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Kapitel 5

In diesem Kapitel haben wir die Linie, in der das göttliche Licht und Zeugnis zu finden sind; Kains Nachkommen werden hier überhaupt nicht beachtet.

Keiner der hier genannten Männer starb, bevor er nicht sein

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Christ und Politik

Der Christ und Politik: Eine Frage des heilsgeschichtlichen Denkens

1. Hat der Gläubige einen Auftrag zum politischen Einfluss in der Gesellschaft?

1.1 Ziel des Artikels

In den letzten Jahren wird die Debatte in konservativen, bibeltreuen Kreisen nach der rechten Theologie geführt, ob es einen Bund Gottes mit der Menschheit gibt, der seit Noah bzw. Adam besteht und sich bis ins Neue Testament fortentwickelt hast, oder ob es unterschiedliche Bündnisse gibt, die heute noch parallel weiter bestehen. Auf dem ersten Blick ergibt sich aus dieser theologischen Debatte kaum eine praktische Relevanz. Beim näheren Hinsehen wird deutlich, dass die Frage nach dem Auftrag zu politisch-gesellschaftlichen Einfluss des einzelnen Gläubigen oder gar der Gemeinde bzw. Kirche aus dem entsprechenden theologischen Fundament ableitet. Besteht ein einziger Bund Gottes mit der Menschheit, so haben die Zeitabschnitte, in denen Gott über die Richter und Könige Israels im Alten Testament regierte, auch für uns Christen heute eine praktische Relevanz. Auf diese Weise wurde in der Geschichte der Gemeinde Jesu bzw. der Menschheit ein Auftrag zur Herrschaft der Kirche abgeleitet. Wenn jedoch der Herrschaftsauftrag der Richter und Könige Israels einem anderen Bündnis  zuzuordnen ist, so kann man für die Gemeinde als Ganzes und auch für den einzelnen Gläubigen kein politisches Mandat in dieser Zeit ableiten, denn im Neuen Testament gibt es weder Anweisungen noch Beispiele einer christlichen Regierung bzw. Politik.

Ich möchte jedoch deutlich machen, dass die, die die Bündnistheologie, d.h. die den Bund Gottes mit den Menschen als eine Einheit von Adam bis zur Gemeinde sehen,  als biblisch vertreten, nicht unbedingt christliche Parteien gründen oder gar eine christlich-theokratische Herrschaft aufrichten wollen. Die Bündnistheologie bereitet jedoch den theologischen Boden, mit dem Gläubige begründen können, warum Christen politischen Einfluss auf die Gesellschaft nehmen dürfen oder gar müssen. Auf unsere Zeit und unsere Situation übertragen stellt sich die Frage, ob wir z.B. uns dafür einsetzen sollen, dass Homosexuelle nicht heiraten dürfen, das Schulgebet wieder eingeführt werden soll oder aus der Bibel ableitbare ethische Prinzipien in der Politik durchgesetzt werden sollen bis dahin, ob wir durch „gerechte Kriege“ Unrechtsregimes beseitigen sollen.

Wenn wir uns die Lehrbriefe des Neuen Testaments ansehen, dann fordert uns Paulus auf, nicht die zu richten, die draußen sind, denn diese wird der Herr richten (1. Kor. 5,12a). Wir haben demnach weder ein Mandat noch einen Auftrag Gottes, in unserer Gesellschaft biblisch-ethische Prinzipien durchzusetzen und z.B. dafür zu kämpfen, dass z.B. die Homo-Ehe abgeschafft und die Abtreibung verboten wird. Auch brauchen wir uns nicht in die Debatte einzumischen, ob an öffentlichen Gebäuden Kruzifixe an die Wand gehängt werden sollen oder der Buß- und Bettag als Feiertag wieder eingeführt werden soll. Wir können uns auf unseren Auftrag konzentrieren, den Menschen das Evangelium weiterzusagen, allen Menschen Gutes zu tun und für unsere Regierenden beten, gleich welcher Ideologie, Religion oder Philosophie sie folgen.

Die Frage nach dem Auftrag zum politischen Einfluss der Gemeinde bzw. Kirche Jesu Christi ist demnach abhängig von der Theologie der Bündnisse Gottes. Sollte sich in unseren Gemeinden die Bündnistheologie durchsetzen, dann werden möglicherweise künftige Generationen in unseren Gemeinden die Frage nach dem Auftrag zur politischen Macht stellen, da die Vorbilder der Bündnistheologie: die Reformatoren bzw. die Kirchenväter der katholischen Kirche diese propagierten und auch nutzten. Der Anspruch von Gläubigen nach politischem Einfluss und Macht, wie er auch heutzutage in den USA gelebt und praktiziert wird, bringt uns Gläubige in Europa in die Defensive, wo Humanisten den Einfluss einer christlichen Politik, wie sie in den USA dargestellt wird, befürchten und demnach auch bekämpfen. Deshalb möchte ich mit der Widerlegung der Bundestheologie deutlich machen, dass die Gemeinde Jesu weder Auftrag noch Mandat hat, Andersdenkende mittels politischer Macht zu einem christlichen Verhalten zu zwingen bzw. auf diese Weise deren Bekehrung zum Christentum zu erwirken. Die persönliche Annahme des christlichen Evangeliums ist immer eine freiwillige Angelegenheit des einzelnen Menschen, die niemals unter politischen Druck erfolgen darf. Auch sollten Christen niemals darauf hinwirken, dass ein Andersdenkender christliche Symbole annehmen und christliche Feiertage und Bräuche halten muss. Wir, die Gemeinde Jesu werden ohne unseren Herrn Jesus Christus auf dieser Erde nie zur Herrschaft kommen, sondern die Herrschaft gebührt alleine unserem Herrn und König Jesus Christus!

 

1.2 Bündnistheologie: Rechtfertigung für eine Israel-feindliche Haltung?

Ich bin vor einigen Jahren auf die Internet-Seite: http://www.dispensationalismus.de (Heute wird man über diese Adresse auf eine Gemeinde bei Bielefeld geleitet, die Seiten befinden sich aber noch unter:http://betanien.de/verlag/material/index.php?kategorie=Eschatologie Stand: 23.12.2011) gestoßen, in der prinzipiell behauptet wird, dass die „dispensationalistische Sicht“ der Heilszeitalter sowie der Endzeitereignisse ein menschliches, theologisches System ist, das sich nicht aus dem unvoreingenommenen Lesen der Bibel ergibt, sondern Aussagen in die Bibel hineininterpretiert, die dort nicht wirklich stehen. Die „Brüder“, aber auch viele andere Gemeinderichtungen haben demnach ein Lehrsystem entwickelt, in dem sie eine Heilslehre sowie Endzeitereignisse entfalten, die so die Bibel nicht belegt. Es geht hierbei u.a. um folgende Fragen:

  • Hat Israel bzw. das Volk der Juden noch eine heilsgeschichtliche Bedeutung?
  • Wird Gott den Bund mit Israel (Abraham, Jakob, David) wieder herstellen, das israelitische Volk im Land der Väter sammeln und der Welt als sein erwähltes Volk darstellen?
  • Gibt es eine Entrückung der Gläubigen, die Herrschaft des Antichristen, die „große Trübsal“ und das tausendjährige Reich in der Zukunft?
  • Wird Gott seine Bündnisse mit Israel nachdem die Gemeinde entrückt ist, wieder herstellen?
  • Wird es in Jerusalem einmal wieder einen jüdischen Tempel geben, in dem geopfert wird?
  • Ist der moderne Staat Israel die Erfüllung der Verheißung, dass Gott Israel im Land der Väter wieder sammeln wird oder ist der Zionismus nur eine zeitgeschichtliche Episode ohne heilsgeschichtliche Bedeutung?

