Suche

UNTERREDUNGEN.CH

MALEACHI 3.16

Home Näher zu Dir Unterredungen Bibelkreis Forum

Lied der Lieder Kp 5

Wir kommen nun zu einem Teile dieses Buches, der uns etwas Besonderes zu sagen hat und unser Herz sehr erforscht, weil er zeigt, daß sogar dann, wenn die Gnade auf recht völlige Weise erkannt und deren Früchte her­vorgebracht word

...

Home  Näher zu Dir   Unterredungen   Bibelkreis Forum
 

Lied der Lieder Kp  6

In Kapitel 6, 2. 3 kommt der Braut mit frischer Kraft zum Bewußtsein, wo des Geliebten Herz ist, und wo E r weidet; ihrem Empfinden nadi ist sie nun wirklich dahin zurückgekehrt, Sein Garten zu sein, sie ist bewuß­termaßen Sein eigen und spricht: „Ich bin meines Ge liebten." Die „Würzkrautbeete" und die „Lilien" reden von einer Stätte, wo alles Seinem Geschmack entspricht. Da gibt es nichts, was Er zurechtzuweisen oder zu tadeln hätte; Er weidet Seine Herde in Verhältnissen, die Harm losigkeit, Einfalt und Unbescholtenheit kennzeichnet {Phü. 2,15). Das Herz der Braut ist nun auf das bedacht, was Ihm wohlgefällt, und das ist die ordnungsgemäße Übung von Heiligen, die das lieben, was mit Seiner Kirche im Einklang steht und Seine Freude ausmacht. Das eigene Fehlen wird dahinten gelassen — nicht aus Sorglosigkeit, sondern infolge völliger geistlicher Be freiung —, der Herr Selbst ist vor dem Herzen, und das Bewußtsein, Sein eigen zu sein, beherrscht die Ge danken und schließt alles Seiner Unwürdige aus.

Die Braut nimmt nun ihrer Stellung und ihrem Zu stande nach den Platz eines Überwinders ein; deshalb redet Er wohl in Vers 4 von ihr als „furchtbar wie unter Bannern Stehende". Das ist ein der Wehrmacht ent nommenes Bild von Truppen, die keine Niederlage er litten haben, deren Banner siegreich wehn. Er kann sie nun als einen Überwinder anerkennen. Jeder von uns hat ausfindig zu machen, was er zu überwinden hat. Keiner kann die Gnade Gottes in Wahrheit kennen, ohne zu entdecken, daß es Einflüsse, Neigungen, Gefühle und Gewohnheiten gibt, die zu überwinden sind. Geistliche Trägheit ist einer der schlimmsten von diesen Feinden; es ist der, der uns in diesem Buche zur besonderen War nung vorgestellt wird (Kap. 3, 1; 5, 2). Wenn wir, durch Gnade, diese Feinde nicht überwinden, so werden sie uns überwinden, und wir werden auf dem Schlacht felde eine Niederlage erleiden.

Es ist zu beachten, daß sich die Braut jedesmal, wo der Geliebte ihre Schönheit ausführlich beschreibt, als ein Überwinder erwiesen hat; so ist es in Kapitel 4 und auch

149 

in Kapitel 6 bis 7. Er beschreibt sie nicht auf ihrem Lager, oder in einem Zustande trägen Wohlbehagens ohne Ihn. Es ist traurig, wenn Zustände eintreten, die Ihn zwingen so zu reden wie in Offenbarung 2 und 3; wenn solchenfalls die Heiligen Ihm wohlgefällig sein wollen, so ist ein Überwinden vonnöten. Sind jedoch Gnade und Kraft zum Überwinden da, so ist der Herr frei, von Seiner Braut in ihrer gottgemäßen Schönheit zu reden, wie Er das in Kapitel 4, 1—15 und in Kapitel 6 und 7 tut, und Er liebt es, das zu tun. Sogar bei einem ordentlichen Wandel, und da, wo man sich böser Ver bindungen enthält, kann viel geistliche Trägheit vorhan den sein; der Herr weiß alles darüber, sogar wenn es die Brüder nicht wissen. Wenn wir als Kirche zusammen kommen und dabei keine Überwinder sind, so werden wir dem Herrn nicht wohlgefällig sein. Unsere bestän dige Übung sollte darin bestehen, in gottgemäßem Zu stande und ebensolchen Verhältnissen zusammenzukom men, damit nicht nur ein wenig für den Herrn da sei, son dern Seine Liebe eine völlige Befriedigung finde. „Gär ten" in Vers 2 kann auf die verschiedenen örtlichen Scharen von Heiligen angewandt werden, wenn sie zu sammengekommen sind. Das Wichtige ist, daß Er dort weidet und auch „Würzkrautbeete" und „Lilien" findet.

Seiner Braut als Überwinder gegenüber spricht Er frei über das Wohlgefallen, das Er an ihr hat. Er wie derholt, was Er schon in Kapitel 4 gesagt hat, und lenkt nun das Augenmerk auf die Tatsache, daß sie einzig dasteht, keine andere ist mit ihr zu vergleichen (V. 8 u. 9). Seine Worte lassen in keiner Hinsicht auch nur eine Andeutung irgendwelcher Unvollkommenheit in ihr erkennen. Aus Offenbarung 2 und 3 sehen wir, wel ches Wohlgefallen der Herr an einem Überwinder hat. Je mehr das allgemeine Abweichen offenbar ist, desto mehr fällt Sein Wohlgefallen am Überwinder auf; Er läßt es solchen gegenüber nicht an sehr bemerkenswerten Ausdrücken Seiner Anerkennung fehlen. Möchten wir immer mehr begehren, ihrer würdig zu sein!

Gott gefällt es, viele verschiedenartige Familien von Heiligen zu haben; „jede Familie in den Himmeln und auf Erden" wird von dem Vater benannt (Eph. 3, 15).

150 

Seine Unumschränktheit ersieht einer jeden ihren Platz in der Welt der Herrlichkeit; sie haben nicht alle den­selben Platz. Die alte Vorstellung, die Kirche begreife alle Heiligen von Anbeginn bis zum Ende in sich, setzt die besondere Eigenart des Wirkens Gottes in den mancher lei Haushaltungen beiseite, und ebenso die Mannig­faltigkeit, die die verschiedenen Familien kennzeichnen wird. Natürlich ist allen vom Vater Benannten und allen, die einen Eindruck von Christo empfangen haben, eine heilige Übereinstimmung und Einheit alle Familien hin­durch eigen, seien sie himmlisch oder irdisch.

