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UNTERREDUNGEN.CH

MALEACHI 3.16


Das Gute im Menschen

Wer an das "Gute im Menschen" glaubt, kommt in die Hölle.

Römer Kapitel 3 Vers 10 - 17 (Elberfelder 1905)
10"Da ist kein Gerechter, auch nicht einer; 11da ist keiner, der verständig sei; da ist keiner, der Gott suche. 12Alle sind abgewichen, sie sind allesamt untauglich geworden; da ist keiner, der
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Lied der Lieder Komplett


Kapitel 1

Dieses Buch bringt nicht die ersten Stufen des Werkes Gottes in der Seele vor uns. Ein Geschöpf, das wider Gott gesündigt hat, muß zuerst durch Gewissensnot gehen. Die Überführung von der Sünde und Buße müssen ihren Platz haben; man hat die Antwort auf die Frage Hiobs zu finden: »Wie könnte ein Mensch gerecht sein vor Gott?" (Hiob 9, 2). Die Vergebung der Sünden und die Rechtfertigung in Christo sind große Notwendig keiten. Diese Anfangsfragen jedoch werden in diesem Buche nicht erhoben; es wird angenommen, daß dies schon geschehen und in einer Gott gemäßen Weise er ledigt worden ist. Gerade der Weg, auf dem diese sitt lichen Fragen für die an den Herrn Jesum Christum Glau benden erledigt worden sind, hat uns die Erkenntnis Gottes als eines Solchen verschafft, der Seiner eigenen Natur gemäß in Liebe handelt. „Gott aber erweist seine Liebe gegen uns darin, daß Christus, da wir noch Sünder waren, für uns gestorben ist" (Rom. 5, 8). Auf unserer Seite bestand eine unermesslich tiefe Not, auf Gottes Seite aber haben wir eine Liebestat: Christus, Sein geliebter Sohn, ist für uns gestorben. In deren Lichte machen wir die wunderbare Entdeckung, daß Gott Liebe ist, und daß Er deshalb nur durch die Liebe des von Ihm geliebten Geschöpfes zufriedengestellt werden kann. Wir kennen Gott jetzt dadurch, daß Er in einem gepriesenen Menschen, in Seinem geliebten Sohne, dargestellt wurde, der aus Liebe zu uns in den Tod gegangen und nun, auferstanden und erhöht, der König der Herrlichkeit ist (Ps. 24, 7—10). In diesem Buche kommt eine göttliche PefslmairTj e r König, als der wahre Salomo, vor uns, der dem Bilde nach der König der Herrlichkeit ist. Der Geist Gottes, der Dessen Herrlichkeit in der ganzen Heiligen Schrift auf viele und mancherlei Weise vor uns
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bringt, beschäftigt nun unsere Herzen in diesem Buche ohnegleichen mit Ihm als einem Liebenden. Wir sehen,
wie Er hier Seine Liebe denen kundtut, die sie schätzen und denen sie kostbarer als alles andere ist. Er ist Gottes
Gesalbter;  alle göttlichen und königlichen Rechte gebühren Ihm; doch Er wird hier als Einer gekannt, der persönlich liebt und den man, da Er Mensch geworden ist, in inbrünstiger Zuneigung schätzen und Ihm ent sprechen sollte.
Der von Gott eingegebene Titel dieses Buches, „Das Lied der Lieder**, deutet seine überragende Vor trefflichkeit an, und dies im Gegensatz zu der „Eitelkeit der Eitelkeiten" (Pred. 1, 2; 12, 8), die man allein in der Welt „unter der Sonne** kennenlernen konnte. Salomos Lieder waren „tausend und fünf**; er war mit jedem Liedergegenstand vertraut, da er dies mit allen Bäumen und lebendigen Wesen war (1. Kon. 4, 32—34), doch dieses Lied ward aus ihnen allen herausgegriffen, da es einen höheren Wert als alle die anderen hatte. Kein Gegenstand konnte größer und lieblicher sein als die Liebe Christi und der Widerhall, den sie in den Herzen derer erweckt, die sie kennen. Der persönliche Genuß der Liebe Christi übertrifft alle anderen Freuden. Es kenn zeichnet die Schrift, immer eine Auswahl zu treffen; nicht alles, was Heilige, Knechte Gottes oder sogar der Sohn Gottes gesagt oder getan haben, wird berichtet, wohl aber alles das, was geeignet war, die Gedanken und das Herz Gottes kundzutun. Und so erwählte der Geist Gottes auch dieses Lied, das einen so ungemeinen Wert hatte, weil es im Bilde die Zuneigungen beschreibt, die das Herz Christi gegen die Seinen hegt sowie auch die, deren Herzen gegen Ihn empfinden.
Die Liebe Christi ist eine kostbare Wirklichkeit. Der Geist würde uns nie erlauben, Christi Größe und Hoheit aus den Augen zu verlieren — Er ist der König, der Erhabene in diesem Buche —, doch Er möchte unsere Herzen mit dem süßen und zarten Bewußtsein der Liebe Christi durchdringen. Einst in Niedrigkeit, in Leiden und im Tode für uns, ist Er nun, in die Höhe aufgefahren, der Erhöhte und Verherrlichte; Er ist „der Herr der Herrlichkeit" (1. Kor. 2, 8), und dennoch liebt Er einen
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jeden von uns mit einer wahrhaften und persönlichen Liebe. Voll Vertrauen können wir fragen: „Wer wird uns scheiden von der Liebe Christi? Drangsal oder Angst oder Verfolgung oder Hungersnot oder Blöße oder Ge-| fahr oder Schwert? . . . Aber in diesem allem sind wir I mehr als Überwinder durch den, der uns geliebt hat" (Rom. 8, 35—37). Gott möchte uns die Herzensgewißheithierüber durch Seinen Geist geben. Weiter konnte Paulus I sagen: „Denn die Liebe des Christus drängt uns, indem wir also geurteilt haben, daß einer für alle gestorben ist, und somit alle gestorben sind. Und er ist für alle r gestorben, auf daß die, welche leben, nicht mehr sich selbst leben, sondern dem, der für sie gestorben ist und ist auferweckt worden" (2. Kor. 5, 14. 15). Wenn uns die Liebe Christi erfaßt hat, kommen wir dahin, daß es sich für uns geziemt, Ihm zu leben, und zwar nicht nur im Dienste, sondern in den Zuneigungen unserer Herzen. Das ist keine bloße Gefühlssache, sondern unser nüchternes, reiflich überlegtes Urteil, es ist eine wohl erwogene und bedachte Überzeugung. In diesem Lichte nun sollten wir an „Das Lied der Lieder" herantreten. Der Gegenstand des „Liedes" ist ein derartiges Bewußtsein von der Liebe Christi, daß das Herz Ihm lebt. Wir werden zwar Abweichungen von diesem Segenszustande finden, die Schritte zur Wiederherstellung notwendig machen, doch der wahre, ordnungsgemäße Herzenszustand, wie er uns im ersten Teile des Buches entgegen tritt, ist ein völliger und inbrünstiger Widerhall Seiner erkannten Liebe und des Ruhmes in ihr und des Entzückens ob derselben.
Wir alle bekennen, das Licht der Liebe Christi zu haben, und ich hoffe, daß ein wahres, wenn auch schwaches, Bewußtsein von ihr in unseren Herzen ist. Es wäre nun befremdend, etwas über die Liebe Christi zu kennen und kein Verlangen nach einem persönlichen Beweis derselben zu haben! Damit beginnt das Lied und sagt: „Er küsse mich mit den Küssen seines Mundes." Es besteht ein Verlangen nach dem unmittelbaren und persönlichen Ausdruck Seiner Liebe, nach einer Bezeugung, die dem auf den weißen Stein geschriebenen Namen gleicht (Offb. 2,17), den nur der ihn Empfangende kennt.
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Nach solch einer Vertrautheit sollte getrachtet, und sie sollte wirklich genossen werden. Es ist dies eine Er fahrung, die des Herrn eigenen Worten in Johannes 14, 21 entspricht: „Wer . . . midi liebt, wird von meinem Vater geliebt werden, und ich werde ihn lieben und mich selbst ihm offenbar machen." Wie demütigend ist das Bewußt sein, so wenig von der persönlichen Vertrautheit mit Christo zu kennen! Männer wie Johannes und Paulus wußten, was es war, Ihm nahe zu sein, lohne daß ihnen auch nur ein Schatten von Zurückhaltung das Bewußtsein Seiner Liebe umwölkt hätte — und Tausende von Hei ligen haben sie all die Jahrhunderte hindurch ihrem Maße entsprechend gekannt, und auch uns steht es offen, sie zu kennen. Wenn wir anzuerkennen haben, daß wir in der hinter uns liegenden Zeit nicht viel von ihr ge kannt haben, so steht uns das jetzt offen, wenn wir Herzen haben, die sie schätzen.
Man begehrt nach Liebesbeweisen, wenn man sie schätzt. Die Braut sagt: „Deine Liebe ist besser als Wein." Wenn Seine Liebe mehr als alle irdischen oder natür lichen Freuden geschätzt wird, wird sie uns offenbar gemacht; wenn wir sie so schätzen, empfangen wir die „Küsse seines Mundes". Orpa küsste Noomi, aber ver ließ sie, und Jonathan küßte David und trennte sich von ihm (Ruth 1, 14; 1. Sam. 20, 41-43). Dies waren Abschiedsküsse, die Küsse des Herrn aber sind das Unter pfand einer treuen und unwandelbaren Liebe.
In dem ersten Abschnitte dieses Buches, der mit Ka pitel 2, 7 endet, ist die Braut Ihm in Seinen Um ständen nahe, in dem übrigen Teile des Buches ist das nicht so. In Kapitel 1, 4 heißt es: „Der König hat mich in seine Gemächer geführt", sodann in Vers 12: „Wäh rend der König an seiner Tafel war", und in Kapitel 2, 4: „Er hat mich in das Haus des Weines geführt." In diesem Abschnitte kommt eine Befriedigung und glückselige Ruhe in Seiner Nähe vor uns, wie sie späterhin nicht zu finden ist. Die dann folgenden Erfahrungen sind mannigfaltiger und gemischter Art und spielen sich auf verschiedenen Schauplätzen ab; sie sind alle höchst lehr reich, doch sie erheben sich nicht zu der Höhe dessen, was wir im ersten Abschnitte haben. Ich glaube, wir haben
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in dem ersten Abschnitte die Liebe Christi in ihrer Kost barkeit und Allgenugsamkeit, wie sie, wenn ich so sagen darf, in SeinenUmständen gekannt wird; das Herz der Seinen schätzt da Seine Liebe völlig und entspricht ihr durchaus. Die gegenseitigen Beziehungen zwischen Christo und Seinen Geliebten werden als gottgemäße oder geistliche geschildert. Die Braut kennzeichnet eine reine, nie ermattende, inbrünstige Zuneigung, sie hat den besten Platz, den des Königs Liebe ihr geben kann, den in Seinen eigenen Gemächern und an Seiner Tafel. Die Herzensbeziehungen zwischen ihnen sind gottgemäß und gerade das, was sie sein müssen, die Liebe zufrieden zustellen. In dem übrigen Teile des Buches haben wir Erfahrungen und Herzensübungen infolge anderer Zu stände. In Kapitel 2, 8-3, 3 sehen wir die Braut nicht in Seinen Gemächern, sondern in Umständen, wo Er sie oder sie Ihn zu suchen hat, und es machen sich Anzeichen schwindender Liebe ihrerseits bemerkbar; si§ muß durch nicht gerade glückliche Erfahrungen zurechtgebracht wer den. Das sehen wir auch in Kapitel 5, 2-8. In diesen Teilen des Buches kommt mehr das ungestillte Verlangen als die Befriedigung desselben vor uns. In dem ersten Abschnitte haben wir sonach im Bilde ordnungsgemäße und geistliche Zustände. Es ist Gottes Weg damit zu beginnen, uns  etwas  der Höhe und Vollkommenheit Seiner Gedanken gemäß vorzustellen, obschon Er uns vielleicht nachmals zu zeigen hat, wie geneigt wir sind, davon abzuweichen. Die Psalmen beginnen oft mit dem zu erreichenden Ziel und beschreiben dann erst den Weg, der bis dahin zurückzulegen ist. Welch eine Höhe der Segnung bringen Epheser 1 und 2 vor uns, und doch muß ihnen später gesagt werden, nicht zu stehlen, einander zu belügen oder schändliches Gerede zu führen (Eph. 4, 25. 28. 29; 5, 4)! Dennoch liebt Gott es, mit der vollen Höhe Seiner Gedanken zu beginnen, da eine Kraft darin liegt, uns zu erheben und vor Schaden zu bewahren. Kapitel 1, 2—2, 7 reden von der ersten Liebe. Wenn wir die Liebe Christi kennen und ihr entsprechen und ein ander lieben, wie Er uns geliebt hat, so ist eine Liebe vorhanden, die ihrer Güte nach erstklassig ist und der nicht nur der Zeit nach der erste Platz zukommt; das ist 
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eine durch nichts zu übertreffende Liebe. Wenn wir sehen, was geistlich ist und was das rechte nach Gottes Gedanken ist, so haben wir einen göttlichen Maßstab, nach dem wir einen Mangel oder ein Abweichen richten und berichtigen können.
In Vers 3 werden die Gründe angegeben, weshalb die Jungfrauen Ihn lieben: Seine Salben duften lieblich, und Sein Name ist ein ausgegossenes Salböl. Ich denke, Vers 3 ist wohl der wichtigste Vers des Buches, da er das Geheimnis der Liebe zu Christo offenbart, die in den Herzen von Jungfrauen zu finden ist, das heißt in Her zen, die nicht von den Einflüssen der Welt verderbt sind. Solche Herzen können den lieblichen Geruch Seiner Sal ben und den Duft Seines Namens schätzen. Es ist zu beachten, daß dies das einzige Mal ist, wo Sein „Name1* in dem Buche erwähnt wird. Wie oft finden wir in der Schrift, daß der Schlüssel gleichsam an der Tür hängt, daß also die ersten Verse eines Buches uns seinen In halt erschließen. Sein Name umfaßt etwas mehr als Sein Königsamt, etwas mehr als all die Gnade und sittliche Vollkommenheit, die in Ihm offenbar wurden, nämlich Ihn Selbst — Seinen persönlichen Ruf und Seine Größe. Wir können an einem Freunde verschiedene Eigen schaften bewundern, doch es ist die Person, der sie angehören, die wir lieben. Sein Name besagt uns alles, was Er in Sich Selbst ist; und wenn wir nicht wissen, w e r Er ist, so können wir keinen rechten Begriff von den Eigenschaften, Wesenszügen und Vortrefflichkeiten haben, die wir in Ihm sehen und bei denen dieses Buch mit einer solchen Fülle und Mannigfaltigkeit von bild lichen Einzelheiten verweilt.
Das Evangelium Matthäus entspricht dem Lied der Lieder, denn es stellt Christum als den König dar, und Seine sittlichen Vollkommenheiten werden dort be schrieben, und dies besonders in den Seligpreisungen; doch bevor der Evangelist von Ihm als dem König redet oder von Seiner sittlichen Schönheit und Würde, stellt er uns Seinen Namen vor. Sein Name ist größer als irgendein Amt, das Er ausübt; er ist größer als die menschliche Vortrefflichkeit und Holdseligkeit, die von Ihm ausstrahlte; er verleiht jeder in Ihm gesehenen Voll-12
kommenheit Glanz, Eigenart und Wohlgeruch. Matthäus 1, 21 sagt: „Du sollst seinen Namen Jesus (Jehova, den Erretter) heißen, denn e r wird sein Jehovas) Volk erretten von ihren Sünden", und Vers 23: „Sie werden seinen Namen Emmanuel heißen, was verdolmetscht ist: Gott mit uns." Die Evangelisten erzählen uns, was Er tat und was Er redete, doch wer Er ist, verleiht dem allem seinen Wohlgeruch. Bedenken wir, daß der Allmächtige, der Ich -Bin, der Jehova des Alten Testaments, Mensch ward und all die Taten vollbrachte und die Worte redete, von denen die Evangelien berichten! Das eben ist die erstaunliche Wirklichkeit. „Ein ausgegossenes Salböl ist dein Name; darum lieben dich die Jungfrauen." In all Seinem Tun und in all den Umständen nehmen wir den Wohlgeruch des in Gnade gegenwärtigen Gottes wahr, und durch den Glauben gereinigte Herzen erkannten dies. Seine Taten und Seine Worte drängen uns die Frage auf: Wer ist Er? Was ist Sein Name? Er ist Jehova, Emmanuel, vor dem die Seraphim ihre Angesichter bedeckten, und „einer rief dem anderen zu und sprach; »Heilig, heilig, heilig ist Jehova der Heerscharen, die ganze Erde ist voll seiner Herrlichkeit!*" (Jes. 6.1—3). Sein Name verleiht allem, was Er sagte und tat, einenunendlichen göttlichen Wohlgeruch. Wie lieblich war der Geruch Seiner Salben dem Weibe in Lukas 7 und der Syro-Phönizierin in Markus 7! Hier heißt es in Vers 24, daß Er in ein Haus getreten war und nicht wollte, daß jemand es erfahre; doch dem wird alsbald hinzugefügt: „Und er konnte nicht verborgen sein." Ein Herz nahm den Wohlgeruch Seiner Salben wahr, obwohl Er Sichgleichsam vor ihr verborgen halten wollte. Gott hatte Sein Volk in Gnade, Vergebung und befreiender Macht besucht, das Salböl war „ausgegossen"; sein Duft ward umhergeweht, und Liebende wurden dadurch angezogen. Jede menschliche Tugend war vorhanden — Güte, Freundlichkeit, Sanftmut, Demut, Langmut —, doch was dem allem den reichsten und süßesten Wohlgeruch verlieh, war, daß es ein göttliches Leben hienieden war. Der König in Psalm 45 wird „o Gott" angeredet (V. 6); danach sehen wir Ihn als Menschen gesalbt, ein duftender Wohlgeruch geht von allen Seinen Kleidern aus. Wäre
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der König von Psalm 45 und vom Lied der Lieder ein bloßer Mensch, so hätte Er kein Recht und keinen An spruch auf die Liebe aller jungfräulichen Herzen, doch als Emmanuel hat Er ein Recht auf eine Liebe, die, wenn sie einem Geschöpf erwiesen würde, lediglich Götzen dienst wäre. Der Größe der geliebten Person halber kommt dieser Liebe eine ungemein erhabene Stellung zu; sie ist eine ehrfurchtsvoll anbetende Zuneigung, die nie das Bewußtsein dessen verliert, w e r Er ist. 
Salben, duftende Gewürze und liebliche Wohlgerüche, wie wir sie in diesem Buche und in anderen Teilen der Schrift in Verbindung mit Christo und auch Seinen Hei ligen finden, erinnern uns daran, daß der Geruchssinn ebenso wie andere Sinne sein geistliches Gegenstück hat. Es gibt Eigenschaften Christi, die wir nur auf diese Weise würdigen können; sie können nicht durch das Sehen, Hören, Fühlen oder Schmecken, sondern nur durch den Geruch wahrgenommen werden. Dieser ist eine besondere Eigenschaft des geistlichen Auffassungs vermögens, die die Schrift völlig anerkennt. Von dem Herrn heißt es in Jesaja 11, 3: „Und sein Wohlgefallen (wörtlich: Wohlgeruch) wird sein an der Furcht Jehovas." Er vermochte den Wohlgeruch alles dessen zu erkennen, was im Einklänge mit der Furcht Jehovas stand und ging dem nach; ein Hund, der die Geruchsspur seines Herrn verfolgt, ist nur ein schwaches Bild hiervon. Es ist höchst wichtig, daß uns diese geistliche Fähigkeit ungeschwächt erhalten bleibt. Als natürliche Menschen hatten wir ein scharfes Empfinden für das, was uns zusagte, und gingen solchem Gerüche nach. Nun ist diese Fähigkeit, durch die Gnade und das Werk Gottes erneuert, unser eigen und kommt auch unter Seinen Wegen der Zucht zur Ent faltung. In Jeremia 48, 11 heißt es: „Behaglich erging es Moab von seiner Jugend an, und still lag es auf seinen Hefen und wurde nicht ausgeleert von Faß zu Faß, und in die Gefangenschaft ist es nie gezogen; daher ist sein Geschmack ihm geblieben und sein Geruch nicht ver ändert." Es ist ein Übelstand, wenn sich unser Geruch nicht ändert und wir den lieblichen Geruch jener Salben nicht zu erkennen vermögen, der jungfräulichen Herzen so anziehend ist. „Jungfrauen" kennzeichnetdie 14
Fähigkeit, den kostbaren Wohlgeruch Christi wahrzu nehmen, und sie bestimmt sie, Ihn zu lieben. Von der Welt unverderbte Herzen sind es, in denen derartige Zu neigungen aufkommen und sich geltend machen; s i e können die Lieblichkeit und den Wohlgeruch des Ge liebten wahrnehmen. Maria von Bethanien war es so ergangen, und die Antwort darauf war die Ergebenheit, die darin zum Ausdruck kam, daß sie ihr kostbares Salböl auf Seine Füße goß. Damit zeigte sie, wie sehr sie Seine Salben schätzte, und die durch diese in ihrem Herzen erweckte Liebe ward offenbar. Die Größe der Person Christi, der heilige Duft Seines Namens wird durch eine von Gott gegebene Fähigkeit erkannt, doch sie findet sich nur da, wo „keusche Jungfrau "-Zustände gewahrt werden. Wenn uns die „Einfalt gegen den Christus" erhalten bleibt (2. Kor. 11, 2. 3), so verstehen wir, daß Er ein Recht auf solche Zuneigungen hat, wie sie Gott allein zukommen, Er aber zieht sie durch die in Ihm als einem Menschen geoffenbarte Gnade und Liebe auf Sich. 
Der zweite und dritte Vers bilden die Grundlage des Buches. Sie zeigen, daß der Herr Gefallen daran hat, persönliche Beweise Seiner Liebe zu geben, und daß Seine Liebe besser als jede irdische oder natürliche Freude ist. Sie zeigen auch, welch einen erhabenen An spruch Er auf die Zuneigungen der Seinen hat und wie Er Sich in wunderbarer Gnade erweist, damit Er die Liebe von Jungfrauenherzen gewinne. Alles das wird für den jüdischen Überrest ebenso wahr sein wie für uns, und es ist für uns ebenso wahr wie es für sie sein wird. 
Die Folge davon ist, daß ein Verlangen aufkommt, Ihm nachgezogen zu werden: „Ziehe midi: wir werden dir nachlaufen" (V. 4). Und das sagt die Braut nicht, bevor sie hinzufügen kann: „Der König hat midi in seine Gemächer geführt." Dort befindet sie sich auch zu gleicher Zeit in Seiner trautesten Nähe. Wir sehen hier im Bilde, wie der Herr da handelt, wo Er der Gegenstand jung­fräulicher Zuneigungen ist, die von den Einflüssen der Welt nicht verderbt sind. Er möchte uns da sofort zur Versammlung als Seinem Gastzimmer bringen oder, wie wir wohl sagen können, zu Seinem Brautgemach, 15
wo unsere Beschäftigung darin besteht, fröhlich zu sein und sich in Ihm zu freuen und Seiner Liebe mehr zu ge denken oder sie mehr zu feiern als Wein. Wir sehen hier, wie schnell die trautesten Vorrechte, wonach die Liebe verlangt, denen gewährt werden, die dahin gekom men sind, sie zu schätzen. Aufrichtige Liebe hat nicht lange auf den Genuß der Versammlungsvorrechte zu warten. Von den Jungfrauen heißt es in Vers 4: „Sie lie ben dich in Aufrichtigkeit." In ihren Herzen gibt es keine verschiedenartigen Beweggründe. Sie sind solche, die Paulus bei den Worten im Sinne hatte: „Die Gnade mit allen denen, die unseren Herrn Jesum Christum lieben in Unverderblichkeit (Eph. 6, 24). Solchen steht der Genuß der Liebe Christi in Seiner Versammlung frei, und das ist das Höchste, was in diesem Liede betrachtet wird. Es mag sein, daß die Erfahrungen vieler von uns mehr dem entsprechen, was später in diesem Buche kommt, doch es ist gut, das zu sehen, worin sich die Liebe ordnungs gemäß äußert, und es gibt keinen göttlichen Grund, wes halb der jüngste Gläubige nicht danach handeln und die Freude haben sollte, von der hier die Rede ist. Gottes Gedanke ist, uns sofort unter den Einfluß der Liebe Christi zu bringen und uns allezeit unter ihrem Einfluß zu erhalten. 
Die „Töchter Jerusalems" bilden in diesem Liede eine Klasse für sich; sie stellen Christum Liebende dar, denn sie schmücken Seine Sänfte mit Liebe aus (Kap. 3, 10); doch sie stehen auf keinem so vertrauten Fuße mit Ihm und haben eine geringere Einsicht in die Gedanken Sei ner Liebe, als sie der Braut zukommt. Dennoch sind sie Anteil nehmende Personen, und sie werden wiederholt von der Braut ihres Geliebten halber angeredet, und sie reden verschiedentlich zu ihr und über sie. Es ist wichtig zu sehen und auch höchst lehrreich, daß es Abstufungen in der Liebe zu Christo gibt. Es wäre ein Irrtum anzu nehmen, daß alle Heiligen den Herrn mit gleicher In brunst lieben, denn der Herr Selbst redet davon, daß einer „viel" geliebt hat, ein anderer aber „wenig" liebt (Luk. 7, 47). Sodann deuten die verschiedenen von den Heiligen im Neuen Testament gebrauchten Bilder auf ein verschiedenes Maß oder eine verschiedene Art der 
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Liebe hin. Die Kirche oder Versammlung wird die Braut oder das Weib Christi genannt, doch es werden noch an dere Bilder gebraucht, die ein weniger inniges Verhältnis ausdrücken. Denken wir zum Beispiel an die „Söhne des Brautgemachs" (Matth. 9, 15; Mark. 2, 19; Luk. 5, 34), oder die Jungfrauen, die ausgehen, dem Bräutigam ent gegen (Matth. 25, 1), oder an die als eine keusche Jung frau Christo Verlobten (2. Kor. 11, 2), so entspricht die Liebe solcher Beziehungen nicht ganz der der Braut oder des Weibes.
In Offenbarung 22, 17 sehen wir die Braut darin mit dem Geiste eins, daß sie „Komm!" sagt. Das ist, glaube ich, die einzige Stelle im Neuen Testament, wo die Stimme der Braut gehört wird. Das eine Wort „Komm!" begreift all ihr Verlangen in sich. Doch dann haben wir ein weiteres Wort: „Und wer es hört, spreche: Komm!" Das zeigt, daß es Gläubige gibt, deren Herzen noch nicht im Einklänge mit dem Geiste und der Braut stehen. Die Inbrunst ihrer Zuneigung ist nicht so groß, daß sie Ihn erwarten, sie entsprechen Christo nicht völlig, wie das die Braut kennzeichnet; sie sind aber nahe genug, zu hören, was sie sagt, und werden aufgefordert, „Komm!" zu sagen. Der Geist wird sie nicht schweigen lassen, Er treibt sie an, in den Ruf der Braut einzustimmen. Bei dem, der diesen Ruf hört, ist die Quelle der Zuneigung nicht dieselbe wie bei der Braut, obwohl er, da er ein Ohr hat, offenbar ein wahrer Heiliger ist. Und das ist fast genau die Stellung der „Töchter Jerusalems" in diesem Liede. Sie haben Ohren zu hören, was die Braut sagt, und diese ist frei, über ihre Herzensübungen und die Schönheiten des Königs mit ihnen zu reden; das, was sie sagt, ergreift sie, so daß auch ihr letztes Wort über den Geliebten ist: „Wir wollen ihn mit dir suchen" (Kap. 6, 1). Die Folge dessen, was sie über Ihn gesagt hatte, war, daß sie in Einklang mit ihr kommen. 
Es ist zu bezweifeln, ob es sehr viele gibt, in deren Herzen die Liebe Christi einen völligen Widerhall ge funden hat, wie er Seiner Braut zukommt; es ist schon eine Gnade, „Töchter Jerusalems" zu sein, die Ohren haben zu hören, was die Braut sagt, und die davon er griffen werden. Man kann sagen, daß die erste sich beim
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Lesen des Liedes der Lieder erhebende Frage die ist: Bin ich einer, der Christum liebt? Wenn ich darauf aufrichtig antworten kann, daß ich ein solcher bin, so entsteht die nächste Frage: Welcherart liebe ich Ihn? Liebe ich Ihn viel oder wenig? Ist meine Liebe derart, wie sie einer Braut geziemt, oder entspricht sie der der Töchter Jeru salems? Kann ich Ihn als einer anreden, der bräutliche Zuneigungen in Seinem Herzen hegt? Oder bin ich einer von denen, die nur hören, was andere zu Ihm oder über Ihn sagen, und das bis zu einem gewissen Grade wirklich schätzen? Das sind Fragen, die uns die Schrift nahelegt, und es ist heilsam, ihnen nicht auszuweichen. Dabei sollten wir immer beachten, daß es Gottes Gedanke ist, uns zur völligsten und höchsten Art Liebe zu bringen, die dem Herzen Christi Freude bereitet. Er ist der vollen Zuneigung, die Ihm Seine Braut geben kann, würdig; es kommt Ihm in Wahrheit zu, sie zu haben, doch es kann sein, daß eine derartige Zuneigung in unseren Her zen noch nicht hinreichend entfaltet oder herangereift ist. Dem Segensvorsatz der Liebe gemäß sind wir berufen, ein Teil der Braut zu sein, doch wir müssen durch das Werk des Geistes die Zuneigungen und die verständnis volle Einsicht der Braut erlangen, ehe uns diese wunder bare Beziehung zu Christo viel bedeutet. Wie traurig zu wissen, daß wir zur Braut gehören und dennoch ganz unbekümmert um einen dieser geziemenden Herzenszustand sind! Das Werk Gottes läuft immer darauf hinaus, unsere Liebe zu Christo mehr anzufachen und an Güte zu erhöhen, so daß wir der wahren Hingebung der Braut gemäß sagen können: Komm! 
Johannes, der am Busen Jesu lag, stellt die Nähe der Vertrautheit und des Vertrauens dar, die der Braut eigen sind, Petrus dagegen befand sich mehr in der Stellung einer Tochter Jerusalems. Er mußte dem ein Zeichen geben, der näher als er selbst war, und er bekam mittelbar das, was Johannes unmittelbar vom Herrn bekam. Christo verlobt zu sein, ist nicht das selbe, wie Ihm vereinigt zu sein. Vor dem Eingehen einer Verwandtschaftsbeziehung können die ihr eigenen Zu neigungen nicht bestehen. J. B. Stoney brachte beständig vor uns, daß es Gottes Absicht war, uns die Vereini-
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gung bewußt werden zu lassen; sein Dienst ging immer darauf hinaus. Wir würden schnellere Fortschritte ma chen, wenn wir der Liebe Christi, insoweit wir sie schon kennen, mehr entsprächen.
Das Buch Ruth zeigt, wie man aus dem Platze der Entfernung zur Glückseligkeit der Vereinigung gelangen kann. Boas wurde Ruth alles, was ihr Herz begehrte, und auch sie ward ihm alles, was er begehrte. Doch wenn wir das Buch lesen, so sehen wir, daß Ruth zuerst durch das, was in Noomi von Gott war, angezogen wurde. Die Wesenszüge, die sie in einer unter der Re gierung und Zucht Gottes tief Gedemütigten erkannte, zogen sie an; und das entspricht dem, wie die Braut von sich zu den Töchtern Jerusalems redet, indem sie sagt: „Ich bin schwarz, aber anmutig" (V. 5).
Der Herr nimmt innigen Anteil an unserem Herzenszustand und an der Güteart unserer Liebe zu Ihm. Man kann die Liebe eines solchen haben, dessen Sünden ver geben wurden (Luk. 7], doch ohne die der Braut an gemessenen Zuneigungen. Der Herr weiß besser als wir, wieviel wir Ihn lieben, und Er kennt die Güte unserer Liebe wie auch ihre Stärke. Er fühlt die schwindende Zu­neigung der Versammlung zu Ephesus trotz ihrer Werke, ihrer Arbeit, ihres Ausharrens und vieler Treue, ja so gar ihrer Leiden um Seines Namens willen.
Sowie sich die Braut an die Töchter Jerusalems wen det, redet sie in einem anderen Versmaß als bis dahin, wo sie den König angeredet hatte. Sie redet nun zu denen, die Ihm nicht so nahestehen wie sie selbst, und die nicht dieselbe Einsicht haben; und sie redet zu ihnen nicht gerade von ihrem Herzenszustand, sondern davon, wie sie ihren Augen erscheint. Der gegenwärtige Zustand und die Umstände der Braut werden Anteil nehmenden Personen beschrieben, die aber nicht die geistliche Ein sicht der Braut haben und ein Verständnis dessen be dürfen, was sie sehen. Eine solche Erklärung gibt man keinen Sorglosen, sie wird der Welt nicht gemacht, son dern den „Töchtern Jerusalems".
Mit den Worten: „Ich bin schwarz, aber anmutig", weist sie nicht auf ihren Zustand von Natur hin, sondern auf die Art und Folgen der Wege Gottes mit ihr. Hand 
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in Hand mit dem lieblichen Dienst der Liebe Christi, der unseren Herzen gebracht wird, gehen die Wege Gottes, die uns in unseren Augen gering erscheinen lassen und uns in unserem Zustande hienieden demütigen; und das eine ist ebenso wesentlich wie das andere. Nichts tritt uns in der Schrift mehr entgegen als das Demütigende der Wege Gottes mit denen, die Er segnet. Der Überrest in den Tagen der Zukunft wird durch sehr tiefe Herzens übung zu gehen haben, wir können das aus den Psalmen und anderen Teilen der Schrift lernen, doch eine Gott wohlannehmliche Anmut wird die Frucht davon sein. Die „Fürstin" von Klagelieder 1, 1 wird unter der Re gierung Gottes im Blick auf eine innere sittliche Gestal tung gezüchtigt, die sie befähigt, die Braut des Liedes der Lieder zu sein; sie ist unter die sengende „Glut" der Sonne gekommen, die das, was vom Fleische ist, aus­dörrt (Jak. 1, 11). Und so sagt die Braut: „Ich bin schwarz", sie ist sich bewußt, daß Gottes Vorgehen seine demütigenden Spuren auf ihr zurückgelassen hat und andere das auch sehen können. Alle die Wege Gottes dienen dazu, uns klein in unseren Augen werden zu lassen, und obendrein auch oft in den Augen anderer, doch sie fördern die Gestaltung geistlicher Wesenszüge. Die Züchtigung wirkt nachmals die friedsame Frucht der Gerechtigkeit, und die Folge davon ist geistliche An mut. Auf diese Weise passen Schwärze und Anmut — die Zelte Kedars und die Zeltbehänge Salomos zusam men. Schwarzsein zieht das natürliche Auge nicht an, doch der Vorgang, der uns von Natur herabsetzt, sichert uns Wesenszüge sittlicher Schönheit.
In seinem ersten Briefe an die Korinther hält sich Paulus nicht bei seinen persönlichen Übungen auf; sie waren schwerlich in einem Zustande, sie zu schätzen. Als er jedoch seinen zweiten Brief schrieb, nahm die schwere Zucht, durch die er zu gehen hatte, einen hervorragenden Platz ein (siehe Kap. 1; 4; 6; 11 u. 12). Alles diente dazu, ihn von Natur unanziehend und gering zu machen; doch infolgedessen kamen geistliche Wesenszüge zum Ausdruck. Das Leichte der Drangsal wirkte ein über die Maßen überschwengliches ewiges Gewicht von Herr lichkeit (2. Kor. 4, 17). Und was ihn vor anderen und
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in seinen eigenen Augen demütigte, war in Wahrheit ein geistlicher Gewinn. Das alles ist im Geiste von: „Ich bin schwarz, aber anmutig" geschrieben. Sein Gegner konnte sagen, die Gegenwart seines Leibes sei schwach und seine Rede verächtlich, doch in seiner Schwachheit wohnte die Kraft des Christus über ihm (2. Kor. 10, 10; 12, 9}. Und er konnte die Galater loben, daß sie seine Versuchung, die in seinem Fleische war, nicht verachtet noch verab scheut hatten, sondern ihn wie einen Engel Gottes, wie Christum Jesum aufgenommen hatten (Gal. 4, 14). Wenn die Schwärze vorhanden war und der Anlaß zur Ver achtung hätte sein können, so war auch die Anmut vorhanden, und sie zog ihre Herzen als die Schönheit von Gottes Gesalbten, als die „Christi Jesu" an. Gottes Zucht- und Regierungswege setzen uns herab und de mütigen uns, doch sie beseitigen das, was der Braut nicht geziemt, und wirken eine geistliche Anmut. Unter der artigen Umständen werden die Wesenszüge der Braut gestaltet, so daß offenbar wird, daß ihre Anmut einer geistlichen Ordnung angehört; sie ist die Gnade und Kraft Christi. 
Ich bezweifle, ob solche Eigenschaften wie Unterwür figkeit, Sanftmut und Demut je zur Entfaltung kommen, ohne daß Seelen durch viel Zucht gehen. Soviel ich weiß, ist im Hebräischen das Wort für Sanftmut (oder Demut in Spr. 15, 33; 18, 12; 22, 4 und Zeph. 2, 3 und Her ablassung in 2. Sam. 22, 36) dasselbe wie das für Niedergedrücktsein, was besagt, daß Sanftmut durch Leiden erlangt wird, sie ist etwas sehr Anmutiges in den Hei ligen. Mose war der sanftmütigste Mann, doch es hatte vieler Jahre der Zucht bedurft, dies zustande zu bringen (4. Mose 12, 3). Die die Braut kennzeichnende Anmut und Schönheit ist einerseits das Ergebnis des Einflusses der Liebe Christi, und andererseits die Folge der Erzie hungswege Gottes. Was uns herabsetzt und uns in unse ren eigenen Augen als unbedeutend erscheinen läßt, macht Raum für die Gnade Christi.
Wir haben wohl gehört, daß eine Perle dadurch ent steht, daß ein Fremdkörper in die Muschel der Auster gelangt; er verursacht ihr Beschwerden, und die ein setzende Abwehr überzieht ihn mit der schönen Masse.
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Die in den Heiligen gesehenen Tugenden Christi sind die Frucht vieler Übungen, die dadurch zustande kommen, daß wir unter Gottes Hand demütigende Lehrzeiten durchzumachen haben. „Die Zeltbehänge Salomos" sind wohl eine höchst kunstvolle Nadelarbeit gewesen, also das Erzeugnis einer geduldig ausgeübten Geschicklichkeit. Wenn wir einerseits in dem Geliebten zu Gegenständen der Gunst geworden sind (Eph. 1,6], so ist es andererseits aber auch wahr, daß die sittliche Schönheit der Heiligen durch emsiges Auswirken geistlicher Übungen erlangt werden muß. Wir können sie nicht einfach wie einen Rock anziehen, denn sie besteht aus dem, was wir inwen dig durch geistliche Gestaltung geworden sind. Es han delt sich dabei nicht nur um ein äußeres, vor der Welt oder in den Augen der Brüder untadeliges Benehmen, sondern um eine dem verborgenen Menschen des Her zens eigene Schönheit, die den Augen des wahren Salomo wohlgefällt. Keiner urteilt über sittliche Schönheit so sorgsam wie Er.
In „meiner Mutter Söhne zürnten mir" haben wir eine Übung anderer Art, durch die die Braut zu gehen hatte, und sie ist besonders schmerzlich, da sie von Seiten ihr Nahestehender kommt. Es ist in gewisser Hinsicht er staunlich, aber es ist so, daß das Verlangen, dem Herrn nahe zu sein und Seine Liebe zu genießen, oft bittere Gefühle bei wahren Gläubigen hervorruft. Gegen keine Ketzerei ist mehr geredet worden als dagegen, daß die Heiligen begehren, was ihren Wandel anlangt, für den Herrn abgesondert zu sein.
Jemand mag von einer Sonderkirche in die andere übertreten, ohne daß man sich viel darüber aufregt, doch sowie sich die wahren Empfindungen der Braut zu offen baren beginnen und das Verlangen 'aufkommt, völlig zum Wohlgefallen des Herrn zu sein in Absonderung von allem, was nicht von Ihm ist, so werden ihrer „Mutter Söhne" zornig. Sie wollen, daß sie Weinberge pflegt, die ihnen etwas einbringen, statt ihres eigenen Wein bergs völlig zu Seinem Wohlgefallen zu warten. In der Tat wird jede Art christlicher Arbeit für nützlicher und nötiger gehalten, als unseren eigenen Weinberg aus schließlich zum Wohlgefallen Christi zu betreuen. Der 
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abgesonderte Pfad und die heiligen Beziehungen, die der Braut geziemen, sind dem fleischlichen Sinne keine Emp fehlung. Wir sollten den Beifall Ungeistlicher nicht er warten, obschon wir danach begehren sollten, den Ruf, geistlich zu sein, zu erlangen. Wenn geistliche Personen unseren Weg nicht billigen, so ist das eine ernste Übung; dann stehen wir höchstwahrscheinlich verkehrt.
Als eine durch treue Liebe Gezüchtigte, die sich der ablenkenden Einflüsse bewußt ist, wendet sich die Braut dann wieder an Den, den ihre Seele liebt. Doch sie wendet sich nun an Ihn als einen Hirten. Sie erkennt, daß Er eine Herde hat, die Er weidet und lagern läßt, und bei Ihm und Seiner Herde zu sein, ist ihr großes Verlangen. Sie wünscht nicht, mit den Herden Seiner Genossen umherzustreifen. Sie ist den Bemühungen der Söhne ihrer Mutter nicht unterlegen, die sie hindern und ablenken wollten, und wendet sich nun zu ihrem sie ewig Liebenden, damit Er sie lehre, Seine Herde von den Herden Seiner Genossen zu unterscheiden. Ihr Herz fühlt da eine noch hinterhältigere Gefahr. Es handelt sich jetzt nicht um die, die Ihm oder ihr offenbarlich widerstehen; die Herden werden hier nicht als die von schlechten Män nern oder sogar von solchen betrachtet, die mit Ihm im Wettbewerb stehen; nein, es sind die Herden Seiner Ge nossen. Sie hat ein scharfes Unterscheidungsvermögen. Einige würden meinen, neben den Herden Seiner Ge nossen zu weiden wäre ein ganz guter Platz und nahe genug! Viele sind ganz zufrieden damit, zu Seiten der Herde eines ernsten und ergebenen Dieners Christi zu sein. Das ist sicherlich ein guter Platz, doch die Frage der Braut zeigt klar, daß es einen noch besseren Platz gibt. Ihre Übung ging dahin, des Besterreichbaren nicht ver lustig zu gehen. Für sie gab es nur eine überaus an ziehende Herde, und das ist die Herde, die Er hütet, leitet und nährt. Verlangen w i r danach, die köstliche Wirklich keit einer Stätte zu kennen, wo Er Seine Herde weidet und lagern läßt? Kennen unsere Herzen den Unterschied zwischen dem und den Herden Seiner Genossen? Oder haben wir gedacht, daß alles das wirklich dasselbe ist und daß es zwischen ihr und ihnen nur geringe oder gar keine Unterschiede gibt? Dem Herzen der Braut bedeu-
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tete das Umherstreifen bei den Herden Seiner Genossen ein Entbehren Seiner Gesellschaft, Seiner Leitung und Weide. Ihr wäre das ein großer Verlust gewesen, und sie war überzeugt, daß Seine Liebe sie vor diesem Verlust bewahren würde. Sogar Seine Genossen können von Ihm ablenken, und wie vortrefflich sie auch sein mögen, wir haben sie zu meiden, wenn sie uns von der Stätte zu rückhalten, wo Er Seine Herde weidet und sie lagern läßt.
Wir haben darauf hingewiesen, daß die Frage der Braut in Vers 7 ist, wo der königliche Hirte Seine Herde weidet. Sie hat ein Bewußtsein davon, daß diese Stätte die der Herden Seiner Genossen an Vortrefflichkeit über ragt; sie wünscht ausschließlich für Ihn zu sein und Ihm da nahe zu sein, wo Seine unmittelbare und persönliche Hirtenfürsorge gekannt werden kann. Bis dahin war sie die Redende, und die, die den Zuneigungen und Wün schen Ausdruck verliehen, die den Zustand ihres Herzens Ihm gegenüber offenbarten. Vor allen anderen kennzeichnet sie die Inbrunst und Stärke der Liebe ihrer Seele zu Ihm; damit ist sie in Seinen Augen in Wahrheit die „Schönste unter den Frauen". Es ist ein wohl zu be achtender Wesenszug dieses Buches, daß der König nicht von einer Schönheit redet, die Er in ihr erblickt, bis sich diese geoffenbart hat. Ihre Fähigkeit, Seine Vortreff lichkeit und Seinen Wert ohnegleichen zu schätzen, macht sie Ihm anziehend; und Seine Liebeserklärungen folgen den ihren. Die in diesem Buche dargestellte Liebe Christi ist nicht eine unumschränkte Liebe, die sich un geachtet des sittlichen Zustandes der geliebten Person ihrer eigenen Fülle gemäß ergießt, sondern es ist eine be urteilende Liebe, die liebenswerte Wesenszüge ihres Gegenstandes anziehen. Solcherart ist die Liebe Christi zur Kirche; Er kann sagen: „Siehe, du bist schön, meine Freundin", „denn deine Stimme ist süß und deine Ge stalt anmutig" (Kap. 1, 15; 2, 14]. Das Weib in Lukas 7 hatte in Seinen Augen, obwohl ihre Schönheit die sitt liche Schönheit einer solchen war, die Vergebung der Sünden empfangen hatte, und nicht die der Braut, sehr anmutige Wesenszüge, denn sie war bußfertig, die ver gebende Gnade ihres hochgelobten Gläubigers hatte sie
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angezogen, und sie liebte Ihn viel. Die Züge der Braut sehen wir im Bilde klarer in Abigail, die „von guter Ein sicht und schön von Gestalt" war, und von der David sa gen konnte; »Gesegnet sei dein Verstand" (1. Sam. 25, 3, 33). In ihr war etwas, was der Liebe Davids würdig war; und der Geist will andeuten, daß der in der Braut des Hohenliedes dargestellte Überrest Wesenszüge hat, die die Liebe Christi auf sich ziehen, und auch die Kirche oder Versammlung hat solche Wesenszüge. Die Sprache des Hohenliedes auf die Heiligen der Kirche anzuwen den hegt keine Schwierigkeit vor, weil die von ihr ge kannte Liebe Christi sicherlich nicht geringer ist als die, die der Überrest kennenlernen wird, und auch der Wider hall, den Seine liebe in unseren Herzen findet, ist ganz sicher von nicht geringerer Inbrunst als der ihrige. Ich bezweifle nicht, daß es des Heiligen Geistes Absicht war, daß dieses Buch gerade deshalb für uns einen besonderen Wert haben sollte, weil es in so treffender Weise die Zu neigungen solcher Heiligen darstellt, die Christi Liebe kennen und uns zeigt, daß Seine Liebe die schätzt, die solche Zuneigungen haben. Dem ist auch noch hinzu zufügen, daß es uns vor Einflüssen warnt, die geeignet sind, die Reinheit und Innigkeit unserer Zuneigungen zu gefährden, und dessen bedarf es.oft sehr. Ich glaube, daß Jesus Martha und ihre Schwester und den Lazarus liebte (Joh. 11, 5), weil sie der Liebe würdige Wesenszüge hatten, so auch Johannes, so daß er insonderheit „der Jünger, den Jesus liebte", war (Joh. 13, 23; 19, 26; 20, 2; 21, 7. 20). Alle derartigen Wesenszüge gewinnen Ge stalt, insoweit wir Christum und Seine Liebe schätzen. Die nun vor uns tretende Hirtentätigkeit des Herrn lenkt unsere Gedanken auf Johannes 10. Hier tritt Er nicht zwischen uns und den Feind, sondern Er weidet Seine Herde und läßt sie lagern. Wohl ist Er in treuer Liebe dem Wolf entgegengetreten, doch Er hat das getan, weil Er Seine Herde nicht nur in vollkommener Sicher heit wissen will, sondern auch in vollkommener Befrie digung und Ruhe. Er ist gekommen, damit Seine Schafe „Leben haben und es in Überfluß haben"; Er gibt ihnen ewiges Leben (Joh. 10, 10. 28). Die „grünen Auen" und „stillen Wasser" von Psalm 23, 2 zeigen, wohin Er Seine
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Herde führt und wo Er sie weidet, und die Ihn lieben, suchen dort erfunden zu werden. Weshalb sich seitab wenden, auch wenn es zu den Herden Seiner Genossen hin wäre, wenn vollkommene Befriedigung da gefunden werden kann, wo Er Seine Herde weidet? Gewiß ist, daß die, die Ihn lieben, nirgendwo anders wahre Befriedigung finden können. Wenn Er sieht, daß wir daselbst zu sein begehren, so wird Er uns sagen: „Gehe hinaus, den Spuren der Herde nach" (V. 8). Er deutet an, daß wir Schritte zu tun und dabei auch darauf zu achten haben, was die „Spuren der Herde" sind, denn aus dieser Ant wort können wir schließen, daß diese andeuten, wo der Hirte ist. Wo sich die Schafe unter Seiner Führung und Leitung bewegen, vermögen solche zu erkennen, die aus Liebe da zu sein begehren, wo Er Seine Herde weidet. Die Spuren der Herde in Johannes 10 führten aus dem jüdischen Schafhofe hinaus, und der Hirte wird Seine Schafe nie in etwas führen, was das Gepräge eines Hofes trägt. Es ist jetzt „eineHerde, ein Hirte" (Joh. 10, 16). Die hebräischen Gläubigen sollten „zu ihm hinausgehen, außerhalb des Lagers" (Hebr. 13, 13), und inmitten eines Bekenntnisses, das im allgemeinen durch Ungerechtigkeit gekennzeichnet wird, führt der Hirte „in Pfaden der Gerechtigkeit um seines Namens willen" (Ps. 23, 3).
Er sagt: „Meine Schafe hören meine Stimme" Joh. 10, 27); der Geist des Gehorsams kennzeichnet sie, doch es ist ein Gehorsam, der es mit dem Pfade zu tun hat — „sie folgen mir". Wenn wir solche sehen, die von Un gerechtigkeit abstehen, sich von Gefäßen der Unehre tren nen und nach Gerechtigkeit, Glauben, Liebe und Frieden mit denen streben, die den Herrn anrufen aus reinem Herzen, so können wir gewiß sein, daß wir einige von den Fußspuren der Herde sehen. Doch nur, wer die Kenn zeichen der „Schönsten unter den Frauen" trägt, vermag diese Fußspuren zu erkennen. Wir bemerkten schon, daß sie zwischen Seiner Herde und den Herden Seiner Ge nossen zu unterscheiden vermochte, was Geistlichkeit er fordert. Der Hirte würde uns nicht sagen, den Spuren der Herde nachzugehen, und uns dann in Ungewissheit darüber lassen, was diese kennzeichnet. Wir haben im-
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mer ein hinreichendes Zeugnis, uns diese offenbar zu machen, doch das erfordert geistliches Unterscheidungs vermögen. Manchmal sehen wir, daß Heilige bis zu einem gewissen Punkte miteinander wandeln, und dann tren nen sie sich und gehen verschiedene Wege. Ein solcher Bruch stellt uns ernstlich vor die Frage, wo wir wirklich „die Spuren der Herde" vor uns haben. Die Wahrheit an sich würde die Heiligen nicht trennen, sondern sie immer zu einen suchen; auch könnten wir uns nicht denken, daß Der, der sagte, „Es wird eine Herde und ein Hirte sein" Joh. 10, 16), Seine Schafe auseinander gehende Wege führt. Sowie sich das, was „eine Herde" sein sollte, trennt, ist ein Seiner Leitung fremder Ein fluß wirksam. Doch „der geistliche beurteilt alles" (1. Kor. 2, 15), und deshalb sollten wir vor allem danach trachten, selbst geistlich zu sein. Ohne daß unsere Augen mit Augensalbe gesalbt sind, vermögen wir nicht zu erken nen, wo der Hirte Seine Herde weidet. Eins jedoch ist gewiß, daß wir die Spuren der Herde auf Pfaden der Gerechtigkeit finden; die Herde besteht aus denen, die den Herrn lieben und Seine Gebote halten. Was unsere Speise ausmacht, ist eine große Probe; wo der Hirte Seine Herde weidet, da gibt es keinen Mangel. Viele wissen heutzutage, wo es geistliche Speise gibt, sie gehen aber aus dem einen oder anderen Grunde nicht dorthin; das wird in Wahrheit ein Prüfstein unserer Liebe zum Herrn.
Die „Schönste unter den Frauen" hat dann auch eine Herde, und Er sagt ihr, sie bei den Wohnungen der Hirten zu weiden. Ihr Wesen hat sich nach Dem gestaltet, den ihre Seele liebt, und so gibt sie sich demselben Dienste der Liebe hin wie Er. Die „Wohnungen der Hir ten" besagen, daß die, die Ihn lieben, ihrem Maße ge mäß auch Hirten werden und für Seine Herde sorgen. Petrus war einer, der das tat, als er seine eigene Schwach heit und die zarte Gnade und Fürsorge des Hirten ken nengelernt hatte.
Auf den Spuren der Herde zu wandeln, erfordert nicht nur Liebe, sondern Entschlossenheit und Kraft, feindliche Einflüsse zu überwinden. Und das tritt uns unter dem der Wehrmacht entnommenen Bilde entge-
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gen, mit dem Er nun Seine Freundin vergleicht, nämlich mit einer „Stute an des Pharaos Streitwagen" (V. 9). Wenn lautere Zuneigungen erhalten bleiben sollen, so muß Kraft dasein, Widrigen entgegenzutreten. Gott gibt dem Rosse Stärke, so daß es furchtlos dem bewaffneten Heere entgegengeht (siehe Hiob 39, 19—25). An einem zukünftigen Tage wird der Herr Jesus auf einem weißen Pferde hervorkommen, um zu richten und Krieg in Ge rechtigkeit zu führen, und die Kriegsheere in dem Him mel werden Ihm auf weißen Pferden folgen, angetan mit weißer, reiner Leinwand (Offb. 19, 11—14). Da ist im voraus davon die Rede, daß die Heiligen in sittlicher Kraft ausziehen werden, das zu überwältigen, was Gott und Seinem Gesalbten entgegen ist. Auf Pfaden der Gerechtigkeit zu wandeln, bringt Kampf mit sich, doch es ist Kraft dafür da, die Heiligen sind „stark in dem Herrn und in der Macht seiner Stärke" (Eph. 6, 10). „Eine Stute an des Pharaos Streitwagen" weist offenbar auf das hin, was man die streitende Kirche nennt. Es ist nun höchst wichtig, daß wir in dieser Eigenschaft Den in der rechten Weise darstellen, um deswillen wir in den Krieg gehen. Eine Stute an des Pharaos Streitwagen ist der art geschmückt, daß sie einen würdigen Eindruck von dem Reichtum und der Macht des Pharao gibt. Wir haben daher zum Kampfe „die ganze Waffenrüstung Gottes" anzuziehen (Eph. 6,11), und dann werden wir der Macht des Feindes so entgegentreten können, daß Gottes Kraft, und nicht menschliche Schwachheit, offenbar wird. Wir haben geliebte Diener Gottes gekannt, die viel Kämpfe durchmachen mußten, doch ihre geistliche Stärke kam da bei ans Licht, und Siege wurden davongetragen. Paulus war ein großer Streiter im Heere des Herrn, und er berichtet davon, welcherart Waffen er gebrauchte, und wie wirksam sie waren. Er sagt: „Denn obwohl wir im Fleische wandeln, kämpfen wir nicht nach dem Fleische; denn die Waffen unseres Kampfes sind nicht fleischlich, sondern göttlich mächtig zur Zerstörung von Festungen; indem wir Vernunftschlüsse zerstören und jede Höhe, die sich erhebt wider die Erkenntnis Gottes, und jeden Ge danken gefangennehmen unter den Gehorsam des Chri stus" (2. Kor. 10, 3-5).
28 In diesem Buche wird mehrfach darauf hingewiesen, daß die Braut wie für den Kampf gerüstet auszieht; in Kapitel 6, 4. 10 ist sie „furchtbar wie unter Bannern Stehende". Wenn wir nicht bereit sind, unseren geist lichen Feinden als Streiter entgegenzutreten, so werden wir ganz sicher etwas Christo Zukommendes aufgeben, und zwar etwas für die Wahrung der Reinheit unserer Zuneigungen Wesentliches.
Die Gaben werden in Epheser 4, 8—12 als die Frucht der Tapferkeit Christi im Kampfe dargestellt: „Hinauf gestiegen in die Höhe, hat er die Gefangenschaft gefangen geführt und den Menschen Gaben gegeben." Die Gaben sind das Zeichen und der Beweis des Sieges Christi, und in sittlicher Hinsicht kann nichts vor ihnen standhalten. Apostel, Propheten, Evangelisten, Hirten und Lehrer gehen in der Kraft des siegreichen und aufgefahrenen Christus vor, und das Werk des Dienstes schreitet vor wärts und hat trotz allen Widerstandes Erfolg. Seelen werden bekehrt, der Leib Christi wird auferbaut, und das angesichts jeder feindlichen Macht.
Es besteht eine große Gefahr, im Kampfe das zu offenbaren, was vom Fleische ist, wenn wir nicht mit Gott in ihm stehen; und dadurch erlangt der Feind einen Vorteil. Es ist wichtig, das zu beachten, worauf wir mit Bezug auf die Kriegsheere in dem Himmel hinweisen: sie sind „angetan mit weißer, reiner Leinwand", und eine derartige Kleidung geziemt sich dem Bilde nach auch für die, die heute die Streite des Herrn ausfechten. So hat auch die mit einer „Stute an des Pharaos Streitwagen" verglichene Braut Anmut und Zierate (V. 10 u. 11), in denen Gold und Silber einen hervorragenden Platz ha ben, die das Göttliche seinem Wesen und seiner Gnade nach darstellen. Dem entspricht das Wort: „Der in Sanft mut die Widersacher zurechtweist" (2. Tim. 2, 25); sogar im Kampfe sollten uns Gottes und des Herrn würdige Eigenschaften zieren. In: „Wir wollen dir goldene Kettchen machen mit Punkten von Silber", mag eine Andeutung der eins an das andere reihenden Wirksam keit des Vaters und des Heiligen Geistes, wie auch Christi liegen, die eine Zier der Gnade zustande bringt, die sogar am Tage des geistlichen Kampfes ein Zeugnis für Gott  an Seinem Volk ist. Man hat dem Feinde entgegen zutreten, doch das hat derart zu geschehen, daß es ein Zeugnis für das wahre Wesen Gottes und die Gnade der gegenwärtigen Haushaltung ist. Vers 12 versetzt uns in eine andere Umgebung, es handelt sich da nicht mehr um den Hirten und Seine Herde, noch um Bereitschaft für den Kampf, sondern wir befinden uns in dem königlichen Palaste, wo „der König an seiner Tafel" ist. Die Schrift gibt uns einen hohen Begriff von der Fülle, die an Salomos Tafel herrschte, es heißt in 1. Könige 4, 22. 23: „Und der Speisebedarf Salomos für einen Tag war: dreißig Kor Feinmehl und sechzig Kor Mehl, zehn gemästete Rinder und zwanzig Weide-Rinder und hundert Schafe; ohne die Hirsche und Gazellen und Damhirsche und das gemästete Geflügel." So reich wurden der König Salomo und alle die, die zu seinem Tische kamen, versorgt(V. 27). „Die Speise seines Tisches" war eins von alledem, wodurch die Königin von Scheba außer sich geriet (1. Kön. 10, 4. 5). Und hier haben wir den „König an seiner Tafel"; da herrscht nicht nur Überfluss, sondern allen wird die Gnade Seiner Gegenwart zuteil — Er ist da, um Seine Gäste persönlich zu bewirten. Das Wunderbarste wird uns zugänglich gemacht, um uns „nach allem Begehr" unserer Seele zu sättigen (5. Mose 12, 20). Das für Salomos Tafel aus ersehene Feinmehl und Mehl stellt den Herrn Jesum als vollkommenen, heiligen Menschen hienieden dar, wie auch das Feinmehl des Speisopfers in 3. Mose 2. Die ver­schiedenen Tiere reden von Ihm, der, um Speise für uns zu werden und der Gegenstand unserer Gemeinschaft zu sein, in den Tod gegangen ist. Diesen Tieren ist etwas von dem Wesen des Friedensopfers eigen, obgleich sie nicht als Gott auf dem Altar dargebracht betrachtet wer den, sondern als die Speise der Tafel des Königs. Der Tod Christi hat vor Gott einen wunderbaren Opferwert, doch er ist auch „geistliche Speise" (1. Kor. 10, 3) für die Heiligen, ihrer teilhaftig, haben wir Gemeinschaft miteinander. „Des Herrn Tisch" (1. Kor. 10, 21) umfaßt das, was Er zum Gegenstand der Gemeinschaft Seiner Heiligen ersehen, er begreift den Gedanken der Gemein schaft an allem in sich, was uns Sein Tod erworben hat. 
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Ein Weltmensch findet keinen Geschmack an den Speisen dieses Tisches, denn sie alle gehören einer geistlichen Ordnung an, denen jedoch, die den Herrn Jesum lieben, sind sie höchst anziehend. Was hier vor uns kommt, ist, daß „der König an seiner Tafel" ist, und wie die Braut I h n an einer der artigen Tafel schätzt. Er Selbst ist vor ihr. Die reiche Ausstattung Seiner Tafel wird unmittelbar mit Dem verbunden, Dessen Tafel es ist; Er fesselt jedes Herz. Nicht die Segnungen oder die Befriedigung des Ver­langens der Seele oder gar die Gemeinschaft der zu Tische Sitzenden, sondern eben die Tatsache, daß „der König an seiner Tafel" ist, bewirkt, daß ihre Narde ihren Duft ausströmt. Die Segnungen und die Gemeinschaft sind sehr süß, doch erst wenn E r Seinen Platz in Beziehung zu dem allem in unseren Herzen bekommt, strömt der Wohlgeruch aus. Wir haben nicht nur einen Kelch und einen Tisch, der von jedem anderen Kelche und Tische verschieden ist, sondern sie beide reden die machtvollste Sprache zu unseren Herzen, dasie „des Herrn Kelch" und „des Herrn Tisch" sind. Die Gemeinschaft er langt ihre wahre und erhabene Eigenart nicht eher, als unsere Herzen sie lebendig mit Ihm verbinden. Er führt den Vorsitz an Seiner Tafel und verwaltet deren Fülle; das ist ein großer und umfangreicher Gedanke. Wenn wir den Herrn in dieser Stellung erfassen, dann strömt unsere Narde ihren Duft aus. Das beschränkt sich nicht auf die Zeit, wo die Heiligen als Kirche zusammenkom men, wenn es auch da in besonderer Weise genossen wird. Es scheint dies hier ein Erfassen des Herrn an dem Platze zu sein, den Er in Beziehung zu allem einnimmt, was die christliche Gemeinschaft ausmacht. Sein unter schiedlicher und hervorragender Platz in Beziehung zu alledem erfüllt das Herz und wird der Anlaß, daß der Wohlgeruch ausströmt. Die „Narde" der Kirche ist der heilige Wohlgeruch Christi, der Myriaden Herzen ent strömt, wenn sie Seinen herrlichen Platz erfassen und schätzen, demzufolge Er so erhaben in der Verwaltung all der Frucht göttlicher Liebe dasteht, die heute das We sen der Gemeinschaft der Heiligen ausmacht. Er kann nicht derart gekannt werden, ohne daß ein inniges Ver-
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langen danach erweckt wird, sich mit denen zu versam meln, die Ihn gleicherweise kennen. Das Erfassen Seines Platzes in Beziehung zu der Genossenschaft verbindet unsere Herzen, getrennt von allem, was von der Welt ist, miteinander, und das zu aller Zeit, und nicht nur, wenn wir Zusammenkünfte haben. Doch dieses kostbare Band erweist sich darin, daß die Heiligen zusammen kommen, wenn immer sich eine Gelegenheit dazu bietet, und dies besonders, um des Herrn Abendmahl zu essen.
Der König an Seiner Tafel stellt die Oberhoheit des Herrn bei der Austeilung alles dessen an Seine Geliebten dar, was durch Seine Menschwerdung und Seinen Tod deren gemeinsames Teil und ihre Freude wurde. Wie könnten wir Ihn von Herzen derart erfassen, ohne daß sich der Wohlgeruch Seines Namens und Seiner Person von unseren Herzen ergießt?
Salomos Tafel wird ihr Gegenbild in dem Tische des Königs haben, woran die Jünger in Seinem Reiche essen und trinken werden (Luk. 22, 30), doch es gibt etwas, was ihr gegenwärtig entspricht. Der Tisch des Herrn wird in 1. Korinther 10, 21 dem Tische der Dämonen gegen übergestellt; er redet von einer Gemeinschaft, die geist lich befriedigt und im Gegensatz zu allem in der Welt steht, was sich an die Lüste der Menschen wendet. Er begreift das geistlich Gute in sich, das sich auf Christum gründet und uns durch Seinen Tod zugänglich geworden ist. Als des Herrn Tisches teilhaftig, haben wir an einer Freude und Befriedigung teil, die vollständig außerhalb des Laufes der Dinge in dieser Welt liegt. Die Heiligen haben geistliche Freuden miteinander gemein und sind so dem Herzen und Sinn nach geeint, und die Eigenart ihrer Freuden sondert sie von der gegenwärtigen bösen Welt ab. Leute, die gleiche Bestrebungen verfolgen, lie ben es, sogar in der Welt, zusammenzukommen, und kein Band ist dem vergleichbar, was die miteinander ver bindet, die des Tisches des Herrn teilhaftig sind.
Doch was uns in dieser Schriftstelle entgegentritt, ist weder der Reichtum der Fülle an der Tafel des Königs, noch die Gemeinschaft der daran Teilhabenden, sondern die wunderbare Person, Deren Tafel es ist. Ihn, der so
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erhaben in der Verwaltung des göttlichen Segensreich tums ist, in Verbindung mit ihr zu sehen, erweckt die tiefe Bewunderung der Herzen derer, die Ihn lieben, so daß deren Narde ihren Duft ausströmt, wie auch die des Weibes, als sie ihr Alabasterfläschchen voll kostbarer Narde zerbrach und es über Ihn ausgoß (Mark. 13, 3; Matth. 26, 6; Joh. 12, 3). Wenn wir Ihn derart sehen, wie eifersüchtig wachen wir darüber, daß wir keine Bande oder Beziehungen zu dem haben, was unter dem Einflüsse des Bösen steht! Das führt uns dahin, heilige Zustände aufrechtzuerhalten. Er ist jetzt noch nicht öffentlich an Seinem Tische in Seinem Reiche, doch die Herzen Seiner Heiligen wissen, daß Er jetzt einen Tisch hat, an dem sie Teilhaber sind. Das Hohelied hat es mit einer Erkennt nis über Ihn und einer Vertrautheit mit Ihm in der Liebe zu tun, die schon, bevor das Reich öffentlich auf gerichtet wird, genossen werden kann. Es handelt nicht von den Zuständen des Tausendjahrreichs, sondern von den innigen Beziehungen, deren sich der Überrest erfreut, ehe der Herr tatsächlich erscheint. Es schildert das, was geistlich gekannt wird, ehe Er kommt, und deshalb sind die Erfahrungen denen so ähnlich, wie sie heutzutage die machen können, die Ihn lieben. Das Buch endet mit den Worten: „Eile, mein Geliebter!" Sein Kommen ist da also noch der große Gegenstand des Verlangens. Doch inzwischen haben wir, als Seines Tisches teilhaftig, geist lich an allem teil, was Er öffentlich einführt, wenn Er kommt,
„so daß wir die Segnung schmecken jener Welt  der Herrlichkeit!
Das verleiht Kraft, uns ganz von der gegenwärtigen bösen Welt zu trennen und unsere Zuneigungen ganz Dem zu widmen, der an Seinem Tische ist. Das bereitet uns auch zu, Sein Abendmahl in der rechten Weise und verlangenden Herzens zu essen.
Vers 13 ist inniger und persönlicher als Vers 12. „Mein Geliebter ist mir ein Bündel Myrrhe; er wird die Nacht zwischen meinen Brüsten zubringen (eigentlich: über nachten}." Der König an Seiner Tafel ist ein allgemeiner
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Gedanke, doch „ein Bündel Myrrhe" zwischen den Brü sten deutet darauf hin, wie Er in der Verborgenheit per sönlicher Zuneigung geschätzt wird. Er ruht die Nacht Seiner Schmach und Verwerfung hienieden in den Zu neigungen Seiner Braut, und dies in all dem Wohlgeruch Seiner leidenden Liebe. Das schildert den Herzenszustand, in dem Sein Abendmahl wahrhaft geschätzt wird. „Myrrhe" verbindet die Schrift mit einem leidenden Christus. Wein und Myrrhe vermischt wurde Ihm an der Stätte Seiner Kreuzigung angeboten (Mark. 15, 23), und Nikodemus brachte eine Mischung von Myrrhe und Aloe, um Seinen Leib zum Begräbnis zuzubereiten (Joh. 19, 39).
Ich bin dessen gewiss, wie not es uns tut, einen lei denden Christus noch inniger zu schätzen — Er litt, weil Er den Weg unendlicher Liebe betrat. Darüber mögen wir oft von Ihm hören, ja sogar selbst davon reden, doch wie not tut es, gleichsam unseren Busen zu öffnen und Ihn dieser kostbaren Eigenart gemäß noch inbrün stiger zu lieben! Nichts anderes wird uns so nieder beugen und erweichen wie dieses. Keine öffentliche oder Verwaltungs-Herrlichkeit, die Er hat oder ausüben wird, könnte das Herz so rühren und bewegen, wie das Leid, das Seine Liebe erduldet und worin sie sich uns gegen über zum Ausdruck brachte. Die Ihn als den König der Herrlichkeit am Tage des Tausendjahrreichs kennen, werden nie vergessen, daß Sein Königstitel einst auf das Kreuz geschrieben wurde. Nichts weist jeden Gedanken des Eigenwillens oder der Selbstgefälligkeit so zurecht und entzieht ihm den Boden unter den Füßen wie die Be trachtung eines leidenden Christus; sie hat eine tiefere und uns weit mehr unterwürfig machende Wirkung als alles andere. 
Des Herrn Abendmahl dient zum Gedächtnis Dessen, der in Liebe litt, um ein Ziel zu erreichen, das auf keinem anderen Wege erreicht werden konnte. Sein Leib war, was es Ihn auch an Leiden kosten mochte, dem Willen Gottes mit den Heiligen geweiht — der Kirche und Israel; und Sein Blut ward vergossen, Sein Leben gegeben, damit Gottes Liebe gekannt werde. Seine Liebe zu jedem einzelnen Heiligen und zur Kirche wird an dem 
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erkannt, was Er in der Ergebenheit Seiner Liebe litt. Die Betrachtung der Größe der uns erworbenen Seg nungen oder der Herrlichkeit, in die Er eingegangen ist, rührt das Herz bei weitem nicht in dem Maße wie das Nachsinnen über den Weg leidender Liebe, den Er durch schritten hat. Die errungenen Segnungen sind unendlich groß, doch tiefer und süßer noch ist die Liebe, die litt, um sie uns zu sichern. Wie wird dies die Herzen des Überrestes Israels rühren, wenn sie, nachdem Gottes Regierung sie durch Leiden über Leiden nahezu über wältigender Art geführt hat, finden, daß ihr Messias — Gottes Gesalbter — Sich Selbst in Liebe mit ihrer Leidens stellung einsgemacht hat! In Liebe hat Er ihre Leiden getragen und ihre Schmerzen auf Sich geladen, ja Er ist um ihrer Übertretungen willen verwundet worden (Jes. 53, 4. 5). Daß der Immanuel — Jehova, der Erretter — der Gerechte, in Liebe leiden sollte, um Seinem Volke die Segnung und die Vereinigung mit Ihm zu sichern, ist höchst ergreifend. Der Ausspruch: „Er selbst nahm un sere Schwachheiten und trug unsere Krankheiten" (Matth. 8, 17) steht in gesegnetem Einklang mit Seinen Wegen vor alters, über die geschrieben steht: „In all ihrer Be drängnis war er bedrängt" (Jes. 63, 9). Wie sehr hat Sich der Geist Christi über diesen kostbaren Gegenstand ver breitet! Er deutete im voraus auf die Leiden, die über Christum kommen sollten, hin und zeugte von ihnen! Wenn dieses Zeugnis durch Gottes gnadenreiches Wirken von dem leidenden Überrest angenommen wird, wie wer den sie dann ihren so lange verworfenen Messias lieben! Er wird ihr Geliebter werden und wie ein Bündel Myrrhe zwischen ihren Brüsten ruhen. Der Tag ist dann noch nicht angebrochen, es wird noch Nacht für sie sein, wie auch jetzt für uns; doch die ganze Nacht hindurch werden ihre Herzen Ihn wie einen unermesslichen wohlriechenden Schatz liebend umhegen. 
Doch wie steht es da mit uns: ist Er u n s etwa nicht in demselben Wohlgeruch leidender Liebe bekannt? Ken nen und lieben wir Ihn nicht als den „Mann der Schmer zen"? Ward Er nicht um unseretwillen arm und hat uns die Allgewalt Seiner Liebe nicht darin kundgetan, daß Er Seinen Leib für uns gegeben und Sein kostbares Blut 
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für uns vergoss? Ist Er nicht in Kummer und Leiden ge wesen, damit Er in ihnen Mitgefühl mit uns haben könne? Sogar, was leibliche Schwachheitszustände an langt, trug Er in Seinem Geiste das volle Gewicht dessen, was Seine Macht hinwegtat; das machte einen Teil des Leidensweges aus, den Seine Liebe einschlug. Doch wie süß daran zu gedenken, daß Er diesen Weg ging, damit Er uns aufs Innigste mit Sich Selbst vereine. Die Braut hat ein Bewußtsein davon, und das führte sie dahin, Ihn wie ein Bündel Myrrhe liebend zwischen ihren Brüsten zu hegen. Sie ist Ihm bewußt nahe und hat ein tiefes Empfinden davon, daß Seine Liebe unermesslich litt, um sie in solcher Nähe zu haben. Er hat nicht nur die Süh nung vollbracht — das hat Er vollkommen getan, und sie weiß es und genießt den Frieden, den das mit sich bringt —, sondern Er hat gelitten, damit sie den Platz größter und trautester Nähe in der Vereinigung mit Ihm habe und Seine Liebe in dieser Stellung kenne und genieße.
Es ist das Vorrecht der Heiligen, beim Essen des Abendmahls des Herrn Dessen zu gedenken, der, damit wir Seine Liebe auf die innigste Weise kennten, sogar in den Tod gehen konnte. Er hat, gepriesen sei Sein Name, unsere Sünden getragen, doch wenn wir daran denken, sind wir nicht mit dem beschäftigt, was vor Sei nem Herzen war, als Er das tat. Er ging diesen Weg, um uns für Sich Selbst und zum Wohlgefallen Gottes in der ewigen Nähe wohlerkannter Liebe zu haben. Die Braut hat das erfasst und geschätzt, so daß ihr Seine leidende Liebe in Verbindung mit deren Herzensgedan ken des Segens kostbar geworden ist. Er ging jenen Weg, damit sie von Ihm Besitz ergriffe und Er sie besitze, und das zu ihrer Befriedigung und zu der Seinigen.
Welch ein Trost ist es dem Herzen Christi, daß die Leiden Seiner Liebe die ganze Nacht Seiner Abwesen heit und Verwerfung liebend zwischen unseren Brüsten gehegt werden! Ja, Seine leidende Liebe wird alle Ewig keit hindurch eine Stätte in den Herzen der Erlösten haben.

