen Vollkommenheit zustande, in der alles in Ihm aufrechterhalten wird. Frische und Lebenskraft werden den Heiligen wiederhergestellt, wenn sie, das anerkennend, was ohne Verfall in Christo als Haupt besteht, neu aufleben. Die Salbung lehrt uns immer, in Ihm zu bleiben. Das Versagen zu Ephesus kam daher, weil sie aufhörten, ihre Beziehung zum Haupte aufrechtzuerhalten; und so ging ihnen die wahre Versammlungseigenart verloren. Sie kann nur durch eine Rückkehr zu dem wiedererlangt werden, wovon man ab gewichen ist. Durch unendliche Gnade können die Hei ligen gegenwärtig zu dem zurückkehren, was an Lebens kraft und Schönheit so vollkommen wie am Anfang ist. In Christo, dem Haupte, gibt es keine Veränderung, noch wird es je eine geben.

Als Er inmitten der Versammlungen richtete, waren Sein Haupt und Haar „weiß wie weiße Wolle, wie Schnee" (Offb. 1, 14). Da sahen wir Ihn in der Hoheit des Alten an Tagen (Dan. 7, 9], in der vollen Reife rich terlicher Einsicht; das ist ein ganz und gar anderes Bild. Unser Kapitel hat Ihn nicht als Einen vor sich, der in göttlicher Reinheit und Hoheit richtet, sondern als den Geliebten, in dem die Braut alles das findet, worin ihr Herz mit tiefem Wohlgefallen ruhen kann.

Wir kommen nun zu den Augen des Geliebten: „Seine Augen sind wie Tauben an Wasserbächen, badend in Milch, eingefaßte Steine (buchstäblich: sitzend in ihrer Einfassung)" (V. 12). Die Augen machen den ausdrucks­vollsten Zug des Angesichts aus: sie verraten die Haltung und die Empfindungen des Herzens dem gegenüber, auf dem sie ruhen, noch unverhohlener und unmittelbarer als die Stimme oder die Worte. Die Stimme kann man in der Ferne vernehmen; doch um das zu erfahren, was das Auge ausdrückt, muß man nahe sein; und das gilt zwei fellos von den Augen des Geliebten.

Als der Herr im Kreise umherblickte auf die um Ihn her Sitzenden (Mark. 3, 34), was muß da in diesem Blick zum Ausdruck gekommen sein! Welche Liebe, welches Wohlgefallen,  welch  ein  Gefühl  der  Freude,  Brüder,

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Schwestern und Mütter zu haben, die den Willen Gottes taten! Und als Petrus Ihn strafte, weil Er von Seinen Leiden und Seinem Tode geredet hatte, wandte Er „sich um, und als er seine Jünger sah, strafte er den Petrus" (Mark. 8, 33). Welch ein Blick muß das gewesen sein! Wie müssen Seine Augen alles das ausgedrückt haben, was die Jünger Ihm waren — alles, was sie ewiglich durch Seinen Tod sein würden! Und wer vermöchte auszuspre chen, was jene Augen dem Petrus sagten, als Sich der Herr umwandte und ihn im Hause des Hohenpriesters anblickte (Luk. 22, 61)?

Was haben nun die Augen des Geliebten zu uns ge sprochen? Die Braut konnte sie als eine beschreiben, die erfahren hatte, was sie ihrem Herzen ausdrückten. Sie hatte deren Anblick voller Güte genossen, und doch hatte sie dabei ein tiefes Gefühl von Reinheit bekommen; das wird, soviel ich sehe, unter dem Sinnbild „Tauben an Wasserbächen, badend in Milch", dargestellt. Die gütige und zärtliche Zuneigung der Taube leuchtet aus diesen Augen, doch sie wird mit Bildern verbunden, die vom Reinigen und Läutern reden. Mit diesen Eigenschaften haben wir es zu tun, wenn der Herr Seine Geliebten an schaut. Er betrachtet sie vom Standpunkt eines Solchen, Dessen Liebe erfrischende und reinigende Einflüsse auf sie auszuüben beabsichtigt.

Wie verschieden ist das von den „Augen wie eine Feuerflamme" (Offb. 1, 14), die Ihn als Den kennzeich nen, der inmitten der Versammlungen richtet! Da ist göttliche Reinheit im Gericht tätig, alles Unheilige und Unwahre zu erforschen, aufzudecken und zu richten. So sehen wir Seine Augen infolge beharrlicher Mißachtung der Augen, die wie Tauben sind, und weil wir den reini genden Dienst Seiner Liebe abgewiesen haben. Er wurde da nicht länger mehr als Haupt anerkannt; die Versamm lungen waren Ihm nicht mehr von Herzen unterwürfig, und so konnte Er sie nicht mehr als solche erachten, die die Züge Seiner Braut trugen. Böses war da, was ein Einschreiten erforderte, und wenn darüber nicht Buße getan wurde, so zog es ein unvermeidliches Gericht nach sich.

Doch die auf Seiner Braut ruhenden Augen des Ge-

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liebten bieten keinen solchen Anblick dar. Sie strahlen ihr voller Gütigkeit und Wohlgefallen in Liebe entgegen, denn sie erkennt Ihn und keinen anderen als ihr Haupt an. Wie sehr sie auch gefehlt haben mag, nun hat eine Rückkehr zu den ihr geziemenden Zuneigungen stattge funden ihr Verlangen steht in unterwürfiger Liebe nach Ihm, und indem ihr Herz Seine Schönheit schätzt, spricht sie aus, was Er in ihren Augen ist. Sie weiß, daß sie der Gegenstand Seiner Liebe ist, und dessen bewußt, ist sie frei davon, sich selbst zu betrachten. Wie gesegnet ist solch ein Herzenszustand! Seine Augen lassen sie nur an eine Liebe denken, die kostbare Hinweise auf Reini gung enthält.

Johannes 13 und Epheser 5 zeigen, wie Er auf Seine Heiligen, Seine geüebte Versammlung acht hat. Er will den Seinen aus Liebe die Füße waschen, damit sie „ganz rein** seien (V. 10); und in Eph. 5, 25—27 heißt es, daß „der Christus die Versammlung geliebt und sich selbst für sie hingegeben hat, auf daß er sie heiligte, sie reini gend durch die Waschung mit Wasser durch das Wort, auf daß er die Versammlung sich selbst verherrlicht darstellte, nicht Flecken oder Runzel oder etwas der gleichen habend, sondern als heilig und tadellos." Wir werden bemerkt haben, daß in jeder dieser Schriftstellen das Waschen oder Reinigen Seiner Liebe entspringt. Es bildet einen wesentlichen Teil Seines Anschauens der Heiligen. Ihm ist all das Heiligende und Reinigende eigen, was in denen, die Er liebt, einen Zustand wirkt, der mit den Gedanken Seiner Liebe übereinstimmt. Die­ser Gedanke des Reinigens erfüllt Seinen Sinn und Sein Herz derart, daß die Braut ihn schon beim Anblick Seiner Augen empfindet. Er schaut die Heiligen immer an wie einer, der Reinigung, Heiligung und Läuterung für sie ersehen hat; Er läßt sie innewerden, daß Seine Liebe bemüht ist, jeden Flecken und Makel zu beseitigen. Er betrachtet sie nicht nur in dem Lichte dessen, was Sein Tod ihnen erwirkt hat, sondern in dem Lichte Seines eigenen Dienstes der Liebe. Johannes 13 macht das klar: noch ehe die Jünger wußten, was Er tun wollte, wußte Er es, und Er teilte ihnen mit, was er vorhatte. Er liebte sie und wollte ihnen so dienen, daß sie „ganz rein"

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seien. Hier verstand die Braut Seinen Blick; sie las Güte in Seinen Augen, vereint mit dem, was auf Erfri schung und Reinigung hindeutete: im Lichte des Neuen Testaments dient das dem Eingehen in das, was Seine Liebe uns ausersehen hat.