In dem vorliegenden Schriftwort finden wir Köni ginnen, Kebsweiber, Jungfrauen und Töchter, doch keine von ihnen hat den einzigartigen Platz der Braut inne (V. 8 u. 9). Sie stellen zweifellos solche dar, die in einer Beziehung zu Christo stehen, haben aber nicht den Platz Seiner Taube, Seiner Vollkommenen („Unbefleckten" nach dem Englischen). Und wenn der Herr irgendeiner Schar von Heiligen einen besonderen Platz gibt, so liebt Er es, ihnen das kundzutun. Der Überrest wird am Tage der Zukunft einen ganz besonderen Platz im Herzen Christi haben, ich glaube, den der Kirche nächsten Platz; und Er will, daß sie das wissen. Die Hundertvierund-vierzigtausend, die in Offenbarung 14 mit dem Lamme auf dem Berge Zion stehen, entsprechen der Braut im Lied der Lieder. Welch einen hervorragenden Platz ha ben sie! Sie sind dem Himmel nahe genug, dessen Lied zu singen, und kein anderer kann es lernen. Sie sind wirklich Christi Unbefleckte, sie sind Jungfrauen. Er will, daß sie wissen, was sie in Seinen Augen sind; zum mindesten werden sie das zum Teil aus diesem Buche der Heiligen Schrift lernen. Welch eine Ermutigung für den leidenden und bedrückten Überrest, zu wissen, daß sie im Herzen ihres Geliebten einen derart besonderen Platz haben! Es mag viele andere Heilige geben, die nach Vers 8 sogar „ohne Zahl" sind und hervorragende Plätze einnehmen, doch sie haben nicht den der „Einzigen", der„Auserkorenen".

Wenn das vom Überrest wahr ist, so auch in einer ganz besonderen Weise von der Kirche. Nie hat eine der Kirche vergleichbare Schar das Dasein dieser Welt er-

151 

blickt; sie ist die auserkorene und einzigartige Frucht der Gnade. Der Oberrest wird nie der Leib Christi sein; siewerden nie in dieser besonderen.Weise aus Ihm sein, obwohl sie einen besonderen Platz in Seinem Herzen haben und Seiner Gesellschaft teilhaftig sind und sich ihrer erfreuen. Es wird von der Kirche ebenso wahr sein wie von dem Oberrest, daß andere Familien Erlöster ihren Wert und ihre Schönheit erkennen, und dies mituneifersüchtigen Augen. Sie werden die Kirche glück selig heißen und sie preisen. Gilt uns das nichts, zu einem solchen Platze, zu derartiger Gunst geboren zu sein? Wenn es Gott gefallen hätte, uns in einer anderen Familie von Heiligen zu berufen und zu segnen, wo wir erkennen müßten, daß der Kirche ein noch auserleseneres Teil zukäme als unser eigenes, so würde das eine wunderbare Gnade sein. Doch was sollen wir über die un­umschränkte Liebe sagen oder denken, die u n s dazu berufen hat, der Schar der Kirche anzugehören, die demHerzen Christi am nächsten steht und am teuersten ist, und der obendrein eine geistliche Schönheit eigen ist, die nicht mit der anderer Scharen von Heiligen ver glichen werden kann? Das ist in der Tat wunderbar; der Gedanke daran sollte uns tief bewegen. Das Licht über die Kirche ist ein wunderbares Vorrecht; die Schrift hat es für alle Heiligen heutzutage, doch viele stehen nicht darin, ihrem Wandel nach. Das Licht darüber, was die Kirche in geistlicher Hinsicht ist, verdanken wir der göttlichen Unumschränktheit; und das sollte eine Frucht erzeugen, die in einer besonderen Weise zum Wohl gefallen Christi ist.

Wenn es Gottes Gedanke ist, daß wir in den Gesichts kreis anderer treten, so sollte uns daran gelegen sein, sozu erscheinen wie die Braut in Vers 10; dort heißt es: „Wer ist sie, die da hervorglänzt wie die Morgenröte (oder „Dämmerung*} schön wie der Mond, rein wie die Sonne, furchtbar wie unter Bannern Stehende?" Was die Kirche bei ihrer Entfaltung in Herrlichkeit sein wird, sollte sie in sittlicher Hinsicht jetzt schon sein. Die Leute reden von einer „unsichtbaren Kirche", doch sie sollte nie unsichtbar sein; daß sie es ist, ist ein Beweis des Ab-weichens und des Verfalls. Die „Dämmerung" des Ta-

152

ges des Reiches sollte in der Braut wahrzunehmen sein. Petrus redet von dem Anbrechen des Tages und demAufgehen des Morgensterns in den Herzen der Gläubigen (2, Petr. 1, 19). Wenn der Tag in unseren Herzen angebrochen ist, so geschah dies, damit wir öffentlich als „Söhne des Tages" erscheinen (1. Thess. 5, 4. 5); im Ge­gensatz zu allem, was die Nacht kennzeichnet, haben wir Züge darzustellen, die sittlich dem „Tage" angehören.Aus Offenbarung 21 erhellt, daß die Braut öffentlich geschaut werden soll. Was sie auch, für ihren Manngeschmückt, sein mag.es umfaßt dies noch nicht alles, was sie sein wird, wenn das auch natürlich zuerst kommt.Doch als himmlischer Leuchtkörper soll sie von Myriaden gesehen werden, und hierzu ist sie in sittlicher Hinsichtschon jetzt berufen; sie sollte Christum widerstrahlen, den Lichtglanz Gottes verbreiten und am Überwindendessen, was von der Welt, dem Fleische und dem Teufel ist, erkannt werden.

Der Geliebte hatte die Braut schon in Vers 4 als Oberwinder gesehen, doch in Vers 10 ist sie ein solcher in den Augen derer, die sie erblicken. Sie erscheint da öffentlich als einer, der die Macht hat, alles Feindliche niederzuwerfen. Truppen mit wehenden Bannern haben keine Niederlage erlitten, sie sind siegreich. Wenn dieKirche öffentlich derart erschiene, so gäbe es keine „un sichtbare Kirche". Wir werden zwar keine allgemeineWiederherstellung erleben, doch wenn einzelne überwinden und, die Kirchenvorrechte und -Verantwortlichkeiten anerkennend, miteinander wandeln, so wird in gewissem Sinne eine Art öffentliches Zeugnis dasein. Ich zweifle nicht, daß der Herr dahin wirkt, dieses zustande zu bringen; dazu kommen wir in Vers 13.

Nun der Oberrest oder die Kirche, zufolge von Vers 10, in den Gesichtskreis tritt, ist der Geliebte sozusagen frei, ein anderes und weiteres Gebiet zu überblicken, und das tut Er in Vers 11 und 12, Der „Nußgarten" ist nicht dasselbe wie der „verschlossene Garten" von Kapitel 4, 12; dieser ist die Braut, doch jener ist ein weiterer Kreis, in den Er nun Seine Braut einführen will, und deshalb wird auch im Hebräischen Kapitel 4 gegenüber ein anderes Wort für  „Garten"  gebraucht.