Diese Fragen sind auf den ersten Blick nicht sehr praktisch, und man kann durchaus der Meinung sein, dass es für den persönlichen Alltag nicht wirklich von Belang ist, ob es z.B. noch ein tausendjähriges Reich geben wird oder nur ein allgemeines Endgericht am Ende der Welt oder ob das moderne Volk der Juden im Staat Israel eine heilsgeschichtliche Bedeutung hat oder nicht. Gewiss beurteilen wir die aktuelle politische Situation im Nahen Osten in einem anderen Blickwinkel, wenn wir den modernen Staat Israel und dessen Entstehung und Geschichte eine heilsgeschichtliche Bedeutung beimessen oder nicht. Dies kann im Extremfall dazu führen, dass man alles, was die israelische Regierung tut für gut heißt und Meinungen vertritt, die in Israel selbst als „rechtsaußen“ gelten würden. Wenn wir uns jedoch alleine unseren Herrn Jesus auf der Erde und die Lehre der Apostel als Grundlage für politisches Handeln sehen, dann haben wir weder Mandat noch Auftrag, in unserem Land eine israelfreundliche Politik durchzusetzen. Folgen wir der Bündnistheologie, so haben sich die Verheißungen der Bibel an das Volk Israel in der christlichen Gemeinde bzw. Kirche erfüllt und das moderne Israel hat keine heilsgeschichtliche Bedeutung. Demnach wird der Nahostkonflikt auf rein pragmatische Weise beurteilt, was nicht unbedingt heißt, dass man mit der Bündnistheologie die Sichtweise der Hamas-Bewegung zu Israel übernimmt. Die Frage des Existenzrechts Israels, eines Staatsgebiets für die Palästinenser sowie die Existenz jüdischer Siedlungen in arabischen Gebieten wird rein sachpolitisch ohne Bezug zur biblischen Lehre beantwortet.

Ich möchte bewusst die heilsgeschichtliche Bedeutung des heutigen Israels nicht weiter thematisieren und an dieser Stelle deutlich machen, dass ein Gläubiger, der der Bündnistheologie folgt, nicht notwendigerweise ein Antisemit ist oder gar „ein Verbrechen an Israel begeht“. Mir geht es eher darum zu klären, ob nach der Lehre der Bibel der gläubige Christ und Nachfolger unseres Herrn Jesus Christus überhaupt einen Auftrag hat, politisch aktiv zu sein und in dieser Zeit politische Verantwortung zu übernehmen. Wenn der Gläubige aufgrund der heilsgeschichtlichen  Denkweise dem heutigen Israel eine heilsgeschichtliche Bedeutung beimisst, dann kann er aber genauso wenig aus dem Neuen Testament alleine ein politisches Mandat ableiten, um „Israel beizustehen“. Demnach halte ich es für inkonsequent, politischen Einfluss zu erstreben, um eine israelfreundliche Politik durchzusetzen. So geht es mir in diesem Artikel viel mehr um die Frage, ob der Christ überhaupt ein Mandat zum politischen Einfluss überhaupt besitzt und weniger zu klären, ob das moderne Judentum eine heilsgeschichtliche Bedeutung hat.

1.3 Die Bündnistheologie: Auftrag zur Herrschaft der christlichen Kirche

Worin besteht nun die praktische Relevanz der Frage, ob es der Bund Gottes mit Israel und der Gemeinde zwei parallel existierende Heilswege sind, oder ob der Bund Gottes mit Israel in den mit der Gemeinde aufgegangen ist? Wenn es nur einen „Gesamtbund“ Gottes mit den Menschen seit Noah oder gar Adam gibt, der sich nach und nach weiterentwickelt hat, dann ist die Botschaft der Bibel scheinbar voller Widersprüche, insbesondere bei den Passagen, in denen Gott Mose, Josua sowie den israelitischen Richtern und Königen befahl, ganze Völker mit Mann, Frau, Kind, Greis und auch das gesamte Vieh auszurotten. Nach dem heutigen moralischen Verständnis ist das Völkermord. Offensichtlich aber ist ebenso, dass Jesus in der Bergpredigt einen völlig anderen Umgang mit den Feinden lehrte: Nämlich die andere Wange hinzuhalten und auf Unrecht nicht mit Rache zu reagieren. Wie passt das zusammen? Welche praktische Anwendung für mein persönliches Leben als Christ haben die Aufforderungen, feindliche Völker zu bekriegen und mit Mann, Frau, Kind und Greis auszurotten? Wie passt das zusammen mit der neutestamentlichen Aufforderung in z.B. in Röm. 12,17-21, wo es heißt, dass wir von persönlicher Rache Abstand nehmen und sogar unseren Feinden Gutes tun sollen? Welche aktuelle praktische Anwendung für den Christen ergibt sich aus den Abschnitten, bei denen Gott den israelitischen Führern befahl, seine Gerichte auszuführen (1. Sam. 15,1-3)? Haben demnach auch christliche politische Führer nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht, „gerechte Kriege“ zu führen und die Gesellschaft nach christlichen Maßstäben mittels politischer Macht zu gestalten? Umgekehrt können oder gar müssen wir aus der Bergpredigt ein politisches Programm machen, wie es Franz Alt vorgeschlagen hat?

In der Tat musste die Bibel herhalten, um die schlimmsten Verbrechen wie Mord, Staatsterror, Raub, ja sogar Kriege und Völkermord zu rechtfertigen. Spricht man mit einem Humanisten, so werden in erster Linie die unmoralischen Christen, aber auch der unmoralische Gott angeklagt, der befohlen hat, ganze Völker auszurotten. Das überzeugendste und erste Argument der Humanisten und Atheisten, das Evangelium zu verwerfen ist, dass sie sich allem Kirchlichen und Christlichen moralisch überlegen fühlen. Der Humanist sieht sich nicht nur den bekennenden Christen, sondern ebenso dem Gott der Bibel moralisch überlegen, der u.a. König Saul befahl, ein ganzes Volk auszurotten.  Hieraus folgern sie, dass die Christen mit politischer und ggf. auch militärischer Macht bereit sind, den christlichen Glauben nach dem Motto zu verbreiten: „Willst du nicht mein Bruder sein, so schlage ich dir den Schädel ein“.

Wo die Kirche in der Geschichte mächtig war, und in den Regionen, wo sie heute auch mächtig ist, sieht sie den Auftrag, mit politischer Gewalt den christlichen Glauben durchzusetzen. Wer nicht spurt, wurde in der Geschichte auf brutalste Weise bestraft, gar hingerichtet. Es trifft für alle großen christlichen Kirchen leider zu, dass da, wo die Kirche die absolute Macht hatte, diese Macht auch entsprechend ausgelebt wurde. Könige und Regenten, die ihr Amt unter „Gottes Gnaden“ begründet haben, haben Menschen unterdrückt und ausgebeutet, Andersdenkende hingerichtet und viele blutige, „gerechte“ Kriege, oftmals gegen andere christliche Völker geführt, die wiederum mit ähnlicher Motivation handelten. Somit begründen die Humanisten die Blutrünstigkeit der bekennenden Christen, dass auch deren Gottesvorstellung entsprechend blutrünstig ist. Gerne zitieren Atheisten Passagen aus Josua, Richter und den Samuel-Büchern, um zu begründen, warum sie nicht an den Gott der Bibel glauben können.