Wir haben uns dem Dienste Seiner Liebe zu unter ziehen, wenn wir des sich daraus ergebenden Gewinns teilhaftig sein wollen, und das bringt Übungen auf un serer Seite mit sich. Doch die Braut ist nicht damit be­schäftigt, sondern mit dem, was in den Augen ihres Ge liebten ihr gegenüber zum Ausdruck kam. In Johannes 13 und Epheser 5 handelt es sich mehr um das, was Sein Herz Ihn zu tun drängt, und nicht so sehr um die Übun gen auf unserer Seite, die, damit Sein Dienst von Erfolg begleitet sei, erforderlich werden. Er wird alles Nötige tun, was Ihm ein Wohlgefallen an denen, die Er liebt, sichert. Je mehr wir Ihn vor uns haben und Seine Art, uns anzuschauen, um so tiefer wird das unsere Herzen bewegen. Es gibt keine größere Kraft, uns sittlich zu reinigen, als dies. Was könnte reiner sein als ein Herz, das Christum zum Gegenstand hat? Gerade damit, daß die Braut ihr Herz ausschüttet und offenbart, wie sehr sie ihren Geliebten schätzt, legt sie ein kostbares Zeugnis von der Lauterkeit ihrer Zuneigungen ab. Sie lenkt das Augenmerk nicht auf sich, sondern auf Ihn, und darin erweist sie sich, wie die Nasiräer vor alters, „reiner als Schnee, weißer als Milch" (Klagel. 4, 7). Wenn ich mit dem beschäftigt bin, was ich war, oder was ich bin, so kann ich in meiner Selbsterniedrigung immer weiter heruntergehen, werde aber dadurch keine wahrhafte Rei nigung oder sittliche Erhebung finden. Wenn man Chri stum vor sich hat, so ist das Selbstgericht tiefer, aber man wird vom gerichteten Ich frei und kommt zu einer wahren geistlichen Erhebung.

Seine Augen, „angemessen eingefaßt", besagt, daß Er Seine Heiligen immer vom Standpunkte der göttlichen Liebe und des göttlichen Vorsatzes und Wirkens aus be trachtet, deshalb ist nichts Ungewisses oder Veränder­liches in dem, wie Er sie betrachtet. Die Seinen sind des Vaters Gabe an Ihn, und sie werden schließlich bei Ihm sein, wo Er ist. Besonders im Evangelium Johannes re-

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det Er von den Seinen immer als von Gegenständen unwandelbarer Liebe, die, göttlich lebendig gemacht und zum Sohne gezogen, ewiglich von des Vaters und des Sohnes Hand festgehalten werden. Wenn wir erwägen, wie Er die Seinen von Johannes 13 bis 17 betrachtet, so sehen wir, wie „angemessen eingefaßt" Seine Augen sind.

„Seine Wangen wie Beete von Würzkraut, Türme von Wohlgerüchen." Die Anzahl Schriftstellen, die von einem Schlagen auf den Backen reden, zeigt mir, daß Seine Wangen die demütige Gnade darstellen, in der Er Sich der Gewalttätigkeit des Menschen aussetzte. Er kam in Gnade in einen Zustand und eine Stellung, wo Er der Schmähung und dem Haß ausgesetzt war. Wie nahe war Er den Menschen gekommen, und in welch einem nied rigen Gewände! Jesaja 50, 6 sagt: „Ich bot meinen Rük-ken den Schlagenden und meine Wangen den Raufenden, mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Spei chel." Mit Bezug hierauf gibt es keine treffendere Schriftstelle als Micha 4, 14-5, 3. Dort ist Er Der, „der Herrscher über Israel sein soll", Dessen Ausgänge „von der Urzeit, von den Tagen der Ewigkeit her" sind (V. 2). Er kam von der ewigen Herrlichkeit der Gottheit, um in Bethlehem-Ephratha als ein Kindlein geboren zu wer den. Welch ein Herabsteigen unendlicher Gnade! Im Blick auf die Zukunft heißt es dann: „Und er wird da stehen und seine Herde weiden in der Kraft Jehovas, in der Hoheit des Namens Jehovas, seines Gottes" (V. 3). Das ist Seine Hoheit in der zukünftigen Welt. Doch zwischen den vergangenen „Tagen der Ewigkeit" und Seiner erhabenen Herrschaft im Tausendjahrreich hat Er in demütigender Gnade Seine Wangen in den Bereich der Hand des Menschen gebracht und ward da gefühllos ge schlagen. In Micha 4, 14 heißt es: „Mit dem Stabe schla gen sie den Richter Israels auf den Backen." Wir wissen, daß diese gepriesenen Wangen, die so oft Tränen des Mitleids und der Liebe netzten, tatsächlich geschlagen wurden (Joh. 18, 22; 19, 3; Matth, 26, 67; Mark. 14, 65), ja daß sie mit den Verräterküssen des Judas bedeckt wurden (Matth. 26, 49; Mark. 14, 45). Er unterzog Sich einer solchen Behandlung durch Menschenhände; kön-

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nen wir uns da wundern, daß Seine Wangen eine be sondere Anziehungskraft und Schönheit in den Augen des Überrestes haben? Als Volk hatten sie Ihn „für bestraft, von Gott geschlagen und niedergebeugt" er achtet (Jes. 53, 4), doch wenn sie erkennen, daß Er ihr Messias, ja ihr Jehova Selbst war, und daß Sein An gesicht so entstellt war, mehr als das der Menschen kinder (Jes. 52, 14), weil Seine Liebe um ihretwillen einen derartigen Weg ging, wie tief wird das ihre Her zen bewegen! Welch eine Mischung alles dessen, was duftend und lieblich ist, werden sie in Seinen Wangen erblicken! Und sollten wir, die Seiner geliebten Kirche angehören, weniger in ihnen sehen als sie? Gewiß nicht. Es macht einen großen Teil der Schönheit Christi in den Augen derer aus, die Ihn lieben, daß Er in demü tiger Gnade von den Menschen verachtet und verwor fen ward. Gerade die Wesenszüge, die an Ihm dem Spott, der Mißachtung und dem Haß ausgesetzt waren und es noch sind, sind Seiner Braut besonders anziehend. Alles, worin Er verachtet und geringgeschätzt wurde und noch wird, hat in den Augen Seiner Heiligen eine un vergleichliche Vortrefflichkeit. Darauf bezieht sich Petrus, als er sagt: „Euch nun, die ihr glaubet, ist die Kostbar keit" (1. Petr. 2, 7). Von den Menschen ward Er als wertlos verworfen, doch die, die glauben, kennen Seine Kostbarkeit. Die Gläubigen erachten das, weshalb die Menschen Ihn schmähen, als Seine besondere Würde und Herrlichkeit, und lieben es — es ist ihnen höchst wohl riechend und anziehend, „wie Beete von Würzkraut, Türme von Wohlgerüchen". Der Erniedrigung des Herrn ist etwas eigen, was das Herz ungemein bewegt und es völlig unterwürfig macht. Wenn wir sie mehr betrach teten, so würde uns das über vieles in uns tief de mütigen, was wir vielleicht nicht für so schlecht halten, wie wir es halten sollten. Und das würde uns in unserem Herzen von einer Welt trennen, die sich alles dessen rühmt, was Christo unähnlich ist. Obwohl Er im Himmel hoch erhoben ist, haben wir in dieser Welt noch den Tag Seiner Erniedrigung. Die Menschen sind noch ebenso be reit, Ihn auf den Backen zu schlagen, wie ehedem, und dies nicht minder unter denen, die Seinen Namen be-

