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MALEACHI 3.16

Das Buch des Propheten Jona

Das Buch des Propheten Jona
Ich möchte hier die Betrachtung vom Buch Jona durch Henri Rossier vorstellen.
Die Betrachtung ist in 7 Kapitel eingeteilt:

  1. Der Zeuge
  2. Der Prophet
  3. Die Nationen
  4. Das Volk Israel
  5. Die Übriggebliebenen
  6. Christus
  7. Gott

Merkmal des Buches Jona ist, dass Jona selbst die eigentliche Prophetie ist. Einige Abrisse:

  • Der Zeuge, der sich von Gott en
...

C.A.C.  - Wortbetrachtungen über das Lukasevangelium

 

Kapitel 6

 

Es liegt tiefer Segen in dem Bestreben, die Gedanken des Herrn, als Er durch die Saaten ging, zu erforschen. Jede Kornähre auf diesen Feldern war dem Tode entsprungen, um zu Gottes reichlicher Versorgung für die Menschen zu werden, und gerade der im ersten Verse unseres Kapitels erwähnte Sabbat hatte eine nur ihm allein eigene Bedeutung. Er wird der „zweit-erste“ Sabbat genannt. Der erste Sabbat war der Sabbat des Passahs, der zweit-erste war derjenige, der unmittelbar auf das Weben der Garbe der Erstlinge folgte (3. Mose 23); es war der erste der sieben Sabbate, die bis zum Feste der Wochen gezählt werden sollten.

Was muss das dem Herzen des Herrn nahegebracht haben! Ihm war alles vollkommen bekannt, was in dem Vorbilde der Erstlinge dargestellt wurde; es redete zu Ihm von der großen Versorgung Gottes in Gnaden, welche als Ergebnis Seiner eigenen Auferstehung in Freiheit gesetzt werden würde. Jeder Gedanke der Gnade im Herzen Gottes ist jetzt aus diesem Grunde in Freiheit gesetzt worden.

Er hatte auch einen ganz anderen Gedanken über den Sabbat als die Pharisäer. Sie hatten den Sabbat zu einem Tage der Knechtschaft und der Beschränkungen gemacht. Der Begriff der Ruhe und Erfrischung und Freiheit an einem für Gott geheiligten Tage, und zwar als für Den, der die Ruhe für Sich gesichert hatte und dem es eine Wonne war, dass die Menschen an Seiner Ruhe teilhaben sollten, war ihren Gedanken fern.

Wir haben aber in Kapitel 4 gesehen, was der Herr mit dem Sabbat verband, als Er in der Synagoge zu Nazareth zum Lesen und Predigen aufstand. „Der Sohn des Menschen ist Herr auch des Sabbats“; das verleiht ihm seinen wahren Charakter der Gesinnung und dem Herzen Gottes gemäß.

Weil die Jünger als Söhne des Brautgemachs mit dem neuen Wein gefüllte Schläuche waren, werden sie hier in der Freiheit der Gnade gesehen. „Seine Jünger pflückten die Ähren ab und aßen, indem sie sie mit den Händen zerrieben.“ Sie eigneten sich freimütig die verfügbare Güte Gottes an, ebenso, wie Er will, dass wir es tun sollten. Aber das missfiel den Pharisäern. Es warf die ganze Frage des Sabbats auf, ob er dazu bestimmt war, den Menschen eine gesetzliche Gerechtigkeit zu verleihen, indem sie den Sabbat hielten, oder aber vom Wohlgefallen Gottes, vom Verleihen von Ruhe und Segnung redete. Sollte der Sabbat bloß eine Satzung für den Menschen nach dem Fleische, also in dieser Weise ein Teil des alten Kleides sein, oder sollte er im Lichte der Offenbarung Gottes in Gnade verstanden werden?

Es wird keinen wahren Sabbat geben, bis die Menschen in der erkannten Gnade Gottes ruhen. Der Sohn des Menschen ist Herr des Sabbats; Er übt die Rechte Gottes in Gnade aus und führt einen wahren Sabbat der Ruhe für die Menschen herbei. Der religiöse Mensch versteht niemals die Freiheit der Gnade, und einige der Pharisäer stellten das Tun der Jünger in Frage, und zwar weil sie taten, was am Sabbat nicht zu tun erlaubt ist.