Wie passen nun einerseits die Aufforderungen im Alten Testament, Kriege zu führen und Feinde zu bekämpfen zusammen mit Aussagen der Bergpredigt und dem Römerbrief, die Feinde zu lieben und denen, die Böses tun mit Gutem zu begegnen? Offensichtlich ging der Christ mit persönlichen Feinden im Alltag eher „neutestamentlich“ und in politischer Verantwortung eher „alttestamentlich“ um. Auf diese Weise konnten bekennende Christen im Alltag sehr höflich, mitmenschlich und zuvorkommend sein, gleichzeitig aber als Befehlsempfänger einer angeblich von Gottes Gnaden eingesetzter Regierung  unbekannte Menschen erschießen und die schlimmsten Grausamkeiten begehen. Wenn es nun einen einzigen Bund Gottes mit den Menschen seit Noah bzw. Adam gibt, dann haben wir eine Theologie, mit der Politiker, die bekennen, gläubige, wiedergeborene Christen zu sein (und wahrscheinlich auch sind) begründen, in der Welt „gerechte Kriege“ zu führen. Auch die Verbrechen und Massaker im Namen Jesu Christi geschahen und nach wie vor geschehen gehen auf ein Verständnis zurück, mit dem man der Gemeinde bzw. Kirche die Macht zugesteht, das Böse in der Welt ähnlich der israelitischen Könige zu richten.

Somit ist eine wesentliche praktische Schlussfolgerung der Bundes-Theologie, ob und in wie weit sich der Christ politisch engagieren darf, soll oder gar muss. Welche heilsgeschichtliche Bedeutung bzw. Auftrag hat die von „Gottes Gnaden“ eingesetzte Regierung? Wenn die von Gott eingesetzten Regenten Befehle erteilen, Kriege zu führen bzw. Urteile zu vollstrecken, haben wir als Ausführende nicht unbedingt moralische Verantwortung, sondern sie gilt nur der Regierung, die die Befehle erteilt hat. Aus diesem Grund  bekannten etliche überführte Kriegsverbrecher des Dritten Reiches oftmals, dass sie nur Befehle ausgeführt haben. Die Aufgabe des Dieners der von Gottes Gnaden eingesetzten Regierung ist demnach zu gehorchen während die Regierung sich vor Gott verantworten muss, die die Befehle erteilt. In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg entstand der Konsens, dass der Einzelne sich seiner moralischen Verantwortung nicht entziehen kann, davor galt jedoch der Grundsatz, dass die moralische Verantwortung in erster Linie nur dem gilt, der den Befehl erteilt hat: So konnten unsere Großväter, die im Alltag aufrechte, fleißige und ehrliche Menschen waren mit gutem Gewissen im Auftrag der Regierung die schlimmsten Grausamkeiten begehen.

1.4 Die Ernüchterung nach dem Zweiten Weltkrieg, Auftrag zu einer neuen christlichen Politik?

Der zweite Weltkrieg mit allem, was folgte führte zumindest in Europa dazu, sich vom „Gottesgnadentum“ der Regierenden zu verabschieden und gab dem einzelnen Menschen die moralische Verantwortung für alle Dinge, die er tat, auch wenn die Regierung es befahl. Für viele Menschen in unserem Land beinhaltet „gelebtes Christentum“ jedoch weiterhin die Herrschaft der christlichen Kirche und deren von Gott begnadigten Regierungen von der Spätantike bis mindestens zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Auch Hitler begründete seine Regierung als eine gottgegebene Bestimmung, so dass viele Christen in Hitler den sahen, der in Deutschland und Westeuropa ein Bollwerk gegenüber dem gottlosen Kommunismus war.

Auch wenn man nach dem Zweiten Weltkrieg erkannt hat, dass das „Gottesgnadentum“ der Regierenden in Europa endgültig ausgedient hatte, so bleibt die Frage, in wie weit wir als Christen das politische Leben zu gestalten haben, zurück. Viele politisch Aktive aus den Kirchen wählten das Motto aus Micha 4,3: „Schwerter zu Pflugscharen“ für eine neue christliche Politik, die den Krieg als Mittel der Politik für immer verwerfen sollte. Der Schwerpunkt christlicher Politik sollte eher der im Neuen Testament gebotene Umgang mit Andersdenkenden und Feinden sein, so dass Toleranz zu einer maßgeblichen Tugend wurde. Die Stärke der Toleranz liegt darin, dass man Andersdenkende nicht mehr sanktionierte oder gar hinrichtete, sondern eine Quelle der Bereicherung der eigenen Kultur und des Denkens wurden. Es entstand eine pluralistische Gesellschaft, in der sich alle Menschen gleich welcher Religion, Lebensphilosophie, Rasse und Kultur heimisch fühlen können. Die Schwäche der Toleranz ist jedoch das zunehmende Unvermögen, böses Handeln entsprechend zu sanktionieren, bestrafen und zu verhindern: Den Tätern wird Gnade und Milde zuteil während die Opfer nicht nur das Leid zu ertragen haben, sondern sich immer weniger vor den Tätern schützen können. Somit befinden sich politisch engagierte, bekennende Christen auf der Suche nach dem besten Mittelweg, der einerseits Böses entsprechend bestraft, aber nicht dazu führt, dass es wieder zu „Verbrechen in Gottes Namen“ kommt.

1.5 Soll der Christ politisch aktiv sein?

In wie weit soll sich der Christ überhaupt politisch engagieren? Im Neuen Testament fehlt jegliches politische Engagement der Apostel und der von ihnen belehrten Gläubigen der Gemeinde Jesu. Auch der Herr Jesus selbst wies jede Möglichkeit des politischen Engagements zurück und wich von den Menschen, die ihn zum König machen wollten. Es gab in apostolischer Zeit Christen in allen Schichten der Gesellschaft und Politik, und niemand wurde aufgefordert, seine Position aufgrund des christlichen Glaubens aufzuheben, doch befindet sich im Neuen Testament keinerlei Anleitung zu einem politischen, christlichen Programm. Ganz im Gegensatz dazu regiert im Alten Testament Gott im Volk Israel durch die von ihm eingesetzten Richter und Könige. Daneben unterwiesen die Priester das Volk über das Gesetz, das neben moralischen Anforderungen auch das bürgerliche, gesellschaftliche Leben regelte. In der Tat finden wir in dem Alten Testament unter den israelitischen Richtern und Königen das Gottesgnadentum der Regierenden, die jedoch durch die Propheten ihr Korrektiv hatten. Nach der babylonischen Gefangenschaft sehen wir jedoch nicht mehr, dass Gott durch die Regierenden das Leben seines Volkes regelte. Es begann die Herrschaft der Nationen über das Volk Gottes unter Gottes Zulassung, aber nicht mehr Gottes direkter Regierung. Nach der babylonischen Gefangenschaft bis Maleachi führte Israel keinen von Gott beauftragten Krieg mehr, und es gab kein Bemühen des Volkes Israel, noch weniger einen Auftrag Gottes, dass sich Israel der Medo-Persischen Herrschaft entledigen soll.

