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Das Buch des Propheten Jona

Das Buch des Propheten Jona
Ich möchte hier die Betrachtung vom Buch Jona durch Henri Rossier vorstellen.
Die Betrachtung ist in 7 Kapitel eingeteilt:

  1. Der Zeuge
  2. Der Prophet
  3. Die Nationen
  4. Das Volk Israel
  5. Die Übriggebliebenen
  6. Christus
  7. Gott

Merkmal des Buches Jona ist, dass Jona selbst die eigentliche Prophetie ist. Einige Abrisse:

  • Der Zeuge, der sich von Gott en
...

Was lehrt die Bibel?

Rechtfertigung

Was lehrt die Bibel? 6

Dr. W.J. Ouweneel

Rechtfertigung

Vorwort

Dieses Heft aus der Reihe „Was lehrt die Bibel?“ behandelt ein sehr grundlegendes Thema, ja ein Thema, das mehr als irgendein anderes als charakteristisch für die Reformation betrachtet wird. War es nicht Martin Luther, der durch die Gnade Gottes die Wahrheit des sola fide: „(Rechtfertigung) allein durch Glauben“ wieder auf den Leuchter gestellt hat? Dafür können wir Gott noch stets danken. Und dennoch – den Aspekt „Glaube“ und nicht „Werke“ sah Luther tatsächlich sehr deutlich, doch inwieweit hat er wirklich verstanden, was eigentlich die „Rechtfertigung“ selbst beinhaltet? Um das zu verstehen, muss man wissen, was die „Gerechtigkeit Gottes“ bedeutet; und dann kann man es nicht fassen, wenn man liest, dass Luther diesen Ausdruck in Römer 1, 17 und 3, 21 wie folgt übersetzt: „… die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt“. Das ist nicht nur eine unzulässige Freiheit in der Übersetzung, sondern tastet zudem die ganze Wahrheit der Rechtfertigung an, wie ich in diesem Heft deutlich machen möchte.

Es geht jedoch nicht um einen geologisch interessanten Punkt, sondern um die Praxis des christlichen Lebens, wie der grosse Schriftausleger des vorigen Jahrhunderts, William Kelly, beispielsweise schrieb („Revelation Expounded“, S. 60 und 61): „Wenn auf der einen Seite die römischen Katholiken elend irregeleitet sind, verstehen andererseits die Protestanten die Gerechtigkeit Gottes bis auf diesen Tag nicht. Sie haben die Wahrheit bis zu einem gewissen Grad, doch nicht so, dass die Seelen von der Sklaverei befreit oder dass sie mit Bestimmtheit zur Freiheit, zum Frieden und unter die Kraft des Geistes gebracht werden. Hatte Luther gefestigten Frieden in seiner Seele, als Zustand, in dem er wandelte? Viele von uns haben gehört, welche Konflikte er hatte, nicht nur zu Beginn seines Weges, sondern bis zum Ende. Wir denken dabei nicht an Konflikte mit der Kirche oder ihren Führern, sondern im Blick auf seine eigene Seele. Es ist nicht nötig, hier Passagen aus seinen Schriften zu zitieren, die beweisen, wie schwer er geprüft wurde durch innere Konflikte des Unglaubens. Seine Schriften zeigen ganz deutlich, wie weit er von einem ruhigen Genuss der heiligen Befreiung des Evangeliums entfernt war; doch es ist ein Irrtum, sie irgendeiner anderen Ursache zuzuschreiben als einem Mangel an klarer Erkenntnis der Gnade. In solch einem Zustand können allerlei Dinge einen Menschen beunruhigen, wie fähig oder geehrt er auch sein mag, wenn er nicht frei von Zweifeln in dem Herrn ruhen kann.“

Dieses Zitat zeigt deutlich die Wichtigkeit unseres Themas, und deshalb bete ich, dass dieses Heft für viele zum Segen sein möge und dass der Herr mir den Mut gebe, in einem folgenden Heft auf das noch schwierigere Thema der „Befreiung“ einzugehen. Inzwischen freue ich mich über den Segen, den Er bis hierher zu dieser Reihe gegeben hat, was unter anderem auch aus der Tatsache zu ersehen ist, dass augenblicklich die Reihe „Was lehrt die Bibel?“ grösstenteils ins Deutsche und Englische übersetzt wird.

De Bilt, Frühjahr 1976

Emmalaan 1

Einleitung

Wenn wir die Frage: „Was ist Rechtfertigung?“ behandeln wollen, müssen wir zuvor auf eine andere wichtige Frage eingehen, und zwar: „Was ist die Gerechtigkeit Gottes?“

Das Buch der Bibel, das sehr ausführlich das Problem der Rechtfertigung behandelt, ist, wie jeder Christ weiss, der Brief des Paulus an die Römer. Dieser Brief gibt die befreiende Antwort auf die schmerzliche Frage Hiobs: „Wie könnte ein Mensch gerecht sein vor Gott?“ (Hiob 9, 2) und die vorwurfsvolle, gleichlautende Frage Bildads (Hiob 25, 4). Der Brief zeigt uns, in welcher Weise der Mensch eine Gerechtigkeit besitzen kann, die vor Gott gilt – und zudem zeigt er uns den Ursprung dieser Gerechtigkeit: es ist nicht eine Gerechtigkeit, die „aus (dem) Gesetz“ ist (ohne Artikel!), d.h. eine Gerechtigkeit aufgrund irgendeines Grundsatzes eines „Gesetzes“; es ist auch nicht eine Gerechtigkeit des Menschen, d.h. eine Gerechtigkeit, die der Mensch durch eigene Leistungen aufgebaut hat; sondern es ist eine Gerechtigkeit, die „aus Gott“ ist, d.h. die in Ihm Selbst ihren Ursprung und ihre Grundlage findet, nämlich in Seiner Gerechtigkeit (siehe zusammenfassend Phil 3, 9).

Deshalb muss der Frage nach der Bedeutung der Rechtfertigung des Menschen durch Gott diese andere Frage vorangehen: „Was ist die Gerechtigkeit Gottes?“ So beginnt auch die Belehrung des Römerbriefes; er sagt uns, was der Kern des Evangeliums ist: „Denn Gottes Gerechtigkeit wird darin geoffenbart aus Glauben zu Glauben“ (Röm 1, 17). Weiter zeigt Paulus uns in Römer 3, was Gottes Gerechtigkeit für den Sünder zustande gebracht hat. In der Tat wird Gottes Gerechtigkeit bereits offenbar, wenn Gott den Sünder richtet, denn Er handelt darin gerecht im Blick auf das Böse -, so dass das Gericht tatsächlich ein Beweis Seiner Gerechtigkeit ist (V. 4 f.). Aber das Wunderschöne im Evangelium ist, dass Gottes Gerechtigkeit darin in einer völlig neuen, ja, scheinbar entgegengesetzten Weise offenbar wird, nämlich dadurch, dass Er den Sünder nicht richtet, sondern erlöst (V. 24). Diese Erlösung steht nicht im Widerspruch zu Gottes Gerechtigkeit, sondern findet gerade in dieser Gerechtigkeit ihre Grundlage: Gott ist vollkommen gerecht (nicht nur gnädig und barmherzig, sondern gerecht), wenn Er den Sünder rechtfertigt, der des Glaubens an Jesum ist (V. 26).

Wie ist es möglich, dass ein gerechter Gott einen ungerechten Sünder für gerecht erklärt? Wie kann solch eine Handlung gerecht sein? Das ist gerade das Geheimnis der Gerechtigkeit Gottes und der Rechtfertigung. Es zeigt, dass ein gerechter Gott eine ganz besondere Grundlage und Veranlassung haben muss, damit Er dies tun kann. Die gerechte Grundlage hat Er in Christus gefunden, und zwar in der Kraft des Blutes Christi (V. 25; 5, 9) und in der Auferweckung Christi (4, 25; 5, 1).

Dieser doppelte Gesichtspunkt hat für den Sünder eine doppelte Bedeutung:

a) Christus gab Sein Blut nicht für Sich Selbst, sondern zur Tilgung der Sünden aller, die an Ihn glauben würde. Es sind die Sünden, die den Menschen in erster Linie vor Gott ungerecht sein lassen; für jeden, der jedoch an die sühnende Kraft des Blutes Christi glaubt, ist diese Sündenschuld durch das kostbare Blut getilgt.

Es gibt aber ein fundamentaleres Problem bei dem Sünder:

b) Seine Sünden sind lediglich die Symptome einer tieferliegenden Macht in ihm. Die „Sünde“ als böse Macht in ihm ist die verderbte Quelle, aus der die „Sünden“, seine bösen Taten, hervorkommen. Seine Sünden können vergeben werden, doch das ist nicht ausreichend. Das Problem der Sünde, der bösen Natur in ihm, muss gelöst werden. Doch diese böse Natur kann nicht vergeben werden; die Wirksamkeit dieser Natur kann nur durch den Tod beendet werden, durch das gerechte Todesurteil Gottes. Der Mensch kann dieses Gericht nicht über sich ergehen lassen, ohne für ewig verloren zu sein. Doch siehe da, Christus hat für einen jeden, der an Ihn glaubt, das Todesurteil empfangen und den Tod erlitten. Der natürliche Mensch, der zum Glauben kommt, findet sein Ende in dem Tod Christi, denn Gott hat in diesem Tod das Gericht über die Sünde (die böse Macht, die den natürlichen Menschen zum Sünder macht) vollzogen. Und nicht nur das, Christus wurde aus den Toten auferweckt durch die Herrlichkeit des Vaters, so dass auch wir nun in Neuheit des Lebens wandeln können (6, 4). Seine Auferweckung ist der Beweis, dass Er nichts mehr mit dem Sündenproblem zu tun hat, d.h. dass es vollkommen gelöst ist (6, 7). Und das bedeutet, dass jeder, der mit Christus gestorben ist, ebenso wenig noch etwas mit dem Sündenproblem zu tun hat. Die Sünde lebt zwar noch in ihm, aber er selbst (d.h. der alte Mensch) ist der Sünde gestorben, die Sünde herrscht nicht mehr über ihn (d.h. über den neuen Menschen) (siehe 6, 7-14).

Hierin liegt nun das Geheimnis der Rechtfertigung: Gott erklärt nicht einen ungerechten Sünder ohne weiteres für gerecht. (*Obwohl Römer 4, 5 es vortrefflich kontrastreich ausdrückt: „… den…, der den Gottlosen rechtfertigt“; doch dies geschieht nicht „ohne weiteres“. Wenn ein „Angeklagter“ freigesprochen wird, ist bereits soviel geschehen, dass er in diesem Augenblick tatsächlich bereits kein „Angeklagter“ mehr ist.) Das wäre tatsächlich, mit Ehrfurcht gesagt, ungerecht; doch Er erklärt den Sünder für gerecht, der durch den Glauben mit einem gestorbenen und auferweckten Christus einsgemacht ist. Der alte Mensch war durch und durch ungerecht – doch dieser alte Mensch besteht nicht mehr, denn er hat in dem Tod Christi sein Ende gefunden. Dafür ist ein neuer Mensch an diese Stelle getreten, ein neuer Mensch, der mit Christus in Dessen Auferweckung verbunden ist, wenn auch der Römerbrief nicht ausdrücklich sagt, dass wir mit Christus auferweckt sind. Das Leben und die Natur dieses neuen Menschen ist der auferweckte Christus, und er ist nach Gott geschaffen in wahrhaftiger Gerechtigkeit (Eph 4, 24). Ist es dann ein Wunder, dass Gott über diesen neuen Menschen der Wahrheit gemäss zeugen kann, dass er gerecht ist? Das ist das Geheimnis der Rechtfertigung: es umfasst nicht nur die Vergebung und Tilgung der Sünden; sondern auch seitens Gottes die Anerkennung des Zustandes, in dem der Mensch sich befindet, der mit Christus gestorben ist und vor Gott lebend ist in Christus Jesus (6, 8-11).

Hierin liegt auch die Erklärung der Weise, in der die Gerechtigkeit Gottes sich im Evangelium geoffenbart hat:

- Ist Gott nicht gerecht, wenn Er einem jeden die Sünden vergibt, der an Christus glaubt? Denn hat Christus nicht Sein Blut gerade zur Tilgung der Sünden jedes einzelnen gegeben, der an Ihn glauben würde?

- Ist Gott nicht gerecht, wenn Er einen jeden für gerecht erklärt, der an Ihn glaubt? Denn hat Er nicht Selbst gerade für solche den Herrn Jesus aus den Toten auferweckt, damit sie mit Ihm verbunden seien, nicht nur in Seinem Tod, sondern auch in Seiner Auferweckung? Hat Er nicht gerade den Herrn Jesus auferweckt als Beweis dafür, dass das Werk vollkommen vollbracht und die Sünde gerichtet ist? Ist Gott dann nicht gerecht, wenn Er die für gerecht erklärt, die mit Christus in dieser neuen Stellung vereinigt sind, was auch immer ihr früherer Zustand gewesen sein mag?