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kennen. Ist etwa all der Unglaube gegenüber Seiner Person und Seinem Werke und gegenüber der göttlichen Eingebung der heiligen Schriften, auf die Er Sein Siegel gesetzt hat, etwas anderes, als Ihn öffentlich auf den Backen zu schlagen? Er wird immer noch in dem Hause derer verwundet, die dem Bekenntnis nach Seine Freunde sind (Sach. 13, 6). Doch welch ein Vorrecht ist es, Sei nen Wert und Seine Herrlichkeit ohnegleichen er kennend, auch nur in geringem Maße mit Seiner Ver unehrung und Schmach einsgemacht zu werden!

Doch zu Seiner Erniedrigung gibt es noch eine andere Seite. Wenn sie ans Licht brachte, was der Mensch über Ihn dachte, so hat sie auch all die Gnade ans Licht ge bracht, die in dem Herzen Gottes gegen den Menschen war; und das tritt uns in dem nächsten Wesenszug ent gegen, den die Braut beschreibt, „SeineLippen Lilien, träufelnd von fließender Myrrhe" (V. 13). Die Lilien reden davon, wie anziehend die durch Jesum dargestellte Gnade ist. Er Selbst hat gesagt, daß den Lilien etwas eigen ist, das alle Herrlichkeit Salomos übertrifft. Der von Gott eingegebene Titel von Psalm 45 besagt, daß er „nach Schoschannim", d. h. „nach Lilien", gesungen wird, und auch, daß er „ein Lied von dem Lieben (Geliebten)" ist. Es ist ein in Verbindung mit dem Lied der Lieder zu lesender Psalm; er sagt von dem Geliebten: „Hold seligkeit (Gnade) ist ausgegossen über deine Lippen" (V. 2). Dadurch, daß uns Gott Seine Gnade durch Jesum nahebrachte, hat Er sie überaus anziehend gemacht. Er hat sie nicht durch einen Engel verkündet, oder durch eine Posaunenstimme vom Himmel, sondern Er tat sie durch Jesum kund, den Demütigen und Erniedrigten, Sei nen eigenen geliebten Sohn, Welch einen Eindruck von Gnade empfingen die Jünger, als sie mit Jesu waren. Johannes sagt uns, daß Er unter ihnen zeltete „voller Gnade und Wahrheit", und daß sie* aus Seiner Fülle alle Gnade um Gnade empfangen hatten (Joh. 1, 14. 16). Wie träufelt doch die in Seine Lippen gegossene und von Sei nen Lippen fließende Gnade wie „fließende Myrrhe" in ihre Seelen! Wie auserlesen köstlich muß ihnen das ge wesen sein, und dies besonders, wenn sie im Lichte Seiner Leiden und Seines Todes daran gedachten! Denn

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nicht eins Seiner Worte der Gnade hätte ohne den im voraus gekannten Wert Seines Todes gesprochen wer den können. Die wahre Bedeutung, der wahre Wert all Seiner Worte der Gnade ginge verloren, wenn wir sie in unseren Gedanken von der Liebe trennten, in der Er für uns litt und starb. Wenn Er sagte: „Deine Sünden sind vergeben" (Matth. 9, 2; Mark. 2, 5; Luk. 5, 20; 7, 48), „sei gereinigt!" (Matth. 8, 3; Mark. 1, 41; Luk. 5, 13), und „wer an mich glaubt, hat ewiges Leben" (Joh. 6, 47). so gelangte damit der Wohlgeruch und Wert Seines To des zum Ausdruck, denn ohne diesen hätten solche Worte nie zu sündigen Menschen geredet werden können. Die Gnade von Lukas 7, 10, 14, 15, 18 und 23 trug den Wohl geruch Seines Todes an sich; die „fließende Myrrhe" war da, und die Braut, von Gott belehrt, erkennt dies an.

Man kann ob dem allem nur das Gefühl haben, daß die Worte unseres Herrn mehr von denen geschätzt werden sollten, die Ihn lieben. Durch Seine Worte kennen wir Ihn, denn Er war durchaus das, was Er redete (Joh. 8, 25). Wenn wir den Herrn besser kennen lernen wollen, so laßt uns die Evangelien mehr erwägen; laßt uns jeden Tropfen der „fließenden Myrrhe" be trachten, die von Seinen Lippen träufelte, und über Seine Taten nachdenken. Alles, was Er damals war, ist Er jetzt und wird es auf immerdar sein. Seiner Person nach ist Er Derselbe, obwohl Er nun verherrlicht in dem Himmel ist und durch den Geist, den Er ausgegossen, Zeugnis davon abgelegt hat. Doch Er ist uns hienieden nahe gewesen, damit wir Ihn kennten; und indem wir die Evangelien lesen, haben wir das Vorrecht, gleichsam in Seine Nähe versetzt zu werden, um Ihn zu erkennen. In der himmlischen Herrlichkeit ist Er jetzt derselbe Jesus.

„Seine Hände Ringe von Gold, mit Chrysolith be setzt." Wir sahen, was Sein Haupt ist, „Gold, Feingold"; nun erfahren wir, daß Seine Hände Gold sind; und in Vers 15 lesen wir, daß Seine Beine auf „Untersätze von Feingold" gegründet sind. Ob wir Sein Haupt, Seine Hände oder Seine Füße anschauen, wir erblicken den Lichtglanz göttlicher Herrlichkeit, doch es ist eine solche, wie sie in einem Menschen geschaut wird. Da haben wir
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ein Haupt, das jeden göttlichen Gedanken vollständig zu erfassen vermag — Hände, die stark genug sind, daß das Wohlgefallen Gottes in ihnen gedeihen kann (Jes. 53, 10) — und Füße, die unbeweglich feststehen, so daß nichts, was in Ihm errichtet, erschüttert werden kann! Und das alles kennzeichnet göttliche Herrlichkeit! Welch eine Per son, welch ein Geliebter ist unser!