153 

Da zugleich auf „die jungen Triebe des Tales" hinge wiesen wird, so sehen wir, daß dieses Wort umfassender ist, es entspricht mehr den „Feldern" und „Weinber gen" von Kapitel 7, 11. 12, zu denen die Braut dort den Geliebten einladet, mit ihr zu gehen. Ich zweifle nicht, daß es die Auslegung dieses Schriftwortes, strengge nommen, mit dem Ausschauen des Herrn nach dem An zeichen eines geistlichen Frühlings in Israel zu tun hat. Der Überrest gehört Ihm, doch Sein Volk als ein Gan zes bringt Ihm keine Frucht, und so geht Er hinab, um zu sehen, ob eine Aussicht auf Frucht vorhanden, „um zu sehen, ob der Weinstock ausgeschlagen wäre, ob die Granatäpfel blühten"(V. 11). In Seiner Braut hat Er die Ihm „köstliche Frucht" gefunden (Kap. 4, 16); doch es gibt noch einen anderen Garten, der Ihm noch keine Frucht gebracht hat. Er begibt Sich nun dorthin, um zu sehen, ob sich da irgendwelches Leben regt, und ob verheißungsvolle Anzeichen späterer Früchte vorhan den sind — Er verlangt danach, zu sehen, ob Knospen oder Blüten da sind. Wenn Er solche findet, so weiß Er, daß das Leben sich regt; dann hat Gott gewirkt, Israel lebendig zu machen, und die Erfüllung der alten Ver heißungen ist in Sicht! Er hält Ausschau nach dem Werke Gottes unter Seinem Volke, das Ihm die „Prachtwagen" zu Seinen Bewegungen unter ihnen liefert. Er will nicht nur die Braut als Seinen „verschlossenen" Garten haben, sondern zu seiner Zeit auch ganz Israel und den ganzen weiten Kreis tausendjähriger Fruchtbar keit. Psalm 110, 3 redet von einer Zeit, wo Sein Volk voller Willigkeit sein wird am Tage Seiner Macht, in heiliger Pracht, und dann heißt es: „Aus dem Schöße der Morgenröte wird dir der Tau deiner Jugend kommen." Wenn der Herr Zeichen geistlichen Lebens in Israel sieht, wenn Knospen und Blüten erscheinen, so weiß Er, daß die Zeit von Psalm 110, 3 da ist, und Seine Seele wird Ihn „unversehens" auf die Prachtwagen Seines willigen Volkes setzen. Was im Überrest zustande kam, wird in Israel gemeinhin zustande kommen — das steht dem Herrn vor Augen; Er hat ein besonderes Wohlgefallen an Seiner Braut, doch Er erwartet noch weiter um sich greifende Bewegungen von Gott.

154

Wir können sehen, welch eine schöne Anwendung das auf den Oberrest und Israel hat, doch ich denke, daß wir dies auch auf die gegenwärtige Zeit anwenden dürfen. Was der Braut entspricht, haben wir in Philadelphia, nämlich einen Ihm allein vorbehaltenen Garten, dessen Wohlgeruchs Er Sich erfreuen und dessen Früchte Er genießen kann. Von dieser Versammlung kann Er sagen: ich habe dich geliebt (Offb. 3, 9) - an ihr hat Er Wohl­gefallen gefunden. Doch Seine Teilnahme gilt auch einem weiteren Gebiete, und Er erwartet dort Zeichen geist­lichen Lebens zu sehen; Er nimmt innigen Anteil an jeder Bewegung geistlichen Lebens, sei es in Thyatira, Sardes und sogar in Laodizäa. So blickt Er umher in dem weiten Kreise derer, die bekennen, Sein Volk zu sein, um zu sehen, ob da willige Herzen sind, die Prachtwagen für Ihn bereithalten. Bis jetzt mag da noch kein voller, Seiner würdiger Ertrag an „köstlicher Frucht", „Ge würzen" und „Wein" dasein, wie Er ihn in denen findet, die einige der wahren Züge Seiner Braut tragen, son dern erst Knospen und Blüten, die eine künftige Frucht verheißen. Diese haben wir zum mindesten in allen Hei ligen, die Anzeichen geistlichen Lebens offenbaren; der Herr nimmt Anteil daran und erkennt die darin ent haltenen großen Möglichkeiten. Das wird sicherlich bald zu bräutlichem Wesen heranreifen, doch Er erwartet, es sich jetzt entwickeln zu sehen. In dem, was jetztoffenbar ist, erblickt Er das sichere Unterpfand dessen, was zukünftig sein wird. Welch eine Freude ist es Ihm, ein „williges Volk" zu sehen! Wenn Ihn Heilige wahrhaft lieben und „willig" sind, so sind auch „Prachtwagen" für Ihn da, und Seine Bewegungen wer den   beschleunigt.

Das christliche Bekenntnis heute trägt keineswegs die Wesenszüge der Braut; doch der Herr hält Umschau, um von jeder entstehenden Knospe oder Blüte Kenntnis zu nehmen. Er schaut nach einem willigen Volke aus, das bereit ist, aus Liebe zu Ihm tätig zu sein. Wo immer Er solche Bereitschaft findet, da drängt Ihn Seine Seele, sich auf die Prachtwagen zu setzen, die die Liebe für Ihn ausersehen hat. Der Herr kann alles mit einem „willigen

155

Volke" tun; Seine Bewegungen unter Seinem Volke ent sprechen dessen Willigkeit.

Für uns alle ist es wichtig, dessen eingedenk zu sein. Wohl bei vielen von uns wird es keine Fülle von „köst lichen Früchten" und „Gewürzen" geben; vielleicht ste hen wir erst in der Zeit des Knospens und Blühens. Doch selbst, wenn das der Fall ist, so laßt uns bedenken, daß uns auch da durch Gnade große geistliche Möglich keiten offenstehen. Daß alles dieses aber gegenwärtig zur Reife kommt, hängt von Liebe und Willigkeit ab. Liebe ist es, die den Herrn willkommen heißt und Ihn mit Prachtwagen versieht. Der Zustand der Christenheit heutzutage zeigt, wie wenig der Herr geliebt wird, wie wenig man gewillt ist, Ihm Seinen Platz zu geben und Ihm Raum zu machen. Ein derartiger Zustand bietet uns eine Gelegenheit, Überwinder zu sein. Was auch dieser Tag anderen sein mag, laßt ihn uns den „Tag seiner Macht" sein! (Ps. 110, 3). Möchte Er, was uns anlangt, glücklich dahinfahren! (Ps. 45, 4). Man könnte da sagen: Aber viele haben kein Licht. Doch wenn sie willig wären, würden sie Licht bekommen Qoh. 7, 17); und so auch wir, und zwar nicht nur Licht, sondern auch die Kraft des Lebens, darin zu wandeln. Sind wir „willig", all das Licht zu haben, das Gott willens ist uns zu geben, wün schen wir dadurch geistlich gestaltet zu werden?