„In weißen Kleidern dann mit Dir dort wandelnd in dem Licht, gedenken wir an Deinen Pfad vor Gottes Angesicht."
(Lied Nr. 270, 2)
Das Bündel Myrrhe wird nie seinen Wohlgeruch ver lieren. Wenn die Nacht vergangen ist, wird Er immer noch geliebt werden, und dies den ganzen ewigen Tag Gottes hindurch.
Es ist gut, der leidenden Liebe des Herrn zu gedenken, und zwar nicht von unserer Seite aus gesehen, von der Seite bedürftiger Sünder, sondern von Seiner Seite aus, in Beziehung zu all den Gedanken der göttlichen Liebe. Von dieser Seite aus wird sie von der Braut betrachtet. Seine Liebe ging einen bestimmten Pfad, um ein be stimmtes Ziel zu erreichen, und dieses war, uns in Seiner trautesten Nähe in Seinen eigenen Umständen zu wissen, wenn ich so sagen darf, da, wo die Liebe ungehindert ausströmen kann, ohne daß ein Gedanke an Sünden und Sünde uns von Ihm ablenkt. Das Passah ist ein Bild da von, wie Gott durch den Tod Christi Sein Volk zu Sei nem Wohlgefallen aus der Welt nimmt. Das war der Weg der Liebe, denn: „Als Israel ein Kind war, da liebte ich es, und aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen" (Hos. 11, 1). Doch die Erlösung zum Wohlgefallen Gottes geschah durch das Leiden des Lammes, leidende Liebe brachte sie zustande, und die Folge war, daß die Liebe in der völligen Segnung der Gegenstände ihres Herzens ruhen konnte. Das Lamm ward geoffenbart, damit der ewige Vorsatz der Liebe durchgeführt werde (siehe 1. Pe trus 1, 19-21).
Beim Essen des Abendmahls des Herrn gedenken wir Dessen, der durch solche Tiefen ging, um das zustande zu bringen, was vor dem Herzen Gottes und vor Seinem eigenen Herzen stand, und das war, wir sollten Seine Liebe und die Liebe Gottes kennenlernen und sie schätzen und als solche erwidern, die in Seine überaus gesegnete Nähe gebracht worden sind. Ich bin gewiß, daß uns der Geist Gottes zu dieser Seite von dem allem führt, wenn
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wir an Christum als das Bündel Myrrhe denken, das zwischen den Brüsten derer ruht, die Ihn lieben. Wenn Er diese kostbaren Wirklichkeiten vor uns bringt, so laßt uns sie erwägen und über sie beten, damit alles dieses wahrhaftiger in unseren Seelen gekannt und erfahren werde. Die leidende Liebe Christi zu schätzen, bereitet uns für Leiden hienieden zu. Wir sollten an einem Platz, wo wir berufen sind, die Gefährten eines leidenden Chri stus zu sein, keine Ehre und kein Wohlergehen erwarten. Vers 14 bringt einen anderen kostbaren Gedanken vor uns: „Eine Zypertraube ist mir mein Geliebter, in den Weinbergen von Engedi." Soviel ich weiß, tragen die Frauen im Osten diese Blumen als Schmuck. Den Herrn in Seiner leidenden Liebe schätzen, Dessen wir bei Sei nem Mahl gedenken, bereitet uns zu, Ihn hienieden als den uns kennzeichnenden Schmuck zu tragen. Wir gehen dann von Seinem Abendmahl mit dem Gefühl hinweg, daß wir nun keinen anderen Schmuck mehr haben noch eines anderen bedürfen. Wir begehren nicht, äußerlich vor der Welt geschmückt zu sein, sondern wünschen Christum zum Wohlgefallen des Herzens Gottes auszu drücken. „An jenem Tage wird der Sproß Jehovas zur Zierde und zur Herrlichkeit sein, und die Frucht der Erde zum Stolz und zum Schmuck für die Entronnenen Israels" (Jes. 4, 2). Eine andere verwandte Stelle ist: „An jenem Tage wird Jehova der Heerscharen dem Überrest seines Volkes zur Krone der Zierde und zum Kranze des Ruhms (des Schmucks oder der Pracht) sein" (Jes. 28, 5). Unser einziger Schmuck in geistlichem Sinne ist, etwas von Christo an uns zu tragen und es zum Ausdruck zu brin gen. Ich glaube, Christus als eine „Zypertraube" wird an uns offenbar, wenn wir Ihn im Verborgenen als das „Bündel Myrrhe" zwischen unseren Brüsten getragen haben. Pauli sehnliche Erwartung und Hoffnung war, daß Christus in seinem Leibe hoch erhoben werde. (Phil. 1. 20.) Wenn ich in der Tat, im Wort oder Geist einem Zug von Christo Ausdruck verleihe, statt das zu offen baren, was von dem Fleische oder der Natur ist, so bin ich im göttlichen Sinne wahrhaft geschmückt; und nur dann werden wir wahrhaft glücklich sein. Wenn ich in den Vordergrund trete, so säe ich nur Samen des Herze-
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leids. Die Zypertrauben dagegen finden sich in den Weingärten, und so gibt es, wenn Christus offenbar wird, wahre geistliche Freude.
In Vers 15 redet dann wiederum der König, Er gibt eine Antwort auf die Äußerungen der Braut in Vers 12—14. Wir hatten schon bemerkt, daß Er Seiner Liebe nicht eher einen Ausdruck verleiht, als sie die ihre kund getan. Wir haben hier nicht die Evangeliumsseite: „Wir lieben, weil er uns zuerst geliebt hat", sondern die: „Ich liebe, die mich lieben" (1. Joh. 4, 19; Spr. 8, 17). Liebe volle Züge werden in der Braut offenbar, geistliche We senszüge, und dann antwortet Er in einer Weise, die zeigt, wie sehr Er das schätzt, was Er in ihr sieht. So sagt Er hier: „Siehe, du bist schön, meine Freundin, siehe, du bist schön, deine Augen sind Tauben." Das erste Mal sprach Er zu ihr, um ihren Weg „den Spuren der Herde nach" zu leiten und ihr zu zeigen, daß Er wußte, daß sie jedem Feind entgegenzutreten vermochte; doch jetzt han delt es sich darum, was sie Ihm ist. Sie ist „schön", und der besondere Wesenszug ihrer Schönheit, den Er er wähnt, ist, daß ihre Augen Tauben sind. Sie hat ein geistliches Auffassungsvermögen, und das macht sie Ihm so anziehend. Sie hat dem Ausdruck verliehen, welchen Platz ihr Geliebter in ihrem Herzen einnimmt, und das ist es, was sie in Seinen Augen so schön macht. Unsere Schönheit in den Augen Christi besteht darin, wie wir Ihn schätzen. Das ist es, was Seine Heiligen vor allen anderen kennzeichnet. „Er spricht zu ihnen: Ihr aber, wer saget ihr, daß ich sei? Simon Petrus aber antwortete und sprach: Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes" (Matth. 16, 15. 16). Dieses war es, das, wie wir wissen, ihm Seine besondere Segnung zuteil werden ließ; es war die Frucht einer Offenbarung, die Sein Vater gemacht hatte. Das erwies, daß Petrus ein Teil des geist lichen Baustoffs zu Seiner Versammlung war.
Auf die kurze, aber kostbare Äußerung des Königs in Vers 15 antwortet die Braut von Vers 16 bis Kapitel 2, 1. Ihr Zustand und ihre Umstände sind solche trautester Nähe, wenn auch das, was sie von Ihm Selbst sagt, nur die wenigen Worte sind: „Siehe, du bist schön, mein Geliebter, ja holdselig." Sie verbreitet sich in ihrer Rede.
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zu Ihm nicht über Seine mannigfaltigen Vollkommen heiten, tut das aber nachmals, wenn sie zu anderen über Ihn redet. Es ist auffallend, daß ihre Sprache gerade da zurückhaltender ist, wo sie sich im Genuß Seiner Nähe und der Vertrautheit mit Ihm in einem dem angemesse nen Zustand befindet, als da, wo sie Seiner Gesellschaft verlustig gegangen ist. Man kann sagen, daß sie überschwenglicher in ihren Worten ist, wenn sie weniger Freude genießt. Das hat uns sicher etwas zu sagen, das unseren Herzen wohlverständlich sein wird!
Er ist „schön" und „holdselig", und ihr Herz ist voll von dem, was ihr Teil mit Ihm ist. Sie spricht von „un serem Lager", „unserer Behausung", „unserem Getäfel"; bei Ihm ist friedsame Ruhe in angemessenen Umständen — kurz, wir haben da eine Nähe der Vereinigung, die wir nach dem ersten Abschnitt des Buches nicht wieder finden. In Kapitel 3, 1 redet sie von ihrem Lager, und in Kapitel 5 ist sie augenscheinlich in ihrem Bett; doch wie verschieden ist ihr Zustand von dem, wo sie „unser Lager" sagen kann! In Kapitel 3, 7 lesen wir von „Salo-mos Tragbett (Sänfte)", doch da wird nicht angedeutet, daß dies jemand mit Ihm teilt. Hier jedoch kann sie sagen, „unser Lager ist frisches Grün", das redet von einer Ver einigung in friedsamer Ruhe hienieden, denn grün ist mehr die die Erde verschönende Farbe, und nicht so sehr das, was den Himmel besonders kennzeichnet. Es spricht von einer Ruhe der Vertrautheit und gegenseitiger Zu neigung, genossen innerhalb einer Behausung, wo „Bal ken" und „Getäfel" der Vereinigung mit Ihm angemessen sind. Es sind die „Balken unserer Behausung" und „unser Getäfel". Die Tatsache, daß Zedern- und Zypres senholz zum Bau des Tempels verwandt wurden, besagt, daß diese Bäume das darstellen, was Gott angemessen ist. Aus 1. Könige 4, 33 lernen wir, daß die Zeder der hervorragendste unter den Bäumen ist; nach anderen Schriftstellen kennzeichnet sie Vortrefflichkeit und Güte. In Jesaja 55, 13 wird die Zypresse dem Dornenstrauch gegenüber als die Zustände des Tausendjahrreichs kenn zeichnend hingestellt, und in Jesaja 60,13 macht sie einen Teil der Schönheit und Herrlichkeit des Heiligtums Jehovas  aus. Demnach deuten Balken und Getäfel aus
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Zedern- bzw. Zypressenholz an, daß eine Vertrautheit mit Christo nur unter Umständen genossen werden kann, die sittlich erhaben und vortrefflich sind, und die im Ein klang mit Gottes Heiligkeit und Herrlichkeit stehen. Alles wird in einer Weise aufrechterhalten, die des Geliebten und Seiner geliebten Braut würdig ist. Allein unter sol chen Zuständen können die gegenseitigen Zuneigungen Christi und Seiner Heiligen in friedsamer Ruhe genossen werden.
In derartigen Umständen kann sie sagen: „Ich bin eine Narzisse Sarons, eine Lilie der Täler" (Kap, 2, 1). Sie ist sich bewußt, daß nichts in ihr ist, was die friedsame Ruhe Seiner Liebe stören könnte. Ihr ist die Schönheit eigen, die in den erlesensten Blumen dargestellt werden könnte. Sie ist bewußterweise jedes Gebrechens und je der Unpassendheit bar. Seinem Urteil nach hat sie alle Schönheit, denn Er lebt in ihren Zuneigungen und ist ihre Schönheit. Christus ist dem Wohlgefallen Gottes alles, und wenn Er in unseren Herzen durch Glauben wohnt, so sind Seine Schönheit und Sein Wert unser. Petrus sagt: „Euch nun, die ihr glaubet, ist die Kostbarkeit" (1. Petr. 2, 7). All die Kostbarkeit Christi ist unser, damit wir dadurch bewußt bereichert und in sie eingekleidet wer den. Zwischen Christo und der Braut besteht keine Un gleichheit, denn Er ist ihre Herrlichkeit, Freude und Schönheit; sie besitzt keine andere Schönheit, noch be gehrt sie eine andere. Der Gott und Vater unseres Herrn Jesu Christi hat uns Anmut in dem Geliebten verliehen. In Seiner grenzenlosen Gunst hat Er uns dahin gebracht, Seinen Geliebten zu kennen und Ihn in unseren Herzen als Den zu erfassen, in dem wir begnadigt sind. Da man gelt es an keiner Schönheits- und Reinheitsvollkommen­heit, und die Braut, in ihrem Herzen davon erfüllt, kann sagen: „Ich bin eine Narzisse Sarons, eine Lilie der Täler.
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Kapitel 2

Es sei bemerkt, daß die Äußerungen des Königs der Braut gegenüber in diesem Buche meist im Blick darauf geschehen, daß sie etwas Bestimmtes tun soll. Er sagt ihr, was sie in Seinen Augen ist, damit sie sich im Ein klang mit ihm bewege. Wenn ihrerseits nichts zu tun erforderlich ist, so sind Seine Äußerungen sehr kurz. Von Vers 16 in Kapitel 1 bis Vers 7 in Kapitel 2 erfreut sie sich der Vertrautheit und der friedsamen Ruhe bei Ihm. Seine Liebe wird gekannt und genossen, und der Abschnitt schließt mit dem Ausdruck des Wunsches ihrerseits, daß nichts die Ruhe in Seiner Liebe stören möge. In solchen Zuständen der Ruhe hat Er nicht nötig, viel zu sagen, und es ist sehr gesegnet, wenn dies der Fall ist. Den Vätern in 1. Johannes 2 wird wenig gesagt. Die Jünglinge und Kindlein bedürfen der Ermahnung, doch den Vätern wird nur gesagt, daß sie Den erkannt haben, „der von Anfang ist" (V. 13 u. 14). Dieser erste Abschnitt des Hohenliedes stellt einen so gesegneten geistlichen Zustand dar, daß der Herr nicht nötig hat, viel zu sagen; Er kann Sich über Seine Heiligen freuen und ruht — oder schweigt — in Seiner Liebe (Zeph. 3, 17). Dahin gebracht zu sein, miteinander im Himmlischen niederzusitzen, ist in Wahrheit Ruhe; und was in diesem Teil des Hohenlieds vor uns kommt, ist eine „selige Stunde" (Lied 74, 4), wo nichts erfordert, daß etwas un ternommen wird. Er kann in Seiner Liebe ruhen, und auch sie; und das einzige, wogegen man sich zu schützen hat, ist, daß etwas die Ruhe der Liebe stören könnte. In solchen Umständen sagt der König wenig; mit nur eini­gen Worten bekundet Er, was sie in Seinen Augen ist. Da die Braut ein geistliches Auffassungsvermögen hat, ist sie schön — ihre Augen sind Tauben — und gegen über den Töchtern um sie her kennzeichnet sie dieser Schönheitsgegensatz. „Wie eine Lilie inmitten der Dor nen" steht sie harmlos, einfältig und unbescholten in mitten eines verdrehten und verkehrten Geschlechts da (Phil. 2, 15). Ihre Schönheit wird hier nicht im einzelnen beschrieben wie späterhin in diesem Buch, wo er ver schiedene Züge,  die Er an ihr schön findet,  anführt.

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Augenscheinlich tut Er das, um sie dahin zu bringen, ihre Liebe zu betätigen» damit sie durch den anregenden Einfluß Seiner Gedanken der Liebe in Einklang mit Ihm komme. Hier jedoch verweilt Er nicht bei einzelnen Zü gen ihrer Schönheit, sondern nur bei dem, was sie im allgemeinen kennzeichnet. Sie gleicht einer Lilie unter den Dornen und steht so sittlich im Gegensatz zu ihrer ganzen Umgebung. Er fügt dem nichts hinzu; Seine, wenn auch nur wenigen Worte besagen ihrem Herzen, daß Er mit ihr zufrieden ist; Er kann Wonne an ihr empfinden, und mehr bedarf es nicht.

Es ist uns eine Freude, an die Wirksamkeit des Herrn zu denken, doch es gibt sogar etwas, was noch kostbarer ist als Seine tätige Liebe, und das ist Seine ruhende Liebe. Seine Wirksamkeit wird sehr oft durch unsere Mangelhaftigkeit oder unser Fehlen veranlaßt, die Ruhe Seiner Liebe jedoch ist gesichert, wenn Ihm alles ent spricht.

Der König hatte nicht nötig, jemand viel zu sagen, der sich der Sprache von Vers 3—6 bedienen konnte. Er steht in den Augen der Braut allüberragend und unvergleich lich da — Er ist wie „ein Apfelbaum unter den Bäumen des Waldes", Es handelt sich hier wahrscheinlich um den Zitronen- oder Orangenbaum, um einen immer grünen den Baum mit lieblichem Laubwerk, der goldfarbene Früchte von köstlichem Dufte trägt. Es ist ein Baum von ganz hervorragender Schönheit, und deshalb ist er ein angemessenes Bild Dessen, der schöner ist als die Men schensöhne. Es ist in der Tat höchst gesegnet, wenn Christus in Seiner persönlichen Eigenart vor uns kommt, und in den Worten des 45. Psalms wallt das Herz von Gutem über, und wir können das sagen, was wir über den König gedichtet haben. Welch einen unvergleich­lichen Wert hat Er als Gottes Auserwählter, an dem Seine Seele Wohlgefallen hat — als Sein Gesalbter! Gott möchte uns imstande sehen zu sagen, wie wir Ihn schätzen. Wir erinnern uns, daß der Herr in Lukas 9, 20 zu den Jüngern sagte: „Wer saget ihr, daß ich sei? Petrus aber antwortete und sprach: Der Christus Gottes." Hier gefällt es der Braut zu sagen, was Er in Sich Selbst ist und was Er ihr geworden ist. Holdseligkeit ist über Seine

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Lippen ausgegossen, und Er ist der Ausdruck alles des sen, was an Gnade in dem Herzen Gottes gegen die Men schen ist.

Nach Kapitel 8, 5 wurden wir unter diesem Baume zuerst wahrhaft erweckt. Welch ein Augenblick, beim öffnen unserer Augen zu finden, daß wir unter dem Schatten Christi sind! Dort hat das Dasein eines jeden begonnen, der eine der Braut angemessene Zuneigung zu Christo hat; unsere Mutter hat uns unter dem Apfel baum geboren. Paulus sagt uns, daß das Jerusalem dro ben unsere Mutter ist (Gal. 4, 26). Gott gab auf Erden das Gesetz, doch es war fruchtlos. Alles, was für Gott fruchtbringend war, verdankte den Verheißungen seinen Ursprung. Doch nun hat Gott eine neue Ordnung himm lischer Gnade errichtet, und diese ist eine fröhliche Mut ter von Söhnen (Ps. 113, 9), sie bringt das hervor, was Gott und Christo in Liebe entspricht; das seinem Wesen nach Bräutliche hat da seinen Ursprung. Wir sind nicht Kinder einer Ordnung, die zur Knechtschaft gebiert, sondern einer solchen, die durch Freiheit gekennzeichnet ist. Die Braut verdankt ihren Ursprung der Gnade und der göttlichen Berufung. Gott hat uns in der Gnade Christi berufen (Gal. 1, 6). Gottes Gunst allein ist es, daß wir den Platz erfaßt haben, den Christus auf seiten Gottes mit Bezug auf uns hat. Wir wissen es und sind des völlig gewiß, daß in den Beziehungen Gottes zu uns und den unseren zu Gott jetzt weder das Gesetz noch gar Verheißungen oder irgendwelche Bedingungen in Frage kommen, sondern nur Christus. Sowie wir etwas mit uns Verbundenes bringen, sind wir aus der Gnade ge fallen, und Christus ist uns nichts nütze (Gal. 5, 2. 4). Nirgendwo anders als unter Seinem Schatten gibt es Ruhe, geschweige denn Entzücken oder Wonne. Wie un-vermischt und unverfälscht ist die Freude, daß alles, was Christus ist, unser ist; darin besteht die Gunst Gottes in ihrem vollen Ausmaße. Dazu erweckt zu sein, dieses zu sehen, ist lautere Gnade. Das ist nicht gerade die Seite, die es mit dem Hinwegtun des gefallenen Zustandes des Menschen zu tun hat — dies ist vollkommen geschehen; sondern hier wird das Herz dazu erweckt, die Glückselig keit dessen zu sehen, was in Christo seinen Ausdruck

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and. Gnade als etwas uns Aufrechterhaltendes ward nicht gekannt, bis Christus kam. Gnade und Wahrheit sind wirklich eins, und das besteht durch Jesum Chri stum Qoh. 1, 17). Gott ist den Menschen günstig gesinnt, und Seine Gunst herrscht, und das wird im Zeugnis kund getan. In der Welt herrscht nicht die Gnade, sondern da herrschen Grundzüge des Gesetzes und der Regierung. Die Gnade jedoch herrscht in der Person des im Himmel auf den Thron erhöhten Christus, und es gibt solche, die Ihn schätzen und lieben, weil sie Kinder des Jerusalems droben sind. Wir sind dazu erweckt und geboren worden, Christum zu schätzen. Wir sprechen manchmal von einer erweckten Seele und verstehen darunter, daß eine solche über ihre Sünden oder sich selbst in Herzensübungen gekommen und sich so bewußt geworden ist, daß sie der Rechtfertigung oder Befreiung bedarf. Doch im Sinne von Hohelied 8, 5 erweckt zu sein, besagt, daß einem die Augen geöffnet sind, die alles überragende Vortrefflich keit Christi zu sehen und Ihn zu lieben. Das ist der wahre Anfang dessen, was Gott wohlgefällt. Da ist etwas her vorgebracht worden, was dem Herzen Christi eine Freude ist.
In diesem Buche ist es geradezu auffällig, daß die Braut nie daran denkt, ein Recht darauf geltend zu machen, dort zu sein, wo sie ist. Das alles ist Seine Tat: „Der König hat mich in seine Gemächer geführt", „Er hat midi in das Haus des Weines geführt" (Kap. 1, 4; 2, 4). Ist Christus dir kostbar? Ist Seine Frucht deinem Gaumen süß? Dann bedarfst du keines anderen Anrechts. Die Tatsache, daß Er begehrt und geschätzt wird, beweist, daß man als Kind des Jerusalems droben geboren wor den ist.
Die Sprache von Hohelied 2, 3—6 ist prophetisch die des Überrestes, der „von der Erde erkauft" worden, und von solchen, die Gott und dem Lamme Erstlinge sind (Offb. 14, 3. 4), sie geht ganz sicher nicht über das hinaus, was die Heiligen der Kirche jetzt erfassen können. Solche Zu neigungen haben gegenwärtig ihren Platz in der Kirche; wir können Christum jetzt mit ebender Stärke der In brunst lieben wie der Überrest an jenem Tage. Diese Äußerungen deuten auf Zuneigungen, wie sie heutzutage
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allein in der Kirche zu finden sind. Zweifellos ist es die Absicht des Geistes Gottes, daß dieses Buch heute eine tiefe Wirkung auf uns ausübt, da es uns göttliche und geistliche Eindrücke von der Liebe gibt, die in dem Her zen Christi zu Seinen Heiligen ist, und auch von ihrer Liebe zu Ihm. Israel wird im Tausendjahrreiche die irdische Braut sein (Hos. 2, 16. 19), doch vor jenem Tage wird ein Überrest sein, der die Liebe seines Mes sias kennt und ihr entsprechen wird, während Er noch öffentlich verworfen ist. Die Art seiner Erkenntnis des selben und seiner Zuneigungen ist daher der sehr ähn lich, wie sie jetzt in den Heiligen der Kirche gefunden wird. Israel wird an jenem Tage die „kleine Schwester" sein, die noch keine Brüste hat (Kap. 8, 8). Ihre Zuneigun gen sind noch unentwickelt, doch da wird auch die Braut sein, die sagen kann, daß ihre Brüste wie Türme sind (V. 10); ihre Zuneigungen haben unter der so wohl erkannten Liebe Christi Gestalt genommen. Solche Zu neigungen sind heutzutage in der Kirche; das heißt, das Werk des Geistes bringt sie hervor und hält sie aufrecht. Unser wie auch des Überrestes Teil ist es, einen lei denden Christus zu kennen und Ihn zu lieben, „dem Lamme zu folgen, wohin irgend es geht" (Offb. 14, 4). Den bräutlichen Beziehungen, in denen die Kirche zu Christo steht, kommt eine alles überragende Vortreff­lichkeit zu; der Geist aber möchte das Lied der Lieder ge brauchen, um in unseren Herzen Zuneigungen anzufa chen, die derartigen Beziehungen entsprechen. In dem Haushalte zu Bethanien können wir ein liebliches Bild von den Zuneigungen sehen, die der Herr in einem Über rest fand, als Er hienieden war, und Er wird solche wie der finden, wenn die Zeit der Kirche vorüber ist; doch diese Zuneigungen sind jetzt nur in den Heiligen der Kirche zu finden. Wie herrlich würde es sein, wenn sie in allen unseren Herzen in vollem Flusse wären!
Im Alten Testament kommen viele kostbare göttliche Gedanken in Verbindung mit Israel ans Licht, die jetzt in Verbindung mit der Kirche ihre Verwirklichung finden. Der Bund, das Reich, die Herde, das Priestertum, das Haus, der Tempel, die Braut, die Sohnschaft, ja sogar die Versammlung Gottes sind keine neuen Gedanken, und sie
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beschränken sich nicht nur auf die, die heute die Ver sammlung Gottes bilden. Sie alle haben ihren Platz in Be ziehung zu dieser Versammlung heutzutage; sie sind da verkörpert, werden es aber an einem anderen Tage in Israel sein. Das eine, worin die Versammlung heute einzig dasteht, ist, daß sie der Leib Christi ist; keine an dere himmlische oder irdische Familie hatte je diesen Platz, noch wird ihn je haben. Doch alle angeführten Ge danken, die ehedem ans Licht gekommen waren, haben in den Heiligen der Kirche Gestalt gewonnen, sie ma chen einen Teil des ihr innewohnenden geistlichen Reich tums aus; die Kirche ist jetzt der Hort, in dem all die reichen Gedanken Gottes aufgehäuft sind. Die in dem Hohenliede ausgedrückten Zuneigungen haben so gegen wärtig ihren Sitz in den Heiligen der Kirche. Damit neh men wir nichts von der Eigenart der Kirche hinweg, son dern wir bereichern sie dadurch, daß jeder kostbare Ge danke Gottes ihr zugute kommt. Es ist eine große Hilfe, zu sehen, daß jeder in früheren Tagen ans Licht gekom mene göttliche Gedanke gegenwärtig in geistlichem Sinne zur Reife kommt; so wird die gar mannigfaltige Weisheit Gottes durch die Kirche kundgetan (Eph. 3, 10). Jeder göttliche Gedanke hat seinen Mittelpunkt in ihr.
„Ich habe mich mit Wonne in seinen Schatten gesetzt, und seine Frucht ist meinem Gaumen süß" (V. 3). Jeder Gedanke göttlicher Gunst ist in Christo gesichert und in Ihm ausgedrückt. „Seine Frucht" ist alles, was durch Ihn von Gott kommt. Römer 5 gibt uns eine wunder bare Traube Seiner Frucht: Frieden, Gunst, Hoffnung der Herrlichkeit, Errettung, Versöhnung, die Fähigkeit des Rühmens in Gott, da man die freie Gabe in Gnade empfangen hat, sowie die Überschwenglichkeit der Gnade, die freie Gabe der Gerechtigkeit und die durch Gerechtigkeit zum ewigen Leben herrschende Gnade (V. 1, 2, 10, 11, 15, 17, 21)! Wir haben uns bloß nieder zusetzen und Seine köstliche Frucht zu essen; in Seinem Schatten finden wir Wonne. Sein „Schatten" redet von dem Schutz vor Einflüssen, die sonst über uns herein­brechen würden wie die brennende Hitze der Sonne. Die Einflüsse des gegenwärtigen Tages sind alle dem Ge nuß von Wonne und Ruhe entgegen; doch unter dem
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Schatten Christi kann jedes Verlangen gestillt werden, das Herz kann in vollkommener Ruhe sein und alles das genießen, was das Wort „Wonne" oder „Entzücken" besagt.„In das Haus des Weines geführt", heißt mit Ihm an Seinen Freuden teilhaben. Johannes stellt uns das dar, indem er erwähnt, daß der Sohn Gottes Seine Herr lichkeit darin offenbarte, daß Er Wasser in Wein ver wandelte Qoh. 2, 9. 11). Bei Johannes lesen wir von der Fülle der Freude (1. Joh. 1, 4). Das „Haus des Weines" und das „Banner" der Liebe dienen dem Geiste Gottes als wunderbare Bilder, doch sie sind weder über­trieben noch überspannt, sie drücken gerade das aus, was göttlich und geistlich wahr und echt ist. Ja, hier wird uns sogar gesagt, daß der bewußte Genuß göttlicher Liebe so groß sein kann, daß wir ihn kaum ertragen können. Das Gefühl, besonderer Unterstützung zu bedürfen, um uns in der Gegenwart der erkannten und genossenen Liebe Christi aufrechtzuerhalten, ist ein wahrhaft geistliches Gefühl. Es ist möglich, ein so überwältigendes Bewußt sein von der Liebe Christi zu haben, daß wir, um es zu ertragen, gestützt und erfrischt werden müssen; Daniel, der vielgeliebte Mann, mußte gestärkt werden, um Got tes Mitteilungen zu ertragen (Dan. 10, 11. 18. 19). Die Braut im Hohenliede dagegen begehrt Stärkung und Er frischung, damit sie dem gewachsen ist, die außerordent lich gesegnete Art der Liebe zu ertragen, die sie umfaßt. Der Genuß ist so groß, daß sie fühlt, sie könne das ohne eine besondere Stärkung nicht ertragen. Ach, wir sind vielleicht öfter krank, weil wir, wie die Braut in Kapitel 5, 8, Seine Liebe nicht genießen. — „Seine Linke ist un ter meinem Haupte, und seine Rechte umfaßt mich." Sie ist in Seinen Armen, und ihr einziges Begehren ist, in diesem Genuß gestärkt zu werden. Wie glücklich, in solchem Zustande zu sein! Das Herz hat keine anderen Übungen als die, die das überwältigende Bewußtsein der Eigenart der Liebe Christi hervorbringt! Der Geist Got tes stellt uns das als eine Erfahrung hin, die wir machen können.
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Der ungeübteste Leser wird herausfinden, daß wir in Vers 8 zu einem anderen Schauplatz und anderen Um ständen kommen. Die Stimme des Geliebten wird ge kannt und gehört, seine Liebestätigkeit wahrgenommen, doch die Braut ist nicht in Seiner Gesellschaft. Das Hohelied lehrt uns, was den Genuß der Liebe anlangt, zwischen verschiedenen Zuständen zu unterscheiden. Hier haben wir Liebe auf beiden Seiten, denn sie sagt wiederholt „Mein Geliebter", und Er: „Meine Freundin", doch sie sind nicht beieinander; Sein Tun hat eben die Ursache, daß sie das nicht sind. Sie ist drinnen, und Er ist draußen; eine Mauer, die Fenster und ein Gitter sind zwischen ihnen. Er entfaltet in Seinem Laufe das Äußerste, denn Er kommt „springend über die Berge, hüpfend über die Hügel. Mein Geliebter gleicht einer Ga zelle oder einem Jungen der Hirsche" (V. 8 u. 9). Doch Er eilt so, weil sie nicht bei Ihm ist, und Seine Liebe möchte sie aus ihrem Aufenthalt herausbringen, um mit Ihm in einem Kreise zu wandeln, wo Ihm alles anziehend ist; Er schildert ihr dessen Schönheit, um sie heraus zulocken, dort mit Ihm teilzuhaben.
In dem ersten Abschnitte des Buches ist die Braut in den Gemächern des Königs und in Seinem Hause des Weins, ja Er umarmt sie; dort werden innigste Vertraut heit und der Genuß der Liebe Christi in all ihrer Kost barkeit den göttlichen Gedanken gemäß dargestellt. Doch die Christum lieben — sei es in der Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft —, kennen oder genießen nicht immer das volle Vorrecht der Liebe; und ein großer Teil dieses höchst kostbaren Buches befaßt sich damit, uns zu zeigen, wie Er handelt und wie Er redet, um Seinen Geliebten nahezubringen, welchen Platz sie in Seinen Gedanken haben, damit sie in den ordnungsgemäßen Genuß Seiner Liebe kommen. Das Buch berichtet von Zuständen derer, die Christum wahrhaft lieben, die nicht nach Seinem Sinne sind, und zeigt, wie Er da zurechtbringt, sei es durch die Anziehungskraft Seiner Person oder dessen, was in Seiner Gesellschaft genossen werden kann, oder durch die unglücklichen Folgen, welche Gleichgültigkeit oder der Mangel, Ihm zu entsprechen, nach sich ziehen.
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Nichts deutet hier darauf hin, daß sich die Braut in sündiger oder ungeziemender Umgebung befindet, doch sie ist nicht dort, wo Er ist. Sie ist gleichsam noch in ihrem Winterheim, wo sie doch an Seiner Seite um­herstreifen und den Reichtum des Frühlings genießen sollte. Das erhebt die Frage, wo sind wir in Wahrheit in unseren Seelen? Gott ersieht Seinen Heiligen Winter heime, und damit meine ich, daß Er vorsehungsgemäß in allen Umständen hienieden für uns sorgt; Er bewahrt uns vor dem Bösen und läßt uns auf tausendfache Weise erfahren, daß Seine Güte ewiglich währt. Dem ersten Korintherbriefe nach hat die Kirche ihr Winterheim be­zogen; da werden wir im Blick auf die Kälte und Wider wärtigkeiten um uns her getröstet, unterstützt und be wahrt. Doch unter dem allem haben wir die kostbare Wirksamkeit Christi, und Seine Stimme ruft die, die Er liebt, sich mit Ihm in ein geistliches Gebiet zu begeben, das von der Kälte und den Stürmen des Winters nicht erreicht wird. Der Frühling mit seiner Blütenpracht, sei nem Gesang und seiner Lebensfülle redet von einem Gebiete, das wir mit Christo betreten können. Er kennt dieses Gebiet, denn Er Selbst hat es als der Auferstan dene betreten, und Er möchte, daß sich die Seinen da selbst mit Ihm erfreuen.
Der Überrest am Tage der Zukunft wird eine von Gott bereitete Stätte haben, wo er während des bittersten Winters, den diese Welt je durchgemacht hat, Schutz und Erbarmen findet, und um seinetwillen werden die Tage der Drangsal verkürzt werden. Doch dieses Kapitel deutet darauf hin, daß der Herr ihnen in tätiger Liebe naht, sie in die Freude dessen zu führen, was in Auferstehungs kraft in Ihm hervorgesproßt ist. Der „ewige Bund" und „die gewissen Gnaden Davids" haben in einem auferstan denen Messias Gestalt gewonnen (vgl. Jes. 55, 3 und Apg. 13, 34). Der Tausendjahrtag kommt durch einen auf erstandenen, erhöhten und himmlischen Christus, und alles diesen Tag Kennzeichnende ist in Ihm gesichert, ehe es öffentlich eingeführt wird. Die Blumen, der Gesang, die Fruchtbarkeit und der Duft, von denen Er in Vers 12 und 13 redet, gehören offenbar nicht den Tausendjahrzuständen an, da sie tatsächlich öffentlich vorhanden
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sind, sondern sie reden von Zuständen, in die wir mit Christo eingehen und sie genießen können, ehe sie in der Welt geoffenbart werden. Das sind Zustände, die geistlich erkennbar sind und deren wir, was ihren gegenwärtigen Genuß anlangt, gänzlich verlustig gehen können, wenn der Ruf der Liebe keinen Widerhall in unseren Herzen findet. Die Anwendung dessen auf uns ist ebenso klar wie herzerforschend. Sind w i r damit zufrieden, in dem Winterheim zu bleiben, wo wir auf des Herrn Ruf hin hinausgehen könnten, um die Freu den einer göttlichen Frühlingszeit zu genießen?
Der göttlich eingegebene Titel von Psalm 22 sagt uns, daß er „nach Aijeleth-Schacher", das heißt „nach Hindin der Morgenröte" zu singen ist. Das besagt, daß Christus, nachdem Er als das Sündopfer durch Kummer und Leiden gegangen war, am Auferstehungsmorgen in der Tätig keit der Liebe hervortreten würde; wir sehen das in ge segneter Weise in den Schlußkapiteln der Evangelien. Auf Seiten des auferstandenen Heilands ist es „ein Mor gen ohne Wolken" (2. Sam. 23, 4); da ist der Winter in der Tat vorbei. Die Heiligen können nun, getrennt von irgendwelchen eigenen Werken, als mit Schönheit und Herrlichkeit bekleidet betrachtet werden, denn Gott ist im Tode Christi verherrlicht worden, und Christus stellt nun ihre Annehmung dar. „Die Zeit des Gesanges ist gekom men" (siehe Ps. 22, 22), und „die Stimme der Turtel­taube" scheint von den gegenseitigen Zuneigungen zu reden, die unter denen einen Ausdruck finden, deren Freude und Band ein auferstandener Christus ist.
Der Herr Jesus eilt mit all der Behendigkeit der „Hin din der Morgenröte" und ruft uns heraus, das zu sehen, was jetzt geistlich der Gegenwart angehört, und was Er wünscht, daß wir es gemeinsam mit Ihm betrachten. Der Vorsehung gemäß haben wir hienieden einen von Gott bestimmten Platz, für den wir von Herzen dankbar sein können, doch es ist möglich, uns in solchen Umstän den derart niederzulassen, daß es uns abhält, dem Ruf der Liebe Christi zu folgen, uns mit Ihm in das ausge dehnte Gebiet geistlicher Wirklichkeiten zu begeben. Der Vorsehung nach haben wir alle eine Art Haus und eine Zuflucht „im Geklüft der Felsen" oder „im Versteck der 
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Felswände", doch inmitten des Bösen hienieden beschützt und bewahrt zu bleiben, kommt — so schätzenswert das auch ist — bei weitem nicht dem gleich, was die Liebe Christi uns ausersehen hat. Er möchte uns, was die kost baren Gedanken der göttlichen Liebe anlangt, die in Ihm Gestalt gewonnen, bei Sich haben, damit unser Angesicht von deren Freude erhellt und unsere Stimme, dieserhalb zu Ihm redend, gehört wird. Der Geliebte lenkt das Augenmerk Seiner Braut in diesem Kapitel auf einen an ziehenden Kreis außerhalb des beengten Platzes, wo s i e sich befindet; Er ruft sie heraus, die gegenwärtigen Fol gen der Wirksamkeit Gottes zu sehen und zu hören.
Was dem entspricht, können wir in des Herrn Wegen mit den beiden sehen, die nach Emmaus gingen (Luk. 24). Bei ihnen war es wirklich „Winter"; nicht eine Hoff nungsblume war geblieben, sie zu ermutigen, denn Der war gekreuzigt worden, von dem sie „hofften, daß er der sei, der Israel erlösen solle" (V. 21). Doch seht, wie Er gleichsam hinter ihrer Mauer stand und durch ihre Fenster hereinschaute! Er zeigte Sich ihnen nicht frei, sondern in der Sprache dieses Kapitels, „durch die Gitter" blickend (V. 9). Er verließ sie jedoch nicht eher, als bis Er ihnen einen ganz bestimmten Eindruck davon gegeben hatte, daß der Winter vorbei und der Frühling in Seiner eigenen gesegneten Person, in Ihm, dem Auferstandenen, gekommen war. Wie schnell entsprachen sie Ihm dann und verließen sofort ihre eigenen Umstände, damit sie jenen neuen und geistlichen Zuständen gemäß mit Ihm seien, die Er ihnen in Sich Selbst dargestellt hatte!
In Maria Magdalene (Johannes 20) sehen wir jemand anderes in „Winter"-Zuständen; sie war von Herzen um ihren Geliebten bekümmert, den sie tot wähnte. Doch Er blickte sie durch das Gitter an und ließ sie die Stimme ihres Geliebten hören; die sie in einen neuen Kreis, den des Lebens aus dem Tode rief. Der Auferstehungsfrühling war gekommen, und Er wollte, daß sie dessen Freu den mit Ihm teile und auch Seine Brüder mit ihm be kannt mache.Verstehen wir, daß der Herr uns aus den Zuständen und Verhältnissen dieser Welt herausruft, um geistlich einen Kreis des Lebens kennenzulernen? In Johannes 
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10, 22 heißt es: „Es war Winter", doch der Herr sagte: «Ich bin gekommen, daß sie Leben haben und es in Überfluß haben" (V. 10), Er redete davon, daß Er Seinen Schafen ewiges Leben gebe (V. 28). Ein göttlicher Früh ling stand vor Seinem Herzen, und Er wollte, daß Er auch vor den Herzen Seiner Geliebten stehe. Wenn wir uns in jenen Kreis begeben, so verlieren wir auch nichts, was durch die Übungen des „Winters" unser eigen geworden ist, denn „der Feigenbaum rötet seine Winterfeigen" (V. 13). In den Winterzuständen werden wir gezüchtigt, doch die Frucht jener Zucht wird in der belebenden Wärme des Frühlings weich; das alles trägt zu einem Leben in wahrhaft geistlichem Sinne bei. Dazu stehen „die Weinstöcke ... in der Blüte" und geben die duftende Verheißung einer Fülle von Freuden.Obwohl nun die Braut erkennt; daß es die Stimme ihres Geliebten ist, die sie hört, und ihr Herz anerkennen muß, wie anziehend die von Ihm beschriebene Frühlings­zeit ist, so folgt sie doch Seinem Ruf der Liebe nicht, und daher Sein letztes Wort, die Warnung: „Fanget uns die Füchse, die kleinen Füchse, die die Weinberge verder ben." Kleinigkeiten sind es, die der Macht Seiner Stimme entgegenwirken und die geistliche Freude derer hindern, die Er liebt. Wie viele „kleine Füchse" gibt es! Dinge, die zu gering erscheinen, großen Schaden anzurichten, und dennoch ist deren Wirkung in geistlicher Hinsicht ver heerend! Es sind nicht nur Dinge, die man als weltlich bezeichnen kann, die die Weinberge verderben, sondern tausenderlei Dinge, die an sich richtig sein mögen, die jedoch der natürlichen Ordnung angehören. Freundschaf ten auf natürlicher oder geselliger Grundlage, häusliche Beschäftigungen, das Geschäft, ja sogar Tätigkeit im Dienste können zu „kleinen Füchsen" werden. Die Folgen davon sehen wir nur, wenn sich das Herz bewußt wird, daß seine Freude dahin war und andere Dinge die Ober hand hatten, und nicht die Stimme des Geliebten.
Das soeben Betrachtete steht im traurigen Gegensatz zu dem, was uns im ersten Abschnitt des Buches be schäftigte; doch es offenbart vielleicht den wahren in neren Zustand vieler Herzen. Hier ist eine, die Ihn wahr haft liebt — sie freut sich zu sagen: „Mein Geliebter ist 
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mein, und ich bin sein" — sie weiß, daß Er Seine Herde unter den Lilien weidet — sie weiß, daß Er wiederkommt, wenn „der Tag anbricht (eigentlich: „wenn der Tag weht", d. h. der Morgenwind) und die Schatten üiehn" (V. 17): und dennoch entspricht sie Seinem gegenwärtigen Ruf der Liebe nicht! Er muß ohne sie fortgehen, und doch ruft sie Ihm dabei zu: „Kehre wieder, mein Geliebter" (V. 17). Sie wünscht, daß Er zu ihr zurückkehrt, wo sie nicht ein­mal bereit war, mit Ihm zu gehen! Ich glaube, bei uns ist es oft so. Es sind wohl geistliche Zuneigungen vor handen und Licht darüber, wo der Herr Seine Herde weidet, auch Seine Wiederkunft hat einen Platz in un seren Herzen und der Wunsch nach dem Tröste Seiner Nähe — und doch sind wir bei alledem nicht bereit, uns im Geiste mit Ihm in jenen Kreis des Lebens zu begeben, zu dem uns Seine Liebe einlädt; und so geht uns für eine Zeit der Genuß Seiner Gegenwart verloren, da wir es vorzogen, in unserem eigenen Hause zu bleiben, statt mit Ihm zu gehen.
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Kapitel 3
Wir können uns sogar nach einem solchen Ruf der Liebe, wie in Kapitel 3, 1, zur Ruhe begeben, worin ein vorsätzliches Niederlassen in unseren eigenen Umstän den zum Ausdruck kommt. Da kann man wohl fragen: Ist es möglich, daß sich einer, der Christum wahrhaft liebt, so verhalten kann? Ja, es ist so, denn sonst würde uns das nicht in den Heiligen Schriften so auffällig vor­gestellt werden. Und wissen etwa unsere Herzen nicht, daß das möglich ist? Und doch, so seltsame und ver wickelte Wege geht unser Herz, daß sogar ein Suchen nach Ihm auf dem Lager beweist, daß der Ruf Seiner Liebe unbeachtet geblieben ist. Es war eine ungeeignete, ja aussichtslose Stätte, Ihn da mit irgendwelcher Hoff nung auf Erfolg zu suchen, dennoch sagt die Braut zwei mal, daß sie Ihn suchte (V. 1), mußte aber hinzufügen, „ich... fand ihn nicht". Es ist zu beachten, daß die Zeit des fruchtlosen Suchens keine kurze war, denn sie sagt:
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„In den Nächten suchte ich, den meine Seele liebt", es handelte sich also nicht nur um eine Nacht. Doch eine solche Erfahrung ist die regierungsgemäße Folge, wenn wir der Stimme des Geliebten kein Gehör schenken und uns da befinden, wo uns Seine Liebe nie haben möchte. Weil wir Seinem Suchen nicht entsprochen haben, ent spricht Er nun dem unseren nicht. Die ganze Lage ist un natürlich, und Er will, daß wir derart empfinden. Solange wir auf unserem Bett bleiben, werden wir Ihn nie finden. Wir können einen hohen Grad Gleichgültigkeit gegen Seine Liebe durch unser Zögern, mit Ihm zu gehen, offen baren, und doch mag das Verlangen da sein, daß Er in unseren Umständen bei uns sei und uns darin den Trost Seiner Liebe genießen lasse. Ich fürchte, es gibt vieles den Herrn Suchen, was nicht höher zu veranschlagen ist, und wir dürfen uns über seine Fruchtlosigkeit nicht wun dern. Seine Liebe ist sehr empfindsam, und außerdem hat Er in unendlicher Weisheit das vor Sich, was unsere Liebe zur Zurechtbringung bedarf, damit sie von dem gereinigt werde, was weder Seiner noch Seiner Braut würdig ist.
Das erste Zeichen wahren Wiederauflebens ist, daß sie sagt: „Ich will doch aufstehen und in der Stadt umher gehen, auf den Straßen und auf den Plätzen, will suchen, den meine Seele liebt" (V. 2). Wie verschieden ist das davon, in Seinen Gemächern und in Seinem Hause des Weines zu sein! Aber es zeigt, daß sie sich zu einem vermehrten Herzenseifer erhebt, und das ist doch etwas. Die Straßen und Plätze der Stadt jedoch waren nicht der Ort, Ihn zu finden; sie muß wiederum sagen: „Ich suchte ihn und fand ihn nicht" (V.2). Daß ihre Liebe nicht durch Seine Stimme und Führung, sondern weit mehr von ihrem Verlustempfinden als von dem Drängen Seiner Liebe bestimmt wurde, das brachte sie in Umstände, die Seiner Braut ganz unwürdig waren. Die in der Stadt umhergehenden Wächter fanden sie. Daß ein Weib nachts umherläuft, war nicht in der Ordnung, was sie auch dazu treiben mochte, und so wurde sie in dieser fragwürdigen Stellung von den Wächtern bemerkt. In ordnungsgemä ßen Verhältnissen wäre so etwas nie vorgekommen; denn deren Amt war es, ihr Augenmerk auf Übeltäter
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und Feinde zu richten, auf solche, die den Frieden der Stadt stören. Eben die Tatsache, daß sie überhaupt von ihnen bemerkt werden konnte, war eine Schande und ein Tadel für sie. Diesmal sagten und taten sie ihr nichts, doch sie fanden sie als eine, die der Gemeinschaft und Unterstützung ihres Geliebten entbehrte. Ihre Frage: „Habt ihr den gesehen, den meine Seele liebt?" stellte sie ihnen als eine bloß, die Ihn verloren hatte. Wenn auch wahre Liebe vorhanden sein mag, so wird denen, die auf die vielen und offen zutage liegenden Wege ein Wächterauge haben, doch die Entfernung des Herzens von Christo offenbar. Es ist etwas Ernstes, wenn das Augenmerk derer auf uns gelenkt wird, die für die Auf rechterhaltung der Ordnung unter dem Volk Gottes ver antwortlich sind. Wie wenig sie auch sagen oder tun mögen, die bloße Tatsache, daß ihr Augenmerk auf uns gerichtet wurde, würde einem zarten Gewissen eine tiefe Herzensübung verursachen. Wenn unsere Wege derart sind, daß es gottselige Personen bekümmert, so sollte das genügen, uns nahezubringen, daß da etwas Unschick liches vorliegt; sie sollten nicht nötig haben, ernste Maß nahmen zu ergreifen. Ich denke nicht, daß die Wächter das erstemal, wo sie uns finden, streng gegen uns ver fahren; erst später in unserem Buche, nach wiederholter Mißachtung der rührendsten Aufforderungen der Liebe, greifen die Wächter ernstlich ein (siehe Kapitel 5). Die schärferen Formen der Zucht sind denen vorbehalten, die sich weigern, Nutzen aus milderen Ermahnungen zu ziehen. Von den Wächtern angetroffen zu werden, ist eine Warnung, die beachtet werden sollte.
Die betrachtete Schriftstelle deutet an, daß der Ge liebte es erfahren hat, daß eine Neubelebung im Herzen der Braut stattgefunden hatte, und Er wollte dem in Gnade entsprechen, nachdem Er es in Seiner Treue zu gelassen hatte, die schmerzlichen Folgen ihrer Lauheit gegen Ihn zu durchkosten. Die Braut deutet auch an, daß ihre Begegnungen mit den Wächtern nicht ohne eine Wir kung geblieben sind, denn sie sagt: „Kaum war ich an ihnen vorüber, da fand ich, den meine Seele liebt" (V. 4). Es ist eine besonders gnädige Tat Seiner Liebe, daß das Gefühl der Nähe und des bewußten Besitzes Seiner 
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Selbst wiederhergestellt wird, wenn es durch den Man gel, Seiner Liebe zu entsprechen, verlorengegangen war. Das wirkt ein tiefes und zartes Bewußtsein der Treue Seiner Liebe, und dies um so mehr, als wir sie durchaus nicht in der rechten Weise geschätzt noch ihr so, wie es uns zukam, entsprochen hatten. Nun zeigt sich eine Stärke und Kraft ihrer Zuneigungen, wie sie zuvor nicht offenbar wurde, sie sagt: „Ich ergriff ihn und ließ ihn nicht, bis ich ihn gebracht hatte in das Haus meiner Mut ter und in das Gemach meiner Gebärerin." Im ersten Abschnitt des Buches bringt Er sie in Seine Gemächer, also an die Stätte Seiner trautesten Nähe, wie das Seinen Gedanken über sie entspricht; doch das erfordert lange nicht die Tatkraft ihrerseits. Und es ist zu beachten, daß durch den Mangel, Ihm zu entsprechen, und die Übungen und Erfahrungen, die das mit sich brachte, eine Tatkraft, Ihn festzuhalten, zur Entfaltung kommt, die sie zuvor nicht kennzeichnete. Wir können durch keine demütigendere Übung gehen als die, zu entdecken, daß wir der Liebe Christi nicht entsprochen haben; das macht den wahren Zustand des Herzens viel mehr offen bar, als ein äußeres Fehlen. Kein Zusammenbruch im Wandel kann in den Augen eines Christum wahrhaft Liebenden so ernst sein, wie ein Ihm nicht entsprechen der Herzenszustand. Doch das Elend, Christum verloren zu haben, die Herzensangst der dunklen Nächte, wo man Ihn nicht fand, bringt unter der Oberleitung allmächtiger göttlicher Liebe eine Tatkraft des Erfassens zustande, die zuvor nicht da war. Und wir erkennen tiefer als je zuvor, daß wir alles, was wir von Ihm kennen oder von Ihm besitzen, lediglich unumschränkter Gunst und un umschränktem Erbarmen verdanken. Darauf beruht, so viel ich sehe, ihre Kraft, die Ihn in das Haus ihrer Mut ter brachte. Die Braut hat verstanden, daß sie gerade ihr Dasein der Ordnung göttlicher Gnade verdankt — das Jerusalem droben ist ihre Mutter; und damit, daß sie Ihn in das Haus ihrer Mutter bringt, deutet sie an, daß sie Ihn nun im wahren Bewußtsein der Gnade erfaßt und besitzt. Sie hat sich selbst und die ihren Zuneigungen anhaftenden Möglichkeiten kennengelernt, daß diesen, selbst wenn sie wahrhaftig sind, nicht vertraut werden 
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kann, und ist sich nun dessen völlig bewußt, daß sie Ihn nur aus reiner Gnade besitzen kann.
Wir hatten bemerkt, daß die Braut in dem zweiten Abschnitt des Buches, von Kapitel 2, 8 bis 3, 5, demü tigende Erfahrungen zu machen hat. Sie verliert, weil sie dem König nicht folgt, Dessen Gesellschaft und muß Ihn suchen, und eine beträchtliche Zeit findet sie Ihn nicht. Die Wächter treffen sie, doch schließlich findet sie Ihn nach schmerzlichen Erfahrungen und bringt Ihn in das Haus ihrer Mutter. Sie bekommt ein sehr tiefes Bewußt sein davon, daß alles Gnade ist. Gerade der Mangel, Seinem Ruf nicht entsprochen zu haben, und Seine Gunst, die sich ihr nach ihrem Fehlen wiedergab, gibt ihr das tiefe Bewußtsein, daß alles Gnade ist; diesem Grundgedanken verdanken wir unser Dasein, und wir erkennen an, daß er der einzige Grund unserer Segnung ist, doch wir müssen oft durch Erfahrungen gehen, die uns nachhaltig einschärfen, daß uns kein Verdienst dabei zukommt. Und der Herr benutzt derartige Erfahrungen, um in unseren Seelen eine Tatkraft der Zuneigungen zustande zu bringen, die wir vordem nicht hatten, So fin den wir denn am Ende dieses Abschnitts in der Braut eine Tatkraft — sie ergreift Ihn und ließ Ihn nicht von sich —, die ehedem nicht offenbar wurde, weil sie, wie wir wohl sagen können, vorher nicht erforderlich war.
Gott in Seiner Weisheit hat es gefallen, uns auf diese Weise eine wertvolle Belehrung zu geben. Jeder dieser beiden Abschnitte endet mit der Aufforderung, ihre Liebe nicht zu stören — eine ganz zu Recht bestehende Übung; denn wenn wir Nähe und Vertrautheit mit dem Herrn genießen, so beherrscht das Herz das Verlangen, daß nichts dazwischenkomme. Ich nehme an, wir alle haben Augenblicke der Glückseligkeit gehabt, in denen wir wahrhaft fürchteten, etwas Störendes könne dazwischen kommen. Das ist eine ordnungsgemäße Übung der Liebe