„Seine Hände Ringe von Gold"; die Bedeutung des mit „Ringe" wiedergegebenen Wortes ist etwas unsicher, in 1. Könige 6, 34 wird es mit „drehbar" übersetzt. (Es kommt noch in Esther 1, 6 vor.) Ich denke, es deutet darauf hin, daß Seine Hände das, was ihnen übergeben wird, auf eine göttliche Weise festzuhalten oder zu um fassen vermögen. Welch ein Trost ist es zu wissen, daß nichts, was den Händen Christi anvertraut ist, ihnen je entrissen werden kann. „Der Vater liebt den Sohn und hat alles in seine Hand gegeben" (Joh. 3, 35). Der Va ter hat Ihm Gewalt über alles Fleisch gegeben, auf daß Er allen, die Er Ihm gegeben hat, ewiges Leben gebe (Joh. 17, 2). Jedes Seiner Schafe ist in Seiner Hand, und deshalb werden sie nie verlorengehen (Joh. 10, 28). Die zukünftige Segnung Israels und der Na tionen und die ganze Macht des Reiches sind Seiner Hand übergeben, und deshalb kommen sie so sicher zustande, als ob sie schon jetzt vollbracht wären.

„Mit Topasen besetzt" (oder Chrysolith) scheint dar auf hinzudeuten, wie Er alles in Seiner Hand hält, trotz dem äußerlich und öffentlich alles in Verwirrung und Unordnung ist. Das können wir aus den Stellen in Hesekiel 1, 16; 10, 9 und Daniel 10, 6 schließen, wo der Chrysolith auch noch erwähnt wird. (Außerdem finden wir ihn noch in 2. Mose 28, 20; 39, 13; und Hes. 28, 13.) Obwohl da Israel in der Gefangenschaft war und die Herrlichkeit Jehovas von dem äußerst ver derbten Jerusalem wich, wollte Er ihnen kundtun, daß die Räder Seiner Regierung immer in Übereinstimmung mit Seinem Throne laufen würden; es war dies ein Thron mit einer „Gestalt wie das Aussehen eines Men schen oben darauf" (Hes. 1, 26). Verwirrung ist für Gott kein Hindernis, selbst wenn sie durch das Fehlen Sei nes Volkes kommt. Seine Regierung dauert fort und 
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hat den schließlichen Triumph dessen zum Ziele, was Er Sich vorgenommen hat. So schreitet die ganze Geschichte der Zeiten der Nationen hindurch Gottes Regierung bis zu dem Augenblicke stetig weiter, wo die Feinde des Messias zum Schemel Seiner Füße gemacht werden und der Stab Seiner Macht von Zion ausgesandt wird und Sein so lange widerspenstiges Volk Israel am Tage Sei ner Macht voller Willigkeit sein wird (Ps. 110, 1—3). Im Blick hierauf sitzt Christus jetzt zur Rechten Gottes. Der Thron ist da, und der Mensch, in Dessen Hand das Wohl gefallen Jehovas gedeihen wird Qes. 53, 10), ist auf ihm, und inzwischen laufen die Räder stetig, ohne von ihrem Ziele abzuweichen, weiter, und ihr „Aussehen. *. und ihre Arbeit war wie der Anblick eines Chrysoliths". Der Chrysolith scheint damit auf den besonderen Weg hin zudeuten, auf dem Gott in einer Zeit öffentlicher Un ordnung Seine eigene Herrlichkeit aufrechterhält.

In Daniel 10 sehen wir einen anderen Weggefährten in tiefer Herzensübung über allem, was sich zugetragen hatte, und es erscheint ihm ein Mann, Dessen Leib „wie ein Chrysolith" war. Er war gekommen, um Daniel ver­stehen zu lassen, was Seinem Volke am Ende der Tage widerfahren wird (V. 14). Trotz allem, was sich in­zwischen ereignen würde, sollte Daniels Volk errettet werden, „ein jeder, der im Buche geschrieben gefunden wird" (Dan. 12, 1). Gott würde am Ende Seinen Weg durchführen und Seine eignen1 Pläne zustande bringen. Das Geheimnis von allem liegt in dem Manne auf dem Throne. Es ist auffallend, daß, wenn Hesekiel von einem „wie das Aussehen eines Menschen" redet, der auf dem Throne ist, Daniel von einem spricht „von Aussehen wie ein Mensch", der ihn in all seiner Schwachheit anrührte, ihn stärkte und zu ihm sagte: „Fürchte dich nicht, du viel geliebter Mann! Friede dir! sei stark, ja, sei stark!" (Dan. 10, 19). Es ist derselbe herrliche Mensch, den die Braut in unserem Kapitel beschreibt; Er ist herrlich auf dem Throne und auch herrlich in der priesterlichen Gnade, in der Er Seine schwachen Heiligen hienieden anrühren und stärken kann!

„Seine Hände Ringe von Gold, besetzt mit Chrysolith", bringen vor uns, wie Er in der gegenwärtigen Zeit alles
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auf eine göttliche Weise aufrecht hält. Alles in der Welt ist Verwirrung, und sogar im christlichen Bekenntnis; doch was Er in Angriff nimmt, wird durchgeführt und wird in ewiger Herrlichkeit enden. In Johannes 17, 12 heißt es: „Die du mir gegeben hast, habe ich behütet, und keiner von ihnen ist verloren". Neunzehn Jahr­hunderte hindurch hat es nie einen Augenblick gegeben, wo der Vater nicht vom Sohne verherrlicht worden wäre. Und wenn dieser Zeitabschnitt endet und das, was darin für Gott gesichert wurde, in der heiligen Stadt entfaltet wird, so wird das „goldene Rohr" in der Hand des Engels erweisen, daß es das volle Maß erreicht (Offb. 21, 15—17). Es wird ein völliger Erfolg sein; kein Stein wird fehlen oder sich nicht an der rechten Stelle befin­den. Was Christus baut ist ewig; Er hat gesagt: „Auf die sen Felsen will ich meine Versammlung bauen, und des Hades Pforten werden sie nicht überwältigen" (Matth. 16, 18). Wie gesegnet, an einen Bau zu denken, worin die Hände, die Ringe von Gold sind, „besetzt mit Chry solith", jeden Stein an seinen Platz gesetzt haben!

Es hat eine große Bedeutung, daß der Herr Seinen Jüngern nach Seiner Auferstehung Seine Hände zeigte. Seine Hände rührten im Evangelium nach Lukas Men schen im Dienste der Gnade an; im Evangelium nach Johannes halten sie alles für Seinen Gott und Vater auf recht; und in der Auferstehung ist ihnen derselbe geseg nete Grundzug eigen. Der Herr möchte unsere Herzen ganz besonders mit ihnen beschäftigen, sie kennzeichnen unseren Geliebten in hervorragender Weise.