Jedes bißchen geistlicher Lebenskraft, was das Auge des Herrn wahrnimmt, ist Ihm etwas, dessen Er Sich am Tage der Herrlichkeit bedienen wird. Er achtet auf jedes bißchen lebendiger Freude an Ihm und den Hei ligen Schriften, sowie auf jeden Herzensseufzer des Ver langens nach Ihm und jeden Gedanken, der darüber in uns aufkommt, das zu erkennen, was die Kirche oder Versammlung ist. Er sagt heute zu einem jeden von uns: ein williges Herz ist ein Prachtwagen für mich. Er möchte, daß wir Ihm nicht nur am Tage der Herrlichkeit zur Verfügung stehen, sondern jetzt,

Mir scheint, daß uns die Erwägung dessen zubereitet, den Grundgedanken von Vers 13 zu verstehen. Hier ergeht der beachtenswerte Ruf an die Schulammith, zu rückzukehren; daß er viermal wiederholt wird, zeigt, welch großer Nachdruck darauf gelegt wird. „Kehre

156

wieder, kehre wieder, Schulammith; kehre wieder, kehre wieder, daß wir dich anschauen!" Es ist dies ein Ruf, sich wieder den Blicken darzubieten. Sie war augen scheinlich außer Sicht gewesen — wie oder weshalb wird hier nicht erklärt —, doch die Tatsache wird klar darge tan, daß sie nicht zu sehen war, und nun wird sie in auf­fallender Weise aufgefordert, sich den Blicken wieder zu zeigen. Ach, wie getreu schildert dies, was sich in der Geschichte der Kirche zugetragen hat! In ihren ersten Tagen ward sie öffentlich gesehen, da sie die kostbaren Wesenszüge der Braut trug; doch sie ist den Blicken so sehr entschwunden, daß man viele Jahrhunderte lang von der „unsichtbaren Kirche" gesprochen hat. Was sich auch ereignet haben mag, wir können sicher sein, es war nicht des Herrn Absicht, daß die Kirche unsichtbar sein sollte, sie sollte vielmehr gesehen werden. In Offen­barung 21, 9 heißt es: „Komm her, ich will dir die Braut, das Weib des Lammes, zeigen." Sie ward in der Ver­gangenheit gesehen, wird in der Zukunft gesehen wer den — weshalb ist sie jetzt nicht mehr zu sehen? Das redet von einer schrecklichen Geschichte des Abweichens.

Hier jedoch wird die Braut aufgefordert: „Kehre wie der." Sie soll wieder in den Gesichtskreis treten. Ist es des Herrn nicht würdig, dahin zu wirken, daß die ur sprünglichen Züge der Kirche wieder zum Vorschein kommen, ehe sie entrückt wird? Das mag tatsächlich in einem sehr kleinen Überrest zustande kommen, doch es ist dies geschehen, und wir haben es heute. Es mag dies nur für zwei oder drei zutreffen, die in Demut mitein ander im Lichte der Wahrheit und der Grundsätze der Kirche zu wandeln suchen und danach trachten, deren Wesenszüge und Kennzeichen zu tragen; doch das ist gegenwärtig vorhanden, es ist, wie jemand bemerkte, etwas vom Ursprünglichen, und nicht nur der letzte ab gebrauchte Rest davon.

Dann wird die Frage gestellt: „Was möget ihr an der Schulammith schauen?", und die Antwort lautet: „Wie denReigen zweier Heerlager." Das ist abermals eine der Wehrmacht entnommene Anspielung. Die zwei Heer lager sind ein doppeltes Zeugnis überwindender Macht, so daß diese nicht in Frage gestellt werden kann. Nach

157

1. Mose 32, 2 sprach Jakob, als ihm die Engel begegneten: „Dies ist das Heerlager Gottes. Und er nannte den Na­men selbigen Ortes Madbanaim", das ist „zwei Heer lager". Da haben wir also dasselbe Wort wie in Hohel. 6,13.) Damals waren „zwei Heerlager" Engel das Unter pfand dafür, daß Gott mit Jakob war, als er nach Bethel zurückkehrte; doch hier wird begehrt, in der Schulam-mith „den Reigen zweier Heerlager" zu sehen. „Der Reigen" besagt, daß jeder Feind gänzlich ausgerottet und nichts übriggeblieben ist, als den Reigen des Tri umphs zu tanzen. (Siehe 2. Mose 15, 20; 1. Sam. 18, 6.) Die Sdiulammith wird herbeigerufen, um sie als voll kommen siegreich zu sehen; sie wird im vollsten Sinne als ein Überwinder geschaut. Der Herr möchte, daß auch wir uns in dieser Eigenschaft den Blicken anderer zeigen. Der Name „S c h u 1 a m m i t h" wird zum ersten und einzigen Male in diesem Vers erwähnt; er scheint einem mit Bezug auf die Braut gebrauchten Personennamen sehr nahe zu kommen, doch bei näherer Erwägung han delt es sich mehr um einen Ortsnamen als einen Per sonennamen. Sie ist „die Schulammith", stammt also aus diesem besonderen Ort (Schülern; vgl. 2. Kon. 4, 8. 12. 25. 36; Jos. 19, 18; 1. Sam. 28, 4), und ich denke, damit deutet der Geist an, daß das Überwinden immer an dem Ort und in den Umständen zu geschehen hat, worin wir uns befinden. Das erhellt ganz klar aus Offenbarung 2 und 3. Wo wir auch seien, in Ephesus, Smyrna oder einem anderen Ort, gerade d a haben wir Überwinder zu sein. Es tut uns allen leid, daß wir solche Schwach heiten und solche Neigungen haben, wie sie uns eigen sind; doch gerade sie bieten uns die Gelegenheit, in der Stärke Dessen zu überwinden, der uns Kraft darreicht. Jeder von uns könnte sagen: An meinem Ort gibt es ganz besondere, den Platz kennzeichnende Schwierigkeiten. Nun gerade das ermöglicht es uns, Überwinder zu wer den. Lassen wir auch nicht einen Augenblick den Gedan ken aufkommen, daß das für uns notwendig eine Nieder lage bedeutet; denken wir vielmehr an die Hilfsquellen in Gott, in dem Herrn Jesu Christo und in dem Hei ligen Geist! Denken wir an die Macht betender Abhängig keit, an die gesegneten Folgen des Bleibens in Christo!