Welchen Schluss sollen wir im persönlichen Leben hieraus ziehen? Haben wir den nun den Auftrag, mit politischem Engagement den Einfluss der christlichen Botschaft in der Welt zu verbreiten oder sollen wir uns aus der Politik heraushalten? Sollen wir christlichen Parteien beitreten bzw. eigene christliche Parteien gründen? Welches Programm sollen diese Parteien haben? Als glaubwürdige, wählbare Parteien brauchen wir Antworten auf alle wesentlichen Fragen der Politik, nicht nur ein „Sonderthema“ wie z.B. Abtreibung und Familienpolitik. Die Frage, in wie weit sich ein Christ politisch engagieren soll ist demnach in der Tat abhängig von der Frage, ob es sich bei Gottes Bund mit der Gemeinde im Neuen Testament um eine Fortentwicklung des Bundes Gottes mit Israel im Alten Testament handelt oder ob es zwei unterschiedliche Bündnisse sind. Wenn der Bund Gottes mit der Gemeinde nur eine Weiterentwicklung des Bundes Gottes mit Israel ist, dann ist die Frage nach dem politischen Engagement des Christen nicht einfach zu beantworten. Jeder Christ, der sich nicht politisch engagiert als auch der, der sich entweder in linken, betont christlichen oder konservativen Parteien engagiert, findet hierfür eine entsprechende biblische Berechtigung. Die Frage des politischen Engagements ist jedoch zu wesentlich als dass sie eine Ermessensfrage sein kann.

2. Lehrt die Bibel heilsgeschichtliches Denken?

2.1 Was ist „heilsgeschichtliches Denken“?

Der Autor von „Sola-Scriptura.de“ stellt seiner eigenen Sicht einen ausformulierten „Dispensationalismus“ gegenüber, der das heilsgeschichtliche Denken übertreibt. Die Rezension aus www.soundwords.demacht jedoch deutlich, dass es zu dem dort dargestellten „Dispensationalismus“ und dem heilsgeschichtlichen Denken, die „Soundwords“ als biblisch vertritt, einige Unterschiede gibt. In der Tat gibt es keine einheitliche Sicht, die alle Punkte abdeckt. Das macht ihn demnach auch angreifbar. Aber auch andere theologische Systeme haben ihre Varianten. Demnach ist es nicht schwer, bestimmte fragwürdige Punkte herauszugreifen und sie kritisch zu hinterfragen. In diesem Artikel möchte ich mich jedoch auf die Frage konzentrieren, ob es einen Gesamtbund Gottes mit dem Menschen von Adam ausgehend gibt, der sich Stück für Stück weiter entfaltet, oder ob es verschiedene Bündnisse gibt, die teilweise auch parallel weiter bestehen.

Wenn es aber nur eine Bibel gibt, warum gibt es so viele unterschiedliche Möglichkeiten, die Bibel zu verstehen? Auf diese Weise nutzen viele die Bibel als einen Steinbruch, um aus ihr herauszulesen, was sie gerne darin finden möchten. Ich denke, dass niemand vor dieser Gefahr gefeit ist, wir müssen uns immer wieder prüfen, ob wir unsere Meinung mit Gottes Wort zu bestätigen suchen oder ob wir Gottes Wort zu uns reden und unsere Meinung formen lassen wollen. Sind die Aussagen der Bibel wirklich so uneindeutig, dass man hier herauslesen kann, was man möchte? Gibt die Bibel kein Auslegungssystem vor, mit dem man sie so verstehen kann, wie Gott dies beabsichtigt hat?  In diesem Artikel geht es mir weniger um die Abfolge zukünftiger Ereignisse, sondern um die Frage, ob der Bund Gottes mit Israel in den Bund Gottes mit der Gemeinde aufgegangen ist oder parallel zur Gemeinde in irgendeiner Form weiter besteht. Damit verbunden ist die Frage, ob es zwischen dem Bund Gottes mit Israel und der Gemeinde eine Kontinuität besteht, d.h. wo können und sollen wir Aspekte des Bundes Gottes mit Israel im Alten Testament auf uns Christen in der jetzigen Zeit anwenden?

Wenn es eine Kontinuität gibt, dann stellt sich die Frage, in wie weit Christen in der Politik sich ein Beispiel an den israelitischen Richtern und Königen nehmen sollen, um Gottes Gericht an bösen Völkern in dieser Welt auszuüben. Der ehemalige amerikanische Präsident George Bush rechtfertigte seinen Feldzug gegen den Irak als „gerechten Krieg“ in der Meinung, an diesem Punkt für die Sache des Herrn zu streiten. Die Geschichte und Zeitgeschichte ist voll von Beispielen, mit denen Kaiser, Könige, Päpste und eine Reihe weiterer weltlicher und kirchlicher Führer sich an den israelitischen Führern ein Beispiel nahmen und damit Kriege, Feldzüge und auch Pogrome rechtfertigten. Aus diesem Grund ist es wichtig, zu prüfen, ob zwischen dem Bund Gottes mit Israel und der Gemeinde eine Kontinuität besteht oder nicht. Wenn sie nicht besteht, dann hat Gott mit der Gemeinde eine völlig neue Heilskörperschaft geschaffen, die in der Jetztzeit keinen politischen Auftrag hat.

Die erste Möglichkeit, wie man das überprüfen kann, ist, wie im Neuen Testament der Begriff: „Israel“ verstanden wird. Wenn davon auszugehen ist, dass die Gemeinde das „geistliche Israel“ ist, dann müsste „Israel“ im Neuen Testament auch so zu verstehen sein. In der alten Elberfelder Bibel kommt der Begriff: „Israel“ im Neuen Testament 45 Mal vor, und in fast allen Stellen wird wie im Alten Testament unter „Israel“ das Volk der Juden verstanden. Nur einzelne Verse wie z.B. Gal. 6,16 lassen eine andere Bedeutung zu. Es ist aber keine rechte Auslegungsweise, anhand solcher Verse eine komplett neue Theologie aufzubauen, die erlaubt, ganzen Kapiteln des Alten Testaments eine andere, „geistliche“ Bedeutung beizumessen.

Ein weiterer wichtiger Begriff des Neuen Testaments ist „Geheimnis“. Wir verstehen unter Geheimnis eine Sache, die uns jemand anvertraut, die niemand sonst wissen darf oder ein Abschnitt voller Symbolik, der auf diese Weise unklar und geheimnisvoll wirkt. Ein Geheimnis ist etwas Verborgenes, jedoch im Neuen Testament werden uns „Geheimnisse“ offenbart. So sind entspr. Eph. 3,5 Geheimnisse Dinge, die bis zur Zeit des Paulus nicht geoffenbart wurden, so dass diese Dinge im Alten Testament völlig unbekannt sind. So schreibt Paulus den Ephesern in Kap. 3 ab Vers 3: „Denn mir ist durch Offenbarung das Geheimnis zu erkennen gegeben worden wie ich es oben kurz geschrieben habe. Beim Lesen könnt ihr meine Einsicht in das Geheimnis des Christus merken, dass in anderen Geschlechtern den Söhnen der Menschen nicht zu erkennen gegeben wurde wie es jetzt seinen heiligen Aposteln und Propheten durch den Geist geoffenbart worden ist: Die Nationen sollen nämlich Miterben und Miteinverleibte sein und Mitteilhaber der Verheißung in Jesus Christus durch das Evangelium“.