„Sein Leib ein Kunstwerk von Elfenbein, bedeckt mit Saphiren" (V. 14). Dieser redet zweifellos von den tiefen inneren Empfindungen des Herrn; es ist dasselbe Wort wie „Inneres" in Vers 4, wo die Braut tiefe Emp findungen hatte und sagt: „Mein Inneres ward seinet wegen erregt." Doch auch Er hatte solche (und dieser gedenkt sie hier), denn Er konnte prophetisch sagen: „Wie Wachs ist geworden mein Herz, es ist zerschmol zen inmitten meiner Eingeweide" (Ps. 22, 14). Seine Leiden als der Sündenträger sind eine ungeheure Tiefe, doch gerade durch sie fand das göttliche Mitgefühl gegen sündige Geschöpfe seinen Ausdruck. Das Mitgefühl Got-

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tes kam im Alten Testament in wunderbarer Weise ge gen Sein sündiges Volk ans Licht. In Jeremia 31, 20 heißt es: „Ist mir Ephraim ein treuer Sohn oder ein Kind der Wonne? Denn so oft ich auch wider ihn geredet habe, gedenke ich seiner doch immer wieder. Darum ist mein Innerstes um ihn erregt; ich will mich gewißlich seiner erbarmen, spricht Jehova." Das göttliche Mitgefühl kam aber erst völlig in Christo zum Ausdruck, das heißt in einem gesegneten Menschen, der dabei litt; und das be sagen wohl die Worte „ein Kunstwerk von Elfenbein". Elfenbein geht aus Leiden hervor, es gleicht nicht dem Gold, den Edelsteinen oder kostbaren Hölzern, es wird auf Kosten von Leiden erhalten. Das Mitgefühl des Herrn war die Frucht davon, daß Er in Seinem Geiste in alles das einging, was durch die Sünde über das Ge schöpf gekommen war: „Er selbst nahm unsere Schwach heiten und trug unsere Krankheiten" (Matth. 8, 17). Er ward innerlich bewegt, als Er die Volksmenge sah, „weil sie abgemattet und verschmachtet waren wie Schafe, die keinen Hirten haben" (Matth. 9, 36). Er war innerlich bewegt, als Er der beiden Blinden Augen anrührte (Matth. 20, 34). Er hatte Mitgefühl mit der Volksmenge, als sie schon drei Tage bei Ihm waren und nichts zu essen hatten (Mark. 8, 2). Er fühlte mit der Witwe zu Nain, die ihres einzigen Sohnes beraubt war (Luk. 7,13). Der barmherzige Samariter — ein gesegnetes Bild vom Herrn — ward innerlich bewegt, als er den Halbtoten liegen sah (Luk. 10, 33). Und Jesus konnte wie kein anderer davon reden, daß der Vater innerlich bewegt war, als Er sah, wie Sein verlorener Sohn sich auf machte, um zu Ihm zurückzukehren (Luk. 15, 20). Und es ist zu beachten, daß in all diesen Beispielen das Wort der Ursprache für „innerlich bewegt" von den inneren Teilen, den Eingeweiden des Menschen abge leitet ist. Und mit Ausnahme der beiden Blinden ward dieses Mitgefühl nicht von denen gesucht, denen es zu gute kam: es war seinem Wesen nach unumschränkt. Das ist die wahre Art des Mitgefühls; es fließt nämlich einer Not zu, wie sie die Empfindungen Dessen erfassen, der es erweist. Was der Herr sagte und tat, war der Aus fluß dessen, was E r empfand, und nicht die, die es be-
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traf. So liegt auch die Gewalt einer Predigt darin, wie der Prediger die Dinge empfindet. Die Unbekehrten füh len ihre Not nicht, doch der Prediger steht auf, Den dar zustellen, der sie fühlt, und so wird das, was Christus, was der gepriesene Gott über sie fühlt, ihren Herzen nahegebracht. Ein Prediger muß durch den Geist Christi das Herz und das Mitgefühl Christi haben, wenn er das wirklich tun will.

Es ergreift unser Innerstes sehr, an die tiefen Emp findungen des göttlichen Mitgefühls zu denken, die in dem Sohne Gottes, als einem gepriesenen Menschen hienieden, zum Ausdruck kamen. Seine Seufzer und Seine Tränen offenbaren, daß Er ein wahrer und gepriesener Mensch ist; doch das Erbarmen und Mitgefühl war gött­lich und himmlisch. Er war aus dem Himmel hernieder gekommen, um in einer Welt der Leiden, des Kummers und des Todes gerade das zum Ausdruck zu bringen, was Gott fühlte. Das „Kunstwerk von Elfenbein" redet da­von, wie trefflich sich diese Empfindungen in einem durch Kummer und Leiden gehenden Heiland offenbarten, und der „Saphir", der nach 2. Mose 24, 10 „wie der Himmel selbst an Klarheit" ist, stellt uns die ihnen eigene himm lische Wesensart vor Augen.

Salomo „machte einen großen Thron von Elfenbein und überzog ihn mit gereinigtem Golde", und von ihm heißt es: „Desgleichen ist nicht gemacht worden in irgendeinem Königreiche" (1. Kön. 10, 18—20). Der Thron des Reiches ist sehr erhaben und hoheitsvoll, doch es ist ein Thron des Mitgefühls. (Siehe Ps. 72, 4. 12-14; Jes. 32, 2; 42, 3; 61, 1-3; Sadi. 6, 13.) Der Eine, der bald auf Seinem Throne der Herrlichkeit sitzen wird, ist Der, der am Grab des Lazarus weinte, und der über Jeru salem weinte, das bald Zeuge Seiner Kreuzigung sein sollte. Die tiefen Empfindungen, die das „Kunstwerk von Elfenbein, bedeckt mit Saphiren", versinnbildlicht, ver leihen dem Throne, auf dem Er jetzt sitzt, seine Eigen art, es ist ein „Thron der Gnade" (Heb. 4,16), und Barm herzigkeit wird uns von ihm aus zuteil. Und wenn Salo-mos Thron am Tage der Zukunft sein Gegenbild hat, so wird auch das Gold dasein, das von göttlicher Herr lichkeit redet; seine „Stufen" werden dann in der Er-
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abenheit dieses Thrones gesehen, und die »Löwen" in der mit ihm verbundenen hoheitsvollen Macht. Doch der Thron selbst ist von Elfenbein, es ist der Thron Dessen, in dem göttliches Mitgefühl in Niedrigkeit und Leiden zum Ausdruck kamen, und das wird ihn zu einem Throne machen, der nie seinesgleichen in irgendeinem König reich hatte. Die Braut kennt die tiefen und zarten Emp findungen des Herzens Christi und gibt ihnen einen Platz in der Beschreibung des Königs, der ihr Geliebter, und auch der unsere, ist.

Paulus stand in wahrhaftem Einklang mit den tiefen Empfindungen des Herzens Christi, denn er konnte den Philippern schreiben: „Gott ist mein Zeuge, wie ich mich nach euch allen sehne mit dem Herzen Christi Jesu" (Phil. 1, 8), und er erwartete in denen, die des Christus waren, ähnliche Empfindungen zu sehen, da er sagte: „Wenn es nun irgendeine Ermunterung gibt... wenn irgend innerliche Gefühle und Erbarmungen, so erfüllet meine Freude" [Phil. 2, 1. 2). Er ermahnte die Kolosser: „Ziehet nun an... herzliches Erbarmen" (Kol. 3, 12). Wenn wir gelernt haben, das Kunstwerk von Elfenbein in Ihm zu schätzen, so wird der Geist auch etwas davon in uns wirken, und wir werden bereit sein zu leiden, damit Empfindungen, die von Gott sind, zum Ausdruck kommen. Dann wird es auf unserer Seite „Paläste von Elfenbein" geben, aus denen unsern Geliebten Sai­tenspiel erfreut (Ps. 45, 8). Elfenbeinpaläste können nur auf Kosten von Leiden gebaut werden, doch aus solchen ertönt eine Musik, die das Herz des Geliebten erfreut.