Der Herr beantwortete diese Frage, indem Er diejenigen, die Einwände erhoben, daran erinnerte, dass es einen Fall gab, wo ein hungriger Mann getan hatte, was unter dem System des Gesetzes nicht erlaubt war, und zwar ohne deswegen strafbar zu sein. David war in einer bemerkenswerten Weise in das Geheimnis der göttlichen Gnade eingeweiht worden. Die Schaubrote stellten ganz Israel als in der Gunst Gottes vor Ihm dar; es war Sein Gedanke, dass sie alle als einsgemacht mit Christo vor Ihm sein sollten, und Christus sollte ihr Leben sein. Wenn das der Fall war, so war es eine Angelegenheit der reinsten Gnade, und das rechtfertigte David in seinen Worten: „Es ist einigermaßen gemeines Brot“ (1. Sam. 21, 5). Obwohl es „heiliges Brot“ war, war es in dem Sinne „gemein“, dass es notleidenden Menschen und denen, deren Gefäße heilig waren, zur Verfügung stand.

Das Brot des Hauses Gottes steht immer dem Glauben zur Verfügung, und überall, wo Glaube vorhanden ist, werden in einem gewissen Maße auch immer passende moralische Zustände vorhanden sein. Es wird wahre Buße da sein und eine Wertschätzung der Gnade von Seiten Gottes, und das sind heilige Zustände. Die Versorgung Seiner Gnade dürfen sich immer freimütig diejenigen zu eigen machen, deren Gefäße heilig sind, wenn sie durch diese Zustände gekennzeichnet sind.

Welch eine Menge göttlicher Belehrungen ist hier zu finden - die Saaten, der Sabbat, das Schaubrot! Was ihre wahre Bedeutung angeht, so gehören sie alle dem neuen System an. Alles muss im Blick auf Christum betrachtet werden und nicht im Blick auf den Menschen nach dem Fleische.

Es ist immer der Gedanke Gottes gewesen, dass der Mensch durch Christum und in Christo gesegnet werden sollte, aber sogar die Kraft, dieses sich anzueignen, ist aus Gott, wie wir aus der nächsten Begebenheit sehen.

An einem anderen Sabbat ging der Herr in die Synagoge und lehrte, und es war ein Mensch da, dessen rechte Hand verdorrt war. Ein solcher hat keine Kraft, sich etwas anzueignen; er konnte nicht die Ähren abpflücken und zerreiben. Die Schriftgelehrten und die Pharisäer hätten ihn gerne in diesem Zustand gehalten. Sie eiferten um den Sabbat, aber sie hassten die Gnade, deren Bundeszeichen der Sabbat war. Wie wurde es doch offenbar, dass die alten Schläuche den neuen Wein nicht halten konnten!

Jesus kannte aber ihre Gedanken, und Er wollte sie öffentlich überführen; Er rief den Mann in die Mitte, um vor allen die Rechte Gottes in Barmherzigkeit zu beweisen. In ihrem System war aber kein Raum für Gott. Wenn Er in Barmherzigkeit ins Mittel trat, brach das ganze System, wie sie es im Sinn hatten, zusammen. Wenn das Judentum aufrechterhalten werden sollte, musste Gott ausgeschlossen werden. Welch ein schrecklicher Gedanke! Es zeigt, wie alt und unverbesserlich das alte Kleid war. Es war zu einem System geworden, das mit Verdächtigung und Hass auf das Wirken Gottes in Barmherzigkeit blickte.

Die Prüfung für diesen armen Menschen war, ob er sich durch das Wort Christi leiten lassen wollte. War er Ihm als Herrn unterwürfig, Demjenigen, der mit göttlicher Gewalt von Gott gekommen war? Wenn Jesus sagte: „Strecke deine Hand aus!“, würde er gehorchen? Bei keinem von uns wird Kraft vorhanden sein, um das, was aus Gott ist, uns anzueignen, wenn unsere Gesinnung nicht unterwürfig ist. Wenn den Seelen das, was Gott in Seiner Gnade gegeben hat, nicht zugute kommt, so deshalb, weil sie nicht wirklich unterwürfig sind. Das ist vielfach das Geheimnis unserer Schwierigkeiten und Schwachheiten. Aber das Werk Gottes in diesem Menschen zeigte sich durch seinen sofortigen Gehorsam, und seine Hand wurde wiederhergestellt wie die andere.