Die Gemeinde ist ein Geheimnis, das von den Zeitaltern her in Gott verborgen war und insbesondere durch Paulus geoffenbart worden ist (Eph. 2-3). In der Gemeinde gilt keine Volkszugehörigkeit mehr zu Israel oder den Nationen, sondern Christus hat aus beiden eins gemacht und die Zwischenwand der Umzäunung, die Feindschaft in seinem Fleisch abgebrochen. Weiterhin bezeugt auch das Neue Testament den Fortbestand des Bundes Gottes mit Israel wenn z.B. Paulus an die Römer schreibt, dass wenn die Vollzahl der Nationen eingegangen ist, ganz Israel gerettet werden wird (Röm. 11,25-26). Vergleicht man beide Bündnisse, so stechen folgende Unterschiede sofort ins Auge:

Aspekt

Israel

Gemeinde

Grundlage

  • Bedingungsloser Bund Gottes mit Abraham und David sowie Land-Verheißung
  • Bund des Gesetzes mit Moses, die dem Volk Segen verheißt, wenn sie das Gesetz halten und Fluch, wenn sie es brechen

Lehre der Apostel und Propheten wobei Christus selbst Eckstein ist

Geltung des Bundes

Zugehörigkeit zum Volk Israel, Beschneidung

Offen für alle Menschen aus allen Völkern, Neugeburt durch den heiligen Geist

Zeichen des Bundes

Gesetzesbund: Der Sabbat

Das Teilen von Brot und Wein im Abendmahl

Verheißung

  • Wohnen im Land der Väter
  • Sicher vor den Feinden
  • Gesundheit
  • Wohlstand
  • Gott wird in ihrer Mitte wohnen (Stiftshütte, Tempel)
  • Ewiges Leben in der himmlischen Herrlichkeit
  • Die Verherrlichung Gottes durch die Gemeinde (Eph. 5,26)
  • Die Offenbarung der Weisheit Gottes den unsichtbaren Mächten durch die Gemeinde (Eph. 3,8-10)
  • Gesegnet mit jeglicher geistlichen Segnung der Himmelswelt (Eph. 1,3)

Warnung

Verlust der Segnungen bei Ungehorsam dem Gesetz gegenüber, Zerstreuung unter alle Völker

Neues Leben aus Gott drückt sich im Gehorsam und guten Werken aus, wem der Nachweis dieser Werke fehlt, hofft zu Unrecht auf die Gnade der Errettung.

Umgang mit den Feinden

Israel soll aktiv die Völker vernichten, die im Land wohnen

Sich selbst nicht rächen, die Rache Gott überlassen und die Feinde lieben: „Richtet nicht die, die draußen sind!“

Politisch-Gesellschaftliche Ausrichtung

Das Gesetz regelt das gesellschaftliche Miteinander im Volk Israel und ist der Art eines „Bürgerliches Gesetzbuchs“

Das Neue Testament regelt die gemeindeinternen Belange, es gibt keine Aufforderung an Christen, das Evangelium mit politischem Einfluss in der Welt zur Geltung zu bringen. Das Neue Testament regelt keinerlei politische und gesellschaftliche Belange und nimmt die heidnische Herrschaft Roms als Tatsache zur Kenntnis und fordert die Gemeinde nirgendwo auf, diese Herrschaft durch eine christliche Regierung zu ersetzen.

Bürgerschaft

Irdisch, Volk Israel

Himmlisch, nicht von dieser Welt

Religion und Gesellschaft

Religion ist zentraler Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens, Gottesdienst und Anbetung ist im gesellschaftlichen Leben integriert

Die Gläubigen sind Herausgerufene, d.h. in der Welt, aber nicht von der Welt. Die Gesellschaft, in der sie leben steht außerhalb der Gemeinde, die Gemeinde hat keinen Auftrag nach außen außer die Verkündigung des Evangeliums sowie Gutes zu tun ohne etwas dafür zu erwarten (Luk. 6,33ff.)

Ausrichtung

National auf das Volk Israel aufs Ganze bezogen (sozial-politisch)

Individuell, persönlich

 

Diese Liste erhebt nicht den Anspruch auf Vollständigkeit. Es wird jedoch deutlich, dass die jeweiligen Bündnisse völlig unterschiedliche Aspekte beinhalten. Wenn der Bund Gottes mit der Gemeinde die Fortsetzung des Bundes Gottes mit Israel ist, dann entstehen eine Reihe Widersprüche, die geklärt werden müssen. Diese Widersprüche werden nicht wirklich aufgelöst, auch nicht in der Bergpredigt. Man kann z.B. mit der Bergpredigt unmöglich ein politisches Programm aufstellen, weil in diesem Fall Unrecht nicht mehr geahndet werden kann. Es fehlt die Erklärung, warum Gott im Alten Testament die Politik und Gesellschaft regelt und gestaltet, im Gegensatz dazu aber im Neuen Testament keinerlei Ambitionen der Apostel erkennbar sind, offensichtliche Missstände im römischen Reich wie korrupte Herrscher, Dekadenz, das Aussetzen von Kindern und Sklaverei anzugehen. Trotzdem ereifern sich bekennende Christen in der heutigen Zeit in allen möglichen gesellschaftspolitischen Fragen.

2.2 Was sind die Auslegungsprinzipien von „Sola Scriptura“?

Quelle: http://www.betanien.de/sola-scriptura/artikel/hermeneutik.htm

Wie kommen die Autoren auf den Gedanken, dass der Unterscheidung der Bündnisse zwischen Gott und Israel und Gott und der Gemeinde keine biblische Lehre ist, sondern ein theologisches Konzept, welches in die Bibel hineininterpretiert wird? Was lehrt die Schrift nach deren Meinung wirklich? Die Grundgedanken wie folgt: Die wahren, geistlichen Nachkommen Abrahams sind nicht das Volk Israel, sondern die Gläubigen, d.h. die Verheißung des Landes ist geistlich anzuwenden. Es wird nicht zwischen Israel und der Gemeinde unterschieden, sondern die AT-Gläubigen und die Gemeinde bilden eine gemeinsame „Heils-Körperschaft“.

Die Argumentation gründet sich auf folgende Auslegungsprinzipien nach „Sola-Scriptura“:

  • Die Schrift ist vollständig von Gott inspiriert
  • „Allein die Schrift“ ist ein wichtiger Grundsatz der Theologie
  • Die biblische Offenbarung und die göttliche Heilsökonomie ist fortschreitend
  • Allein der buchstäbliche Sinn der biblischen Aussagen lässt sich auf die göttliche Bedeutung schließen, historische Texte sind wörtlich, aber poetische Texte und Prophetie können auch bildlich ausgelegt werden
  • Die Schrift muss alleine durch Schrift ausgelegt werden, d.h. keine menschlichen Grundsätze dürfen unsere Auslegung bestimmen

Es wird u.a. die These aufgestellt, dass auch Prophetie nicht immer wörtlich zu verstehen ist. Die Autoren von „Sola-Scriptura“ argumentieren wie folgt, dass Prophetie eben in bestimmten Umständen nicht wörtlich auszulegen ist:

„Keineswegs wurden alle im ersten Kommen Jesu erfüllten atl. Prophezeiungen buchstäblich erfüllt, sondern z.T. bildhaft oder typologisch: z.B. „Licht“ und „Finsternis“ in Mt 4,16; die "Gefangenen" in Jes 61,1; die "Stiere" und "Hunde" in Ps 22,13.17; das Kommen Elias in Johannes d.Täufers, die vielen Typologien in den Opfern, im Tempeldienst und in anderen Vorbildern und Schatten etc. Siehe auch 1Mo 3,15: „... er wird dir den Kopf zermalmen ...“. Dies bezieht sich ebenfalls auf das Kommen Jesu.