Im Mitgefühl äußert sich Liebe da, wo kein Verdienst auf seiten ihres Gegenstandes vorliegt. Könnte es ein geringeres Verdienst geben, als „tot in.., Vergehungen und Sünden" zu sein? „Gott aber, der reich ist an Bann­herzigkeit, wegen seiner vielen Liebe", erreichte uns in diesem Zustand (Eph. 2, 1. 4). Gott handelt unum­schränkt, Er hat gesagt: „Ich werde . . . mich erbarmen, wessen ich mich erbarme" (Rom. 9, 15). S o empfindet Gott, ganz abgesehen von einem Verdienste auf des Menschen Seite; und wenn Jesus Mitgefühl hatte, so enthüllte Er die Empfindungen Seines eigenen Herzens.

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Auch den Heiligen gegenüber gibt es besondere Empfin dungen im Blick darauf, daß sie Gegenstände des Werkes Gottes sind. Als Paulus sich „mit dem Herzen Christi Jesu" nach den Philippern sehnte, so war dies ein be sonderes Verlangen nach ihnen als Heilige. Es gab Grund zur Besorgnis, doch das wurde der Anlaß zu tiefen Empfindungen und geistlichem Verlangen. Das „herzliche Erbarmen", das die Heiligen anzuziehen haben, deutet auf die tiefen und zarten Empfindungen hin, die die Brüder untereinander haben und betätigen sollten, so daß auch, wenn nicht alles so ist, wie es sein sollte, ein Verlangen der Liebe nach einander vorhanden ist; und darin offenbart sich das „Kunstwerk von Elfenbein, bedeckt mit Saphiren".

„Seine Schenkel Säulen von (weißem) Marmor, gegründet auf Untersätze von feinem Golde" (V. 15). Das redet von der Beständigkeit von allem, was in Christo ist. Seine Füße werden nicht erwähnt; Seine Bewegungen kommen hier nicht vor uns, sondern Seine unerschütter liche Standfestigkeit. Gott hat in Christo das eingeführt, was Beständigkeit kennzeichnet, im Gegensatz zu der Unbeständigkeit Adams und seines Geschlechts. In Jes. 33, 5. 6 heißt es: „Und er wird die Festigkeit deiner Zei ten sein." Gerechtigkeit verleiht Festigkeit. Mit Bezug auf den Sohn lesen wir in Hebräer 1, 8. 9: „Dein Thron, o Gott, ist in das Zeitalter des Zeitalters, und ein Szepter der Aufrichtigkeit ist das Szepter deines Reiches; du hast Gerechtigkeit geliebt und Gesetzlosigkeit gehaßt." Das Wort für „Marmor" wird außer in Esther 1, 6 immer mit „Byssus" übersetzt, es drückt aus, daß der erwähnte Grundstoff weiß ist, und das stellt im Bild Gerechtig keit dar. Es ist auffallend, wie das Weiße in der Beschrei bung des Geliebten von seiten der Braut immer wieder kehrt. Sie sagt: „Mein Geliebter ist weiß", dann haben wir das Baden in Milch, die Lilien, das Kunstwerk von Elfenbein, die Säulen von weißem Marmor — alles deutet auf Weißes hin. Auch in dem Libanon (V. 15) haben wir das Weiße, da er wahrscheinlich diesen Namen des auf ihm ruhenden Schnees halber trägt (Jer. 18,14). Alles, was von Gott ist, muß diesen Wesenszug tragen; wir sehen ihn sogar im „großen weißen Thron" (Offb. 20,11).
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Christus als der Geliebte ist der Gerechte, und jede Verheißung Gottes ist in Gerechtigkeit in Ihm gesichert, so daß sie nie hinfällig werden kann. „Der Sohn Gottes, Jesus Christus, ...wurde nicht ja und nein, sondern es ist ja in ihm" (2. Kor. 1, 19). Bei Christo gibt es keine Ungewißheit oder Unbeständigkeit, es ist unmög lich, daß irgend etwas über den Haufen geworfen oder auch nur erschüttert werden könnte. Das ganze erschaf fene Weltall kann erschüttert werden und wird erschüt tert werden, doch Christus, und was in Ihm aufgerichtet wird, steht ewiglich fest; hierzu gebracht, empfangen wir ein unerschütterliches Reich (Hebr, 12, 28}.

Die „Säulen von weißem Marmor" sind „gegründet auf Untersätze von feinem Golde". Alles in Christo hat Bestand, weil es lediglich von Gott ist und sich auf der Grundlage göttlicher Gerechtigkeit und Herrlichkeit auf­baut. „So viele der Verheißungen Gottes sind, in ihm ist das Ja, und in ihm das Amen, Gott zur Herrlichkeit durch uns" (2. Kor. 1, 20). Wir können sagen, Gott Selbst ist die Grundlage von allem, und alles, was von Gott ist, steht in Christo so fest da, daß es keine Macht der Erde oder der Hölle je erschüttern kann. Die zwei Säulen der Vorhalle des Tempels — Jakin und Boas — deuten auf etwas sehr Ähnliches hin wie die „Säulen von wei ßem Marmor": Jakin heißt, „Er wird errichten (gründen, fest stellen, fest stehen)", und „Boas", „in Ihm ist Stärke".

Der Mensch nach dem Fleische vermochte nie in irgend einer Lage, in die Gott ihn stellte, fest zu stehen; deshalb ist es kein Wunder, daß Gott kein „Gefallen an den Beinen des Mannes" hat (Ps. 147, 10). Doch wie wohl gefällig ist Ihm Der, der jeden göttlichen Gedanken und Vorsatz ewiglich zur Herrlichkeit Gottes und zum Segen des Menschen durchführen kann!

„Seine Gestalt (Aussehen) wie der Libanon, aus erlesen wie Zedern", schildert den allgemeinen Eindruck Seiner Erscheinung; darin kommt die ganze Vortrefflich keit und Erhabenheit Seines Anblicks zum Ausdruck, wie ihn das Auge der Liebe schaut. Wo wir Ihn auch erblicken, bietet sich uns eine vortreffliche Erscheinung dar. In den Evangelien sehen wir Ihn in einer unermeß-

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liehen Mannigfaltigkeit von Lagen und Umständen; wir sehen Ihn als einen Knaben und als einen Mann; unter Volksmengen und bei einzelnen, bei Männern, Weibern und Kindern; wir sehen Ihn mit dem Teufel, ferner bei Sündern, Jüngern, Pharisäern, Schriftgelehrten, Saddu-zäern (Vernunftmenschen, Freidenker), Gesetzgelehrten, Priestern, Freunden und Feinden, bei einem König und einem Landpfleger, mit dem Verräter Judas und mit schwachen und fehlenden Gläubigen — doch welch eine Würde und Erhabenheit kennzeichnet Ihn bei ihnen allen! Weder allein, noch im Verkehrsleben sehen wir da etwas Niedrigeres als den Libanon oder etwas weniger Statt liches als dessen Zedern. Das liebevolle Auge Seiner Freundin schaut Ihn in jeder Lage und kann nichts als eine Vortrefflichkeit hocherhabener Art erblicken. Und wir können das bis in die Auferstehung hinein tun, denn sei es der Maria Magdalene, dem Simon, den bei den, die nach Emmaus gingen, oder den versammelten Jüngern gegenüber, Sein Verhalten war wahrhaft her vorragend, und desgleichen als Er inmitten der sieben Versammlungen wandelte. Wie angemessen war es doch den Zuständen gegenüber, über die Er redete und dann das Gericht ankündigte! Und so wird es immerdar sein, sei es bei Seiner Herrschaft im Reiche, oder wenn Er im ewigen Zustand den Platz der Unterwürfigkeit unter Gott einnimmt. Eine alles überragende Vortrefflichkeit ist vorhanden, und sie wird die ewige Freude Seiner Braut sein.