Durch die Rückkehr dazu, daß alles aus reiner Gnade ist, kommt die Neubelebung, und der dritte Abschnitt des Buches, von Kapitel 3, 6 bis 5, 1, gibt uns deren Ge schichte. Deshalb wird da auch kein Fehlen der Braut betrachtet, und der König verleiht dem Ausdruck, wie 
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Er deren Schönheit in ihren Einzelheiten schätzt; das hatte Er zuvor noch nicht getan.
Was wir durch tatsächliches Fehlen im Wandel lernen, erforscht und demütigt uns nicht so, wie innerlich zu entdecken, daß unsere Herzen gefehlt haben, der Liebe Christi zu entsprechen. Das eine ist äußerlich und viel leicht mehr öffentlich, das andere aber rührt vom Be wußtsein eines Abweichens her, das nur uns selbst und Dem, der unsere Seelen liebt, bekannt ist; das macht die Herzensübung des zweiten Abschnittes dieses Buches aus. Es handelt sich da um ein Abweichen in den Zuneigungen — es wird offenbar; doch das wahre Geheimnis ist ein inneres Abweichen, und innen beginnt alles Abweichen. Als der Herr Sich in der Offenbarung an Ephesus wendet, sagt Er gleichsam: Ihr habt nicht äußerlich gefehlt, ihr seid eine schöne Versammlung; ihr haltet auf Ordnung, seid treu, tut alles nach außen hin recht, doch ihr habt eure erste Liebe verlassen: Er ruft eine bis in die feinsten Einzelheiten gehende Übung her vor. Ich nehme an, wir alle kennen das gut, nämlich den Kummer, zu fühlen, daß unsere Herzen der Liebe Christi nicht so entsprochen haben, wie sie es gekonnt, ja gesollt hätten! Doch dann dient diese Übung dazu, die Tatkraft unserer Seelen, Ihn festzuhalten, zu stärken: die Braut ergreift Ihn und will Ihn nicht wieder gehen lassen. Sie ist jetzt tatkräftiger als da sie noch unter Seinem Schat ten saß. Wie wunderbar sind Gottes Wege! Und sie be kommt das Bewußtsein, daß alles aus Gnade ist. So bringt sie Ihn in das Haus ihrer Mutter, also dahin, wo sie unter der Ordnung der Gnade geboren wurde. Nun bringt sie Ihn dorthin, als ob sie damit sagen wollte, was mein eigen Herz anlangt, so habe ich genugsam heraus gefunden, völlig davon überzeugt zu sein, daß alles aus Gnade sein muß. Das ist ein schönes Bild, und wir alle werden dessen Deutung verstehen; jeder Gläubige hat den Schlüssel dazu in seiner eigenen Geschichte.
Besondere göttliche Gunst bewahrte die Apostel, so daß nichts darauf hindeutet, daß sie je in ihrer Liebe zum Herrn nachließen. Die besondere Gnade des Herrn bewahrte sie, doch sowie die Geschichte der Kirche als
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die eines verantwortlichen Gefäßes begann, wur'den Zei chen des Abweichens offenbar.
Was Israel widerfahren ist, das ist auch der Kirche widerfahren. Doch für Israel kommt noch eine Neube lebung, wie sie jetzt in der Kirche geschehen ist. In Hosea 6, 1—3 heißt es: „Kommt und laßt uns zu Jehova umkehren, denn e r hat zerrissen und wird uns heilen, e r hat geschlagen und wird uns verbinden. Er wird uns nach zwei Tagen wieder beleben, am dritten Tage uns aufrichten; und so werden wir vor seinem Angesicht leben. So laßt uns Jehova erkennen, ja laßt uns trachten nach seiner Erkenntnis! Sein Hervortreten ist sicher wie die Morgendämmerung; und er wird für uns kommen wie der Regen, wie der Spätregen die Erde benetzt." Wir leben in einer Zeit der Neubelebung; die größte Neube lebung, die es je gegeben hat, geht jetzt vor sich, und sie sollte für einen jeden von uns eine Zeit des Neuauflebens sein. Das kennzeichnet unsere Tage, und das Bewußtsein der Gnade ist die Ursache der Neubelebung; wir haben das Gefühl des Fehlens auf unserer Seite, aber das der Gnade auf Gottes Seite. So kam die Reformation zu stande; man empfand das Fehlen der Kirche tief, bekam aber ein Bewußtsein von der Gnade, man erwachte dahin, die Eigenart der Haushaltung zu erkennen, daß alles aus Gnade und durch Glauben war. Die Neubelebung des letzten Jahrhunderts war eine Rückkehr zur Gnade; ein tiefes Gefühl des Fehlens in der Kirche kam zustande, das auf eine Rückkehr zur Gnade, auf eine Rückkehr zu den Gedanken Gottes hinauslief. Die Gedanken Gottes sind Gedanken der Gnade; wir kehren in das Haus un serer Mutter zurück und halten Christum da fest; und dann findet eine wahre Neubelebung statt.
Eben weil wir das sind, was wir sind, lernen wir, glaube ich, die Gnade tatsächlich nur in dem Maße ken nen, wie wir unsere Schwachheit und unser Fehlen emp finden. Es ist etwas Außerordentliches, daß Gott Sich un serer Schwachheit bedient, um uns zu stärken; das ist sehr kostbar. Denken wir nicht, daß Petrus immer, wenn er seine eigene Schwachheit erfahren hatte, dem Herrn in einer Weise anhing wie nie zuvor? Petrus liebte den Herrn aufrichtig und hing Ihm in gewissem Sinne an,
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doch er hing Ihm nicht innig genug an! Wie muß er jedoch immer, wenn er seine eigene Schwachheit ausfindig ge macht hatte, dem Herrn mit noch größerer Beharrlichkeit angehangen haben! Uns tut diese Beharrlichkeit der Liebe not, Ihn festzuhalten und nicht gehen zu lassen. Wir können nicht einen Augenblick ohne Ihn weiter gehen, wir müssen Ihn festhalten. Darin, daß Er von unseren Zuneigungen Besitz ergriffen hat, liegt das Ge heimnis der Neubelebung.
Dieser Abschnitt des Buches ist sehr glücklicher Art, weil kein Fehlen darin vorkommt, alles ist aus Gnade, und die Gedanken der Liebe Christi über Seine Braut finden darin einen völligeren Ausdruck als je zuvor. Sein Gegenstand ist, daß die Braut, dem Zuge Seiner Liebe folgend, mit Ihm komme, und wir sehen, daß sie Ihm hier mehr entspricht als im vorausgehenden und im nachfolgenden Abschnitt. Das deutet auf eine Neubele bung hin, in der Er etwas von dem empfängt, was Sein Herz erwartet. Neubelebung wäre ein nichtssagendes Wort, wenn kein Abweichen stattgefunden hätte. Neu belebung setzt einen niedrigen Zustand voraus, aus dem heraus ein Wiederaufleben, eine Erneuerung des eigent lichen Liebeseifers zustande gekommen ist.
Nun haben wir eine wunderbare Entfaltung der Ge danken Gottes; wir sehen die Heiligen der Gnade gemäß. Das kommt in Vers 6 vor uns; und dann sehen wir ver schiedenes in Verbindung mit Salomo, das heißt dem Bilde nach, Christo — Sein Tragbett und Seine Pracht sänfte und Seine Krone (V. 7, 9, 11) —, es deutet den Weg an, auf dem sich die Zuneigungen Seines Volkes im Blick auf Ihn betätigen können. Das alles ist die Frucht der Gnade. Dahin zurückgebracht, Christum wahr haft zu schätzen, kann nun die volle Frucht der Gnade ans Licht kommen. Damit ist nicht gesagt, daß jetzt kein Abweichen mehr eintreten kann, denn das haben wir im nächsten Abschnitt. Nach der gesegnetsten Neubele bung kann es wieder abwärts gehen, und dennoch kann der Herr das in Seiner treuen Liebe gebrauchen, uns etwas zu lehren, was uns not tut.
Wir sehen die Braut hier von der Wüste herauf kommen. Die Wüste ist die Stätte, wo die Gnade kennen-
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gelernt wird. Gott erlöste Sein Volk aus Ägypten und brachte es auf Adlersflügeln zu Sich Selbst. Ihre Wüsten zeit war Gott gegenüber eine Zeit der Erkenntnis der Gnade. Welch eine Erziehung in der Gnade wurde ihnen dort zuteil! Da sehen wir nicht nur Gottes Wege in Gnade und Bezug auf das, was in ihnen ans Licht kam, die in der Tat wunderbar waren, sondern wie Er Sich mit ihnen in Seinem Zelte einsmachte, dessen herrliche Ordnungen sich auf die Gnade der Erlösung gründete.
Es ist beachtenswert, daß wir hier keine Beschreibung der persönlichen Züge der Braut bekommen, noch der Einzelheiten ihrer Schönheit, wie später in Kapitel 4 und 7, sondern es wird geschildert, daß sie aus der Wüste „wie Rauchsäulen" heraufkommt; das heißt, sie ist in einen Wohlgeruch gekleidet, der unter der Wirkung des Feuers zustande gekommen ist — „Rauch" deutet klar darauf hin. Sie gleicht „Rauchsäulen, durchduftet von Myrrhe und Weihrauch, von allerlei Gewürzpulvern des Krämers" (V. 6).
Nach 2. Mose 25 hatte Gottes Volk das Vorrecht, Seine Gnade in Verbindung mit einer Ordnung kennen zulernen, die Er in ihrer Mitte aufgerichtet hatte. Das war eine wunderbare Ordnung, ein Bild von Christo und der Herrlichkeit, und einer ihrer kennzeichnendsten Züge war das Aufsteigen von Rauch vom Altar. Die „Rauch säulen" beziehen sich, wie ich denke, auf den lieblichen Wohlgeruch der Opfer, auf das Brand-, Speis- und Frie densopfer sowie den Weihrauch und andere wohlrie chende Gewürze, deren Duft beständig vom Altar auf stieg. Sie alle redeten vom lieblichen Duft und kostbaren Wohlgeruch, der durch Feuer zustande kam, also vom Tode Christi von der Seite lieblichen Wohlgeruchs aus. Gottes Absicht darin, daß vom ehernen und goldenen Altar ein lieblicher Wohlgeruch zu Ihm aufsteigen sollte, war, Sein Volk sollte damit eins sein, und dies sollte mit ihnen eins sein; das war Gottes Gedanke. Und hier wird die Braut als von der Wüste derart heraufkommend betrachtet, so daß sie nichts anderes als den lieblichen Wohlgeruch Christi an sich trägt.
Den Gedanken der Gnade gemäß betrachtet, kommen die Heiligen aus der Wüste heraus; dabei ist nichts an-
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deres an ihnen zu sehen, als daß sie, den Gedanken und der Gnade Gottes gemäß, mit all dem lieblichen Duft einsgemacht sind, der unter der Wirkung des Feuers emporstieg, als Christus in den Tod ging. Um Seinen Tod zur Beseitigung des Ärgernis-Erregenden handelt es sich hier nicht; diesen Anblick Seines Todes dürfen wir wohl in den Psalmen und den Propheten erwarten, nicht aber im Lied der Lieder. Hier haben wir den lieblichen Wohlgeruch Seines Todes — die Vollkommenheit des Gehorsams und der Ergebenheit, die jede Probe bestan den hat, und das brachte unter der Wirkung des Feuers den Duft zustande, der Gott völlig befriedigte und Ihm durchaus wohlgefiel, und dies, damit die Heiligen mit dessen Wohlgeruch und Wert auf immerdar -einsgemacht seien. Das alles ist ihr Teil als die freie Gabe in Gnade (Rom. 5, 15).
Wie gut, daran zu gedenken, daß es dies oder nichts ist! Wir können da durchaus keine Vermischung haben. Was die Annahme und den Wohlgeruch anlangt, ist es und muß es durchaus Christus sein. Die Kirche ist jene herrliche Schar, die gegenwärtig in all den Wert des kostbaren Opfers Christi eingekleidet wird. Es ist unser Vorrecht, von der Wüste heraufzukommen, nichts als den lieblichen Duft Christi an uns tragend. Das geschieht tat­sächlich, wenn ein Heiliger abscheidet, um bei Ihm zu sein. Bis zum letzten Augenblick der Geschichte der Gläu bigen hienieden mag eine Verwirklichung der Übungen eintreten, doch eine Sekunde nach dem Abscheiden bleibt nichts als Christus und das, was von Ihm ist. Wie kost bar, daran zu denken! Aber die Freude dessen braucht nicht bis zum Augenblick des Abscheidens aufgeschoben zu werden, sie sollte jetzt ebenso wie unsere Annahme durch Gnade gekannt werden. Wir sind jetzt, den Ge danken der Liebe Gottes gemäß, gesegnet, und die Liebe Gottes ist in der wunderbaren Tatsache ans Licht ge kommen, daß Christus für uns gestorben ist. Infolgedes sen sind wir mit dem Wohlgeruch verbunden, der auf stieg, als Er in den Tod ging. Derart kommen wir aus der Wüste heraus.
In diesem Buche kommt die Braut zweimal aus der Wüste herauf. Hier kommt sie in all dem von dem Altar
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aufsteigenden Wohlgeruch herauf, doch im achten Kapitel auf den Geliebten lehnend, also unter Seiner priester lichen Unterstützung. Mit diesem beiden werden wir in der Wüste bekannt, mit dem Altar, dem Tode Christi in all seinen erstaunlichen Folgen für Zeit und Ewigkeit, und mit dem Priesterzur Hilfe und Unterstützung. Wir stehen nicht nur im Wohlgeruch des Todes Christi da, sondern wir haben einen lebendigen Priester, auf den wir uns stützen können, und der uns in alles das einführen kann, was die Frucht der göttlichen Liebe und des göttlichen Vorsatzes ist. Wie gesegnet, derart aus der Wüste heraufzukommen!
In einem Lebenskreise der Liebe verweilen wir nicht bei dem, was hinweggetan ist, sondern bei alledem, wozu wir gebracht sind, und das ist ein ungeheurer Unter schied. Gott will, daß wir den Tod Christi in seinem lieb­lichen Wohlgeruch erfassen; und dann werden wir die „Rauchsäulen" verstehen. Die Gedanken der Gnade sind unendlich groß. Wie oft sagen wir mit Bezug auf Gottes große Gedanken, daß wir nicht auf deren Höhe sind! Doch das ist nicht die wirkliche Schwierigkeit. Was uns zu sehen not tut, ist, daß wir in Adam so völlig zugrunde gerichtet sind, daß nichts als Christi Tod da helfen kann. Er ist nicht nur gestorben, um das zu beseitigen, was wir waren, sondern auch um den Wohlgeruch dessen ein zuführen, was Er ist, damit wir in all dessen Wert und Annehmlichkeit (von der Wüste) heraufkommen. Wir können nicht tiefer als der Tod Christi herunterkommen; er ist der wahre Maßstab unseres Zustandes, unserer Not; doch durch diesen Tod gibt uns die Gnade einen Platz in all dem Wohlgeruch der Myrrhe, des Weih rauchs und der Gewürzpulver des Krämers.
Der Epheserbrief ist ein wunderbarer Brief der Gnade; er ist voll von der Wirksamkeit und Frucht der Gnade. Dort lesen wir von „der Herrlichkeit seiner Gnade", „dem Reichtum seiner Gnade" und dem „überschwenglichen Reichtum seiner Gnade" (Eph. 1, 6. 7; 2, 7). Wenn wir in den Bereich der Gnade kommen, so handelt es sich da um Christum, um nichts als Christum; dort zu weilen heißt, überschwenglich glücklich zu sein.
Nachdem  die  Braut  derart  vor  uns  gekommen  ist, 
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wendet Sich der Geist in Vers 7—11 Christo, dem Gegen stande der Zuneigungen Seines Volkes, zu. Die Braut als solche haben wir nicht in diesen Versen, obwohl diese die Einleitung zu den wunderbaren Äußerungen des Königs über sie in Kapitel 4 bilden. Die erwähnten Gegenstände sind in besonderer Weise Sein eigen. Sein Tragbett, Seine Prachtsänfte und Seine Krone sind Dinge, die Christo gehören und die Frage aufkommen lassen, wie wir in unseren Herzen zu ihnen stehen. Wahrhaft auf genommene Gnade bringt uns in Herzensbeziehungen zu Seinem Tragbett, Seiner Prachtsänfte und Seiner Krone.
Wer in Vers 6—11 redet, wird nicht gesagt, er bleibt verborgen, damit sich unser Augenmerk auf das Geredete richte. Ich zweifle nicht daran, daß wir hier gesondert von den anderen Redenden, deren Äußerungen in dem Hohenliede vor uns kommen, die Stimme des Geistes ha ben; es ist dies eine auffallende Einschaltung dieses Buches.
Das erste, was wir zu betrachten haben, ist Salomos T r a g b e 11. Es ist Seine Ruhestätte während der Nacht, und wir sehen sie hier von einer Leibwache von Helden Israels umgeben. Das zeigt, daß Christus einen Ort hat, wo Er sicher in der Gegenwart dessen, was feindlich ist, die Nacht hindurch ruhen kann. Wohl wis sen wir, daß Er einen Platz der Ruhe in der Höhe hat, denn Jehova hat zu Ihm gesagt: „Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde lege zum Schemel deiner Füße!" (Ps. 110, 1). Dort haben wir Ihn nicht zu bewa chen, dort kann Ihm keine feindliche Macht nahen; doch Er hat eine Stätte hienieden, die von treuen, kriegs geübten Männern verteidigt werden muß. Seine Ruhe stätte wird in treuer Liebe bewacht; es sind solche da, die bereit sind, die Wucht jedes Angriffs auf Ihn abzu weisen. Wir denken oft daran, daß Er uns schützt, und wo würden wir auch ohne Seinen Schutz sein? Doch hier haben wir eine andere Seite, und die Tatsache, daß Sein Tragbett „vor dem Schrecken in den Nächten" bewahrt wird, zeigt, daß die gegenwärtige Zeit vor uns ist, und nicht der Tausendjahrtag. Das geschieht angesichts der Feinde und in den Tagen Seiner Vermählung; die Hoch zeit ist noch nicht gekommen, es hat also besonders mit
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der gegenwärtigen Zeit zu tun. Reinheit in den Zunei gungen gegen Christum und Treue gegen Ihn angesichts alles Feindlichen kann nur im Geiste eines Kämpfers aufrechterhalten werden. Wir haben, das Schwert in der Hand, dazustehen, jeden nächtlichen Überfall abzu wehren.
Bedenken wir, daß Sich der Herr der Obhut Treu liebender anvertraut! Er hat eine Stätte hienieden, wo Er gegen jeden feindlichen Angriff verteidigt wird. Welch eine Ehre für die Kirche, daß ihr solch eine heilige Obhut anvertraut ist! Alles Gott Wertvolle wird aufgegeben, wenn wir die Person Christi nicht verteidigen. Dieser Gedanke steht mit Seinem Tragbett in Verbindung. Seine Person ist auf alle Kosten zu verteidigen; jedem Angriff des Feindes ist unerschrocken entgegenzutre ten, und die „Helden Israels" sind imstande, die Wucht des Kampfes auszuhalten, wenn Seiner Person irgend etwas droht. Die Person Christi ist der unermeßliche Schatz der Kirche, und jeder Angriff des Feindes richtet sich irgendwie gegen sie. Es ist gut, daran zu denken, daß gegenwärtig Tausende von Heiligen auf Erden sind, die lieber sterben würden, als einem Einflüsse nach zugeben, der der Wahrheit Seiner Person entgegen ist. Die wahre Probe darauf, ob die Kirche steht oder fällt, ist ihr Handeln mit Bezug auf die Person Christi. Wir haben Ihn auf alle Kosten zu verteidigen, .und in Ver bindung damit kommen Helden ans Licht.
Es hat nie eine Zeit gegeben, wo der Feind geschäftiger war, so daß in der Nacht Lärm geblasen werden mußte. Allenthalben wird die Wahrheit der Person Christi an gegriffen, und Er wird der Ihm eigenen Herrlichkeit ent­kleidet. Wider alles das haben wir Schulter an Schulter, das Schwert in der Hand, dazustehen. Wir können dessen gewiß sein, daß in dem Maße, wie der Feind Ihm Seine Herrlichkeit zu rauben sucht, der Geist Gottes dadurch ein Banner wider ihn erheben wird (Jes. 59, 19), daß Er diese Herrlichkeit in den Augen derer, die Ihn lieben, ver größert und vermehrt. Ich denke, wir alle verlangen danach, von Gott gewürdigt zu werden, Ihn an einem Schauplatze und zu einer Zeit zu verteidigen, wo Er der
Gegenstand des Angriffs ist; das begehrt jeder Ihn treu ergeben Liebende.
„Der König Salomo hat sich eine Prachtsänfte gemacht aus Holz vom Libanon. Ihre Säulen hat er von Silber gemacht, ihre Lehne von Gold, ihren Sitz von Purpur; das Innere ist kunstvoll gestickt, aus Liebe von den Töchtern Jerusalems" (V. 9 u. 10). Damit hat der Herr offenbar für das Fürsorge getroffen, was Er unter Seinem Volke unternimmt. Es ist zu beachten, daß Er Sich dazu keines Wagens auf Rädern bedient, sondern einer von Trägern getragenen Prachtsänfte. Somit ist das, was der Herr unternimmt, dem Bilde nach nicht unabhängig von Seinen Heiligen; es geschieht, getragen von ihrer Herzenstreue. Das erinnert uns daran, daß die Bundeslade auf allen ihren Zügen von den Kehathitern getragen wurde, und welche traurigen Folgen es nach sich zog, als man von dieser göttlichen Ordnung ab wich. Der Herr ist in der gegenwärtigen Zeit nicht zur Ruhe gekommen, Er bewegt Sich unter Seinem Volke, jedoch nicht unabhängig von ihren Zuneigungen und ihrem Dienste. Wenn wir anerkennen, daß Bewegungen vom Herrn ausgehen, so ist es von großer Wichtigkeit, sie zu erkennen und sie von ganzem Herzen zu unter stützen. Dem Kennzeichnenden und der Eigenart Seiner Bewegungen verleiht im Bilde die Prachtsänfte Aus druck, die der König Salomo machte, und wenn wir sie betrachten, lernen wir Seine Bewegungen von bloßer menschlicher Tätigkeit unterscheiden. Obendrein ler nen wir, daß das Tragen einer solchen Prachtsänfte und des darin Sitzenden ein sehr erhabener Dienst ist; denn die Träger mußten sicherlich ihrer Erscheinung und Würde nach dem entsprechen, was sie trugen.
Alle Bewegungen Christi tragen eine Seiner wür dige Eigenart. Die Zedern und Zypressen des Libanon hatten einen großen Platz beim Tempelbau, und von der Stadt Jehovas am Tage der Zukunft heißt es: „Die Herr lichkeit des Libanon wird zu dir kommen, ^Zypresse, Pla tane und Scherbinzeder miteinander, um die Stätte mei nes Heiligtums zu schmücken" (Jes. 60, 13). Demnach ist das „Holz des Libanon" ein Bild der Vortrefflichkeit und Erhabenheit, es redet also von einer sittlich 
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erhabenen Eigenart. Den Bewegungen Christi war von jeher diese Wesensart eigen; ihnen haftete nie etwas Niedriges oder Gemeines an, noch irgend etwas, was der Stufe des natürlichen oder fleischlichen Menschen ent spricht; und die Ihn tragen, haben damit im Einklänge zu stehen. Paulus lenkt im 2. Korintherbriefe das Augen merk besonders auf die Tatsache, daß er persönlich ein Ausdruck des Dienstes war, den er ausübte. Seine Lehre wie auch sein Wandel waren in Christo, und Timotheus ging denselben Pfad, denn Paulus konnte von ihm sagen, daß sein Aufenthalt unter ihnen sie an seine Wege, die in Christo sind, erinnern würde (1. Kor. 4,17). Unsere Worte haben oft kein Gewicht, weil wir persön lich nicht im Einklänge mit ihnen stehen; wenn das der Fall ist, so unterstützen wir in Wahrheit die Bewegun gen Christi nicht: Er bewegt Sich der Erhabenheit Seiner eigenen großen und heiligen Gedanken gemäß.
„Ihre Säulen hat er von Silber gemacht"; die Gnade der Erlösung wird nie fehlen, die gegenwärtigen Be wegungen Christi zu begleiten und zu schmücken. Nie vergißt Er das, was durch Seinen eigenen kostbaren Tod gewirkt worden ist; Seine Bewegungen bringen immer den Wert und das Ergebnis der Erlösung vor uns; Er betrachtet Sein Volk von jeher in diesem Lichte. Wenn Bewegungen entstehen, nach denen die, die Christo an­gehören, von der Welt, oder im Fleische, oder unter dem Gesetz sind, so können wir sicher sein, daß es nicht Be wegungen von Christo sind. Die Seinen können Ihm nur Erlöste sein, die aus der Welt herausgenommen sind, um in der Kraft und dem Werte Seines eigenen Todes zum Wohlgefallen Gottes zu sein. Das wird immer einen her vorragenden Platz haben, wenn Er Sich unter Seinen Heiligen bewegt. Die vollständige und kostbare Eigenart dieser Erlösung, die durch Sein kostbares Blut bewirkt worden ist und kraft Seiner Person besteht, wird uns beim Dahinschreiten Seines königlichen Zuges immer herrlicher werden; das ist eine unfehlbare Begleiterschei nung von Ihm ausgehender Bewegungen.
Wenn nun die „Säulen" der Prachtsänfte von Silber sind, so ist deren „Lehne" von Gold. Den Bewegungen Christi sind Züge göttlicher Herrlichkeit und Liebe eigen;
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aie stehen alle im Einklang mit dem neuen Bunde, den überschwengliche und bleibende Herrlichkeit kennzeich net (2. Kor. 3, 10 u. 11). Wenn das Augenmerk auf rein Göttliches gelenkt wird — auf das, was der Ausfluß Seiner Liebe ist und Seinem Vorsatze entspricht —, so können wir sicher sein, daß der Herr in Bewegung ist. Es macht Seine Herrlichkeit aus, daß Er der Mittler des neuen Bundes und das Bild Gottes ist. Wenn Er, weil Er im Namen Jehovas kommt, gepriesen und als Solcher begrüßt wird (Matth. 21, 9; Luk. 19j 38], wie glücklich wird dann das Teil derer sein, die Ihn tragen, und auch derer, die Ihn erblicken! Am Tage der Zukunft wird Sein getreuer Überrest ein Zeugnis von Seiner königlichen Herrlichkeit ablegen, und Er wird Sich wieder wie in den Tagen Seines Fleisches unter denen bewegen, die „Ge liebte, um der Väter willen", sind (Rom. 11, 28). Gegen wärtig aber bewegt Er Sich in all Seiner Herrlichkeit, die in einer geistlichen Weise erkannt wird, unter den geliebten Heiligen Seiner Kirche. Möchten wir ein Ver ständnis darüber haben, Ihn derart zu Seinem Wohl gefallen umherzutragen!
Das begreift eine völlige persönliche Unterwerfung unter Seine Oberhoheit als Herr in sich, was im Bilde darin zum Ausdruck kommt, daß der Sitz Seiner Pracht sänfte „von Purpur" ist (V. 10). Zu Seiner Verspot tung setzten Ihm die Kriegsknechte eine Dornenkrone auf und zogen Ihm einen Purpurmantel an; in einem wah ren und göttlichen Sinne aber kennzeichnet der Purpur alle Seine Bewegungen — in ihnen wird immer Seine Oberhoheit gewahrt und Unterwürfigkeit gegen Ihn gefordert. Die Bewegungen des Herrn werden oft be krittelt, als ob Menschen sie zu beurteilen vermöchten, doch in ihnen kommt Seine Oberhoheit zum Ausdruck, und wir können sie nicht ungestraft mißachten. Nur wer sich in seinem Herzen vorgesetzt hat, die Rechte Christi aufrechtzuerhalten und Seiner Oberhoheit als Herr un­terwürfig zu sein, kann Ihn in angemessener Weise tragen.
Schließlich heißt es: „Das Innere ist kunstvoll gestickt, aus Liebe, von den Töchtern Jerusalems" (V. 10). Es gefällt dem Herrn, die Zeichen der Liebe Seines Volkes  
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bei allen Seinen Unternehmungen um Sich zu haben, ja Er wird nichts ohne diese Liebe tun. Die wahren „Töchter Jerusalems" finden Gefallen an einer Aus stattung der Liebe; sie fühlen, was dazu erforderlich ist, wie das Weib, das Seinen Leib „zum voraus" zum Be gräbnis salbte (Mark. 14, 8), oder wie die, die vor Ihm hergingen und ihre Kleider auf den Weg streuten, als Er als Zions König in Jerusalem einzog (Matth. 21, 8; Mark. 11, 8; Luk. 19, 36). Er liebt es, Seinen Weg be reitgemacht zu haben, und daß Seine Prachtsänfte mit Liebe ausgestattet ist. Ich glaube, ehe der Herr eine Be wegung veranlaßt, bewegt Er die Herzen Seiner Heiligen in einer besonderen Weise, so daß für die hierfür er forderliche Ausstattung gesorgt wird, die sie Ihm ermög licht. Wie hoch begünstigt sind die, die der Ehre teilhaftig werden, Ihm also zu dienen! Denken wir an den Ober rest in Lukas 1 und 2 in Verbindung mit Seinem Kom men in die Welt — und auch an den anderen Über rest in Apostelgeschichte 1, der die Verheißung des Va ters erwartete; ihre Herzen waren für Sein Vorhaben bereit, die Ausstattung der Liebe war da. Und so wird es auch bei jener großen Bewegung sein, wo Er vom Himmel herniederkommen wird, um Seine Heiligen zu entrücken, so daß sie Ihm in der Luft begegnen. Die Liebe Seiner Braut wird derart wirksam sein, daß alles für Ihn bereit ist. Sogar dann wird Er Sich, gleichsam von der Liebe Seines Volkes getragen, bewegen, nämlich als Antwort auf den Ruf: „Komm!", Seiner Braut. Und wenn sich das bei Seinen größten und wunderbarsten Bewegungen so verhält, so können wir gewiß sein, daß es bei Seinen geistlichen Bewegungen unter Seinen Hei ligen, die von Zeit zu Zeit vor sich gehen, auch so ist. Ich glaube, für die Ausstattung der Liebe haben wir immer zu sorgen, und den „Töchtern Jerusalems" wird die be sondere Gunst zuteil, dieses zu tun. Begehren nicht auch unser aller Herzen, Ihm in dieser Weise zu Seinem Wohlgefallen zu dienen? Wer wünschte etwa, Seinen Bewegungen unbereit oder teilnahmslos gegenüberzu stehen? Entfernung von Ihm kann uns leider dahin brin gen, Seine Bewegungen mit Mißtrauen zu betrachten und der Glückseligkeit verlustig zu gehen, im Einklänge 
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mit ihnen zu sein. Laßt unsere Herzen vielmehr geist lich auf der Hut sein, damit wir imstande sind, für die Ausstattung der Liebe Vorsorge zu treffen, auf daß unserseits alles für Seine nächste Bewegung bereit ist, welcherart sie auch sein möge!
In Kapitel 6, 12 haben wir einen ähnlichen Gedan ken; da kann der König sagen: „Unversehens setzte mich meine Seele auf den Prachtwagen meines willigen Volkes." Doch dort ist der Gedanke, wie leicht und schnell Ihn die Zuneigungen Seines Volkes bestimmen können, Ihn mit sich zu führen; sie gleichen einem Wa gen, dessen Räder sdmell laufen. Seine Prachtsänfte aber enthält mehr einen Hinweis darauf, daß jeder bereit ist, unter persönlichen Beschwerden die Last auf sich zu nehmen, die die Unterstützung Seiner Bewegungen mit sich bringt. Der „Prachtwagen" redet von der Bereitwil ligkeit der Liebe auf seiten eines willigen Volkes, die „Prachtsänfte" jedoch davon, daß, Seine Bewegungen zu unterstützen, eine „Bemühung der Liebe" erforderlich ist (1. Thess. 1, 3), der wir unsere Schultern zur Verfügung zu stellen haben.
Der Herr will Sich in Liebe bewegen und Sich unter Seinem Volke bis zum Ende hin rühmen, und Er möchte uns eins mit Seinen Bewegungen sehen, so daß Er dabei die Freude genießt, zu wissen, daß unsere Herzen mit Ihm sind. Er ist nicht gesonnen, sich ohne uns zu bewe gen. Welche Würde und Ehre, ja welch ein trautes Vor recht der Liebe verleiht uns dies! Indem Er Sich bewegt, stellt Er Sich Selbst unter Seinem Volke dar; Er gibt ge wissen Dingen einen besonderen Platz und bringt das, was not tut, um Seinem Zeugnis zu irgendeiner beson deren Zeit Färbung und Eigenart zu verleihen. Es ist gut, für eine Ausstattung der Liebe zu sorgen und bereit zu sein, Ihn bei allen Seinen Bewegungen zu tragen.
In Vers 11 werden die „Töchter Zions" herausgeru fen, den König Salomo gekrönt am Tage Seiner Ver mählung zu betrachten. „Töchter Jerusalems" ist, denke ich, eine allgemeine
Beziehung der durch Gnade Ge zeugten, „Töchter Zions" dagegen deutet auf die Unum schränktheit hin, die einen besonderen Platz gibt, wie ihn die  Hundertvierundvierzigtausend  in   Offenbarung  14
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empfangen. In Zion geboren zu sein, war eine besondere, der Unumschränktheit Gottes entsprechende Gunst (Ps. 87). Ich kann es nur als eine besondere Gunst ansehen,
herausgerufen zu werden, um den wahren König Salomo am Tage Seiner Vermählung von Seiner Mutter gekrönt
zu sehen. Das ist ein Anblick Christi von ganz besonderer und sehr kostbarer Art; denn die Krone ist hier
nicht die des Reiches, sie ist nicht die Krone tausendjähriger Herrlichkeit, sondern der Herrlichkeit, die Ihm
als dem in treuer Liebe Seiner Braut Verpflichteten eigen ist. Nicht, daß die Hochzeit schon abgeschlossen wäre,
dennoch ist die Freude Seines Herzens groß, mit Seiner Braut verlobt zu sein. Welch ein Tag wird es sein, wenn
Seine Mutter Israel die Freude Seiner Liebe versteht, ein Band mit einer auserwählten Schar einzugehen, die
Ihm Sein Vater als Braut gegeben hat! Der Tag wird kommen, wenn sie Ihn in dieser Freude krönen wird.
In der gegenwärtigen Zeit aber können die Heiligen, diesem Verse zufolge, von einem dreifachen Vorrecht  Gebrauch machen: es kann unser Teil sein, Ihn in gewisser  Hinsicht zu krönen, sodann, Ihn in anderer Hin sicht als 
gekrönt zu betrachten, und drittens Ihn in der höchst  gesegneten Hinsicht zu betrachten, daß wir ein Teil jener 
keuschen Jungfrau sind, der Er in unwandel barer Liebe verlobt ist. Gott möchte, daß wir in die „Freude seines Herzens" eingehen. Hier wird nicht unsere Seite dargestellt, sondern die Freude Christi als eines Verlobten — eine Freude, die Sein gegenwärtiges Teil ist und die Ihm viel bedeutet. Als Paulus davon redete, daß die Heiligen Christo als eine keusche Jungfrau verlobt sind, hatte er                          
ihr Passendsein für Ihn vor sich. Hier jedoch handelt es sich um Seine Seite, und es ist eine besondere göttliche
Gunst, herausgerufen zu werden, um Ihn derart zu erblicken. Ich denke, uns sollten nicht nur die allgemeinen
Segnungen göttlicher Gnade ungemein anziehen,  sondern  auch die Besonderheiten, die es der Liebe gefällt,  
uns zu erweisen. Offenbarungen sind Besonderheiten;                                  
sie werden nicht allen Gläubigen zuteil, sondern werden unter gewissen Umständen als 
eine besondere Gunst gegeben. Und es ist eine besondere Gunst, die gegen- 
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wärtige Freude Christi infolge der Verlobung mit Sei ner Braut zu kennen. Da diese Herrlichkeit 
die Seine ist, wird Er immer dem Bande treu sein, das Er eingegan gen ist. Er hat Sich endgültig
verbindlich gemacht und verpflichtet, und Sein Herz schlägt rückhaltlos denen entgegen, 
die Er liebt, und mit denen es Ihm gefällt, in einem Bande zu stehen, das nie getrennt werden kann.
Es ist zu beachten, daß wir nun erst eine bis ins einzelne gehende Beschreibung dessen 
finden, wie schön die Braut in Seinen Augen ist, und daß sie erst von dem nächsten Kapitel 
an die Braut genannt wird. Doch da die Vermählung begonnen hat gefeiert zu werden, ist Er
nun frei, ihr gegenüber so zu reden und zu handeln, wie es dem mit ihr eingegangenen 
Verhältnisse entspricht. Es ist ein unermeßliches Vorrecht, Ihn in diesem besonderen Sinne, 
dieser Herzensangelegenheit entsprechend, als ge krönt zu betrachten; das ist ein sehr kostbarer
Anblick Christi.

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Kapitel 4
In den ersten fünf Versen dieses Kapitels redet der König zu Seiner Braut über ihre Schönheit. Er tut dies mit Freuden, weil jeder Zug ihrer Schönheit — hier werden deren sieben besonders erwähnt — die Frucht der Gnade ist Er liebt es, ihr innewerden zu lassen, daß sie in Seinen Augen schön ist. Unter der Gnade und ihrer Unterweisung kommen in den Heiligen gewisse Wesens züge zur Entfaltung, die Christo höchst anziehend sind. Durch die Gnade Gottes werden schöne Wesenszüge offenbar; wir schätzen sie, wenn wir sie sehen, doch der Herr schätzt sie weit mehr als wir; sie sind ihm höchst anziehend. Nichts uns von Natur Eigenes kommt da in Betracht; die liebenswürdigsten Züge des natür lichen Wesens haben weder Platz noch Teil in der Schön heit der Braut. Sie hat eine von Gott verliehene Schönheit, die nur dadurch erlangt worden ist, daß die Macht der Gnade das, was uns von Natur anhaftet, beiseite73
gesetzt hat. Es ist klar, daß der Herr, wenn Er derart zu Seiner Geliebten spricht, nicht das vor Sich hat, was wir
dem Fleische nach waren, sondern das, was wir durch Gottes Gnade sind. Die von Ihm geschilderte Schönheit
ist echt und wirklich vorhanden; Er würde nichts sagen, was nicht wahr ist, noch das schön nennen, was in 
Wahrheit häßlich ist. Dagegen ruht Sein Auge mit freu digem Wohlbehagen auf jedem Zuge, der die Frucht 
der Gnade ist. Recht aufgenommene Gnade ist nie unfrucht bar, sie bewirkt eine sittliche Umgestaltung 
und bringt in ihren Gegenständen Wesenszüge zustande, die dem Auge Christi schön sind. Wie schon bemerkt,
haben wir in diesem Abschnitte des Buches, die Rückkehr zu einem Bewußtsein von der Gnade nach einer Zeit
des Abweichens, und in Übereinstimmung damit werden die Hei ligen demgemäß betrachtet, was sie durch Gottes 
Gnade sind. Paulus konnte sagen: „Durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin", und sogar im Blick auf sein 
Übermaß an Arbeit schrieb er: „Nicht aber ich, sondern die Gnade Gottes, die mit mir war" (1. Kor. 15«, 10). 
Jeder Ge genstand der Gnade hat schöne Wesenszüge. Als von Saulus von Tarsus gesagt werden konnte: „Siehe, 
er betet" (Apg. 9,11), so war das ein schöner Zug; er redete von einer Umgestaltung, von Unterwürfigkeit und 
Abhängigkeit, statt von gewalttätigem Eigenwillen und Feindschaft. Das machte ihn Christo anziehend, und auch 
dem Ananias, als er davon hörte. „Die Gnade Gottes ... unterweist uns, daß wir, die Gottlosigkeit und die weltlichen
Lüste verleugnend, besonnen und gerecht und gottselig leben sollen in dem jetzigen Zeitlauf" (Tit. 2, 12). Dies 
sind Züge von großer sittlicher Schönheit. Als die Heiden zu Antiochien glaubten und sich zum Herrn wandten, 
wurde Barnabas dahin gesandt, um zu sehen, was da vorgegangen war, und es heißt, daß er die Gnade Gottes sah 
(Apg. 11, 23). Er sah sie in ihren offen kundigen Früchten in den Neubekehrten, und das er freute ihn. Im Bilde
wird in der Sprache der zu betrach tenden Verse eine Schönheit geschildert, die unter der Gnade erstand. 
Dieses Schriftwort soll unser Augenmerk auf Christo anziehende Züge richten, damit wir sie in jeder Hinsicht zu 
fördern suchen und sie völlig in uns
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Gestalt gewinnen. Die Christum erfreuenden Wesens züge sind alle Ihm gemäß, sie stammen von Ihm.

Der erste dieser Wesenszüge betrifft das geistliche Auffassungsvermögen; ihre Augen sind Tauben hinter

ihrem Schleier. Das ist ein vor der Welt verborgener Wesenszug; die Menschen können ihn nicht wahrnehmen,

die Braut verhüllt ihn vor ihren Blicken; doch er ist eine Hauptschönheit in den Augen Christi. Wie angenehm

waren dem Herrn in den Tagen Seines Fleisches die, die in einem geistlichen Sinne zu sehen vermochten!

Es waren solche, zu denen Er sagen konnte: „Glückselig aber eure Augen, daß sie sehen"

(Matth. 13, 16; Luk. 10, 23). Diese Fähigkeit hatten sie nicht getrennt von der neuen Geburt, denn der Herr

sagte: „Es sei denn, daß jemand von neuem geboren werde, so kann er das Reich Gottes nicht sehen" (Joh. 3, 3).

Die Wirksamkeit Gottes in der neuen Geburt und die Gegenwart des Geistes sind notwendig, wenn

unsere Augen Tauben sein sollen. „Und ihr habt die Salbung von dem Heiligen und wisset alles" (1. Joh. 2, 20),

und „der geistliche aber beurteilt alles" (1. Kor. 2, 15), sind Schriftstellen, an die man in Ver bindung mit den

Augen der Braut

denken muß. Als der Herr zu Seinen Jüngern sprach: „Ihr aber, wer saget ihr, daß ich sei?"

(Matth. 16, 15), gab Er ihnen Gelegen heit, ihr Verständnis zu zeigen. Als dann Simon Petrus antwortete:

„Du bist der Christus, der Sohn des leben digen Gottes", erklärte Er ihn als einen Gegenstand der

Gnade Seines Vaters für „glückselig". Ein taubengleiches Sehvermögen war da, und das besaß in Seinen

Augen eine große Schönheit.

Es ist gut, dessen eingedenk zu sein, daß wir über haupt keine Augen im geistlichen Sinne hätten, wenn

der Herr uns nicht dieses Augenlichtt gegeben hätte. „Jehova öffnet die Augen der Blinden" (Ps. 146, 8).