Wo ein Unvermögen, die kostbaren Dinge Gottes zu ergreifen, vorliegt, wird man im Allgemeinen finden, dass der Herr geredet hat, dass aber Seinem Worte nicht Gehorsam geleistet wurde. Die Schriftgelehrten und Pharisäer waren nicht unterwürfig; sie wurden mit Unverstand erfüllt. Die Dinge des Reiches Gottes sind neu, und wer in selbstgerechtem Stolz das Alte festhalten will, wird dem Neuen entschieden feindlich gegenüberstehen. Der Bruch zwischen dem Alten und dem Neuen war jetzt vollständig.

„Es geschah in selbigen Tagen, dass er auf den Berg hinaufging, um zu beten, und er verharrte die Nacht im Gebet zu Gott“ (Vers 12). Wie wir sagen können, war damals eine Krisis (Entscheidung). Was dachte Gott von solch einem Augenblick? Wie sollten sich die Dinge in Anbetracht der erwiesenen Feindschaft gegen die Gnade nun gestalten? Es war klar, dass das damals bestehende System den aufgekommenen neuen Wein nicht aufnehmen konnte. Eine ganz andere Verwaltung musste deshalb in der Welt aufgerichtet werden, die etwas ganz anderes war als das Gesetz und die Propheten. Dieses große Anliegen wurde zum Gegenstand des langen Gebetes. Wir können wahrheitsgetreu sagen, dass die ganze Verwaltung der Gnade und die Gestalt, die sie annehmen sollte, der Gegenstand des nächtlichen Gebetes war. Die Ordnung der Verwaltung mit ihrer ganzen gnadenreichen Kraft war die Antwort auf das Gebet Jesu.

Es ist einer der großen Charakterzüge des Christentums, das in der Welt aufgerichtet worden ist, dass die Gewalt des Herrn in Gnade mit den Aposteln verbunden war, die Er nach dieser wunderbaren Gebetsnacht erwählte. Ihre Erwählung war eine Angelegenheit Seiner Unumschränktheit; diese Unumschränktheit wurde aber in völliger Abhängigkeit von Gott ausgeübt. Der Herr hat ein System aufgerichtet, in welchem Seine Apostel eine besondere Stellung einnehmen. Wie Judas schreibt, sind sie „die Apostel unseres Herrn Jesu Christi“, und Petrus nennt sie „eure Apostel“ (2. Petr. 3, 2). In Lukas 6 werden sie nicht wegen ihres Platzes in der Versammlung Apostel genannt, sondern wegen des Reiches Gottes, dem Gebiete der göttlichen Macht in Gnade. Diese Männer waren dazu befähigt, als gesandte Apostel des Herrn mit Gewalt zu reden. Ihre Namen sind in den zwölf Grundlagen der heiligen Stadt Jerusalem; sie wurden als die Apostel des Lammes zum Leiden auserwählt.

Dass „Judas Iskariot, der auch sein Verräter wurde“, unter ihnen aufgezählt wurde, weist darauf hin, dass das Reich dazu bestimmt war, ein Ort der Prüfung zu sein, und dass es nicht genügt, einen äußeren Platz dort zu haben, wenn es sogar der Platz eines Apostels ist. Es deutet auch hin auf die Möglichkeit eines Misslingens in der öffentlichen Verwaltung der Gnade Gottes. Sogar für die Apostel lag die Sicherheit nur im Gebet. Wir können sicher sein, dass die, welche den Herrn liebten, niemals vergessen haben, dass der Herr jene Nacht im Gebet verharrte. Es war ein Beispiel, welchem sie bewusst folgen mussten, wenn sie in der wunderbaren Stellung und im Amt, wozu Er sie bestimmt hatte, aufrecht erhalten werden sollten. Andererseits können wir sicher sein, dass Judas nicht ein Mann des Gebets war; ich zweifle daran, ob er überhaupt jemals gebetet hat.

Der Herr stieg mit den Aposteln herab und stand auf einem ebenen Platze (Vers 17). Er hatte auf dem Berge gebetet und die Zwölfe erwählt, und jetzt stieg Er mit ihnen herunter, um den Menschen unten die Kraft der göttlichen Heilung zu bringen. Er stieg mit ihnen von Seiner eigenen Höhe vor Gott hernieder, doch wurde Er auch in dieser Höhe durch vollkommene Abhängigkeit gekennzeichnet, und auf dem ebenen Platze finden sie „eine große Menge des Volkes von ganz Judäa und Jerusalem, und von der Seeküste von Tyrus und Sidon, welche kamen, ihn zu hören und von ihren Krankheiten geheilt zu werden“, und es wird uns gesagt: „Es ging Kraft von ihm aus und er heilte alle.“