Hiermit haben wir eigentlich m.E. schon die Hauptgesichtspunkte der Rechtfertigung berührt. Doch es ist von grösster Bedeutung, diese Gesichtspunkte nun sorgfältig in ihren Einzelheiten anhand des Römerbriefes und anderer Teile des Wortes Gottes zu untersuchen. Dabei werden folgende Fragen behandelt: Was ist die Gerechtigkeit Gottes? Auf welcher Grundlage erzeigt Gott uns Seine Gerechtigkeit und werden wir gerechtfertigt? In welcher Weise werden wir gerechtfertigt? Zum Schluss werden wir dann noch einige abweichende, unbiblische Auffassungen über die Rechtfertigung, wie sie in der Christenheit in Umlauf sind, unter die Lupe nehmen.

Die Gerechtigkeit Gottes

Im Neuen Testament hören wir zum erstenmal von der Gerechtigkeit Gottes aus dem Mund des Herrn Jesus: „Trachtet aber zuerst nach dem Reiche Gottes und nach seiner (= Gottes) Gerechtigkeit, und dies alles wird euch hinzugefügt werden“ (Mt 6, 33). Hier wird noch nicht auf die Art der wahren Gerechtigkeit Gottes eingegangen; das kann erst vollständig geschehen, nachdem Christus gestorben, auferweckt und verherrlicht ist. Dann kann in dem „Evangelium Gottes“ (Röm 1, 1) und in dem „Evangelium seines Sohnes“ (V. 9) Gottes Gerechtigkeit geoffenbart werden (V. 17). Sie wird hier zu Beginn des Briefes noch in ihrem allgemeinen Charakter dargestellt; dort steht nicht einmal „die“ Gerechtigkeit, sondern „Gerechtigkeit“ ohne Artikel. Der Kernpunkt ist, dass es Gottes Gerechtigkeit ist. Es ist eine Gerechtigkeit, die ihre Art und ihren Charakter von Gott erhält und ihre Quelle in Gott findet. Es geht hier jedoch nicht um eine „Gerechtigkeit von Gott her“ (apo tu thëu); es steht nicht einmal ein Artikel vor Gott, was im Griechischen gewöhnlich doch der Fall ist. Das bedeutet, dass die Zufügung „Gottes“ charakterisiert, welch eine Art Gerechtigkeit es ist, nämlich eine Gerechtigkeit, die zuerst in Gott selbst gefunden wird und danach bei uns, die „nach ihm“ geschaffen sind (Eph 4, 24). Es ist eine Gerechtigkeit, die durch das charakterisiert wird, was in Gott ist, und sie kommt zu allen und auf alle, die da glauben (1, 17; 3, 22).

Die Parallele in Vers 18 wirft hierauf deutliches Licht: Wie die Gerechtigkeit Gottes im Evangelium geoffenbart wird und „zu Glauben“ (= zu denen, die glauben) kommt, so wird der Zorn Gottes vom Himmel her geoffenbart über alle Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit der Menschen, welche die Wahrheit in Ungerechtigkeit besitzen. Sowohl Gerechtigkeit als Zorn sind Äusserungen Gottes, die offenbar werden und über bestimmte Menschen komen: die erste über Gläubige, die zweite über Gottlose. Hieraus ist deutlich zu ersehen, dass die „Gerechtigkeit Gottes“ nicht eine Gerechtigkeit bedeutet, die vor Gott gilt. Das würde nämlich noch immer eine Gerechtigkeit des Menschen und eine Gerechtigkeit aufgrund eines Gesetzes sein, aber es geht im ganzen Römerbrief darum, dass die Gerechtigkeit Gottes das nicht ist. Obwohl das Gesetz und die Propheten von dieser Gerechtigkeit Gottes gezeugt haben, ist es wesentlich, dass es eine Gerechtigkeit „ohne (ausserhalb, getrennt von) Gesetz“ ist (3, 21), d.h. eine Gerechtigkeit, die sich nicht auf Gesetzeswerke gründet.

Nichts ist in diesem Zusammenhang wichtiger als die Tatsche, dass die Gerechtigkeit Gottes der Gerechtigkeit des Menschen von Grund auf entgegengesetzt ist. Die Gerechtigkeit Gottes ist Seine Gerechtigkeit (Sein „Gerecht-sein“) im Blick auf den Menschen, und diese steht genau im Gegensatz zu der Gerechtigkeit des Menschen im Blick auf Gott (vorausgesetzt, dass es solch eine Gerechtigkeit überhaupt gibt). Die Gerechtigkeit Gottes ist göttlich, was ihren Charakter und ihren Ursprung betrifft. Sie ist nicht das, was der Mensch Gott gegenüber schuldig ist – das ist die Gerechtigkeit des Menschen, nämlich das „recht-Handeln“ des Menschen in seinen Beziehungen zu Gott und zu seinen Mitmenschen oder die Eigenschaft des Menschen, durch die er allezeit „recht handelt“. Wenn der Mensch dazu in der Lage wäre, wäre das schön, doch es ist nicht Gottes Gerechtigkeit. Seine Gerechtigkeit bedeutet, dass Er „recht handelt“, d.h. konsequent in Übereinstimmung mit Seinem eigenen heiligen Wesen, und das ebenfalls in Beziehung zu anderen: Gott ist gerecht, wenn Er den gegen Ihn rebellierenden Sünder richtet (Röm 3, 5), und Gott ist gerecht, wenn Er Gnade erweist, sofern Er sie verheissen hat (Röm 3, 26). Er offenbart Seine Gerechtigkeit sowohl in der Erlösung als im Gericht (vgl. z.B. Ps 98, 2 mit 9).

Wir müssen hier beachten, dass Gerechtigkeit nicht eine innere Eigenschaft Gottes ist. Wir lesen zwar: Gott ist Licht, und: Gott ist Liebe, aber nicht: Gott ist Gerechtigkeit. Gerechtigkeit ist eine Eigenschaft Gottes, die aus der Tatsache, dass Gott Licht ist, hervorgeht, und die auf Seine Haltung und Sein Handeln anderen gegenüber Bezug hat. Gott ist Licht in absolutem Sinn (das würde auch gelten, wenn es keine Geschöpfe gäbe), doch Gott ist gerecht in relativem Sinn: Er handelt recht gegenüber Seinen Geschöpfen (dieser Ausdruck hätte keine Bedeutung, wenn es keine Geschöpfe gäbe). Wir sehen dies z.B. in Römer 10, 3: Natürlich anerkannten die Juden, dass Gott allgemein gesagt „gerecht“ ist, und doch unterwarfen sie sich nicht der Gerechtigkeit Gottes. Statt die besondere Weise anzuerkennen, in der Gott heutzutage durch das Evangelium recht handelt im Blick auf den Sünder, der glaubt, trachteten sie, einen Weg zu finden, auf dem sie selbst eine eigene Gerechtigkeit aufbringen konnten, d.h. selbst recht handeln konnten im Blick auf Gott.

Gottes Gerechtigkeit besteht also darin, dass Er im Blick auf andere getreu Seinem heiligen Wesen handelt. Betrachten wir einige Beispiele:

a) Gott ist gerecht, wenn Er über den Sünder zürnt (Röm 3, 5). Sowohl bevor es das Gesetz gab, als auch unter dem Gesetz hat Gott den Menschen gewarnt, ihm Seine Gedanken bekannt gemacht und ihn wissen lassen, dass auf den Ungehorsam die Strafe folgen würde. Ist Gott dann nicht gerecht, wenn Er den Menschen straft, nachdem Er ihn gewarnt hat, dieser aber nicht gehört hat?

b) Gott ist gerecht, wenn Er dem gläubigen Israeliten das schenkt, was Er ihm zuvor verheissen hat (2. Petr 1, 1).

c) Gott erweist Seine Gerechtigkeit in der Jetztzeit darin, dass Er, der gerecht ist, den für gerecht erklärt, der an Jesus glaubt, und ihm also die sündentilgende Kraft des Blutes Christi zurechnet (Röm 3, 25f.). Gott Selbst hat dem Glauben ja diese Dinge in Aussicht gestellt. Er hat den Herrn Jesus nicht nur unserer Übertretungen wegen dahingegeben, sondern Ihn auch unserer Rechtfertigung wegen auferweckt, damit jeder, der an Gott glaubt, der dies getan hat, auch die gerechten Folgen davon erfährt, nämlich Rechtfertigung (Röm 4, 24 – 5,1). Wie wunderschön: Nachdem Christus nun gestorben und auferweckt ist, erweist Gott Sich als gerecht, indem Er den gerecht erklärt, der im Glauben seine Hand darauf legt.

d) Gott war gerecht, als Er den Herrn Jesus nicht nur aus den Toten auferweckte, sondern Ihn auch zu Seiner Rechten verherrlichte (vgl. Joh 16, 10). Hatte Christus als Mensch nicht ein „Recht“ auf diesen Platz? Als Sohn des Menschen verherrlichte Er Gott (Joh 13, 31)! Deshalb war es Gottes Gerechtigkeit, dass Gott Ihn verherrlichte (Joh 13, 32) und dass der Vater den Sohn verherrlichte, der Ihn verherrlicht hatte (Joh 17, 4f.). Doch Christus tat es für uns, die glauben, und im Blick auf unseren verlorenen Zustand! Deshalb ist Gott auch gerecht, wenn Er uns in die Herrlichkeit aufnimmt, so wie Er Christus aufnahm (Röm 5, 2; vgl. 3, 23). Wir sind Gottes Gerechtigkeit in Christus (2. Kor 5, 21), denn wenn Gott uns rechtfertigt, handelt Er entsprechend den Rechten, die Christus für uns erworben hat. Im Blick auf uns ist das natürlich reine Gnade, und doch ist es zugleich reine Gerechtigkeit (siehe Röm 3, 24). Der ganze Wert des Werkes Christi wird uns zur Gerechtigkeit gerechnet: Christus ist unsere Gerechtigkeit (1. Kor 1, 30).

e) Gott ist treu und gerecht, wenn Er jedem der seine Sünden aufrichtig bekennt, diese Sünden vergibt (1. Joh 1, 9). Natürlich gilt auch hier wieder, dass dies, was uns betrifft, reine Gnade ist; und doch ist es zugleich ein Beweis der Treue und Gerechtigkeit Gottes, denn – mit grösster Ehrfurcht gesagt – Gott ist es Seinem heiligen Wesen und Christus schuldig, jedem, der im Glauben seine Hand darauf legt, die Folgen des Werkes zuzurechnen, das der Herr Jesus ausdrücklich gerade für solche vollbracht hat. Christus hat Sein Blut zur Reinigung von jeder Sünde des Gläubigen gegeben (1. Joh 1, 7), und Gott hat dies angenommen, was Er dadurch bewiesen hat, dass Er den Herrn Jesus auferweckte und Ihn zu Seiner Rechten verherrlichte. Daher ist Gott nicht nur gnädig, sondern tatsächlich auch gerecht, wenn Er jeden, der seine Sünden bekennt und glaubt, unter den Wert und die Kraft dieses Blutes bringt, das ausdrücklich gerade für solche vergossen worden ist.

Gottes Gerechtigkeit besteht also darin, dass Er in Seinem Handeln verwirklicht, was zu sein Er geoffenbart hat. Und wie herrlich ist das für den Glauben, denn darauf vertraut er. Davon zeugen bereits das Gesetz und die Propheten (vgl. Röm 3, 21). So hat Jehova durch Jesaja gesprochen: „Nahe ist meine Gerechtigkeit, mein Heil (= Erlösung) ist ausgezogen, und meine Arme werden die Völker richten. Auf mich werden die Inseln hoffen, und sie werden harren auf meinen Arm“ (Jes 51, 5; siehe auch weiter). Welch eine Gnade ist es, dass wir nun verstehen dürfen, worauf diese liebliche Beziehung zwischen der Gerechtigkeit Gottes und dem Heil Gottes gegründet ist und wie erfüllt worden ist, dass Güte und Wahrheit sich begegnen und Gerechtigkeit und Friede sich küssen (Ps 85, 10) und dass Gerechtigkeit und Gericht Seines Thrones Grundfeste sind und Güte und Wahrheit vor Seinem Angesicht hergehen (Ps 89, 14)! Welche Gründe ein gerechter Gott für solch eine herrliche Erweisung Seiner Gerechtigkeit hat, wollen wir nun näher untersuchen.

Der erste Grund der Rechtfertigung

Welchen Grund Gott hat, den Sünder nun in gerechter Weise für gerecht erklären zu können, wird zum erstenmal deutlich im dritten Kapitel des Römerbriefes dargelegt. Aus den Versen 22 bis 26 lernen wir, dass es durch den Glauben an Christus geschieht, durch Gottes Gnade, durch die Erlösung in Christus, in der Kraft Seines Blutes. Vers 21 sagt, dass nun ausserhalb jedes gesetzlichen Systems Gottes Gerechtigkeit geoffenbart worden ist. Es heisst dort nicht Gottes Barmherzigkeit, obwohl auch diese im Evangelium gesehen wird. Auch nicht die Gerechtigkeit Gottes, die Er an Christus auf dem Kreuz vollzog, obwohl auch das Gerechtigkeit war: Als Christus unsere Sünden trug und für uns zur Sünde gemacht wurde, konnte – sittlich gesprochen – die Gerechtigkeit Gottes nicht anders, als Ihn dafür unter das Gericht zu bringen. Doch in den Versen 21 und 22 geht es um die Gerechtigkeit Gottes, die Er uns und auch Christus nach Dessen Werk erwies aufgrund dessen, was Christus auf dem Kreuz vollbracht hat. Dies wurde in den Vorbildern des Gesetzes angedeutet und von den Propheten (*Siehe u.a. Jes 41, 10; 46, 13; 51, 5-8; 56, 1 gegenüber 45, 24; 54, 17; siehe vor allem 53, 11.) angekündigt (V. 21). Das Erlösungswerk Christi verdient es, dass Gott so handelt, wie Er es in dem Evangelium tatsächlich tut.