Von den Tagen des Messias wurde ausdrücklich geschrieben, daß die Augen der Blinden sehen würden

(Jes. 29, 18; 35, 5; 42, 7), und die alten Rabbiner taten recht daran, wenn sie sagten, daß dies ein

Wunder sei, das zu verrichten dem Messias allein vorbehalten wäre. Er gab Seinen Jüngern nicht die

Gewalt, dieses zu tun. Die Worte: „Ihre Augen aufzutun" (Apg. 26, 18), im Auftrage des

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Paulus, besagen nicht, daß dieser den Menschen das Augenlicht zu geben vermochte, sondern daß er gesandt
wurde, ihnen die gegenwärtige Wahrheit so klar vorzu stellen, daß ihr Blut auf ihren Köpfen war (Apg. 18, 6),

wenn sie sich nicht zum Lichte und zu Gott kehren wür den. Viele Blinde jedoch empfingen ihr Augenlicht, als

der Herr hier war; sieben von ihnen werden ausdrück lich in den Evangelien erwähnt (Matth, 9, 27-31; 12, 22;

Luk. 11, 14; Matth. 20, 30-34; Mark. 10, 46-52; Luk. 18, 35-43; Mark. 7, 31-37; Joh. 9, 1-7). Das wirft ein Licht

auf das kostbare Werk göttlicher Gnade, das uns ein geistliches Auffassungsvermögen verleiht.

Haben wir immer acht darauf, daß unser geistliches Sehvermögen auch Christo wohlgefällig ist? Unsere geist liche Auffassungsgabe haben wir nicht vor den Men schen darzutun, um dadurch das Augenmerk auf uns selbst zu lenken; sie ist hinter dem Schleier. Es wäre gut, wenn uns jede Zunahme an Licht, jede Erweiterung des Gesichtskreises über Christum und jedes Wachstum in der Erkenntnis Gottes bestimmte, Christo wohlge fälliger zu sein. Es mag nicht immer Sein Wille sein, daß wir zu anderen über das reden, was Er uns hat ver stehen lassen; zuweilen kann Er uns wie den beiden Blinden in Matthäus 9, 30 sagen: „Sehet zu, daß nie mand es erfahre." Der Schleier deutet auf eine gewisse Zurückhaltung der Öffentlichkeit gegenüber hin; Augen, die den Worten „hinter deinem Schleier" entsprechen, reden von einer geistlichen Schönheit, die nicht jeder mann enthüllt wird, sondern Christo allein vorbehalten ist. Er wird wissen, zu Seiner Zeit Nutzen aus ihr für den Dienst zu ziehen; doch, solange es Ihm gefällt, bleibt sie verhüllt. Paulus hatte wunderbare Offenbarungen und Gesichte, als er in das Paradies entrückt wurde, doch er hielt sie vierzehn Jahre hinter dem Schleier zurück. Eine Zurückhaltung dieser Art, die zu des Dieners Selbst verherrlichung aufgegeben werden könnte, aber dessenungeachtet verhüllt wird, bis es die Verherrlichung Christi erfordert, sie aufzugeben, ist Ihm sehr wohlgefällig. Möchte uns mehr daran gelegen sein, Herzensempfin dungen und -auffassungen zu haben, die an uns ge schätzt werden, wegen des Wohlgefallens, das sie Christo
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bereiten. Sicherlich hätte jeder, der Christum liebt, gern ein geistliches Sehvermögen, das Ihm wohlgefällt, so daß wir beim Hören oder Lesen von Dienst dies vor uns haben, und nicht eine bloße Erkenntnis, die nur auf bläht. Jede wahrhaft geistliche Auffassung von Christo und der Wahrheit ist ein Teil der bräutlichen Schönheit, die Ihm so anziehend ist, und Er möchte, daß wir dies wissen. Sogar, wenn w i r sehen, daß Seelen neue Auffassungen von Christo bekommen, oder Ihn klarer und völliger zu erkennen wünschen, so gibt uns das eine wahrhafte Freude; die Liebe Christi in Seinen Heiligen führt sie eben dahin, das zu schätzen, was Er schätzt. Welche Freude hatte der Herr daran, den Fortschritt des Mannes zu sehen, dessen Augen Er aufgetan hatte Qoh. 9)! Ich denke, wir können sagen, daß dem Herrn jede neue Auffassung, die dieser Mann von Ihm bekam, mehr Freude bereitete als dem Manne selbst.

„Dein Haar ist wie eine Herde Ziegen, die an den Abhängen des Gebirges Gilead lagern." Dieser zweite Zug der Braut macht eine besondere Weibesherrlichkeit aus, denn „wenn... ein Weib langes Haar hat, ist es eine Ehre (Herrlichkeit) für sie, weil das Haar ihr anstatt eines Schleiers gegeben ist" (i. Kor. 11, 15). Die Natur selbst lehrt, daß es des Weibes Herrlichkeit ist, ver schleiert zu sein, da sie sich in einer Stellung der Unter würfigkeit befindet; ihre Herrlichkeit ist, eine solche zu sein, die ein Haupt hat. Darin besteht die wahre Herr lichkeit der Kirche; sie ist dem Christus in Seiner geseg neten Beziehung zu ihr als Haupt unterworfen. Diese Art Unterwürfigkeit kommt nicht durch ein Verpflichtet sein zustande, sondern aus Liebe und Ehrfurcht. Die Kirche fühlt nicht nur, daß sie Christo Untertan sein sollte, sondern sie liebt es, dies zu sein. Sie ist sich dessen bewußt, daß sich keine andere Beziehung zu Ihm für sie geziemt, und daß, in ihr zu stehen, ihre wahre Herrlichkeit und einen wesentlichen Zug ihrer Schönheit in Seinen Augen ausmacht. Ich zweifle nicht, daß dies dem Bilde nach in dem Haar der Braut dargestellt wird; es bildet einen hervorragenden Zug unter dem, was in den Augen des Königs so anziehend ist. 
Das Haar redet bei dem Gelübde eines Nasirs auch 
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von Weihe. „Alle die Tage . . ., die er sich für Jehova abgesondert hat, soll er heilig sein; er soll das Haar sei nes Hauptes frei wachsen lassen", und sodann lesen wir von dem „Haar des Hauptes seiner Weihe" (4. Mose 6, 5 u. 18). Wie schön ist dieser Zug in den Augen Christi! Seine Liebe drängt uns, nicht länger mehr uns selbst, sondern Ihm zu leben (2. Kor. 5, 14 u. 15). „Denn sei es, daß wir leben, wir leben dem Herrn; sei es, daß wir sterben, wir sterben dem Herrn. Sei es nun, daß wir leben, sei es, daß wir sterben, wir sind des Herrn" (Rom. 14, 8). Ein das Herz beherrschendes geistliches Auffassungsvermögen führt uns zur völligen Hingabe oder Weihe; das ist die ordnungsgemäße Frucht der Gnade und, also ausgezeichnet zu sein, macht eine be sondere Herrlichkeit in den Augen Dessen aus, der uns ewig liebt.

In den Beschreibungen dieses Buches von der Braut und ihrem Geliebten werden einige Züge erwähnt, die dann mit anderen Dingen verglichen werden, und dabei zeigt es sich, daß diese Züge durch Bilder, die Vergleiche aber durch Sinnbilder dargestellt werden. So ist zum Beispiel das „Haupt" ein Bild der Einsicht, wenn es jedoch mit dem Karmel verglichen wird (Kap. 7, 5), so handelt es sich um ein Sinnbild, das auf die besondere Art der Einsicht hinweist. Hier sei ein anderes Beispiel aus dem Buche der Offenbarung angeführt, dort heißt es: „Und seine Füße gleich glänzendem Kupfer, als glühten sie im Ofen" (Offb. 1, 15). Seine „Füße" reden von Seinen Bewegungen, doch wenn es heißt, daß sie „gleich glänzendem Kupfer, als glühten sie im Ofen", sind, so ist das eine sinnbildliche Sprache. Ein Bild wird seinem Wesen nach leicht verstanden; ein Kind versteht, daß Füße vom Wandel reden. Ein Sinnbild jedoch erfor dert reiflichere Erwägungen; die Sprache der Sinnbilder ist aus ihrem Gebrauch in der Schrift zu lernen, und durch göttliche Belehrung. Der Ungelehrteste versteht, daß eine Tür auf den Weg zu etwas hindeutet, und je nachdem sie offen oder geschlossen ist, auf den Zugang oder Ausschluß davon; das lehrt die Bildersprache. Wenn wir jedoch lesen, daß die Türen des Tempels von Ölbaumholz waren, worein man Cherubim, Palmen und 
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aufbrechende Blumen geschnitzt und alles dann mit Gold überzogen hatte (1. Kön. 10, 32), so ist das eine Sinn bilder spräche, in die wir eingeweiht sein müssen, bevor wir sie verstehen können. Ebenso verhält es sich, wenn wir lesen, daß die Tore Jerusalems von Karfunkeln gemacht werden (Jes. 54, 12), und daß die Tore der himm lischen Stadt zwölf Perlen sind (Offb. 21, 21). Eine na türliche Ähnlichkeit zwischen einem Tore und einer Perle gibt es nicht, eine derartige Beschreibung ist sinn bildlich zu verstehen. Zwischen einem Bild und den in Verbindung damit gebrauchten Sinnbildern kann eine gewisse natürliche Übereinstimmung bestehen, doch das braucht auch nicht der Fall zu sein. Sehr oft besteht keine; doch immer haben die Sinnbilder ihre besondere Bedeutung. Das gilt für die Auslegung aller Sinnbilder der Schrift; auf jeden Fall verleiht ein Sinnbild dem Bild eine besondere Eigenart, die es sonst nicht haben würde. Dies zu beachten, wird uns bei der Betrachtung der Vergleiche und Gleichnisse helfen, die im Lied der Lieder vorkommen.

Zum geistlichen Verständnis einer solchen vom Hei ligen Geist eingegebenen Sprache müssen wir von stoff lichen und buchstäblichen Auffassungen loskommen und die sittlichen Gedanken zu erfassen suchen, die uns auf eine sinnbildliche Weise vorgestellt werden. Wir mögen sie nicht immer richtig deuten können; denn bei vielen Bildern und Sinnbildern ist das wirklich schwierig, der Herr muß uns Verständnis geben, und Er läßt d i e nicht im Stich, die Ihn suchen. Und wenn wir etwas nicht ver stehen, so ist es sehr gut und heilsam, unsere Unwissen heit zuzugeben.

Darin, daß das Haar der Braut einer Herde Ziegen gleicht, die an den Abhängen des Gebirges Gilead lagern, werden Einheit und eine äußerst vorteilhafte Stellung mit den Wesenszügen verbunden, die dem Haar in der Schrift eigen sind. Wahre Unterwürfigkeit und Weihe auf Seiten der einzelnen Heiligen führt sie unvermeid lich zur Einheit. Daraus geht ein Gesamtheitszustand hervor, der dem Wesen einer „Herde" entspricht. „Herde" ist eine kostbare Bezeichnung der Heiligen als Gesamtheit; darin kommt nicht nur zum Ausdruck, daß 
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jeder einzelne von ihnen einen Platz unter der unmittel baren Fürsorge des Hirten hat, sondern daß sich alle
miteinander unter einer Leitung bewegen. Darin erweist sich, daß wir in den Augen Christi die Zier jener wahren
Herrlichkeit tragen, von der das Haar ein Bild ist. Christo als Haupt unterwürfig sein sichert die Einheit. Das ist kein
Obereinkommen, wonach man sich von an deren unterscheiden will, sondern ein miteinander Wan deln ohne 
auseinandergehende Gedanken, weil eben alle ein Haupt haben.

Die Unterwerfung unter den einen Hirten, Dessen Liebe man kennt und vertraut, führt dahin, daß wir uns auf 
dem denkbar besten Weideplatz befinden, auf den die „Abhänge des Gebirges Gilead" hindeuten. 
(Siehe Jer. 50, 19; Micha 7, 14). Wenn wir keine reiche Weide genießen und nicht in deren Genuß in Einheit 
mit unsern Brüdern wandeln, so entsteht die Frage, ob wir der Gnade erlaubt haben, in uns jene Züge 
geistlicher Schön heit und Herrlichkeit zustande zu bringen, wie sie in dem Haar der Braut dargestellt werden.

Das häufige Vorkommen der Ziege als Sündopfer be sagt, daß die Heiligen als „eine Herde Ziegen" in heiliger 
Absonderung von allem betrachtet werden, was im Tode Christi gerichtet ward; sonst könnten wir weder als 
eine Herde in Einheit wandeln, noch auf grünen Auen wei den. Wenn wir Christum wirklich als Sündopfer
erfaßt haben, so sind wir verpflichtet, durch Gnade eine Heilig keit zu wahren, die im Einklang damit steht.

Das nächste, was in der Beschreibung des Königs von der Braut vor uns kommt, sind deren Zähne, es stellt 
die Fähigkeit dar, sich geistliche Speise zunutze zu ma chen, denn durch die Zähne zerkleinern wir sie. Unter
der Gnade erlangen wir die Fähigkeit, uns zu nähren, und das ist dem Herrn anziehend. Er reicht Speise die 
Fülle dar, doch Sein Wohlgefallen ist es, zu sehen, daß wir imstande sind, Nutzen daraus zu ziehen. Es 
gibt mancherlei Arten geistlicher Speise, Bilder davon sind das Passahlamm, das Manna, Fleisch, Korn, Brot
usw., doch ohne die Fähigkeit, uns von ihnen zu nähren, halten sie uns weder aufrecht, noch stärken sie uns.

„Deine Zähne sind wie eine Herde geschorener Schafe,

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die aus der Schwemme heraufkommen, die allzumal Zwillinge gebären, und keines unter ihnen ist unfruchtbar." Dieser Vergleich redet von den Bedingungen, die die Fähigkeit begleiten, sich geistliche Speise anzueignen. „Schafe" stellen solche dar, die der göttlichen Natur teil haftig sind. Wenn wir uns von Christo nähren sollen — und alle geistliche Speise ist Christus in irgendeiner Gestalt —, so muß eine hierfür geeignete Natur vorhanden sein, die sich solche Speise aneignen und dadurch wach sen kann. Wenn nichts Christo Verwandtes in der Seele ist, so ist auch nichts da, was sich von ihm nähren kann. Die aus unverweslichem Samen Geborenen werden an dem Verlangen nach dem offenbar, was in einem geist lichen Sinne nährt und stärkt. (Siehe 1. Petr. 1, 23-2, 3.) Die Speise entspricht dem sich davon Nährenden, sie ist ihm angepaßt. Der natürliche Mensch kann sich nicht von Christo nähren; es ist nichts in ihm, was eine derartige Speise nähren könnte.

Die Schafe sind hier geschoren; ihre Eigenart war zur Entfaltung gekommen und hat auf ihre persönlichen Kosten etwas für den Besitzer der Schafe hervorgebracht. Wir werden nicht immer so denken, doch es ist eine Tatsache, daß das Vermögen, uns zu nähren, in hohem Maße davon abhängt, welchen Ertrag wir gebracht haben. Wenn ich finde, daß ich nichts vom Lesen der Schrift habe, oder von einem Dienst, der anderen offenbar eine Speise ist, so ist es an der Zeit, zu fragen, ob bei mir die Gnade Gottes vermocht hat, etwas zu Seinem Preis oder zum Trost Seines Volkes hervorzubringen. Einen je größeren Ertrag wir gebracht haben, desto mehr Nah rung werden wir imstande sein uns anzueignen. Haben wir keinen Ertrag gebracht, so haben wir die Gnade Got tes vergeblich empfangen. Bei einem aus unverwes lichem Samen Geborenen kann es schlechterdings nicht so sein, doch ein geringer Ertrag ist oft schuld an der geringen Fähigkeit, Nahrung aufzunehmen. Wenn wir uns natürlich nicht nähren, so dürfen wir auch umge kehrt keine Wolle erwarten. Der ordnungsgemäße Weg ist, daß wir durch Gnade etwas für Gott hervorbringen; danach wird uns frische Gnade zuteil, und es gibt einen weiteren Ertrag für Gott. Wenn wir jedoch unfruchtbar

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sind, so werden wir uns nur wenig oder auch gar nichts geistlich anzueignen vermögen. Den hier gültigen 
Grundsatz haben wir in Hebräer 6, 7; der Regen kommt her nieder und bringt nützliches Kraut hervor, und 
aufgrund dieses Ertrages kommt weiterer Segen von Gott.

Wolle ist das natürliche Erzeugnis des Lebens eines Schafes, doch sie wächst, damit sie durch Scheren geern tet werde. Wie brachte da unser gepriesener Herr alles, ja das Leben selbst dar, ohne Seinen Mund zu einer Klage zu öffnen! Und Petrus sagt uns, daß Er uns ein Vorbild hinterlassen hat, damit wir Seinen Fußstapfen nachfolgen (1. Petr. 2, 21). Wenn wir einen derartigen Pfad verfolgen, so wird es uns nicht an der Fähigkeit mangeln, geistliche Speise zu genießen.

Dann haben wir noch den Gedanken, daß die Schafe „aus der Schwemme heraufkommen". Viele wundern sich, daß sie weder in den Zusammenkünften, noch beim Lesen des Wortes daheim etwas hinzu empfangen, doch das Geheimnis ist, sie kommen nicht aus der Schwemme herauf. „Die Waschung mit Wasser durch das Wort" (Eph. 5, 26) dient zur Reinigung von allem, was für Chri stum unpassend ist oder sich für Seine Schafe nicht ge ziemt. Wenn wir uns diesem uns heiligenden und rei nigenden Verfahren nicht unterziehen, so wird die Fähig keit, uns zu ernähren, ernstlichen Schaden erleiden.

Schließlich wird gesagt, daß Fruchtbarkeit diese Schafe kennzeichnet; alle haben Zwillinge geboren, und keines ist unfruchtbar. Es wäre gut, wenn jeder Gläubige be gehrte, wenigstens zwei Seelen zu Christo zu führen; das sollte ein besonderer Gegenstand für einen jeden von uns sein. Bedenken wir, welch einen Zuwachs der Herde das für Ihn bedeutete! Andreas fand zuerst seinen Bruder Simon und führte ihn zu Jesu. Ich glaube nicht, daß der Herr auch nur einen von uns, was die Vermeh rung der Herde anlangt, unfruchtbar sehen möchte. Und wenn es mehr Fruchtbarkeit dieser Art gäbe, so auch mehr Fähigkeit, geistliche Speise zu genießen. Das Wort ist uns nie kostbarer, als wenn wir die Freude erlebt haben, anderen Herzen dessen Wert innewerden zu lassen, sei es, daß sie noch Fremdlinge der Gnade sind, oder auch Gläubige. 
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Wenn die Zähne der Braut, wie wir sahen, die Fähig keit darstellen, Speise aufzunehmen, so deuten deren Lippen auf das hin, was zum Ausdruck kommt. Was zwischen unseren Lippen hervorgeht, empfängt sein Ge präge von dem, wovon wir uns nähren. Ein durch geist liche Speise aufrechterhaltenes Leben kommt in einer angenehmen Sprache zum Ausdruck. „Deine Lippen sind wie eine Karmesinschnur, deine Sprache (,Mund* im Sinne von .Sprachwerkzeug') anmutig." Wenn der innere Mensch genährt wird, werden die Heiligen Christo ge mäß gestaltet, und die Lippen werden ein Kanal des Ausdrucks dessen, was innen ist: „Der gute Mensch bringt aus dem guten Schatze seines Herzens das Gute hervor, und der böse bringt aus dem bösen das Böse hervor; denn aus der Fülle des Herzens redet sein Mund" (Luk. 6, 45). Der Besitz der Zähne setzt eine ge wisse Reife an Kraft voraus, sich etwas zu eigen zu machen; er gehört nicht dem Säuglings alter an; geistlich besagt er, daß man im Wort der Gerechtigkeit erfahren ist und das Gute vom Bösen zu unterscheiden weiß (Hebr. 5, 13. 14). Man ist da nicht mit den Anfangs gründen "beschäftigt, wie sie im Judentum ihren Aus druck fanden, sondern ist dahin gekommen, die volle Gnade zu erfassen, die in einem auferstandenen und himmlischen Christus kundgeworden ist (Hebr. 6, 1—3). Also genährt, verleihen die Lippen der Gnade Ausdruck, die man innerlich kennt. Nichts ist ein besseres Zeichen davon, inwieweit uns die Gnade beherrscht, als unsere Ausdrucksweise.

Jeder Zug der Braut stammt in Wahrheit aus Christo; Eva ward aus Adam genommen. Wenn wir an Seine Lippen denken, welch eine Gnade ergoß sich darein und floß von ihnen aus! Nun Seine Braut soll Ihm das sein, was Eva Adam war — Ihm gleich, Sein Gegenstück. Nie sollte unserer Rede die Gnade fehlen, denn es heißt: „Euer Wort sei allezeit in Gnade, mit Salz gewürzt" (Kol. 4, 6). Das Salz sollte als Würze da sein, denn Gnade ist nie untreu oder unheilig, sondern „allezeit in Gnade". „Kein verderbtes Wort gehe aus eurem Munde, sondern das irgend gut ist zur notwendigen Erbauung, auf daß es den Hörenden Gnade darreiche"  

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(Eph. 4, 29). Wie schön ist ein derartiger Zug in den Augen Christi! Die Anmut der Braut hat es sehr mit dem Wandel zu tun; sie besteht aus sittlichen und geist lichen Zügen, die dem Herzen Christi Freude bereiten.

Es gab eine Zeit, wo wir sagten: „Unsere Lippen sind unser eigen; wer ist unser Herr?" (Ps. 22, 4). Doch diese Zeit kam zu einem Ende, als wir mit unserem Munde Jesum als Herrn bekannten. Das besagte in Wirklichkeit, daß wir den Herrn, den Christus, in unseren Herzen ge heiligt hatten (1. Petr. 3, 15), und deshalb heiligten wir Ihn auf unseren Lippen. Die „Karmesinschnur" deutet darauf hin, denn „Karmesin" redet von Seinen könig lichen Rechten. (Siehe Matth. 27, 28 und 29 [das grie chische Wort kann auch „karmesinrot" bedeuten]). Als Rahab die „Karmesinschnur" in ihr Fenster band, er kannte sie dadurch sinnbildlich die Rechte Jehovas an und war damit unter Seine Oberhoheit gekommen, die sie in Gnade kennengelernt hatte. Wenn unsere Lippen Jesum als Herrn bekennen, so sind sie geweiht, und alles, was aus ihnen hervorgeht, sollte im Einklang mit diesem Bekenntnis stehen. Wir können dann nie wieder sagen, daß unsere Lippen unser eigen sind, oder daß wir keinen Herrn über uns haben. Alles, was wir sagen, sollte nun dartun, daß wir einen Herrn haben, und daß unsere Lippen Seinem Wohlgefallen, Dienste und Preise dienen und so „wie eine Karmesinschnur "sind.

Die Tatsache, daß unsere Lippen einem erhabenen und geistlichen Zwecke gedient haben, sollte sie ganz und gar ungeeignet machen, dem, was vom Fleische ist, Ausdruck zu verleihen. Jakobus gestattet uns nicht, daß Segen und Fluch aus demselben Munde hervorgehen (Jak. 3, 10). Wenn also meine Lippen den Herrn oder den Vater gepriesen haben, so muß das, was ich zu Menschen oder Brüdern rede, im Einklang damit stehen. Das Höchste, wozu die Lippen gebraucht werden, bildet den für alle Äußerungen geltenden Maßstab. Der be ständige Einfluß der Gnade hält uns darin aufrecht; sowie wir aber von diesem Einfluß abkommen, so kommt sicher das zum Ausdruck, was wir von Natur sind, und das ist nichts, worauf wir stolz sein können! Des Herrn Lippen waren sehr schön in allem, was sie

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zum Ausdruck brachten. In Psalm 40, 9. 10 heißt es dar über: „Siehe, meine Lippen hemmte ich nicht — Jehova, du weißt es! Deine Gerechtigkeit habe ich nicht ver borgen im Innern meines Herzens; deine Treue und deine Rettung habe ich ausgesprochen, deine Güte und deine Wahrheit nicht verhehlt vor der großen Versamm lung." Seine Lippen waren „wie eine Karmesinschnur", sie redeten immer in Treue gegen Gott und in Gnade zu den Menschen. Welche Freude bereiteten Gott Seine Lippen! Und durch Gnade kann es unser Teil sein, Ihm durch unsere Art zu reden Freude zu machen. Der Ge danke, Dem, der uns liebt, und den wir lieben, zu ge fallen, kann einen mächtigen und beständigen Einfluß auf unsere Herzen ausüben. Möchten wir Ihm, wie auch Israel am Tage der Zukunft, „die Farren unserer Lippen" darbringen (Hos. 14, 2).

Die „Schläfen", oder Wangen, der Braut sind der nächsterwähnte Zug, und es heißt, sie sind „wie das Stück (der Riß) eines Granatapfels" hinter ihrem Schleier. Sie stellen etwas Hervorragendes dar, was, wenn es den Blicken ausgesetzt wäre, das Augenmerk am mei sten auf sich ziehen würde. Doch der deutlichste Beweis tatkräftigen geistlichen Lebens — die rötliche Glut der Granatäpfel auf den Wangen — ist hinter ihrem Schleier verborgen. Die wahrhaftigsten Zeichen inneren geist lichen Lebens sind allein für das Auge göttlicher Per sonen da. Deren wahre Eigenart und Anmut ist dahin, sowie sie das Auge der Menschen anziehen sollen. Viel von der Frucht der Gnade wird nur den Blicken Christi und Seines Vaters offenbar; sie ist nicht zur Schau zu stellen, wenigstens nicht in der gegenwärtigen Zeit.

Zur Erläuterung dieses Teils der Schönheit der Braut diene der Hinweis auf die Worte des Herrn in Matthäus 6 über die Almosen oder die Gerechtigkeit (Matth. 5, 20) Seiner Jünger, und über deren Gebet und Fasten (V. 1— 18). Das alles sind sehr klare Beweise von Lebenskraft und sittlicher Anmut, doch es sollte sich hinter ihrem Schleier befinden. Das wahre Maß unserer geistlichen Lebenskraft ist nur göttlichen Personen bekannt, und es ist ein ganz besonderes Kennzeichen der Braut, daß sie vor den Menschen nicht unverschleiert sein, möchte. Sie  
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ist damit zufrieden, daß ihre Schönheit allein ihrem Ge liebten bekannt ist.

Unsere Gerechtigkeit — das Wort begreift Almosen geben und vieles andere in sich, was zu tun für einen Heiligen recht ist — ist nicht „vor den Menschen, um von ihnen gesehen zu werden" (Matth. 5, 20; 6, 1). Sie ist nicht zur Schau zu stellen, sonst würde ihre Anmut vor dem Vater verlorengehen. Es geziemt sich für die Hei ligen, viel im Gebet zu sein, doch es hat „im Verborge nen" zu geschehen; die „Kammer" und die verschlossene Tür sind ganz wesentlich. Natürlich haben die Heiligen im Gebet Gemeinschaft untereinander; doch es ist gut, auch dies nicht vor Menschen zu einer Schaustellung werden zu lassen, so daß sich das religiöse Fleisch etwas darauf einbildet. Dem Fasten kommt ein ganz besonderer Platz im geistlichen Leben zu, es besagt, daß man sich dessen, was an sich recht ist, enthält, um dem Herrn völliger geweiht zu sein; doch davon macht man weder in Wort noch Schrift ein Aufheben, man verbirgt es viel­mehr vor den Augen der Menschen. Der König bringt hier zum Ausdruck, wie sehr Er den verschleierten Zu stand Seiner Braut schätzt. In Seinen Gemächern ver schleiert sie sich Ihm gegenüber nicht, doch außerhalb und anderen Augen gegenüber ist sie verschleiert, und das vermehrt ihre Schönheit in Seinen Augen. Zuweilen spricht man in äußerer und stofflicher Hinsicht davon, „einen Schleier zu tragen", doch das ist ganz wertlos, den Heiligen aber tut es sehr not, das geistlich zu tun. Die Gnade entfaltet Wesenszüge, die ein Geheimnis zwischen unseren Seelen und dem Herrn sind, und das bewahrt uns vor jeder Art religiöser Heuchelei, und ver leiht uns in den Augen des Geliebten wahre Schönheit; das verborgene, Ihm geweihte Leben ist in Seinen Augen sehr kostbar.

Natürlich kommt in den Worten des Herrn auch die andere Seite vor uns: „Lasset euer Licht leuchten vor den Menschen, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater, der in den Himmeln ist, verherrlichen" (Matth. 5, 16). Das ist die mit dem Zeugnis verbundene öffentliche Seite. Was für Licht wir auch von Gott haben mögen, es sollte scheinen und nicht verhüllt werden.

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Dennoch sollten wir selbst nicht dadurch in den Vorder grund treten; sein Leuchten wird uns tatsächlich nicht verherrlichen, sondern etwas kosten, aber unser Vater wird verherrlicht werden.

Hier sei bemerkt, daß eine ziemliche Übereinstim mung zwischen den Zügen der Braut im Hohenlied und den sittlichen Schönheiten der Heiligen in der Berg predigt besteht. Jenes stellt die Folgen des Einflusses Christi und des Himmels in den Seelen der Menschen in hochdichterischer und bildlicher Sprache dar, diese in schlichten Darlegungen. Die Bildersprache des Hohen liedes kann nur von denen recht gedeutet werden, die eine echte und betätigte Frömmigkeit sowie eine wahre und inbrünstige Liebe zu Christo kennzeichnet.

„Dein Hals ist wie der Turm Davids, gebaut zum Zeughaus: tausend Schilde hängen daran, lauter Rüstun gen der Helden" (V. 4). Der Hals scheint in der Schrift auf Willensstärke hinzudeuten; wir lesen da oft, daß Menschen halsstarrig sind oder ihren Nacken verhärten (5. Mose 10, 16; 2. Kön. 17, 14; 2. Chron. 30, 8; 36, 13; Neh. 9, 16. 17. 29; Spr. 29,1; Jer. 7, 26; 17, 23; 19,15). Der Mensch ist von Natur immer bestrebt, seinen eigenen Willen zu tun. Gott kann in Seiner Vorsehung ein Joch auf den Hals des Menschen bringen, um das, was er gern tut, zu verhindern, doch des Menschen Vorsatz ist immer, etwas für sich selbst zu erreichen, zu seiner Freude oder zu seinem Ruhme. Wenn aber die Gnade eingreift und ihre segensreichen Folgen offenbar wer den, so hat der Mensch ganz andere Ziele. Wird das Joch Christi durch Gnade aufgenommen, so findet eine völlige Umgestaltung statt; das war nie deutlicher zu sehen als bei Saulus von Tarsus. Wenn es je einen Menschen gegeben hat, dessen „Nacken eine eiserne Sehne... ist", so war er es Qes. 48, 4); doch die Gnade erreichte ihn aus der Herrlichkeit und unterwarf ihn. Als er sprach: „Was soll ich tun, Herr?" (Apg. 22y 10), hatte er schon das Joch Christi auf seinen Hals genom men, und von diesem Augenblick an war sein Sinn darauf gerichtet, den Willen Gottes zu erkennen und ihn zu tun.

„Der Turm Davids" erinnert uns daran, daß David als der Mann nach dem Herzen Gottes, der Seinen gan-

 

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zen Willen tun würde (Apg. 13, 22), ein Bild von Christo war. Welch ein Triumph der Gnade,  anstatt daß der Wille des Menschen die Oberhand hatte und sich Gott gegenüber in Halsstarrigkeit offenbarte, war der Hals „wie der Turm Davids"! Der feste Vorsatz war nun, sich unbeweglich jedem dem Willen Gottes feindlichen Ein fluß zu widersetzen. Paulus schrieb den Korinthern: „Da her,  meine  geliebten Brüder,  seid fest,  unbeweglich" (1. Kor. 15, 58), und von Timotheus konnte er sagen, daß er seinen „Vorsatz" genau erkannt habe, er war „zur Verantwortung (Verteidigung) des Evangeliums gesetzt" (Phil. 1, 16). In ihm sehen wir einen, dessen Hals „wie der Turm Davids" war; er kannte den in Christo fest gestellten Willen Gottes, und er war dazu gesetzt, ihn an einem Schauplatze zu verteidigen, wo jeder Einfluß ihm feindlich war. Ein derartiger Wesenszug bildet einen Teil der Schönheit der Braut, bei dem ihr Geliebter mit Wohlgefallen verweilen kann. Als Priska und Aquila für das Leben Pauli ihren eigenen Hals preisgaben, da traten sie offenbar für die Verteidigung des Zeugnisses Gottes ein. Der Turm Davids mit seinen tausend Schil den, „lauter Rüstungen von Helden", redet davon, daß viele in Verteidigungsstellung zusammenstehen; er ent spricht dem, was Paulus den Heiligen zu Philippi sagt: „Weil ihr mich im Herzen habt, und ihr alle, sowohl in meinen Banden als auch in der Verteidigung und Bestätigung   des   Evangeliums,   Mitteilnehmer   meiner Gnade seid"  (Phil. 1, 7). Das ist ein wahrer Wesens zug der Kirche und ein Teil der Untadeligkeit der Braut, die sie Seiner Liebe so anziehend macht. Die „tausend Schilde" besagen, daß keine Stelle schutzlos gelassen ist. Nichts bildet eine bessere Erläuterung zu einem „Hals ...wie der Turm Davids" als Stephanus. Unerschrocken trat er dem ganzen Hohen Rat — all den Großen und Geehrten in Israel — entgegen und hielt in seiner Verteidigung alles Wesentliche des Zeugnisses Gottes für den gegebenen Augenblick aufrecht. Wenn sogar seinen Gegnern sein Angesicht wie das eines Engels erschien, wie schön muß er in den Augen Dessen gewesen sein, der auf ihn aus der Herrlichkeit herniederschaute! Wir kön nen verstehen, daß der Herr zu ihm und allen denen, 
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die ihm in einem geringen Maße gleichen, sagt: „Siehe, du bist schön, meine Freundin, siehe, du bist schön" (V.l).

Wenn wir den Wesenszug haben, den ein Hals „wie der Turm Davids" darstellt, so werden unsere Zunei gungen bewahrt werden. Geistliche Zuneigungen sind dem Herrn sehr kostbar, und sie sind der zuletzt beschrie bene Zug Seiner Braut: „Deine beiden Brüste sind wie ein Zwillingspaar junger Gazellen die unter den Lilien weiden." Deine „beiden Brüste" reden von aus geglichenen Zuneigungen; und die das Herz beherr schende Gnade sichert sie. Wer Gott liebt, liebt auch sei nen Bruder; und dann hat man auch, was die Wahrheit anlangt, keine besondere Vorliebe für einen ihrer Teile, läßt also den ganzen Umfang der Wahrheit nicht außer acht. Wir können einseitig werden. Der Herr möchte nicht, daß sich einige nur dem Evangelium und andere nur der Wahrheit von der Kirche widmen; unser Herz sollte an beidem innigen Anteil nehmen, was auch unser persönlicher Dienst sein mag. Unausgeglichene Zunei­gungen sind wirklich ein Gebrechen, weil sie kein Ge genstück zu den Zuneigungen Christi bilden, und wir sollten danach trachten, Ihm in allen Dingen zu entspre chen, besonders in unseren Zuneigungen. Wir können sicher sein, daß Sein Herz Freude daran findet.

Das „Zwillingspaar junger Gazellen" stellt sinnbild lich die Zartheit und Empfindsamkeit geistlicher Zu neigungen dar. Es sind dies scheue Geschöpfe, die gegen jede Störung empfindsam sind und sofort schnellfüßig davoneilen. Der Herr möchte, daß wir zart empfindende Zuneigungen pflegen und offenbaren, die schnell beun ruhigt werden, wenn etwas von der Welt, dem Fleische oder dem Teufel naht. Diese heilige Empfindsamkeit kann nur bewahrt werden, wenn sie durch eine ange messene Speise genährt wird; die Abfälle der Welt wir ken da verhängnisvoll. Diese Kälbchen weiden „unter den Lilien", also da, wo Er Seine Herde weidet (Kap. 2, 16; 6, 3). Wenn die Braut selbst „wie eine Lilie inmit ten der Dornen ist" (Kap. 2, 2), so müssen sich ihre Zu neigungen von dem nähren, was ihrem wahren Wesen entspricht. Wie geläutert ist die Reinheit eines solchen Weideplatzes! Es ist ein Platz, den eine unmittelbar von

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Gott verliehene Schönheit und Herrlichkeit umgibt, und wo alles im Gegensatz zu den Dornen rings umher steht und durch Harmlosigkeit, Schlichtheit und Unbescholten heit gekennzeichnet ist (siehe Phil. 2,12—15). In derartigen Umständen können geistliche Zuneigungen passend er nährt werden; es sind dies Umstände, die weder der Welt noch der Natur angehören, sondern einem Kreise, wo alles die Frucht der Gnade ist.

Der Herr möchte, daß Seine Heiligen wissen, daß ihnen, wenn sie geistliche Wesenszüge als die Frucht der Gnade haben, damit auch eine Schönheit eigen ist, die Ihn anzieht. Dies zu wissen, ist keine Selbstüberhebung, denn jeder Heilige ist sich dessen tief bewußt, daß es die Frucht des Todes Christi und der Gegenwart und Wirk samkeit des Heiligen Geistes ist. Obendrein ist es auch die Folge vieler demütigender Übungen, durch die wir ge lernt haben, das zu richten, was vom Fleische ist, und einigermaßen von dem befreit zu werden, was wir von Natur waren. Jeder der Gnade gemäße Zug hat eine sitt liche Schönheit, und Gott ermutigt uns und regt uns dazu an, Züge auszubilden, die Christo anziehend sind, weil sie Ihm entsprechen. Geistliche Züge bedürfen der Ent wicklung und Reife, denn keiner von uns könnte auch nur einen Augenblick denken, daß die Züge der Braut in uns völlig Gestalt gewonnen hätten. Sei es nun, daß sie wenig oder viel in uns gestaltet worden sind, sie sind die einzigen Wesenszüge, die die Liebe Christi an ziehen. Er redet von Seiner Freude an ihnen, damit wir sie in jeder Hinsicht ausbilden und fördern; und die Braut kennt kein geringeres Ziel ihrer Wünsche, als Christo völlig zu gleichen, um so Sein Ebenbild zu sein. Der jüngste Gläubige sollte sich jeden Morgen und hundert mal während des Tages sagen: „Gott hat mich in Seiner Gnade herausgenommen, mich Christo gleichzugestalten, und so ist alles, was nicht wie Christus ist, meiner un würdig." Die Schönheit der Braut kommt dadurch zu stande, daß wir Wesenszüge von uns weisen, die nicht mit Christo übereinstimmen; und je besser wir Ihn ken nen, desto mehr Kraft werden wir haben, das zu tun.

Wenn der Tag anbricht und die Schatten fliehen, wer den alle Heiligen Christo gleich sein; sie werden alle  
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das Bild des Himmlischen tragen (II Kor. 15, 49). Wenn das vor uns steht, so suchen wir jetzt so viel Eindrücke wie möglich von Ihm zu bekommen, und ich glaube, dieser Gedanke liegt den Worten der Braut zugrunde, ich will „zum Myrrhenberge hingehen und zum Weih rauchhügel" (V. 6). Sie möchte mehr von Seinem Wohl geruch aufnehmen und in heiligen Höhen erfunden wer den, wo sie von allen anderen Einflüssen frei ist. Ihr Verlangen ist, mehr mit den reichen Wohlgerüchen ver traut zu sein, die von Ihm ausgingen; und dies ist die Folge davon, daß sie von Ihm Seine Gedanken über sie erfährt.

Der „Myrrhenberg" redet von der Liebe Christi, die ihren Ausdruck in Leiden fand, die bis in den Tod gehen konnten. Auf Golgatha boten sie Ihm Wein, mit Myrrhe vermischt, an (Mark. 15, 23), und Nikodemus brachte eine Mischung von Myrrhe und Aloe, um Seinen Leib zum Begräbnis zuzubereiten (Joh. 19, 39 u. 40). Keine verliehenen Segnungen, keine Herrlichkeit, die ein geführt werden kann, geben einen derartigen Eindruck von Christo, wie die Betrachtung Dessen, der in Seiner Liebe litt. Ein leidender Messias rührt das Herz derer, die Ihn lieben, viel tiefer als ein verherrlichter. Der König in Herrlichkeit wird den Dürftigen erretten, „der um Hilfe ruft, und den Bedrängten, der keinen Helfer hat" (Ps. 72, 12). Doch wie bewegt werden die Dürf tigen und Bedrängten sein, wenn sie die Worte erfassen: „In all ihrer Bedrängnis war er bedrängt", und be kennen müssen: „Fürwahr, e r hat unsere Leiden ge tragen, und unsere Schmerzen hat er auf sich geladen" (Jes. 63, 9; 53, 4)! Es gibt keinen Kummer des mensch lichen Herzens, den Er nicht zu dem Seinen gemacht hätte, und dies in der willigen Ergebenheit der Liebe! Aller Kummer und alles Leid kam über Ihn, den „Mann der Schmerzen" (Jes. 53, 3). Wenn das Passah im Ober saale und Gethsemane und Golgatha dem Überreste zum „Myrrhenberge" werden, wie sehr werden sie dann ihren Messias lieben, den sie da in den unvergleichlichen Lei den Seiner Liebe erkennen! Wir jedoch haben das Vor recht, noch vor ihnen zu diesem Berge zu kommen.

Wenn der Tag anbricht   und   die Schatten  fliehn. 
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werden wir mit Christo und Ihm gleich hervorkommen, und in der Zwischenzeit möchte Er, daß wir Eindrücke von Ihm bekommen, die uns durch das Werk des Gei stes mehr und mehr in Übereinstimmung mit Ihm brin gen. Der „Myrrhenberg" und der „Weihrauchhüger re den von dem, was der Herr uns jetzt in der Versamm lung kennenlernen lassen möchte. Das Essen des Abend mahls ist es, was uns als Kirche zusammenbringt. Wir befinden uns daselbst an einer Stätte, wo der Wohl geruch in Fülle vorhanden ist; wir kommen da zu einem derartigen Ausdruck Seiner Liebe in all ihrer Größe, daß wir mit Recht von einem „Myrrhen berge" reden kön nen — das Brot und der Kelch bringen das immer wie der vor uns. Er kam im Fleische, um einen Leib zu haben, worin Seine Liebe ausgedrückt werden konnte; es war eine „Liebe, die kein Leiden schrecken konnte". Das Fleisch und das Blut Christi sind die großen Zeu gen göttlicher Liebe geworden. Seine Liebe litt auf un zählige Art Seinen ganzen Pfad hindurch, doch der Höhe punkt war, daß Er Sich Selbst gab. Jeder einzelne Hei lige kann sagen, Er hat „mich geliebt und sich selbst für mich hingegeben" (Gal. 2, 20), und Er hat Sich für die Kirche hingegeben (Eph. 5, 25). Der einzige Weg, recht von der Segnung des einzelnen Heiligen oder von der Stellung und dem Vorrechte der Kirche zu denken, ist, dies alles als den Ausfluß und die Frucht des Todes Christi anzusehen. 
Wenn der Leib und das Blut Christi für uns aus Liebe gegeben wurden, wer kann dann die ungeheueren Folgen davon ermessen? Das stellt alles auf eine neue und göttliche Grundlage. Wenn wir die Eigenart der gegenwärtigen Segnung verstehen wollen, so haben wir uns in die erhabenen Gedanken der göttlichen Liebe hinüberzubegeben und müssen an das denken, was Gott Sich vorgesetzt hat, und was der Vater zu Seinem eignen Wohlgefallen haben möchte. Alles das ist auf ewig durch den Tod Christi gesichert, und seine Größe entspricht der Kostbarkeit dessen, wodurch es gesichert ward; es ist völlig zum Wohlgefallen Gottes. Wenn wir des Herrn Abendmahl in wahrem Selbstgericht essen, so haben wir in keinem anderen Sinne an uns zu denken, als daß wir
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die Gegenstände unendlicher Liebe sind, die den Gedan ken dieser Liebe gemäß gesegnet werden.

Dann haben wir den „W e i h r a u ch hü g e 1", der die Fürsprache Christi darstellt. Die Gedanken des Va ters über die Seinen sind dem Herzen des Sohnes kost bar, und Er greift sie auf, indem Er Sich für uns ver wendet, wie es aus Johannes 17 erhellt. Er kennt den Wert Seines eigenen Todes und all dessen Früchte in vollem Maße, und Seine Heiligen sind immer auf Sei nem Herzen als solche, die ihren Platz und ihr Teil den Gedanken göttlicher Liebe gemäß haben. Wie erhaben ist dies! Doch es ist gewiß, daß, wenn Christus an die Seinen denkt und Sich für sie verwendet, dies in Über einstimmung mit dem Platze zu geschehen hat, den ihnen Sein eigener Tod gesichert hat; Er gedenkt ihrer den erhabenen Gedanken Seiner eigenen Liebe und der Liebe des Vaters gemäß. Die kostbaren Steine im Brust­schild des Hohenpriesters stellten die Stämme Israels in dem Glänze und der Schönheit göttlicher Gedanken dar, und nicht als durch Schwachheit und Fehlen ge kennzeichnet.

Nichts entspricht dem wahren Wesen der Kirche, was den Wert und die Folgen des Todes Christi nicht an erkennt. Nichts hat da einen Platz als das, was mit den Gedanken über Seine Heiligen übereinstimmt, die in dem Herzen Christi sind. Als Haupt ist es Seine Freude, uns in alles das einzuführen, was Sein Herz Gott gegenüber an priesterlicher und fürsprechender Liebe empfindet. Der „Myrrhenberg" und der „Weih rauchhügel " stellen im Bilde die Erhebung dar, die un sere Seelen geistlich erreichen können, wenn wir die Liebe Christi betrachten, wie sie in Seinem Tode und auch darin einen Ausdruck fand, daß Er die kostbaren und heiligen Gedanken Seines Herzens Gott und dem Vater gegenüber aussprach. Da befinden wir uns außer halb des Bereiches menschlicher Gedanken, und was könnte gesegneter sein? Gottes Liebe wird erkannt, ihre kostbaren Gedanken werden entfaltet, und wir sehen alles auf ewig durch die leidende Liebe Christi gesichert und erkennen, daß Sein Herz jetzt darauf für uns be dacht ist; und so können wir es in geistlicher Kraft er- 
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fassen, noch ehe „der Tag anbricht (eigentlich: „weht", d. h. der Morgenwind} und die Schatten fliehen." Muß das nicht eine vermehrte Obereinstimmung mit Christo zustande bringen, eine größere Entfaltung und Reife bräutlicher Wesenszüge und Schönheit? Ich glaube, das war die Absicht des Herrn bei der Einsetzung Seines Abendmahls. Dem Keime nach sind die Wesenszüge der Braut in einem jeden, der den Geist hat, geradeso wie alle menschlichen Fähigkeiten in einem Kindlein vorhanden sind, doch sie müssen entwickelt werden, und der Herr ersieht das aus, was hierzu notwendig ist. Als der Geliebte erkennt, daß die Braut zu dem Myrrhenberge und dem Weihrauchhügel gelangt ist, wen det sich Sein Herz ihr in inniger Zuneigung zu, indem Er sagt: „Ganz schön bist du, meine Freundin, und kein Makel ist an dir" (V. 7). Wie freut Sich unser ver herrlichtes Haupt, uns als solche zu sehen, die ihren Platz in all dem Wohlgeruch Seiner Selbst und Seines Todes eingenommen haben! Wenn wir Ihn als Haupt erfassen, so denken wir von uns, wie Er von uns denkt, und wir sind imstande mit I h m zu gehen. Die hier erwähnten vier Berge — der Libanon, der A m a n a, der Senir und der H e r m o n — stellen eine Höhe geist licher Segnung dar, von der aus wir in der Gesellschaft Christi auf die wunderbaren Folgen herabschauen kön nen, die sich daraus ergeben, daß Er durch den Tod zum Myrrhenberge ward. Sein zweimal wiederholtes „mit mir" zeigt uns, daß Seine Liebe danach verlangt, daß wir so wandeln, wie Er wandelt, und alles so betrachten, wie Er es betrachtet. Er möchte uns bei unserem geistlichen Ausblick in bewußter Vereinigung mit Sich Selbst wis sen. Alles ist die Frucht der Liebe, in der Er gelitten und Sich Selbst für uns gegeben hat, und deshalb bedeutet es eine der Höhe der Gedanken Gottes gemäße überschwengliche Segnung. Ach! wir bleiben oft hinter den Gedanken Gottes zurück, doch weshalb? Wenn wir ledig lich auf Grund der Gnade gesegnet werden, so muß es dem Herzen Gottes und Christo gemäß geschehen, und das derart, daß der Wert Seines Todes offenbar wird. Es ist keine Anmaßung, den Platz einzunehmen, den Gottes  
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Gnade und Liebe uns gegeben hat; das zu tun ist die aufrichtigste Demut, und es verherrlicht Gott.

Die vier Berge deuten auf die erhabene Stellung hin, die die Heiligen nach dem Vorsatz und der Gnade Got tes einzunehmen berufen sind. Die Heiligen der Kirche sind im höchst möglichen Gebiete^ zur Segnung berufen (siehe Eph. 1 u. 2). Wir kennen den Herrn Jesum Chri stum als Den, der sprach: „Ich fahre auf" (Jon. 20, 17). Er ist zur größtmöglichen Höhe aufgestiegen, und wir sind in Ihm gesegnet. Das ganze Werk der Gnade hat dieses vor sich; es war von Ewigkeit her in den Gedanken Gottes, und daher auch seit dem Beginn Seiner Wege mit uns. Wenn wir geistlich erfaßt haben, was es besagt, nach Kapitel 3, 6 von der Wüste heraufzukommen und nach Kapitel 4, 6 zu dem Myrrhenberge und dem Weih rauchhügel zu gelangen, so werden wir nicht erstaunt sein kennenzulernen, daß wir zu erhabenen Höhen der Segnung und Gunst berufen sind. Möchten unsere Her zen der Liebe wahrhaft entsprechen, in der Er sagt: „Komm mit mir"! (V. 8).

Jedes Essen des Abendmahls des Herrn soll uns einen neuen Eindruck vom „Myrrhenberge" geben. Es ist zu bedauern, wenn wir es als etwas auffassen, was wir schon oft getan haben; es sollte unseren Herzen nie eine Wiederholung vergangener Vorrechte sein, jedesmal sollten wir erwarten, einen neuen Eindruck von Christo und der göttlichen Liebe zu bekommen. Es ist immer möglich, sich heilige Wohlgerüche in Frische zu eigen zu machen, denn es handelt sich um einen „Berg", von dem wir nur einen kleinen Teil begriffen haben. Die Größe Christi und Seiner im Tode enthüllten und alles mit ihrem duftenden Wohlgeruch erfüllenden Liebe ist derart, daß unsere Herzen immer mehr davon kennen und schätzen lernen können. Dadurch werden wir immer mehr zubereitet, Ihm Seinen Platz als Haupt einzuräu men und uns mit Ihm in den erhabenen Bereich gött licher Gedanken und der Vorsätze göttlicher Liebe zu begeben.

Die „Höhlen (Zufluchtsstätten] der Löwen" und die „Berge der Panther (sonst Pardel)" werden hier, glaube ich, deshalb erwähnt, um zu zeigen, daß die hohen und

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kostbaren Gedanken göttlicher Liebe sogar angesichts der heimtückischen Mächte des Bösen erfaßt werden können. Wenn sich Heilige mit Christo da in die er habensten Gebiete geistlicher Segnung zu begeben ver mögen, wo noch große Mächte des Bösen vorhanden und wirksam sind, so ist das ein offenbarer Beweis des Triumphes Christi und der Befreiung, die Er Seinen Geliebten schafft. Die Segensgedanken Gottes sind un geachtet der ganzen Macht des Feindes gesichert; Seine Heiligen werden trotz der „Löwen" und „Panther" in sittlicher und geistlicher Schönheit erfunden. Wenn wir an den Überrest Israels denken, dessen Geschichte, was seine Liebe zum Messias anlangt, dieses Buch enthält, so erinnert uns das daran, daß er auf Erden ist, wenn der Drache aus dem Himmel geworfen wird und große Wut hat, da er weiß, daß er wenig Zeit hat (Offb. 12, 12). Das Tier, „gleich einer Pardelin", steigt dann aus dem Meere herauf, und das andere Tier — der Antichrist — ist auch da (Offb. 13, 1. 2. 11). Doch dessen ungeachtet ist die Braut inmitten von alledem; sie wird in den Augen Christi „ganz schön" sein, und sie ist imstande, sich mit Ihm in die erhabenen Gebiete der Gedanken Got tes zu begeben. Die vereinte Macht des Bösen wird außer stande sein, die Wirksamkeit der Macht Gottes in unend licher Liebe und Gnade aufzuhalten.

Heutzutage kommt jede Kriegslist des Teufels zur An wendung, böse Fürstentümer und Gewalten sind zuge gen, die Weltbeherrscher der Finsternis, und die geist lichen Mächte der Bosheit auf himmlischem Gebiet (Eph. 6). Doch trotz alledem sind auf Erden solche, die Züge bräutlicher Schönheit tragen, die Christi Liebe ken nen und schätzen und Ihm an heiligen Zuneigungen ent sprechen. Die Gnade bringt sogar zu einer Zeit wie diese den ihr eigenen glückseligen Triumph zustande. Alles ist die Frucht des Werkes und Sieges unseres Herrn Jesu Christi und der Beweis der Wirklichkeit des Werkes Gottes in Seinen Heiligen.

An den Worten des Geliebten an Seine Braut fällt die zunehmende Wärme und Innigkeit der Zuneigung auf. In den ersten fünf Versen des Kapitels bringen Seine Worte ihr zum Bewußtsein, wie schön sie in Sei- 
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nen Augen ist, und die Folge davon ist, sie geht „zum Myrrhenberge . . . und zum Weihrauchhügel", um wei tere und völligere Eindrücke von Ihm zu empfangen. Dann fordert Er sie auf, von erhabenen Kreisen aus mit Ihm zu gehen, das heißt von der Höhe der Gedanken Gottes aus. Dadurch kommt sie in innigere Übereinstim mung mit Ihm und wird Ihm so immer mehr anziehend. Insoweit die geistliche Entwicklung fortschreitet, findet eine Zunahme dessen statt, woran die Liebe Christi Wohlgefallen hat. Es sollte uns am Herzen liegen, Ihm immer mehr Freude zu bereiten, damit Seine Liebe sich uns mehr und mehr zuwende. Wenn wir in der Gnade Gottes und im Glauben verharren, so kann es nicht anders sein (Apg. 13, 43; 14, 22); dann werden wir durch Gnade dahin gebracht, Christum zu schätzen und Ihm zu entsprechen, so daß es sich für Ihn geziemt, uns Seine Liebe auf eine noch innigere Weise auszudrücken.

„Du hast mir das Herz geraubt, meine Schwe ster, meine Braut; du hast mir das Herz geraubt mit einem deiner Blicke, mit einer Kette von deinem Hals schmuck" (V. 9). Das ist die Sprache inbrünstiger Liebe; doch sie ist nicht übertrieben, sie drückt nur die wahren Zuneigungen Christi aus, die dadurch erweckt werden, daß Er sieht, wie das Werk Gottes in Seinen Heiligen Gestalt gewinnt. Das gibt uns einen hohen Begriff von Seiner Freude an dem, was die Frucht göttlicher Gnade und Wirksamkeit ist. Jeder Zug Seiner Braut reicht hin, Ihn zu entzücken, Ihm das Herz zu rauben.

Es ist zu beachten, daß an dieser Stelle die Braut auch „meine Schwester" genannt wird. Das erinnert uns daran, daß Abraham, als er ein Weib für seinen Sohn Isaak haben wollte, zu seinem Knechte sprach: „In mein Land und zu meiner Verwandtschaft sollst du gehen und ein Weib nehmen meinem Sohne, dem Isaak" (1. Mose 24, 4). Nichts könnte mit Christo vereinigt wer den, das sittlich nicht von verwandter Natur wäre. Es gab solche, die der Herr, als Er hienieden war, als Ihm verwandtschaftlich nahestehend bezeichnen konnte (Matth. 12, 50; Mark. 3, 33-35]. Das ist von allen Hei ligen wahr gewesen, sie haben alle, ihrem Maße ent sprechend, Gerechtigkeit geliebt und Gesetzlosigkeit ge- 
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haßt; sie waren alle von Gott abhängig und haben dem Ausdruck verliehen, indem sie Seinen Namen anriefen (siehe 1. Mose 4, 26; 12, 8 usw.). Das sind Züge sittlicher Verwandtschaft mit Christo, und sie sind sehr anzie hend in Seinen Augen.

Wenn man ermüdet eine dürre Wüste durchschritte, wo kein Grashalm wäre, und sähe plötzlich eine schöne Blume oder käme zu einer Oase voller lieblicher Blumen und Früchte, würde dann nicht der Gegensatz zur ganzen Umgebung die Lieblichkeit des Anblicks erhöhen? Und so ergeht es dem Auge des Herrn. Er erblickt in sittlicher Hinsicht eine Wüste, wo es keine göttlichen Wesenszüge gibt, wo alles die Malzeichen des Werkes der Schlange und des Falles und Zusammenbruchs des Geschöpfes trägt. Welch eine Wüste ist das, da ist kein Verlangen, Gott zu entsprechen oder Ihn zu erkennen, und Christus wird nicht geschätzt! Doch inmitten eines solchen Schau platzes befinden sich die Heiligen, sie tragen Wesens züge, die die Frucht göttlicher Gnade und das Werk Got tes sind. Alle diese Züge sind sittlich schön und Christo wohlgefällig; sie entzücken Sein Herz. Bethanien war ein Flecken, wo Er das fand, was Ihn erfreute; Er liebte Martha und ihre Schwester und den Lazarus. Gott hatte in deren Herzen gewirkt, und sie schätzten Christum und Er sie; sie waren in Seinen Augen liebenswert. Das war eine schöne Ecke Seines Gartens.