158 

Seien wir überzeugt, daß wir, mit? Gott wandelnd, auch imstande sind, „seinen Namen mit Reigen" zu loben (Ps. 149, 3). Der Herr ruft die Heiligen der Kirche in die Siegesstellung zurück. Wenn wir nicht in dem Ort und den Umständen, wo wir sind, überwinden, so können wir nirgendwo anders überwinden.

 

Home  Näher zu Dir  

Home  Näher zu Dir   Unterredungen   Bibelkreis Forum
 

Kapitel 6

In Kapitel 6, 2. 3 kommt der Braut mit frischer Kraft zum Bewußtsein, wo des Geliebten Herz ist, und wo E r weidet; ihrem Empfinden nadi ist sie nun wirklich dahin zurückgekehrt, Sein Garten zu sein, sie ist bewuß­termaßen Sein eigen und spricht: „Ich bin meines Ge liebten." Die „Würzkrautbeete" und die „Lilien" reden von einer Stätte, wo alles Seinem Geschmack entspricht. Da gibt es nichts, was Er zurechtzuweisen oder zu tadeln hätte; Er weidet Seine Herde in Verhältnissen, die Harm losigkeit, Einfalt und Unbescholtenheit kennzeichnet {Phü. 2,15). Das Herz der Braut ist nun auf das bedacht, was Ihm wohlgefällt, und das ist die ordnungsgemäße Übung von Heiligen, die das lieben, was mit Seiner Kirche im Einklang steht und Seine Freude ausmacht. Das eigene Fehlen wird dahinten gelassen — nicht aus Sorglosigkeit, sondern infolge völliger geistlicher Be freiung —, der Herr Selbst ist vor dem Herzen, und das Bewußtsein, Sein eigen zu sein, beherrscht die Ge danken und schließt alles Seiner Unwürdige aus.

Die Braut nimmt nun ihrer Stellung und ihrem Zu stande nach den Platz eines Überwinders ein; deshalb redet Er wohl in Vers 4 von ihr als „furchtbar wie unter Bannern Stehende". Das ist ein der Wehrmacht ent nommenes Bild von Truppen, die keine Niederlage er litten haben, deren Banner siegreich wehn. Er kann sie nun als einen Überwinder anerkennen. Jeder von uns hat ausfindig zu machen, was er zu überwinden hat. Keiner kann die Gnade Gottes in Wahrheit kennen, ohne zu entdecken, daß es Einflüsse, Neigungen, Gefühle und Gewohnheiten gibt, die zu überwinden sind. Geistliche Trägheit ist einer der schlimmsten von diesen Feinden; es ist der, der uns in diesem Buche zur besonderen War nung vorgestellt wird (Kap. 3, 1; 5, 2). Wenn wir, durch Gnade, diese Feinde nicht überwinden, so werden sie uns überwinden, und wir werden auf dem Schlacht felde eine Niederlage erleiden.

Es ist zu beachten, daß sich die Braut jedesmal, wo der Geliebte ihre Schönheit ausführlich beschreibt, als ein Überwinder erwiesen hat; so ist es in Kapitel 4 und auch

149 

in Kapitel 6 bis 7. Er beschreibt sie nicht auf ihrem Lager, oder in einem Zustande trägen Wohlbehagens ohne Ihn. Es ist traurig, wenn Zustände eintreten, die Ihn zwingen so zu reden wie in Offenbarung 2 und 3; wenn solchenfalls die Heiligen Ihm wohlgefällig sein wollen, so ist ein Überwinden vonnöten. Sind jedoch Gnade und Kraft zum Überwinden da, so ist der Herr frei, von Seiner Braut in ihrer gottgemäßen Schönheit zu reden, wie Er das in Kapitel 4, 1—15 und in Kapitel 6 und 7 tut, und Er liebt es, das zu tun. Sogar bei einem ordentlichen Wandel, und da, wo man sich böser Ver bindungen enthält, kann viel geistliche Trägheit vorhan den sein; der Herr weiß alles darüber, sogar wenn es die Brüder nicht wissen. Wenn wir als Kirche zusammen kommen und dabei keine Überwinder sind, so werden wir dem Herrn nicht wohlgefällig sein. Unsere bestän dige Übung sollte darin bestehen, in gottgemäßem Zu stande und ebensolchen Verhältnissen zusammenzukom men, damit nicht nur ein wenig für den Herrn da sei, son dern Seine Liebe eine völlige Befriedigung finde. „Gär ten" in Vers 2 kann auf die verschiedenen örtlichen Scharen von Heiligen angewandt werden, wenn sie zu sammengekommen sind. Das Wichtige ist, daß Er dort weidet und auch „Würzkrautbeete" und „Lilien" findet.

Seiner Braut als Überwinder gegenüber spricht Er frei über das Wohlgefallen, das Er an ihr hat. Er wie derholt, was Er schon in Kapitel 4 gesagt hat, und lenkt nun das Augenmerk auf die Tatsache, daß sie einzig dasteht, keine andere ist mit ihr zu vergleichen (V. 8 u. 9). Seine Worte lassen in keiner Hinsicht auch nur eine Andeutung irgendwelcher Unvollkommenheit in ihr erkennen. Aus Offenbarung 2 und 3 sehen wir, wel ches Wohlgefallen der Herr an einem Überwinder hat. Je mehr das allgemeine Abweichen offenbar ist, desto mehr fällt Sein Wohlgefallen am Überwinder auf; Er läßt es solchen gegenüber nicht an sehr bemerkenswerten Ausdrücken Seiner Anerkennung fehlen. Möchten wir immer mehr begehren, ihrer würdig zu sein!

Gott gefällt es, viele verschiedenartige Familien von Heiligen zu haben; „jede Familie in den Himmeln und auf Erden" wird von dem Vater benannt (Eph. 3, 15).

150 

Seine Unumschränktheit ersieht einer jeden ihren Platz in der Welt der Herrlichkeit; sie haben nicht alle den­selben Platz. Die alte Vorstellung, die Kirche begreife alle Heiligen von Anbeginn bis zum Ende in sich, setzt die besondere Eigenart des Wirkens Gottes in den mancher lei Haushaltungen beiseite, und ebenso die Mannig­faltigkeit, die die verschiedenen Familien kennzeichnen wird. Natürlich ist allen vom Vater Benannten und allen, die einen Eindruck von Christo empfangen haben, eine heilige Übereinstimmung und Einheit alle Familien hin­durch eigen, seien sie himmlisch oder irdisch.