Ganz offensichtlich gibt es bildhafte Prophezeiungen. Z.B. haben wir wohl kaum zu erwarten, in der Ewigkeit buchstäbliche „Säulen“ zu sein wie in Offb 3,12“

Das NT deutet atl. Prophezeiungen z.T. bildhaft bzw. typologisch, z.B. Apg 15,16ff; Gal 4,27; Hebr 10,16 u.a.

Weil die göttliche Offenbarung im NT fortschreitet, also erweitert wird, z.B. durch die dort offenbarten „Geheimnisse“, müssen atl. Prophezeiungen z.T. in neuem Licht gesehen werden (z.B. die Teilhabe der Heiden am Heil muss berücksichtigt werden).

Die Autoren gehen davon aus, dass die Offenbarung Gottes im Neuen Testament fortschreitet und die Offenbarungen des Alten Testaments in einem neuen Licht zu sehen sind. In der Tat kann ich diesem Konzept folgen, um z.B. die Bedeutung des israelitischen Tempelgottesdienstes zu verstehen mit den Festen und Opfern, jedoch war sich selbst David in Ps. 40 der Vorläufigkeit des Opferdienstes bewusst, das er auf etwas Bedeutenderes hinweist, nämlich den stellvertretenden Opfertod unseres Herrn am Kreuz.

Die Frage, die sich für mich hier stellt ist, ob dieses Auslegungsprinzip auch auf alle Prophetie des Alten Testaments anwendbar ist. Als ich das erste Mal unvoreingenommen die Bibel gelesen habe, habe ich aus den Prophetien des Alten Testaments entnommen, dass Gott, der sein Volk aufgrund seiner Sünde zerstreut hat, es am Ende der Tage wieder sammeln wird (siehe z.B. Jer. 31, Hesekiel ab Kap. 36). Es bestand für mich kein Zweifel, dass diese Kapitel genau das meinten, was sie sagten. Dennoch werden von vielen Theologen aufgrund des Auslegungsprinzips der fortschreitenden Offenbarung ganze Kapitel des Alten Testaments ihres wörtlichen Sinnes beraubt. Wer gibt uns das Recht, das so anzunehmen? Wenn wir tatsächlich so auslegen sollen, wie können wir uns die Detailtiefe erklären, mit denen Gott sein Volk die Wiederkehr in seinem Land verspricht? Warum gibt es in Hesekiel 9 Kapitel am Ende, in denen in vielen Details der künftige Tempel und das Land beschrieben sind, wenn das nicht wörtlich so gemeint ist? Wenn diese langen Abschnitte geistlich zu deuten sind, anhand welcher Auslegungsprinzipien sind diese zu deuten? Welche neutestamentlichen Offenbarungen heben die Prophezeiungen der Wiederherstellung des Volkes Israel in seinem Land wirklich auf?

Einerseits ist es offensichtlich, dass es eine fortschreitende Offenbarung im Neuen Testament gibt. Der Herr Jesus macht aber in Mt. 5,17 ff. deutlich, dass er nicht gekommen ist, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen, sondern zu erfüllen. Der Herr bezeugt einem jüdischen Publikum, welches die prophetischen Worte des Alten Testaments wörtlich verstanden hat, dass bis Himmel und Erde vergehen auch nicht ein Jota vom Gesetz vergehen wird, bis das alles geschieht. Er fährt in der Bergpredigt fort, in dem er Aussagen der jüdischen Gesetzeslehrer eigenen Aussagen gegenüberstellt wie „ihr habt gehört, was gesagt worden ist – ich aber sage euch“. Dies bedeutet nicht, dass der Herr das Gesetz nun doch auflöst, denn schaut man sich die Zitate von dem, was gesagt worden ist an, dann enthalten diese keine Zitate aus dem mosaischen Gesetz, sondern die Zitate sind bereits rabbinische Interpretationen. Wir werden z.B. zu Mt. 5,43 („du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen“) keine Parallelstelle in den Mose-Büchern finden. Es ist demnach ein Irrtum zu glauben, dass der Herr das mosaische Gesetz mit der Bergpredigt ersetzt, sondern er macht deutlich, was das Gesetz in Wirklichkeit sagt und wo menschliche Interpretationen dieses verfälscht haben.

Nirgendwo wird im Neuen Testament bezeugt, dass die Bundesverheißung Gottes gegenüber dem Volk Israel nicht mehr gilt, sondern der Bund Gottes mit Menschen aus allen Nationen wird entfaltet, der im Alten Testament lediglich angedeutet war (Jes. 49,6; Apg. 13,45 ff.). Der Bund Gottes mit der Gemeinde, der insbesondere durch Paulus im Epheserbrief entfaltet wird ist etwas Neues und Eigenes und hat keinen Anspruch, die alttestamentlichen Verheißungen an das Volk Israel aufzuheben. Der Alte Bund verspricht dem Volk Israel in Frieden und Wohlstand in seinem Land zu leben, der Bund Gottes mit der Gemeinde hat eine völlig andere Natur, wie Paulus in den ersten drei Kapiteln des Epheserbriefes „kurz“ geschrieben hat (Eph. 3,3). Der Bund Gottes mit der Gemeinde hat keinen irdischen Bezug, sondern einen himmlischen, wie Paulus in Eph. 1,3 ff. einleitet:

„Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus. Er hat uns gesegnet mit jeder geistlichen Segnung in der Himmelswelt, wie er uns in ihm auserwählt hat vor Grundlegung der Welt, dass wir heilig und tadellos vor ihm seien in Liebe und uns vorherbestimmt hat zur Sohnschaft durch Jesus Christus für sich selbst nach dem Wohlgefallen seines Willens zum Preise der Herrlichkeit seiner Gnade, mit der er uns begnadigt hat in dem Geliebten. In Ihm haben wir die Erlösung durch sein Blut, die Vergebung der Vergehungen nach dem Reichtum seiner Gnade, die er uns reichlich gegeben hat in aller Weisheit und Einsicht“.

Dieser Neue Bund setzt seinen Fokus auf die himmlische Verheißung, dass wir von unserem grundsätzlichen bösen Wesen erlöst werden und dadurch von Gott befähigt werden, heilig und tadellos vor ihm zu sein. Dem Volk Israel wurde ein Gesetz gegeben, in dem es heißt, wer das Gesetz tut, wird durch das Gesetz leben. Doch das Gesetz offenbart den Anspruch Gottes, den das Volk nie erfüllen konnte, so dass sie den Fluch des Gesetzes erfahren mussten. Es gibt aber auch bedingungslose Verheißungen Gottes an die Nachkommen Abrahams wie z.B. die Verheißung des Landbesitzes durch das Volk Israel, die mit keiner neutestamentlichen Lehre aufgehoben wurde. Das Neue Testament löst wie der Herr in Mt. 5 deutlich gemacht hat, die Worte der Propheten nicht auf, noch vergeistigt es die prophetischen Worte bis zur Unkenntlichkeit.