In dieser Volksmenge, worin sogar einige aus heidnischen Städten waren, können wir nicht umhin, ein Bild der weltumfassenden Volksmenge zu sehen, welcher geistliche Heilung durch die große Verwaltung der Gnade, für welche Er Seine Apostel erwählt hatte, gebracht werden würde. In Ihm war tatsächlich Kraft vorhanden, um alle zu heilen, und wie es scheint, bringt der Herr in dem, was Er in den folgenden Versen zu den Jüngern sagt, den Charakter der geistlich Geheilten ans Licht; denn die in Lukas  6, 20 - 49 dargestellten moralischen Wesenszüge können nur das Ergebnis der göttlichen Heilung sein. Menschen von dieser Art können auf Erden nur als das Ergebnis der heilenden Kraft des Reiches Gottes, das ihnen in Jesu nahegebracht wurde, angesehen werden.

Es besteht eine moralische Verbindung zwischen dem, wovon hier die Rede ist, und der freimütigen Aneignung der göttlichen Gnade, die am Anfang des Kapitels bildlich zu sehen ist. Alles, was der Herr hier sagt, setzt voraus, dass die Gnade geoffenbart und erkannt worden ist und dass sie zum gestaltenden Grundsatz einer neuen Menschenart geworden ist, die nach Gott, der in Gnade erkannt worden ist, gestaltet ist. „Und er hob seine Augen auf zu seinen Jüngern und sprach: Glückselig ihr Armen, denn euer ist das Reich Gottes“ (Vers  20).

Der Herr richtet hier Seine Worte an Seine Jünger, die den hier erwähnten Charakter wirklich haben. Es ist nicht einfach eine Behauptung, dass die Armen glückselig sind (Matth. 5, 3), sondern es heißt: „Glückselig ihr Armen.“ Er konnte Seine Augen zu ihnen mit Wohlgefallen aufheben, weil Er Seine Lust an ihnen fand. Sie waren diejenigen, von welchen Er prophetisch gesagt hatte: „An ihnen ist alle meine Lust“(Ps. 16, 3).

Sehnen wir uns danach, solche zu sein, die Er bewundern  kann? Dann müssen wir uns damit begnügen in allem, was die Welt als wertvoll einschätzt, arm zu sein. Die „Reichen“ haben ihren Trost (Vers 24) in der verlorengehenden Welt dahin; es ist darum unendlich besser, in dieser Welt  „arm“ zu sein und das Reich Gottes zu haben. Wie kann einer, der Gott liebt, an diesen Dingen Trost finden, in denen Gott keinen Platz hat?

Hier werden die Jünger als mit neuem Wein gefüllte neue Schläuche angesehen, und sie konnten es sich gestatten, in Bezug auf den Schauplatz, wo die Gnade Gottes unbekannt war, arm zu sein. Es liegt schon in der Natur der Sache, dass wir nicht beide Arten von Reichtum haben können. Diejenigen, die Gott nicht kennen, haben ihre Hilfsquellen und ihre Befriedigung und Freuden in dieser Welt, und sie halten es für merkwürdig, dass es solche gibt, die es vorziehen, der Dinge verlustig zu gehen, die sie als Glück ansehen. Es genügt tatsächlich schon, von allem, was die Welt gut heißt, „um des Sohnes des Menschen willen“ Abstand zu nehmen, um Verachtung und Hass hervorzurufen.

Der Herr preist aber diejenigen „glückselig“, die in dem Sinne arm sind, dass sie von dem, was in der Welt als vorteilhaft gilt, Abstand nehmen, und die sich damit zufrieden geben, Verlust zu erleiden und zu trauern in einer Welt, wo der Sohn des Menschen verworfen und verhöhnt wird.

Wahrhaft „glückselig“ sind diejenigen, in denen der Sohn des Menschen das Hervortreten einiger Seiner Wesenszüge wahrnehmen kann, und zwar um verachtet und verworfen zu werden, wie Er es wurde, als diese Züge in Ihm zu sehen waren.