In dem vorliegenden Schriftwort finden wir Köni ginnen, Kebsweiber, Jungfrauen und Töchter, doch keine von ihnen hat den einzigartigen Platz der Braut inne (V. 8 u. 9). Sie stellen zweifellos solche dar, die in einer Beziehung zu Christo stehen, haben aber nicht den Platz Seiner Taube, Seiner Vollkommenen („Unbefleckten" nach dem Englischen). Und wenn der Herr irgendeiner Schar von Heiligen einen besonderen Platz gibt, so liebt Er es, ihnen das kundzutun. Der Überrest wird am Tage der Zukunft einen ganz besonderen Platz im Herzen Christi haben, ich glaube, den der Kirche nächsten Platz; und Er will, daß sie das wissen. Die Hundertvierund-vierzigtausend, die in Offenbarung 14 mit dem Lamme auf dem Berge Zion stehen, entsprechen der Braut im Lied der Lieder. Welch einen hervorragenden Platz ha ben sie! Sie sind dem Himmel nahe genug, dessen Lied zu singen, und kein anderer kann es lernen. Sie sind wirklich Christi Unbefleckte, sie sind Jungfrauen. Er will, daß sie wissen, was sie in Seinen Augen sind; zum mindesten werden sie das zum Teil aus diesem Buche der Heiligen Schrift lernen. Welch eine Ermutigung für den leidenden und bedrückten Überrest, zu wissen, daß sie im Herzen ihres Geliebten einen derart besonderen Platz haben! Es mag viele andere Heilige geben, die nach Vers 8 sogar „ohne Zahl" sind und hervorragende Plätze einnehmen, doch sie haben nicht den der „Einzigen", der„Auserkorenen".

Wenn das vom Überrest wahr ist, so auch in einer ganz besonderen Weise von der Kirche. Nie hat eine der Kirche vergleichbare Schar das Dasein dieser Welt er-

151 

blickt; sie ist die auserkorene und einzigartige Frucht der Gnade. Der Oberrest wird nie der Leib Christi sein; siewerden nie in dieser besonderen.Weise aus Ihm sein, obwohl sie einen besonderen Platz in Seinem Herzen haben und Seiner Gesellschaft teilhaftig sind und sich ihrer erfreuen. Es wird von der Kirche ebenso wahr sein wie von dem Oberrest, daß andere Familien Erlöster ihren Wert und ihre Schönheit erkennen, und dies mituneifersüchtigen Augen. Sie werden die Kirche glück selig heißen und sie preisen. Gilt uns das nichts, zu einem solchen Platze, zu derartiger Gunst geboren zu sein? Wenn es Gott gefallen hätte, uns in einer anderen Familie von Heiligen zu berufen und zu segnen, wo wir erkennen müßten, daß der Kirche ein noch auserleseneres Teil zukäme als unser eigenes, so würde das eine wunderbare Gnade sein. Doch was sollen wir über die un­umschränkte Liebe sagen oder denken, die u n s dazu berufen hat, der Schar der Kirche anzugehören, die demHerzen Christi am nächsten steht und am teuersten ist, und der obendrein eine geistliche Schönheit eigen ist, die nicht mit der anderer Scharen von Heiligen ver glichen werden kann? Das ist in der Tat wunderbar; der Gedanke daran sollte uns tief bewegen. Das Licht über die Kirche ist ein wunderbares Vorrecht; die Schrift hat es für alle Heiligen heutzutage, doch viele stehen nicht darin, ihrem Wandel nach. Das Licht darüber, was die Kirche in geistlicher Hinsicht ist, verdanken wir der göttlichen Unumschränktheit; und das sollte eine Frucht erzeugen, die in einer besonderen Weise zum Wohl gefallen Christi ist.

Wenn es Gottes Gedanke ist, daß wir in den Gesichts kreis anderer treten, so sollte uns daran gelegen sein, sozu erscheinen wie die Braut in Vers 10; dort heißt es: „Wer ist sie, die da hervorglänzt wie die Morgenröte (oder „Dämmerung*} schön wie der Mond, rein wie die Sonne, furchtbar wie unter Bannern Stehende?" Was die Kirche bei ihrer Entfaltung in Herrlichkeit sein wird, sollte sie in sittlicher Hinsicht jetzt schon sein. Die Leute reden von einer „unsichtbaren Kirche", doch sie sollte nie unsichtbar sein; daß sie es ist, ist ein Beweis des Ab-weichens und des Verfalls. Die „Dämmerung" des Ta-

152

ges des Reiches sollte in der Braut wahrzunehmen sein. Petrus redet von dem Anbrechen des Tages und demAufgehen des Morgensterns in den Herzen der Gläubigen (2, Petr. 1, 19). Wenn der Tag in unseren Herzen angebrochen ist, so geschah dies, damit wir öffentlich als „Söhne des Tages" erscheinen (1. Thess. 5, 4. 5); im Ge­gensatz zu allem, was die Nacht kennzeichnet, haben wir Züge darzustellen, die sittlich dem „Tage" angehören.Aus Offenbarung 21 erhellt, daß die Braut öffentlich geschaut werden soll. Was sie auch, für ihren Manngeschmückt, sein mag.es umfaßt dies noch nicht alles, was sie sein wird, wenn das auch natürlich zuerst kommt.Doch als himmlischer Leuchtkörper soll sie von Myriaden gesehen werden, und hierzu ist sie in sittlicher Hinsichtschon jetzt berufen; sie sollte Christum widerstrahlen, den Lichtglanz Gottes verbreiten und am Überwindendessen, was von der Welt, dem Fleische und dem Teufel ist, erkannt werden.

Der Geliebte hatte die Braut schon in Vers 4 als Oberwinder gesehen, doch in Vers 10 ist sie ein solcher in den Augen derer, die sie erblicken. Sie erscheint da öffentlich als einer, der die Macht hat, alles Feindliche niederzuwerfen. Truppen mit wehenden Bannern haben keine Niederlage erlitten, sie sind siegreich. Wenn dieKirche öffentlich derart erschiene, so gäbe es keine „un sichtbare Kirche". Wir werden zwar keine allgemeineWiederherstellung erleben, doch wenn einzelne überwinden und, die Kirchenvorrechte und -Verantwortlichkeiten anerkennend, miteinander wandeln, so wird in gewissem Sinne eine Art öffentliches Zeugnis dasein. Ich zweifle nicht, daß der Herr dahin wirkt, dieses zustande zu bringen; dazu kommen wir in Vers 13.

Nun der Oberrest oder die Kirche, zufolge von Vers 10, in den Gesichtskreis tritt, ist der Geliebte sozusagen frei, ein anderes und weiteres Gebiet zu überblicken, und das tut Er in Vers 11 und 12, Der „Nußgarten" ist nicht dasselbe wie der „verschlossene Garten" von Kapitel 4, 12; dieser ist die Braut, doch jener ist ein weiterer Kreis, in den Er nun Seine Braut einführen will, und deshalb wird auch im Hebräischen Kapitel 4 gegenüber ein anderes Wort für  „Garten"  gebraucht.