„Mit einem deiner Blicke, mit einer Kette von deinem Halsschmuck" läßt uns erkennen, wie kostbar dem Herrn jedes Zeichen geistlichen Verständnisses ist, das offen bart, daß wir die Dinge Gott gemäß sehen. Salomo lehrt uns an anderer Stelle, daß „die Unterweisung deines Vaters" und „die Belehrung deiner Mutter" „(Schmuck-) Ketten um deinen Hals" gleichen (Spr. 1, 8. 9). In diesem Bilde tritt uns also ganz klar die göttliche Belehrung ent gegen. „Es steht in den Propheten geschrieben: ,Und sie werden alle von Gott gelehrt sein*" (Joh. 6, 45). Oben drein haben wir eine wunderbare Ordnung der Gnade zur Mutter (siehe Gal. 4, 26 u. 31), und ihre Belehrungen bringen Wesenszüge zustande, die das Herz Christi ent zücken. Alles, was wir durch göttliche Belehrung haben, ist ganz und gar von Gott, und es trägt eine Schönheit,
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die weder die Sünde noch Satan entstellt hat. Wir können bestimmt sagen, daß der Herr nicht anders kann,
als solche Wesenszüge lieben. Sie entsprechen Ihm wie Eva dem Adam; sie ward von Gott gestaltet, Adams
Gegenbild zu sein. Jeder Zug in den Heiligen, der die Frucht der Wirksamkeit und Belehrung Gottes ist, ent
spricht Christo, und, in diesen Wesenszügen gestaltet, finden die Heiligen ihren Mittelpunkt, ihre Ruhe und
Freude in Christo. 
Wesenszüge göttlichen Ursprungs sind dem natürlichen Menschen keine Empfehlung; in dieser Welt sind sie der Verfolgung ausgesetzt, doch Christo sind sie höchst an ziehend — sie entzücken Sein Herz. Wenn wir uns dessen bewußt wären, so würde es uns sehr stärken, ein wenig Verfolgung zu ertragen, oder das Niditverstandenwer-den, etwas Hohn oder sogar wirkliche Verluste. Könnte es einen süßeren Lohn geben als das Bewußtsein, daß in uns Züge zum Ausdruck kommen, die Sein Herz tief bewegen? Solche Züge kommen nicht zur Entfaltung ge trennt von Herzensübungen auf unserer Seite; sie er halten eine Stätte bei uns, wenn wir den Namen des Herrn anrufen; sie sind die Frucht der Abhängigkeit. Als von Saulus gesagt werden konnte: „Siehe, er betet", so war etwas in seiner Seele vorgegangen, was ihn nun dahin brachte, alles von Gott zu empfangen, und das war das Geheimnis all der Gnade, die sich in ihm von jenem Tage an kundtat. Auf diese Weise kann jede Gnade Christi erlangt werden.  Dann sagt Er weiter: „Wie schön ist deine Liebe,
meine Schwester, meine Braut, wieviel besser ist deine Liebe als Wein" (V. 10). Wir wiesen darauf hin, daß die
Heiligen „alle von Gott gelehrt" sein werden, doch es ist kostbar, das zu beachten, was diesen Worten des Herrn
folgt, nämlich: „Jeder, der von dem Vater gehört und gelernt hat, kommt zu mir" (Joh. 6, 45). Das besagt, meiner Meinung nach, daß sie aus Liebe zu Ihm kommen; Er wird ihren Herzen anziehend; es ist Liebe da, an der
Er Freude haben kann, denn der Vater hat sie in ihr Herz gegeben. Christus ist die vollkommene göttliche 
Antwort auf jede von Gott hervorgebrachte Übung, die es von jeher in dem Herzen und Gewissen des Menschen
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ab, und es gibt keine andere Antwort auf diese Übun gen. Welch ein Durcheinander von Übungen hatte Hiob durchzumachen, doch alles, was er brauchte, — der wahre Grund der Annahme, das Lösegeld, der Mittler, der Er löser, der Ausleger — ist in Christo zu finden. Wenn Christus Ihm hätte angeboten werden können (wie es zweifellos in gewissem Maße prophetisch geschah), welch ein befriedigter Mann wäre er gewesen! Gott sorgte in den Verheißungen über Christum für etwas, dem sich die Herzen Seiner Heiligen mit Freuden zu wenden konnten, und das taten sie auch. Nun Er er schienen ist, zieht der Vater Menschenherzen zu Ihm; doch auch der Sohn zieht sie, denn Er ist der große Mittel-und Sammelpunkt für alles, was von Gott ist. Und die Liebe, die zu Ihm gezogen wird und Ihn schätzt und sehr kostbar findet, ist Ihm „schön" und „besser... als Wein". 
Die Braut hatte in Kapitel 1, 2 gesagt, daß Seine Liebe besser als Wein sei, doch Er sagt von ihrer Liebe, daß sie „viel besser . . . als Wein" sei. Im Lichte dessen sehen wir, daß Christus die Liebe Seiner Heiligen mehr schätzt als sie die Seine — ein wunderbarer Gedanke! Es erinnert uns an Jonathan und David in 1. Samuel 20, 41, wo es heißt: „Und sie küßten einander und weinten mit einander, bis David über die Maßen weinte." Dem Ge liebten gebührt der Vorrang in der Liebe, wie Er ihn ja in allen Dingen hat (Kol. 1, 18); Ihm kommt das Über maß an Liebe zu Seinen Heiligen und Seiner Kirche zu, ja gegenüber jeder Liebe, die sie zu Ihm haben, wie auf richtig sie auch sein mag. Das läßt uns verstehen, wie überaus kostbar Christo die Zuneigungen sind, die Gott in Seinen Heiligen hervorgebracht hat, und die Christum zum Gegenstand haben.
Dann hat die Braut Salben, die Ihm besser duften als alle Gewürze, was an das „öl der heiligen Salbung ... das heilige Salböl" von 2. Mose 30, 22-25 er innert. Nach Kapitel 1, 3 hatte der König Salben, doch nun hat die Braut solche; sie ist unter die Salbung ge kommen, da sie Seinen Geist hat. Die verschiedenen, dem Olivenöl beigemischten kostbaren Gewürze zeigen, wie reich und mannigfaltig die Züge der Gnade sind, deren 
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Wohlgeruch von denen ausgeht, die den Geist Christi                      j

haben. Römer 8, 9, sagt: „Wenn . . . jemand Christi Geist nicht hat, d e r ist nicht sein", und nach 1. Korinther 12 ist der Leib „der Christus", also die gesalbte Schar. Alles, was vom Geiste Christi ist, ist Ihm wohlriechend; es übertrifft alles, was aus der Natur hervorgeht, wie geläutert und liebenswert es auch sein mag. Andere Gewürze halten keinen Vergleich mit denen der Braut aus; diese gleichen den Gewürzen, die die Königin von Scheba zu Salomo brachte (1. Kön. 10, 10; 2. Chron. 9, 9).

Der Geist Christi war in den Heiligen des Alten Testa ments und zeugte durch sie von den auf Christum kom menden Leiden und den nachherigen Herrlichkeiten (1. Petr. 1, 11). Was immer Christo in geistlicher Hinsicht einen hervorragenden Platz gibt, ist von Seinem Geiste, so daß der Geist „in allen Schriften das, was ihn" betrifft, dargetan hatte (Luk. 24, 27). Sodann war der Geist Christi der Urheber jeder heiligen Übung und ebensolchen Ver langens, das von jeher in den Herzen des Volkes Got tes bestand. Die Psalmen verleihen solchen Übungen einen sehr völligen Ausdruck, und wir finden sie auch in den Propheten. Sie alle bilden einen Teil der Salben der Braut, wenn wir auch bei deren Betrachtung dessen eingedenk sein sollten, daß die Übungen der Heiligen immer der Art der Wege Gottes in ihren Tagen ent sprechen. Was den Platz der Braut Christi hat, sei es die Kirche oder der Überrest am Tage der Zukunft, wird, da es Seinen Geist hat, Ihm entsprechen, und zwar dem derzeitigen Verhalten Christi gemäß. Solange Er ge duldig wartet, bis Ihm die Ihm so lange vorenthaltenen Rechte eingeräumt werden, wird auch Sein Geist in Sei­nen Heiligen damit im Einklänge sein. Wenn die Zeit für Ihn kommt, Seine Rechte geltend zu machen und alle Seine Feinde zum Schemel Seiner Füße zu legen, so wird auch Sein Geist in den Heiligen auf Erden dem ent sprechen, wenn sie auch, bis Er zu ihrer Befreiung er scheint, geduldig zu leiden haben, wie auch Er Selbst in den Tagen Seines Fleisches. Die Salben eines leidenden Volkes aber enthalten einen Wohlgeruch, der sehr dem Seinen gleicht und Ihm deshalb ganz besonders zusagt.

Sollten wir, wenn wir den Geist Christi haben, nicht 
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auch „Salben" haben? Sollte kein Wohlgeruch für Ihn dasein? Dieser besteht nicht so sehr, in dem, was wir sagen oder tun; er wendet sich nicht an das Gesicht oder Gehör, sondern an den Geruchssinn. Das ist ein Genuß besonderer Art für den, der ihn wahrnimmt, doch einer, der schwer zu beschreiben ist, und den man solchen, denen der Geruchssinn fehlt, nicht klarmachen könnte. Ich glaube, zuweilen ist uns allen zum Bewußtsein ge kommen, daß einer wahrhaft geistlichen Person etwas schwer zu Beschreibendes eigen ist. Es macht dies einen sehr angenehmen Eindruck auf einen, der es zu schätzen vermag, und doch hat es weder mit Wort noch Tat zu tun, es ist eben der Wohlgeruch. Wie völlig und voll kommen muß das am Herrn Selbst wahrzunehmen ge wesen sein! Und Er legt großen Wert darauf, daß es in Seinen Geliebten offenbar wird.

Jesaja 57, 9 spricht davon, daß Gottes ehebrecherisches Volk „mit öl zu dem König" geht. Sie werden sich selbst preisgeben, um dem Antichristen anziehend zu erschei nen — wie schrecklich! Das sollte unsere Herzen bestimmt dazu antreiben, inniger danach zu verlangen, wohlrie chende Salben für unseren Geliebten zu haben und Ihm wahrhaft und geistlich anziehend zu sein!

Paulus wußte, daß ihm seine Bande sogar durch die Gebete der Heiligen und die Darreichung des Geistes Jesu Christi zur Errettung ausschlagen würden (Phil. 1, 17—19). Die Errettung bedeutete für ihn, daß Christus in seinem Leibe, sei es durch Leben oder durch Tod hoch erhoben werde (V. 20). Für ihn war das Leben Christus (V. 21). Was für Salben und welch ein Wohlgeruch waren da für den Geliebten vorhanden! Doch wie we sentlich für alles dies war „die Darreichung des Geistes Jesu Christi"! Es ist nicht genug, den Geist ein für alle mal empfangen zu haben; es muß eine frische Dar reichung geschehen, wie es jeder Umstand und jede Erfahrung erfordern. Vielleicht fühlen manche von uns, daß wir nur eine geringe Darreichung gehabt haben. Danken wir Gott, daß kein Grund besteht, weshalb wir nicht durch unsere Gebete und die der Brüder in der Zukunft eine völligere Darreichung dieses gesegneten Geistes haben sollten. 
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Unsere Lippen würden dann sicherlich Honig seim träufeln", Honig und Milch würden unter unserer Zunge sein (V.11). Die Honigwabe redet von einem geduldigen Sammeln dessen durch gemeinsame Arbeit, was geistliche Süßigkeit hat. Im Herzen wurden Gedanken über Christum und den Vater aufbewahrt, und nun träufeln sie von den Lippen in süßer und nahr hafter Kraft! Wie verschieden ist das von Otterngift! Aus Maleachi wissen wir, daß der Herr auf das, was Sein Volk sagt, acht hat und es hört. Wenn Heilige Dinge reden, die andere herabsetzen, so ist das nicht „Honig und Milch"; das zieht Christi Liebe nicht an.

„Und der Duft deiner Gewänder ist wie der Duft des Libanons" (V. 11). Die Kleider stellen das Äußere dar, unsere Gewohnheiten, Wege, unseren Um gang, unsere Eigenart, die man öffentlich wahrnehmen kann. Die Gewänder der Braut duften, wie auch die des Königs (siehe Ps. 45, 8); sie tragen den Geruch höherer Gebiete an sich. „Der Geruch des Libanons" haftet den Heiligen in der Öffentlichkeit hienieden zu Recht an; im Geschäft, hinter dem Ladentisch, auf der Arbeitsstätte sind sie nicht wie andere Leute. Etwas an ihnen deutet darauf hin, daß sie aus einem Kreise sind, der hoch erhaben über der Stufe dieser Welt liegt. Solche Züge sind Christo höchst anziehend. Er redet darüber zu uns, damit wir mehr und mehr mit Seinen Gedanken der Liebe über uns in Einklang kommen.

An dieser Stelle haben wir ein neues Bild von der Braut, sie wird als der Garten des Geliebten be trachtet. Ein Garten hat einen besonderen Platz in den Gedanken Gottes. Das erste, was Er nach der Erschaffung des Menschen tat, war, in Eden gegen Osten einen Gar ten zu pflanzen, in den Er den Menschen setzte (1. Mose 2, 8). Dort waren allerlei Bäume, lieblich von Ansehen und gut zur Speise, und ein Strom bewässerte den Gar ten. Und gegenwärtig hat Gott ein Paradies, einen Lust garten, im Himmel, in dessen Mitte der Baum des Lebens steht (Offb. 2, 7). Paulus ward, wie wir wissen, in das Paradies entrückt; ein Mensch wie wir, ein Mensch in Christo, ist tatsächlich im Paradies gewesen (2. Kor. 12, 2—4)! Durch die Auffahrt und Verherrlichung Christi

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ward Gott eine völlige Freude im Himmel gesichert, und Sein Gedanke ist, Sich etwas dem Entsprechendes hienieden zu sichern. Israel wird Sein Garten am Tage des Herrn sein, und vordem wird der Überrest der Garten des Messias sein, wie es die vorliegende Schriftstelle zeigt, und jetzt hat die Kirche das Vorrecht, diesen Platz zu haben, denn die Heiligen werden als Gottes Ackerfeld und als Pflanzen der Pflanzung des himm lischen Vaters betrachtet (1. Kor. 3, 9; Matth. 15, 13),

Es ist etwas Besonderes um einen Garten. Zweifellos war die ganze Schöpfung schön, Gott hatte sie als „sehr gut" bezeichnet; doch Er hatte nur zu reden, und sie stand da. Mit Bezug auf den Garten aber steht geschrie ben: „Jehova Gott pflanzte einen Garten"; er wird als das Werk Seiner eigenen Hände dargestellt, was den besonderen und persönlichen Anteil zeigte, den Er daran hatte. Er stellt im Bild dar, was die Heiligen zu Seinem und Christi Wohlgefallen sein würden. Wir kennen große Herrensitze, die aus vielen Gütern bestehen, da befindet sich nahe beim Haus der Herrschaft ein Sonder park, und noch näher ein eingehegter Garten, auf den, zur Befriedigung der Wünsche des Eigentümers, etwas ganz Besonderes an Gartenkunst und -pflege verwandt wird. Alles Schöne findet sich dort; nicht nur „nützliches Kraut" (Hebr. 6, 7), sondern alles, was dem Auge, dem Geschmack und dem Geruch anziehend ist! Einen der artigen Platz haben die Heiligen im Zusammenhang mit dem Wohlgefallen Gottes. Das ist ein besonders vor behaltener Teil, der das Höchste an Befriedigung zu ge währen bestimmt ist. Wir haben bemerkt, daß dieser Abschnitt des Buches in auffallender Weise die Frucht der Gnade vor uns bringt, und damit wird dem Wohl gefallen Christi ein völliges Teil gesichert.

Die Braut ist „ein verschlossener (englisch: .einge hegter') Garten .. . ein verschlossener Born, eine ver siegelte Quelle"(V. 12). Sie ist ausschließlich für Ihn da; sie ist Sein Garten. Das ist ein großer Zug ihrer An ziehungskraft für Ihn, und insoweit wir uns Ihm vor behalten erachten, entsprechen wir dem Wohlgefallen Seiner Liebe. Der jüngste Gläubige, dessen Herz auf den Herrn Jesum gerichtet ist, kann sich Ihm derart vor-

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behalten erachten. Sein Garten ist keine Stätte, wo allein- und ausgehen können; er ist eingehegt, damit  er Ihm allein zugänglich sei. Was muß es Ihm sein, auch

nur ein Herz zu sehen, das a lein Seinem Wohlgefallen zur Verfügung steht. Wir können nicht  „als eine keusche Jungfrau dem

Christus" dargestellt werden (2. Kor. 11, 2), ohne uns sorgfältig den Einflüssen der Welt entzogen zu haben.
Wenn jemand in einem Zelte   tarb, so war nach 4. Mose 19, 14. 15 „jedes offene Gefäß, worauf kein festgebundener Deckel ist", unrein. Wie wahr ist es, daß wir an
einem Platz sind, wo sittlicher Tod und Verderbtheit ihren Einfluß über alles ergießen. Um rein zu sein, müssen wir bedeckte Gefäße sein Wer einen Rundfunk in          
seinem Heim hat, ist unbedeckt, er setzt sich damit all  den Einflüssen aus, die in der gegenwärtigen bösen Welt
verbreitet werden. Wir sollten eingehegt, „verschlossen" und „versiegelt" sein. Wir haben zwar dann zu gewärtigen, daß man uns für engherzig hält, doch wie groß ist die Ehre und Freude, für Christum vorbehalten zu sein! Ich weiß, daß ich darin fehle, nicht noch abgeschlossener zu sein, dennoch liegt mir nichts daran, mein Innerstes alledem zu öffnen, was Christo nicht wohlgefällt. Er möchte uns „ganz rein" haben (Joh. 13, 10). Es ist nicht zu vermeiden, daß wir als Gebadete mit dem Staube der Welt in Berührung kommen,
doch Er wäscht
uns die Füße und heißt uns, einander die Füße zu waschen, damit wir „ganz rein" seien. Es hat nie einen
Christen gegeben, der auf seinem Sterbebett bereut hätte, zu ausschließlich für Christum gestanden zu haben. Wie viele haben es bedauert, Ihm nicht ergebener ge                 
wesen zu sein! Der bußfertige Psalmist sprach: „Wasche mich, und ich werde weißer sein als Schnee" (Ps. 51, 7).
Haben wir einen derartigen Maßstab für sittliche Reinheit? Wie fleckenlos ist frisch gefallener Schnee! Doch unser Maßstab ist noch höher, denn es heißt: „Jeder, der diese Hoffnung zu ihm hat", nämlich Christo gleich zu sein, „reinigt sich selbst, gleichwie er rein ist" (1. Joh. 3, 3). Wie wirksam würde das alle die Einflüsse
der Welt ausschließen!  Bei denen, die die Zuneigungen der Braut haben, han
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delt es sich nicht bloß darum, ob etwas recht oder un recht ist — obgleich man darin nicht gleichgültig sein wird —, sondern darum, ob es Christo wohlgefällt. Wir begehren, daß Sein Garten Ihm die größtmögliche Be friedigung und Freude bereitet, so daß wir Ihn in dem Bewußtsein dahin einladen können, daß Er bei Seinem Kommen Freude findet.

„Ein verschlossener Born"; ich denke, wir haben alle schon einmal einen Brunnen mit einem Schloß daran gesehen, so daß ihn nur der Eigentümer benutzen kann; das ist hier der Gedanke. Es gibt etwas, was für den Herrn allein da ist — einen Ausfluß von Zuneigun gen und Würdigungen, den Er allein beurteilen kann, und der Ihm so kostbar ist, wie das Wasser der Zisterne im Tor von Bethlehem dem David war (2. Sam. 23, 15).

Dann lesen wir: „Was dir entsproßt, ist ein Lustgarten (,Park* anderwärts: Pred. 2, 5)" (V. 13). Schößlinge reden von tatkräftigem Leben, und wenn diese ein Lustgarten sind, so haben wir da keinen Verfall, keinen Verlust an Lebenskraft. Der Herr Selbst wird mehr als einmal „Sproß" genannt (Jes. 4, 2; Jer. 23, 5; 33, 15; Sach. 3, 8 6,12), ein Hinweis auf die Frische und Kraft, in der alles, was zum Wohlgefallen Gottes ist, Ihm entsproßt. Und die Schößlinge in Seinem Garten entsprechen darin dem, was wahr ist in Ihm (1. Joh. 2, 8).

Die „edlen Früchte" und „vortrefflichsten G e -würze" von Vers 13 und 14 zeigen, wie reich und mannigfaltig die Erzeugnisse der Gnade sind, die der Geist in den Heiligen hervorbringt; ja sie sind so um fassend, daß keine Art des Wohlgeruchs fehlt, denn es ist von „allerlei Weihrauchgehölz" und von „allen vortrefflichsten Gewürzen" die Rede.

Nur der Geist Christi ermöglicht Frucht und Wohl geruch. Wir haben allezeit dafür zu sorgen, daß diese Dinge da sind. Zu besonderen Zeiten kommt der Herr dann in Seinen Garten; Er liebt es, das zu tun, wenn Seine Heiligen zusammengekommen sind, Sein Abend mahl zu essen. Die köstlichen Früchte und der Wohl geruch sind nicht plötzlich da, wenn wir beieinander sind; sie sind die Frucht gar mancher Übung im Ver borgenen. Unser Wandel im Geiste die Woche über hat 
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viel mit dem Wohlgefallen zu tun, das der Herr an Sei nen Heiligen hat, wenn sie am ersten Tage der Woche zusammen sind. Oft herrscht die Woche hindurch bei uns eine gewisse geistliche Trägheit; wenn dann der Sonn abendabend oder Sonntagmorgen kommt, so haben wir uns aufzuraffen und uns durch Selbstgericht vorzube reiten, ehe wir so ganz glücklich sind, zur Versammlung zu kommen. Bei geistlicher Trägheit ist es sehr ange bracht, uns zu richten, doch dann wird es keine große Entwicklung der Früchte und des Wohlgeruchs geben. Das ist nicht zur Freude des Herrn, obwohl Er in Seiner Gnade sogar unter solchen Umständen unter uns kom men mag. Er verlangt nach mehr in uns als das — die Früchte und der Wohlgeruch sollten allezeit dasein, so daß Er sie findet, wenn Er auch kommt, sei es zu uns als einzelnen oder als Gesamtheit. Keiner kann die Woche über fleischlich sein, und dann am Tage des Herrn geistlich; ein geistlicher Mann achtet darauf, Seine Eigen art, versiegelt und abgeschlossen zu sein, allezeit zu wahren.

Vers 15 kehrt zu einer Quelle, zu einem Born lebendigen Wassers zurück, ein Hinweis darauf, daß der Geist die Quelle beständiger Frische ist. Eine neue Wahr heit mag uns sehr bewegen und uns eine Zeitlang schein bare Frische verleihen, doch, wenn sie uns wohlbekannt ist, so werden allein „lebendige Wasser" deren Kraft in der Seele aufrechterhalten. Viele kennen viele göttliche Dinge als Wahrheiten, haben aber keine wahrhafte Quelle in der Seele. Wie nötig ist es daher zu beten, daß unseren Seelen jene Tatkraft eigen sei, die der Geist allein aufrechterhalten kann! Die „Quelle" redet davon. Es ist gut, wenn das Herz nicht anders kann, als sich auszudrücken; dann wallt es über „von gutem Worte" und wartet nur auf die rechte Gelegenheit (Ps. 45, 1). Man fühlt sich nicht dazu gedrungen, weil eine lange Pause eingetreten ist und man fühlt, daß etwas gesagt werden sollte, sondern die „Quelle" bewirkt einen völligen und natürlichen Erguß.

„Ein Brunnen lebendigen Wassers" so dann redet von einem Vorrat, dem allezeit Erfrischung entnommen werden kann, der aber nicht einem still- 
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stehenden Teiche oder einer bloßen Zisterne gleicht, sondern durch eine lebendige Quelle gespeist und frisch erhalten wird. Dieserart ist die Erfrischung, die der Herr in Seinen Geliebten findet, denn wir müssen bedenken, daß es sich hier nicht um das handelt, was für andere ist, sondern um das, was in Seinem Garten für Ihn ist. Wenn das daheim nicht zu finden ist, wie kann es dann in der Öffentlichkeit da sein. Und alles das strömt „vom Libanon"; der Geist ist von einem aufgefahrenen Chri stus herniedergekommen, und all Seine Tätigkeit in den Heiligen trägt etwas von der Eigenart des Ursprungs gebiets an sich, woher Er kam.

Ein Garten ohne Wasser wird bald unfruchtbar, und es bedarf des Dienstes Christi durch den Geist, wenn an Früchten und Gewürzen Überfluß vorhanden sein soll. Dieser Dienst fließt still wie die Wasser von Siloah Qes. 8, 6), doch er ist voller belebender Kraft. Er muß aufgehört haben, zu Ephesus zu fließen, und anderes, an sich Gutes, nahm seine Stelle ein. Arbeit, Treue und unermüdliches Ausharren sind vortreffliche Dinge, doch man kann sie alle haben und von der ersten Liebe ab kommen. Es bedarf des Dienstes des Geistes über Chri stum und Herzen, die ihm Raum geben, um die wahre Eigenart Seines Gartens zu wahren. Man mag tun, was recht ist, ohne daß ein würziger Duft ausströmt; nur das, was im Geiste Christi getan wird, ist Ihm ein Wohl geruch. Wie schon bemerkt, ist Wohlgeruch etwas, was nicht beschrieben werden kann — wer könnte den Duft einer Rose beschreiben?

Der Herr gebraucht alle Umstände, die Gewürze Sei nes Gartens hervorzubringen, und hierzu läßt Er den Nord- und auch den Südwind in Seinem Garten wehen. All die mannigfaltigen Umstände, worunter die Heiligen kommen, sollen dazu dienen, mehr Wohlgeruch zu erzeugen. In Apostelgeschichte 8, 1—3, als eine große Verfolgung entstand, handelte es sich um den Nordwind, in Apostelgeschichte 9, 31 aber hatten die Versammlun gen Frieden und wurden erbaut und vermehrt, da wehte eine Zeitlang der Südwind. Paulus und Silas hatten in Lydias Haus Südwind, doch im Gefängnis (Apg. 16) wehte gleichsam ein scharfer Nordwind; zweifellos aber 
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ergab das in beiden Fällen einen lieblichen Wohlgeruch für den Geliebten. Und so verhält es sich bei allem, was Gottes Liebe für die Heiligen anordnet. Wir haben das nicht als etwas Widriges aufzufassen, sondern als dazu bestimmt, das Ausströmen würzigen Duftes im Garten des Herrn zu fördern.

Dessen bewußt, daß etwas für Ihn da ist, sagt die Braut in Vers 16: „Mein Geliebter komme in seinen Garten und esse die ihm köstliche Frucht." Und aus Seinen Worten in Kapitel 5,1: „Ich bin in meinen Garten gekommen, meine Schwester, meine Braut", sehen wir, daß Er alsbald ihrer Einladung gefolgt ist. Das zeigt uns, daß der Herr nicht immer in Seinem Garten ist. Er wartet nicht nur, bis die Früchte und Gewürze da sind, sondern auch bis wir Ihn einladen, zu kommen. Der Herr will kein unerwarteter Besuch sein; Er kommt, wenn Seine Gegenwart gewünscht wird und Zustände da sind, an denen Er Wohlgefallen hat. Wieviel sagt uns das über Seine Art zu kommen, wenn die Seinen ver sammelt sind! Er kommt, wenn Er eingeladen ist, und ich denke nicht, daß Er je wirklich eingeladen wird, wenn keine Zustände vorhanden sind, an denen Er Freude finden kann. Wie könnten Ihn Versammelte einladen zu kommen, wenn sie sich für Ihn unpassend fühlen? — Welche köstlichen Früchte haben wir Ihm anzubieten?

Hier kann Er sagen: „Ich . . . habe meine Myrrhe gepflückt samt meinem Balsam, habe meine Wabe ge gessen samt meinem Honig, meinen Wein getrunken samt meiner Milch" (Kap. 5, 1). Wie kostbar ist es dem Herrn, zu einer Schar zu kommen, wo jeder zum min desten bereit ist, wenn auch nur in geringem Maße, in Liebe für Ihn zu leiden, Seine Verwerfung und Schmach zu teilen und lieber einen Verlust zu ertragen, als Sei nem Namen untreu zu sein! Wenn ein junger Gläu biger, weil er Christi Namen bekennt, verlacht oder irgendwie verfolgt wird, so ist das in Wahrheit Myrrhe und Balsam für den Geliebten. Seine Wabe redet von dem Wohlgefallen, das Er an Seinen miteinander in Liebe verbundenen Heiligen hat, die alle dazu beitragen, die süßen Früchte der göttlichen Natur hervorzubringen. Sein Wein und Seine Milch zeigen, 
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daß Er in denen, die unter dem Einfluß göttlicher Gnade und Liebe gestaltet worden sind, alles findet, was Sein Herz erfreut und befriedigt.

Schließlich fordert er Seine Freunde und Geliebten auf, zu essen und zu trinken, ja in Fülle zu trinken. Das zeigt, daß Er, wenn Er unter Seinen Heiligen befriedigt ist, dafür sorgt, daß auch die Fülle für sie da ist. Wenn Seine Heiligen Ihm dienen, so wird auch ein Dienst über Ihn für sie dasein; das wahre Wesen der Kirche oder Versammlung besteht kaum aus etwas anderem. Was Er auch empfangen mag, wir können sicher sein, daß Er in der Liebe immer den Vorrang haben wird und mehr gibt, als Er empfängt.

Damit schließt dieser Teil des Buches, den es kenn zeichnet, Züge der Braut darzustellen, die die Frucht der Gnade und der Wirksamkeit des Geistes Christi sind. Er endet damit, daß der Geliebte in Seiner Braut, als Garten betrachtet, alles findet, was Sein Herz begehrt. Er stellt uns das vor, um in unseren Herzen ein in brünstiges Verlangen danach zu erwecken, die Eigen schaften zu haben, die Ihm Freude bereiten. Möchten die geistlichen Wesenszüge, die in der Abgeschlossenheit, der Fruchtbarkeit und dem Wohlgeruch Seines Gartens dargestellt werden, so deutlich in uns Gestalt gewinnen, daß inmitten dieser öden Wüste eine Stätte sei, zu der Er mit innigem Wohlgefallen kommen kann und das findet, wonach Sein Herz bei denen ausschaut, die Er liebt!

 

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Kapitel 5

Wir kommen nun zu einem Teile dieses Buches, der uns etwas Besonderes zu sagen hat und unser Herz sehr erforscht, weil er zeigt, daß sogar dann, wenn die Gnade auf recht völlige Weise erkannt und deren Früchte her­vorgebracht worden sind, in den Heiligen ein Zustand der Selbstzufriedenheit aufkommen kann, der dem Herrn nicht das bietet, wonach Sein Herz verlangt. Der Gegen satz  zwischen  diesem  und  dem  vorhergehenden  Ab-

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schnitt gleicht dem des Epheserbriefes und dem Send schreiben an Ephesus (Offb. 2,1—7]. In dem einen sehen wir die völlige Frucht der Gnade und der Gegenwart des Geistes, in dem anderen eine gefallene Versammlung, sie hatte ihre erste Liebe verlassen. Es waren ihr noch viele Früchte der Gnade geblieben, auf die der Herr in Vers 2, 3 und 6 hinweist, doch deren Lebenskraft war dahin, die Ihm allein das bringen konnte, wonach Sein Herz verlangte. Wir sahen in Kapitel 4, daß die Braut ein „Born", eine „Quelle" und ein „Brunnen lebendigen Wassers" genannt wurde (V. 12 u. 15); ihre Zuneigungen belebte da ein Strom geistlicher Tatkraft, den wir in Vers 2 und 3 von Kapitel 5 vermissen. Sie kann noch sa gen, „mein Herz wachte"; Er hatte nicht aufgehört, ihr Geliebter zu sein, auch hatte sie die Fähigkeit noch nicht verloren, Seine Stimme und Sein Klopfen zu erkennen. Sie hat eine wahre Zuneigung zu Ihm, doch diese hatte aufgehört, ihr ein machtvoller Antrieb zu sein. Der wa chende und achtsame Geist, dessen Wünsche und Hoff nungen alle in dem Geliebten gipfelten, war nicht länger mehr vorhanden, sie sagt: „Ich schlief."

Wir sehen die Braut hier nicht in bösen Verbindun gen, sie hat sich auch nicht verunreinigt, und es fehlt im Dienste nicht an Beweisen der Ergebenheit und der Bereitschaft zu leiden — ihre von Myrrhe triefenden Hände reden davon. Sie hat wirklich anziehende Wesens züge; vielleicht nur wenige von uns könnten sagen, sie seien zu dem gelangt, was hier im Bilde von der Braut gesagt wird, oder auch zu dem, was Ephesus nach den Worten des Herrn in Offenbarung 2, 2. 3 kennzeichnete. Doch Ephesus hatte seine erste Liebe verlassen, und die Braut war ihrem Geliebten gegenüber schläfrig gewor den. Er war abwesend, und trotzdem konnte sie sich zur Ruhe niederlegen; sie hatte sich für die Nacht bereit ge macht, ihr Kleid ausgezogen und die Füße gewaschen — kurz, sie war in Ruhe und mit sich selbst zufrieden ohne Ihn.

Ach, es ist möglich, daß sogar die Früchte der Gnade der Anlaß werden können, Gefallen an sich selbst zu finden! So war es bei Hiob; alles Gute in ihm verdankte er Gottes Erbarmen, doch er kam dahin, sich selbst mit

111Wohlgefallen zu betrachten, und geriet sogar in Selbst gerechtigkeit. Nun Gott mag sehr gnädig gegen uns ge wesen sein, uns vor vielen Licht gegeben und geistliche Gaben und Gunstbezeigungen verliehen haben, Er mag uns auch auf einen Pfad der Absonderung geführt und uns den Genuß so mancher Vorrechte gegeben haben, die besondere Beweise Seiner Gunst sind, ja Er mag uns sogar befähigt haben, dem Herrn treu und mit Segen zu dienen: und dennoch mag bei alledem Christus Selbst nicht den Ihm gebührenden Platz haben, Er mag als eine gegenwärtige erfahrungsgemäße Wirklich keit nicht durch Glauben in dem Herzen wohnen. Wir mögen in dem aufgehen, was wir haben, und was wir sind, ohne uns bewußt zu werden, daß dies eine heim­tückische Form der Selbstgenügsamkeit ist; sie erscheint uns zwar nicht als solche, sondern vielmehr als ein Raum geben demgegenüber, was die Gnade Gottes zustande gebracht hat.

Der Herr ist sehr eifersüchtig auf den Platz, den Er bei uns haben möchte; Seine Liebe kann nicht dulden, daß wir ohne Ihn ruhig sein können. Er möchte nicht einmal, daß uns das zufriedenstellt, was wir von Ihm empfangen haben; Er Selbst möchte der alleinige Gegen stand unseres Verlangens und unserer Freude sein. Er weiß nur zu gut, wenn Er, was unsere Herzen anlangt, draußen in der Kälte ist; und Er lenkt unser Augenmerk in einer eindringlichen und von Erfolg begleiteten Weise darauf.

Es ist zu beachten, daß der Herr in diesem Kapitel nicht außerhalb eines großen weltlichen Bekenntnisses, wie Laodizäa, steht, sondern wir sehen Ihn in der Kälte, während Ihn wahrhaft Liebende sich auch ohne Seine Gesellschaft ganz behaglich fühlen. In solchen Fällen ist die erste Liebe verlassen worden, und die Seele hat einen Pfad betreten, der, wenn der Herr nicht in Seiner immer treuen Liebe eingriffe, zu laodizäischer Selbstzufrieden heit führen würde.

Das Verhalten des Geliebten ist sehr rührend, nir gendwo in dem ganzen Buche wird Er in einer Weise dargestellt, die geeigneter wäre, unser Herz zu bewegen. Er ist hier nicht der gekrönte König, sitzt nicht an Seiner

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Tafel oder genießt Seinen Garten — Er ist einer, der kein Haus hat, Ihm Schutz zu gewähren, der vielmehr der kalten Feuchtigkeit der Nacht ausgesetzt ist. Er hat nicht, wo Er Sein Haupt hinlege, und wir wissen, daß es so auf Seinem Pfade hienieden war (Matth. 8, 20; Luk. 9, 58); in Johannes 7, 53—8, 1 heißt es: „Und ein jeder ging nach seinem Hause, Jesus aber ging nach dem ölberg."

Man wird da sagen, aber wenn Er wirklich geliebt wird, ist das nicht so; dann wird Er bloß zu reden und zu klopfen haben, und die Tür wird Ihm alsbald auf getan werden. Doch das stellt uns dieses Bild nicht dar, da redet und klopft Er und wendet Sich mit den Worten zartester Liebe an Seine Braut und sagt: „Tue mir auf, meine Schwester, meine Freundin, meine Taube, meine Vollkommene!" (V. 2). Er ruft das Zartgefühl ihres Her­zens an, indem Er spricht: „Denn mein Haupt ist voll Tau, meine Locken voll Tropfen der Nacht." Doch sie ist nicht bereit aufzustehen, sie will sich nicht stören lassen und sagt: „Ich habe mein Kleid ausgezogen, wie sollte ich es wieder anziehen? Ich habe meine Füße gewaschen, wie sollte ich sie wieder beschmutzen?" (V. 3). Für die meisten von uns würde es wahrscheinlich schmerzlich und demütigend sein, wenn wir sähen, wie sehr wir auf uns Rücksicht nehmen, statt auf Christum. Wir nehmen oft Rücksicht auf uns, weil wir Übungen aus dem Wege gehen wollen. Jede geistliche Bewegung, die uns die Tür zu persönlicher Vertrautheit mit Christo öffnet, kostet uns etwas, sie bedeutet einen Umsturz der gegen wärtigen Umstände. Und wenn wir uns in uns zusagen den Umständen häuslich niedergelassen haben und kein Böses unserem Gewissen zu schaffen macht, so lieben wir nicht, durch den Gedanken beunruhigt zu werden, daß wir Christo nicht den Platz geben, nach dem Er ver­langt. Es stellt weniger Anforderungen an uns, so wie bisher weiterzugehen, alles, so wie es ist, entspricht un­serem Empfinden; weshalb sollten wir all die Umstände unseres geistlichen Lebens mit Rücksicht auf die Emp­findungen Christi umstürzen? Wenn das nicht eine der artige Umkehrung alles dessen bedeutet, was wir zu unserer eigenen Annehmlichkeit und Bequemlichkeit ge-
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tan haben, so würden wir nicht so zögern, diesen Schritt zu tun.

Doch wenn die Seele in diesen Schlafzustand der Rück sichtnahme auf sich selbst und des Gefallens an sich selbst geraten ist, so macht der Herr Seine Rechte der Liebe geltend. Seine Liebe ist empfindsam, Er fühlt es, wenn wir gut ohne Ihn auskommen können. Wenn das der Fall, so ist Er, was uns betrifft, draußen in der Kälte und Nässe, Er hat nicht den Platz, nach dem Sein Herz begehrt.

Wir sehen hier, daß weder Seine Stimme noch Sein Klopfen hinreichte, sie zum Aufstehen zu bewegen. Viel ausgeübter Dienst ist nichts anderes als des Herrn Stimme und Klopfen, und wird auch als dieses erkannt, doch der Schlafzustand ist derart, daß keine entschiedene Bewegung zu Christo hin zustande kommt. Daß Er nun Seine Hand durch die Öffnung der Tür streckte, ist offen bar eine weitere und noch vernehmlichere Tat Seiner Liebe. Zuvor hörte sie Seine Stimme und Sein Klopfen, doch Er war ihr verborgen; daß Er nun Seine Hand hereinstreckte, war eine teilweise Offenbarung Seiner Selbst. Dadurch ward der Braut die Wirklichkeit Seiner Person und Liebe, ja Seines Anrechts auf sie, so bewußt, daß sie tief bewegt wurde. Das spricht von einer un mittelbaren persönlichen Tat des Herrn, die einen wirk sameren Eindruck macht als Seine Stimme oder Sein Klopfen. Nun handelt es sich in ganz besonderer Weise um Ihn Selbst, und das verändert alles. Ich bin ge wiß, daß solche Augenblicke in der Geschichte der Seele kommen, und rede dabei von einer Erfahrung, die lange nach der Bekehrung, ja lange, nachdem wir das erste Mal das Brot gebrochen haben, stattfinden kann. Wir mögen Sein Wort, Sein Werk, ja die Segnungen kennen, die Er uns gesichert hat, doch nun ist Er es Selbst, und das bewegt die Tiefen unserer Seele, deshalb heißt es: „Und mein Inneres wird seinetwegen erregt" (V. 4).

„Damals war's Glaube, Herr, Dein Wort, doch nun ziehst Du mich Selbst zu Dir."

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Die Heiligen erkennen den Dienst, der vom Herrn ist, und finden wahres Wohlgefallen daran, ihm zuzuhören, doch ich bin sicher, daß wir uns alle dessen bewußt sind, viel gehört zu haben, was uns nicht wirklichgeistlich bewegt hat. Doch wenn Er Seine Hand hereinstreckt, so wird die Seele im Innersten bewegt, und wir stehen auf, dem Geliebten die Tür zu öffnen; Er ist uns nun so wirklich und anziehend, daß selbstsüchtige Bequemlich keit uns nicht mehr zurückhält. Da haben wir ein Wie deraufleben, eine Bewegung, eine Herzensbelebung mit Bezug auf Ihn,

Obwohl das ein glückliches Wiederaufleben ist, so ist es doch keine wahre Wiederherstellung des Herzens. Die Braut hat den Zustand, in den sie geraten war, durchaus noch nicht derart gefühlt, wie Er ihn gefühlt hat. Eine Herzensentfernung ihrerseits war eingetreten, und ohne ein Empfinden hierüber konnte es keine wahre Wieder herstellung vertrauensvoller Liebe geben. Nichts könnte solchen, die die erste Liebe verlassen haben, mehr scha den als der Eindruck, daß der Herr diese Treulosigkeit nicht tief gefühlt habe. Man hat Personen gekannt, die jahrelang in einem kalten Zustande waren und dachten, sie könnten nach ihrem Gutdünken die ordnungsgemä ßen Beziehungen zum Herrn und zu Seinem Volke wie deraufnehmen, ohne das, was hinter ihnen lag, tief zu empfinden. Doch wenn der Herr das tief gefühlt hat, so wird es zu keiner wahren Herzensübereinstimmung mit Ihm kommen, bis ihre Seele es tief empfindet, ohne Seine Gesellschaft zufrieden gewesen zu sein. Der Herr wird Sich keiner Buße anvertrauen, die leicht und oberfläch lich ist. Die Treue Seiner Liebe kommt in Seinem Zu rückziehen in Vers 6 ebenso zum Ausdruck wie in Seiner Stimme und Seinem Klopfen, sowie dem Hereinstrecken Seiner Hand „durch die Öffnung" der Tür. Um die Ge liebte wahrhaft wiederherzustellen, muß Er ihr bewußt werden lassen, wie tief Er ihren früheren Zustand ge fühlt hat.

Der Herr weiß ganz gut, welchen Platz Er in diesem Augenblick in unseren Herzen hat, und wenn wir Ihn draußen in der Kälte gelassen haben, so empfindet Er das, und Er will, daß wir das auch empfinden. Die Myrrhe

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an den Händen der Braut ist kein Ausgleich für ihren Herzenszustand. Ich nehme an, daß die Myrrhe in die sem Zusammenhang von Treue und Ausharren im Dienste redet, wie es der Herr zu Ephesus anerkennt, doch das war kein Ersatz für das Verlassen der ersten Liebe.

Das Hinausgehen der Braut, ihr Suchen und Nicht-finden, ihr Rufen ohne Antwort, war alles ein Teil einer für sie notwendigen Übung. Durch solche Erfahrungen werden wir uns oft erst der wahren Sachlage bewußt. Wie traurig auch diese Erfahrung ist, sie ist weit besser als die Selbstzufriedenheit, in der Er sie fand.

Dann hat sie von den Wächtern und Hütern der Stadt mauer zu leiden. Sie hätten sie überhaupt nicht an­treffen sollen, doch da sie durch Trägheit und Selbstzu friedenheit der Gesellschaft ihres Geliebten verlustig ge­gangen war, war sie nun, wo ihr dies zum Bewußtsein ge kommen ist, aufgeregt und ruhelos. Die eingetretene Ent fernung ließ sie in Ungewißheit über Seine Gedanken und Schritte: sie weiß nicht Ihn zu finden. Und in diesem wirren Gemütszustande setzte sie gerade ihre Unruhe, das wiederzuerlangen, was sie verloren hatte, einem Miß griff aus: die Wächter hielten sie für ein Weib zweifel hafter Art und verfuhren hart mit ihr. Sie gingen über das hinaus, was sie verdient hatte, doch der König ließ es zur Vertiefung ihrer Herzensübungen zu. Jeder Schlag muß ihr nahegebracht haben, daß sie an S e i n e r Seite nicht angetastet worden wäre. Und weshalbwar Er nicht ihr zur Seite? Jeder Schlag, jede unwürdige Be handlung ließ sie empfinden, daß sie Seiner mehr denn je bedurfte; alles das tat sein Werk in ihrer Seele.

Einstmals fragte ich Bruder J. B. S. mit Bezug auf einen, der auf traurige Abwege gekommen war: „Wird er nicht vom Herrn unter Zucht gestellt werden?" Er erwiderte: „Wenn er zum Herrn umkehrt, wird er ge züchtigt werden." Die vorliegende Schriftstelle bestätigt uns, daß strenge Zucht erst zur Vertiefung der Herzens übungen dann eintritt, wenn die Seele aufgewacht ist und den Herrn wahrhaft sucht. Man hat mir mehr als einmal gesagt: Als ich mich um göttliche Dinge nicht kümmerte, hatte ich keine große Not, doch seit ich wirk-

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lieh nach dem Herrn Selbst verlangte, hatte ich durch viele Prüfungen zu gehen. Seid gewiß, daß der Herr darin keinen Fehler macht. Sogar wenn die Wächter einen machen, so macht Er doch keinen; und Er steht über allem, was die Wächter tun, wenn sie auch das tun, was Er sie nie geheißen hätte. Die Brüder können übereifrig und manchmal ungebührlich streng sein, doch wenn s i e auch vielleicht einen Mißgriff begehen, es geschieht alles unter des Herrn Hand. Wenn sie mich hart behandeln, so kann ich sicher sein, daß mein Wandel ihnenGrund dazu gegeben hat, und daß auch in dem ein Grund dazu vorhanden ist, was sich zwischen mir und dem Herrn zugetragen hat, wovon s i e kaum etwas wissen. Es ist gut, jede solche Übung demütig von dem Herrn hinzunehmen.

Nun wendet sich die Braut an die Töchter Jerusalems; sie konnte bei ihnen auf Mitgefühl rechnen und ihnen deshalb ihre Übungen anvertrauen. Ich glaube, der Herr gibt uns immer jemand, dem wir unser Herz ausschütten können. Die Wächter waren ihrem Auftrage, Ordnung in der Stadt zu halten, treu, wenn sie auch in diesem Falle in unangebrachter Strenge verfuhren, doch sie zeig ten kein Mitgefühl mit den verborgenen Herzensübun gen. Ich glaube, wir haben zu lernen, Treue mit Mit gefühl zu verbinden. Mitfühlenden konnte die Braut das wahre und tiefe Geheimnis ihres Herzens anvertrauen, sie sagt ihnen, daß sie krank sei vor Liebe (V.8). Treue ohne Mitgefühl wird nie das Vertrauen eines bedräng ten Herzens erlangen. Wir sollten den Eindruck ent schiedener Treue in allem, was dem Herrn zukommt, machen, aber auch den, daß wir mit jeder gottseligen Übung Mitgefühl haben, die sich unter der Oberfläche in einem vollzieht, der den Herrn wirklich sucht.

Die Braut ist nun dahin gekommen, für die völlige Wiederherstellung bereit zu sein; ihre Selbstzufrieden heit und ihr Wohlgefallen an sich selbst sind dahin, sie kann nicht mehr ohne ihren Geliebten auskommen. Er ward ihrem Herzen all die Zeit über immer kostbarer und unentbehrlicher; alles diente dazu, mehr an Ihn zu denken — sie war krank vor Liebe. Sie hatte so von Ihm denken gelernt, wie es zum mindesten   dem   einiger-

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maßen entsprach, wie Er von ihr dachte; das ist eine wahre Wiederherstellung. Alles, was sie hat, und alles, was sie ist, kann sie, getrennt von Ihm, ganz und gar nicht mehr befriedigen. Nun offenbart sie sich in ihrer wahren Schönheit als „Schönste unter den Frauen" (V. 9). Gefallen an sich selbst zu finden, ist die Folge des Ver lustes der Quelle lebendiger Zuneigung zu Christo, die der Geist in der Braut aufrechtzuerhalten sucht. Be denken wir, welch einen Platz der Geist im Briefe an die Epheser hat! In Offenbarung 2, 1—6 jedoch besteht kein Einvernehmen mehr zwischen dem Geiste und der Braut. Die erste Liebe war verlassen worden und, getrennt von Buße, wird der Leuchter aus seiner Stelle genommen werden — ein sicheres Zeichen, daß das Licht nicht durch den Geist aufrechterhalten wird. Doch wie lieblich zu sehen, daß ein Ruf zur Buße ergeht, und zu wissen, daß am Ende, nach all dem Fehlen der Kirche, „der Geist und die Braut sagen: Komm!" (Offb. 22, 17). Was auch die öffentliche Geschichte der Versammlungen sein mag, die Wege, die der Herr in Liebe mit den Seinen geht, dienen immer dazu, die der Braut eigenen Zuneigungen geistlich zu beleben und wiederherzustellen.

Im ersten Teile dieses Kapitels haben wir die Ge schichte gnadenreicher Wiederherstellung. Die Braut ist aus dem Gefallen an sich selbst und der Gleichgültigkeit heraus aufgewacht und hat ein inbrünstiges Verlangen, bei ihrem Geliebten zu sein. Sie ist nun ein Überwinder; sie hat das in ihr überwunden, was sie Seiner Gesell­schaft beraubt hatte. Sie hat die Töchter Jerusalems auf gefordert, Ihm zu sagen, daß sie krank vor Liebe sei. Ihr Sinn, ihr Herz ist auf nichts anderes, auf keinen anderen gerichtet. Ein übergroßes Verlangen hat sie überwältigt, doch noch immer bleibt es ungestillt.

Das veranlaßt die Töchter Jerusalems, mehr über das Geheimnis ihres Herzens zu erfahren. Diese „Töchter" stellen solche dar, die Gott fürchten und geistliche We senszüge wahrnehmen können, wenn sie sie sehen, und so können sie die Braut die „Schönste unter den Frauen" nennen. Wir tun gut daran zu denken, daß Personen dieser Art um uns her sind; sie sind vielleicht noch nicht von einer gesetzlichen Ordnung frei geworden. Sie ken-

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nen den Geliebten nicht, wie die Braut Ihn kennt, doch sie nehmen Anteil und haben Mitgefühl, und die Braut hat in ihren Augen Wesenszüge, die sie als schön aner kennen können. Wenn wir das auf die Gegenwart anwen­den, so stellt die Braut solche dar, die ihrem Wesen nach einer keuschen Jungfrau gleichen und die Vertrautheit mit dem Herrn gekannt und Ihm Freude bereitet haben, weil sie einige Wesenszüge der Braut trugen. Dann gibt es noch andere, in denen ein Werk Gottes ist, und die geistliche Wesenszüge schätzen können, obwohl sie we der in der Freiheit stehen, noch die Einsicht und die Zuneigungen der Braut haben.

Welchen Eindruck machen w i r nun auf solche Per sonen? Ist es der Eindruck, den die Braut auf die Töchter Jerusalems machte, da ihr Herz ein wunderbarer Gelieb ter fesselte, der alle anderen übertraf? Ihre Rede be­zeugte klar, daß Ihm, ihrer Meinung nach, keiner eben bürtig war, und so fragten sie sie: „Was ist dein Ge liebter vor einem anderen Geliebten, daß du uns also beschwörst?" (V. 9).

Christum mit anderen zu vergleichen ist nicht die höchste Art, Ihn zu betrachten, denn Er ist in Wahrheit unvergleichbar; dennoch ist das ein gesegnetes Mittel, Ihn wahrhaft und liebevoll zu würdigen. Der Psalmist hatte Ihn in dieser Hinsicht erkannt, als er sagte: „Du bist schöner als die Menschensöhne" (Ps. 45, 2). Die aus­gesandt waren, Ihn zu greifen, verglichen Ihn mit allen anderen, indem sie sagten: „Niemals hat ein Mensch so geredet wie dieser Mensch" Qoh. 7, 46). Es ist gut, wenn unsere Herzen Ihn mit anderen vergleichen lernen; das ist ein Weg, Seine überragende Kostbarkeit und Schön heit kennenzulernen. Wir könnten sagen, daß der ge­priesene Gott Ihn in gewissem Sinne mit anderen ver glichen hat, denn es steht geschrieben: „Ich habe einen Auserwählten erhöht aus dem Volke" (Ps. 89, 19). Gott hat Ihn aus allen anderen als Den herausgegriffen, der Seinem Willen und jedem Verlangen Seines Herzens vollkommen entsprach. So ward Er bei Seiner Taufe, „als das ganze Volk getauft worden war" (Luk. 3, 21), ausgesondert: der Heilige Geist stieg auf Ihn herab, und eine Stimme aus dem Himmel sprach: „Du bist mein

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geliebter Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen gefunden" (Luk. 3, 22). Daß Christus Gottes Auserwählter ist, stellt uns Seine Aussonderung als den einen kostbaren Ge genstand des Wohlgefallens und der Freude Gottes vor Augen. Und Gott lehrt nun Sein Volk, Ihm den Platz unbestreitbarer Ehre zu geben, den Platz der Ober hoheit in ihren Zuneigungen.

Es ist schon oft darauf hingewiesen worden, daß des Geliebten Äußerungen über die Züge der Braut i h rgegenüber geschehen, doch wenn sie Seine Wesens züge beschreibt, wie im vorliegenden Kapitel, so redet sie von Ihm zu anderen. J. N. D. sagt hierüber: „Meiner Meinung nach ist es eine auserlesene sittliche Vollkom­menheit, daß die Braut dem Bräutigam gegenüber nie über Dessen Vortrefflichkeit redet, als ob sie Ihm damit ihren Beifall ausdrücken wolle. Ober Ihn verleiht sie ihren Empfindungen völligen Ausdruck, doch anderen und nicht Ihm gegenüber. Er dagegen redet frei und völlig über sie zu ihr, um sie der Wonne, die Er an ihr hat, zu versichern. Wenn wir an Christum und unsere Beziehung zu Ihm denken, wie schön und angemessen ist dies auch für uns!"

Manchmal führt der bittere Kummer, Seine Gesell schaft verloren zu haben, das Herz dahin, sich das ins Gedächtnis zurückzurufen, was es von Ihm kennenge lernt hat; und gerade, indem es dies tut, vollzieht sich die Wiederherstellung. Er allein steht vor dem Herzen, und das Bewußtsein, daß Er Sich nicht geändert hat, erfüllt die Seele mit Trost. Er ist „derselbe gestern und heute und in die Zeitalter" (Hebr. 13, 8). Und wenn Er den Ihm gebührenden Platz in den Zuneigungen Seiner Braut bekommt, so ist sie nicht länger mehr in Entfernung von Ihm und außerstande, Ihn zu finden, oder zu sagen, wo Er zu finden ist. Dann weiß sie sehr gut, wo Er ist, und kennt den Platz, den sie in Seinen Zuneigungen hat: „Ich bin meines Geliebten; und mein Geliebter ist mein, der unter den Lilien weidet" (Kap. 6, 2. 3). Als sich ihr Herz der Betrachtung Seiner Schönheit hingab und davon redete, kehrte ihr Seine Nähe und die Erkenntnis Seines Sinnes wieder. Eben, daß sie ohne Seine Gesell schaft gewesen war, verlieh der Art, wie sie von Ihm

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redete, etwas Besonderes und Rührendes. Indem ihr Herz Seine ihr wohlbekannten Züge an sich vorüber gehen ließ, zog sie eine Straße, die sie zu Ihm zurück führte. So war es mit den beiden, die nach Emmaus gin gen; sie hatten Ihn verloren, doch Er nahm immer noch ihre Herzen in Anspruch, und als Er Sich zu ihnen ge sellte und „ihnen in allen Schriften das, was ihn betraf", erklärte, erglühten ihre Herzen mit zunehmender In brunst, bis der Augenblick kam, wo ihre Augen aufgetan wurden und sie Ihn erkannten (Luk. 24, 27. 31).

Es ist ein Trost, daß die durch den Geist in unseren Herzen hervorgebrachten Eindrücke bleibend sind. Sie mögen verborgen oder undeutlich sein, doch sie können nicht ausgetilgt werden, und sogar, wenn wir zu unserer Schande geschlafen haben, kann sie die Treue der Liebe, die sie uns zuerst gegeben, wiederbeleben. Dann haben wir eine entschiedene Bewegung zu Ihm hin, und Er wird uns der Überausvollkommene und Überausherr liche, und das nicht nur in der Verborgenheit unseres Herzens, sondern vor allen anderen, wie in der vorlie genden Schriftstelle.

Bewegung auf Seiten der Braut führt zu dem Ver langen nach einer ähnlichen Bewegung auf seiten der Töchter Jerusalems; sie sagen: „Wohin ist dein Geliebter gegangen ...?... wir wollen ihn mit dir suchen" (Kap. 6, 1). Geistliche Zuneigungen und Empfindungen sind ansteckend; eine von lebendigem Verlangen nach dem Herrn getriebene Seele kann eine große Neubelebung unter all den Brüdern hervorrufen.