Paulus setzt fort: „Er hat uns das Geheimnis seines Willens zu erkennen gegeben nach seinem Wohlgefallen, dass er sich vorgenommen hat in ihm für die Verwaltung bei der Erfüllung der Zeiten: Alles zusammenzufassen in dem Christus, das was im Himmel und das, was auf Erden ist in ihm. In ihm haben wir auch ein Erbteil erlangt, die wir vorherbestimmt waren nach dem Vorsatz dessen, der alles nach dem Rat seines Willens wirkt, damit wir zum Preise seiner Herrlichkeit seien, die wir vorher schon auf den Christus gehofft haben.“ Das Ziel des Bundes ist, alles zusammenzufassen in dem Christus. Was in Jes. 49,6 angedeutet wurde, wird von Paulus im Epheserbrief entfaltet: Der Herr wird zum Licht für die Nationen. Das schließt aber nach meinem Verständnis nicht aus, dass der Herr ebenso auf dem Thron Davids sitzen wird wie in 2. Sam. 7 verheißen wurde, und dass das Volk Israel in der Verwirklichung des Bundes mit Abraham und David in Frieden und Wohlstand in seinem Land wohnen wird.

Der Vorwurf, den die Autoren von „Sola-Scriptura.de“ den Dispensationalisten machen,  dass sie etwas in die Bibel hineinlesen, was da nicht steht, fällt somit auf sie selbst zurück. Es gibt keine eindeutige neutestamentliche Erklärung, dass die Verheißungen an das Volk Israel der zukünftigen Wiederherstellung sich in der Gemeinde erfüllt haben. Die Allegorie der Söhne Abrahams in Gal. 4 (Ismael und Isaak) erklärt die Gerechtigkeit aus dem Glauben gegenüber die Gerechtigkeit durch das Halten des Gesetzes, hebt aber nicht die Verheißung des Landbesitzes in 1. Mose 15 auf. Unsere geistliche Sohnschaft Abrahams gründet sich auf die Gerechtigkeit aus dem Glauben, wie auch Abraham glaubte, und es wurde ihm zur Gerechtigkeit gerechnet. Ich sehe hier entsprechend des Auslegungsgrundsatzes: „Die Schrift muss alleine durch Schrift ausgelegt werden, d.h. keine menschlichen Grundsätze dürfen unsere Auslegung bestimmen“ keinen Anlass, aus Gal. 4 zu schließen, dass die Verheißung des Landbesitzes der natürlichen Nachkommen Abrahams aufgehoben ist.

Wenn dem so wäre, so hätte Gott das Volk Israel etwas glauben lassen, was er nie beabsichtigt hätte zu erfüllen. Die Propheten betonten immer wieder, dass Gottes Bund mit Abraham und auch David ewig währt und nie aufgehoben werden kann. Auch hatte das Volk Israel klare Vorstellungen von diesem Bund, dass der Messias auf dem Thron Davids sitzt und über das Volk Israel in Frieden und Gerechtigkeit regieren wird. Der Herr Jesus hat in den Evangelien derartige Erwartungen niemals korrigiert, sondern eher deutlich gemacht, dass die Zeit der Herrschaft zum damaligen Zeitpunkt noch nicht gekommen ist. Selbst in Apg. 1,6-7 wies der Herr die Jünger nicht zurecht, als sie fragten, wann er das Reich für Israel wiederherstellt. Er sagte bloß, dass es  nicht deren Sache ist, Zeiten und Zeitpunkte zu wissen, sondern sie auf die Erfüllung mit dem Heiligen Geist warten sollen. Es wäre an dieser Stelle schon sehr seltsam und grenzte an arglistige Täuschung, wenn Gott etwas völlig anderes beabsichtigt, aber die gläubigen Juden noch im Glauben belässt, dass er einmal das Reich für Israel wieder herstellt.

2.3 Theologische Systeme sind unvollkommen

Ich gebe zu, dass ich das „perfekte theologische Auslegungssystem“ nicht gefunden habe. Sollte jemand behaupten, dass es dieses gäbe, dann gäbe es in der Bibel keine offenen Fragen mehr, und alles wäre geklärt. Es ist jedoch das Geheimnis der heiligen Schrift, dass man sie immer wieder lesen und dabei Neues entdecken kann, was einem vorher nicht klar war. Gott ist so umfassend und groß, dass wir ihn mit unserem bescheidenen Verstand nicht erfassen können. Demnach kann jedes theologische System nur Stückwerk sein. Dies wird auch dadurch deutlich, dass sowohl die Bundestheologie als auch der heilsgeschichtliches Denken unterschiedliche Facetten haben und nicht alle Fragen einheitlich beantwortet werden. So wird innerhalb des heilsgeschichtlichen Denkens z.B. diskutiert über:

  • Den Zeitpunkt der Entrückung der Gemeinde (vor, mitten oder nach der großen Trübsal)
  • Der zeitlichen Einordnung der Prophetie von Gog aus Magog (Hes. 38-39)
  • Sind die zwei Zeugen in Offb. 11 bildlich oder wörtlich zu verstehen? Sind sie Mose und Elia oder zwei Personen, die in dieser Zeit leben?
  • Wer ist der Antichrist?
  • Wie unterscheiden sich die Heilszeitalter? Worin besteht Kontinuität in der fortlaufenden Offenbarung Gottes, wo Diskontinuität?

Ich halte mich nicht für schlau genug, an dieser Stelle sichere Antworten zu geben, ich habe zwar hierzu meine sicher auch übernommenen Meinungen, kann aber nicht hieb- und stichfest behaupten, dass es sich auch so verhält. Ich gebe mich damit zufrieden, dass Gott größer ist, als mein Verstand es je sein kann, und demnach meine offenen Fragen bis zu meinem Lebensende nicht geklärt werden. Wir alle stehen in der Gefahr, unsere persönliche Meinung in die Bibel hineinzulesen anstatt uns selbst immer wieder neu dem Wort Gottes zu unterstellen. Auch ich stehe in der Gefahr, Dinge in die Bibel hineinzulesen, die dort nicht stehen, insbesondere wenn ich ein Thema ausarbeite.

Dennoch wird meiner Meinung nach klar und deutlich, dass es bei dem Bund Gottes mit Israel im Alten Testament (wobei jeweils zwischen den Bündnissen mit Abraham, Moses und David unterschieden werden muss) und dem Bund Gottes mit der Gemeinde im Neuen Testament um unterschiedliche Dinge handelt, und der alttestamentliche Bund nicht in den neutestamentlichen Bund aufgegangen ist. Aus diesem Grund verstehe ich die prophetischen Aussagen prinzipiell wörtlich, wenn die Bibel selbst nicht deutlich macht, dass es sich um eine bildliche Anwendung handelt oder wie z.B. in Offb. 3,12, dass dort keine wirklichen Säulen beschrieben werden, weil eine wörtliche Auslegung des Verses keinen echten Sinn ergibt.

Wenn wir beachten, dass im Alten Testament ein anderer Bund Gottes beschrieben ist als im Neuen Testament, dann lösen sich viele vermeintliche Widersprüche der Bibel auf. Die Aufforderungen Gottes an israelitische Führer Kriege zu führen und Völker auszurotten beziehen sich auf eine bestimmte Zeit und galten lediglich den israelitischen Führern der damaligen Zeit. Es lassen sich hieraus keinerlei ethische Prinzipien ableiten, wie wir in der heutigen Zeit mit Gegnern und Feinden umzugehen haben, auch wenn die Kirche das immer wieder fälschlicherweise angewendet hat. Es gibt in der ganzen Bibel keinen Tötungsbefehl, der an einen Nicht-Israeliten gerichtet ist,  und er galt nur in einem zeitlichen Kontext, in denen Gott durch die israelitischen Führer sein Gericht ausübte. Dieses Mandat hatte Gott seinem Volk spätestens mit Beginn der Babylonischen Gefangenschaft entzogen und seit dem nie wieder hergestellt. Eine Herrschaft im Namen Gottes auf Erden aufzurichten steht alleine dem Nachkommen Davids zu, der sich einmal an heute noch in der Zukunft liegenden Zeit auf den Thron Davids setzen und in Frieden und Gerechtigkeit regieren wird. Dieser Nachkomme Davids ist niemand anderes als der Herr Jesus Christus. Bis dieser nicht kommen wird, haben weder Christen noch Juden das Recht, viel weniger die Pflicht, in Gottes Namen auf dieser Erde zu herrschen.