Mit Vers 27 beginnt ein anderer Abschnitt der Ansprache des Herrn, die an „euch . . . die ihr höret“ gerichtet ist. Dieser Abschnitt hat eine weitere Entwicklung des Werkes der Gnade in den Jüngern vor sich im Blick darauf, dass sie sich als „Söhne des Höchsten“ erweisen sollten. Der „Höchste“ ist ein Titel Gottes, der von Lukas öfter als von irgendeinem anderen neutestamentlichen Schreiber gebraucht wird, und in seinem Gebrauch ist Er insbesondere mit dem in der Gnade geoffenbarten Wesen Gottes verbunden. Er ist so hoch, dass Er über der Undankbarkeit und Gottlosigkeit der Menschen hoch erhaben ist; trotz allem, was sie sind, ist Er gütig zu ihnen.

Nun hat der Herr im Sinn, dass Seine Jünger „Söhne des Höchsten“ sein sollten; sie sollten wie Gott in Seiner glückseligen Erhabenheit über dem Bösen in dem Menschen stehen. Es ist zu verstehen, dass dieses vom Herrn nicht als etwas, das schon völlig in ihnen erreicht war, dargestellt wird. In diesem Zusammenhang werden Seine Worte an „euch ... die ihr höret“ gerichtet. Sie sind für diejenigen bestimmt, deren Herzen geistlich aufmerksam sind. Nichts Größeres oder Wunderbareres könnte vor uns stehen, als dass wir den Charakter Gottes gegenüber allem hienieden vorhandenen Bösen zum Ausdruck bringen sollten. Gott wird sehr bald Seine Söhne in Herrlichkeit offenbaren, und sie werden Ihm dann alle gleichen (Rom. 8, 19). Er möchte aber, dass sie jetzt schon, wo die Dinge noch widerwärtig sind, als solche, die moralisch Ihm ähnlich handeln, offenbar werden sollten.

Es ist gut, im Auge zu behalten, dass wir den hier geschilderten Charakter Gottes aus eigener Erfahrung kennen, denn also hat Er uns gegenüber gehandelt. Er hat uns geliebt, als wir Ihn hassten; Er hat uns unentwegt Gutes getan, sogar zu einer Zeit, wo wir undankbar und böse waren; Er ist barmherzig gewesen und hat unsere Sünden vergeben; Er ist bereit gewesen zu geben, wenn wir Ihn baten. Es ist nur eine Angelegenheit der Gerechtigkeit, dass wir anderen gegenüber in derselben Gnade handeln sollten, die uns erwiesen wurde.

Gott wird Seine Söhne Sich gleichgestaltet haben, und Er wird dafür sorgen, dass sie für jedes Opfer, das sie gebracht haben, reichlich belohnt werden. Mögen wir unter denen sein, die diese Worte der Gnade hören!

In Wirklichkeit schätzen wir nicht die Gnade über das Maß hinaus, in welchem wir sie zum Ausdruck bringen, so dass dieses Kapitel uns zu der Überlegung bringt, inwieweit unsere Seelen von der Macht der Gnade durchdrungen und durchtränkt sind. Wenn wir hören, was der Herr sagt, bekommen wir einen immer tiefer werdenden Begriff von dem wahren Wesen der Gnade. Wir sollen darin wachsen, wie Petrus uns ermahnt. Von Natur ist das unseren Herzen ganz fremd, aber als Jünger Christi, wenn wir Seine Worte hören, lernen wir diese Dinge zu dem Zwecke, dass sie in uns zum Vorschein kommen sollten.

Der letzte Abschnitt der Ansprache des Herrn beginnt mit dem Gleichnis in Vers 39: „Kann etwa ein Blinder einen Blinden leiten? Werden nicht beide in eine Grube fallen?“ Das wirft bei jedem, der sich als Jünger Jesu bekennt, die Frage auf, ob er auch sieht, wohin er geht. Es ist zu befürchten, dass viele sich damit begnügen, geführt zu werden ohne jede eigene Seelenübung oder ohne jedes eigene Unterscheidungsvermögen. Sie halten es für gegeben, dass es recht ist, wenn sie dasselbe tun, was ihre Eltern getan haben, oder dass die religiösen Körperschaften, die vor mehreren Jahrhunderten gegründet worden sind, sichere Wegweiser sein müssen, oder dass das, was so viele Gelehrte für richtig halten, richtig sein muss.

Dies ist aber eigentlich geistliche Blindheit, und wenn ich selbst nicht sehen kann, habe ich kein Mittel, um festzustellen, ob derjenige, der mich führt, blind ist oder nicht. Der einzige Weg, sicher zu gehen, ist, selbst geistliches Sehvermögen zu besitzen; Blinde landen sicherlich in der Grube.