Wie gesagt, es geht hier nicht unmittelbar um Gottes Barmherzigkeit. Häufig wird in der Verkündigung des Evangeliums heutzutage ausführlich über die Liebe Gottes gesprochen, doch es ist bemerkenswert, dass Paulus in seinen Ansprachen (siehe Apg) das niemals tut. Für den Sünder ist es auch nicht Gottes Liebe, die er fürchtet, sondern Gottes Gerechtigkeit, denn es ist Gottes Gerechtigkeit, die richtet. Im Grundsatz ist das auch hier so, allerdings mit dem grossen Unterschied, dass das Gericht den Herrn Jesus getroffen hat, und zwar zugunsten all derjenigen, die an Ihn glauben würden. Die Folge ist, dass Gott nun Seine Gerechtigkeit erweist (oder: erweist, dass Er gerecht ist), indem Er denjenigen, der an Jesus glaubt, fortan für gerecht erklärt (V. 26). Sicher ist es so, dass es gerade die Liebe Gottes ist, die den Sünder zu demütigen und um Sündenbekenntnis zu bringen vermag. Doch das gibt ihm keine neue Grundlage, auf der er stehen kann. Die Liebe Gottes kann ihn zerbrechen, doch nur die Gerechtigkeit Gottes ist da, um aufzubauen, denn sie verschafft die Grundlage für einen neuen Menschen.

Was ist also der Grund, dass Gott gerecht ist, wenn Er den rechtfertigt, der an Jesus glaubt? Das kann Er nur, wenn Er einen sittlichen Beweggrund, eine sittliche Verpflichtung gegenüber einem bestimmten Verdienst hat. Das Verdienst liegt in dem Blut Christi und in der Erlösung, die Er auf der Grundlage Seines Blutes zustande gebracht hat (V. 24f.). Der Tod Christi ist der erste Grund für unsere Rechtfertigung. Gott hatte vordem bereits die Sünden der alttestamentlichen Gläubigen ertragen und vergeben (V. 25); doch wie konnte Er darin damals gerecht sein? Das konnte Er tun, weil Er den Tod Christi voraussah. Nachdem Er viele Jahrhunderte die Sünden ertragen hatte, erwies Er schliesslich durch den Tod Christi, dass Er darin gerecht gehandelt hatte. Ebenso erweist Gott jetzt Seine Gerechtigkeit darin, dass Er den rechtfertigt, der Sein Vertrauen auf den Tod und das Blut Christi setzt (V. 26). Übrigens gibt es sehr wohl einen Unterschied in der Stellung. Bei den alttestamentlichen Gläubigen finden wir ein Vertrauen auf Gottes Langmut, bei uns ist es ein Stehen in einer geoffenbarten und gekannten Gerechtigkeit. Gott ist gerecht und erklärt mich für gerecht.

Doch der Tod Christi ist nicht der einzige Grund, auf dem Gott den glaubenden Sünder rechtfertigt. Das Sühnungsblut Christi ist das Mittel, wodurch die Sünden derer, die glauben, ausgetilgt werden. Wäre dies jedoch der einzige Gesichtspunkt der Rechtfertigung, würde sie kaum mehr sein als Sündenvergebung. Es besteht ein Unterschied in der Betonung zwischen beiden: Vergebung hat mit der Gnade und Barmherzigkeit Gottes zu tun, Rechtfertigung ist das Freisprechen aufgrund eines gerechten Urteils Gottes. Das Herz des reuevollen Sünders verlangt nach Vergebung, sein Gewissen verlangt nach Rechtfertigung. Durch das Blut besitzt er beides: Er hat Vergebung, und das gibt ihm Trost, und er ist gerechtfertigt, und das befreit ihn von der Angst vor dem Gericht.

In 1. Johannes 4, 17 haben wir beides: „Hierin ist die Liebe mit uns vollendet worden, damit wir Freimütigkeit haben an dem Tage des Gerichts, dass, gleichwie er ist, auch wir sind in dieser Welt.“ Hier haben wir aber zugleich das, was in Römer 3 noch fehlt: Nicht nur sind meine Sünden durch das Blut Christi weggetan, sondern ich bin nun wie Er ist. Ich bin mit Ihm in Seiner neuen Stellung vereinigt. Ich geniesse die Früchte des Todes Christi, doch ich bin auch mit Dem verbunden, der nicht im Tod geblieben ist, sondern auferweckt und verherrlicht zur Rechten Gottes ist. Römer 3 spricht über den Tod Christi, doch Römer 4 bis 8 verbindet unsere Rechtfertigung mit der Auferweckung Christi. Wir sind in gerechter Weise in eine neue Stellung gebracht, nämlich verbunden mit dem auferweckten Herrn, und in dieser Stellung erkennt Gott uns öffentlich als gerecht an.

Der zweite Grund der Rechtfertigung

Diesen zweiten Grund unserer Rechtfertigung finden wir zum erstenmal am Ende von Römer 4. Anfangs bleibt dieses Kapitel noch in der Linie von Kapitel 3: In den ersten acht Versen ist das „Zurechnen der Gerechtigkeit“ noch praktisch dasselbe wie das „Nicht-Zurechnen der Sünde“ (vgl. Verse 6 und 8), also kaum mehr als Vergebung. Ich weise hier schon darauf hin, dass der schwierige Ausdruck „Gerechtigkeit zurechnen“, auf den ich später ausführlicher eingehen will, nicht bedeutet, eine Gerechtigkeit von aussen auf jemandes Rechnung zu überschreiben, sondern die Gerechterklärung von jemandem, die Erklärung, dass jemand vor Gottes Angesicht Gerechtigkeit besitzt, und zwar aufgrund des Glaubens. Dies wird anhand des Beispiels Abrahams behandelt, der Gott glaubte und dem dieser Glaube zur Gerechtigkeit gerechnet wurde, d.h. er wurde aufgrund seines Glaubens gerechtfertigt. Es geht in Kapitel 4 also nicht um die Gerechtigkeit Gottes, wie in Kapitel 3, sondern um die „Gerechtigkeit des Glaubens“ (V. 11). Das erste ist die Gerechtigkeit Gottes, die Er erweist, wenn Er mich rechtfertigt; das zweite ist die Gerechtigkeit, die ich besitze, nachdem Gott mich aufgrund des Glaubens für gerecht erklärt hat. Das erste ist die Gerechtigkeit Gottes (die Er hat), das zweite ist die Gerechtigkeit aus Gott (die ich nun habe) (Phil 3, 9) – ein bedeutsamer Unterschied!

Nicht nur in der Gerechtigkeit, über die in Römer 3 und 4 gesprochen wird, besteht ein Unterschied, sondern auch in dem Glauben. In Kapitel 3 geht es um den Glauben an Jesus Christus (V. 22) und an Sein Blut (V. 25), aufgrund dessen Gott mich in gerechter Weise von den Sünden freispricht. In Kapitel 4 geht es um den Glauben an Gott, der Jesus, unseren Herrn, aus den Toten auferweckt hat, der von Gott unserer Übertretungen wegen dahingegeben und unserer Rechtfertigung wegen auferweckt worden ist (V. 24f.), so dass wir, gerechtfertigt aufgrund dieses Glaubens an Gott, Frieden mit Gott haben durch unseren Herrn Jesus Christus (5, 1). Auch hier ist Abraham wieder das Vorbild. Er glaubte Gott: Er rechtfertigte Gott sozusagen in Dessen Worten und Werken, und deshalb rechtfertigte Gott ihn. Abraham glaubte, dass Gott mächtig war, aus einem Zustand des Todes Leben hervorzubringen (V. 17-21), und dieser Glaube wurde ihm zur Gerechtigkeit gerechnet, d.h. aufgrund dieses Glaubens wurde er für gerecht erklärt. Nun, was Abraham tat im Vorausblick auf das, was Gott tun würde, dürfen wir tun mit einem Rückblick auf das, was Gott getan hat. Er hat Leben hervorgebracht aus einem Zustand des Todes, denn Er hat Christus, der für unsere Sünden gestorben war, aus den Toten auferweckt, um uns rechtfertigen zu können. Und zwar rechtfertigen, indem Er uns nicht nur die Sünden vergab, sondern uns auch mit einem auferweckten Christus in Dessen neuer Stellung verband. Wer glaubt, dass Gott dies für ihn getan hat, bekommt tatsächlich Teil daran.

Es geht hier also nicht um die Erlösung, die Christus zustande gebracht hat (wie in Kapitel 3), sondern um das, was Gott zustande gebracht hat, obwohl beides zu unseren Gunsten geschah. Es geht hier auch nicht um die Gnade Gottes (aufgrund des Blutes Christi), sondern um die Kraft Gottes uns gegenüber. Das Gesetz forderte Kraft von den Menschen; aber der Mensch besitzt diese Kraft nicht (vgl. 5, 6). Doch Gott hat den Herrn Jesus auferweckt, um Kraftlose mit Ihm in Seiner Auferweckung verbinden zu können. Das Blut Christi legte die Grundlage; dadurch können wir gereinigt werden; die Auferweckung Christi bringt uns auf einen gereinigten Platz und in eine Stellung vor Gott, die völlig neu ist. Gott spricht mich frei von Sünden, nicht nur, weil Er mir die Sünden vergeben hat (das wäre eigentlich keine wirkliche Freisprechung), sondern weil Er einen neuen Menschen sieht in einer neuen Stellung, verbunden mit einem auferweckten Christus, so dass dieser Mensch nichts mehr mit seinem früheren Zustand in der Sünde zu tun hat. „Denn wer gestorben ist, ist freigesprochen (gerechtfertigt oder freigelassen) von der Sünde. Wenn wir aber mit Christo gestorben sind, so glauben wir, dass wir auch mit ihm leben werden, da wir wissen, dass Christus, aus den Toten auferweckt, nicht mehr stirbt… Also auch ihr, haltet euch der Sünde für tot, Gott aber lebend in Christo Jesu“ (Röm 6, 7-11).

Römer 5 wirft hierauf deutliches Licht. Die Auferweckung Christi (4, 25) gibt uns einen festen Grund für Sicherheit und Vertrauen, so dass wir durch den Glauben an Gott, der Christus auferweckt hat, Frieden mit (oder: in bezug auf) Gott haben. Wir haben nicht nur Vergebung, wir haben eine neue Stellung, so dass wir in Seiner Gnade „stehen“ und uns in der Hoffnung rühmen, bald in der Herrlichkeit Gottes bei Christus zu sein (V. 2). Wir, die wir nun mit Ihm in Seiner Auferweckung verbunden sind, werden es bald in Seiner Verherrlichung bei Gott sein. Welch ein Friede! Ein Friede hinsichtlich alles dessen, was ich früher getan habe, denn das ist in dem Tod Christi verschwunden, wie ich durch Glaubensvertrauen weiss, aufgrund der Tatsache, dass Gott Ihn aus den Toten auferweckt hat; ein Friede hinsichtlich alles dessen, was ich nun bin, denn ich stehe im Genuss der gegenwärtigen Gunst Gottes, zu der ich durch den Glauben Zugang erhalten habe; und ein Friede hinsichtlich alles dessen, was ich in Zukunft empfangen werde, denn das freudige Glaubensvertrauen richtet seine Erwartung auf die Herrlichkeit Gottes. Und vor allem: Es ist ein Friede im Blick auf Gott Selbst! Es ist hier nicht wie in Kapitel 3 nur ein Sich-Festklammern an Christus aus Furcht vor dem Gericht eines gerechten Gottes, sondern das Bewusstsein, gegenüber Gott völlig zur Ruhe gebracht worden zu sein. Es hat ja nicht nur Christus ein Werk für mich vollbracht, Gott Selbst hat zu meinen Gunsten gehandelt. Er war es, der Christus hingab, und Er war es, der bewies, dass das Werk Christi Ihm vollkommene Genugtuung geschenkt hatte, indem Er Christus aus den Toten auferweckte, damit Er mich mit dem auferweckten Christus in Seinem neuen Zustand verbinden konnte.