Ihr erster Ausspruch über ihren Geliebten ist all gemein: „Mein Geliebter ist weiß und rötlich,ausgezeichnet vor (eigentlich: erhoben als Banner unter] Zehntausend" (V. 10). Sie redet damit von Ihm im gan­zen genommen, ehe sie verschiedene Seiner Glieder oder Wesenszüge erwähnt. Die Grundlage von allem, was sie zu sagen hat, liegt in den Worten: „Mein Geliebter ist weiß." Christo ist eine fleckenlose sittliche Voll­kommenheit eigen, und darin kommt Ihm keiner gleich. Von der Jungfrau geboren, war Er „das Heilige" (Luk. 1, 35); Er tat keine Sünde, „noch wurde Trug in seinem Munde  erfunden"   (1.  Petr.  2,  22);  Er  konnte  sagen:

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„Wer von euch überführt mich der Sünde?" (Joh. 8, 46); Er kannte keine Sünde (2. Kor. 5, 21), keiner von ihren inneren Trieben war Ihm bekannt, so daß Er von dem Fürsten der Welt sagen konnte, er „hat nichts in mir" (Joh. 14, 30). Satan suchte in Ihm etwas von der Lust des Fleisches, der Lust der Augen oder dem Hochmut des Lebens zu finden, doch er fand einen Unbefleckten und Unbefleckbaren; Er war immer der Gerechte, der Hei­lige. Auf dem Berge der Umgestaltung ward die Fleoken-losigkeit Seiner heiligen Person in dem Strahlen Seiner Kleider bezeugt, sie „wurden glänzend, sehr weiß, wie Schnee, wie kein Walker auf der Erde sie weiß machen kann" (Mark. 9, 3). Diese persönliche Reinheit bildet den Grundzug Seiner Vortrefflichkeit, deshalb kann Gott Wohlgefallen an Ihm haben, und auch wir Vertrauen zu Ihm. Wäre da aucji nur ein Flecken möglich, so wäre alles dahin: Er wäre nicht der Christus Gottes, und wir hätten keinen Erretter. Seine fleckenlose Vollkommen-keit als Mensch ist wesentlich, nicht nur was den Wert Seines Opfers anlangt, sondern auch, was den Platz anlangt, den Er in dem Herzen Seiner Braut innehat.

Es gibt einen Hochgelobten, an dem die genaueste Untersuchung nie einen einzigen Makel oder Flecken finden wird. Wir können auf keinen Moses, Paulus oder Johannes blicken, ohne Flecken zu entdecken, doch es gibt Einen, der „weiß" ist.

Er ist nicht nur „weiß", sondern „rötlich"; das redet von Leben voll innerer Kraft. Es ist in der Ur sprache so ziemlich dasselbe Wort, wie das bei den „rot gefärbten Widderfellen" der Stiftshütte gebrauchte, es drückt daher eine hochgradige Weihe Gott gegenüber aus. Herz und Sinn in ihrer Erneuerung verlangen da nach. Es gebührt Gott, Ihn zu lieben und Ihm zu dienen, und dies nicht in Kälte oder nur der Form nach, sondern voll inniger Hingabe. Deshalb ist es eine Freude daran zu denken, daß der Geliebte „rötlich" ist. Das kam bei Ihm in einem Alter von zwölf Jahren zum Vorschein, als Er sagte: „Wußtet ihr nicht, daß ich in dem sein muß, was meines Vaters ist?" (Luk. 2, 49). Und als Er den Tem pel reinigte, gedachten Seine Jünger daran, daß geschrie ben steht:   „Der Eifer um dein Haus  verzehrt mich"

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(Joh. 2, 17). Da erkannten sie, wie rötlich Er mit Bezug auf Gottes Belange hienieden war. Und so war Er durchaus; Er ging nach Gethsemane und an das Kreuz, auf daß die Welt erkenne, daß Er den Vater liebe und also tue, wie Ihm der Vater geboten hatte (Joh. 14, 31).

Von David, der in so vieler Hinsicht ein Bild von Christo war, wird uns gesagt, daß er „rötlich" war (1. Sam. 16, 12; 17, 42). Wie sehr kennzeichnete ihn Gott gegenüber Ergebenheit! Er sprach in Psalm 132, 4. 5: „Wenn ich Schlaf gestatte meinen Augen, Schlummer meinen Augenlidern, bis ich eine Stätte finde für Je-hova, Wohnungen für den Mächtigen Jakobs!" Schon von seiner Jugend an war sein Herz zu Ephrata hierauf in einem Geiste der Ergebenheit Gott gegenüber gerich tet gewesen (Ps. 132, 6). Doch er war nur ein unvoll kommenes Bild; die Wirklichkeit haben wir in Dem, der nicht nur Davids Sohn, sondern Davids Herr war, und der sagen konnte: „Meine Speise ist, daß ich den Willen dessen tue, der mich gesandt hat, und sein Werk voll bringe" (Joh. 4, 34).

Dieselbe Stärke der Ergebenheit kam in Ihm sowohl der Versammlung als auch den einzelnen Heiligen gegen­über zum Vorschein. Er hat Sich Selbst für uns gegeben (Tit. 2, 14). Die inbrünstige Glut einer unwandelbaren und vollkommenen Liebe ist in Seinem Leben, Seinem Tode und in Seinem unermüdlichen Dienste in der Höhe zum Ausdruck gekommen. Johannes sagt: „Dem, der uns liebt" (Offb. 1, 5), und stellt damit die Liebe Christi als etwas Gegenwärtiges dar; das ist, wie wir wohl sagen können, Seine Rötlichkeit in unseren Augen.

Als einer, der „weiß und rötlich" ist, wird Er wie ein Banner unter Zehntausend erhoben. Er ist nicht nur der Oberste, der Vorzüglichste unter ihnen: Er ist der Einzige, der zu erheben und zu ehren ist. Er bildet den Sammelpunkt für die Tausende, die Gott lieben. „Denen, die dich fürchten, hast du ein Banner gegeben, daß es entfaltet werde (oder: man sich dahin flüchte) um der Wahrheit willen" (Ps. 60, 4). Es handelt sich nicht um Ansichten oder Dogmen, sondern um eine lebendige Person, die Selbst die Wahrheit ist. Das Zeug nis ist in einem Worte Christus. Das ist das zu ent-

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faltende Banner; Er wird unter den Heiligen erhoben. Sie scharen sich um dieses Banner, verteidigen es und möchten, daß es alle sehen und ehren. Er ist ihre Herr lichkeit, ihr Ruhm und ihr Band, Der, für den sie alle bereit sind, zu leben, zu kämpfen und, wenn es sein muß, zu sterben. Alles, wofür es überhaupt wert ist zu stehen, ist in Ihm vorhanden. Die Worte „Oberster, Erster un ter Zehntausend" (der gewöhnlichen englischen Ober setzung) waren den Herzen der Heiligen lange Zeit hei lig, doch die Randbemerkung (ein Bannerträger unter ...} gibt die getreue Lesart, und die ist besser. (Nach der An merkung der englischen Übersetzung von J. N. D. lautet die Stelle, wie zuerst angegeben: „erhoben als ein Ban ner unter.. .") Die Zehntausend empfangen ihre Wich tigkeit und Herrlichkeit durch die Tatsache, daß Chri stus (einem Banner gleich] unter ihnen erhoben ist; sie stehen in der Öffentlichkeit als eine Schar da, die Ihm den höchsten Wert beimißt.

Dann beschreibt die Braut im einzelnen zehn ver schiedene Züge ihres Geliebten, mit Seinem Haupte be­ginnend. „Sein Haupt ist Gold, Feingold" (so wörtlich wiedergegeben). Wie gesegnet zu wissen, daß es einen herrlichen Menschen gibt, der völlige Einsicht in den Sinn und das Herz Gottes hat! Eine göttliche Person — Einer, der von Ewigkeit her Gott war — allein konnte, ein Mensch geworden, das erfassen. Gott hatte unend­liche Gedanken der Segnung über den Menschen; sie alle sind durch Christum und in Ihm ans Licht gebracht worden; eine als ein Mensch gekommene göttliche Per son hat sie als Mittler kundgetan. Anderseits sind sie jedoch völlig durch Einen verstanden und geschätzt worden, der Gott gegenüber den Platz des Menschen einnahm. Die Gedanken göttlicher Liebe über die Men schen werden in ihrer Fülle durch einen Menschen auf­rechterhalten, der für uns Gott gegenüber den Platz des Hauptes eingenommen hat. Ein Mensch ist völlig in den Segen all dieser Gedanken eingegangen, und dieser Mensch ist unser Haupt. Er hat diesen Platz auf unserer Seite inne, so daß den wahren Maßstab für alles, was in Beziehung zu Gott durch Dessen Gnade und Liebe unser ist, nicht das ausmacht, was w i r aufrecht-

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erhalten, sondern das, was Christus als unser Haupt für uns aufrechterhält. Unsere wahre Segnung besteht darin, das Haupt festzuhalten (d. h. die Beziehung zum Haupte aufrechtzuerhalten); dann werden wir Darrei­chung im Dienste empfangen und das Wachstum Got tes wachsen (Kol. 2, 19). Unser Geliebter hat in unseren Augen diese kostbare Eigenschaft, Er hat völlige Einsicht in den Reichtum der göttlichen Gedanken. „Sein Haupt ist Gold, Feingold", und dieses erkennend, können wir keinen niedrigeren oder geringeren Gedanken der Seg nung annehmen als den, den Er vertritt. Wir sind voll endet in Ihm (Kol. 2, 10); von Ihm abzugehen, um einen Begriff oder Maßstab der göttlichen Segnung zu bekom men, heißt, uns vom „gediegenen Gold" zu den Schlak-ken menschlicher Gedanken zu wenden. Für viele Gläu bige würde es einen ungeheueren Unterschied ausma chen, wenn sie in ihrem Wandel Christum als ihr Haupt anerkennten und auch zugäben, daß Seine Gedanken über das, was Gott den Menschen verliehen hat, die rechten sind.

Gott hatte unzählige Gedanken über die Menschen, und Christus kam nach Psalm 40, das Wohlgefallen Gottes zu tun und diese Gedanken durch Seinen eigenen kostbaren Tod durchzuführen. Das hat Er vollkommen getan, und nun hält Er all diese Gedanken in ihrer Fülle aufrecht. Der von Gott erforschte und erkannte Heilige kann sagen: „Wie köstlich sind mir deine Gedanken, o Gott! wie gewaltig sind ihre Summen! Wollte ich sie zählen, ihrer sind mehr als des Sandes" (Ps. 139, 17. 18). Gegenwärtig jedoch wissen wir, daß Christus, unser Haupt, diese Gedanken in all ihrer Fülle und Vollkom menheit aufrecht hält. Wenn wir glücklich und Gott wohl gefällig sein wollen, so müssen wir sie so festhalten, wie Christus sie kennt; dann haben wir sie ihrer wahren Größe gemäß. Wenn man die Armseligkeit seiner eigenen Gedanken kennengelernt hat, wie gesegnet ist es dann, sich zu Christo zu wenden und den Reichtum Seiner Ge danken kennenzulernen. Dann verstehen wir, was George Herbert meinte, als er schrieb:

„Ein ander Haupt hab ich,                   j

ein ander Herz und Brust."

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Wir gehen dann zu den Gedanken Dessen über, dessen Haupt wie gediegenes Gold ist. Da kommen keine Schranken in Frage, noch kann eine Herabminderung je eintreten; Christus als Haupt hält jeden Gedanken Got tes in seiner Fülle aufrecht, und zwar für den einzelnen Heiligen und für die Versammlung. Kein Fehlen der Kirche kann dem Eintrag tun, wenn es auch viele der Erkenntnis oder Freude dessen berauben mag. Hat Chri­stus Seinen Platz als Haupt, so gibt es keine Ver mengung mit menschlichen Gedanken; das „Feingold" ist ohne Beimischung. Völlige geistliche Freude, wahrhaftes Lob, alles, was Gott wirklich verherrlicht, hängt davon ab, daß unsere Seelen Christum als Haupt festhalten. Die himmlische Stadt (Offb. 21, 18) ist „reines Gold", weil sie alles von Christo hat, und nichts ist in der Versamm lung heute wirklich von Gott, was nicht von Ihm stammt. Seine Gedanken bilden den wahren Maßstab für alles, und, Gott sei Dank, sie kennen weder Abnahme noch Verfall.

„Seine Locken sind herabwallend, schwarz wie der Rabe" (V. 11). Darin erweist Sein Haupt eine un­geschwächte Lebenskraft und Tatkraft. Auf jenem Haupt wird es nie einige graue Haare geben wie bei Ephraim (Hos. 7, 9). Nichts in Christo wird je alt oder verfällt; was von Anfang war, bleibt in unwandelbarer Frische bestehen. Der neue Bund ist nicht nur der Art und dem Wesen nach neu, sondern auch in d e m Sinne, daß er seine ursprüngliche Frische unvermindert bei behält. Wir haben es jetzt nicht mit Dingen zu tun, die alt werden und veralten (Hebr. 8,13) wie der erste Bund, sondern mit Einem, von dem geschrieben steht: „Du aber bist derselbe, und deine Jahre werden nicht vergehen" (Hebr. 1, 12). Auf seiten der Verantwortlichkeit des Menschen fiel alles dem Verfall anheim, und sogar im Tausendjahrzeitalter wird das so sein; beständige und unwandelbare Vollkommenheit sind in Christo allein. Er ist „das Alpha und das Omega, der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende" (Offb. 22, 13). Die Herrlichkeit Gottes und die Segnung jeder Familie der Erlösten sind unveränderlich in Christo als Haupt ge sichert, der „derselbe gestern und heute und in die Zeit-

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alter" ist (Hebr. 13, 8). Einzel- oder Versammlungswie derherstellung kommen durch eine Rückkehr zum Haupte und zu der unveränderlichen Vollkommenheit zustande, in der alles in Ihm aufrechterhalten wird. Frische und Lebenskraft werden den Heiligen wiederhergestellt, wenn sie, das anerkennend, was ohne Verfall in Christo als Haupt besteht, neu aufleben. Die Salbung lehrt uns immer, in Ihm zu bleiben. Das Versagen zu Ephesus kam daher, weil sie aufhörten, ihre Beziehung zum Haupte aufrechtzuerhalten; und so ging ihnen die wahre Versammlungseigenart verloren. Sie kann nur durch eine Rückkehr zu dem wiedererlangt werden, wovon man ab gewichen ist. Durch unendliche Gnade können die Hei ligen gegenwärtig zu dem zurückkehren, was an Lebens kraft und Schönheit so vollkommen wie am Anfang ist. In Christo, dem Haupte, gibt es keine Veränderung, noch wird es je eine geben.

Als Er inmitten der Versammlungen richtete, waren Sein Haupt und Haar „weiß wie weiße Wolle, wie Schnee" (Offb. 1, 14). Da sahen wir Ihn in der Hoheit des Alten an Tagen (Dan. 7, 9], in der vollen Reife rich terlicher Einsicht; das ist ein ganz und gar anderes Bild. Unser Kapitel hat Ihn nicht als Einen vor sich, der in göttlicher Reinheit und Hoheit richtet, sondern als den Geliebten, in dem die Braut alles das findet, worin ihr Herz mit tiefem Wohlgefallen ruhen kann.

Wir kommen nun zu den Augen des Geliebten: „Seine Augen sind wie Tauben an Wasserbächen, badend in Milch, eingefaßte Steine (buchstäblich: sitzend in ihrer Einfassung)" (V. 12). Die Augen machen den ausdrucks­vollsten Zug des Angesichts aus: sie verraten die Haltung und die Empfindungen des Herzens dem gegenüber, auf dem sie ruhen, noch unverhohlener und unmittelbarer als die Stimme oder die Worte. Die Stimme kann man in der Ferne vernehmen; doch um das zu erfahren, was das Auge ausdrückt, muß man nahe sein; und das gilt zwei fellos von den Augen des Geliebten.

Als der Herr im Kreise umherblickte auf die um Ihn her Sitzenden (Mark. 3, 34), was muß da in diesem Blick zum Ausdruck gekommen sein! Welche Liebe, welches Wohlgefallen,  welch  ein  Gefühl  der  Freude,  Brüder,

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Schwestern und Mütter zu haben, die den Willen Gottes taten! Und als Petrus Ihn strafte, weil Er von Seinen Leiden und Seinem Tode geredet hatte, wandte Er „sich um, und als er seine Jünger sah, strafte er den Petrus" (Mark. 8, 33). Welch ein Blick muß das gewesen sein! Wie müssen Seine Augen alles das ausgedrückt haben, was die Jünger Ihm waren — alles, was sie ewiglich durch Seinen Tod sein würden! Und wer vermöchte auszuspre chen, was jene Augen dem Petrus sagten, als Sich der Herr umwandte und ihn im Hause des Hohenpriesters anblickte (Luk. 22, 61)?

Was haben nun die Augen des Geliebten zu uns ge sprochen? Die Braut konnte sie als eine beschreiben, die erfahren hatte, was sie ihrem Herzen ausdrückten. Sie hatte deren Anblick voller Güte genossen, und doch hatte sie dabei ein tiefes Gefühl von Reinheit bekommen; das wird, soviel ich sehe, unter dem Sinnbild „Tauben an Wasserbächen, badend in Milch", dargestellt. Die gütige und zärtliche Zuneigung der Taube leuchtet aus diesen Augen, doch sie wird mit Bildern verbunden, die vom Reinigen und Läutern reden. Mit diesen Eigenschaften haben wir es zu tun, wenn der Herr Seine Geliebten an schaut. Er betrachtet sie vom Standpunkt eines Solchen, Dessen Liebe erfrischende und reinigende Einflüsse auf sie auszuüben beabsichtigt.

Wie verschieden ist das von den „Augen wie eine Feuerflamme" (Offb. 1, 14), die Ihn als Den kennzeich nen, der inmitten der Versammlungen richtet! Da ist göttliche Reinheit im Gericht tätig, alles Unheilige und Unwahre zu erforschen, aufzudecken und zu richten. So sehen wir Seine Augen infolge beharrlicher Mißachtung der Augen, die wie Tauben sind, und weil wir den reini genden Dienst Seiner Liebe abgewiesen haben. Er wurde da nicht länger mehr als Haupt anerkannt; die Versamm lungen waren Ihm nicht mehr von Herzen unterwürfig, und so konnte Er sie nicht mehr als solche erachten, die die Züge Seiner Braut trugen. Böses war da, was ein Einschreiten erforderte, und wenn darüber nicht Buße getan wurde, so zog es ein unvermeidliches Gericht nach sich.

Doch die auf Seiner Braut ruhenden Augen des Ge-

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liebten bieten keinen solchen Anblick dar. Sie strahlen ihr voller Gütigkeit und Wohlgefallen in Liebe entgegen, denn sie erkennt Ihn und keinen anderen als ihr Haupt an. Wie sehr sie auch gefehlt haben mag, nun hat eine Rückkehr zu den ihr geziemenden Zuneigungen stattge funden ihr Verlangen steht in unterwürfiger Liebe nach Ihm, und indem ihr Herz Seine Schönheit schätzt, spricht sie aus, was Er in ihren Augen ist. Sie weiß, daß sie der Gegenstand Seiner Liebe ist, und dessen bewußt, ist sie frei davon, sich selbst zu betrachten. Wie gesegnet ist solch ein Herzenszustand! Seine Augen lassen sie nur an eine Liebe denken, die kostbare Hinweise auf Reini gung enthält.

Johannes 13 und Epheser 5 zeigen, wie Er auf Seine Heiligen, Seine geüebte Versammlung acht hat. Er will den Seinen aus Liebe die Füße waschen, damit sie „ganz rein** seien (V. 10); und in Eph. 5, 25—27 heißt es, daß „der Christus die Versammlung geliebt und sich selbst für sie hingegeben hat, auf daß er sie heiligte, sie reini gend durch die Waschung mit Wasser durch das Wort, auf daß er die Versammlung sich selbst verherrlicht darstellte, nicht Flecken oder Runzel oder etwas der gleichen habend, sondern als heilig und tadellos." Wir werden bemerkt haben, daß in jeder dieser Schriftstellen das Waschen oder Reinigen Seiner Liebe entspringt. Es bildet einen wesentlichen Teil Seines Anschauens der Heiligen. Ihm ist all das Heiligende und Reinigende eigen, was in denen, die Er liebt, einen Zustand wirkt, der mit den Gedanken Seiner Liebe übereinstimmt. Die­ser Gedanke des Reinigens erfüllt Seinen Sinn und Sein Herz derart, daß die Braut ihn schon beim Anblick Seiner Augen empfindet. Er schaut die Heiligen immer an wie einer, der Reinigung, Heiligung und Läuterung für sie ersehen hat; Er läßt sie innewerden, daß Seine Liebe bemüht ist, jeden Flecken und Makel zu beseitigen. Er betrachtet sie nicht nur in dem Lichte dessen, was Sein Tod ihnen erwirkt hat, sondern in dem Lichte Seines eigenen Dienstes der Liebe. Johannes 13 macht das klar: noch ehe die Jünger wußten, was Er tun wollte, wußte Er es, und Er teilte ihnen mit, was er vorhatte. Er liebte sie und wollte ihnen so dienen, daß sie „ganz rein"

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seien. Hier verstand die Braut Seinen Blick; sie las Güte in Seinen Augen, vereint mit dem, was auf Erfri schung und Reinigung hindeutete: im Lichte des Neuen Testaments dient das dem Eingehen in das, was Seine Liebe uns ausersehen hat.

Wir haben uns dem Dienste Seiner Liebe zu unter ziehen, wenn wir des sich daraus ergebenden Gewinns teilhaftig sein wollen, und das bringt Übungen auf un serer Seite mit sich. Doch die Braut ist nicht damit be­schäftigt, sondern mit dem, was in den Augen ihres Ge liebten ihr gegenüber zum Ausdruck kam. In Johannes 13 und Epheser 5 handelt es sich mehr um das, was Sein Herz Ihn zu tun drängt, und nicht so sehr um die Übun gen auf unserer Seite, die, damit Sein Dienst von Erfolg begleitet sei, erforderlich werden. Er wird alles Nötige tun, was Ihm ein Wohlgefallen an denen, die Er liebt, sichert. Je mehr wir Ihn vor uns haben und Seine Art, uns anzuschauen, um so tiefer wird das unsere Herzen bewegen. Es gibt keine größere Kraft, uns sittlich zu reinigen, als dies. Was könnte reiner sein als ein Herz, das Christum zum Gegenstand hat? Gerade damit, daß die Braut ihr Herz ausschüttet und offenbart, wie sehr sie ihren Geliebten schätzt, legt sie ein kostbares Zeugnis von der Lauterkeit ihrer Zuneigungen ab. Sie lenkt das Augenmerk nicht auf sich, sondern auf Ihn, und darin erweist sie sich, wie die Nasiräer vor alters, „reiner als Schnee, weißer als Milch" (Klagel. 4, 7). Wenn ich mit dem beschäftigt bin, was ich war, oder was ich bin, so kann ich in meiner Selbsterniedrigung immer weiter heruntergehen, werde aber dadurch keine wahrhafte Rei nigung oder sittliche Erhebung finden. Wenn man Chri stum vor sich hat, so ist das Selbstgericht tiefer, aber man wird vom gerichteten Ich frei und kommt zu einer wahren geistlichen Erhebung.

Seine Augen, „angemessen eingefaßt", besagt, daß Er Seine Heiligen immer vom Standpunkte der göttlichen Liebe und des göttlichen Vorsatzes und Wirkens aus be trachtet, deshalb ist nichts Ungewisses oder Veränder­liches in dem, wie Er sie betrachtet. Die Seinen sind des Vaters Gabe an Ihn, und sie werden schließlich bei Ihm sein, wo Er ist. Besonders im Evangelium Johannes re-

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det Er von den Seinen immer als von Gegenständen unwandelbarer Liebe, die, göttlich lebendig gemacht und zum Sohne gezogen, ewiglich von des Vaters und des Sohnes Hand festgehalten werden. Wenn wir erwägen, wie Er die Seinen von Johannes 13 bis 17 betrachtet, so sehen wir, wie „angemessen eingefaßt" Seine Augen sind.

„Seine Wangen wie Beete von Würzkraut, Türme von Wohlgerüchen." Die Anzahl Schriftstellen, die von einem Schlagen auf den Backen reden, zeigt mir, daß Seine Wangen die demütige Gnade darstellen, in der Er Sich der Gewalttätigkeit des Menschen aussetzte. Er kam in Gnade in einen Zustand und eine Stellung, wo Er der Schmähung und dem Haß ausgesetzt war. Wie nahe war Er den Menschen gekommen, und in welch einem nied rigen Gewände! Jesaja 50, 6 sagt: „Ich bot meinen Rük-ken den Schlagenden und meine Wangen den Raufenden, mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Spei chel." Mit Bezug hierauf gibt es keine treffendere Schriftstelle als Micha 4, 14-5, 3. Dort ist Er Der, „der Herrscher über Israel sein soll", Dessen Ausgänge „von der Urzeit, von den Tagen der Ewigkeit her" sind (V. 2). Er kam von der ewigen Herrlichkeit der Gottheit, um in Bethlehem-Ephratha als ein Kindlein geboren zu wer den. Welch ein Herabsteigen unendlicher Gnade! Im Blick auf die Zukunft heißt es dann: „Und er wird da stehen und seine Herde weiden in der Kraft Jehovas, in der Hoheit des Namens Jehovas, seines Gottes" (V. 3). Das ist Seine Hoheit in der zukünftigen Welt. Doch zwischen den vergangenen „Tagen der Ewigkeit" und Seiner erhabenen Herrschaft im Tausendjahrreich hat Er in demütigender Gnade Seine Wangen in den Bereich der Hand des Menschen gebracht und ward da gefühllos ge schlagen. In Micha 4, 14 heißt es: „Mit dem Stabe schla gen sie den Richter Israels auf den Backen." Wir wissen, daß diese gepriesenen Wangen, die so oft Tränen des Mitleids und der Liebe netzten, tatsächlich geschlagen wurden (Joh. 18, 22; 19, 3; Matth, 26, 67; Mark. 14, 65), ja daß sie mit den Verräterküssen des Judas bedeckt wurden (Matth. 26, 49; Mark. 14, 45). Er unterzog Sich einer solchen Behandlung durch Menschenhände; kön-

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nen wir uns da wundern, daß Seine Wangen eine be sondere Anziehungskraft und Schönheit in den Augen des Überrestes haben? Als Volk hatten sie Ihn „für bestraft, von Gott geschlagen und niedergebeugt" er achtet (Jes. 53, 4), doch wenn sie erkennen, daß Er ihr Messias, ja ihr Jehova Selbst war, und daß Sein An gesicht so entstellt war, mehr als das der Menschen kinder (Jes. 52, 14), weil Seine Liebe um ihretwillen einen derartigen Weg ging, wie tief wird das ihre Her zen bewegen! Welch eine Mischung alles dessen, was duftend und lieblich ist, werden sie in Seinen Wangen erblicken! Und sollten wir, die Seiner geliebten Kirche angehören, weniger in ihnen sehen als sie? Gewiß nicht. Es macht einen großen Teil der Schönheit Christi in den Augen derer aus, die Ihn lieben, daß Er in demü tiger Gnade von den Menschen verachtet und verwor fen ward. Gerade die Wesenszüge, die an Ihm dem Spott, der Mißachtung und dem Haß ausgesetzt waren und es noch sind, sind Seiner Braut besonders anziehend. Alles, worin Er verachtet und geringgeschätzt wurde und noch wird, hat in den Augen Seiner Heiligen eine un vergleichliche Vortrefflichkeit. Darauf bezieht sich Petrus, als er sagt: „Euch nun, die ihr glaubet, ist die Kostbar keit" (1. Petr. 2, 7). Von den Menschen ward Er als wertlos verworfen, doch die, die glauben, kennen Seine Kostbarkeit. Die Gläubigen erachten das, weshalb die Menschen Ihn schmähen, als Seine besondere Würde und Herrlichkeit, und lieben es — es ist ihnen höchst wohl riechend und anziehend, „wie Beete von Würzkraut, Türme von Wohlgerüchen". Der Erniedrigung des Herrn ist etwas eigen, was das Herz ungemein bewegt und es völlig unterwürfig macht. Wenn wir sie mehr betrach teten, so würde uns das über vieles in uns tief de mütigen, was wir vielleicht nicht für so schlecht halten, wie wir es halten sollten. Und das würde uns in unserem Herzen von einer Welt trennen, die sich alles dessen rühmt, was Christo unähnlich ist. Obwohl Er im Himmel hoch erhoben ist, haben wir in dieser Welt noch den Tag Seiner Erniedrigung. Die Menschen sind noch ebenso be reit, Ihn auf den Backen zu schlagen, wie ehedem, und dies nicht minder unter denen, die Seinen Namen be-

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kennen. Ist etwa all der Unglaube gegenüber Seiner Person und Seinem Werke und gegenüber der göttlichen Eingebung der heiligen Schriften, auf die Er Sein Siegel gesetzt hat, etwas anderes, als Ihn öffentlich auf den Backen zu schlagen? Er wird immer noch in dem Hause derer verwundet, die dem Bekenntnis nach Seine Freunde sind (Sach. 13, 6). Doch welch ein Vorrecht ist es, Sei nen Wert und Seine Herrlichkeit ohnegleichen er kennend, auch nur in geringem Maße mit Seiner Ver unehrung und Schmach einsgemacht zu werden!

Doch zu Seiner Erniedrigung gibt es noch eine andere Seite. Wenn sie ans Licht brachte, was der Mensch über Ihn dachte, so hat sie auch all die Gnade ans Licht ge bracht, die in dem Herzen Gottes gegen den Menschen war; und das tritt uns in dem nächsten Wesenszug ent gegen, den die Braut beschreibt, „SeineLippen Lilien, träufelnd von fließender Myrrhe" (V. 13). Die Lilien reden davon, wie anziehend die durch Jesum dargestellte Gnade ist. Er Selbst hat gesagt, daß den Lilien etwas eigen ist, das alle Herrlichkeit Salomos übertrifft. Der von Gott eingegebene Titel von Psalm 45 besagt, daß er „nach Schoschannim", d. h. „nach Lilien", gesungen wird, und auch, daß er „ein Lied von dem Lieben (Geliebten)" ist. Es ist ein in Verbindung mit dem Lied der Lieder zu lesender Psalm; er sagt von dem Geliebten: „Hold seligkeit (Gnade) ist ausgegossen über deine Lippen" (V. 2). Dadurch, daß uns Gott Seine Gnade durch Jesum nahebrachte, hat Er sie überaus anziehend gemacht. Er hat sie nicht durch einen Engel verkündet, oder durch eine Posaunenstimme vom Himmel, sondern Er tat sie durch Jesum kund, den Demütigen und Erniedrigten, Sei nen eigenen geliebten Sohn, Welch einen Eindruck von Gnade empfingen die Jünger, als sie mit Jesu waren. Johannes sagt uns, daß Er unter ihnen zeltete „voller Gnade und Wahrheit", und daß sie* aus Seiner Fülle alle Gnade um Gnade empfangen hatten (Joh. 1, 14. 16). Wie träufelt doch die in Seine Lippen gegossene und von Sei nen Lippen fließende Gnade wie „fließende Myrrhe" in ihre Seelen! Wie auserlesen köstlich muß ihnen das ge wesen sein, und dies besonders, wenn sie im Lichte Seiner Leiden und Seines Todes daran gedachten! Denn

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nicht eins Seiner Worte der Gnade hätte ohne den im voraus gekannten Wert Seines Todes gesprochen wer den können. Die wahre Bedeutung, der wahre Wert all Seiner Worte der Gnade ginge verloren, wenn wir sie in unseren Gedanken von der Liebe trennten, in der Er für uns litt und starb. Wenn Er sagte: „Deine Sünden sind vergeben" (Matth. 9, 2; Mark. 2, 5; Luk. 5, 20; 7, 48), „sei gereinigt!" (Matth. 8, 3; Mark. 1, 41; Luk. 5, 13), und „wer an mich glaubt, hat ewiges Leben" (Joh. 6, 47). so gelangte damit der Wohlgeruch und Wert Seines To des zum Ausdruck, denn ohne diesen hätten solche Worte nie zu sündigen Menschen geredet werden können. Die Gnade von Lukas 7, 10, 14, 15, 18 und 23 trug den Wohl geruch Seines Todes an sich; die „fließende Myrrhe" war da, und die Braut, von Gott belehrt, erkennt dies an.

Man kann ob dem allem nur das Gefühl haben, daß die Worte unseres Herrn mehr von denen geschätzt werden sollten, die Ihn lieben. Durch Seine Worte kennen wir Ihn, denn Er war durchaus das, was Er redete (Joh. 8, 25). Wenn wir den Herrn besser kennen lernen wollen, so laßt uns die Evangelien mehr erwägen; laßt uns jeden Tropfen der „fließenden Myrrhe" be trachten, die von Seinen Lippen träufelte, und über Seine Taten nachdenken. Alles, was Er damals war, ist Er jetzt und wird es auf immerdar sein. Seiner Person nach ist Er Derselbe, obwohl Er nun verherrlicht in dem Himmel ist und durch den Geist, den Er ausgegossen, Zeugnis davon abgelegt hat. Doch Er ist uns hienieden nahe gewesen, damit wir Ihn kennten; und indem wir die Evangelien lesen, haben wir das Vorrecht, gleichsam in Seine Nähe versetzt zu werden, um Ihn zu erkennen. In der himmlischen Herrlichkeit ist Er jetzt derselbe Jesus.

„Seine Hände Ringe von Gold, mit Chrysolith be setzt." Wir sahen, was Sein Haupt ist, „Gold, Feingold"; nun erfahren wir, daß Seine Hände Gold sind; und in Vers 15 lesen wir, daß Seine Beine auf „Untersätze von Feingold" gegründet sind. Ob wir Sein Haupt, Seine Hände oder Seine Füße anschauen, wir erblicken den Lichtglanz göttlicher Herrlichkeit, doch es ist eine solche, wie sie in einem Menschen geschaut wird. Da haben wir
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ein Haupt, das jeden göttlichen Gedanken vollständig zu erfassen vermag — Hände, die stark genug sind, daß das Wohlgefallen Gottes in ihnen gedeihen kann (Jes. 53, 10) — und Füße, die unbeweglich feststehen, so daß nichts, was in Ihm errichtet, erschüttert werden kann! Und das alles kennzeichnet göttliche Herrlichkeit! Welch eine Per son, welch ein Geliebter ist unser!

„Seine Hände Ringe von Gold"; die Bedeutung des mit „Ringe" wiedergegebenen Wortes ist etwas unsicher, in 1. Könige 6, 34 wird es mit „drehbar" übersetzt. (Es kommt noch in Esther 1, 6 vor.) Ich denke, es deutet darauf hin, daß Seine Hände das, was ihnen übergeben wird, auf eine göttliche Weise festzuhalten oder zu um fassen vermögen. Welch ein Trost ist es zu wissen, daß nichts, was den Händen Christi anvertraut ist, ihnen je entrissen werden kann. „Der Vater liebt den Sohn und hat alles in seine Hand gegeben" (Joh. 3, 35). Der Va ter hat Ihm Gewalt über alles Fleisch gegeben, auf daß Er allen, die Er Ihm gegeben hat, ewiges Leben gebe (Joh. 17, 2). Jedes Seiner Schafe ist in Seiner Hand, und deshalb werden sie nie verlorengehen (Joh. 10, 28). Die zukünftige Segnung Israels und der Na tionen und die ganze Macht des Reiches sind Seiner Hand übergeben, und deshalb kommen sie so sicher zustande, als ob sie schon jetzt vollbracht wären.

„Mit Topasen besetzt" (oder Chrysolith) scheint dar auf hinzudeuten, wie Er alles in Seiner Hand hält, trotz dem äußerlich und öffentlich alles in Verwirrung und Unordnung ist. Das können wir aus den Stellen in Hesekiel 1, 16; 10, 9 und Daniel 10, 6 schließen, wo der Chrysolith auch noch erwähnt wird. (Außerdem finden wir ihn noch in 2. Mose 28, 20; 39, 13; und Hes. 28, 13.) Obwohl da Israel in der Gefangenschaft war und die Herrlichkeit Jehovas von dem äußerst ver derbten Jerusalem wich, wollte Er ihnen kundtun, daß die Räder Seiner Regierung immer in Übereinstimmung mit Seinem Throne laufen würden; es war dies ein Thron mit einer „Gestalt wie das Aussehen eines Men schen oben darauf" (Hes. 1, 26). Verwirrung ist für Gott kein Hindernis, selbst wenn sie durch das Fehlen Sei nes Volkes kommt. Seine Regierung dauert fort und 
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hat den schließlichen Triumph dessen zum Ziele, was Er Sich vorgenommen hat. So schreitet die ganze Geschichte der Zeiten der Nationen hindurch Gottes Regierung bis zu dem Augenblicke stetig weiter, wo die Feinde des Messias zum Schemel Seiner Füße gemacht werden und der Stab Seiner Macht von Zion ausgesandt wird und Sein so lange widerspenstiges Volk Israel am Tage Sei ner Macht voller Willigkeit sein wird (Ps. 110, 1—3). Im Blick hierauf sitzt Christus jetzt zur Rechten Gottes. Der Thron ist da, und der Mensch, in Dessen Hand das Wohl gefallen Jehovas gedeihen wird Qes. 53, 10), ist auf ihm, und inzwischen laufen die Räder stetig, ohne von ihrem Ziele abzuweichen, weiter, und ihr „Aussehen. *. und ihre Arbeit war wie der Anblick eines Chrysoliths". Der Chrysolith scheint damit auf den besonderen Weg hin zudeuten, auf dem Gott in einer Zeit öffentlicher Un ordnung Seine eigene Herrlichkeit aufrechterhält.

In Daniel 10 sehen wir einen anderen Weggefährten in tiefer Herzensübung über allem, was sich zugetragen hatte, und es erscheint ihm ein Mann, Dessen Leib „wie ein Chrysolith" war. Er war gekommen, um Daniel ver­stehen zu lassen, was Seinem Volke am Ende der Tage widerfahren wird (V. 14). Trotz allem, was sich in­zwischen ereignen würde, sollte Daniels Volk errettet werden, „ein jeder, der im Buche geschrieben gefunden wird" (Dan. 12, 1). Gott würde am Ende Seinen Weg durchführen und Seine eignen1 Pläne zustande bringen. Das Geheimnis von allem liegt in dem Manne auf dem Throne. Es ist auffallend, daß, wenn Hesekiel von einem „wie das Aussehen eines Menschen" redet, der auf dem Throne ist, Daniel von einem spricht „von Aussehen wie ein Mensch", der ihn in all seiner Schwachheit anrührte, ihn stärkte und zu ihm sagte: „Fürchte dich nicht, du viel geliebter Mann! Friede dir! sei stark, ja, sei stark!" (Dan. 10, 19). Es ist derselbe herrliche Mensch, den die Braut in unserem Kapitel beschreibt; Er ist herrlich auf dem Throne und auch herrlich in der priesterlichen Gnade, in der Er Seine schwachen Heiligen hienieden anrühren und stärken kann!

„Seine Hände Ringe von Gold, besetzt mit Chrysolith", bringen vor uns, wie Er in der gegenwärtigen Zeit alles
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auf eine göttliche Weise aufrecht hält. Alles in der Welt ist Verwirrung, und sogar im christlichen Bekenntnis; doch was Er in Angriff nimmt, wird durchgeführt und wird in ewiger Herrlichkeit enden. In Johannes 17, 12 heißt es: „Die du mir gegeben hast, habe ich behütet, und keiner von ihnen ist verloren". Neunzehn Jahr­hunderte hindurch hat es nie einen Augenblick gegeben, wo der Vater nicht vom Sohne verherrlicht worden wäre. Und wenn dieser Zeitabschnitt endet und das, was darin für Gott gesichert wurde, in der heiligen Stadt entfaltet wird, so wird das „goldene Rohr" in der Hand des Engels erweisen, daß es das volle Maß erreicht (Offb. 21, 15—17). Es wird ein völliger Erfolg sein; kein Stein wird fehlen oder sich nicht an der rechten Stelle befin­den. Was Christus baut ist ewig; Er hat gesagt: „Auf die sen Felsen will ich meine Versammlung bauen, und des Hades Pforten werden sie nicht überwältigen" (Matth. 16, 18). Wie gesegnet, an einen Bau zu denken, worin die Hände, die Ringe von Gold sind, „besetzt mit Chry solith", jeden Stein an seinen Platz gesetzt haben!

Es hat eine große Bedeutung, daß der Herr Seinen Jüngern nach Seiner Auferstehung Seine Hände zeigte. Seine Hände rührten im Evangelium nach Lukas Men schen im Dienste der Gnade an; im Evangelium nach Johannes halten sie alles für Seinen Gott und Vater auf recht; und in der Auferstehung ist ihnen derselbe geseg nete Grundzug eigen. Der Herr möchte unsere Herzen ganz besonders mit ihnen beschäftigen, sie kennzeichnen unseren Geliebten in hervorragender Weise.

„Sein Leib ein Kunstwerk von Elfenbein, bedeckt mit Saphiren" (V. 14). Dieser redet zweifellos von den tiefen inneren Empfindungen des Herrn; es ist dasselbe Wort wie „Inneres" in Vers 4, wo die Braut tiefe Emp findungen hatte und sagt: „Mein Inneres ward seinet wegen erregt." Doch auch Er hatte solche (und dieser gedenkt sie hier), denn Er konnte prophetisch sagen: „Wie Wachs ist geworden mein Herz, es ist zerschmol zen inmitten meiner Eingeweide" (Ps. 22, 14). Seine Leiden als der Sündenträger sind eine ungeheure Tiefe, doch gerade durch sie fand das göttliche Mitgefühl gegen sündige Geschöpfe seinen Ausdruck. Das Mitgefühl Got-

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tes kam im Alten Testament in wunderbarer Weise ge gen Sein sündiges Volk ans Licht. In Jeremia 31, 20 heißt es: „Ist mir Ephraim ein treuer Sohn oder ein Kind der Wonne? Denn so oft ich auch wider ihn geredet habe, gedenke ich seiner doch immer wieder. Darum ist mein Innerstes um ihn erregt; ich will mich gewißlich seiner erbarmen, spricht Jehova." Das göttliche Mitgefühl kam aber erst völlig in Christo zum Ausdruck, das heißt in einem gesegneten Menschen, der dabei litt; und das be sagen wohl die Worte „ein Kunstwerk von Elfenbein". Elfenbein geht aus Leiden hervor, es gleicht nicht dem Gold, den Edelsteinen oder kostbaren Hölzern, es wird auf Kosten von Leiden erhalten. Das Mitgefühl des Herrn war die Frucht davon, daß Er in Seinem Geiste in alles das einging, was durch die Sünde über das Ge schöpf gekommen war: „Er selbst nahm unsere Schwach heiten und trug unsere Krankheiten" (Matth. 8, 17). Er ward innerlich bewegt, als Er die Volksmenge sah, „weil sie abgemattet und verschmachtet waren wie Schafe, die keinen Hirten haben" (Matth. 9, 36). Er war innerlich bewegt, als Er der beiden Blinden Augen anrührte (Matth. 20, 34). Er hatte Mitgefühl mit der Volksmenge, als sie schon drei Tage bei Ihm waren und nichts zu essen hatten (Mark. 8, 2). Er fühlte mit der Witwe zu Nain, die ihres einzigen Sohnes beraubt war (Luk. 7,13). Der barmherzige Samariter — ein gesegnetes Bild vom Herrn — ward innerlich bewegt, als er den Halbtoten liegen sah (Luk. 10, 33). Und Jesus konnte wie kein anderer davon reden, daß der Vater innerlich bewegt war, als Er sah, wie Sein verlorener Sohn sich auf machte, um zu Ihm zurückzukehren (Luk. 15, 20). Und es ist zu beachten, daß in all diesen Beispielen das Wort der Ursprache für „innerlich bewegt" von den inneren Teilen, den Eingeweiden des Menschen abge leitet ist. Und mit Ausnahme der beiden Blinden ward dieses Mitgefühl nicht von denen gesucht, denen es zu gute kam: es war seinem Wesen nach unumschränkt. Das ist die wahre Art des Mitgefühls; es fließt nämlich einer Not zu, wie sie die Empfindungen Dessen erfassen, der es erweist. Was der Herr sagte und tat, war der Aus fluß dessen, was E r empfand, und nicht die, die es be-
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traf. So liegt auch die Gewalt einer Predigt darin, wie der Prediger die Dinge empfindet. Die Unbekehrten füh len ihre Not nicht, doch der Prediger steht auf, Den dar zustellen, der sie fühlt, und so wird das, was Christus, was der gepriesene Gott über sie fühlt, ihren Herzen nahegebracht. Ein Prediger muß durch den Geist Christi das Herz und das Mitgefühl Christi haben, wenn er das wirklich tun will.

Es ergreift unser Innerstes sehr, an die tiefen Emp findungen des göttlichen Mitgefühls zu denken, die in dem Sohne Gottes, als einem gepriesenen Menschen hienieden, zum Ausdruck kamen. Seine Seufzer und Seine Tränen offenbaren, daß Er ein wahrer und gepriesener Mensch ist; doch das Erbarmen und Mitgefühl war gött­lich und himmlisch. Er war aus dem Himmel hernieder gekommen, um in einer Welt der Leiden, des Kummers und des Todes gerade das zum Ausdruck zu bringen, was Gott fühlte. Das „Kunstwerk von Elfenbein" redet da­von, wie trefflich sich diese Empfindungen in einem durch Kummer und Leiden gehenden Heiland offenbarten, und der „Saphir", der nach 2. Mose 24, 10 „wie der Himmel selbst an Klarheit" ist, stellt uns die ihnen eigene himm lische Wesensart vor Augen.

Salomo „machte einen großen Thron von Elfenbein und überzog ihn mit gereinigtem Golde", und von ihm heißt es: „Desgleichen ist nicht gemacht worden in irgendeinem Königreiche" (1. Kön. 10, 18—20). Der Thron des Reiches ist sehr erhaben und hoheitsvoll, doch es ist ein Thron des Mitgefühls. (Siehe Ps. 72, 4. 12-14; Jes. 32, 2; 42, 3; 61, 1-3; Sadi. 6, 13.) Der Eine, der bald auf Seinem Throne der Herrlichkeit sitzen wird, ist Der, der am Grab des Lazarus weinte, und der über Jeru salem weinte, das bald Zeuge Seiner Kreuzigung sein sollte. Die tiefen Empfindungen, die das „Kunstwerk von Elfenbein, bedeckt mit Saphiren", versinnbildlicht, ver leihen dem Throne, auf dem Er jetzt sitzt, seine Eigen art, es ist ein „Thron der Gnade" (Heb. 4,16), und Barm herzigkeit wird uns von ihm aus zuteil. Und wenn Salo-mos Thron am Tage der Zukunft sein Gegenbild hat, so wird auch das Gold dasein, das von göttlicher Herr lichkeit redet; seine „Stufen" werden dann in der Er-
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abenheit dieses Thrones gesehen, und die »Löwen" in der mit ihm verbundenen hoheitsvollen Macht. Doch der Thron selbst ist von Elfenbein, es ist der Thron Dessen, in dem göttliches Mitgefühl in Niedrigkeit und Leiden zum Ausdruck kamen, und das wird ihn zu einem Throne machen, der nie seinesgleichen in irgendeinem König reich hatte. Die Braut kennt die tiefen und zarten Emp findungen des Herzens Christi und gibt ihnen einen Platz in der Beschreibung des Königs, der ihr Geliebter, und auch der unsere, ist.

Paulus stand in wahrhaftem Einklang mit den tiefen Empfindungen des Herzens Christi, denn er konnte den Philippern schreiben: „Gott ist mein Zeuge, wie ich mich nach euch allen sehne mit dem Herzen Christi Jesu" (Phil. 1, 8), und er erwartete in denen, die des Christus waren, ähnliche Empfindungen zu sehen, da er sagte: „Wenn es nun irgendeine Ermunterung gibt... wenn irgend innerliche Gefühle und Erbarmungen, so erfüllet meine Freude" [Phil. 2, 1. 2). Er ermahnte die Kolosser: „Ziehet nun an... herzliches Erbarmen" (Kol. 3, 12). Wenn wir gelernt haben, das Kunstwerk von Elfenbein in Ihm zu schätzen, so wird der Geist auch etwas davon in uns wirken, und wir werden bereit sein zu leiden, damit Empfindungen, die von Gott sind, zum Ausdruck kommen. Dann wird es auf unserer Seite „Paläste von Elfenbein" geben, aus denen unsern Geliebten Sai­tenspiel erfreut (Ps. 45, 8). Elfenbeinpaläste können nur auf Kosten von Leiden gebaut werden, doch aus solchen ertönt eine Musik, die das Herz des Geliebten erfreut.

Im Mitgefühl äußert sich Liebe da, wo kein Verdienst auf seiten ihres Gegenstandes vorliegt. Könnte es ein geringeres Verdienst geben, als „tot in.., Vergehungen und Sünden" zu sein? „Gott aber, der reich ist an Bann­herzigkeit, wegen seiner vielen Liebe", erreichte uns in diesem Zustand (Eph. 2, 1. 4). Gott handelt unum­schränkt, Er hat gesagt: „Ich werde . . . mich erbarmen, wessen ich mich erbarme" (Rom. 9, 15). S o empfindet Gott, ganz abgesehen von einem Verdienste auf des Menschen Seite; und wenn Jesus Mitgefühl hatte, so enthüllte Er die Empfindungen Seines eigenen Herzens.

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Auch den Heiligen gegenüber gibt es besondere Empfin dungen im Blick darauf, daß sie Gegenstände des Werkes Gottes sind. Als Paulus sich „mit dem Herzen Christi Jesu" nach den Philippern sehnte, so war dies ein be sonderes Verlangen nach ihnen als Heilige. Es gab Grund zur Besorgnis, doch das wurde der Anlaß zu tiefen Empfindungen und geistlichem Verlangen. Das „herzliche Erbarmen", das die Heiligen anzuziehen haben, deutet auf die tiefen und zarten Empfindungen hin, die die Brüder untereinander haben und betätigen sollten, so daß auch, wenn nicht alles so ist, wie es sein sollte, ein Verlangen der Liebe nach einander vorhanden ist; und darin offenbart sich das „Kunstwerk von Elfenbein, bedeckt mit Saphiren".

„Seine Schenkel Säulen von (weißem) Marmor, gegründet auf Untersätze von feinem Golde" (V. 15). Das redet von der Beständigkeit von allem, was in Christo ist. Seine Füße werden nicht erwähnt; Seine Bewegungen kommen hier nicht vor uns, sondern Seine unerschütter liche Standfestigkeit. Gott hat in Christo das eingeführt, was Beständigkeit kennzeichnet, im Gegensatz zu der Unbeständigkeit Adams und seines Geschlechts. In Jes. 33, 5. 6 heißt es: „Und er wird die Festigkeit deiner Zei ten sein." Gerechtigkeit verleiht Festigkeit. Mit Bezug auf den Sohn lesen wir in Hebräer 1, 8. 9: „Dein Thron, o Gott, ist in das Zeitalter des Zeitalters, und ein Szepter der Aufrichtigkeit ist das Szepter deines Reiches; du hast Gerechtigkeit geliebt und Gesetzlosigkeit gehaßt." Das Wort für „Marmor" wird außer in Esther 1, 6 immer mit „Byssus" übersetzt, es drückt aus, daß der erwähnte Grundstoff weiß ist, und das stellt im Bild Gerechtig keit dar. Es ist auffallend, wie das Weiße in der Beschrei bung des Geliebten von seiten der Braut immer wieder kehrt. Sie sagt: „Mein Geliebter ist weiß", dann haben wir das Baden in Milch, die Lilien, das Kunstwerk von Elfenbein, die Säulen von weißem Marmor — alles deutet auf Weißes hin. Auch in dem Libanon (V. 15) haben wir das Weiße, da er wahrscheinlich diesen Namen des auf ihm ruhenden Schnees halber trägt (Jer. 18,14). Alles, was von Gott ist, muß diesen Wesenszug tragen; wir sehen ihn sogar im „großen weißen Thron" (Offb. 20,11).
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Christus als der Geliebte ist der Gerechte, und jede Verheißung Gottes ist in Gerechtigkeit in Ihm gesichert, so daß sie nie hinfällig werden kann. „Der Sohn Gottes, Jesus Christus, ...wurde nicht ja und nein, sondern es ist ja in ihm" (2. Kor. 1, 19). Bei Christo gibt es keine Ungewißheit oder Unbeständigkeit, es ist unmög lich, daß irgend etwas über den Haufen geworfen oder auch nur erschüttert werden könnte. Das ganze erschaf fene Weltall kann erschüttert werden und wird erschüt tert werden, doch Christus, und was in Ihm aufgerichtet wird, steht ewiglich fest; hierzu gebracht, empfangen wir ein unerschütterliches Reich (Hebr, 12, 28}.

Die „Säulen von weißem Marmor" sind „gegründet auf Untersätze von feinem Golde". Alles in Christo hat Bestand, weil es lediglich von Gott ist und sich auf der Grundlage göttlicher Gerechtigkeit und Herrlichkeit auf­baut. „So viele der Verheißungen Gottes sind, in ihm ist das Ja, und in ihm das Amen, Gott zur Herrlichkeit durch uns" (2. Kor. 1, 20). Wir können sagen, Gott Selbst ist die Grundlage von allem, und alles, was von Gott ist, steht in Christo so fest da, daß es keine Macht der Erde oder der Hölle je erschüttern kann. Die zwei Säulen der Vorhalle des Tempels — Jakin und Boas — deuten auf etwas sehr Ähnliches hin wie die „Säulen von wei ßem Marmor": Jakin heißt, „Er wird errichten (gründen, fest stellen, fest stehen)", und „Boas", „in Ihm ist Stärke".

Der Mensch nach dem Fleische vermochte nie in irgend einer Lage, in die Gott ihn stellte, fest zu stehen; deshalb ist es kein Wunder, daß Gott kein „Gefallen an den Beinen des Mannes" hat (Ps. 147, 10). Doch wie wohl gefällig ist Ihm Der, der jeden göttlichen Gedanken und Vorsatz ewiglich zur Herrlichkeit Gottes und zum Segen des Menschen durchführen kann!

„Seine Gestalt (Aussehen) wie der Libanon, aus erlesen wie Zedern", schildert den allgemeinen Eindruck Seiner Erscheinung; darin kommt die ganze Vortrefflich keit und Erhabenheit Seines Anblicks zum Ausdruck, wie ihn das Auge der Liebe schaut. Wo wir Ihn auch erblicken, bietet sich uns eine vortreffliche Erscheinung dar. In den Evangelien sehen wir Ihn in einer unermeß-

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liehen Mannigfaltigkeit von Lagen und Umständen; wir sehen Ihn als einen Knaben und als einen Mann; unter Volksmengen und bei einzelnen, bei Männern, Weibern und Kindern; wir sehen Ihn mit dem Teufel, ferner bei Sündern, Jüngern, Pharisäern, Schriftgelehrten, Saddu-zäern (Vernunftmenschen, Freidenker), Gesetzgelehrten, Priestern, Freunden und Feinden, bei einem König und einem Landpfleger, mit dem Verräter Judas und mit schwachen und fehlenden Gläubigen — doch welch eine Würde und Erhabenheit kennzeichnet Ihn bei ihnen allen! Weder allein, noch im Verkehrsleben sehen wir da etwas Niedrigeres als den Libanon oder etwas weniger Statt liches als dessen Zedern. Das liebevolle Auge Seiner Freundin schaut Ihn in jeder Lage und kann nichts als eine Vortrefflichkeit hocherhabener Art erblicken. Und wir können das bis in die Auferstehung hinein tun, denn sei es der Maria Magdalene, dem Simon, den bei den, die nach Emmaus gingen, oder den versammelten Jüngern gegenüber, Sein Verhalten war wahrhaft her vorragend, und desgleichen als Er inmitten der sieben Versammlungen wandelte. Wie angemessen war es doch den Zuständen gegenüber, über die Er redete und dann das Gericht ankündigte! Und so wird es immerdar sein, sei es bei Seiner Herrschaft im Reiche, oder wenn Er im ewigen Zustand den Platz der Unterwürfigkeit unter Gott einnimmt. Eine alles überragende Vortrefflichkeit ist vorhanden, und sie wird die ewige Freude Seiner Braut sein.