In der vom Herrn eingesetzten Neuordnung der Dinge gibt es kein blindes Führen oder Folgen, sondern der Grundsatz des Lehrens und der Jüngerschaft hat dort einen beständigen Platz. „Ein Jünger ist nicht über den Lehrer; jeder aber, der vollendet ist, wird sein wie sein Lehrer“ (Vers 40). Einsicht gewinnt man nach den Richtlinien der Jüngerschaft, und dies ist nicht ein blindes Führen, sondern eine göttliche Belehrung, die von Einem kommt, der auf der vollen Höhe der Gedanken Gottes steht und unter dessen Belehrung es uns möglich ist, „vollendet“ zu werden.

Unter der Belehrung Christi gibt es keine Unsicherheit. Niemand, der sich Seiner Lehre unterwirft, zweifelt jemals daran, ob sie aus Gott ist oder nicht. Und es ist die Lehre Dessen, der Selbst ein Beispiel alles dessen war, was Er  lehrte, so dass unter Seiner Lehre vollendet zu werden, Ihm gleich zu werden bedeutet. Darin gibt es keine blinde Führung, sondern Einer, der vollkommen den Sinn Gottes kennt, bringt ihn auch anderen bei, die, von Ihm belehrt, klar sehen können.

Alle sind noch nicht „vollendet“, denn auf dem Wege dahin kommen viele Belehrungen, und wir müssen einsehen, dass es „Splitter“ und „Balken“ gibt, die unser Sehvermögen behindern und die herausgezogen werden müssen, sogar nachdem wir sehend geworden sind. Der Herr weist darauf hin, dass wir dazu neigen, viel Zeit dabei zu verlieren, wenn wir einen „Splitter“ im Auge unseres Bruders sehen, während wir einen „Balken“ im eigenen Auge nicht wahrnehmen können.

Dies ist eine klare Andeutung auf die Tatsache, dass, wenn einer darum besorgt ist, dass sein Bruder nicht gut sehen kann, es für ihn besser wäre, seine Aufmerksamkeit auf etwas viel Näherliegendes zu lenken. Darin, dass wir so schnell die geistlichen Mängel der anderen wahrnehmen, ist mehr Heuchelei enthalten als wir denken. Der Herr will uns vor dieser gar unnützen Beschäftigung warnen.

„Denn es gibt keinen guten Baum, der faule Frucht bringt, noch einen faulen Baum, der gute Frucht bringt; denn ein jeder Baum wird an seiner Frucht erkannt; denn von Dornen sammelt man nicht Feigen, noch liest man von einem Dornbusch Trauben“ (Verse 43 u. 44). Der Herr denkt dabei nicht an ein gemischtes Erzeugnis. Ein jeder ist entweder ein „guter Mensch“ oder ein „böser Mensch“ (Vers 45). Die Schrift erkennt keine dritte Klasse der Menschen an, die weder gut noch böse ist.

Diejenigen, die sich Gott bußfertig zugewandt und sich Ihm als der alleinigen Quelle des Guten anvertraut haben, sind gut, und sie bringen gute Frucht. Die Erkenntnis Gottes im Herzen des Menschen ist niemals unfruchtbar; sie erzeugt immerfort Frucht nach ihrer Art.

„Der gute Mensch bringt aus dem guten Schatze seines Herzens das Gute hervor.“ In seinem Herzen befinden sich Vorräte des Guten, das er in Gott gefunden hat, und aus dem, was sein Herz schätzt, bringt er Gutes hervor.

Das Herz des natürlichen Menschen ist voll eitler Dinge, in welchen Gott keinen Platz hat; alle solche Dinge sind „böse“, wie gut sie auch zu sein scheinen, denn es kann nichts Böseres geben, als wenn ein einsichtiges Geschöpf ein Herz hat, in welchem für Gott kein Platz ist. Alles, was solch ein Herz hervorbringen kann, wird durch die schreckliche Tatsache verdorben, dass der Einzige, der gut ist, darin keinen Platz hat; es ist dem wahren und einzig Guten weit entfremdet.

Der „gute Mensch“ hat aber seine eigene Sündhaftigkeit erkannt, und er hat sich Gott zugewandt und erfahren, dass Gott gut genug ist, um ihm die Sünden zu vergeben und sein  Herz durch den Glauben zu reinigen und ihn von der Herrschaft der Sünde zu befreien, so dass er sich jetzt Gottes rühmt und nur das Gute kennt, das seinen Ursprung in Gott hat.