Wir sehen also in Römer 5, 1-11, was Gott in Seiner Gnade für uns ist. In Kapitel 8 sehen wir, was wir in Christus vor Gott sind, doch das, was Gott für uns in Christus ist, ist herrlicher. Es ist gewaltig zu sehen, was wir geworden sind; doch zu sehen, was Gott für uns geworden ist, geht allezeit weit darüber hinaus: Er hat Seine Liebe in unsere Herzen ausgegossen, Er hat uns den Heiligen Geist gegeben (5, 5), Er beweist Seine Liebe gegen uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren (V. 8), Er hat uns durch Christi Blut gerechtfertigt (V. 9), Er hat uns mit Sich Selbst versöhnt durch den Tod Seines Sohnes (V. 10), Er wird uns durch dessen Leben von dem Zorn erretten (V. 9f.). Kein Wunder, dass wir uns nicht nur in der Hoffnung der Herrlichkeit Gottes (V. 2) und in den Trübsalen rühmen (V. 3), sondern vor allem dass wir uns auch Gottes Selbst rühmen durch unseren Herrn Jesus Christus (V. 11). Wie gross ist Er, der, wie ein Ahasveros, uns mit einem goldenen Zepter (das ist Christus) Seine Gnade hat zuteil werden lassen (vgl. Esther 5, 2). Als ich an Christus glaubte, um dem Gericht Gottes zu entkommen, wusste ich, dass Christus für mich ist. Doch – wie herrlich! – nicht nur das: Gott Selbst ist für mich, wer wird gegen mich sein? Wie wird Er, der nicht einmal Seines eigenen Sohnes geschont hat, sondern Ihn für uns alle hingegeben hat, uns mit Ihm nicht auch alles schenken? Wer wird wider Gottes Auserwählte Anklage erheben? Gott ist es, welcher rechtfertigt; wer ist, der verdamme? (Röm 8, 31-34)

Die beiden Menschengeschlechter

In Kapitel 5, 1-11 geht es noch immer ausschliesslich um die Sünden (die sündigen Taten). „Friede“ ist hier die freudige Kenntnis und Sicherheit der vollkommenen Tilgung der Sünden vor den Augen eines heiligen und gerechten Gottes durch das Blut Christi und durch unsere Verbindung mit einem auferweckten Christus. Doch diese neue Stellung kann erst wirklich verstanden werden, wenn wir nicht nur sehen, was mit unseren Sünden geschehen ist, sondern auch, wie das Problem der Sünde, gesehen als die böse Macht in uns, gelöst ist. Dies wird ab Kapitel 5, 12 behandelt. Durch einen Menschen (Adam) ist die Sünde in die Welt gekommen und durch die Sünde der Tod, und so ist der Tod zu allen Menschen (allen Nachkommen Adams) durchgedrungen; nicht nur, weil Adam gesündigt hat, sondern weil alle, indem sie ebenfalls sündigten, den Beweis erbracht haben, dass sie die Natur Adams geerbt haben. Die Tatsache, dass alle Menschen wie Adam sündigen, bestätigt also die Richtigkeit der Tatsache, dass alle sterben, wie Adam gestorben ist. Dies ist die Bedeutung des Schlusssatzes in Vers 12.

Es geht hier also nicht mehr allein um unsere Sünden, sondern um die Tatsache, dass wir von Natur Sünder sind durch die eine Sünde des Hauptes unseres Geschlechtes. Ebenso wird Christus hier nicht als Derjenige gesehen, der unsere Sünden trug, sondern als Haupt eines neuen Menschengeschlechtes. Es geht hier nicht um die Taten der Menschen, sondern um den Zustand, in dem sie sich befinden wegen des Hauptes, dem sie angehören. So werden in diesem Abschnitt (Röm 5, 12-21) zwei Menschengeschlechter mit ihren Häuptern einander gegenübergestellt: Adam mit seinem Geschlecht und Christus mit Seinem Geschlecht. Zuvor wird in einer Art Zwischensatz (V. 13-17) Adam und seine Übertretung Christus und der Gabe Gottes gegenübergestellt. Durch Adam kam die Sünde in die Welt, und durch die Sünde herrschte der Tod in der Welt, auch in der Zeit, als es noch kein Gesetz gab (V. 12-14). Auch diejenigen, die nicht, wie Adam, ein ausdrückliches Verbot übertreten hatten, fielen unter den Tod, weil sie auch ohne ausdrückliches Gesetz wegen ihrer sündigen Natur Sünder waren.

Doch die Gnadengabe Gottes steht Adams Übertretung nicht nach! Denn es sind zwar durch die Übertretung dieses Einen (Adam) „die Vielen“ (nämlich Adams Geschlecht) gestorben, doch vielmehr ist die Gnade Gottes und die Gabe in Gnade, die ebenfalls durch einen Menschen ist (Jesus Christus), überströmend geworden gegen „die Vielen“ (nämlich Christi Geschlecht) (V. 15). Und zwar führte Gottes Gericht aufgrund einer einzigen Tat zur Verurteilung, aber Gottes Gnadengabe führte von vielen Übertretungen zur Rechtfertigung (V. 16). Der gerechten Grundlage zur Verurteilung (zum Gericht) steht hier die gerechte Grundlage zur Rechtfertigung (dikaioma; siehe Anhang) gegenüber. Und zwar hat durch die Übertretung des Einen (Adam) der Tod durch den Einen geherrscht, doch vielmehr werden die, die die Überschwänglichkeit der Gnade und der Gabe der Gerechtigkeit empfangen, im Leben herrschen durch den Einen (Jesus Christus) (Vers 17). Wie schön! Gottes Gabe in Gnade (V. 15) – Seine Gnadengabe (V. 15f.), die Überschwänglichkeit der Gnade (V. 17) – ist zugleich eine Gabe der Gerechtigkeit. Gott schenkt aus Gnade, doch zugleich aus Gerechtigkeit.

In Vers 18 nimmt der Apostel den Hauptpunkt des 12. Verses wieder auf (der Tod ist durch eine Sünde zu allen Menschen durchgedrungen), vergleicht ihn aber nun mit den Folgen des Werkes Christi. Ebenso wie ein Mensch die gesamte Menschheit in seinem Fall mit sich riss, so erstreckten sich auch die Folgen des Werkes des einen Menschen auf die gesamte Menschheit. Konnte die Gnadengabe Gottes auf ein Volk, nämlich Israel, beschränkt bleiben, wie auch das Gesetz auf Israel beschränkt war? Unmöglich. Denn die Sünde und ihre Folgen betrafen doch auch die gesamte Menschheit, nicht nur Israel! Konnte die Gabe Gottes dahinter zurückbleiben? Jeder Mensch ist ein Sünder, ob er nun unter dem Gesetz steht oder ohne Gesetz ist; deshalb kommt auch das Evangelium zu jedem Menschen. Ebenso wie sich die Folgen der einen Übertretung auf alle Menschen zur Verdammnis erstrecken, so erstrecken sich auch die Folgen der einen Gerechtigkeit (gerechte Tat; siehe Anhang) auf alle Menschen zur Rechtfertigung des Lebens (V. 18).

Dieser letzte Ausdruck ist sehr bedeutsam. Unsere Rechtfertigung wird charakterisiert durch das Leben des auferweckten Christus. Dieser bildet nämlich die Ursache und den Charakter meiner neuen Stellung. So wie Er ist, bin auch ich in dieser Welt, und zwar durch den echten, lebendigen Besitz Seiner Natur. Meine Annahme, mein Stehen in der Gunst Gottes (V. 2), ist nicht von einem gottesfürchtigen Leben zu trennen, dem Leben eines Menschen, der tot ist für die Sünde und für Gott lebt in Christus Jesus (6, 11), der in der Vollkommenheit dessen ruht, was Christus vor Gott ist. Das erst ist die volle Reichweite eines bewussten Besitzes und Genusses der Gerechtigkeit und des Friedens mit Gott. Meine Rechtfertigung ist auf den Tod und das Blutvergiessen Christi gegründet (5, 6-11), doch ich werde sie nicht voll verstehen und wertschätzen, wenn ich nicht sehe, in welcher Weise das Leben des auferweckten Herrn hierbei beteiligt ist: Sein Auferstehungsleben als „freigesprochen (wörtlich: gerechtfertigt) von der Sünde“ (6, 7). Ebenso wie die Auferstehung Christi in Kapitel 5 auf unsere Rechtfertigung angewendet wird, so wird sie in Kapitel 6 angewendet auf unser Leben als solche, die der Sünde gestorben sind und Gott leben in Christus Jesus. Ausserdem wird sie in Kapitel 7 angewendet auf unseren neuen Zustand als solche, die dem Gesetz gestorben sind.

Doch kehren wir zu Kapitel 5, 18 zurück. Wir sahen dort die Folgen sowohl der Tat Adams als auch der Tat Christi für die gesamte Menschheit. Dies dürfen wir nicht in der Weise wörtlich auffassen, dass auch alle Menschen gerechtfertigt werden. Es geht hier ausschliesslich darum, anzudeuten, wie gross die Reichweite beider Taten ist. Wo Adams Tat Folgen hatte für alle Menschen, dort kann es nicht anders sein, als dass auch Christi Tat sich zu allen Menschen erstreckt in dem Sinn, dass das Evangelium zu allen kommt, dass alle glauben dürfen, und alle, die glauben, auch tatsächlich gerechtfertigt werden. Wir haben dasselbe in Römer 3, 22: „Gottes Gerechtigkeit aber durch Glauben an Jesum Christum gegen alle (oder zu allen) und auf alle, die da glauben.“ Das Evangelium Gottes kommt zu allen Menschen; alle dürfen es hören und können kommen; doch das tatsächliche Erweisen der Gerechtigkeit Gottes kommt ausschliesslich auf alle, die glauben. (Luther übersetzt an dieser Stelle: „… zu allen, die glauben“, das würde aber bedeuten, dass das Evangelium nur zu den Gläubigen kommt.) Gottes Gnadenangebot ist allgemein („Die Gnade Gottes ist erschienen, heilbringend für alle Menschen“, Tit 2, 11), doch die Gnade wird nur an denen wirksam, die glauben.

Diesen Unterschied sehen wir auch sehr deutlich, wenn wir Römer 5, 18 und 19 vergleichen. In Vers 18 geht es beide Male um alle Menschen; in Vers 19 geht es wieder, geradeso wie in Vers 15, um die beiden Menschengeschlechter, um „die Vielen“ von Adam und um „die Vielen“ von Christus. Nun handelt es sich nicht mehr um die Reichweite, bis zu der sich die Folgen der Tat Adams und der Tat Christi erstrecken, sondern um die, die auch tatsächlich die Folgen dieser jeweiligen Taten erfahren werden: Auf der einen Seite sind durch den Ungehorsam des einen Menschen (nämlich Adam) „die Vielen“ (nämlich Adams Geschlecht) zu Sündern geworden, und auf der anderen Seite werden durch den Gehorsam des Einen (nämlich Christi) „die Vielen“ (nämlich das Geschlecht Christi) zu Gerechten.

Achten wir wieder darauf, dass es hier tatsächlich nicht um die Verantwortung derer geht, die zu diesen beiden Geschlechtern gehören, sondern einfach um den Zustand, in dem jemand sich befindet durch das Haupt, dem er angehört. Das Gesetz tut nichts dazu noch davon. Es kam daneben ein (V. 20) und liess zwar die Übertretung überströmend werden, doch es steht nicht da: die Sünde. Wo allerdings die Sünde überströmend wurde, sei es unter dem Gesetz oder ausserhalb des Gesetzes, dort wurde die Gnade noch überschwänglicher. Es heisst nicht: die Gerechtigkeit; denn wo die Sünde zunimmt, kann eine Gerechtigkeit, die im selben Masse zunimmt, nur Gericht bedeuten. Und doch ist es nicht eine Gnade ausserhalb des Bereiches der Gerechtigkeit; denn gleichwie die Sünde im Tod geherrscht hat, also wird auch die Gnade herrschen durch Gerechtigkeit (V. 21). Und auch hier ist es (nach den Versen 17 und 18) eine Gerechtigkeit, die durch Leben charakterisiert wird; die Gerechtigkeit bringt uns, als verbunden mit einem auferweckten Christus, schliesslich in Verbindung mit allen Segnungen des ewigen Lebens durch Ihn, der das Ewige Leben ist, Jesus Christus, unser Herr.

Zurechnung der Gerechtigkeit

Weiter oben sind wir in Römer 4 bereits kurz auf den scheinbar schwierigen Ausdruck gestossen: „Gerechtigkeit zurechnen“ oder „den Glauben zur Gerechtigkeit rechnen“, dem wir in diesem Kapitel neunmal begegnen: der ersten Form in den Versen 6 und 11 und der zweiten Form in den Versen 3. 5. 9f. 22-24. Die zweite Form finden wir auch noch in Galater 3, 6 und Jakobus 2, 23, stets unter Bezug auf 1. Mose 15, 6: „Abraham glaubte Jehova; und er rechnete es ihm zur Gerechtigkeit.“

Der Ausdruck „jemandem seinen Glauben zur Gerechtigkeit rechnen“ kann sehr leicht falsch verstanden werden, nämlich als ob der Wert (die Kraft, der Inhalt) des Glaubens an sich jemandem als Gerechtigkeit zugerechnet werden könnte. Dies ist jedoch unmöglich, denn dann wäre diese Gerechtigkeit (*Wir hätten dann allerdings nicht dikaiosynä, sondern dikaioma erwartet (siehe Anhang)*) ein Verdienst des Menschen (nämlich der Glaubenstat), und in dem ganzen Brief geht es doch gerade darum, dass unsere Gerechtigkeit nicht aus dem Menschen, sondern aus Gott ist. Der Ausdruck muss also bedeuten, dass jemand von Gott als gerecht angesehen wird wegen seines Glaubens. Das Wie und Warum dieser Rechtfertigung, der Grund hierfür, ist eine völlig andere Sache, die hier in Römer 4 (bis V. 24) nicht behandelt wird.