In Vers 13 äußert Sich der Geist über die Kostbar keit Seiner Lippen, Vers 16 redet von Seinem „Munde" (so nach der englischen Übersetzung!. Die „Lippen" und der „Mund" stehen in sehr naher Beziehung zueinander, doch dem geistlichen Gedanken nach, den sie darstellen, besteht unzweifelhaft ein Unterschied. Hier wird Seinem Munde offenbar ein besonderer Platz gegeben, da er der letzte Zug ist, den die Braut erwähnt. „Sein Mund ist lauter Süßigkeit." Wir verbanden mit Seinen „Lippen" den vollkommenen Ausdruck der Gnade gegen den sün digen und notleidenden Menschen, wie es das Evan gelium Lukas darstellt; ihre Fülle entsprach dem Wert des Todes Jesu. Doch sein „Mund" oder richtiger „G a u -

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m e n" besagt noch etwas mehr; dieser ist mehr innerhalb gelegen und hängt in verschiedenen Schriftstellen mit dem Geschmack zusammen. Man empfängt etwas, und der Gaumen schmeckt und genießt dessen Süßigkeit. Wir können das ganz klar aus Kapitel 2, 3 sehen, wo es heißt: „Seine Frucht ist meinem Gaumen süß." Da haben wir im Hebräischen dasselbe Wort für „Gaumen". Idi denke, wenn von Seinem „Munde" derart gesprochen wird, so ist darin der kostbare Gedanke enthalten, daß Er Selbst zuerst die Süßigkeit dessen empfangen und erkannt hatte, was Er den Menschen mitteilte. Kein Teil der Schrift bringt das so völlig ans Licht wie das Evange lium Johannes, wo die Herrlichkeit Seiner Person mehr vor uns kommt als in den anderen Evangelien. In Seiner Mittlerstellung als der Gesandte, der eingeborene Sohn, empfing Er alles von Seinem Gott und Vater. Wohl die erste, klar von Seiner Mittlerschaft redende Weissagung spricht über Ihn: „loh will meine Worte in seinen Mund legen" (5. Mose 18, 18). Und die Ihn lieben, sind dessen gewiß, daß Ihm diese Worte sehr süß waren. Alles, was Er den Menschen mitteilte, ward Ihm zuerst von Seinem Vater mitgeteilt; Er war der erste, um Dessen Süßigkeit zu schmecken. Von all diesen Mitteilungen hätte Er, wie zuvor ein anderer durch Seinen Geist geredet hatte, sagen können: „Wie süß sind meinem Gaumen deine Worte, mehr als Honig in meinem Munde!" (Ps. 119,103), Wenn der Glaube die Süßigkeit der Worte Gottes schmecken und genießen konnte, wie wir das wiederholt im Alten Testament sehen, was müssen dann des Vaters Worte dem Sohne gewesen sein! Wie gesegnet, an Ihn in dieser Welt in dieser Mittlerstellung zu denken, worin Er alles für die Menschen von Gott empfing und als Mensch all die Süßigkeit dessen genoß, bevor Er zu anderen dar über redete! Alles ward Ihm vom Vater mitgeteilt und war der Gegenstand der Gemeinschaft zwischen dem Vater und dem Sohne, ehe Er es den Menschen kundtat. Das macht Seine Stellung und Herrlichkeit als Mittler aus. Er war von Ewigkeit her bei Gott gewesen und war von jeher Gott, doch Er kam vom Himmel hernieder, um hier Mensch, nämlich der eingeborene Sohn, zu sein, der in des Vaters Schoß ist, damit ein Mensch da sei, dem
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Gott alles das mitteilen konnte, was Er in Seinem Her zen und Sinn hatte, den Menschen über Sich Selbst und Seine Gedanken der Gnade und Liebe kundzutun. Da war ein Mensch hienieden — eine Mensch gewordene göttliche Person —, der imstande war, all die Worte Gottes, all die Worte des Vaters zu empfangen, sie völlig zu schätzen und zu genießen, und sie auch den Menschen mitzuteilen.

Die Schriftstellen, die davon reden, sind uns wohl vertraut, doch wenn wir auch nur etwas von der Liebe der Braut haben, dann finden wir sie immer süß, sie lauten: „Meine Lehre ist nicht mein, sondern dessen, der mich gesandt hat. Wenn jemand seinen Willen tun will, so wird er von der Lehre wissen, ob sie aus Gott ist, oder ob ich aus mir selbst rede" Qoh. 7, 16. 17). „Der mich gesandt hat, ist wahrhaftig; und ich, was ich von ihm gehört habe, rede ich in der Welt. ... dann werdet ihr erkennen, daß ... ich nichts von mir selbst tue, son dern wie der Vater mich gelehrt hat, das rede ich" Qoh. 8, 26. 28). „Denn ich habe nicht aus mir selbst geredet, sondern der Vater, der mich gesandt hat, er hat mir ein Gebot gegeben, was ich sagen, und was ich reden soll; und ich weiß, daß sein Gebot ewiges Leben ist. Was ich nun rede, rede ich also, wie mir der Vater gesagt hat" Qoh. 12, 49. 50). „Ich habe euch Freunde genannt, weil ich alles, was ich von meinem Vater gehört, euch kund getan habe" Qoh. 15, 15). „Jetzt haben sie erkannt, daß alles, was du mir gegeben hast, von dir ist; denn die Worte, die du mir gegeben hast, habe ich ihnen gegeben, und sie haben sie angenommen und haben wahrhaftig erkannt, daß ich von dir ausgegangen bin, und haben geglaubt, daß du mich gesandt hast" Qoh. 17, 7. 8). „Hei liger Vater! bewahre sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast" (V. 11). Jedes Wort, das Er redete, gab Seinen Jüngern einen Eindruck davon, was es Ihm war, solche Worte von Seinem Vater zu empfangen. Er emp fand deren Süßigkeit, bevor Er sie den Seinen mitteilte, so daß Er sagen konnte: „Dies habe ich zu euch geredet, auf daß meine Freude in euch sei, und eure Freude völlig werde" Qoh. 15, 11). Und dieses rede ich in der Welt, auf daß sie meine Freude völlig in sich haben joh. 17,
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13). Der Mittler hatte Seine eigene persönliche Freude an allem, was Er mitteilte, und Er wollte, daß Seine Jünger wußten, daß Er es alles von dem Vater empfan gen hatte. Ich bin dessen gewiß, wie not es uns tut, die in dem Evangelium Johannes entfaltete Mittlerherrlichkeit mehr zu erwägen. Alles, was von Gott, von dem Vater zu uns kommt, kommt von dem Sohne, dem Menschge wordenen, als Mittler zu uns. Wir sehen Ihn in Seiner Beziehung zum Vater, und wie der Vater zu Ihm redete. Wie vollkommen konnte Er jedes vom Vater geredete Wort schätzen! Welche Vertrautheit und Nähe kennzeich nen die Mitteilungen der Liebe! Der Vater sprach zum Sohn als einem gepriesenen Menschen hier auf Erden, der der Gegenstand Seiner Wonne war und in Seinem Busen wohnte. Wie frei konnte der Vater zu I h m von allem reden, was Er auf dem Herzen hatte, den Men schen zu sagen! Der Sohn Seinerseits erfaßte alles, ver mochte es völlig zu schätzen, und äußerte Sich dann zu anderen darüber. Er war in der größten Nähe, im Busen des Vaters, und der Vater war in Ihm. Und doch war Er, im Fleische gekommen, den Menschen nahe genug, ihnen alles das zu sagen, was der Vater zu Ihm geredet hatte. Er „zeltete unter uns", sagte der geliebte Jünger und erzählt uns dann von zweien, die sagten: „Lehrer, wo hältst du dich auf?", und denen Er antwortete: „Kommt und sehet!" „Sie kamen nun und sahen, wo er sich auf­hielt, und blieben jenen Tag bei ihm" (Joh. 1, 14. 38. 39]. Johannes sagt uns auch: „Einer aber von seinen Jüngern, den Jesus liebte, lag zu Tische in dem Schöße Jesu" (Joh. 13, 23). Eine derartige Sprache atmet etwas von dersel ben Wesensart heiliger Vertrautheit, wie sie im Lied der Lieder geschildert wird. Traute Nähe zum Vater einer seits, und traute Nähe zu den Menschen andererseits, miteinander vereint, lassen Seine Mittlerherrlichkeit in den Augen derer, die Ihn lieben, so wunderbar erschei nen. Die Braut kann daher wohl sagen: „Sein Mund ist lauter Süßigkeit."