153 

Da zugleich auf „die jungen Triebe des Tales" hinge wiesen wird, so sehen wir, daß dieses Wort umfassender ist, es entspricht mehr den „Feldern" und „Weinber gen" von Kapitel 7, 11. 12, zu denen die Braut dort den Geliebten einladet, mit ihr zu gehen. Ich zweifle nicht, daß es die Auslegung dieses Schriftwortes, strengge nommen, mit dem Ausschauen des Herrn nach dem An zeichen eines geistlichen Frühlings in Israel zu tun hat. Der Überrest gehört Ihm, doch Sein Volk als ein Gan zes bringt Ihm keine Frucht, und so geht Er hinab, um zu sehen, ob eine Aussicht auf Frucht vorhanden, „um zu sehen, ob der Weinstock ausgeschlagen wäre, ob die Granatäpfel blühten"(V. 11). In Seiner Braut hat Er die Ihm „köstliche Frucht" gefunden (Kap. 4, 16); doch es gibt noch einen anderen Garten, der Ihm noch keine Frucht gebracht hat. Er begibt Sich nun dorthin, um zu sehen, ob sich da irgendwelches Leben regt, und ob verheißungsvolle Anzeichen späterer Früchte vorhan den sind — Er verlangt danach, zu sehen, ob Knospen oder Blüten da sind. Wenn Er solche findet, so weiß Er, daß das Leben sich regt; dann hat Gott gewirkt, Israel lebendig zu machen, und die Erfüllung der alten Ver heißungen ist in Sicht! Er hält Ausschau nach dem Werke Gottes unter Seinem Volke, das Ihm die „Prachtwagen" zu Seinen Bewegungen unter ihnen liefert. Er will nicht nur die Braut als Seinen „verschlossenen" Garten haben, sondern zu seiner Zeit auch ganz Israel und den ganzen weiten Kreis tausendjähriger Fruchtbar keit. Psalm 110, 3 redet von einer Zeit, wo Sein Volk voller Willigkeit sein wird am Tage Seiner Macht, in heiliger Pracht, und dann heißt es: „Aus dem Schöße der Morgenröte wird dir der Tau deiner Jugend kommen." Wenn der Herr Zeichen geistlichen Lebens in Israel sieht, wenn Knospen und Blüten erscheinen, so weiß Er, daß die Zeit von Psalm 110, 3 da ist, und Seine Seele wird Ihn „unversehens" auf die Prachtwagen Seines willigen Volkes setzen. Was im Überrest zustande kam, wird in Israel gemeinhin zustande kommen — das steht dem Herrn vor Augen; Er hat ein besonderes Wohlgefallen an Seiner Braut, doch Er erwartet noch weiter um sich greifende Bewegungen von Gott.

154

Wir können sehen, welch eine schöne Anwendung das auf den Oberrest und Israel hat, doch ich denke, daß wir dies auch auf die gegenwärtige Zeit anwenden dürfen. Was der Braut entspricht, haben wir in Philadelphia, nämlich einen Ihm allein vorbehaltenen Garten, dessen Wohlgeruchs Er Sich erfreuen und dessen Früchte Er genießen kann. Von dieser Versammlung kann Er sagen: ich habe dich geliebt (Offb. 3, 9) - an ihr hat Er Wohl­gefallen gefunden. Doch Seine Teilnahme gilt auch einem weiteren Gebiete, und Er erwartet dort Zeichen geist­lichen Lebens zu sehen; Er nimmt innigen Anteil an jeder Bewegung geistlichen Lebens, sei es in Thyatira, Sardes und sogar in Laodizäa. So blickt Er umher in dem weiten Kreise derer, die bekennen, Sein Volk zu sein, um zu sehen, ob da willige Herzen sind, die Prachtwagen für Ihn bereithalten. Bis jetzt mag da noch kein voller, Seiner würdiger Ertrag an „köstlicher Frucht", „Ge würzen" und „Wein" dasein, wie Er ihn in denen findet, die einige der wahren Züge Seiner Braut tragen, son dern erst Knospen und Blüten, die eine künftige Frucht verheißen. Diese haben wir zum mindesten in allen Hei ligen, die Anzeichen geistlichen Lebens offenbaren; der Herr nimmt Anteil daran und erkennt die darin ent haltenen großen Möglichkeiten. Das wird sicherlich bald zu bräutlichem Wesen heranreifen, doch Er erwartet, es sich jetzt entwickeln zu sehen. In dem, was jetztoffenbar ist, erblickt Er das sichere Unterpfand dessen, was zukünftig sein wird. Welch eine Freude ist es Ihm, ein „williges Volk" zu sehen! Wenn Ihn Heilige wahrhaft lieben und „willig" sind, so sind auch „Prachtwagen" für Ihn da, und Seine Bewegungen wer den   beschleunigt.

Das christliche Bekenntnis heute trägt keineswegs die Wesenszüge der Braut; doch der Herr hält Umschau, um von jeder entstehenden Knospe oder Blüte Kenntnis zu nehmen. Er schaut nach einem willigen Volke aus, das bereit ist, aus Liebe zu Ihm tätig zu sein. Wo immer Er solche Bereitschaft findet, da drängt Ihn Seine Seele, sich auf die Prachtwagen zu setzen, die die Liebe für Ihn ausersehen hat. Der Herr kann alles mit einem „willigen

155

Volke" tun; Seine Bewegungen unter Seinem Volke ent sprechen dessen Willigkeit.

Für uns alle ist es wichtig, dessen eingedenk zu sein. Wohl bei vielen von uns wird es keine Fülle von „köst lichen Früchten" und „Gewürzen" geben; vielleicht ste hen wir erst in der Zeit des Knospens und Blühens. Doch selbst, wenn das der Fall ist, so laßt uns bedenken, daß uns auch da durch Gnade große geistliche Möglich keiten offenstehen. Daß alles dieses aber gegenwärtig zur Reife kommt, hängt von Liebe und Willigkeit ab. Liebe ist es, die den Herrn willkommen heißt und Ihn mit Prachtwagen versieht. Der Zustand der Christenheit heutzutage zeigt, wie wenig der Herr geliebt wird, wie wenig man gewillt ist, Ihm Seinen Platz zu geben und Ihm Raum zu machen. Ein derartiger Zustand bietet uns eine Gelegenheit, Überwinder zu sein. Was auch dieser Tag anderen sein mag, laßt ihn uns den „Tag seiner Macht" sein! (Ps. 110, 3). Möchte Er, was uns anlangt, glücklich dahinfahren! (Ps. 45, 4). Man könnte da sagen: Aber viele haben kein Licht. Doch wenn sie willig wären, würden sie Licht bekommen Qoh. 7, 17); und so auch wir, und zwar nicht nur Licht, sondern auch die Kraft des Lebens, darin zu wandeln. Sind wir „willig", all das Licht zu haben, das Gott willens ist uns zu geben, wün schen wir dadurch geistlich gestaltet zu werden?