Es wäre völlig im Gegensatz zu dem Geist sowohl von 1. Mose 15 als Römer 4, wenn wir den Glauben hier als ein Verdienst, als eine Leistung betrachten würden, die von Gott belohnt wird. Abraham glaubte Jehova doch gerade in Umständen, in denen er sich bewusst war, dass er selbst kein einziges Verdienst mehr aufweisen konnte. Sein eigener Leib und der der Sara waren erstorben (Röm 4, 19), von daher gab es nichts mehr zu erwarten; alles kam nun auf Gott an. Abraham und Sara waren nicht in der Lage, Leben aus dem Tod hervorzubringen; doch Abraham setzte sein volles Vertrauen auf Gott, in dem festen Glauben, dass Gott das sehr wohl konnte. Sein Glaube kam hervor aus dem tiefen Bewusstsein seiner eigenen Kraftlosigkeit und Fruchtlosigkeit und einer völligen und bedingungslosen Auslieferung an die Macht Gottes. Jeder Gedanke an ein Verdienst passt hier ganz und gar nicht hin. Es ist nicht die Glaubenstat selbst, sondern dieser Zustand des Bewusstseins der eigenen Ohnmacht und des Vertrauens auf Gott, den Gott als Gerechtigkeit rechnet. Und so ist es auch mit uns (V. 23f.). Auch uns wird es zugerechnet, wenn wir im Bewusstsein des eigenen Todeszustandes und der Kraftlosigkeit auf Gott vertrauen, der Christus unserer Rechtfertigung wegen aus den Toten auferweckt hat.

Auch der Ausdruck „Gerechtigkeit zurechnen“ kann leicht missverstanden werden. Es geht nicht, wie bereits gesagt, um eine Gerechtigkeit, die jemandem von aussen übertragen wird, sondern es bedeutet, jemanden selbst „gerecht rechnen“ aufgrund seines Glaubens. Das ist nicht das Schenken einer Gerechtigkeit, sondern das Erklären, dass jemand Gerechtigkeit hat. Gerechtigkeit zurechnen ist nichts anderes als gerecht erklären vor Gott. Wir sehen das auch deutlich aus der Parallele in Vers 8: „Glückselig der Mann, dem (der) Herr Sünde nicht zurechnet“ (vgl. Ps 32, 2: „… die Ungerechtigkeit nicht zurechnet.“) Es ist völlig klar, dass das Zurechnen der Ungerechtigkeit hier nicht bedeuten kann, dass eine Ungerechtigkeit von aussen her auf jemanden übertragen wird, sondern die Erklärung, dass jemand Ungerechtigkeit hat: jemand seine Ungerechtigkeit anrechnen oder jemand für ungerecht erklären. Doch genauso müssen wir den völlig parallelen Ausdruck „Gerechtigkeit zurechnen“ erklären! Es ist nichts anderes als ein Erklären, dass jemand Gerechtigkeit hat oder gerecht ist.

Eine zweite Parallele beweist uns dasselbe. Wir lesen in Römer 2, 26: „Wenn nun die Vorhaut die Rechte des Gesetzes beobachtet, wird nicht seine Vorhaut für Beschneidung gerechnet werden?“ Auch hier haben wir wieder dasselbe Tätigkeitswort „(zu)rechnen“ (logizomai), das auch hier wieder bedeutet: etwas, das in jemandem ist, ihm anrechnen; in diesem Fall: seine Vorhaut ihm als Beschneidung anrechnen, oder vielmehr: ihn als beschnitten betrachten und erklären; nicht: Beschneidung schenken. Wir mussten hierauf wohl etwas näher eingehen, um zwei verkehrte Auslegungen zu widerlegen, nämlich als ob „Gerechtigkeit zurechnen“ bedeuten würde, dass die Gerechtigkeit Gottes uns zugerechnet wird oder dass die Gerechtigkeit Christi, was man auch darunter verstehen mag, uns zugerechnet wird. Beide Auslegungen sind völlig unbiblisch, werden aber leider doch häufig gehört; sie ergeben sich aus einer im Protestantismus sehr geläufigen, aber absolut unbiblischen und in ihrer Auswirkung verheerenden Lehre über die Rechtfertigung. Wir müssen nun auf diese Lehre ausführlich eingehen.

Die Gerechtigkeit Christi

Die zentrale Frage, um die es nun geht, ist: Was hat das Gesetz mit der Gerechtigkeit Gottes zu tun oder mit der Gerechtigkeit, die uns zugerechnet wird? Wir lesen in Römer 2, 13: „Die Täter des Gesetzes werden gerechtfertigt werden“ – an sich ein völlig richtiger Grundsatz, in dem jedoch ein grosses Problem steckt: Es gibt keine „Täter des Gesetzes“! Es gibt niemanden, der Gutes tut, auch nicht einen (Röm 3, 10-12). „Darum, aus Gesetzeswerken wird kein Fleisch vor ihm gerechtfertigt werden“ (Röm 3, 20). „… aber wissend, dass der Mensch nicht aus Gesetzeswerken gerechtfertigt wird, sondern nur durch den Glauben an Jesum Christum“ (Gal 2, 16). Wenn ein Mensch gerechtfertigt würde aufgrund von „Gesetzeswerken“, würde dies bedeuten, dass Gott diesen Menschen entsprechend den Massstäben eines bestimmten Gesetzes für gerecht erklärt, und zwar weil dieser die Werke dieses Gesetzes vollkommen vollbracht hat. Doch eine der grössten Wahrheiten, die die Reformation durch Gottes Gnade wieder ans Licht gebracht hat, ist nun gerade, dass der Mensch von Natur ein unverbesserlicher Sünder ist, der kein einziges Werk des Gesetzes vollbringen kann und deshalb völlig von Gottes Barmherzigkeit abhängig ist, auf die er sein Glaubensvertrauen richtet, so dass Gott ihn nicht aufgrund von Gesetzeswerken, sondern aufgrund des Glaubens für gerecht erklärt.

Doch was ist nun der Grund dieser Rechtfertigung? Hier antworten sowohl Luther als Calvin: Ich habe eine Gerechtigkeit nötig, die völlig den Forderungen des Gesetzes Gottes entspricht. Nun, das ist die Gerechtigkeit Gottes, nämlich die Gerechtigkeit, die vor Gott gesetzesgültig ist; solch eine Gerechtigkeit, die einzige, aufgrund deren ich vor Gott bestehen kann, ist die Gerechtigkeit Christi, denn Er hat vollkommen die Gerechtigkeit des Gesetzes für mich erfüllt. Ich habe nicht nur Vergebung meiner Gesetzesübertretungen nötig, ich habe einen vollkommenen Gehorsam (nämlich gegenüber dem Gesetz Gottes) nötig: ich habe diesen nicht, doch wird mir die aktive Gerechtigkeit Christi zugerechnet. Das ist meine Rechtfertigung. (*Als Beispiel einige Zitate von Calvin (Romeinen; Übers. D.J. de Groot; Van Bottenburg, Amsterdam, 1950): „Unter der Gerechtigkeit Gottes verstehe ich solch eine Gerechtigkeit, die vor dem Richterstuhl Gottes vollkommen erfunden wird, gleichwie man demgegenüber menschliche Gerechtigkeit das zu nennen pflegt, was nach der Meinung der Menschen für Gerechtigkeit gehalten wird und als solche geschätzt wird, obwohl diese nichts mehr als Rauch ist… Andere legen diese Worte so aus, dass damit die Gerechtigkeit gemeint sei, die uns von Gott geschenkt wird. Ich stimme gern zu, dass dieser Gedanke in den Worten enthalten ist“ (S. 49). „An erster Stelle muss bemerkt werden, dass die Sache unserer Rechtfertigung nicht zu dem Urteil der Menschen gebracht wird, sondern zum Richterstuhl Gottes, wo nichts als Gerechtigkeit gerechnet wird als nur der vollkommene und erfüllte Gehorsam gegenüber dem Gesetz, was eindeutig offenbar wird aus den Verheissungen und Gerichtsankündigungen. Und wenn es nun so ist, dass es keinen Menschen gibt, der zu solch einer vollkommenen Heiligkeit hinaufgeklommen ist, dann folgt daraus, dass alle in sich selbst diese Gerechtigkeit missen. An zweiter Stelle ist es nötig, dass Christus hierzu komme, der, gleichwie Er der einzige ist, der gerecht ist, so auch uns zu Gerechten macht, indem Er Seine Gerechtigkeit auf uns überträgt. So wird deutlich, dass die Gerechtigkeit des Glaubens die Gerechtigkeit Christi ist… Nachdem wir Teil empfangen haben an Christus, sind wir nicht nur selbst gerecht, sondern werden auch unsere Werke vor Gott als gerecht angesehen, darum nämlich, weil all das, was darin unvollkommen ist, durch das Blut Christi getilgt wird“ (S. 112f). Siehe weiter, was über Luther und seine Auffassung im Vorwort gesagt ist.*)

Wenn grosse Gottesmänner wie Luther und Calvin dies dargelegt haben, und dann noch in bezug auf ein Thema, das mehr als alles andere als kennzeichnend für die Reformation betrachtet wird, nämlich als Rechtfertigung durch den Glauben, dann zögert man, etwas dagegen einzuwenden. Und doch kann sich sogar der einfältigste Gläubige mit Recht fragen: Wo lese ich in der Schrift, dass mir die Gesetzeserfüllung Christi zugerechnet wird? Wo lese ich, dass Gott mir Christi Gerechtigkeit schenkt? Wo lese ich, dass Gott mir Christi Gerechtigkeit schenkt? Wo lese ich überhaupt von der Gerechtigkeit Christi? (ausser in 2. Petr 1,1 in einem völlig anderen Zusammenhang). Natürlich sind solche Fragen keine Widerlegung; doch es muss uns immer nachdenklich machen, wenn bestimmte Ausdrücke, die in der Schrift gar nicht vorkommen und, wie ich glaube, dem Geiste der Schrift fremd sind, in einer bestimmten Theologie nichtsdestoweniger eine Hauptrolle spielen.

Nun ist es tatsächlich so, dass Paulus sagt: „Christus Jesus, der uns geworden ist … Gerechtigkeit“ (1. Kor 1, 30), denn die Gerechtigkeit, die wir besitzen, ist gegründet auf das, was Er ist und für uns tat. Und tatsächlich ist es so, dass Paulus sagt: „So werden auch durch den Gehorsam des Einen die Vielen in die Stellung von Gerechten gesetzt werden“ (Röm 5, 19). Doch besteht dieser Gehorsam in Seiner Gesetzeserfüllung? Ist es ein gesetzlicher Gehorsam? Welche „Gerechtigkeit des Gesetzes“ forderte denn, dass Er Sein Leben für Sünder geben sollte und dass Er für sie den Fluch des Gesetzes tragen sollte? Lernte Er nicht den Gehorsam an dem, was Er litt (Hebr 5, 8)? Er war gehorsam bis zum Tode, ja, bis zum Tode am Kreuze (Phil 2, 8)! Welchen Zusammenhang gibt es zwischen diesem Gehorsam und dem Gesetz? Liess das Gesetz einen gerechten Menschen leiden? Doch es war dieses Leiden, es war Sein Blutvergiessen, Seine Übergabe in den Tod, die die Grundlage meiner Rechtfertigung ist. Was hat das Gesetz hiermit zu tun? Das Gesetz war dem ersten Menschen (1. Kor 15, 45) gegeben und entsprach den tiefsten Gedanken Gottes und gereichte zur Verherrlichung Gottes.

Könnte man sagen: Christus erfüllte die Gebote des Gesetzes in voller Konsequenz, ja, bis zum Tode am Kreuz? Christi Gehorsam (Röm 5, 19) wird gerade dem Gesetz gegenübergestellt und steht dazu im Gegensatz (V. 20). Das Gesetz kam lediglich daneben ein, um den Zustand des ersten Adam und seines Geschlechtes um so schärfer ins Licht zu stellen, und das auch nur in Israel („… auf dass die Übertretung überströmend würde“); doch der gesamte Gedankengang in diesem Kapitel ist, dass die Gerechtigkeit nicht allein für die ist, die unter dem Gesetz sind, sondern auch für die, „welche nicht gesündigt hatten in der Gleichheit der Übertretung Adams“ (V. 14). Die Gerechtigkeit wird überall verkündigt, wo „die Sünde überströmend“ wurde (nicht „die Übertretung überströmend“ wurde, V. 20). Die ganze Absicht des Apostels besteht nun gerade darin, das System des Gesetzes (oder irgendeines Gesetzes) ausser Betracht zu lassen. Sicher, der erste Adam übertrat auch ein Gesetz (siehe V. 14), doch dieses „Gesetz“ war nicht von der Art: „Tue dies und lebe“ (d.h. Erwirb Leben als jemand, der tot ist), sondern: „Tue dies, oder stirb“ (als jemand, der lebt). Adam musste nicht gehorchen, um in einem Zustand des Todes das Leben zu erwerben, sondern er musste gehorchen, um das Leben zu behalten, das er bereits hatte und das er durch Ungehorsam verlieren würde.