In Vers 13 äußert Sich der Geist über die Kostbar keit Seiner Lippen, Vers 16 redet von Seinem „Munde" (so nach der englischen Übersetzung!. Die „Lippen" und der „Mund" stehen in sehr naher Beziehung zueinander, doch dem geistlichen Gedanken nach, den sie darstellen, besteht unzweifelhaft ein Unterschied. Hier wird Seinem Munde offenbar ein besonderer Platz gegeben, da er der letzte Zug ist, den die Braut erwähnt. „Sein Mund ist lauter Süßigkeit." Wir verbanden mit Seinen „Lippen" den vollkommenen Ausdruck der Gnade gegen den sün digen und notleidenden Menschen, wie es das Evan gelium Lukas darstellt; ihre Fülle entsprach dem Wert des Todes Jesu. Doch sein „Mund" oder richtiger „G a u -

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m e n" besagt noch etwas mehr; dieser ist mehr innerhalb gelegen und hängt in verschiedenen Schriftstellen mit dem Geschmack zusammen. Man empfängt etwas, und der Gaumen schmeckt und genießt dessen Süßigkeit. Wir können das ganz klar aus Kapitel 2, 3 sehen, wo es heißt: „Seine Frucht ist meinem Gaumen süß." Da haben wir im Hebräischen dasselbe Wort für „Gaumen". Idi denke, wenn von Seinem „Munde" derart gesprochen wird, so ist darin der kostbare Gedanke enthalten, daß Er Selbst zuerst die Süßigkeit dessen empfangen und erkannt hatte, was Er den Menschen mitteilte. Kein Teil der Schrift bringt das so völlig ans Licht wie das Evange lium Johannes, wo die Herrlichkeit Seiner Person mehr vor uns kommt als in den anderen Evangelien. In Seiner Mittlerstellung als der Gesandte, der eingeborene Sohn, empfing Er alles von Seinem Gott und Vater. Wohl die erste, klar von Seiner Mittlerschaft redende Weissagung spricht über Ihn: „loh will meine Worte in seinen Mund legen" (5. Mose 18, 18). Und die Ihn lieben, sind dessen gewiß, daß Ihm diese Worte sehr süß waren. Alles, was Er den Menschen mitteilte, ward Ihm zuerst von Seinem Vater mitgeteilt; Er war der erste, um Dessen Süßigkeit zu schmecken. Von all diesen Mitteilungen hätte Er, wie zuvor ein anderer durch Seinen Geist geredet hatte, sagen können: „Wie süß sind meinem Gaumen deine Worte, mehr als Honig in meinem Munde!" (Ps. 119,103), Wenn der Glaube die Süßigkeit der Worte Gottes schmecken und genießen konnte, wie wir das wiederholt im Alten Testament sehen, was müssen dann des Vaters Worte dem Sohne gewesen sein! Wie gesegnet, an Ihn in dieser Welt in dieser Mittlerstellung zu denken, worin Er alles für die Menschen von Gott empfing und als Mensch all die Süßigkeit dessen genoß, bevor Er zu anderen dar über redete! Alles ward Ihm vom Vater mitgeteilt und war der Gegenstand der Gemeinschaft zwischen dem Vater und dem Sohne, ehe Er es den Menschen kundtat. Das macht Seine Stellung und Herrlichkeit als Mittler aus. Er war von Ewigkeit her bei Gott gewesen und war von jeher Gott, doch Er kam vom Himmel hernieder, um hier Mensch, nämlich der eingeborene Sohn, zu sein, der in des Vaters Schoß ist, damit ein Mensch da sei, dem
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Gott alles das mitteilen konnte, was Er in Seinem Her zen und Sinn hatte, den Menschen über Sich Selbst und Seine Gedanken der Gnade und Liebe kundzutun. Da war ein Mensch hienieden — eine Mensch gewordene göttliche Person —, der imstande war, all die Worte Gottes, all die Worte des Vaters zu empfangen, sie völlig zu schätzen und zu genießen, und sie auch den Menschen mitzuteilen.

Die Schriftstellen, die davon reden, sind uns wohl vertraut, doch wenn wir auch nur etwas von der Liebe der Braut haben, dann finden wir sie immer süß, sie lauten: „Meine Lehre ist nicht mein, sondern dessen, der mich gesandt hat. Wenn jemand seinen Willen tun will, so wird er von der Lehre wissen, ob sie aus Gott ist, oder ob ich aus mir selbst rede" Qoh. 7, 16. 17). „Der mich gesandt hat, ist wahrhaftig; und ich, was ich von ihm gehört habe, rede ich in der Welt. ... dann werdet ihr erkennen, daß ... ich nichts von mir selbst tue, son dern wie der Vater mich gelehrt hat, das rede ich" Qoh. 8, 26. 28). „Denn ich habe nicht aus mir selbst geredet, sondern der Vater, der mich gesandt hat, er hat mir ein Gebot gegeben, was ich sagen, und was ich reden soll; und ich weiß, daß sein Gebot ewiges Leben ist. Was ich nun rede, rede ich also, wie mir der Vater gesagt hat" Qoh. 12, 49. 50). „Ich habe euch Freunde genannt, weil ich alles, was ich von meinem Vater gehört, euch kund getan habe" Qoh. 15, 15). „Jetzt haben sie erkannt, daß alles, was du mir gegeben hast, von dir ist; denn die Worte, die du mir gegeben hast, habe ich ihnen gegeben, und sie haben sie angenommen und haben wahrhaftig erkannt, daß ich von dir ausgegangen bin, und haben geglaubt, daß du mich gesandt hast" Qoh. 17, 7. 8). „Hei liger Vater! bewahre sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast" (V. 11). Jedes Wort, das Er redete, gab Seinen Jüngern einen Eindruck davon, was es Ihm war, solche Worte von Seinem Vater zu empfangen. Er emp fand deren Süßigkeit, bevor Er sie den Seinen mitteilte, so daß Er sagen konnte: „Dies habe ich zu euch geredet, auf daß meine Freude in euch sei, und eure Freude völlig werde" Qoh. 15, 11). Und dieses rede ich in der Welt, auf daß sie meine Freude völlig in sich haben joh. 17,
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13). Der Mittler hatte Seine eigene persönliche Freude an allem, was Er mitteilte, und Er wollte, daß Seine Jünger wußten, daß Er es alles von dem Vater empfan gen hatte. Ich bin dessen gewiß, wie not es uns tut, die in dem Evangelium Johannes entfaltete Mittlerherrlichkeit mehr zu erwägen. Alles, was von Gott, von dem Vater zu uns kommt, kommt von dem Sohne, dem Menschge wordenen, als Mittler zu uns. Wir sehen Ihn in Seiner Beziehung zum Vater, und wie der Vater zu Ihm redete. Wie vollkommen konnte Er jedes vom Vater geredete Wort schätzen! Welche Vertrautheit und Nähe kennzeich nen die Mitteilungen der Liebe! Der Vater sprach zum Sohn als einem gepriesenen Menschen hier auf Erden, der der Gegenstand Seiner Wonne war und in Seinem Busen wohnte. Wie frei konnte der Vater zu I h m von allem reden, was Er auf dem Herzen hatte, den Men schen zu sagen! Der Sohn Seinerseits erfaßte alles, ver mochte es völlig zu schätzen, und äußerte Sich dann zu anderen darüber. Er war in der größten Nähe, im Busen des Vaters, und der Vater war in Ihm. Und doch war Er, im Fleische gekommen, den Menschen nahe genug, ihnen alles das zu sagen, was der Vater zu Ihm geredet hatte. Er „zeltete unter uns", sagte der geliebte Jünger und erzählt uns dann von zweien, die sagten: „Lehrer, wo hältst du dich auf?", und denen Er antwortete: „Kommt und sehet!" „Sie kamen nun und sahen, wo er sich auf­hielt, und blieben jenen Tag bei ihm" (Joh. 1, 14. 38. 39]. Johannes sagt uns auch: „Einer aber von seinen Jüngern, den Jesus liebte, lag zu Tische in dem Schöße Jesu" (Joh. 13, 23). Eine derartige Sprache atmet etwas von dersel ben Wesensart heiliger Vertrautheit, wie sie im Lied der Lieder geschildert wird. Traute Nähe zum Vater einer seits, und traute Nähe zu den Menschen andererseits, miteinander vereint, lassen Seine Mittlerherrlichkeit in den Augen derer, die Ihn lieben, so wunderbar erschei nen. Die Braut kann daher wohl sagen: „Sein Mund ist lauter Süßigkeit."

In dem nämlichen Evangelium, wo Seine persönliche Herrlichkeit am meisten offenbar wird, wo Er sagt: „Ehe Abraham ward, bin ich" (Joh. 8, 58), kommt auch Seine Mittlerherrlichkeit am völligsten ans Licht.  Seine un-

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bedingte Gottheit, Seine ewige Persönlichkeit, wird un mißverständlich kundgetan, doch wir sehen Ihn in einer Mittlerstellung, Er redet nicht von Sich aus, sondern wie der Vater es Ihm gesagt hatte. Der Oberrest am Tage der Zukunft wird Seine Mittlerherrlichkeit erfassen, und sie werden so in deren Gnade stehen, daß Sein Name und der Name Seines Vaters an ihren Stirnen sein werden (Offb. 14, 1). Ihnen wird Sein Mund in der Tat „lauter Süßigkeit" sein. Und ist er das nicht auch uns, die wir sogar einen noch näheren und vertrauteren Platz haben? Da wir die Liebe Christi kennen und ihr ent sprechen, haben wir so viel mit denen gemein, die den Platz der Braut haben, daß wir uns zu unserem höchsten Nutzen mit den kostbaren Äußerungen der Zuneigung einsmachen können, in denen die Braut ihre Wonne an ihrem Geliebten ausdrückt. Ich bezweifle nicht, daß Gott diesem Buche einen hervorragenden Platz in der Förde rung und Entfaltung bräutlicher Zuneigung geben wollte, und daß es der Kirche heute ebenso zum Nutzen ist, wie es einer anderen Schar von Heiligen zur Freude und zum Trost sein wird, die nach der Entrückung der Kirche auf Erden ist.

Der Mund des herrlichen Mittlers ist „lauter Süßig keit". Möchten wir Ihn mehr und mehr dieser kostbaren Eigenart gemäß kennen! Wenn wir Seine Herrlichkeit als Mittler besser kennten, so wären wir auch mehr fähig, Ihn als Haupt zu erfassen. Als Mittler redet Er auf Gottes, auf des Vaters Seite zu uns, doch als Haupt nimmt Er einen Platz auf unserer Seite ein, uns Sich zu gesellend, so daß Er sagen kann: mein Vater und euer Vater, mein Gott und euer Gott (Joh. 20, 17).

Wenn wir, von Gott belehrt, die Schönheit und Herr lichkeit Christi zu schätzen vermögen, wie es die Braut sowohl bildlich als sinnbildlich schildert, so bin ich ge wiß, daß wir bereit sind, mit ihr zu sagen: „Ja, er ist ganz und gar lieblich." (Wörtlich: „Er [ist lauter] Wonnen.") Jeder Seiner Züge, den wir ausfindig machen können, ist in seiner Vollkommenheit lieblich, und kein Voll kommenheitszug fehlt: Er ist ganz und gar lieblich.

Schließlich ruft sie aus: „Das ist mein Geliebter, und

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das ist mein Freund" (V. 16). Daß die Braut hier zum ersten Male das Wort „Freund" gebraucht, ist wohl nicht ohne Bedeutung; der Geliebte hatte Sich seiner in Vers 1 bedient (in V. 2 und anderwärts handelt es sich um eine „Freundin"), doch auf ihren Lippen ist es neu. Das Wort wird sehr oft mit „Nächster" übersetzt, es bedeutet einen, der uns nahe ist, und von der Braut gebraucht, zeigt es, daß sie nun das Bewußtsein der Nähe wiedererlangt hat. Ihren Geliebten konnte sie Ihn nennen, als sie ganz gut ohne Ihn auskommen konnte, doch da hätte sie Ihn schwerlich ihren Freund nennen können, den ihr nahen Gefährten. Nun ist sie Ihm jedoch bewußterweise nahe; ihr Herzenszustand ist völlig wiederhergestellt, so daß sie, als die Töchter Jerusalems sie fragen, wohin ihr Geliebter gegangen sei, um die Antwort nicht verlegen ist. Ich denke nicht, daß ein Heiliger wirklich durch die Erfahrung von Vers 10 bis 16 gehen kann, ohne daß er in seinem Herzen dem Geliebten gegenüber völlig wie derhergestellt ist. Damit meine ich kein bloßes Lesen dieser Verse, sondern daß das Herz deren Kostbarkeit wahrhaft erfaßt.

Ehe die Braut den Geliebten zu schildern begann, hatte sie das Gefühl, daß andere Ihn eher finden wür den als sie (V. 8), doch als sie von Ihm zu sprechen auf hörte, wußte sie viel besser als diese, wo sie Ihn zu suchen hatte. Wenn wir uns einer Entfernung bewußt werden, so laßt es darin nicht zum Heimischwerden kommen. Laßt uns vielmehr an Ihn denken, laßt uns Ihn unseren Herzen gleichsam frisch vorstellen, und laßt uns, wo sich die Gelegenheit dazu bietet, zu Teilnehmenden von Ihm reden. Gerade diese Tätigkeit wird ein Wieder aufleben der Glut des Herzens erweisen, das dann dahin führt, daß unsere Zuneigungen völlig wiederhergestellt werden; und dann kann es geschehen, daß andere sich aufmachen, Ihn zu suchen. 
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Kapitel 6

In Kapitel 6, 2. 3 kommt der Braut mit frischer Kraft zum Bewußtsein, wo des Geliebten Herz ist, und wo E r weidet; ihrem Empfinden nadi ist sie nun wirklich dahin zurückgekehrt, Sein Garten zu sein, sie ist bewuß­termaßen Sein eigen und spricht: „Ich bin meines Ge liebten." Die „Würzkrautbeete" und die „Lilien" reden von einer Stätte, wo alles Seinem Geschmack entspricht. Da gibt es nichts, was Er zurechtzuweisen oder zu tadeln hätte; Er weidet Seine Herde in Verhältnissen, die Harm losigkeit, Einfalt und Unbescholtenheit kennzeichnet {Phü. 2,15). Das Herz der Braut ist nun auf das bedacht, was Ihm wohlgefällt, und das ist die ordnungsgemäße Übung von Heiligen, die das lieben, was mit Seiner Kirche im Einklang steht und Seine Freude ausmacht. Das eigene Fehlen wird dahinten gelassen — nicht aus Sorglosigkeit, sondern infolge völliger geistlicher Be freiung —, der Herr Selbst ist vor dem Herzen, und das Bewußtsein, Sein eigen zu sein, beherrscht die Ge danken und schließt alles Seiner Unwürdige aus.

Die Braut nimmt nun ihrer Stellung und ihrem Zu stande nach den Platz eines Überwinders ein; deshalb redet Er wohl in Vers 4 von ihr als „furchtbar wie unter Bannern Stehende". Das ist ein der Wehrmacht ent nommenes Bild von Truppen, die keine Niederlage er litten haben, deren Banner siegreich wehn. Er kann sie nun als einen Überwinder anerkennen. Jeder von uns hat ausfindig zu machen, was er zu überwinden hat. Keiner kann die Gnade Gottes in Wahrheit kennen, ohne zu entdecken, daß es Einflüsse, Neigungen, Gefühle und Gewohnheiten gibt, die zu überwinden sind. Geistliche Trägheit ist einer der schlimmsten von diesen Feinden; es ist der, der uns in diesem Buche zur besonderen War nung vorgestellt wird (Kap. 3, 1; 5, 2). Wenn wir, durch Gnade, diese Feinde nicht überwinden, so werden sie uns überwinden, und wir werden auf dem Schlacht felde eine Niederlage erleiden.

Es ist zu beachten, daß sich die Braut jedesmal, wo der Geliebte ihre Schönheit ausführlich beschreibt, als ein Überwinder erwiesen hat; so ist es in Kapitel 4 und auch

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in Kapitel 6 bis 7. Er beschreibt sie nicht auf ihrem Lager, oder in einem Zustande trägen Wohlbehagens ohne Ihn. Es ist traurig, wenn Zustände eintreten, die Ihn zwingen so zu reden wie in Offenbarung 2 und 3; wenn solchenfalls die Heiligen Ihm wohlgefällig sein wollen, so ist ein Überwinden vonnöten. Sind jedoch Gnade und Kraft zum Überwinden da, so ist der Herr frei, von Seiner Braut in ihrer gottgemäßen Schönheit zu reden, wie Er das in Kapitel 4, 1—15 und in Kapitel 6 und 7 tut, und Er liebt es, das zu tun. Sogar bei einem ordentlichen Wandel, und da, wo man sich böser Ver bindungen enthält, kann viel geistliche Trägheit vorhan den sein; der Herr weiß alles darüber, sogar wenn es die Brüder nicht wissen. Wenn wir als Kirche zusammen kommen und dabei keine Überwinder sind, so werden wir dem Herrn nicht wohlgefällig sein. Unsere bestän dige Übung sollte darin bestehen, in gottgemäßem Zu stande und ebensolchen Verhältnissen zusammenzukom men, damit nicht nur ein wenig für den Herrn da sei, son dern Seine Liebe eine völlige Befriedigung finde. „Gär ten" in Vers 2 kann auf die verschiedenen örtlichen Scharen von Heiligen angewandt werden, wenn sie zu sammengekommen sind. Das Wichtige ist, daß Er dort weidet und auch „Würzkrautbeete" und „Lilien" findet.

Seiner Braut als Überwinder gegenüber spricht Er frei über das Wohlgefallen, das Er an ihr hat. Er wie derholt, was Er schon in Kapitel 4 gesagt hat, und lenkt nun das Augenmerk auf die Tatsache, daß sie einzig dasteht, keine andere ist mit ihr zu vergleichen (V. 8 u. 9). Seine Worte lassen in keiner Hinsicht auch nur eine Andeutung irgendwelcher Unvollkommenheit in ihr erkennen. Aus Offenbarung 2 und 3 sehen wir, wel ches Wohlgefallen der Herr an einem Überwinder hat. Je mehr das allgemeine Abweichen offenbar ist, desto mehr fällt Sein Wohlgefallen am Überwinder auf; Er läßt es solchen gegenüber nicht an sehr bemerkenswerten Ausdrücken Seiner Anerkennung fehlen. Möchten wir immer mehr begehren, ihrer würdig zu sein!

Gott gefällt es, viele verschiedenartige Familien von Heiligen zu haben; „jede Familie in den Himmeln und auf Erden" wird von dem Vater benannt (Eph. 3, 15).

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Seine Unumschränktheit ersieht einer jeden ihren Platz in der Welt der Herrlichkeit; sie haben nicht alle den­selben Platz. Die alte Vorstellung, die Kirche begreife alle Heiligen von Anbeginn bis zum Ende in sich, setzt die besondere Eigenart des Wirkens Gottes in den mancher lei Haushaltungen beiseite, und ebenso die Mannig­faltigkeit, die die verschiedenen Familien kennzeichnen wird. Natürlich ist allen vom Vater Benannten und allen, die einen Eindruck von Christo empfangen haben, eine heilige Übereinstimmung und Einheit alle Familien hin­durch eigen, seien sie himmlisch oder irdisch.

In dem vorliegenden Schriftwort finden wir Köni ginnen, Kebsweiber, Jungfrauen und Töchter, doch keine von ihnen hat den einzigartigen Platz der Braut inne (V. 8 u. 9). Sie stellen zweifellos solche dar, die in einer Beziehung zu Christo stehen, haben aber nicht den Platz Seiner Taube, Seiner Vollkommenen („Unbefleckten" nach dem Englischen). Und wenn der Herr irgendeiner Schar von Heiligen einen besonderen Platz gibt, so liebt Er es, ihnen das kundzutun. Der Überrest wird am Tage der Zukunft einen ganz besonderen Platz im Herzen Christi haben, ich glaube, den der Kirche nächsten Platz; und Er will, daß sie das wissen. Die Hundertvierund-vierzigtausend, die in Offenbarung 14 mit dem Lamme auf dem Berge Zion stehen, entsprechen der Braut im Lied der Lieder. Welch einen hervorragenden Platz ha ben sie! Sie sind dem Himmel nahe genug, dessen Lied zu singen, und kein anderer kann es lernen. Sie sind wirklich Christi Unbefleckte, sie sind Jungfrauen. Er will, daß sie wissen, was sie in Seinen Augen sind; zum mindesten werden sie das zum Teil aus diesem Buche der Heiligen Schrift lernen. Welch eine Ermutigung für den leidenden und bedrückten Überrest, zu wissen, daß sie im Herzen ihres Geliebten einen derart besonderen Platz haben! Es mag viele andere Heilige geben, die nach Vers 8 sogar „ohne Zahl" sind und hervorragende Plätze einnehmen, doch sie haben nicht den der „Einzigen", der„Auserkorenen".

Wenn das vom Überrest wahr ist, so auch in einer ganz besonderen Weise von der Kirche. Nie hat eine der Kirche vergleichbare Schar das Dasein dieser Welt er-

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blickt; sie ist die auserkorene und einzigartige Frucht der Gnade. Der Oberrest wird nie der Leib Christi sein; siewerden nie in dieser besonderen.Weise aus Ihm sein, obwohl sie einen besonderen Platz in Seinem Herzen haben und Seiner Gesellschaft teilhaftig sind und sich ihrer erfreuen. Es wird von der Kirche ebenso wahr sein wie von dem Oberrest, daß andere Familien Erlöster ihren Wert und ihre Schönheit erkennen, und dies mituneifersüchtigen Augen. Sie werden die Kirche glück selig heißen und sie preisen. Gilt uns das nichts, zu einem solchen Platze, zu derartiger Gunst geboren zu sein? Wenn es Gott gefallen hätte, uns in einer anderen Familie von Heiligen zu berufen und zu segnen, wo wir erkennen müßten, daß der Kirche ein noch auserleseneres Teil zukäme als unser eigenes, so würde das eine wunderbare Gnade sein. Doch was sollen wir über die un­umschränkte Liebe sagen oder denken, die u n s dazu berufen hat, der Schar der Kirche anzugehören, die demHerzen Christi am nächsten steht und am teuersten ist, und der obendrein eine geistliche Schönheit eigen ist, die nicht mit der anderer Scharen von Heiligen ver glichen werden kann? Das ist in der Tat wunderbar; der Gedanke daran sollte uns tief bewegen. Das Licht über die Kirche ist ein wunderbares Vorrecht; die Schrift hat es für alle Heiligen heutzutage, doch viele stehen nicht darin, ihrem Wandel nach. Das Licht darüber, was die Kirche in geistlicher Hinsicht ist, verdanken wir der göttlichen Unumschränktheit; und das sollte eine Frucht erzeugen, die in einer besonderen Weise zum Wohl gefallen Christi ist.

Wenn es Gottes Gedanke ist, daß wir in den Gesichts kreis anderer treten, so sollte uns daran gelegen sein, sozu erscheinen wie die Braut in Vers 10; dort heißt es: „Wer ist sie, die da hervorglänzt wie die Morgenröte (oder „Dämmerung*} schön wie der Mond, rein wie die Sonne, furchtbar wie unter Bannern Stehende?" Was die Kirche bei ihrer Entfaltung in Herrlichkeit sein wird, sollte sie in sittlicher Hinsicht jetzt schon sein. Die Leute reden von einer „unsichtbaren Kirche", doch sie sollte nie unsichtbar sein; daß sie es ist, ist ein Beweis des Ab-weichens und des Verfalls. Die „Dämmerung" des Ta-

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ges des Reiches sollte in der Braut wahrzunehmen sein. Petrus redet von dem Anbrechen des Tages und demAufgehen des Morgensterns in den Herzen der Gläubigen (2, Petr. 1, 19). Wenn der Tag in unseren Herzen angebrochen ist, so geschah dies, damit wir öffentlich als „Söhne des Tages" erscheinen (1. Thess. 5, 4. 5); im Ge­gensatz zu allem, was die Nacht kennzeichnet, haben wir Züge darzustellen, die sittlich dem „Tage" angehören.Aus Offenbarung 21 erhellt, daß die Braut öffentlich geschaut werden soll. Was sie auch, für ihren Manngeschmückt, sein mag.es umfaßt dies noch nicht alles, was sie sein wird, wenn das auch natürlich zuerst kommt.Doch als himmlischer Leuchtkörper soll sie von Myriaden gesehen werden, und hierzu ist sie in sittlicher Hinsichtschon jetzt berufen; sie sollte Christum widerstrahlen, den Lichtglanz Gottes verbreiten und am Überwindendessen, was von der Welt, dem Fleische und dem Teufel ist, erkannt werden.

Der Geliebte hatte die Braut schon in Vers 4 als Oberwinder gesehen, doch in Vers 10 ist sie ein solcher in den Augen derer, die sie erblicken. Sie erscheint da öffentlich als einer, der die Macht hat, alles Feindliche niederzuwerfen. Truppen mit wehenden Bannern haben keine Niederlage erlitten, sie sind siegreich. Wenn dieKirche öffentlich derart erschiene, so gäbe es keine „un sichtbare Kirche". Wir werden zwar keine allgemeineWiederherstellung erleben, doch wenn einzelne überwinden und, die Kirchenvorrechte und -Verantwortlichkeiten anerkennend, miteinander wandeln, so wird in gewissem Sinne eine Art öffentliches Zeugnis dasein. Ich zweifle nicht, daß der Herr dahin wirkt, dieses zustande zu bringen; dazu kommen wir in Vers 13.

Nun der Oberrest oder die Kirche, zufolge von Vers 10, in den Gesichtskreis tritt, ist der Geliebte sozusagen frei, ein anderes und weiteres Gebiet zu überblicken, und das tut Er in Vers 11 und 12, Der „Nußgarten" ist nicht dasselbe wie der „verschlossene Garten" von Kapitel 4, 12; dieser ist die Braut, doch jener ist ein weiterer Kreis, in den Er nun Seine Braut einführen will, und deshalb wird auch im Hebräischen Kapitel 4 gegenüber ein anderes Wort für  „Garten"  gebraucht.

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Da zugleich auf „die jungen Triebe des Tales" hinge wiesen wird, so sehen wir, daß dieses Wort umfassender ist, es entspricht mehr den „Feldern" und „Weinber gen" von Kapitel 7, 11. 12, zu denen die Braut dort den Geliebten einladet, mit ihr zu gehen. Ich zweifle nicht, daß es die Auslegung dieses Schriftwortes, strengge nommen, mit dem Ausschauen des Herrn nach dem An zeichen eines geistlichen Frühlings in Israel zu tun hat. Der Überrest gehört Ihm, doch Sein Volk als ein Gan zes bringt Ihm keine Frucht, und so geht Er hinab, um zu sehen, ob eine Aussicht auf Frucht vorhanden, „um zu sehen, ob der Weinstock ausgeschlagen wäre, ob die Granatäpfel blühten"(V. 11). In Seiner Braut hat Er die Ihm „köstliche Frucht" gefunden (Kap. 4, 16); doch es gibt noch einen anderen Garten, der Ihm noch keine Frucht gebracht hat. Er begibt Sich nun dorthin, um zu sehen, ob sich da irgendwelches Leben regt, und ob verheißungsvolle Anzeichen späterer Früchte vorhan den sind — Er verlangt danach, zu sehen, ob Knospen oder Blüten da sind. Wenn Er solche findet, so weiß Er, daß das Leben sich regt; dann hat Gott gewirkt, Israel lebendig zu machen, und die Erfüllung der alten Ver heißungen ist in Sicht! Er hält Ausschau nach dem Werke Gottes unter Seinem Volke, das Ihm die „Prachtwagen" zu Seinen Bewegungen unter ihnen liefert. Er will nicht nur die Braut als Seinen „verschlossenen" Garten haben, sondern zu seiner Zeit auch ganz Israel und den ganzen weiten Kreis tausendjähriger Fruchtbar keit. Psalm 110, 3 redet von einer Zeit, wo Sein Volk voller Willigkeit sein wird am Tage Seiner Macht, in heiliger Pracht, und dann heißt es: „Aus dem Schöße der Morgenröte wird dir der Tau deiner Jugend kommen." Wenn der Herr Zeichen geistlichen Lebens in Israel sieht, wenn Knospen und Blüten erscheinen, so weiß Er, daß die Zeit von Psalm 110, 3 da ist, und Seine Seele wird Ihn „unversehens" auf die Prachtwagen Seines willigen Volkes setzen. Was im Überrest zustande kam, wird in Israel gemeinhin zustande kommen — das steht dem Herrn vor Augen; Er hat ein besonderes Wohlgefallen an Seiner Braut, doch Er erwartet noch weiter um sich greifende Bewegungen von Gott.

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Wir können sehen, welch eine schöne Anwendung das auf den Oberrest und Israel hat, doch ich denke, daß wir dies auch auf die gegenwärtige Zeit anwenden dürfen. Was der Braut entspricht, haben wir in Philadelphia, nämlich einen Ihm allein vorbehaltenen Garten, dessen Wohlgeruchs Er Sich erfreuen und dessen Früchte Er genießen kann. Von dieser Versammlung kann Er sagen: ich habe dich geliebt (Offb. 3, 9) - an ihr hat Er Wohl­gefallen gefunden. Doch Seine Teilnahme gilt auch einem weiteren Gebiete, und Er erwartet dort Zeichen geist­lichen Lebens zu sehen; Er nimmt innigen Anteil an jeder Bewegung geistlichen Lebens, sei es in Thyatira, Sardes und sogar in Laodizäa. So blickt Er umher in dem weiten Kreise derer, die bekennen, Sein Volk zu sein, um zu sehen, ob da willige Herzen sind, die Prachtwagen für Ihn bereithalten. Bis jetzt mag da noch kein voller, Seiner würdiger Ertrag an „köstlicher Frucht", „Ge würzen" und „Wein" dasein, wie Er ihn in denen findet, die einige der wahren Züge Seiner Braut tragen, son dern erst Knospen und Blüten, die eine künftige Frucht verheißen. Diese haben wir zum mindesten in allen Hei ligen, die Anzeichen geistlichen Lebens offenbaren; der Herr nimmt Anteil daran und erkennt die darin ent haltenen großen Möglichkeiten. Das wird sicherlich bald zu bräutlichem Wesen heranreifen, doch Er erwartet, es sich jetzt entwickeln zu sehen. In dem, was jetztoffenbar ist, erblickt Er das sichere Unterpfand dessen, was zukünftig sein wird. Welch eine Freude ist es Ihm, ein „williges Volk" zu sehen! Wenn Ihn Heilige wahrhaft lieben und „willig" sind, so sind auch „Prachtwagen" für Ihn da, und Seine Bewegungen wer den   beschleunigt.

Das christliche Bekenntnis heute trägt keineswegs die Wesenszüge der Braut; doch der Herr hält Umschau, um von jeder entstehenden Knospe oder Blüte Kenntnis zu nehmen. Er schaut nach einem willigen Volke aus, das bereit ist, aus Liebe zu Ihm tätig zu sein. Wo immer Er solche Bereitschaft findet, da drängt Ihn Seine Seele, sich auf die Prachtwagen zu setzen, die die Liebe für Ihn ausersehen hat. Der Herr kann alles mit einem „willigen

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Volke" tun; Seine Bewegungen unter Seinem Volke ent sprechen dessen Willigkeit.

Für uns alle ist es wichtig, dessen eingedenk zu sein. Wohl bei vielen von uns wird es keine Fülle von „köst lichen Früchten" und „Gewürzen" geben; vielleicht ste hen wir erst in der Zeit des Knospens und Blühens. Doch selbst, wenn das der Fall ist, so laßt uns bedenken, daß uns auch da durch Gnade große geistliche Möglich keiten offenstehen. Daß alles dieses aber gegenwärtig zur Reife kommt, hängt von Liebe und Willigkeit ab. Liebe ist es, die den Herrn willkommen heißt und Ihn mit Prachtwagen versieht. Der Zustand der Christenheit heutzutage zeigt, wie wenig der Herr geliebt wird, wie wenig man gewillt ist, Ihm Seinen Platz zu geben und Ihm Raum zu machen. Ein derartiger Zustand bietet uns eine Gelegenheit, Überwinder zu sein. Was auch dieser Tag anderen sein mag, laßt ihn uns den „Tag seiner Macht" sein! (Ps. 110, 3). Möchte Er, was uns anlangt, glücklich dahinfahren! (Ps. 45, 4). Man könnte da sagen: Aber viele haben kein Licht. Doch wenn sie willig wären, würden sie Licht bekommen Qoh. 7, 17); und so auch wir, und zwar nicht nur Licht, sondern auch die Kraft des Lebens, darin zu wandeln. Sind wir „willig", all das Licht zu haben, das Gott willens ist uns zu geben, wün schen wir dadurch geistlich gestaltet zu werden?

Jedes bißchen geistlicher Lebenskraft, was das Auge des Herrn wahrnimmt, ist Ihm etwas, dessen Er Sich am Tage der Herrlichkeit bedienen wird. Er achtet auf jedes bißchen lebendiger Freude an Ihm und den Hei ligen Schriften, sowie auf jeden Herzensseufzer des Ver langens nach Ihm und jeden Gedanken, der darüber in uns aufkommt, das zu erkennen, was die Kirche oder Versammlung ist. Er sagt heute zu einem jeden von uns: ein williges Herz ist ein Prachtwagen für mich. Er möchte, daß wir Ihm nicht nur am Tage der Herrlichkeit zur Verfügung stehen, sondern jetzt,

Mir scheint, daß uns die Erwägung dessen zubereitet, den Grundgedanken von Vers 13 zu verstehen. Hier ergeht der beachtenswerte Ruf an die Schulammith, zu rückzukehren; daß er viermal wiederholt wird, zeigt, welch großer Nachdruck darauf gelegt wird. „Kehre

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wieder, kehre wieder, Schulammith; kehre wieder, kehre wieder, daß wir dich anschauen!" Es ist dies ein Ruf, sich wieder den Blicken darzubieten. Sie war augen scheinlich außer Sicht gewesen — wie oder weshalb wird hier nicht erklärt —, doch die Tatsache wird klar darge tan, daß sie nicht zu sehen war, und nun wird sie in auf­fallender Weise aufgefordert, sich den Blicken wieder zu zeigen. Ach, wie getreu schildert dies, was sich in der Geschichte der Kirche zugetragen hat! In ihren ersten Tagen ward sie öffentlich gesehen, da sie die kostbaren Wesenszüge der Braut trug; doch sie ist den Blicken so sehr entschwunden, daß man viele Jahrhunderte lang von der „unsichtbaren Kirche" gesprochen hat. Was sich auch ereignet haben mag, wir können sicher sein, es war nicht des Herrn Absicht, daß die Kirche unsichtbar sein sollte, sie sollte vielmehr gesehen werden. In Offen­barung 21, 9 heißt es: „Komm her, ich will dir die Braut, das Weib des Lammes, zeigen." Sie ward in der Ver­gangenheit gesehen, wird in der Zukunft gesehen wer den — weshalb ist sie jetzt nicht mehr zu sehen? Das redet von einer schrecklichen Geschichte des Abweichens.

Hier jedoch wird die Braut aufgefordert: „Kehre wie der." Sie soll wieder in den Gesichtskreis treten. Ist es des Herrn nicht würdig, dahin zu wirken, daß die ur sprünglichen Züge der Kirche wieder zum Vorschein kommen, ehe sie entrückt wird? Das mag tatsächlich in einem sehr kleinen Überrest zustande kommen, doch es ist dies geschehen, und wir haben es heute. Es mag dies nur für zwei oder drei zutreffen, die in Demut mitein ander im Lichte der Wahrheit und der Grundsätze der Kirche zu wandeln suchen und danach trachten, deren Wesenszüge und Kennzeichen zu tragen; doch das ist gegenwärtig vorhanden, es ist, wie jemand bemerkte, etwas vom Ursprünglichen, und nicht nur der letzte ab gebrauchte Rest davon.

Dann wird die Frage gestellt: „Was möget ihr an der Schulammith schauen?", und die Antwort lautet: „Wie denReigen zweier Heerlager." Das ist abermals eine der Wehrmacht entnommene Anspielung. Die zwei Heer lager sind ein doppeltes Zeugnis überwindender Macht, so daß diese nicht in Frage gestellt werden kann. Nach

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1. Mose 32, 2 sprach Jakob, als ihm die Engel begegneten: „Dies ist das Heerlager Gottes. Und er nannte den Na­men selbigen Ortes Madbanaim", das ist „zwei Heer lager". Da haben wir also dasselbe Wort wie in Hohel. 6,13.) Damals waren „zwei Heerlager" Engel das Unter pfand dafür, daß Gott mit Jakob war, als er nach Bethel zurückkehrte; doch hier wird begehrt, in der Schulam-mith „den Reigen zweier Heerlager" zu sehen. „Der Reigen" besagt, daß jeder Feind gänzlich ausgerottet und nichts übriggeblieben ist, als den Reigen des Tri umphs zu tanzen. (Siehe 2. Mose 15, 20; 1. Sam. 18, 6.) Die Sdiulammith wird herbeigerufen, um sie als voll kommen siegreich zu sehen; sie wird im vollsten Sinne als ein Überwinder geschaut. Der Herr möchte, daß auch wir uns in dieser Eigenschaft den Blicken anderer zeigen. Der Name „S c h u 1 a m m i t h" wird zum ersten und einzigen Male in diesem Vers erwähnt; er scheint einem mit Bezug auf die Braut gebrauchten Personennamen sehr nahe zu kommen, doch bei näherer Erwägung han delt es sich mehr um einen Ortsnamen als einen Per sonennamen. Sie ist „die Schulammith", stammt also aus diesem besonderen Ort (Schülern; vgl. 2. Kon. 4, 8. 12. 25. 36; Jos. 19, 18; 1. Sam. 28, 4), und ich denke, damit deutet der Geist an, daß das Überwinden immer an dem Ort und in den Umständen zu geschehen hat, worin wir uns befinden. Das erhellt ganz klar aus Offenbarung 2 und 3. Wo wir auch seien, in Ephesus, Smyrna oder einem anderen Ort, gerade d a haben wir Überwinder zu sein. Es tut uns allen leid, daß wir solche Schwach heiten und solche Neigungen haben, wie sie uns eigen sind; doch gerade sie bieten uns die Gelegenheit, in der Stärke Dessen zu überwinden, der uns Kraft darreicht. Jeder von uns könnte sagen: An meinem Ort gibt es ganz besondere, den Platz kennzeichnende Schwierigkeiten. Nun gerade das ermöglicht es uns, Überwinder zu wer den. Lassen wir auch nicht einen Augenblick den Gedan ken aufkommen, daß das für uns notwendig eine Nieder lage bedeutet; denken wir vielmehr an die Hilfsquellen in Gott, in dem Herrn Jesu Christo und in dem Hei ligen Geist! Denken wir an die Macht betender Abhängig keit, an die gesegneten Folgen des Bleibens in Christo!

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Seien wir überzeugt, daß wir, mit? Gott wandelnd, auch imstande sind, „seinen Namen mit Reigen" zu loben (Ps. 149, 3). Der Herr ruft die Heiligen der Kirche in die Siegesstellung zurück. Wenn wir nicht in dem Ort und den Umständen, wo wir sind, überwinden, so können wir nirgendwo anders überwinden.

 

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Kapitel 7
Wenn sich die Heiligen den Blicken wieder als Über winder zeigen, so werden derartige geistliche Züge in ihnen gesehen, wie sie die einleitenden Verse dieses Kapitels im Bild beschreiben; und es scheint, daß diese Schilderung der Braut eine größere Fülle aufweist als die vorhergehenden, sowohl nach außen als nach innen wird da mehr entfaltet. Vers 1 führt uns vor, was die Braut ihren Bewegungen nach ist. Ihre „Tritte" (oder „Schritte"} sind schön, ihnen ist eine königliche Würde, ein Grundzug des Friedens eigen, denn die „Sandalen" wird man mit Füßen verbinden, die beschuht sind mit der Bereitschaft des Evangeliums des Friedens (Eph. 6, 15). Einen solchen Wesenszug kann man nicht haben, ohne Feindliches zu überwinden, doch wenn er vor handen ist, so kommt in einer jeden Bewegung Frieden zum Ausdruck. Der Herr sagte: „In welches Haus irgend ihr aber eintretet, sprechet zuerst: Friede diesem Hause!" (Luk. 10, 5). Wohin auch Seine Jünger gingen, ihre Füße sollten lieblich sein, da sie das Evangelium des Friedens verkündigten (Rom. 10, 15). Wir können nicht sicher sein, daß alle, zu denen wir kommen, „Söhne des Friedens" sind, doch wir selbst können uns im Geist des Friedens und auf dem „Weg des Friedens" bewegen (Luk. 1, 79; Rom. 3, 17).

Alle Versammlungsvorgänge sind natürlich friedlicher Art, denn „Gott ist nicht ein Gott der Unordnung, son dern des Friedens, wie in allen Versammlungen der Heiligen" (1. Kor. 14, 33). Wer Zwietracht sät, ist Je-hova ein Greuel (Spr. 6, 19). Friede ist ein einigendes Band, das uns ermöglicht, die Einheit des Geistes im
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Wandel zu offenbaren. Nichts ist dem Auge Christi schöner als Seine Heiligen miteinander in Einheit und Frieden wandeln zu sehen. Das erste Wort des Auferstandenen an Seine versammelten Heiligen war: „Friede euch!", und wiederum sprach Er: „Friede euch!" und sandte sie aus (Jon. 20, 19. 21). Es ist kein Zeichen von Würde, aufgeregt und unfreundlich zu sein; das gleicht keiner „Fürstentochter". Wir haben 
„durch Kampf und Mühn der Wüste"
zu gehn, doch dabei „ziehn in Frieden wir den Pfad", wie es unser Vorrecht ist.

Die Kraft zur Bewegung liegt in den „Hüften", und wenn unsere Bewegungen wie „Geschmeide" erscheinen,wie „ein Werk von Künstlerhand", so kann das nur durch das Niederhalten des Fleisches geschehen, und dessen, was uns von Natur eigen ist. Der Mann, der mit Jakob rang, rührte das Gelenk seiner Hüfte an und ver renkte es (1. Mose 32, 25); unsere natürliche Kraft muß unter der Zucht Gottes gelähmt werden, um einer neuartigen Bewegung in geistlicher Kraft Raum zu machen. Paulus bekam einen Dorn für das Fleisch, doch er lernte, daß es besser war, den Dorn und die Gnade Christi zu haben, als ohne ihn zu sein; er lernte, daß Kraft in Schwachheit vollbracht wurde (2. Kor. 12, 9). Wenn wir uns auf eine schöne Weise geistlich bewegen möchten, so müssen wir bereit sein, auf seiten der Natur herab gesetzt und verkrüppelt zu werden. Jede Bewegung, die die Unterstützung des Geistes Christi erweist, ist in Seinen Augen ein Geschmeide; ihr ist eine Schönheit göttlicher Gestaltungskunst eigen. Ein „Werk von Künstlerhand" ist nicht plump oder mißfällig. Wir wissen, daß Bewegungen anmutiger Art möglich sind, denn wir alle haben sie zuzeiten gesehen; in Überwindern sehen wir sie immer.

Vers 2 redet von dem, was die „Fürstentochter" inwendig ist; sie kennzeichnet innere Befriedigung. Der Herr sprach zu dem Weibe am Jakobsbrunnen von dem Quell lebendigen Wassers, der eine innere Quelle werden sollte (Joh. 4, 14), ferner sollten aus dem Leibe des Gläubigen „Ströme lebendigen Wassers fließen" (Joh. 7, 38). Paulus konnte sagen, daß er wußte, was es war, sich zu begnügen, also von den Umständen unab-
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hängig zu sein (Phil. 4, 11. 12). Eliphas fragte: „Wird ein Weiser... sein Inneres mit dem Ostwind füllen?" (Hiob 15, 2). Es ist bedauerlich, wenn wir nichts Bes seres haben und der Ostwind uns füllt. Elihu hatte etwas Besseres, denn er konnte sagen: „Denn voll bin ich von Worten, der Geist meines Inhern drängt mich. Siehe, mein Inneres ist wie Wein, der nicht geöffnet ist; gleich neuen Schläuchen will es bersten" (Hiob 32, 18. 19). Er war so voll von dem, was von Gott war, daß er es nicht zurückzuhalten vermochte.

Der „M i s c h w e i n" ist zweifellos ein Hinweis auf die mannigfaltige Freude, die im Heiligen Geist liegt, und der „Weizenhaufen" redet von Christo, in dem die göttliche Treue ihren erhabenen Aus druck fand, und der dadurch die Speise Seiner Heiligen geworden ist. Das Innere des Überwinders ist von derart Köst lichem erfüllt, und zwar nicht in beschränktem Maße, wir haben hier einen „Haufen". Und wenn Christus ge schätzt wird, so vergessen wir Seine Heiligen nicht: der „Weizenhaufen" ist mit „Lilien" umzäunt. Wir sind den Heiligen in Liebe zugetan, da sie mit Christo innig verbunden und zu Seiner Herrlichkeit notwendig sind. Wir können kein tiefes Verlangen nach Christo haben, ohne ein tiefes Verlangen nach denen zu haben, die aus Christo und für Christum sind. Alles dies wird nun hier als eine innerlich gekannte Freude und Habe dargestellt. In einer Haushaltung solcher Überfülle ist es ganz unpassend, daß jemand vor Gott „leer" erscheint (2. Mose 23, 15; 34, 2; 5. Mose 16, 16). Wenn Gott das schon bei Israel nicht duldete, wieviel weniger geziemt es sich für die, denen die Fülle Christi und des Geistes zur Verfügung steht. Wie wohlgefällig ist es dem Geliebten, uns innerlich ausgerüstet zu sehen! So daß wir nicht nur von etwas reden können, sondern in unseren Herzen auch von dem erfüllt sind, wovon wir reden. Beim Zusammenkommen sollten wir immer voll sein; ein je der Bruder wartet dann auf die Gelegenheit, seinem Maß des Glaubens entsprechend und so, wie der Herr es führt, beizutragen. Es ist recht, mit Rücksicht auf andere zu warten, damit Raum für all das vorhandene Kostbare und Auf erbauende sei. Doch ein jeder, ob er öffentlich
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teilnimmt oder nicht, sollte voll sein und zur Ver fügung stehen, da er innerlich eine geistliche Habe be sitzt. Es ist sehr traurig, wenn ein Bruder schweigen muß, weil er »leer" ist; ein soldier dürfte schwerlich ein Überwinder sein.

Was wir innerlich genießen, haben wir, damit andere dadurch gesegnet werden. Ich habe gefunden, daß eskaum vorkommt, daß ich etwas vom Herrn aus genieße, ohne bald eine Gelegenheit zu haben, einem anderenetwas davon mitzuteilen; gerade dadurch wird das. geistliche Wachstum gefördert

Kapitel 4, 4 besagt, daß sich der Hals der Braut in kampfbereiter Stärke erhebt, hier jedoch gleidit er einem„Turm von Elfenbein** (V. 4). Wenn, wie dort bemerkt, der Hals auf Willensstärke, auf Entschlossenheit hindeutet, so weist der „Turm von Elfenbein** auf die persönlichen Kosten hin, die es allein ermöglichen, denEntschluß, für Christum zu sein, durchzuführen. Elfenbein kann nur auf Kosten des Geschöpfes, von dem esstammt, erlangt werden; und wenn wir uns dazu ent schließen, daß Christus in unserem Leibe verherrlicht werden soll, so werden wir finden, daß es nur auf Kosten dessen geschehen kann, was unser natürliches Lebenals Männer und Frauen ausmacht. Doch wie kostbar und anziehend ist es dem Geliebten, wenn der Hals Seiner Braut diesen Eindruck macht! Das ist ein weiterer Zug des Überwinders.

Daß die Augen der Fürstentochter mit den Teichen zu Hesbon verglichen werden, scheint die Tiefe ihrergeistlichen Auffassungskraft anzudeuten. Daß nach Kapitel 4, 1 ihre Augen „Tauben" waren, weist auf die geistliche Art ihrer Auffassung hin, doch dieses Bild von „Teichen" scheint dem noch den Gedanken der Tiefehinzuzufügen. Die Tiefe der geistlichen Auffassungskraft der Maria von Bethanien führte sie dahin, zu erkennen, wie angebracht es war, den Herrn gerade in diesem besonderen Augenblick zu salben Joh. 12, 3). Siehätte es vielleicht nicht erklären können, weshalb sie es tat, dodi der Herr konnte es und sagte, sie habe dieseihre köstliche Gabe auf den Tag Seines Begräbnisses aufbewahrt (V. 7). Sie hatte erkannt, was sich für den
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gegebenen Augenblick geziemte, und das ist ein sehr anziehender Zug geistlicher Schönheit.

Ihre „Nase" sodann stellt die Fähigkeit dar, den Duft dessen, was von Gott ist, zu unterscheiden; sie ist das Bild eines Wahrnehmungsvermögens, das von großer Wichtigkeit ist. Wenn eine scharfe Witterung dessen vorhanden ist, was von Gott ist, so wird auch ein übler Geruch schnell wahrgenommen. Vom Herrn stand ge schrieben: „Und sein Riechen (Atmen) wird sein in der Furcht Jehovas14 {]es. 11, 3). Wir sollten imstande sein, die Wesensart von Personen oder Lehren zu „riechen", ohne eine eingehendere Prüfung. Unser Geruch hat ein sehr feines Unterscheidungsvermögen; er nimmt etwas wahr, was unseren anderen Sinnen entgeht. Ein falscher Lehrer mag geschickt genug sein, seine Lehren, als völlig auf die Schrift gegründet, hinzustellen; doch wer wahr haft geistlich ist, nimmt einen üblen Geruch darin wahr, auch wenn er nicht genau sagen kann, was darin ver kehrt ist. Diese Fähigkeit gleicht einem hochgelegenen Wachtturm mit weitem Ausblick; wer den hat, hat nicht nötig, alles, was Gott zuwider ist, genau und bis ins einzelne zu erforschen; der Geruch sagt ihm genug, und er wendet sich davon ab. Anderseits aber nimmt er gar schnell den geistlichen Geruch dessen wahr, was von Gott kommt. Er freut sich, das weiter zu verfolgen, ihm in der Schrift nachzugehen, und es durch eifriges For schen bestätigt zu finden; doch, ehe sich ihm hierzu Ge legenheit bietet, hat er das innere Gefühl, daß es den Wohlgeruch Gottes und Christi an sich trägt. Die „Augen" und die „Nase", also das Auffassungsvermögen, sind sehr hervorragende Züge der Schönheit der „Fürstentochter".

Infolge der Betätigung des Auffassungsvermögens ent wickelt sich das geistliche Verständnis, und damit kom men wir zum Haupte: „Dein Haupt auf dir ist wie der Karmel" (V. 5). Karmel bedeutet „fruchtbar", und Jesäja 35, 2 redet von der „Pracht des Karmel". Die Ver sammlung umfaßt Verständige, solche, die den Geist haben (1. Kor. 10, 15). Den Tempel Gottes kennzeichnet die Gegenwart geistlichen Lichtes; und dadurch, daß die Brüder am Verständnis fruchtbar sind, dient dieses Licht zur  Auferbauung.   Alle   Unterweisung  und   Erbauung

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Hängt davon ab, daß das Verständnis fruchtbar ist (1. Kor. 14). „Fünf Worte*4, mit dem Verstand geredet, sind in der Versammlung mehr wert als zehntausend Worte ohne Verständnis, wenn diese auch alle in der Kraft des Geistes Gottes geredet werden, wie das beim Reden in einer fremden Sprache der Fall ist (V. 19). Einem Haupte „wie der Karmel" kommt ein großer Wert zu, weil der wahre Nutzen jedes Zusammenkommens darin liegt, daß die Heiligen auferbaut werden. Was in der Versammlung ausgedrückt wird, sollte die Frucht davon sein, daß göttliches Licht im Verständnis Gestalt gewonnen hat, und es wird deshalb ausgesprochen, da mit die Heiligen geistlich zunehmen. „Alles" — nicht nur das, was sich im Dienste an die Heiligen wendet, sondern auch das, was sich an göttliche Personen im Gebet oder im Lobe wendet— „geschehe zur Erbauung" (1. Kor. 14, 26). Gott mehrt das Wachstum Seiner Hei ligen durch die Fruchtbarkeit des Verständnisses ver schiedener Glieder des Leibes beständig. Die Erbauung vollzieht sich andauernd, und jede Tätigkeit in der Ver sammlung soll sie fördern. Bei jeder Zusammenkunft sollten wir etwas erwarten, was wir zuvor noch nicht hatten. Ein Wachstum können wir bei jungen Gläubigen leichter wahrnehmen, da sie jungen Bäumen gleichen, bei denen jede Jahreszeit einen beträchtlichen Unter schied aufweist; alte Bäume jedoch wachsen auch immer fort, obwohl es nicht so in die Augen fällt. Im allge meinen haben wir bei einem alten Baum mehr wahr haftes Wachstum als bei einem jungen, es sei denn, daß der Verfall eingesetzt hat; und so ist es auch bei alten Heiligen. Ich denke nicht, daß Heilige gottgemäß zusam menkommen können, ohne auferbaut zu werden; doch das hängt von der Fruchtbarkeit des geistlichen Ver ständnisses ab, und deshalb sagt Paulus: „Brüder, seid nicht Kinder am Verstände, sondern an der Bosheit seid Unmündige, am Verstände aber seid Erwachsene1* (1. Kor. 14, 20). Kinder handeln und reden ihrem Empfinden, Männer ihrem Verstand gemäß. Der Kirche oder Ver sammlung ist ein einsichtiges Verständnis über göttliche Dinge gegeben, und wenn das zum Ausdruck gelangt, so dient es zur allgemeinen Erbauung, und daran hat der

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Herr großes Wohlgefallen, darin wird der Zug Seiner Braut offenbar, den ihr „Haupt.. wie der Kamel" darstellt.

Sodann ist ihr Haupt geschmückt, denn es heißt: „Und das herabwallende Haar deines Hauptes wie Purpur; ein König ist gefesselt durch deine Locken (eigentlich: .Haarergüsse', also nicht dasselbe Wort wie Kap. 5, 2. 11)!"(V. 5). Da ist eine geistliche Schönheit vorhanden, die nach Gottes Gedanken das geistliche Ver ständnis immer begleitet, und das ist der Schmuck der Unterwürfigkeit, der ja die Herrlichkeit der Kirche eben so ausmacht wie das lange Haar die eines Weibes. Der Geist der Unterordnung ist dem Auge und Herzen Christi höchst anziehend. Jeder Teil der Wahrheit fordert Unterwürfigkeit; es gibt nichts, was das geistliche Ver ständnis erfassen könnte, das keine Unterordnung er fordert, sonst würde uns das Erfaßte in unserem Wandel nicht beherrschen. Dessen im Herzen bewußt, werden wir vor Starrsinn und Hochmut bewahrt.

Außerdem kommt hier noch das wahrhaft „königliche" Wesen der „Fürstentochter" zum Ausdruck, von dem der„Purpur" redet; ich fasse das dahin auf, daß die Ober hoheit des Hauptes (d. h. Christi) wirklich anerkannt wird. Wenn der Geist der Unterwürfigkeit unter Chri stum in uns ist, so wird sich da sein all unseren Bezie hungen zueinander geltend machen. Man kann schwer lich Christo Untertan sein, und nicht auch denen, die des Christus sind. Der Geist der Unterordnung in den Hei ligen ist das einzige Zeugnis der Oberhoheit Christi in der Welt, und wir können alle an diesem Zeugnis teil haben. Viele mögen außerstande sein zu predigen, zu lehren oder zu geben, doch wir alle können irgendwie ausdrücken, daß wir Christo als Haupt Untertan sind. Das Weib z. B. soll ein Zeichen der Oberhoheit, unter der sie steht, „auf dem Haupte haben, um der Engel willen" (1. Kor. 11, 10). Die Engel sollten in dem Weibe die Herrlichkeit der Unterwürfigkeit unter sein Haupt sehen; gleicherweise nun ist „die Versammlung dem Christus unterworfen" (Eph. 5, 24).

Eine große Herrlichkeit des Herrn war, daß Er hienieden einen Platz der Unterwürfigkeit einnahm. Der

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Hauptmann in Lukas 7 hatte das erfaßt und sagte: »Denn auch ich bin ein Mensch unter Gewalt gestellt*4 (V. 8;Matth. 8, 9). Er verstand, daß der Herr Gott gegen über diese Stellung innehatte, und Jesus wunderte Sich über seinen Glauben. Den Geliebten Selbst kennzeichnete vollkommene Unterwürfigkeit, und Seine Braut mußte darin mit Ihm übereinstimmen. Unsere Herrlichkeit ist, durch Untertänigkeit gekennzeichnet zu sein, und ein solcher Geist ist dem Herrn höchst anziehend. „Der König ist gefesselt durch deine Locken!" Nichts in den Heiligen bewegt das Herz Christi mehr, als daß sie Ihm, dem Haupte, in Liebe Untertan sind. Das vermag Ihn zu „fesseln" — ein wunderbares Wort, wenn wir bedenken, wer der König in Wirklichkeit ist! Das erinnert uns an Johannes 14, 21: „Wer meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der mich liebt; wer aber mich liebt, wird von meinem Vater geliebt werden; und ich werde ihn lieben und mich selbst ihm offenbaren."

Wo eine liebevolle Unterwürfigkeit vorhanden ist, da bekommt der Herr Sein volles Teil Freude an Seiner Ge­liebten, da kann Er sagen: »Wie schön bist du, und wie lieblich bist du, o Liebe, unter den Wonnen!" Seine Braut bereitet Ihm nun all die Freude, die Seine Liebe wünschen kann. Sie ist nun zum vollen „W u c h s e" gekommen (V. 7), einem zuvor noch nicht erwähnten Wesenszuge. Wenn all die bisher betrachteten Wesens züge, die die „Fürstentochter" kennzeichnen, in den Hei ligen gefunden werden, so können wir sicher sein, daß dann auch der volle „Wuchs" da ist. Die göttliche Natur entfaltet sich dann, und das Heranreifen zum „Maße des vollen Wuchses der Fülle des Christus" wird offenbar (Eph. 4, 13). Die Heiligen sollten in allem zu Ihm hin heranwachsen, „der das Haupt ist, der Christus" (Eph. 4, 15). Erkenntnis, Glaube oder Gabe sind nicht der volle Wuchs; dieser ist die Folge der Gestaltung in der göttlichen Natur; wir sind so groß, wie wir lieben, und nicht größer. Unser Heranwachsen können wir nach 1. Korinther 13 bemessen.

Der „Fürstentochter" kann der Geliebte sagen: „Dieser dein Wuchs gleicht der Palme, und deine Brüste denTrauben" (V. 7), Voller Wuchs und zufriedenstellende

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Zuneigungen gehören zusammen, und der Geliebte er greift Besitz von Seiner geliebten Braut, so daß sie sagen kann: „Ich bin meines Geliebten, und nach mir ist sein Verlangen" (V. 10).

Dreierlei bereitet Ihm in Vers 7—9 eine besondere Freude: ihre „Brüste", der „Duft ihrer Nase" und ihr „Gaumen". Er schätzt unsere Liebe, findet Wohlgefallen an unserem Wahrnehmungsvermögen, und unsere Art,göttliche Dinge zu schmecken, ist Ihm „wie der beste Wein".