Jedes bißchen geistlicher Lebenskraft, was das Auge des Herrn wahrnimmt, ist Ihm etwas, dessen Er Sich am Tage der Herrlichkeit bedienen wird. Er achtet auf jedes bißchen lebendiger Freude an Ihm und den Hei ligen Schriften, sowie auf jeden Herzensseufzer des Ver langens nach Ihm und jeden Gedanken, der darüber in uns aufkommt, das zu erkennen, was die Kirche oder Versammlung ist. Er sagt heute zu einem jeden von uns: ein williges Herz ist ein Prachtwagen für mich. Er möchte, daß wir Ihm nicht nur am Tage der Herrlichkeit zur Verfügung stehen, sondern jetzt,

Mir scheint, daß uns die Erwägung dessen zubereitet, den Grundgedanken von Vers 13 zu verstehen. Hier ergeht der beachtenswerte Ruf an die Schulammith, zu rückzukehren; daß er viermal wiederholt wird, zeigt, welch großer Nachdruck darauf gelegt wird. „Kehre

156

wieder, kehre wieder, Schulammith; kehre wieder, kehre wieder, daß wir dich anschauen!" Es ist dies ein Ruf, sich wieder den Blicken darzubieten. Sie war augen scheinlich außer Sicht gewesen — wie oder weshalb wird hier nicht erklärt —, doch die Tatsache wird klar darge tan, daß sie nicht zu sehen war, und nun wird sie in auf­fallender Weise aufgefordert, sich den Blicken wieder zu zeigen. Ach, wie getreu schildert dies, was sich in der Geschichte der Kirche zugetragen hat! In ihren ersten Tagen ward sie öffentlich gesehen, da sie die kostbaren Wesenszüge der Braut trug; doch sie ist den Blicken so sehr entschwunden, daß man viele Jahrhunderte lang von der „unsichtbaren Kirche" gesprochen hat. Was sich auch ereignet haben mag, wir können sicher sein, es war nicht des Herrn Absicht, daß die Kirche unsichtbar sein sollte, sie sollte vielmehr gesehen werden. In Offen­barung 21, 9 heißt es: „Komm her, ich will dir die Braut, das Weib des Lammes, zeigen." Sie ward in der Ver­gangenheit gesehen, wird in der Zukunft gesehen wer den — weshalb ist sie jetzt nicht mehr zu sehen? Das redet von einer schrecklichen Geschichte des Abweichens.

Hier jedoch wird die Braut aufgefordert: „Kehre wie der." Sie soll wieder in den Gesichtskreis treten. Ist es des Herrn nicht würdig, dahin zu wirken, daß die ur sprünglichen Züge der Kirche wieder zum Vorschein kommen, ehe sie entrückt wird? Das mag tatsächlich in einem sehr kleinen Überrest zustande kommen, doch es ist dies geschehen, und wir haben es heute. Es mag dies nur für zwei oder drei zutreffen, die in Demut mitein ander im Lichte der Wahrheit und der Grundsätze der Kirche zu wandeln suchen und danach trachten, deren Wesenszüge und Kennzeichen zu tragen; doch das ist gegenwärtig vorhanden, es ist, wie jemand bemerkte, etwas vom Ursprünglichen, und nicht nur der letzte ab gebrauchte Rest davon.

Dann wird die Frage gestellt: „Was möget ihr an der Schulammith schauen?", und die Antwort lautet: „Wie denReigen zweier Heerlager." Das ist abermals eine der Wehrmacht entnommene Anspielung. Die zwei Heer lager sind ein doppeltes Zeugnis überwindender Macht, so daß diese nicht in Frage gestellt werden kann. Nach

157

1. Mose 32, 2 sprach Jakob, als ihm die Engel begegneten: „Dies ist das Heerlager Gottes. Und er nannte den Na­men selbigen Ortes Madbanaim", das ist „zwei Heer lager". Da haben wir also dasselbe Wort wie in Hohel. 6,13.) Damals waren „zwei Heerlager" Engel das Unter pfand dafür, daß Gott mit Jakob war, als er nach Bethel zurückkehrte; doch hier wird begehrt, in der Schulam-mith „den Reigen zweier Heerlager" zu sehen. „Der Reigen" besagt, daß jeder Feind gänzlich ausgerottet und nichts übriggeblieben ist, als den Reigen des Tri umphs zu tanzen. (Siehe 2. Mose 15, 20; 1. Sam. 18, 6.) Die Sdiulammith wird herbeigerufen, um sie als voll kommen siegreich zu sehen; sie wird im vollsten Sinne als ein Überwinder geschaut. Der Herr möchte, daß auch wir uns in dieser Eigenschaft den Blicken anderer zeigen. Der Name „S c h u 1 a m m i t h" wird zum ersten und einzigen Male in diesem Vers erwähnt; er scheint einem mit Bezug auf die Braut gebrauchten Personennamen sehr nahe zu kommen, doch bei näherer Erwägung han delt es sich mehr um einen Ortsnamen als einen Per sonennamen. Sie ist „die Schulammith", stammt also aus diesem besonderen Ort (Schülern; vgl. 2. Kon. 4, 8. 12. 25. 36; Jos. 19, 18; 1. Sam. 28, 4), und ich denke, damit deutet der Geist an, daß das Überwinden immer an dem Ort und in den Umständen zu geschehen hat, worin wir uns befinden. Das erhellt ganz klar aus Offenbarung 2 und 3. Wo wir auch seien, in Ephesus, Smyrna oder einem anderen Ort, gerade d a haben wir Überwinder zu sein. Es tut uns allen leid, daß wir solche Schwach heiten und solche Neigungen haben, wie sie uns eigen sind; doch gerade sie bieten uns die Gelegenheit, in der Stärke Dessen zu überwinden, der uns Kraft darreicht. Jeder von uns könnte sagen: An meinem Ort gibt es ganz besondere, den Platz kennzeichnende Schwierigkeiten. Nun gerade das ermöglicht es uns, Überwinder zu wer den. Lassen wir auch nicht einen Augenblick den Gedan ken aufkommen, daß das für uns notwendig eine Nieder lage bedeutet; denken wir vielmehr an die Hilfsquellen in Gott, in dem Herrn Jesu Christo und in dem Hei ligen Geist! Denken wir an die Macht betender Abhängig keit, an die gesegneten Folgen des Bleibens in Christo!

158 

Seien wir überzeugt, daß wir, mit? Gott wandelnd, auch imstande sind, „seinen Namen mit Reigen" zu loben (Ps. 149, 3). Der Herr ruft die Heiligen der Kirche in die Siegesstellung zurück. Wenn wir nicht in dem Ort und den Umständen, wo wir sind, überwinden, so können wir nirgendwo anders überwinden.