Nun, ist unsere Gerechtigkeit also eine gesetzliche Gerechtigkeit, nämlich die Gerechtigkeit, die Christus für mich erwarb durch Seine vollkommene Gesetzeserfüllung? Paulus gibt die Antwort darauf: „Denn Moses beschreibt die Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz ist: ‚Der Mensch, der diese Dinge getan hat, wird durch sie leben’. Die Gerechtigkeit aus Glauben ABER sagt also: … ‚Das Wort ist dir nahe, in deinem Munde und in deinem Herzen’“ (Röm 10, 5-8). Hier sind die beiden Gerechtigkeiten einander genau entgegengesetzt und schliessen einander völlig aus. Es geht hier nicht darum, wer die Gerechtigkeit des Gesetzes vollbringt (der Sünder selbst oder Christus für diesen), sondern es geht darum, dass die Gerechtigkeit, die aus Glauben ist, einfach nicht „aus einem Gesetz“ ist, in welchem Sinne auch und aus welchem Gesetz auch immer! So sagt Paulus auch in Römer 3, 21: „Jetzt aber ist, ohne Gesetz (chõris nomu, ausserhalb (jedes) Grundsatzes eines Gesetzes’), Gottes Gerechtigkeit geoffenbart worden, bezeugt durch das Gesetz und die Propheten.“ Das Gesetz zeugt von der Gerechtigkeit Gottes, doch es ist nicht die Grundlage oder der Massstab dieser Gerechtigkeit.

Wir wollen das einmal konsequent durchdenken. Wenn die Gerechtigkeit, die ich empfangen habe, eine gesetzliche Gerechtigkeit ist (nämlich die „aktive Gerechtigkeit Christi“, d.h. Seine vollkommene Gesetzeserfüllung), dann müssen wir gut bedenken, dass:

- diese Gerechtigkeit dann noch immer eine menschliche Gerechtigkeit ist, die nichts mit Gottes Gerechtigkeit (nämlich Seinem Gerechtsein und Gerechthandeln*) zu tun hat;

(*Ich bemerke hier noch, dass Calvins Lehre bereits in ihren ersten Lehrsätzen schief läuft durch seine Behauptung, dass Gottes Gerechtigkeit eine Gerechtigkeit in dem Menschen ist, die vor Ihm rechtsgültig ist, oder dass Er sie dem Menschen geschenkt hat. Warum gilt dies nicht für die Heiligkeit Gottes? Ist das eine Heiligkeit (in dem Menschen), die vor Gott gültig ist, oder ist es Gottes eigene Eigenschaft, dass Er heilig ist? Ist Gottes Barmherzigkeit ein Barmherzig-sein des Menschen, das vor Gott Wert hat, oder ist es Gottes eigene Eigenschaft, dass Er barmherzig ist? Und weshalb ist es anders mit der Gerechtigkeit Gottes? Der Ausdruck weist auf die Eigenschaft in Gott hin, dass Er gerecht ist; jede Abwandlung dieser einfachen Wahrheit führt in Verwirrung.)

- diese Gerechtigkeit doch eine Gerechtigkeit aus (dem) Gesetz ist, nicht eine Gerechtigkeit aus Gott (Phil 3, 9);

- diese Gerechtigkeit an der Geistlichkeit des Gesetzes vorbeigeht (die nicht nur das beinhaltet, was ich tun muss, sondern was ich sein muss);

- diese Gerechtigkeit lediglich aus dem besteht, was ich hätte tun müssen („Tue dies und lebe“) und weiter nichts; eine Gerechtigkeit aus dem Gesetz gibt mir keinerlei Recht auf eine Verbindung mit dem auferweckten Christus (Röm 6, 7f.), auf die Herrlichkeit Gottes (3, 23f; 5, 1f.) und auf das ewige Leben (5, 21), ebenso wenig wie Adam in seinem unschuldigen Zustand ein Recht auf diese Dinge hatte.

Es dreht sich alles darum, dass wir zuerst verstehen müssen, welchen Platz das Gesetz in den Absichten Gottes hatte. Gott erprobte zuerst den Menschen ohne Gesetz (von Adam bis Moses), und der Mensch erwies sich als Sünder. Danach erprobte Gott den Menschen unter dem Gesetz (Israel ab dem Sinai), und der Mensch wurde ein Gesetzesübertreter. Der Mensch hatte keine Gerechtigkeit, weder ohne das Gesetz, noch unter dem Gesetz. Und siehe da, danach offenbarte Gott Seine Gerechtigkeit ausserhalb irgendeines Gesetzes. Und was beinhaltete das? Dass Christus nicht eine menschliche, gesetzliche Gerechtigkeit für mich erwarb, sondern dass Gott in Ihm meinen alten Menschen von Grund auf verurteilte und den neuen Menschen in Seine eigene Gerechtigkeit versetzte (vgl. 2. Kor 5, 21) – in Christus, den himmlischen Menschen, der nun meine Gerechtigkeit ist (1. Kor 1, 30). Dem alten Menschen wird nicht eine Gerechtigkeit zugerechnet, die er selbst nicht hervorbringen konnte – das wäre indirekt eine Verbesserung des alten Menschen -, sondern Gott hat mit dem alten Menschen als solchem vollständig abgerechnet und hat diesen durch einen neuen Menschen ersetzt, der nichts mit dem Gesetz zu tun hat (ob er nun Jude oder Grieche ist), sondern nur mit Gottes eigener Gerechtigkeit. Er ist in und von Christus, und als solcher besteht er nicht mehr für das Gesetz: „Also seid auch ihr, meine Brüder, dem Gesetz getötet worden durch den Leib des Christus, um eines anderen zu werden, des aus den Toten Auferweckten, auf dass wir Gott Frucht brächten“ (Röm 7, 4).

Die Konsequenzen der Lehre der gesetzlichen Gerechtigkeit Christi für uns sind ernster, als viele glauben. Da ist ein Mensch, ein Sünder, der im Fleisch lebt; was er nötig hat (lehrt man), ist eine Gerechtigkeit, die dem Gesetz entspricht. Nun, ein anderer, Christus, hat das Gesetz erfüllt und so eine gesetzliche Gerechtigkeit erworben, die ihm, diesem Menschen im Fleisch, zugerechnet wird; er wird gerechtfertigt dadurch, dass ein anderer das vollbringt, was er selbst hätte tun müssen als Kind Adams, das in dieser Welt lebt und dem Gesetz unterworfen ist – und dann stirbt Christus für diesen gerechtfertigten Menschen!? Welchen Platz und welchen Sinn hat Sein Tod hier? Weshalb Sünden sühnen, wenn sie bereits durch die Gesetzeserfüllung

Christi gutgemacht sind? Warum sterben für jemanden, der bereits vollkommen gerechtfertigt ist? Oder ist es das Blut Christi, das die Sünden dieses Menschen austilgt? Dann aber kann keine Rede sein vom Gutmachen „alles dessen, was in unseren Werken unvollkommen ist“ (wie ich bereits oben Calvin zitierte). Das ist eine lebensgefährliche Formulierung, die den Ernst des Zustandes des ersten Adams unterschätzt. Es geht nicht um Unvollkommenheiten in den Werken des ersten Menschen – Gott sieht Böses an ihm und in ihm und nichts anderes; deshalb starb Christus.

Was ist denn nun meine Gerechtigkeit? Verbesserte Gott den alten Menschen, indem Er ihm diese Gerechtigkeit Christi (nämlich die Gesetzeserfüllung, in der der alte Mensch zu kurz kam) zurechnete? Oder hat Gott den alten Menschen vollständig verurteilt, diesen in den Tod Christi gebracht und an seine Stelle einen neuen Menschen gesetzt, der in Christus vor Gott lebt? Hat Gott durch eine Reihe von Taten Christi meine Verfehlungen im Fleisch gutgemacht, oder hat Gott dem Menschen im Fleisch radikal ein Ende gemacht? Hat Gott den alten Menschen gerechtfertigt, indem Er dessen Unvollkommenheit tilgte, oder hat Gott den alten Menschen zu Tode gebracht? Der neue Mensch hat keine Versäumnisse, die gutgemacht werden müssen, denn Christus ist sein Leben. Entweder gibt es ein Gutmachen der Verfehlungen des alten Menschen; doch dann gibt es keinen neuen Menschen, oder ich bin ein neuer Mensch in Christus; doch dann gibt es keine Verfehlungen mehr, die noch gutgemacht werden müssen, denn Christus ist für mich in der Gegenwart Gottes als meine Gerechtigkeit. Wenn ich fehle, denn das Fleisch ist noch in mir, ist Jesus Christus, der Gerechte, mein Sachwalter (1. Joh 2, 1). Gott mag mich züchtigen, wenn das nötig ist, denn das Fleisch ist in mir – doch ich bin nicht mehr im Fleisch. Wenn es um Gerechtigkeit und um den Richter geht (nicht, wenn es um meinen praktischen Glaubenswandel geht), gilt 4. Mose 23, 21: „Er erblickt keine Ungerechtigkeit in Jakob und sieht kein Unrecht in Israel; Jehova, sein Gott, ist mit ihm, und Jubelgeschrei wie um einen König ist in seiner Mitte.“

Natürlich ist es nicht so, dass das Leben Christi nichts mit meiner Gerechtigkeit zu tun hat. Es ist ausserordentlich wichtig, dass gerade Er, „der Sünde nicht kannte“, es war, der für uns zur Sünde gemacht wurde, damit wir Gottes Gerechtigkeit in Ihm würden (2. Kor 5, 21). Zu dem Geruch Seines vollkommenen Brandopfers auf dem Kreuz gehörte unverbrüchlich der Geruch des vollkommenen Speisopfers Seines Lebens. Er liess vor Gott sehen, was ein vollkommener Mensch ist, und Er liess gegenüber dem Menschen sehen, wer Gott ist – aber es konnte in dieser Hinsicht keine einzige Verbindung mit dem Menschen geben (Joh 12, 24. 32). Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein. Wäre es anders, weshalb sollte es sterben? Wenn die Gesetzeserfüllung Christi mir zugerechnet wird, warum musste Er dann noch meine Sünden tragen? Er vollbrachte dann doch gerade das für mich, worin ich versagte! Mein Versagen wäre dann doch durch das gutgemacht worden, was Er für mich tat!

Ja, aber… es wäre nicht gesühnt worden! „Denn wenn Gerechtigkeit durch Gesetz kommt, dann ist Christus umsonst gestorben“, sagt Galater 2, 21. Doch wenn Christus das Gesetz für mich vollbracht hat, ist die Gerechtigkeit durch das Gesetz und ist Christus umsonst gestorben! Doch Gott sei gepriesen! der Mensch in dem ersten Adam wird als solcher überhaupt nicht gerechtfertigt, sondern der Mensch in dem letzten Adam! Und ich bin in dem letzten Adam und also frei vom Gesetz (Röm 6, 14; 7, 4. 6; 10, 4; Gal 2, 19), habe also niemanden nötig, der für mich das Gesetz erfüllt. Das Gesetz erwirbt im Prinzip eine menschliche Gerechtigkeit für den ersten Adam (Röm 2, 13), doch das hat für mich keine Bedeutung mehr, denn ich bin in dem letzten Adam. Was ich nun habe, ist Gottes Gerechtigkeit in dem letzten Adam. Das Gesetz bringt mir nicht in Christus nachträglich eine gesetzliche Gerechtigkeit, sondern es tut das Umgekehrte. Es beweist die vollständige Hoffnungslosigkeit des ersten Adam. Das Gesetz konnte nur eins tun: mich töten; doch diesen Tod erlitt ich in Christus, und ich bin nun in Ihm, dem letzten Adam. Das Gesetz ist gerecht, rechtfertigt aber nicht und ist nicht für Gerechte, sondern für Ungerechte (1. Tim 1, 8-10). Christus wurde unter dem Gesetz geboren (Gal 4, 4), um die, die darunter waren, zu erlösen, nicht indem Er das Gesetz für sie hielt (obwohl Ihn das mit befähigte, das Erlösungswerk zu vollbringen), sondern indem Er für sie ein Fluch wurde und sie von dem Fluch des Gesetzes freikaufte (Gal 3, 13)!

Der Tod Christi entscheidet alles – doch dieser Tod hat nichts mit dem Gesetz zu tun, denn das Gesetz fordert nicht den Tod eines Gerechten. In Römer 5, wo der erste und der letzte Adam einander gegenübergestellt werden, geht es gerade um diesen Tod Christi und nicht um das Gesetz, wie wir in den Versen 13 f. u. 20 sahen. Diese beiden Familienhäupter werden dort einander gegenübergestellt, nicht um das erste zu verbessern durch das zweite, sondern um durch den Tod das erste durch das zweite zu ersetzen. Eine gesetzliche Gerechtigkeit bedeutet: etwas verbessern an dem ersten Adam. Doch der Gehorsam Christi ist nun das genaue Gegenteil vom Gesetz (V. 19f.). Ich wiederhole: Es dreht sich alles darum, dass wir den richtigen Platz des Gesetzes sehen müssen. Das Gesetz ist nicht der vollständige Ausdruck der Gedanken Gottes – das ist allein Christus. Das Gesetz ist der vollständige Ausdruck dessen, was ein Geschöpf vor Gott sein muss, doch das ist etwas völlig anderes. Sein ganzer Charakter zeigt deutlich, dass Gott es für Ungerechte bestimmt hat (1. Tim 1, 9. 10), denn das ist zu ersehen aus dem wiederholten: „Ihr sollt nicht“. Und selbst dort, wo das Gesetz positiv ist: „Ihr sollt Jehova, euren Gott, lieben“, ist es nicht der Ausdruck des Herzens Gottes. Das Herz Gottes fordert keine Liebe, sondern verlangt nach Liebe, die freiwillig und von Natur gegeben wird, wie Christus sie Ihm schenkte; welch eine Herabsetzung wäre es, wenn wir die Liebe, die Christus als Mensch Gott erwies, lediglich als die Erfüllung der Forderung des Gesetzes betrachten würden!