Wir sahen schon, daß ihre „Nase" ein Bild scharfen Wahrnehmungsvermögens ist; hier ist davon die Rede, was deren Duft dem König ist. Sie hat sich nicht damit beschäftigt, üblen Gerüchen nachzugehen, Ihr Geruchssinn gleicht dem Seinen, der mit allem vertraut ist, was von lieblichem Wohlgeruch ist; und ihr „Gaumen" (dasselbe Wort, von dem wir schon in Kap. 5, 16 sprachen) ist ein Bild der Fähigkeit, die Süßigkeit alles dessen zuschmecken, was geistlich und göttlich ist, und das ist dem Geliebten „wie der beste Wein", Wie köstlich ist der Gedanke, daß unser Schmecken und Genießen himmlischer Süßigkeit Ihm Wein, ja der beste Wein ist! Er freutSich, wenn wir daheim und als einzelne göttliche Dinge genießen, von welch besonderer Köstlichkeit aber ist Ihm unser gemeinsamer Genuß! Man blickt oft umher, wenn Christus den Heiligen im Dienste gebradit wird, um zu sehen, ob das den Heiligen ein Genuß ist. Wenn es uns nun schon eine Freude ist, Anzeichen wahrerWertschätzung der Dinge Christi und der Dinge des Vaters zu sehen, wieviel mehr Ihm! Und Er hat es gern, wenn wir etwas davon erfassen, was Ihm dies ist; das haben wir nach dem ersten Satz von Vers 9. Bis dahin redet der Geliebte, und dann fällt die Braut, sozusagen, ein und vollendet den Satz für Ihn. Das ist eine liebliche und auffallende Wendung völliger Übereinstimmung zwischen Ihm und Seiner Geliebten. Sie erfaßt, was es für Ihn bedeutet, derartiges zu schätzen, das ist Ihm der beste Wein, „der meinem Geliebten sanft hinuntergleitet". Der Herr liebt es, uns ein Bewußtsein davon zu geben, daß unsere Freude am Göttlichen Ihm eine Freude ist.

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Überdies gibt es keinen mächtigeren Einfluß, „Schlummernde" anzuregen, als wenn wachende und glückliche Heilige zum Ausdruck bringen, wie sie Göttliches schätzen und genießen. Ich glaube, nichts ist mehr dazu benutzt worden, träge und schläfrige Herzen aufzuwecken und zu beleben, als die Erkenntnis der Be­friedigung und Freude, die das Teil des Überwinders sind. Wenn dies „allmählich über die Lippen der Schlum­mernden dringt", so übt es eine wohltätige aufweckende Kraft aus.

Es ist schon oft darauf hingewiesen worden, daß Vers 10: „Ich bin meines Geliebten, und nach mir ist sein Verlangen", die höchste Auffassung der Braut von ihrer Beziehung zu ihrem Geliebten wiedergibt. In Vers 8 hat Er von ihr Besitz ergriffen, und nun ist sie bewußtermaßen Sein eigen. Paulus konnte in Philipper 3,12 sagen, daß er „von Christo ergriffen" worden war, und damit ist die bräutliche Zuneigung wahrhaft befriedigt. Völlig Sein zu sein, Ihm ganz und gar hingegeben und zu Sei ner Verfügung stehend, das ist der Höhepunkt dessen, wohin die Liebe gegenwärtig gelangen kann. Das kommt der bewußten Vereinigung so nahe wie irgend etwas, was wir in diesem kostbaren Buche finden, das der bild lichen Darstellung heiliger und geistlicher Zuneigungen derart geweiht ist.

Kapitel 6, 11 redete von dem Hinabgehen des Gelieb ten, um zu sehen, „ob der Weinstock ausgeschlagen wäre, ob die Granatäpfel blühten." Da überblickte der Herr ein weiteres Gebiet Seiner Belange, als das in Seiner Braut dargestellte, und schaute nach Zeichen geistlichen Lebens oder der Neubelebung aus. In Kapitel 7, 11. 12 finden wir nun die Braut in völliger Übereinstimmung mit diesen Gedanken ihres Geliebten, und sie ergreift, sozu sagen, die Führerschaft, indem sie anregt, Er solle mit ihr kommen und sehen, ob „die Weinblüte sich geöffnet hat, ob die Granatäpfel blühen". Sie nimmt nun völligen Anteil an dem weiten Gebiete Seiner Angelegenheiten auf Erden — die Felder, die Dörfer, die Weinberge sind alle vor ihr. Sie nimmt innigen Anteil an allem, was für Ihn ist; und in diesem weiten Kreise will sie Ihm ihre Liebesweise dartun. Dessen bewußt, daß sie Sein

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Wenn die wahren Zuneigungen der Braut unser sind, so haben wir keine unserem Kreise oder uns persönlich dienenden Angelegenheiten; wahre Kirchenzuneigungen sind mit dem Gedeihen eines jeden der Belange Christi verbunden. Er möchte unser Herz jetzt frei sehen, an all das Seine auf Erden zu denken, und auch an das, was am Tage der Zukunft Sein ist, sei es in dem Überrest in Jerusalem oder in dem diesem folgenden weiten Felde tausendjähriger Herrlichkeit. Seine Braut kann heute alles das mit Ihm überblicken, da sie gemeinsamen Anteil daran nimmt; und darin erweist sich ihre Liebe.

Unser großes Verlangen sollte sein, Zeichen des Wer kes Gottes in den Seelen zu erkennen. Der Überrest wird am Tage der Zukunft danach trachten, Zeichen geist lichen Lebens im Volke Israel wahrzunehmen. Sie wis sen, daß dessen Frühling nahe ist, und sind berechtigt, Knospen und Blüten in diesem Volke zu erwarten. Sie werden ihren Geliebten rufen, mit ihnen zu gehen und nach Zeichen geistlichen Lebens in weiterem Umfange Ausschau zu halten, als sie bisher zu sehen waren.

Wir erwarten jetzt noch nicht viel, was Knospen und Blüten anlangt, in Israel zu sehen, denn Zeichen geist­lichen Lebens erscheinen nur da, wo Gott wirkt, und die gegenwärtige Zeit ist besonders die Zeit der Segnung der Nationen. Das Evangeliumsfeld bietet einen sehr weiten Ausblick, und was sich da unseren Blicken zeigt, ist das Werk Gottes in den Seelen; da gilt das Wort: „Hebet eure Augen auf und schauet die Felder an, denn sie sind schon weiß zur Ernte" (Joh. 4, 35). Gottes Werk ge schieht jetzt im Blick auf die Kirche, und aus diesem Grunde nimmt jede Seele, in der Gott wirkt, unsere Teil nahme in Anspruch. Das Gebiet der Belange Christi ist jetzt ein sehr umfangreiches, und es ist unser Vorrecht, es mit der Teilnahme und Liebe Seiner Braut zu über blicken und Ihm die Beweise unserer Liebe in dem Kreise Seiner Belange zu geben.

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Der Braut geziemt eine Stellung, von wo aus sie mit Freuden von dem Werke Gottes in den Seelen Kenntnisnimmt. Und die Echtheit unserer Teilnahme erweist sich auf dem kleinen Teile des weiten Feldes, mit dem wirselbst in Berührung kommen. Wir sollten immer nach Knospen und Blüten Ausschau halten. Diesem Bilde nachgibt es noch keine Frucht, wohl aber Beweise des Lebens und Anzeichen der Frucht zu ihrer Zeit. Wir gedenken alles dessen, was da zur Herrlichkeit Gottes und zum Wohlgefallen Christi in jeder Seele heranzureifen vermag, die Beweise geistlichen Lebens zeigt. Wie erfreulich ist es, eine Seele zu sehen, die wahren Anteil an den Dingen Gottes nimmt! Wir freuen uns, wenn wir von jemand hören, der an Christum zu glauben bekennt, doch wahre Teilnahme läßt uns fragen: Was wird in jener Seele für Gott Gestalt gewinnen? Knospen und Blüten reden von dem, was zum Wohlgefallen Christi zur Reife kommen wird, und da es die Zeit der Kirche ist, wendet sich die Blickschärfe unserer Augen den ersten Anzeichen von Herzensübungen mit Bezug auf die Wahrheit der Kirche in denen zu, die berufen worden sind, als solche Frucht zu tragen, deren Platz und Dienst in der Kirche ist.

Vers 12 zeigt, wie die Braut im bewußten Genuß der Liebe Christi Ausschau hält; sie denkt nicht an sich, sondern nimmt teil an jedem Zeugnis der göttlichen Wirksamkeit. Wenn unsere Beziehungen zueinander und zu einem jeden von den Kindern Gottes derart wären, würde uns das nicht vor vielem Unnützen mit Erfolgbewahren? Die Braut ist eine Gesamtheit, so daß uns das, was wir hier im Bilde sehen, als Versammlung kennzeichnen sollte. Wenn wir zum Gebet zusammenkommen, so umfaßt unser Ausblick all die kostbaren Be­lange Christi, und besonders solche, die in Beziehung zur Wahrheit und zu den Vorrechten der Kirche stehen.

Die Braut hat aber nicht nur einen weiten Ausblick, sondern sie hat auch „Türen", wo „allerlei köstlicheFrüchte (eigentlich, ähnlich 5. Mose 33, 13—15: „Köst lichstes von Früchten"), neue und alte", für den Geliebtenaufbewahrt werden; in einem beschränkteren Kreise hat sie einen Vorrat völlig ausgereifter Früchte für Ihn aufgehäuft. Das ist etwas mehr als Knospen und Blüten,

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es ist etwas, was völlig zu Seiner Befriedigung ist. Welch eine Herzensübung für uns, ob wir wirklich solche„köstlichen Früchte" für Ihn bereit haben!

„Allerlei köstliche Früchte, neue und alte", deuten auf deren große Mannigfaltigkeit sowie auch Vortrefflichkeit hin. Das gibt uns einen großen Begriff von dem außerordentlichen Reichtum der Befriedigung, den die Heiligen fähig sind, für Christum bereit zu halten. „Neue und alte" besagt einerseits, wie der ganze Um­fang der im Alten Testament entfalteten Wege Gottes samt dem weiten Gebiete der Verheißung zum geistlichen Reichtum der Heiligen beiträgt, und anderseits auch das, was der Haushaltung nach „neu" ist und in Verbindung mit dem Geheimnis steht. Ein Bruder beklagte sich einst bei mir, daß ich die Kirche in das Alte Testament hineinbringe; ich sagte: „Nein, das tue ich nicht, sondern ich möchte nur all den Reichtum des Alten Testaments in die Kirche bringen!" Ich bin gewiß, der Herr würde das auch tun, denn als der Auferstandene „erklärte er ihnenin allen Schriften das, was ihn betraf", und „öffnete . . . ihnen das Verständnis, um die Schriften zu ver stehen" (Luk. 24, 27. 45). Er hat uns gesagt: „Darum ist jeder Schriftgelehrte, der im Reiche der Himmel unterrichtet (geschult, Jünger geworden oder zu einem Jün ger gemacht) ist. gleich einem Hausherrn, der aus sei nem Schatze Neues und Altes hervorbringt" (Matth. 13, 52). Das „Alte" wie auch das „Neue" sollte zur Unterweisung der Heiligen hervorgebracht werden, alles aber sollte zum Heranwachsen „köstlicher Früchte" für den Geliebten dienen. Natürlich ist hierzu göttliche Belehrung nötig, wir müssen „geschult, zu Jüngern gemacht" werden (Matth. 27, 57; 28, 19; Apg. 14, 21), und das besagt etwas mehr als ein bloßes Vertrautsein mit dem Buchstaben der Schrift, nämlich ein Eingeweihtsein in das, was den Weisen und Verständigen verborgen, aber Unmündigen geoffenbart ist (Matth. 11, 25; 13, 11. 16. 17). Dann erst gibt es „köstliche Früchte" für den Geliebten, und die reden im Bilde von der besonderen Befriedigung, die für Christum da bereit gehalten wird, wo gottgemäße Versammlungszustände sind. Infolge Seiner großen Gunst haben wir „Türen", wo solche Früchte
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zu finden sind, und Er möchte, daß alle Seine Hei ligen wissen, daß ihnen solche Türen zur Verfügung stehen, dem Reichtum der Glückseligkeit ihrer Berufung gemäß. Er möchte, daß wir „Türen" haben, wo all die „köstlichen Früchte" zu Seiner Freude bereit liegen.

Das kann als der Höhepunkt geistlicher Erfahrung betrachtet werden. Das achte Kapitel geht nicht darüber hinaus, ja es kehrt im allgemeinen mehr zu Ausdrücken des Verlangens zurück als zu solchen bewußter gegen­wärtiger Befriedigung. Das besagt vielleicht — welchen Grad von Vertrautheit wir auch nach besonderen Er­weisungen göttlicher Gunst genießen mögen, in denen es dem Herrn gefällt, Sich solchen, die Ihn lieben, zu offen baren —, Übungen mannigfaltiger Art werden nicht eher aufhören, als bis Er tatsächlich kommt, uns zu Sich auf zunehmen. Wenn auch einzelne den Zutritt zum Heilig tum kennen mögen, und VersammlungsVorrechte im süßen Bewußtsein der Gegenwart und Liebe des Herrn gemeinsam genossen werden können, wir haben doch immer wieder die Übungen des Wüstenlebens aufzu nehmen. Paulus mußte, sogar nachdem er in das Paradies entrückt worden war, herniederkommen und die Faustschläge eines Engels Satans und einen Dorn im Fleische erdulden, damit er vor ungebührlicher Erhebung bewahrt werde. Verschiedene Formen demütigender Selbsterkenntnis sind zur Vollendung unserer Laufbahn notwendig; dadurch lernen wir die Gnade in immer mehr vertiefter Weise kennen. Und immer wird es Übungen über unseren Herzenszustand geben; nicht immer viel leicht solche des Gewissens, des Übeltuns halber, son dern solche des Herzens, ob wir der Liebe Christi ge­treulich entsprechen und Ihm auch alles das gebracht haben, was Seine Liebe begehrt. Die Kenntnis der süßen Vertrautheiten, die dieses Buch schildert, verschärft solche Übungen nur. Sein Dienst, Sein Zeugnis und alles uns von Seinen Belangen Anvertraute fordert eine Er gebenheit, die nur dann aufrechterhalten werden kann, wenn das Verlangen und die Entschlossenheit unseres Herzens nicht erlahmen. Ich glaube, das ist der Zu­sammenhang und auch der Zweck, weshalb wir noch das nunmehrige letzte Kapitel haben.

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Kapitel 8

In den ersten vier Versen dieses Kapitels kommt in der Sprache der Braut nicht dieselbe Nähe und Vertrautheit zum Ausdruck; ein starkes Verlangen nach dem Ge liebten ist vorhanden, und der Wunsch, mit Ihm in ver trauten Herzensbeziehungen zu stehen, aber kein gegen wärtiger bewußter Besitz. Sie redet von dem, was sie tunwürde, wenn sich ihr dann die Gelegenheit dazu böte. Eben die Tatsache, daß sie wünscht, Er wäre ihr nahe verwandt, zeigt, daß sie sich Seiner nicht eben bürtig fühlt, und sie empfindet das besonders im Be wußtsein dessen, daß dies anderen auffallen muß, sie sagt: „Man würde mich nicht verachten" (V. 1). Der Gedanke, daß E r sie verachten würde, kommt ihr nicht, daß aber andere dies tun könnten, ruht wie eine Wolke auf ihrem Geiste. Ich denke nicht, daß dies in Anbetracht der Freiheit, die die Liebe genießen möchte, eine unge wöhnliche Übung ist. Wenn unser Wandel und Geist nicht das gewesen sind, was wir fühlen, das sie sein sollten, so haben wir, glaube ich, oft das Gefühl, daß wir in den Augen anderer kein Recht auf die Nähe der Vertrautheit mit Ihm haben. Das ist eine demütigende Erfahrung, doch es ist ein Segen darin, wenn wir uns dieser Übung in keiner Hinsicht entziehen. Ist in mir etwas Christi Unwürdiges offenbar geworden, so kann ich mich durch ein Bekenntnis in gerechter Weise davon frei machen. Es würde viel mehr Freiheit im geistlichen Verkehr in den christlichen Familien und unter den Gläubigen im allgemeinen sein, wenn man mehr bereit wäre, Fehler zu bekennen. Der Hochmut des Fleisches denkt, dies würde uns herabsetzen, doch in Wahrheit würde es uns in den Augen unserer Freunde und Brü der sehr erhöhen; wir alle wissen, daß es so ist. Wenn jemand genug Gnade hatte, einen Fehler zu bekennen, so wissen wir, daß er in sittlicher Hinsicht in unserer Achtung stieg. Laßt uns dessen immer eingedenk sein, wenn wir versucht werden, einen Fehler nicht zuzugeben, wo dies nicht nur recht, sondern auch notwendig wäre, damit unser Geist von einem auf uns lastenden Druck frei wird.

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Die betrachtete Schriftstelle nun legt uns nahe, daß das Bewußtsein, andere könnten uns verachten, einHindernis für das Freisein unserer Liebe dem Herrn gegenüber werden kann. Wie kann dieses Hindernis nunbeseitigt werden? Wie können wir unsere Freiheit vor Ihm wiedererlangen? Ich glaube dadurch, daß wir unswieder bewußt werden, daß unser Recht, in der Freiheit der Liebe zu stehen, lediglich auf der Gnade und Berufung Gottes beruht; getrennt davon haben wir überhaupt kein Recht. Wir haben aufs neue die ersten Grundlagen unseres Ursprungs in Beziehung zu Christo anzuerken nen. Auf einem anderen Grunde, als dem der göttlichen Gnade und Berufung, haben wir Ihn nie besessen, noch Er uns. Nie handelte es sich darum, dem Fleische nach ein Anrecht auf Ihn zu haben, oder darum, daß unsere Stellung und die Beziehungen zu Ihm von unserem guten Betragen abhingen. Durch göttliche Gnade und Berufung kamen wir dahin, aus Christo und in Christo zu sein, und wir wurden zu Gegenständen der Wirksamkeit Gottes, damit wir unsere Nichtigkeit und die Kostbarkeit Christi kennenlernten und zum Fleische überhaupt kein Vertrauen hätten. Der Verlust der Freiheit nun begreift im mer ein Abkommen von dem Bewußtsein der Gnade und der Unumschränktheit der Liebe in sich, die, uns gesegnet hat. Die Freiheit wird durch Selbstgericht und eine Rückkehr zur Gnade wiedererlangt. Der Herr ist in Wahrheit dem Grundgedanken der Gnade gemäß gekommen, um alles das auf Sich zu nehmen, was auf unserer Seite vorhanden war, und es durch Seinen Tod hinwegzutun. Alles, wonach die Braut in Vers 1 verlangt, hat in Christo Gestalt gewonnen; in Gnade ist Er in die nächste Verwandtschaft zu uns getreten, hat die Frage unserer Schuld und unseres Zustandes nach Adam auf Sich genommen, damit wir der Gnade gemäß durch Ihn und in Ihm gesegnet würden.

Die Braut wollte Ihn in das Haus ihrer Mutter führen und hineinbringen, und ihre Mutter würde sie dannbelehren (V. 2). Unsere Mutter ist das Jerusalem dro ben (Gal. 4, 26), also die himmlische Ordnung reiner Gnade; als Kinder der Freien sind wir frei. Wir er fassen Christum und sind frei, Ihn zu lieben und Seine

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Liebe zu genießen, nicht weil wir vermöchten, in uns selbst ein Anrecht festzustellen, sondern weil wir reinerGnade unser Dasein verdanken. Wir sind nicht die Kin der einer Ordnung, die irgend etwas vom Fleische anerkennt. Alles, was unsere Mutter anerkennt, ist die Frucht der Verheißung, also das, was von Gottes Seite aus gekommen und der Gnade gemäß ganz und gar aus Ihm ist. Alles ist jetzt „nach dem Geiste" (Rom. 8, 5; Gal, 4, 29); dem Fleische oder dem Gesetz entlehnen wir nichts. Wir haben kein Anrecht und braudien auch kein solches in natürlicher Hinsicht — alles ist aus Gnade. Das einzige auf unserer Seite ist, daß wir uns zu Gott gewandt haben, und auch dies kam lediglich durch Seine Gnade zustande. Wenn sich jedoch ein Sünder zu Gott wendet, dann hängt das, was er bekommt, ganz von dem ab, was es Gott gefällt ihm zu geben, und Ihm gefällt es, Christum zu geben und der Seele ewiglich eine Stellung in Christo zu verleihen. Die neunzehn Jahrhunderte des kirchlichen Fehlens haben das Geben Got tes weder beeinträchtigt noch vermindert. Der Galater-brief lehrt uns, daß alles aus Gnade ist, und dasselbe lehrt uns auch der Epheserbrief auf eine wunderbare Weise, und das ist die Belehrung unserer Mutter. „Sie würde (nicht ,du würdest4} mich belehren", dürfte die richtige Lesart sein.

Eben das Gefühl, daß etwas in uns ist, was verachtet werden kann, ja wir können sagen, zu verachten ist, führt, wenn wir darüber göttlich geübt werden, außer zu vertieftem Selbstgericht, dahin, daß wir uns dem, was von Gott ist, in Christo völliger zuwenden. Das im Kreuze verdammte Ich ist ganz und gar auszuschließen; das ist die Unterweisung unserer Mutter. Christus ist am Kreuze auf unsere Seite getreten, damit wir mit Ihm gekreuzigt seien und als eine neue Schöpfung in Christo Jesu für Ihn passend würden. „Für die Freiheit hat Christus uns frei gemacht; stehet nun fest" (Gal. 5, 1).

In Vers 2 und 3 kann die Braut sagen, was sie tun würde, wenn sie frei wäre; dann wollte sie Ihm nach Seinem Wohlgefallen dienen, genießen, was es ist, in Seinen Armen zu ruhn, und begehren, daß nichts die Ruhe Seiner Liebe störe. Doch es ist zu beachten, daß
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alles dies ein Wunsch, ein Vorausgreifen und nicht eine gegenwärtige Erfahrung ist. Ungeheuer viele wahre und gottselige Herzensübungen sind dieser Art. Vielleicht die meisten von uns wissen viel besser, was es ist, geistliches Verlangen nach Christo zu haben, als, was es ist, dessen volle Befriedigung erfahrungsgemäß zu erlangen. Und eine große Belehrung liegt in der Tatsache, daß die Braut in Vers 5 aus der Wüste heraufkommt, „lehnend auf ihren Geliebten". Es wird nicht erklärt, wie sie Ihn fand, doch sie kommt in den Gesichtskreis, man könnte sagen plötzlich, und dies in einer gänzlich neuen Weise, näm lich als eine, die alle ihre Unterstützung in Ihm findet.

Das Geheimnis der Freiheit und der Kraft liegt darin, ganz und gar auf die Gnade und Unterstützung an­gewiesen zu sein, die in einem Anderen zu finden ist. Wir brauchen eine lebendige Person, die göttlich fähig ist, uns zu unterstützen und aufrechtzuerhalten, und De ren Liebe uns gestattet, daß wir uns völlig auf Sie lehnen. Die Wüste ist die Stätte, wo wir in den Wegen Gottes mit uns geprüft und gezüchtigt werden, und wo wir so wohl unsere Schwachheit und die Verkehrtheit des Flei sches kennenlernen, als auch unsere Abhängigkeit und die Gnade des Priestertums Christi. Dann können wir aus der Wüste als solche heraufkommen, deren Schwachheit sich auf den Geliebten stützt; die Gnade und Macht Christi werden gesehen, obwohl unsere Schwachheit so groß ist, daß wir nicht einen Schritt aufwärts ohne Ihn tun könnten.

Christi priesterliche Unterstützung und die Macht des Geistes gehen Hand in Hand. Auf unseren Geliebten ge­lehnt, wandeln wir im Geiste und geben dem Fleische keinen Raum. Es ist eine beständige Übung, diese Ge­wohnheit der Seele durchzuführen und Schritt für Schritt im Geiste zu wandeln. Der Herr ermutigt uns, uns im Bewußtsein der Gnade auf Ihn zu stützen, damit wir nicht nur vom Wirken des Fleisches frei, sondern auch imstande sind, uns aus der Wüste hinauf in den Kreis des göttlichen Wohlgefallens zu begeben; und so kann der Geliebte in Vers 13 die Braut als „Bewohnerin der Gärten" anreden. In der „Wüste" sind wir die Gegen stände der Wege Gottes, doch in den „Gärten" sind wir

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im Bereiche des göttlichen Wohlgefallens. Von Christo unterstützt, können wir aus all den Wüstenübungen heraufkommen und unseren Platz gemäß der göttlichen Berufung und dem Vorsatz unendlicher Liebe kennen­lernen, die uns in Christo vor Grundlegung der Welt auserwählt hat.

Die Übungen der Wüste sind uns allen zum Nutzen, seien es Prüfungen in den äußeren Umständen, in leib­lichem Elend, Trauer oder solche unter den Brüdern; wir haben sie alle in den Wegen Gottes mit uns durchzu­machen, und sie alle dienen zu unserer Unterweisung. Wenn wir mit Gott durch sie hindurchgehen, so werden wir einen Gewinn davontragen, der unseren Seelen eine bleibende Habe und Freude ist. Das Heraufkommen aus der Wüste enthebt uns daher nicht nur deren Prüfungen, sondern wir bringen den dort erlangten wahren Gewinn zu Gottes Herrlichkeit und Preise mit uns. Wenn ein Heiliger abscheidet, um bei Christo zu sein, so läßt er die Wüste für immer hinter sich, nimmt aber all den geist lichen Gewinn, den er als ein Gegenstand der Wege Gottes in der Wüste erlangt hat, mit sich.

Doch es ist möglich, schon im Geiste aus der Wüste, auf den Geliebten gelehnt, heraufzukommen, bevor wir beim Verlassen dieses Schauplatzes tatsächlich aus ihr herausgehen. Die Gegenwart des Herrn inmitten der Versammlung steht ganz außerhalb der Wüstenübungen. Wenn Er uns als Seine Genossen, Seine Brüder in die Gegenwart Seines Vaters und Seines Gottes bringt, der uns jetzt als unser Vater und unser Gott kundgeworden ist, so sind wir in dem Augenblick außerhalb der Wüste. Unser Geliebter unterstützt uns derart, daß wir uns mit Ihm in ein Gebiet hinaufbegeben können, das in ganz besonderer Weise Sein ist, nun aber auch durch Gnade das unsere. Wenn wir jedoch dorthin gelangen, so brin gen wir alles durch die Übungen der Wüste geistlich Erlangte mit uns. Welch eine Erkenntnis Gottes und Christi wir auch als Gegenstände der Wege Gottes in den Umständen der Wüste erlangt haben mögen, sie wird ewiglich in dem aufgehen, was wir als die Frucht Seiner Vorsätze der Liebe genießen.

In der Wüste essen wir des Herrn Abendmahl, doch
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wir tun dies, damit Er zu uns kommt und uns in Seiner Gesellschaft zu Gott, und zwar dem Vater führt. Er möchte, daß wir sogar hienieden unseren Platz der Ver einigung mit Ihm außerhalb alles dessen genießen, was der Wüste angehört; doch dahin können wir nur durch Seine priesterliche Unterstützung gelangen.

Es ist ganz auffallend, daß die Erklärung darüber, wie die Braut ins Dasein trat, erst dem letzten Kapitel
vorbehalten bleibt, dort heißt es: „Unter dem Apfelbaume habe ich dich geweckt (erweckt). Dort hat 
mit dir Wehen gehabt deine Mutter, dort hat Wehen gehabt, die dich geboren" (V. 5). Der Geliebte erinnert sie 
nun an ihren Ursprung, und es ist wichtig, das wohl zu be achten. In den Anfängen unserer geistlichen Geschichte gehen wir durch verschiedene Erfahrungen, haben jedoch kein klares Verständnis davon, wie völlig wir jeden geist­lichen Fortschritt in unseren Seelen der Gnade verdan ken. Ein junger Bekehrter mag denken, daß alles auf seiner Seite begann, doch nach einiger Zeit kommt er dahin, zu sehen, daß von allem Anfang an alles von Gott ausging. So steht es mit der neuen Geburt, die der Aus gangspunkt jeder geistlichen Übung ist; sie ist ein Vor gang unumschränkten Waltens, demzufolge wir von un seren Sünden überführt werden, Buße tun und uns zu Gott wenden.

Unser geistlicher Ursprung, wie ihn der vorliegende Vers darstellt, ist jedoch strenggenommen nicht die neue Geburt oder Bekehrung. Der Gedanke hier ist nicht ganz der, aus Gott geboren zu sein, obwohl das natürlich wahr ist, sondern der, daß uns eine Mutter hervorgebracht hat. Das ist es, was wir erfassen sollten. Paulus redet in Galater 4 von zwei Müttern, von einer Magd und einer Freien, und zeigt, daß diese zwei Mütter zwei Weltord nungen darstellen, deren eine durch Knechtschaft und de ren andere durch Freiheit gekennzeichnet ist. Die eine ist das mit dem Sinai verbundene Gesetz, die andere die geistliche Ordnung der Gnade und Freiheit, die aus „Je rusalem droben" genannt wird und, wie Paulus sagt, „unsere Mutter ist" (V. 26). Dem fügt er schließlich in Vers 31 hinzu: „Also, Brüder, sind wir nicht Kinder der Magd, sondern Kinder der Freien."
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Die Ordnung des Gesetzes konnte nie die Braut her vorbringen; sie konnte uns die Liebe Christi nicht im Dienste nahebringen, noch auch Zuneigungen gestalten, die Christo gegenüber in Freiheit stehen. Es bedurfte einer ganz und gar anderen Mutter, etwas Derartiges zuwege zu bringen, und diese ist „das Jerusalem droben". Das „jetzige Jerusalem", das „mit ihren Kindern in Knechtschaft" ist (V. 25), stellt die irdische Religion dar, zu der sich der Mensch im Fleische bekennen kann, die aber nur zur Knechtschaft führt, denn, wer sich zu ihr be kennt, kann nie ihren Forderungen entsprechen. Das „Jerusalem droben" dagegen ist eine neue und himm lische Hauptstadt; sie stellt alles das dar, was die Frucht der göttlichen Verheißung ist, alles, was lediglich von Gott in Seiner Gnade gekommen ist und alles, was „nach dem Geiste" ist, im Gegensatz zu dem, was „nach dem Fleische" ist (V. 29}. Es ist eine freie Stadt, und ihre Kin der sind als Freie geboren. „Für die Freiheit hat Christus uns frei gemacht; stehet nun fest und lasset euch nicht wiederum unter einem Joche der Knechtschaft halten" (Gal. 5, 1).

Wenn wir uns zu Gott wenden, finden wir, daß Er bereit ist, alles für uns zu tun: uns unsere Sünden zu vergeben, uns Christum als unsere Gerechtigkeit zu ge ben und auch Seinen Heiligen Geist, um uns zu versie geln, und damit Er in uns wohne. Es gibt eine geseg nete Ordnung der Gnade, die alles das umfaßt, wozu Sich Gott durch Verheißung verpflichtet hat, und was nun in einem auferstandenen und verherrlichten Christus Ge stalt gewonnen hat. Und der Geist ist nun den Glau benden gegeben, damit sie auf Ihn rechnen, und nicht auf das Fleisch. Die Ordnung, die alles das kennzeichnet, ist unsere Mutter; alles, was da unsere Gedanken, Wünsche und Zuneigungen gestaltet, ist aus Gott und aus der Gnade, und so sind wir unter dem Einfluß einer Ordnung hervorgebracht worden, die uns unendliches und ewiges Gutes verleiht. Die Erkenntnis dessen, was Gott in Gnade und Liebe gewährt, bildet in unseren Seelen die Grundlage der Zuneigungen, die die Braut kennzeichnen.

Unsere Mutter brachte uns „unter dem Apfelbaume" hervor, und der Geliebte erweckte uns dort. Der Apfel-

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bäum ist zweifellos ein Bild von Christo (siehe Kap. 2, 3). Von unserer Mutter hervorgebracht und durch Christum erweckt, befinden wir uns unter Seinem Schat ten, das heißt wir erfassen: was alle unsere Beziehungen zu Gott und die Gottes zu uns in Gnade anlangt, han delt es sich überhaupt nicht um das, was durch Adam, sondern durch Christum kam. Welch ein Erwachen für die Seele, wenn sie zum ersten Male inne wird, daß Gott eingegriffen hat und dem Menschen ein neues Haupt gab, das nicht die Quelle des Todes und der Ver dammnis, sondern ein Baum des Lebens ist! Alles in der Geschichte der Welt ist nicht mit dem Kommen Christi und dem zu vergleichen, was auf diese Weise durch Seinen Tod gesichert ward. Und alles Gekommene besteht in Ihm; es handelt sich jetzt nicht mehr um das, was sein sollte, sondern um das, was ist. Jeder Ge danke Gottes über unsere Segnung ist in Christo dar gestellt; doch wir erfassen ihn nur als „(durch Wehen) hervorgebracht" und göttlich erweckt. Als natürliche Menschen schätzen wir Christum nicht; andernfalls wäre das ein Beweis, daß wir nicht gefallen wären und so gar von Natur das zu schätzen vermöchten, was von Gott war. Eben als solche, die „(durch Wehen) hervorge bracht" und erweckt sind, erfassen wir die Holdselig keit Christi. „Das Gesetz wurde durch Moses gegeben; die Gnade und die Wahrheit ist durch Jesum Christum geworden (oder: besteht durch Jesum Christum)" (Joh. 1, 17). Sie kam nicht nur in Vollkommenheit, sondern sie besteht in Vollkommenheit, und wir haben nichts außerhalb von Christo: „Aus seiner Fülle haben wir alle empfangen, und zwar Gnade um Gnade" (V. 16). Wie glückselig ist das, und wie verherrlicht es Gott zu wissen, daß Er jede Segnung für uns von Seiner Seite aus als die freie und unumschränkte Tat Seiner Liebe einge führt hat, und Er hat das alles in Christo gesichert, und wir sind nun göttlich erweckt, das zu sehen und Ihn dafür zu preisen.

Wenn diese Freiheit gekannt wird, so ist das Herz frei, sich mit der Liebe Christi zu beschäftigen, und Vers 6 und 7 entfalten, wie diese Liebe geschätzt wird. Dem Herzen, das Christum liebt, ist es eine Notwendigkeit,

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eines dauernden Platzes in den Zuneigungen des Ge liebten gewiß zu sein. Nichts tut jeder christlichen Zu neigung mehr Abbruch als irgendwelche Ungewißheit über unseren Platz in der liebe Christi. Ein  Siegel auf Seinem Herzen und Arm ist ein dauerndes Unter pfand der Liebe und des Dienstes, und nichts Geringeres befriedigt die Braut; sie ist sich dessen bewußt, daß das sie dauernd sichernde Siegel auf Seinem Herzen und Arm sein muß. Wenn all die Beziehungen zwischen Ihm und Seinen Geliebten auf Seiner Seite begannen, wie das sicherlich der Fall ist, so müssen sie auch in der Treue Seiner Liebe fortbestehen und aufrechterhalten werden. „Ihr habt nicht mich auserwählt, sondern ich habe euch auserwählt" (Jon- 15» 16)» und nichts kann uns von der Liebe Christi scheiden (Rom. 8, 35).

Der Geist ist ein göttliches Siegel auf uns, das Zei chen, daß wir für Gott ewig versiegelt sind, hier je doch ist die Braut nicht zufrieden, ohne zu wissen, daß sie wie ein Siegel auf Herz und Arm ihres Geliebten gesetzt ist. Sie hat das Bewußtsein in ihrem Herzen, daß ihr Platz in Seinen Zuneigungen und Seinem Dienste ewig gesichert ist, wenn Er sie dorthin setzt. Sie rechnet auf die Treue Seiner Liebe, diesßs zu tun, da sie weiß, daß Seine Liebe schon der ganzen Macht des Todes ent gegengetreten ist. „Denn die Liebe ist stark wie der Tod" (V. 6). „Größere Liebe hat niemand,1 als diese, daß er sein Leben läßt für seine Freunde" (Joh. 15, 13). Und der Sohn Gottes hat dieses getan; Seine Liebe ist derart, daß sie alles, ja selbst den Tod auf sich nehmen würde. Er wird nie aufhören, uns zu heben und zu dienen; un­sere Namen sind auf Seinem Herzen und auf Seiner Schulter, wie auch die Namen der zwölf Stämme auf dem Brustschild und den Schultern des Hohenpriesters; jeder Name war „wie die Eingrabung eines Siegels" (2. Mose 28, 21). Wie klar kommt darin die Unaustilgbarkeit zum Ausdruck! Nichts kann die Heiligen je von ihrem dau ernden Platze entfernen, den sie als Gegenstände der Liebe und des Dienstes Christi haben. Wie sehr ver bindet das unsere Zuneigungen mit Ihm!

„Liebe ist stark wie der Tod", stellt nach meinem Da fürhalten dar, wie fest Er Seine Geliebten hält. Der Tod
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hält solche, die er umfaßt, derart fest, daß die Macht eines Geschöpfes nichts dagegen vermag; und so wird auch die Liebe Christi nicht von denen lassen, die der Vater Ihm gegeben hat (siehe Joh. 10, 27—29).

Die Eifersucht, wie wir sie in Christo kennenlernen, ist sehr wunderbar. Die Gewalt Seiner Liebe ist derart, daß der Gedanke, ein Nebenbuhler könnte Ihm unsere Herzen stehlen, Ihm unerträglich ist. Wie verhaßt ist Ihm jeder Einfluß, der die Zuneigungen derer verdirbt, die Ihm als eine keusche Jungfrau verlobt sind! (2. Kor.11,   1—3). In all Seinen Ermahnungen, Warnungen, Über führungen und Seiner Zucht kommt die Eifersucht Seiner Liebe zum Ausdruck; sie wird in zahllosen Handlungen offenbar, die zuweilen sehr herzerforschender Art sind. „Blitze von Feuer, Flammen Jahs", erinnern uns daran, daß das Kapitel im Neuen Testament, das viel von Gottes Zucht redet, mit dem feierlichen Ausspruch endet: „Denn auch unser Gott  ist   ein   verzehrendes Feuer"   (Hebr.12,   29). Doch hinter all den göttlichen Wegen, wie er forschend und hart sie auch sein mögen, steht die ver zehrende Macht einer unauslöschlichen Liebe. Diese Liebe ist gegen alle die Einflüsse, die uns abzulenken suchen, sie wirkt immer dahin, sie zu verzehren und zu vernichten; dadurch aber befreit sie uns von deren Macht, so daß wir die Liebe Christi genießen und ihr entspre­chen können.

„Große Wasser vermögen nicht die Liebe auszulöschen, und Ströme überfluten sie nicht" (V. 7). Die göttliche Liebe ist den widrigsten Einflüssen überlegen; nichts, was die Menschen oder Satan tun können, vermag sie zu überwinden. Denken wir an die Geschichte der Kirche — ja die Geschichte wahrer Gläubiger! Sogar in den geliebten Jüngern des Herrn waren, als Er hienieden war, Unglaube, Selbstsucht und Selbstvertrauen; doch Seine Liebe hörte nicht auf zu brennen, sie konnte nicht aus gelöscht werden. In einem jeden von uns war vieles, was jede andere Liebe als die Seine ausgelöscht hätte. Seine Liebe jedoch ist unauslöschbar und ewig, und Er liebt uns in diesem Augenblick ebensosehr, wie da Er Sich Selbst für uns auf dem Kreuze gab — gepriesen sei Sein Name!

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Es tut uns not, viel an die ungemein persönliche Art der Liebe des Sohnes Gottes zu denken. Die Hingabe von Vermögen könnte Liebe weder ausdrücken noch hervor bringen: „Wenn ein Mann allen Reichtum seines Hauses um die Liebe geben wollte, man würde ihn nur ver achten." Um die Zuneigungen eines anderen wirklich zu gewinnen, muß eine gewisse Hingabe seiner selbst, das heißt, die Offenbarung des eigenen Herzens stattfinden; und das hat der Sohn Gottes in der völligsten Weise und im höchsten Grade getan. Paulus sagte von Ihm: „Der mich geliebt und sich selbst für mich hingegeben hat" {Gal. 2, 20), und Johannes: „Hieran haben wir die Liebe erkannt, daß e r für uns sein Leben dargelegt hat" (1. Joh. 3, 16). Wir waren persönlich in Seinem Herzen, als Er auf dem Kreuze war. Allgemein betrachtet, starb Er für alle und gab Sich Selbst zum Lösegeld für alle (2. Kor. 5, 15; 1. Tim. 2, 5). Denken wir jedoch an die Auserwählten, die Ihm vom Vater Gegebenen, so hatte Seine Hingabe etwas ganz Persönliches an sich; sie war für jeden einzelnen, jeder Gläubige kann sagen: „Der mich geliebt... hat." Er hat weit mehr als den „Reichtum seines Hauses" gegeben — Er hat Sich Selbst gegeben. Etwas Geringeres als dieses wäre unangemessen ge wesen, Seine Liebe zum Ausdruck zu bringen, oder Liebe zu Ihm zu erwecken. Wenn wir uns vergegenwärtigen, daß der Sohn Gottes uns derart persönlich liebt, so müssen wir Ihn lieben. Die Hingabe Seiner Selbst kann von keinem Herzen, das sie wirklich kennt, verachtet werden. Wenn wir uns mehr in die Betrachtung Seiner persönlichen Liebe zu uns versenkten, und in die Selbst aufopferung, zu der sie Ihn bewog, so würde das eine wunderbare Wirkung auf uns haben. Er möchte, daß wir ihrer gedenken und sie als eine kostbare persönliche Wirklichkeit liebend hegen; es würde dies der Braut an­gemessene Zuneigungen in uns gestalten.

Vers 8 erwähnt „eine Schwester, eine kleine"; das ist zweifellos ein Hinweis auf Israel, das noch klein von Wuchs und unentwickelt in seinen Zuneigungen zum Messias ist. Doch wir brauchen nicht so weit zu gehen, Gläubige zu finden, deren Zustand mehr der „kleinen Schwester" entspricht als dem der Braut. Im vorigen

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Kapitel wurde der Wuchs der Braut mit einer Palme verglichen (V. 7), in Vers 10 dieses Kapitels nun sagt die Braut: „Meine Brüste sind wie Türme." Sie wird als zum vollen Wüchse gelangt betrachtet und hat daher völlig entwickelte Zuneigungen. Die „kleine Schwester" jedoch — obwohl sie als Gegenstand des göttlichen Wir kens anerkannt wird, und somit als der Braut sittlich verwandt — ist klein von Gestalt und unentwickelt in ihren Zuneigungen. Es ist zu befürchten, daß es heute vielen derart ergeht, und so entsteht die Frage: „Was sollen wir für unsere Schwester tun . . .?" Das ist eine sehr wichtige und dringende Frage. Wie kann dieser Zu stand geheilt werden?

Hier werden wir gelehrt, daß die Entwicklung geist licher Zuneigungen nur dadurch zustande kommen kann, daß die Seele das empfängt, was geistlichen Wert hat. Es hat keinen Zweck, solchen zu sagen, daß sie Brüste haben sollten, wenn sie keine haben; sie müssen etwas bekommen. Das wird durch das „Türmchen von Silber" und die „Zedernbretter" angedeutet (V. 9), Paulus arbei tete, um den Heiligen das zu geben, was göttlichen Wert hatte (Rom. 1, 11; 1. Kor. 2, 13; Kol. 1, 24; Eph. 2, 8; 3, 1-12; 1. Thess. 3, 10; 2. Tim. 2, 10; Hebr. 6, 1).

„Wenn sie eine Mauer ist", besagt, daß solche, die die „kleine Schwester" darstellt, zumindest Züge der Ab sonderung von der Welt kennzeichnen sowie eine Stel lungnahme gegen das sie umgebende Böse. Solche Züge kennzeichnen alle, die Gegenstände des Werkes Gottes sind; trotzdem jedoch können sie keine „Brüste" haben, das heißt, die geistlichen Zuneigungen mögen noch keine Gestalt gewonnen haben. „Eine Mauer" zu sein, ist gut, das tut immer not; das kennzeichnet in ganz besonderer Weise die heilige Stadt in Offenbarung 21. Wenn auch die Stadt „eine große und hohe Mauer" hatte (V. 12), so trug sie doch auch noch andere Wesenszüge; so ist sie „die Braut, das Weib des Lammes"(V. 9), was besagt, daß dieser Beziehung entsprechende Zuneigungen in ihr Gestalt gewonnen haben. An diesen fehlt es nun in dem vorliegenden Verse, und der Geist deutet an, wie dieser Mangel behoben werden kann.

„So  wollen wir auf ihr  ein  Türmchen  von  Silber

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bauen." „Wenn sie eine Mauer ist", besagt, daß die Furcht Gottes eine Stätte in der Seele gefunden hat, was zur Absonderung vom Bösen führt. Doch das genügt nicht — es ist nötig, daß die Erkenntnis des sehr kost baren Wesenszuges hinzukommt, der den in der Gnade der Erlösung auferbauten Heiligen eigen ist. Wenn sich noch keine geistlichen Zuneigungen entwickelt haben, so müssen die Seelen ein Bewußtsein davon bekommen, wie erst das Werk Christi es zustande gebracht hat, daß Gott nun Wohlgefallen an ihnen haben kann. „Ein Türmchen von Silber" ist keine Grundlage wie die Silber sockel unter den Brettern der Stiftshütte, sondern es macht einen erhabenen und auffallenden Zug aus; er redet von der Bereicherung der „kleinen Schwester" durch das kostbare Bewußtsein, daß auf ihr als einer Erlösten all die göttliche Gunst ruht. Die Erlösung war ein sehr kostbarer Gedanke in der Geschichte Israels (2. Mose 15, 13). Das „Lösungsrecht" ward bildlich in 3. Mose 25, 25—34 dargetan und findet in der Geschichte des Buches Ruth eine schöne Erläuterung. Am Tage der Zukunft sodann wird Israel, nachdem es alles verwirkt hatte, als durch Jehova erlöst, zur Fülle der Segnung gebracht werden. Ich denke, das Buch Jesaja enthält mehr Hinweise auf die Erlösung als irgendein anderes Buch der Bibel. Gott wird Israel, als einem erlösten Volke, auf der Erde Ansehen verleihen, und Gott wird sie lehren, daß sie das alles dem Werke ihres verworfenen Messias verdanken, der für sie in den Tod ging. Das macht Ihn in ihren Augen sehr kostbar und wird die Liebe zu Ihm in ihnen entfachen. Die von Israel (als der kleinen Schwe ster) im Glauben erfaßte Weissagung des Jesaja wird an dem Tage, wo deren Herz sich zum Herrn wendet, „ein Türmchen von Silber" auf ihr bauen. Das wird der Tag sein, wo der sie ewig Liebende „um sie werben wird" (V. 8), den sie so lange verachtet hat.

Inzwischen jedoch verleiht der Geist Gottes denen, die Gott unter den Nationen fürchten, das gesegnete Bewußt sein, daß sie durch den Glauben an Christum in all dem Wert der Erlösung stehen. Alles ist auf Kosten des glückseligen Gottes und Seines geliebten Sohnes erwirkt, „in welchem wir die Erlösung haben durch sein Blut, die

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Vergebung der Vergehungen, nach dem Reichtum seiner  Gnade" (Eph. 1, 7). Als erlöst sind wir frei gemacht von allen eitlen religiösen Verrichtungen und Oberliefe rungen {1. Petr. 1, 18. 19). Christus hat uns von dem Fluche des Gesetzes losgekauft; der Segen Abrahams ist in Christo Jesu zu uns gekommen, und wir haben die Verheißung des Geistes durch Glauben empfangen (Gal. 3, 13. 14). Wir sind erlöst, auf daß wir die Sohnschaft empfingen, und haben den Geist des Sohnes Gottes in unseren Herzen, „der da ruft: Abba Vater!" (Gal. 4, 4—6). Alles das entspridit nach meinem Dafürhalten dem „Türmchen von Silber", und das könnte unmöglich auf uns gebaut sein, ohne daß neue und heilige Zuneigungen offenbar würden. Gott und Christo zu entsprechen, hängt vom Erfassen dessen ab, wie Sich göttliche Personen uns gegenüber verhalten, und vom Erfassen des Bodens, auf dem wir, die Erlösung in Christo habend, Ihnen gegenüber stehen. Nichts könnte in Wahrheit das Herz mehr bewegen.

„Und wenn sie eine Tür ist, so wollen wir sie mit Zedernbrettern umschließen (einfassen, umkleiden)." Israel hätte eine Tür sein sollen, und soll noch eine solche sein, wodurch Menschen zur Erkenntnis Gottes gelangen können. Wir wissen, wie jämmerlich sie darin versagten. Dann kam Christus und wurde die wahre Tür (Joh. 10), und durch Ihn ward der Zugang zu Gott und zur göttlichen Segnung im vollsten Sinne ermöglicht. Gott hat jedoch den Gedanken nicht aufgegeben, daß Sein Volk auch „eine Tür" sein sollte, durch die Men schen zur Erkenntnis Seiner Selbst gelangen sollten. Sie haben den Platz, den Gott darzustellen, den keiner gesehen hat, der aber in Seinen Kindern als solchen bleibt, die einander heben (1. Joh. 4, 12).

Um jedoch in Wahrheit „eine Tür" in diesem Sinne zu sein, müssen Wesenszüge geistlicher Zierde offenbar werden. Es ist Gestaltung in der göttlichen Natur er forderlich, und Gottes Volk muß dadurch, daß es zu einer völligeren und gesegneteren Erkenntnis Gottes gelangt ist, in Übereinstimmung mit Ihm gekommen sein und dessen Schönheit tragen. In 1. Korinther 15, 34 mußte Paulus sagen: „Etliche sind in Unwissenheit über Gott;
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zur Beschämung sage ich's euch." In Kapitel 1 hatte er auf ihren Platz in Christo Jesu verwiesen, und in Ka pitel 2 auf den Heiligen Geist, der uns befähigt, die Dinge zu erkennen, die uns von Gott geschenkt sind. Darin und in dem Brief im allgemeinen hatte er auf ihnen „ein Türmchen von Silber" gebaut; doch ihren Mangel an der Erkenntnis Gottes erkennend, schreibt er einen zweiten Brief, der sie gleichsam mit „Zedern brettern " umhegt. Die Herrlichkeit des Herrn als Mittler des neuen Bundes wird da als eine umgestaltende Kraft gesehen, und der Gedanke der neuen Schöpfung, ver bunden mit dem In-Christo-Sein, führt in einen Kreis ein, wo alles von Gott ist. Die Heiligen sollten nicht nur die Glückseligkeit ihres Platzes infolge der Erlösung in Christo Jesu kennen (Eph. 1, 7), sondern sie sollten Schönheit erlangen, damit die Erkenntnis Gottes völliger in ihnen zum Ausdruck komme.

Mose betete: „Die Schönheit unseres Gottes sei auf uns" (Ps. 90,17), und die Propheten enthalten viele Aus sprüche darüber, welch eine Schönheit Gott Seinem Volk verleihen wird. „Zedernbretter" reden von dem, was eine Zierde und anziehend ist. Durch die Erkenntnis der Erlösung legt Gott eine Grundlage der Gerechtigkeit in den Seelen Seines Volkes. Seine Gerechtigkeit lernen sie durch die Erlösung kennen, und Hand in Hand damit haben wir eine sittliche Gestaltung in ihren Seelen, so daß sie sich dessen schämen, woran sie einst Freude fan den. Unter der Gnade macht das Werk immer Fort schritte, und so wären wir heute wohl alle sehr unglück lich darüber, das zu tun, was wir noch vor wenigen Jah ren mit einem guten Gewissen tun konnten. Das Aus ziehen des alten Menschen und das Anziehen des neuen, „der nach Gott geschaffen ist in wahrhaftiger Gerechtig keit und Heiligkeit" (Eph. 4, 24), ist die Grundlage davon, wie der Stein in Salomos Tempel. Doch der Stein wurde sodann mit Zedernholz bedeckt, was eine Hinzufügung von Wesenszügen andeutet, die geistlich schön sind. Die Heiligen erlangen Schönheit, wenn Wesenszüge in ihnen offenbar werden, wie wir sie in Römer 12 sowie 1. Korin ther 13 und Kolosser 3,12—15 finden; da haben wir, was den „Zedernbrettern" gleichkommt.
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In Vers 12 sodann hat die Braut auch einen Weinberg, der vor ihr ist, also den Gegenstand ihrer Pflege aus macht. Von sich aus, aus dem freien Drang ihres Her zens übergibt sie da dem Salomo tausend Silbersekel von  ihrem Weinberg. Ihre Liebe ist Seinen Ansprü chen gewachsen; wenn Er tausend von Seinem Wein berg fordert, so soll Er keinen weniger von dem ihrigen haben. Wir sehen hier, daß die Liebe der Verantwort lichkeit entspricht — ein wahrhaft glücklicher Zustand! Wenn unsere Herzen alles das zu erfassen wissen, was sich an unsere Zuneigungen in diesem wunderbaren Teil der Schrift wendet, so werden wir Zeugen der Tatsache, wie ungemein anpassungsfähig die Liebe ist. Liebe allein gibt am Platz der Verantwortlichkeit alles, was sich ge bührt, doch sie gibt es nicht bloß, weil es sich gebührt, sondern weil es der Liebe Freude macht, es zu geben. Das scheint in den Worten der Braut zu liegen: „Die tausend sind dein, Salomo." Die liebe weiht Ihm ein volles Entgelt, so daß Er es nicht nur als Ihm zukom mend hinnehmen kann, sondern als etwas Ihm mit Freu den und freiwillig Zugestandenes von selten der Liebe Seiner Braut. Wir sehen hier, wie alles in Verbindung mit der Verantwortlichkeit Ihm in der Liebe der Braut zuteil wird. So kann der Dienst im Kreis der Verantwortlich keit, durchdrungen von bräutlicher Zuneigung, durchge führt werden — möchten wir mehr verstehen, ihn in diesem Sinne auszuüben!

Dann erkennt auch die Braut den Grundsatz an, wo nach im Reiche Arbeit ihren Lohn empfängt, indem sie sagt: „Und zweihundert seien den Hütern seiner Frucht" (V. 12). Nichts stellt die Schrift klarer vor, als daß jede Arbeit ihren sicheren und vollen Lohn empfängt; keiner tat je etwas aus Treue gegen den Herrn, der nicht völlig dafür entschädigt wurde. Geistlich bekommen wir den Lohn jetzt — öffentlich am Richterstuhl Christi. Doch sogar die Vergeltung wird uns nach dem Grundsatz der Gnade zuteil. Ich glaube, ein jeder, der Lohn empfängt, hat das Bewußtsein, daß er weit mehr erhält, als er ver dient hat. Die Braut hat das, wie mir scheint, darin er faßt, daß sie erklärt, die Hüter sollten „zweihundert" Silbersekel empfangen. In Vers 11 bekamen die Hüter
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außer der Frucht nichts; dort handelt es sich um die ihnen zuerteilte Verantwortlichkeit und die vorgeschrie bene Entschädigung. In Vers 12 aber ist es das, was die Braut aus liebe spendet; und da sie selbst großmütig geworden ist, kann sie sogar, was die Entschädigung anlangt, der Größe der Gedanken Gottes entsprechen. 1. Korinther 4, 5 sagt: „Und dann wird einem jeden sein Lob werden von Gott." Es wird über das hinaus gehen, was uns zukommt, und Gott findet Wohlgefallen daran, also zu handeln.

Die Schlußverse wenden sich dann den persönlichen Beziehungen der Braut und des Geliebten wieder zu. Sie wohnt nun in „Gärten", und nicht länger mehr in , der Wüste, sie befindet sich also an einem Platz des Vorrechts und der Freude. Die Genossen lauschen auf ihre Stimme, und auch Er möchte sie hören. Dieses Sein letztes Wort an den Gegenstand Seiner Liebe ist von Bedeutung. Wir mögen einen lieblichen Wohnsitz haben und viel sagen, was die Brüder hören, doch wieviel sagen wir, was sich unmittelbar und persönlich an Ihn wendet, so daß Er es als etwas Ihm allein Geltendes auffassen kann? Dieses Schlußwort soll Seine Braut daran erin nern, daß ihr Hauptanliegen sein sollte, im trauten Ton persönlicher Liebe zu Ihm zu reden. Ich bin überzeugt, daß uns dieses Wort not tut; am persönlichen Verkehr mit Ihm mangelt es vielleicht mehr als an allem anderen, und doch verlangt Er mehr danach als nach etwas an derem.

Er begehrt einen Ausdruck der Liebe von uns, der Ihm allein gilt, und dieser wird Ihm in dem letzten Vers, wo sie sagt: „Eile !" Er ist noch abwesend, doch sie verlangt nach Seiner Gegenwart. Das ist das Gegen stück im Alten Testament zu: „Und der Geist und die Braut sagen: Komm!" (Offb. 22, 17). Sie möchte, daß Er eilends komme und den so lange herrschenden Wü stenzuständen ein Ende mache. Sie weiß, Sein Kommen wird diesen sündbefleckten Schauplatz der Dornen und Disteln derart umwandeln, daß alles unter Seinen Füßen Wohlgeruch verbreitet. Die Erde wird zum Wohlgefallen ihres Schöpfers sein, und reiche Düfte wehen von „den Bergen der Wohlgerüche" (auch „Gewürze"; siehe Kap.
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4,10.14.16). Das Tausendjahrreich ist es, was die Braut, das Weib des Lammes, ersehnt — Er Selbst macht dessen Herrlichkeit und Krone aus, wie Er schon die ihre ist. Dieses Buch hinterlässt in unseren Herzen abschließend den Eindruck, daß der Herr kommt. Gottes Absicht darin ist, daß unsere Herzen bereit sein sollten, Ihm: „Eile!" zuzurufen. Er hat gesagt: „Ja, ich komme eilends", möch ten wir wahrhaft darauf antworten können: „Amen; komm, Herr Jesu!" {Offb. 22, 20).