3. Schlussfolgerung

Auf den ersten Blick hat die Frage, was in der Zukunft einmal geschehen soll, kaum praktische Bedeutung. Schauen wir aber genauer hin, dann ist es schon von Bedeutung, ob Gott den Glaubenden dieser Zeit das Schwert und das Zepter in die Hand gegeben hat, um in seinem Sinne auf dieser Erde zu herrschen und zu regieren. Nach der Lehre des Neuen Testaments gibt es jedoch für einen Christen keine Rechtfertigung für:

  • Aus Gottes Gnaden als Kaiser bzw. König zu regieren
  • In Gottes Namen gerechte Kriege zu führen
  • Durch politische Macht das Einhalten der Gebote Gottes durchzusetzen
  • Nichtchristen mit politischem Druck zu zwingen, christliche Symbole anzuerkennen, in einen christlichen Gottesdienst zu gehen, biblische Ereignisse zu feiern, zu beten oder sonst wie Christen zu leben
  • Christliche Parteien zu gründen mit einem Parteiprogramm, das Reich Gottes ohne Christus im Vorfeld schon aufzurichten
  • Sich an Aufständen und Revolutionen zu beteiligen, um politische Missstände zu beseitigen

Jesus und die Apostel machen nicht die geringsten Anläufe, die Gemeinde dazu zu ermutigen, die korrupten Zustände und Missstände des Römischen Reiches zu bekämpfen. Es gab Sklaverei, Leibeigenschaft, Korruption, wirre Kaiser und alle möglichen Missstände, wie wir sie heute ebenso kennen, und weit darüber hinaus. Die Apostel nehmen in ihren Schriften diese Umstände als gegeben hin und geben entsprechende Anweisungen, wie man in diesen Umständen leben kann und machen Mut, dass Gott bei Unterordnung entsprechend segnen wird. Die Umstände werden niemals weder positiv noch negativ bewertet, und es gibt keine Anweisung, diese Umstände zu verändern zu suchen.

Eine Rechtfertigung für den Gläubigen, in dieser Welt zu regieren kann demnach aus dem Neuen Testament nicht entnommen werden, sondern ist nur über den Umweg des Alten Testaments möglich, in dem man Anweisungen an das Volk Israel bzw. dessen Führer auf die Gemeinde direkt anwendet. So wird z.B. die Aufforderung Jeremias aus Kap. 29,8 (Suchet der Stadt Bestes) gerne direkt auf die Gemeinde angewendet ohne zu fragen, ob diese Auslegung überhaupt zulässig ist. Wenn der Bund Gottes mit Israel auf die Gemeinde bzw. Kirche übergegangen ist, dann kann man auch ohne Schwierigkeiten alttestamentliche Aufforderungen an israelitische Führer nahtlos auf die Gemeinde anwenden. Wenn zwischen dem Bund Gottes mit Israel und dem Bund Gottes mit der Gemeinde zu unterscheiden ist, kann der Christ aus dem Alten Testament kein Mandat zum Regieren in dieser Welt entnehmen, da konkret hierbei Israel bzw. dessen Führer angesprochen sind. Die einzige Aufforderung, die der Christ im Bezug auf die staatliche Obrigkeit hat, ist, sich dieser zu unterordnen und für sie zu beten.

Nun bietet die freiheitlich-demokratische Grundordnung in Deutschland viele Mitwirkungs- und Mitbestimmungsmöglichkeiten für den einzelnen Bürger, die Christen eingeschlossen. Wir als Christen sind sowohl Bürger des Himmels, aber auch Bürger der Bundesrepublik Deutschland. Wir leben in der Welt, sind aber nicht von der Welt. Da auch Paulus sich zu gegebener Zeit auf sein römisches Bürgerrecht bezog, können auch wir uns sicher auf unser Bürgerrecht unserer Nation beziehen. Neben dem aktiven und passiven Wahlrecht der Demokratie gibt es auch Mitwirkungsmöglichkeiten in Schulen und Betrieben, das Mitbestimmungsrecht als Eltern in der Schule bzw. als Arbeitnehmer im Betrieb in paritätisch besetzten Gremien ist in unserer Gesellschaft ein hohes Gut. In der biblischen Gesellschaft ist eine so große Mitwirkungsmöglichkeit für den einzelnen Bürger unbekannt. Ich halte demnach die Mitwirkung einzelner Gläubigen im Einzelfall für Ermessensfragen, so kann eine Mitwirkung in Betriebsräten und Elternbeiräten durchaus dazu beitragen, dass man das Evangelium leben und auch weitersagen kann.

Die Gemeinde Jesu Christi in ihrer Gesamtheit, sei es die Gemeinde am Ort oder auch übergreifend hat jedoch nach meinem biblischen Verständnis keinen Herrschaftsauftrag in dieser Zeit, und hat demnach nicht den Auftrag, Regierungsverantwortung in irgendeiner Form zu übernehmen. Die Annahme des Evangeliums ist immer freiwillig und darf nie unter politischem Druck erfolgen. Die Gemeinde hat weder das Recht, viel weniger die Pflicht, christliche Ethik in der Gesellschaft durchzusetzen, sie ist aber auch nicht für gesellschaftliche Normen bzw. Gesetze verantwortlich wie sie in der heutigen Zeit gelebt werden. Wir brauchen demnach nicht z.B. gegen die Möglichkeit zu protestieren  bzw. zu bekämpfen, dass auch homosexuelle Paare heiraten dürfen, und man muss sich auch nicht hervortun, öffentlich Homosexualität als Sünde zu brandmarken. Paulus schreibt, wir sollen nicht die richten, die außerhalb der Gemeinde sind. Unser Auftrag ist innerhalb der Gemeinde danach zu streben, nach Gottes Prinzipien zu leben.

Wir sind in unserem persönlichen Leben in erster Linie vor Gott verantwortlich, in allem, was wir tun. Die Unterordnung unter die Obrigkeit hat ihre Grenzen, wo die Unterordnung unter die Obrigkeit dazu führen würde, Gottes Wort ungehorsam zu sein. Wir dürfen das Gebot der Unterordnung nicht als Alibi verwenden, Handlanger von Unrechtsregimen zu sein und sollen durchaus denen zur Seite stehen, die von der Gesellschaft bedroht sind. Wir dürfen auch auf Gefahren hinweisen, die drohen, doch sehe ich die Grenze da, dass es einem Christen außerhalb der Familie (Ehemann, Eltern), der Gemeinde (Älteste) bzw. Betrieb (Chef) nicht zugestanden wird zu regieren. Die Regierung über die Erde wird alleine Christus vorbehalten sein, wir werden erst mit ihm Regierungsverantwortung übernehmen, wenn der Herr Jesus Christus selbst zur Herrschaft auf die Erde kommen wird.

Fritz Wolf