Und genauso ist es auch für diejenigen, die nun in Christus sind. „Seid nun Nachahmer Gottes, als geliebte Kinder, und wandelt in Liebe, gleichwie auch der Christus uns geliebt… hat“ (Eph 5, 1f.) – was hat das mit der Erfüllung des Gesetzes zu tun? Den anderen zu lieben wie Christus mich geliebt hat, was hat das damit zu tun, dass ich den anderen liebe wie ich mich selbst liebe? „Hieran haben wir die Liebe erkannt, dass er für uns sein Leben dargelegt hat; auch wir sind schuldig, für die Brüder das Leben darzulegen“ (1. Joh 3, 16) – fordert das Gesetz das von mir? Gilt das nicht für solche, für die Christus die Lebensregel geworden ist? (Vgl. Gal 6, 15f; Kol 3, 12-15). Sicher, ich erfreue mich am Gesetz Gottes, und wenn ich liebe, vollbringe ich „en passant“ (im Vorübergehen, beiläufig) das Gesetz Gottes (Röm 13, 8; Gal 5, 14; Jak 2, 8), aber deshalb ist das Gesetz noch nicht meine Lebensregel; das ist es nur für die, die unter den ersten Adam fallen, und formell auch nur für einen Teil von ihnen (nämlich Israel). Meine Lebensregel ist eine weitaus höhere: „Denn ich bin durchs Gesetz (dem) Gesetz gestorben, auf dass ich Gott lebe; ich bin mit Christo gekreuzigt, und nicht mehr lebe ich, sondern Christus lebt in mir“ (Gal 2, 19f.).

Hebe ich damit das Gesetz auf? „Das sei ferne“, sagt Paulus, „sondern wir bestätigen (das) Gesetz“ (Röm 3, 31). Paulus selbst wirft diese Frage auf, weil das Gegenargument aufkommen könnte: Wenn nun die Rechtfertigung überhaupt nichts mit dem Gesetz zu tun hat und allein aufgrund des Glaubens stattfindet, ist dann das Gesetz nicht kraftlos (wirkungslos, ohne Ergebnis) gemacht? Nein, gerade im Gegenteil, antwortet Paulus, denn nur so lässt man dem Gesetz vollkommen Recht widerfahren. Gerade wenn man behauptet, dass unsere Gerechtigkeit letztlich doch eine gesetzliche Gerechtigkeit ist und dass die gerechtfertigte Seele nachträglich das Gesetz vollbringen muss (aus Dankbarkeit oder weshalb auch immer), gerade dann nimmt man das Gesetz nicht völlig ernst. Denn das Gesetz verurteilt den Menschen im Fleisch so vollständig, dass der einzige Ausweg für den Menschen der Tod ist und die Ersetzung des alten Menschen durch den neuen. Wer glaubt, dass durch die Gesetzeserfüllung Christi obendrein die Verfehlungen des alten Menschen getilgt werden könnten, nimmt den Fluch des Gesetzes, den es über den Menschen bringt, nicht ernst. So macht man das Gesetz also kraftlos und ohne Wirkung! Und wer glaubt, dass er sich als Christ unter das Gesetz stellen kann, ohne unter dessen Fluch zu fallen, wenn er es übertritt, macht das Gesetz ebenfalls kraftlos. Ein solcher nimmt den Fluch des Gesetzes ebenso wenig ernst.

Doch die Schrift sagt: „Denn so viele (Gläubige oder Ungläubige) aus Gesetzeswerken sind (welchen Gesetzesgrundsatzes auch immer), sind unter dem Fluche“ (Gal 3, 10). Nicht: so viele das Gesetz übertreten haben, sondern: so viele auf dieser Grundlage stehen; sie sind unter dem Fluch. Gerade derjenige, der einsieht, dass jeder, der auf der Grundlage des Gesetzes steht, notwendigerweise durch das Gesetz verurteilt wird, und dass ein solcher gerade deshalb die Gerechtigkeit Gottes nötig hat, die nichts mit dem Gesetz zu tun hat (Röm 3, 21); gerade derjenige, der einsieht, dass es nach den Massstäben des Gesetzes keinerlei Hoffnung für den ersten Adam gibt (auch nicht durch die Gesetzeserfüllung eines anderen), sondern dass es nur Hoffnung für diejenigen gibt, die durch Glauben in dem letzten Adam sind, gerade der „bestätigt das Gesetz“: Er lässt dem Gesetz völlig Recht widerfahren. Es ist nicht so, dass ich gerechtfertigt werde kraft des Gesetzes, auch wenn es ein anderer ist, der das Gesetz für mich vollbrachte, sondern es geschieht überhaupt nicht aufgrund des Gesetzes (Gal 3, 10f.).Wäre die Gerechtigkeit durch Gesetzeserfüllung, sei es durch meine Werke oder die Werke Christi, dann wäre Christi Tod umsonst gewesen (Gal 2, 21). Doch nun ist Christus gestorben, und auch ich bin dem Gesetz gestorben ( Röm 7, 4. 6; Gal 2, 19), jedoch verbunden mit einem auferweckten Herrn. Ich war als Heide formell allerdings niemals unter dem Gesetz, und nun bin ich ebenfalls nicht unter dem Gesetz, sondern unter der Gnade (Röm 6, 14). Warum soll dann das Gesetz für mich von einem anderen vollbracht worden sein, und warum sollte ich eine Gerechtigkeit nötig haben, die gegründet ist auf Werke des Gesetzes?

Der erste Punkt dieser Lehre ist der, dass sie letzten Endes die Herrlichkeit der Person Christi Selbst berührt, sowohl was Sein Leben, als auch, was Seinen Tod betrifft. Erstens tastet die Lehre die Notwendigkeit und die Allgenugsamkeit des Sühnungstodes Christi an durch die These Seiner stellvertretenden Gesetzeserfüllung und dadurch, dass sie Raum für eine Verbesserung des alten Menschen lässt, wie dargelegt. Doch sie tastet auch die Bedeutung Seines Lebens auf der Erde für Gott an. Ist es denn wirklich so, dass die Gerechtigkeit, die ich einmal vor dem Richterstuhl Gottes besitzen muss, nichts anderes ist als eine Gerechtigkeit des Gesetzes, und zwar die aktive Gerechtigkeit der Gesetzeserfüllung Christi? Ist meine Annehmlichkeit vor Gott nicht mehr als das? Wenn ich angenehm gemacht bin in dem Geliebten (Eph 1, 6), ist der Geliebte dann in dieser Hinsicht lediglich ein Mensch, der vollkommen Gottes Gesetz erfüllt hat? Oder ist dieser Geliebte der Sohn, der den Vater vollkommen verherrlicht hat auf der Erde und das Werk vollbracht hat, das Dieser Ihm gegeben hatte, dass Er es tun sollte (Joh 17, 4)? – Oder will man behaupten, dass dies lediglich das Erfüllen des Gesetzes vom Sinai war? Ein Sohn, der auf die Erde kam, um die Gebote des Vaters zu erfüllen und in Seiner Liebe zu bleiben (Joh 15, 10) – erfüllte Dieser damit lediglich das Gesetz Moses? Und das Gebot des Vaters, dass Er Sein Leben ablegen sollte, um es wiederzunehmen (Joh 10, 17f.) – war das ein Gebot aus dem Gesetz vom Sinai? Ich habe dieses Kapitel mit diesem Argument begonnen, und ich ende auch damit, denn nichts ist wichtiger, als was die Herrlichkeit Christi berührt.

Nein, die Schrift sagt nicht, dass mir die (gesetzliche) Gerechtigkeit Christi zugerechnet wird, sondern dass Christus meine Gerechtigkeit ist – und welch ein Christus! Das ist Derjenige, der in Seinem Leben und in Seinem Sterben vollkommen den Vater verherrlicht hat; der einen heiligen und gerechten Gott auf dem Kreuz verherrlicht hat, gerade an dem Platz, wo das Gericht über die Sünde Ihn traf; der auferweckt wurde durch die Herrlichkeit des Vaters (Röm 6, 4) und dem der Vater Seine Gerechtigkeit dadurch erwies, dass Er Ihn im Hause des Vaters verherrlichte (Joh 16, 10. 14; vgl. 13, 1. 32; 14, 2; 17, 1. 5). Ich darf auf alle diese Herrlichkeit sehen und wissen: Dieser Christus ist mein Leben. Nicht Seine Gesetzeserfüllung tilgte meine Verfehlungen, Er starb für meine Verfehlungen. Er erfüllte nicht das Gesetz für mich, sondern Er trug den Fluch des Gesetzes für mich. Durch Sein Leben vervollkommnete Er nicht meinen alten Menschen, sondern durch Sein Sterben wurde ich ein neuer Mensch; denn mein alter Mensch ist mit Ihm gestorben, und ich bin nun in dem letzten Adam. Ich bin in Ihm, dem auferweckten Herrn, und Er ist mein Leben.

Für Gott geht es nicht um die Frage, ob Er eine gesetzliche Gerechtigkeit bei mir sieht, sondern ob Christus Gestalt in mir annimmt (Gal 4, 19; vgl. 2, 20). Für Gott ist nur eine Person wichtig: Christus. Nicht nur ein Christus, der das Gesetz erfüllte (obwohl Er das vollkommen tat), sondern der Gott verherrlichte am Platz des Gerichtes. Christus, der Sohn des Menschen, der zur Rechten Gottes sitzt, der Sohn des Vaters, der im Schoss des Vaters ist, ist alles für das Herz des Vaters. Doch Gott sei gepriesen! Ich bin in dieser Person, und Er ist mein Leben; in Ihm bin ich vor Gott angenehm. Ich bin der Sünde gestorben (Röm 6) und dem Gesetz gestorben (Röm 7), und was nun mein Leben im Fleisch betrifft, lebe ich durch den Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und Sich Selbst für mich hingegeben hat (Gal 2, 20).

Übersicht über einige Ausdrücke

Gerechtigkeit Gottes: Das Gerecht-sein und gerechte Handeln Gottes.

Gerechtigkeit aus Gott: Das Gerecht-sein des Menschen nach der Rechtfertigung durch Gott aufgrund der Vergebung durch das Blut Christi und einer Verbindung mit dem durch Gott auferweckten Christus.

Gerechtigkeit aus (dem) Gesetz: Das Gerecht-sein des Menschen aufgrund der vollkommenen Erfüllung der Werke des einen oder anderen Gesetzes.

Gerechtigkeit des Glaubens: Die Gerechtigkeit aus Gott (s.o.), die jemand durch den Glauben an Gott hat.

Rechtfertigung aus Glauben: Gerechterklärung durch Gott aufgrund des Glaubens an die sündentilgende Kraft des Blutes Christi und des Glaubens an Gott, der Christus auferweckt hat und uns als lebend in Ihm vor Sich sieht.

Rechtfertigung des Lebens: Gerechterklärung durch Gott aufgrund eines neuen Zustandes als gestorben mit Christus und lebend vor Gott in dem auferweckten Christus.

Jemandem seinen Glauben zur Gerechtigkeit rechnen: Erklären, dass jemand Gerechtigkeit besitzt (= jemanden für gerecht erklären) aufgrund seines Glaubens.

Jemandem Gerechtigkeit zurechnen: Jemand für gerecht erklären (siehe voriges).

Wir sind Gerechtigkeit Gottes in Christus: Wir sind die Frucht des gerechten Handelns Gottes uns gegenüber aufgrund dessen, was Christus für uns vollbracht hat und aufgrund unserer Verbindung mit Ihm.

Christus ist unsere Gerechtigkeit: Christus und Sein Werk bilden die Grundlage und den Charakter der Gerechtigkeit, die wir nun durch den Glauben besitzen.

Anhang

In diesem Schlussteil werden wir kurz der Bedeutung verschiedener Begriffe nachgehen, die im Zusammenhang mit unserem Thema im griechischen Neuen Testament vorkommen. Solch eine Studie ist immer unentbehrlich, zumindest, wenn wir die verwendeten Worte sauber und sorgfältig gebrauchen und auslegen wollen.