In dem nämlichen Evangelium, wo Seine persönliche Herrlichkeit am meisten offenbar wird, wo Er sagt: „Ehe Abraham ward, bin ich" (Joh. 8, 58), kommt auch Seine Mittlerherrlichkeit am völligsten ans Licht.  Seine un-

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bedingte Gottheit, Seine ewige Persönlichkeit, wird un mißverständlich kundgetan, doch wir sehen Ihn in einer Mittlerstellung, Er redet nicht von Sich aus, sondern wie der Vater es Ihm gesagt hatte. Der Oberrest am Tage der Zukunft wird Seine Mittlerherrlichkeit erfassen, und sie werden so in deren Gnade stehen, daß Sein Name und der Name Seines Vaters an ihren Stirnen sein werden (Offb. 14, 1). Ihnen wird Sein Mund in der Tat „lauter Süßigkeit" sein. Und ist er das nicht auch uns, die wir sogar einen noch näheren und vertrauteren Platz haben? Da wir die Liebe Christi kennen und ihr ent sprechen, haben wir so viel mit denen gemein, die den Platz der Braut haben, daß wir uns zu unserem höchsten Nutzen mit den kostbaren Äußerungen der Zuneigung einsmachen können, in denen die Braut ihre Wonne an ihrem Geliebten ausdrückt. Ich bezweifle nicht, daß Gott diesem Buche einen hervorragenden Platz in der Förde rung und Entfaltung bräutlicher Zuneigung geben wollte, und daß es der Kirche heute ebenso zum Nutzen ist, wie es einer anderen Schar von Heiligen zur Freude und zum Trost sein wird, die nach der Entrückung der Kirche auf Erden ist.

Der Mund des herrlichen Mittlers ist „lauter Süßig keit". Möchten wir Ihn mehr und mehr dieser kostbaren Eigenart gemäß kennen! Wenn wir Seine Herrlichkeit als Mittler besser kennten, so wären wir auch mehr fähig, Ihn als Haupt zu erfassen. Als Mittler redet Er auf Gottes, auf des Vaters Seite zu uns, doch als Haupt nimmt Er einen Platz auf unserer Seite ein, uns Sich zu gesellend, so daß Er sagen kann: mein Vater und euer Vater, mein Gott und euer Gott (Joh. 20, 17).

Wenn wir, von Gott belehrt, die Schönheit und Herr lichkeit Christi zu schätzen vermögen, wie es die Braut sowohl bildlich als sinnbildlich schildert, so bin ich ge wiß, daß wir bereit sind, mit ihr zu sagen: „Ja, er ist ganz und gar lieblich." (Wörtlich: „Er [ist lauter] Wonnen.") Jeder Seiner Züge, den wir ausfindig machen können, ist in seiner Vollkommenheit lieblich, und kein Voll kommenheitszug fehlt: Er ist ganz und gar lieblich.

Schließlich ruft sie aus: „Das ist mein Geliebter, und

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das ist mein Freund" (V. 16). Daß die Braut hier zum ersten Male das Wort „Freund" gebraucht, ist wohl nicht ohne Bedeutung; der Geliebte hatte Sich seiner in Vers 1 bedient (in V. 2 und anderwärts handelt es sich um eine „Freundin"), doch auf ihren Lippen ist es neu. Das Wort wird sehr oft mit „Nächster" übersetzt, es bedeutet einen, der uns nahe ist, und von der Braut gebraucht, zeigt es, daß sie nun das Bewußtsein der Nähe wiedererlangt hat. Ihren Geliebten konnte sie Ihn nennen, als sie ganz gut ohne Ihn auskommen konnte, doch da hätte sie Ihn schwerlich ihren Freund nennen können, den ihr nahen Gefährten. Nun ist sie Ihm jedoch bewußterweise nahe; ihr Herzenszustand ist völlig wiederhergestellt, so daß sie, als die Töchter Jerusalems sie fragen, wohin ihr Geliebter gegangen sei, um die Antwort nicht verlegen ist. Ich denke nicht, daß ein Heiliger wirklich durch die Erfahrung von Vers 10 bis 16 gehen kann, ohne daß er in seinem Herzen dem Geliebten gegenüber völlig wie derhergestellt ist. Damit meine ich kein bloßes Lesen dieser Verse, sondern daß das Herz deren Kostbarkeit wahrhaft erfaßt.

Ehe die Braut den Geliebten zu schildern begann, hatte sie das Gefühl, daß andere Ihn eher finden wür den als sie (V. 8), doch als sie von Ihm zu sprechen auf hörte, wußte sie viel besser als diese, wo sie Ihn zu suchen hatte. Wenn wir uns einer Entfernung bewußt werden, so laßt es darin nicht zum Heimischwerden kommen. Laßt uns vielmehr an Ihn denken, laßt uns Ihn unseren Herzen gleichsam frisch vorstellen, und laßt uns, wo sich die Gelegenheit dazu bietet, zu Teilnehmenden von Ihm reden. Gerade diese Tätigkeit wird ein Wieder aufleben der Glut des Herzens erweisen, das dann dahin führt, daß unsere Zuneigungen völlig wiederhergestellt werden; und dann kann es geschehen, daß andere sich aufmachen, Ihn zu suchen. 
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