Wenn das Gute, das in Gott ist, zum Schatz eines Menschenherzens wird, so bringt es unbedingt in dem, was dieser Mensch sagt und tut, Gutes hervor. Es macht ihn wirklich zu einem „guten Menschen“, denn dem Grundsatze des Verderbens ist in einer praktischen Weise durch das Gute, das er in Gott gefunden hat, entgegengewirkt worden. Er ist für das Gute wiederhergestellt, weil er für Gott wiederhergestellt worden ist, und die Werke des Teufels sind in ihm vernichtet.

Es ist äußerst wichtig, unsere Herzen für die Erkenntnis Gottes, die zu uns im Herrn Jesu kommt, zu öffnen. Sie bereichert, erfreut und reinigt. Wenn unsere Herzen davon erfüllt werden, werden wir „gut“. Paulus konnte zu den römischen Gläubigen sagen: „Ich bin aber, meine Brüder, selbst betreffs euer überzeugt, dass auch ihr selbst voll Gütigkeit (des Guten) seid“ (Röm. 15, 14). Welch ein Gegensatz zu dem, was er in Kapitel 3 desselben Briefes gesagt hatte: „Da ist keiner, der Gutes tue, da ist auch nicht einer!“ Die letztere Schriftstelle zeigt, was wir waren, als die Gnade uns fand, die erstere zeigt aber, wozu die Gnade uns macht.

Schließlich sagt der Herr: „Was heißet ihr mich aber: Herr, Herr! und tut nicht, was ich sage?“ Ein bloßes Lippenbekenntnis gilt beim Herrn gar nichts, noch hat es irgendeinen Wert für den, der es ausspricht. Wenn wir aber das tun, was der Herr sagt, so sichern wir eine gute Grundlage für unseren Bau, denn dies ist das Zeichen dafür, dass wir wirklich an Ihn glauben. Wenn Seine Worte keine praktische Gewalt über uns ausüben, betrügen wir uns selbst, wenn wir Ihn Herr heißen.

Die wirkliche Prüfung, durch die wir uns als wahre Jünger erweisen, ist, dass wir durch viele Seelenübungen das tun, was der Herr sagt. Es ist auf diese Weise, dass wir uns Ihm endgültig verschreiben. Das bedeutet einen Bruch mit unserer ganzen früheren Lebensweise wie auch mit der, die die meisten Menschen um uns kennzeichnet. Wir schließen uns der allgemein unbeliebtesten Sache an, die jemals in dieser Welt vorhanden war, welche aber die einzige Sicherheit gegen das bevorstehende Verderben gewährt.

Der Mensch, der ein Haus auf der Erde ohne eine Grundlage baut, schlägt zweifellos den leichteren Weg ein, aber er ist sehr unvorsichtig. Es ist leichter, ein Namenchrist zu sein, der ein Glaubensbekenntnis hat, das ihm Ansehen verleihen kann, als sich beharrlich dafür einzusetzen, das zu tun, was der Herr sagt. Das letztere erfordert tiefes Graben und ein Vordringen bis zum Felsen. Nichts wird dem Druck des kommenden Sturmes standhalten, als nur das, was auf dem Grundsatze des Gehorsams Christo gegenüber erbaut ist.

Wir glauben nicht wahrhaftig an Ihn, wenn wir nicht das tun, was Er sagt. Es ist gewiss, dass dies eine große Menge Seelenübungen und beständige Seelenübungen nach sich ziehen wird, aber gerade das bedeutet ja das Graben und das Vordringen in die Tiefe. Eine kleine Sache, die wir aus Gehorsam Christo gegenüber getan haben, und die wir dem Fleische nach nie getan hätten, und deren Vollbringen uns etwas gekostet hat, wird uns mehr Festigkeit verleihen, als wenn wir unser ganzes Leben lang Predigten hörten, ohne dass unser Wandel dadurch in einer praktischen Weise beeinflusst wird.

Das Leben der Jüngerschaft bedeutet aber nicht, dass nur eine Sache nach diesem Grundsatze getan wird, sondern dass das ganze Leben darauf aufgebaut werde, und zwar deswegen, weil Demjenigen, dessen Worte wir ausführen, der Vorrang in unseren Herzen gehört. Nichts Geringeres als das ist wahres Christentum.