Das Grundwort ist díkä, das abgeleitet ist von deíknymi, „zeigen, andeuten, beweisen“, und deshalb ursprünglich bedeutete: „das Stellen oder Richten, das Gestellte oder Gerichtete, Art, Weise“, und daher: „Sitte, Gewohnheit, Gebrauch, normaler Verlauf“, usw. Von daher entwickelte sich das Wort zu: „das juristisch Gestellte, der juristische Gebrauch“, also „das Recht“; daher: „Rechtsspruch, Gerichtsverhandlung, Prozess“, und schliesslich: „Rechtsprechung, Urteil“, und zwar in dem Sinn von „Strafe“. In dieser Bedeutung kommt das Wort zweimal vor im Neuen Testament, und zwar in 2. Thessalonicher 1, 9 und Judas 7; in einigen Handschriften kommt das Wort auch in Apostelgeschichte 25, 15 vor, und zwar in demselben Sinn („Verurteilung“). Das dritte und letzte Mal kommt das Wort in Apostelgeschichte 28, 4 vor, und zwar als eine Bezeichnung für die „Göttin der Vergeltung“, die strafende Gerechtigkeit (dasselbe wie die lateinische „Frau Justitia“).

Von díkä ist an erster Stelle das Eigenschaftswort díkaios abgeleitet, das, wie aus dem Vorangehenden verständlich ist, anfänglich Personen bezeichnete, die bestimmte Gewohnheiten und Rechte beachteten; daher: „gerecht“. Dieses Wort kommt viele Male im N.T. vor und wird gebraucht in bezug auf Gott, auf Christus, auf Menschen und auf Dinge (wie Blut, Gericht, Tat, Gebote, Wege). In Römer 3, 8 und Hebräer 2, 2 kommt das verwandte Wort éndikos vor, das die Beachtung des Rechtes beim Fällen eines Urteils bezeichnet. Diese Worte für „gerecht“ haben als Nebengedanken: „berechtigt, begründet, ehrlich, unparteiisch, vorurteilsfrei; nach gutem Gebrauch, wie es sich gehört“.

Das von díkä abgeleitete Tätigkeitswort díkaióo bedeutet primär: „als recht erweisen“ (vgl. oben deíknymi), also: „rechtfertigen, gerechtsprechen“. Im Neuen Testament wird dieses Wort mit dieser Bedeutung in zweierlei Sinn gebraucht: (a) beweisen oder erklären, dass etwas gerecht ist (z.B. Mt 11, 19; Röm 3, 4; 1. Tim 3, 16); so wird z.B. Gott von dem Menschen „gerechtfertigt“ (Lk 7, 29) oder „rechtfertigt“ der Mensch sich selbst (Lk 10, 29; 16, 15); (b) etwas für gerecht erklären, was es zuvor noch nicht war, nämlich den zuvor sündigen Menschen (durch Gott); die Formen und Bedeutungen, in denen das Wort als solches vorkommt, sind auf den vorigen Seiten dargelegt. Formell ist „Rechtfertigung“ der gerichtliche Ausspruch eines Richters: sie ist völliger Freispruch und Rehabilitierung.

Von dem Tätigkeitswort sind drei Hauptwörter abgeleitet. Erstens dikaiosýnä, „das, was richtig ist“, das gewöhnliche Wort für „Gerechtigkeit“. Dies ist im N.T. im Besonderen eine Eigenschaft Gottes und deutet also auf das Konsequente Seiner Handlungen, die immer vollkommen in Übereinstimmung sind mit Seinem Wesen, das Licht und Wahrheit ist (siehe den ersten Teil dieses Heftes). Siehe z.B. auch, wie Christus das Wort im Anfang von Matthäus gebraucht, nämlich als (a) das, was „richtig“ in sich selbst ist nach dem Willen Gottes (5, 6. 10. 20); (b) das von Gott als zu tun Angewiesene (3, 15); (c) die Summe aller Forderungen Gottes (6, 33); (d) religiöse Pflichten (6, 1). Kurzum: „das, was nach Recht und Wahrheit getan werden sollte“, gemäss Gottes Massstäben und Wesen.

Das zweite abgeleitete Hauptwort ist dikaíosis, das dem Tätigkeitswort am nächsten kommt, also: „das Gerechterklären von etwas“; dies ist das gewöhnliche Wort für „Rechtfertigung“. (Ursprünglich hatte es die mehr allgemeine Bedeutung von „Verteidigung vor dem Richter“, und umgekehrt: „gerichtlicher Urteilsspruch“, sogar in dem Sinn von „Verurteilung, Bestrafung“; vgl. díkä). Im N.T. kommt das Wort nur zweimal vor, nämlich in Römer 4, 25 und 5, 18.

Das dritte Wort ist dikaíoma, das man im grossen und ganzen umschreiben könnte als „eine bestimmte Äusserung des Rechtes“, und zwar in dreierlei Sinn: (a) eine Verordnung, eine „gerechte Forderung“ (Lk 1, 6 und Hebr 9, 1. 10: „Satzung“; Röm 1, 32: Gottes „gerechtes Urteil“ oder „Rechtsforderung“; 2, 26: „Rechte“ des Gesetzes; 8, 4: „Recht“ oder „gerechte Forderung“ des Gesetzes); (b) „Rechtfertigung“ (als Erfüllung der Rechtsforderung; siehe unten) (Röm 5, 16); (c) eine „gerechte Tat“ (Röm 5, 18; Offb 15, 4; 19, 8).

Es ist interessant, dass Worte, die (wie diese) von dem Perfekt Passiv eines Tätigkeitswortes abgeleitet sind, ihre Bedeutung von der Person herleiten, von der sie abgeleitet sind. Die erste Person (die dem abgeleiteten Wort die Endsilbe –ma gibt) deutet auf die objektive Sache oder Handlung hin; die zweite Person (-täs) auf denjenigen, der handelt. Um mit dem letzten zu beginnen: dikaiótäs (das übrigens nicht im N.T. vorkommt) bedeutet daher „Richter“, dikaíosis bedeutet „das Rechtfertigen“, während dikaíoma auf die objektive Summe des „Rechtes“ hinweist, das ich vollbringen muss, um gewissermassen Gerechtigkeit zu erwerben; daher die Verbindung dieses Wortes mit dem Gesetz, aber auch dessen „Vollbringen“ durch die Heiligen (Offb 15 und 19). Ebenso sagt Römer 5, 16, dass die Gnadengabe „von vielen Übertretungen zur dikaíoma“ ist, d.h. vollständig dem entspricht, was von mir gefordert wird, damit ich vor Gott gerecht bin; also nicht die Handlung des „Rechtfertigens“ selbst, sondern die Summe des Rechtes, das für mich erfüllt werden musste, wenn ich vor Gott gerecht sein wollte. Dikaiosýnä ist das, was die Sache in sich selbst ist, in abstraktem Sinn; es bezeichnet das, was jemand hat, wenn er gerecht(fertigt) ist.

Um es noch etwas schärfer auszudrücken, nenne ich noch einmal die vier in Römer 5, 16-18 gebrauchten Wörter.

(1) V. 16: dikaíoma: die Summe der zu erfüllenden Rechtsforderungen, damit ein Mensch gerechtfertigt werden kann;

(2) V. 17: dikaiosýnä: „die Gabe der Gerechtigkeit“, d.i. ein Genitivus subjectivus und bedeutet also das, was Gott mir nach Seiner Gerechtigkeit gibt aufgrund dessen, was ich in Christus bin;

(3) V. 18a: dikaíoma: eine Tat zur Erfüllung der Rechtsforderung Gottes;

(4) V. 18b: dikaíosis: „Rechtfertigung des Lebens“: die Handlung des Rechtfertigens, die, da ich mich in einer neuen Stellung befinde, nämlich auf der anderen Seite des Todes, durch „Leben“ charakterisiert wird, da Christus auferweckt ist.

Zum Schluss noch etwas über die gebrauchten Verhältniswörter und die gebrauchten Zeiten. „Rechtfertigung“ ist:

- „(durch) Glauben“ (Röm 3, 28) (gewöhnlicher Dativ, ohne Verhältniswort): Glaube ist es, der mich rechtfertigt.

- „durch Glauben“ (Röm 3, 22) (dia+Genitiv: „mittels des“): Glaube ist das Mittel, wodurch ich gerechtfertigt werde.

- „aus Glauben“ (Röm 3, 26. 30; 5, 1; Gal 3, 8. 24) (ek+Genitiv: „aus, aufgrund von“): Glaube ist die Grundlage, auf der ich gerechtfertigt werde.

- „(durch) Gnade“ (Röm 3, 24; Tit 3, 7) (Dativ ohne Verhältniswort): Gnade ist es, die mich rechtfertigt.

- „durch sein Blut“ (Röm 5, 9; vgl. 3, 25) (en+Dativ: „in der Kraft des“): Es ist kraft des Blutes, dass ich gerechtfertigt werden kann.

- „in Christus“ (Gal 2, 17) (en+Dativ): Es ist kraft dessen, was Christus ist und getan hat, dass ich gerechtfertigt werden kann.

Sehr wichtig ist das Verhältniswort dia (nun mit Akkusativ) in Römer 4, 25: „unserer Übertretungen wegen dahingegeben und unserer Rechtfertigung wegen auferweckt“. Der erste Teil dieses Satzes gibt keine Schwierigkeiten (wegen der Übertretungen, die wir getan hatten, wurde Christus dahingegeben), doch der zweite Teil wohl. Das Problem ist: Wurde Christus auferweckt, weil wir durch Seinen Tod gerechtfertigt waren, oder wurde Er auferweckt, damit wir dadurch gerechtfertigt werden könnten? Ich bin von dem zweiten überzeugt, und zwar aus einem lehrmässigen Grund (wenn wir nämlich bei der Auferweckung Christi bereits gerechtfertigt waren, würde dies den Glauben ausschliessen) wie auch aus einem sprachlichen Grund: dikaíosis kann nicht passivisch aufgefasst werden („wegen unseres Gerechtfertigtseins“), sondern hat eine aktivische Bedeutung: es ist das aktive Tun einer Sache, nicht eine bereits getane Sache. Wir müssen das Verhältnis hier also praktisch auffassen als: „zu unserer Rechtfertigung“, allerdings nicht in dem Sinn von eis; die wahre Bedeutung scheint mir zu sein, dass dia hier das „Warum“ der Auferweckung angibt: Es geschah, um uns rechtfertigen zu können, sobald wir glauben würden. Hätte der Apostel gemeint: „wegen unseres Gerechtfertigtseins“, dann hätte er geschrieben: dia to dikaiothänai (oder vielleicht dedikaiosthai) hämas, welche Form wir im Grundsatz wohl in 5, 1 wiederfinden, und die dort auch verständlich ist.

Schliesslich eine Eigenart im Gebrauch der Zeiten, die ich mit einem einzigen Beispiel zur Illustration der prächtigen Nuancierung in der griechischen Sprache veranschauliche. „Gerechtfertigt“ kommt in folgenden Zeitformen vor:

- Präsens (z.B. Röm 3, 24. 26. 28): Dies deutet auf eine Handlung hin, die beständig fortdauert oder sich immer wiederholt, und zwar in der Gegenwart: Unter allen, die gesündigt haben, gibt es immer wieder neue, die durch Gottes Gnade gerechtfertigt werden (V. 24). Manchmal drückt das Präsens eine Handlung aus, die man gerne tun würde: „So viele ihr im Gesetz gerechtfertigt werdet (oder: werden wollt)“ (Gal 5, 4).

- Aorist (z.B. Röm 5, 1. 9): Dieser deutet auf eine Handlung hin, die in einem bestimmten Augenblick in der Vergangenheit stattfand und damals auch abgeschlossen wurde: Wir sind in einem bestimmten Augenblick in der Vergangenheit ein für allemal gerechtfertigt worden aus Glauben (V. 1).

- Perfekt (Römer 6, 7; 1. Kor 4, 4): Dies ist sozusagen eine Art Kombination des Präsens und des Aorist; es deutet darauf hin, dass etwas, das einmal in der Vergangenheit zustande kam (einen Anfang nahm), in der Gegenwart noch ununterbrochen fortdauert und gültig ist: Wer gestorben ist, ist ab diesem Augenblick und ununterbrochen allezeit gerechtfertigt von der Sünde, d.h. in einem Zustand, worin er juristisch völlig freigesprochen von der Sünde ist (Röm 6, 7).

Zum Vergleich des Präsens mit dem Aorist drei Schriftabschnitte: (a) Römer 4, 2 und 5: Abraham ist (einmal in der Vergangenheit) nicht durch Werke gerechtfertigt worden (Aor.), sondern durch Glauben, und zwar durch Den, der (immer wieder) die Gottlosen rechtfertigt (Präs.); (b) dieselbe Situation haben wir in Römer 8, 30 (Aor.) und 33 (Präs.); (c) Galater 2, 16a. 17: Wir wissen, dass der Mensch nicht (wann auch immer) gerechtfertigt wird (Präs.) aus Werken des Gesetzes; wir suchen, in Christus gerechtfertigt zu werden (Aor.), d.h. wir suchen einen Zustand zu erreichen, in dem die Rechtfertigung als eine einmalige Tatsache aus der Vergangenheit hinter uns liegt (also nicht: allmählich immer weiter oder immer wieder aufs Neue gerechtfertigt zu werden). Gott rechtfertigt immer wieder aufs Neue, nämlich stets andere Menschen; doch wir sind einmal in der Vergangenheit gerechtfertigt worden.


Abschrift: Anita L.